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Full text of "Festgabe Alois Knöpfler zur Vollendung des 70. Lebensjahres"

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FESTGABE 

«Xalois knöpfler 

i| JR VOLLENDUNG DES 70. LEBENSJAHRES 

1° GEWIDMET VON SEINEN FREUNDEN UND SCHÜLERN 



;t- , B. AUFHAUSER, A. BIGELMAIR, J. DORN, L. EISENHOFER, 
1« |. FISCHER, PH. FRIEDRICH, J. GÖTTLER, J.GÖTTSBERGER, 
" |. GROMER, K. HOLZHEY, J. HÖRMANN, P. W. v. KEPPLER, 
A. M. KÖNIGER, A. MICHEL, L. RID, TH. SCHERMANN, 
O. SCHILLING, U. SCHMIDT, J. SICKENBERGER, 
D. STIEFENHOFER, D. STÖCKERL, F. WALTER, 
K. WEYMAN, J. ZELLINGER 

HERAUSGEGEBEN VON 

Dr. HEINRICH M. GIETL und Dr. GEORG PFEILSCHIFTER 



PROFESSOR A. D. UNIVERSITÄT MÜNCHEN 



PROFESSOR A. D. UNIVERSITÄT FRBIBURO I. BR. 



MIT EINEM BILDNIS VON ALOIS KNÖPF^ER 



FREIBURG IM BREISGAU 1917 
HERDERSCHE VERLAGSHANDLUNG 

BERLIN, KARLSRUHE, KÖLN, MÜNCHEN, STRASSBURG UND WIEN 

A. G. 14. 



ALOIS KNÖPFLER 

ZUR VOLLENDUNG DES 70. LEBENSJAHRES 
AM 29. AUGUST 1917 GEWIDMET 



Digitized by the Internet Archive 

in 2010 with funding from 

University of Toronto 



http://www.archive.org/details/festgabealoisknOOfrei 



FESTGABE 

ALOIS KNÖPFLER 

ZUR VOLLENDUNG DES 70. LEBENSJAHRES 

GEWIDMET VON SEINEN FREUNDEN UND SCHÜLERN , 

J. B. AUFHAUSER, A. BIGELMAIR, J. DORN, L. EISENHOFER, 

L. FISCHER, PH. FRIEDRICH, J. GÖTTLER, J. GÖTTSBERGER, 

G. GROMER, K. HOLZHEY, J. HÖRMANN, P. W. v. KEPPLER, 

A. M. KÖNIGER, A. MICHEL, L. RID, TH. SCHERMANN, 

O. SCHILLING, U. SCHMIDT, J. SICKENBERGER, 

D. STIEFENHOFER, D. STÖCKERL, F. WALTER, 

K. WEYMAN, J. ZELLINGER 

HERAUSGEGEBEN VON 

Dr. HEINRICH M. GIETL und Dr. GEORG PFEILSCHIFTER 

PROFESSOR A. D. UNIVERSITÄT MÜNCHEN PROFESSOR A. D. UNIVERSITÄT FREIBURO I. BR. 



MIT EINEM BILDNIS VON ALOIS KNÖPFLER 



' FREIBURG IM BREISGAU 1917 
»-^ HERDERSCHE VERLAGSHANDLUNG 

BERLIN, KARLSRUHE, KÖLN, MÜNCHEN, STRASSBURG UND WIEN 

A. G. 14. 



Alle Rechte vorbehalten 



Kgl. Universitätadruckerei H. StOrts A.-6. in WOrzburg 



Hochverehrter Herr Geheimer Hofrat! 

Freunde und Schüler bieten Ihnen mit den folgenden Blättern eine 
Gabe zur Vollendung des 70. Lebensjahres. Sie finden in der 
Reihe der Mitarbeiter an dem Werke Ihren Jugendfreund, Se. Exzellenz 
den Hochwürdigsten Herrn Bischof von Rottenburg, Paul Wilhelm 
von Keppler, Kollegen aus der Fakultät, der Sie so lange zur Zierde 
gereicht haben, zumeist aber Schüler, die in dieser Weise dem ge- 
liebten Meister Dank für die Mühe zahlen wollen, die er seinerzeit 
ihnen hat angedeihen lassen. So mancher hätte noch gerne seinen 
Beitrag gespendet — wir nennen hier nur Herrn Geheimrat Professor 
von Grauert und Herrn Professor Greving — ; doch Umstände ver- 
schiedener Art haben sie gehindert, der Hochachtung und Verehrung, 
die sie im Herzen tragen, mit uns hier den äußern Ausdruck zu geben. 
Nehmen Sie nun, hochverehrter Herr Geheimer Hofrat, diesen 
Kranz an, den Ihnen Freunde und Schüler gewunden haben, als 
Zeichen ungebrochener Freundschaft für die einen, inniger Dankbar- 
keit für die andern, als Ausdruck der warmen Wünsche, die alle 
Ihnen für den Lebensabend darbringen. 

München und Freiburg i. Br., den 15. August 1917. 

Die Herausgeber; 

GietI, Pfeilschifter. 



■ \ APR 3 1967 






INHALT. 



Seite 



1. Bayerische Missionsarbeit im Osten während des 9, Jahr- 

hunderts ......... 1 

Von PrivaMozent Dr. Job. Baptist Aufhauser in München. 

2. Nikolaus Eilenbog und die Reformation ... 18 

Von Hochschulprofessor Dr. Andreas Bigelmair in Dillingen a. D. 

3. Stationsgottesdienste in frühmittelalterlichen Bischofs- 

städten ......... 43 

Von Johann Dorn in Friedberg in Bayern. 

4. Augustinus in den Evangelien-Homilien Gregors des Großen 56 

Von Hochschulprofessor Dr. Ludwig Eisenhofer in Eichstätt. 

5. Ivo von Chartres, der Erneuerer der Vita canonica in 

Frankreich ........ 67 

Von Seminarpräfekt Ludwig Fischer in Neuburg a. D. 

6. St. Ambrosius von Mailand über die Jungfraugeburt Marias 

(Virginitas Mariae in partu) ..... 89 

Von Universitätsprofessor Dr. Philipp Friedrich in München. 

7. Die zwangsweise Versetzung des Benefiziaten in der Lehre 

der mittelalterlichen Kanonisten von Gratian bis 
Hostiensis ......... HO 

Von Universitätsprofessor Dr. Heinrich Maria Gietl in München. 

8. Zur Entstehungsgeschichte des altbayerischen Schulrechtes 119 

Von Universitätsprofessor Dr. Joseph Güttier in München. 

9. Die Verwerfung des Saul. 1 Sm 13 und 15 . . 140 

Von Universitätsprofessor Dr. J. Göttsberger in München. 

10. Zur Geschichte der Diakonenbeicht im Mittelalter . 159 

Von Gymnasialprofessor Dr. Georg Gromer in Neuburg a. D. 

11, Das Bild der Erde bei den Kirchenvätern ... 177 

Von Hochschulprofesaor Dr. Karl Holzhey in Freising. 

12, P. Beda Mayr von Donauwörth, ein Ireniker der Auf- 

klärungszeit ........ 188 

Von Dr. Joseph Hörmann, Pfarrer in Donauwörth. 

13. Zur Geschichte der Predigt 210 

Von Exz. Dr. Paul Wilhelm von Keppler, Bischof von Rottenburg. 



Inhalt. 



14. Das Recht der Militärseelsorge in der Karolingerzeit . 218 

Von Hochschulprofessor Dr. Albert Michael Koeniger in Bamberg. 

15. Praedestinatus, eine ungenannte Quelle Kardinal Humberts 

im Kampfe gegen KeruUarios (1053 1054) . . 240 

Von Präfekt Anton Michel am Aufseesianum in Bamberg. 

16. Oxyrhynchos. Seine Kirchen und Klöster auf Grund der 

Papyrusfunde 248 

Von Universitätsprofessor Dr. Georg Pfeilschifter in Freiburg i. Br. 

17. Die Wiedereinsetzung Kaiser Ludwigs des Froramen zu 

St. Denis (1. März 834) und ihre Wiederholung zu 

Metz (28. Februar 835) 265 

Von Stiftsbibliothekar F. Ludger Rid 0. S. B. in München. 

18. Liturgische Neuerungen der Päpste Alexander I. (c. 110) 

und Sixtus l. (c. 120) in der römischen Messe nach 

dem liber pontificalis ...... 276 

Von Universitätsprofessor Dr. Theodor Schermann in Mönchen. 

19. Der vermittelnde Charakter der thomistischen Staatslehre 290 

Von Universitätsprofessor Dr. Otto Schilling in Tübingen. 

20. Ulrich Burchardi. Ein Gedenkblatt zur Reformation in 

der Diözese Bamberg ...... 297 

Von Dr. F. Ulrich Schmidt 0. F. M. in München. 

21. Kirchengeschichte und neutestamentliche Exegese . 317 

Von Universitätsprofessor Dr. Joseph Sickenberger in Breslau. 

22. Die liturgische Fuüwaschung am Gründonnerstag in der 

abendländischen Kirche ...... 825 

Von Religionslehrer Dr. Dionys Stiefenhofer in Dinkelsbühl. 

23. Das alte Franziskanerkloster in München in seinen Be- 

ziehungen zum bayerischen Fürstenhause bis zum 

Reformjahre 1480 340 

Von Dr. F. Dagobert Stöckerl 0. F. M. in München. 

24. Die Bildungspflicht des Christen in der Gegenwart . 358 

Von Universitätsprofessor Dr. Franz Walter in München. 

25. Die Güter-Ternare ,forma, genus, virtus', ,forma, divitiae, 

virtus' und Verwandtes in antiker, altchristlicher und 

mittelalterlicher Literatur 384 

Von Universitätsprofessor Dr. Carl Weynian in München. 

26. Der Beifall in der altchristlichen Predigt . . . . 403 

Von Privatdozent und Subregens Dr. Johannes Zellinger in München. 



Bayerische Missionsarbeit im Osten 
während des 9. Jahrhunderts. 

Von 

Privatdozent Dr. Joh. Baptist Aufhauser in München, 
z. Z. Kriegslazarett-Geistlicher. 

Seit der Aufhebung des bayerischen Stammesherzogtums und 
der Einverleibung Ba^^erns in das fränkische Weltreich (788) oblag 
diesem durch weise Führung im Inneren treu beschirmten Volks- 
stamme als dem Kern des Ostfränkischen Reiches die besondere 
Aufgabe der Eroberung und Germanisierung der östlichen Marken *. 
Der starken Hand eines Ludwig des Deutschen, der fünfzig Jahre 
lang die Geschicke Bayerns leitete (826 — 876), waren hierin glück- 
liche Erfolge beschieden. Die kurzen Regierungsjahre seiner 
Nachfolger (Karlmann 876 bis 22. Sept. 880, Ludwig der Jüngere 
880 bis 20. Jan. 882, Karl der Dicke 882—887, Arnulf 887—899, 
Ludwig das Kind 900 — 911) vermochten nicht gleich günstige 
Resultate zu erzielen. 

Wohl war zu Beginn des 9. Jahrhunderts das mächtige Avaren- 
reich an der Ostgrenze des fränkischen Reiches vernichtet. Aber 
in zahlreichen Feldzügen mußte sich nun der baj^erische Heer- 
bann die dort wohnenden sla vischen Völker erst unterwerfen. 
Es sei nur erinnert an die Heerfahrten gegen Böhmen 802 — 807, 
an die kriegerischen Unternehmungen gegen den Slavenfürsten 
Liudewit, der zwischen Drau und Sau die bisherige fränkische 
Oberherrschaft abschütteln wollte. Nach kurzer Friedenszeit 
folgten seit Mitte des 9. Jahrhunderts wiederum neue Kämpfe 
gegen die Böhmen und Mähren. 846 wurde der aufständische 
Mährenherzog Moimir von Ludwig abgesetzt, die mälu-ische Herr- 

^ Hauptquelle ist die Denkschrift ,,De conversione Bagoariorum et Caranta- 
norum" (MG. SS. XI 4 — 15). An Darstellungen verweise ich auf E. Dümmler, 
Geschichte des Ostfränkischen Reiches I ^ (Leipzig 1887) [= Jahrbücher der 
Deutschen Geschichte 7]. S. Riezler, Geschichte Baierns I (Gotha 1878). 
A. Hauck, Kirchengeschichte Deutschlands 11^""* (Leipzig 1912). A. Huber, Ge- 
schichte der Eiirführung und Verbreitung des Christentums in Südostdeutsch- 
land III (Salzburg 1874). 

Festgabe Knöpfler 1 



2 Job. Baptist Aufhauser 

Schaft seinem Neffen Rastislav übertragen. Einer neuen Em 
pörung der Böhmen folgte 855 die Auflehnung des Herzogs Rastislav, 
der in blutiger Heerfahrt 864 — 865 gedemütigt wurde. 869 — 870 
mußte ein abermaliger Einfall der Slaven, Mähren und Böhmen 
mit verheerenden Zügen gegen ihr Reich zurückgewiesen werden. 
Rastislav wurde von seinem Neffen Swentopluk dem Führer des 
bayerischen Heerbannes, Karlmann, übergeben, auf der Reichs- 
versammlung zu Regensburg im Spätherbst 870 zur Blendung 
begnadigt und in ein Kloster verwiesen. 

Schon im folgenden Jahre brachte Swentopluk dem baye- 
rischen Heerbann die furchtbarste Niederlage bei, die er je von 
Slaven erlitt, freilich nicht ohne eigene Schuld des politisch wenig 
klugen Karlmann. Der Vertrag zu Forchheim begründete 874 
ein Bundes Verhältnis, das jedoch nicht von langem Bestände war. 
882 — 884 verwüsteten die Scharen Swentopluks aufs neue die Ost- 
mark und Pannonien , bis er zu Tuln dem Kaiser den Lehenseid 
erneuern mußte. Mit Arnulf von Baj^ern schloß dieser seit langem 
gefürchtetste Nachbar der Ostmark seinen Frieden erst 885. Nicht 
mit Unrecht nannte man Swentopluk den ersten großen Pan- 
slavisten. Hatte doch seine Regierung Mähren zur höchsten Macht- 
entfaltung geführt. Im Osten und Süden delinte sich sein Reich 
über das Gebiet zu beiden Seiten der March und Donau bis zur 
Sau und Drau, also weit über die Grenzen des heutigen Mähren 
hinaus; im Norden war ihm auch Böhmen Untertan, bis gegen 
die Saale hin. Die Machtfülle dieses Slavenfürsten mußte zu 
neuen Kriegen mit Ai-nulf führen. Sommer 892 und 893 wird denn 
auch sein Gebiet vom Heerbann Arnulfs verwüstet. Mit Swentopluk 
sank 894 die Angriffslust der Slavenstämme ins Grab. Seine 
beiden Söhne machten ihren Frieden mit Arnulf. Freilich muß 
der bayerische Heerbann in den Sommermonaten der Jahre 897 
bis 900 ihre Untreue abermals blutig vergelten. 

Dem Frieden von 901 folgten schwere Zeiten der Ungarnnot. 
894 waren die Ungarn bereits zum ersten Male über die Donau 
hl die Pannonische Mark eingedrungen. Seit 900 fielen sie all- 
jährlich in die bayerische Ostmark und in das bayerische Stamm- 
land selbst ein. 906 ward das Slavenreich ihr Opfer. Bereits 
ein Jahr später wurde auch das bayerische Heer in der furcht- 
baren Schlacht bei Preßburg an der Enns am 5. Juli zum größten 
Teil vernichtet. Mit dem Markgrafen Liutpold und 19 bayerischen 
Grafen verloren drei Äbte, die Bischöfe Udo von PVeising, Zacharias 



Bayerische Misaionsarbeit im Osten während des 9. Jahrhunderts 3 

von Seben und Erzbischof Theotmar von Salzburg ihr Leben. 
Die Todesstunde des Ostfränkischen Reiches hatte geschlagen. 
Das gesamte Markengebiet östlich der Enns war verloren, die 
Kolonisationsarbeit eines Jahrhunderts vernichtet. 

Das Ziel der fränkisch-bayerischen Ostmarkpolitik war, die 
Slavenvölker in Zinspflicht und Abhängigkeit vom Reich zu er- 
halten, mehr noch Kolonisationsarbeit an ihnen zu leisten. Mit 
dieser ging Hand in Hand die Christianisierung der heidnischen 
Stämme. Die milde Arbeit unter dem Banner des Kreuzes sollte 
des Schwertes blutiges Schaffen veredeln. Die bayerische Kirche 
war zu diesem hohen Ziele besonders befähigt durch ihre feste 
kirchliche Hierarchie. Seit 739 war Bayern durch Bonifatius in 
vier Diözesen geteilt: Salzburg, Freising, Regensburg und Passau i. 
Sie bildeten die bayerische Landeskirche. Im Interesse der weiteren 
inneren Erstarkung hatten die bayerischen Bischöfe Karl den 
Großen gebeten, den ungemein tätigen Bischof Arno von Salzburg 
als Erzbischof an die Spitze der bayerischen Kirche zu stellen. 
Auf Antrag Karls erhob denn auch Leo III. am 20. April 798 
Salzburg zum Erzbistum mit den Suffraganbistümern Seben 
(später Brixen), Freising, Regensburg, Passau und dem bald wieder 
aufgehobenen Neuburg. '^ 

Diese starke hierarchische Gliederung und Anfügung an die 
fränkische Reichskirche gab der bayerischen Kirche Befugnis und 
Macht, sich der Mission in den bayerischen Marken mit besonderem 
Eifer zu widmen. Als Missionsgebiet erscheint die Nordmark oder 
böhmische Mark, die Ostmark im eroberten Avarenland zwischen 
Enns und Raab und die Kärtner Mark im Südosten. Soweit 
in diesen Gegenden in früheren Jahrhunderten das Christentum 
überhaupt Eingang gefunden hatte (z. B. Bistum Tiburnia), war 
es durch den Ansturm der Avaren und Slaven völlig vernichtet 
worden. Als Missionszentren begegnen uns die Bistümer Salzburg, 
Regensburg und Passau. 

1. Salzburg. 

Das Diözesangebiet von Salzburg war schon durch die Missions- 
tätigkeit des gelehrten Bischofs Virgil (767 — 784) ^ in Karantanien 

^ Vgl. Epistolae selectae in usum scholarum I, S. Bonifatii et Lulli epi- 
stolae, ed. M. Tangl, Berolini 191G, p. 71. 

2 Jaf £6 -Wattenbach, Reg. pontif. Rom. (im Folgenden J. W. zitiert) 2495 f. 
2498 und 2503. ^ pg ^onv. Bag. c. 4 f. 

i* 



4 Joh. Baptist Aufhauaer 

(Kärnten) bedeutend erweitert. Wohl hatte er selbst semen 
Missionssprengel nie bereist. Aber unter seiner Regierung ließ 
der heidnische Slavenherzog Boruth seinen Sohn Cacatius und 
seinen Neffen Cheitmar im Kloster Chiemsee im christlichen Glauben 
erziehen. Nach Cacatius' frühem Tod ward Cheitmar erster christlicher 
Herzog der Slaven. Vom Chiemsee nahm er den Priester Maioranus, 
den Neffen des Abtes Lupus, als Missionär mit in sein Land. Alle 
Jahre besuchte der Herzog den Bischof Virgil. Als Regionar- 
bischof für die Slavenpredigt sandte Virgil den Modest us. \'on 
vier Priestern Watto, Reginbert, Cozhar, Latinus und dem Diakon 
Ekihai-t begleitet, begab er sich zu den Slaven, um ihnen zu predigen 
und Kirchen und Priester zu weihen. Nach dem Tode des Modestus 
folgte ihm der Priester Latinus. Als dieser nach Salzburg zurück- 
kehrte, die Priester Madalhoh und Warmann. In civitate Carantana 
(bei Maria Saal), in der civitas Liburnia seu ad Undrimas (bei 
Spittal) et in aliis quam plurimis locis wurden damals Kirchen 
gegründet. Nach dem Tode Cheitmars wurden die christlichen 
Priester aus dem Lande vertrieben, aber durch Tassilo ward Karan- 
tanien aufs neue der deutschen Herrschaft unterworfen. Herzog 
Waltunc setzte sich wieder in Verbindung mit Virgil. Vom Peters- 
kloster aus wurden regelmäßig wieder Missionspriester ausgesandt. 
Wir besitzen noch die Liste von sechs Aussendungen: 1. Heimo, 
Reginbald, Maioran; 2. Heimo, Dupliter, Maioran; 3. Gozhar, 
Maioran, Erchanbert; 4. Reginbald, Reginhar; 5. Maioran, Augustin; 
6. Reginbald, Gundhar ^. 

Unter Virgils Nachfolger Arno (784 — 821) ^ erreichte die 
Missionstätigkeit der Salzburger Kirche ihren Höhepunkt. Stellte 
doch damals Karl der Große das eben eroberte Avarenland unter 
Salzburg (796). Der kirchliche Sprengel reichte damit vom Chiemsee 
dem linken Drauufer entlang bis zur ungarischen Donau, unter- 
halb Fünfkirchen, ja bis zur Theiß, umfaßte also außer dem baye- 
rischen Mutterlande Kärnten und Pamionien. Bischof Theoderich 
war von Arno als Missionsbischof von Kärnten bestellt. Schon 
Bischof Virgil hatte sich mit dem Gedanken der Missionierung 
der Avaren und der ihnen unterworfenen Slaven getragen. Jetzt 
nach Zerstörung des Avarenreiches sandte Karl den neuernamiten 
Erzbischof Arno sofort nach seiner Rückkehr aus Rom 708 ins 
Avarenland. Arno weihte dort eine Anzahl von Kirchen und 

1 Do conv. Bag. c. 5. » Ebd. c. ü ff. 



Bayerische Missionsarbeit im Osten während des 9. Jahrhunderts 5 

setzte Priester für die neu sich bildenden Gemeinden ein. Den 
Priester Theoderich weihte er zum Regionarbischof ^ für Kärnten 
und das Land bis zur Drau. Ein Streit mit dem Patriarchen Ursus 
von Aquileja über die Jurisdiktion in den neugewonnenen Ge- 
bieten wurde am 14. Juni 811 dahin entschieden, daß die Drau 
als Grenze beider Diözesen festgelegt wurde. Es ward damit nur 
wiederholt, was bereits 796 und 803 provisorisch geregelt ^ ward 
und später 819 nochmals bestätigt wurde. 

Erzbischof Adaham (821 — 836) ^ übertrug die Missionsauf- 
gabe in Kärnten dem Bischof Otto als Nachfolger des Theo- 
derich. Adalram selbst baute eine Kirche an der Ips. Seine 
Sprachengabe, die ihn besonders zum Lehrer barbarischer Völker 
befähigte, wird ausdrücklich gerühmt 4. 

Erzbischof Liupram (836 — 859) ^ widmete sich mit hohem 
Eifer gleichfalls der Mission im Sla venreich zwischen Raab und 
Drau. Er sandte Oswald als Missionsbischof nach Kärnten, be- 
reiste auch selbst das Gebiet am Plattensee. Hier war inzwischen 
ein weit vorgeschobener Posten altbayerischer Missionstätigkeit 
erstanden in der Hauptburg des alten Mährenreiches. Der Slaven- 
fürst Privina hatte sich auf der Flucht vor seinem Gegner, dem 
deutschfeindlichen Mährenherzog Moimir, zum bayerischen Mark- 
grafen Ratbod und zu König Ludwig dem Deutschen im salz- 
burgischen Traismauer in der dortigen Martinskirche vom schon 
erwähnten Missionsbischof Otto taufen lassen. Der bekehrte 
Slavenfürst erbaute in Neitra (Nyitra) eine Basilika zu Ehren 
des Heiligen Emmeram. Sie ist die erste uns bekannte christliche 
Kirche in Mähren. Der Erzbischof Adalram von Salzburg weihte 
sie ein. Lides Privina erwählte einen andern Ort zur Residenz. 
847 hatte er von Ludwig dem Deutschen einen Landstrich am 
Plattensee in Unterpannonien zu Lehen erhalten. Hier erbaute 
er sich seine Burg, die mit ihren Ansiedlern bald zur ersten Stadt 
dieser Gegend und zum Mittelpunkt dieses vom fränkischen Reich 
abhängenden slavischen Fürstentums ward: Moosburg, heute 
Szalavar ^. Sofort wurde mit dem Bau einer Khche begonnen, 
die Erzbischof Liupram am 24. Januar 850 zu Ehren Mariens 
weihte. Vor 32 deutschen und slavischen Zeugen stellte damals 
Privina seinen Priester Dominicus unter die Oberhoheit des Erz- 



1 De conv. Bag. c. 8. ^ gb^j, c. 6. " Ebd. c. 9. 

4 Carm. Salisb. 7 v. 18 ff. (MG. Poet. lat. II 642). ^ De conv. Bag. c. 9. 

" Vgl. Riezier a. a. O. 211; De conv. Bag. c. 10. 



6 Joh. Baptist Aufhauser 

bischofs Liupram^. Dieser gab ihm die Erlaubnis, in seiner Diözese 
die Messe zu singen, und übertrug ihm die Leitung von Kirche und 
Volk. Noch zwei Kirchen wurden in Moosburg errichtet, die eine 
zu Ehren des Märtjrrers Hadrian, die andere zu Ehren Johannes' 
des Täufers. Im ganzen Missionsgebiet ließ Liupram weitere 
14 Kirchen erbauen ^, deren Namen wir zum Teil nicht mehr kennen. 
Der Erzbischof hatte zu diesem Zwecke eine große Anzahl von 
Werkleuten und Künstlern geschickt. Verschiedene Klöster, wie 
Altaich , St. Emmeram , Freising , erhielten im Laufe der Zeit 
von Privina Liegenschaften^. Die innere Umgestaltung des Mähren- 
volkes ging freilich nur langsam vor sich. Noch 852 spricht eine 
Mainzer Synode von der ,,rudis adhuc christianitas gentis Mara- 
hensium".^ 

Privina wurde wohl aus politischen Gründen von den Mähren 
erschlagen. Das Missionswerk erlitt jedoch dadurch keine Unter- 
brechung. Nach Dominicus' Tod sandte Liupram den Priester 
und ausgezeichneten Lehrer Swarnagal ^ mit Diakonen iind Kle- 
rikern dorthin, nach dessen Tod den Priester Altfried, emen Meister 
in allen Künsten. 

Erzbischof Adalwin (859—873)6 schickte nach Altfrieds Tod 
den Priester Richpald nach Kärnten. Gegen Ende 864 begab 
er sich selbst dorthin und feierte in der Herzogstadt Moosburg 
Weihnachten ' beim Slavenfürsten Chezilo (Kozel), dem Sohne 
und Nachfolger Privinas. Der Erzbischof weihte 12 Kirchen im 
Lande ^ und sandte ihnen Priester. Richpald erhob er zum Erz- 
priester. 

Die große Erfolge versprechende fränkisch-bayerische Mission 
im Mährenlande erfuhr indes eine jähe Unter brechmig. Der Mähren- 

^ De conv. Bag. c. 11. 

'^ In Dudleii^bi, in Ussitin, ad Businiza, ad Bettobiam (Pettau), ad Stepi- 
liperc, ad Lindolveschirichiui, ad Keisi, ad Wiedhereschiiichun , ad Isangrimeschi- 
richun, ad Beatuseschirichun, ad Quinque basilicas (Fünfkirchen), ad Otacha- 
reschirichun, ad Paldniuntcschirichiui. ^ Vgl. Hauck a. a. O. I 474 f. 

* Conc. Mogunt. 11 (MG. LL. Cap. II 189) 

5 De conv. Bag. c. 12 « Ebd. c. 12. '. Ebd. c. 13. 

® In proprietate Wittimaris zu Ehren des hl. Stephanus (am 26. Dezember), 
ad Ortahu zu Ehren des hl. Michael (1. Januar 865), ad Weride zu Ehren des 
hl. Paulus (15. Januar), ad Spizzun zu Ehren der hl. Margareta (14. Januar), 
ad Termperhc zu Ehren des hl. Laurent ius, ad Fizkere; bei einer späteren Missions- 
reise weihte Adalwin in Cella eine Kirche zu Ehren des hl. Petrus, in Ztradach 
zu Ehren des hl. Stephanus, in Werido zu Ehren des hl. Petrus, ad Quartinaha 
zu Ehren des hl. EvaiigeUsten Johamics, ad Muzziliheschirichun und ad Ablänza. 



Bayerische Missionsarbeit im Osten wälirend des 9. Jahrhunderts 7 

fürst Rastislav vertrieb, als er mit dem fränkischen Reich in Kampf 
geraten war. die deutschen Priester. Ersatz für sie erbat er sich 
um 863 in Konstantinopel bei Kaiser Michael III. Dieser sandte 
zwei für die Missionsarbeit vorzüglich geeignete Männer, deren 
Wirken vom reichsten Erfolge gekrönt sein sollte, Kyrill und 
Methodi. Sie standen dem slavischen Volksempfinden viel näher 
als die fränkisch-bayerischen Priester. Wohl hatten auch diese 
slavisch gepredigt, sonst wäre ihnen ja eine Verständigung über- 
haupt unmöglich gewesen. Aber jene gingen noch weiter: sie 
gaben den Mähren die slavische Liturgie und slavische Evangelien- 
übersetzung 2. Sofort wandte sich die ganze Bevölkerung von 
den deutschen Priestern ab, soweit solche noch vorhanden waren. 
Der Krieg von 870 suchte die Abkehr vom fränkischen Einfluß 
zu unterbinden. Auch Papst Nikolaus I. suchte dem Vordringen 
des Einflusses der morgenländischen Kirche Einhalt zu tun und 
lud die beiden Missionäre nach Rom ^. Sein Nachfolger Hadrian 
versöhnte sich mit ihnen. Sie scheinen auch in römischen Kirchen 
die Messe in slavischer Sprache gefeiert zu haben. Auf dem Wege 
nach Rom hatten die Glaubensboten ihren Weg durch Kozels 
Gebiet genommen. Der Fürst war von ihnen so eingenommen, 
daß er einen Boten nach Rom sandte mit der Bitte, der Papst 
möge ihm Method — Kj^ill war am 14. Februar 869 in einem 
Kloster zu Rom gestorben — als Glaubenslehrer senden *. Hadrian 
weihte den Method und drei seiner Schüler zu Priestern, zwei 
andere als Lektoren und sandte sie nach Pannonien. Das Land 
gehörte bisher zur Salzburger Erzdiözese. Auf Wunsch des Slaven- 
fürsten Kozel errichtete Hadrian 869 eine eigene paiuionische 
Erzdiözese und übertrug sie dem Method. Dieser erwählte wahr- 
scheinlich die Herzogstadt Moosburg zum Mittelpunkt seiner 
Tätigkeit. Überall wurde die slavische Liturgie eingeführt. Der 



^ Hauptquelle: Vita Methodü, nach Miklosichs Übersetzung aus dem Alt- 
russischen, herausgegeben von Dümmler im Archiv für Kmide österr. Geschichts- 
queUen XIII 153 ff. (vgl. auch Dümmler, Über die östlichen Marken des fränki- 
schen Reiches, im Archiv f. Kunde österr. Geschichtsquellen X 42 ff), und Trans- 
latio s. Clementis, in Fontes rer. Bohem. I 93. Vgl. H. v. Schubert, Die so- 
genannten Slavenapostel Constantin und Methodius. Ein grundlegendes Kapitel 
aus den Beziehungen Deutschlands zum Südosten [Sitzungsberichte der Heidel- 
berger Akademie, phil.-hist. Klasse 1916. 1. Abhandlmig]. 

- Vgl. auch De conv. Bag. c. 12. 

3 Vita Methodü c. 6; Transl. Clem. c. 8. 

* Vita Methodü o. 8. 



8 Joh. Baptist Aufhauser 

Erzpriester Richpald verweigerte ihre Annahme, mußte deshalb 
das Land verlassen und begab sich nach Salzburg i. 

Hier war der Erzbischof Adalwin mit den neugestalteten 
Verhältnissen in Pannonien keineswegs zufrieden; ging ihm doch 
ein mächtiges Gebiet seines Kirchensprengels verloren. Er lud 
deshalb Method zur Verantwortung vor eine Sjuode der baye- 
rischen Geistlichen, die wahrscheinlich gegen Ende des Jahres 870 
in Anwesenheit des Königs Ludwig zu Regensburg tagte 2. Es 
kam zu heftigen Meinungsverschiedenheiten. Bischof Ermanrich 
ging sogar mit der Reitpeitsche auf Method los und hätte ihn ge- 
schlagen, hätten ihn nicht andere daran gehindert ^. Method 
reizte seme Gegner, die er als Idioten behandelte. ,, Wollt Ihr aus 
Ehrgeiz und Herrschsucht der Ausbreitung göttlicher Lehre Hinder- 
nisse bereiten, so sehet zu, ob Ihr Euch nicht an einer eisernen 
Mauer die Schädel einstoßen und das Gehirn verspritzen werdet." 
Als der König den Bischöfen nahelegte, nach dem langen Hin- 
und Herstreiten dem Method em wenig Ruhe zu lassen, da er ja 
schon zu schwitzen anfange, als stünde er am Ofen, erwiderte 
dieser: ,, Jawohl, Herr, einem schwitzenden Philosophen be- 
gegneten einst einige Leute und fragten ihn, warum er so schwitze. 
Er aber sprach: weil ich mich mit Nichtswissern herumgestritten." 
Salzburg und Passau beriefen sich auf eine 75jährige Jurisdiktion in 
diesen Gebieten. Method hmgegen erklärte, Pannonien gehöre 
nicht zu Salzburg, sondern hänge von Rom ab. Method wurde 
abgesetzt und nach Deutschland verwiesen "*, wahrscheinlich lebte 
er 2^/2 Jahre in einem Freisinger Kloster gefangen ^. Erzbischof 
Adalwin legte wahrscheinlich damals in Rom jene Denkschrift 
über die Gründung des Bistums Salzbm'g, die Erwerbung Kärntens 
und die Verdienste Salzburgs um die slavische Mission vor. Die 
Denkschrift war von einem Salzburger Geistlichen verfaßt und 
suchte das Recht der bayerischen Kirche auf Paimonien zu er- 
härten. Sie bildet die Hauptquelle für unsere Kenntnis der da- 
maligen Missionstätigkeit der bayerischen Kirche und ist ,,ein 
unschätzbares historisches Denkmal" ^. Papst Johann VIII. be- 
tonte diesen Darlegungen der Denkschrift wie auch einer ^'orstellung 
des Königs Ludwig gegenüber, die Päpste seien nur durch kriege- 
rische Unruhen längere Zeit verhindert gewesen, Bisehöfe nach 

^ De conv. Bag. c. 12. - Vita Mothodii c. 9. 

" Brief Johanns VIII., J. W. 2977. * Viti Methodii c. 9. 

' J. W. 2979. • Riezler a. a. 0. 249. 



Bayerische Missionsarbeit im Osten während des 9. Jahrhunderts 9 

Paiinonien zu senden , ihre Rechte seien unverjährbar ^. Erz- 
bischof Adalwin erhielt den Befehl, Method sofort wieder seinem 
Bistum freizugeben ^. Bischof Paul von Ankona sollte als päpst- 
licher Legat auf einer Synode der bayerischen Bischöfe diesen 
ihr Um-echt vor Augen führen imd Genugtuung fordern. Ob die 
Synode wirklich stattfand, wissen wir nicht. Bischof Ermanrich 
wurde wegen seines Vorgehens gegen Method zur Verantwortung 
nach Rom geladen und bis zu seinem dortigen Eintreffen ex- 
kommuniziert 3. Auch Arno von Freising wurde mit Androhung 
der Exkommunikation nach Rom berufen^. Die deutschen Bischöfe 
fügten sich. Method wurde freigelassen. Um diese Zeit scheint 
das slavische Fürstentum nach dem Tode Kozels mit Kärnten 
vereint worden zu sein. 

Erzbischof Theotmar (874 — 907) bereiste noch 874 Kärnten 
und weihte die Kirche zu Pettau ein. In diesem Jahre erkannte 
Ludwig die neue pannonisch-mährische Erzdiözese an. Swentopluk 
vertrieb aus seinem großen slavischen Reiche aufs neue die deutschen 
Priester und übertrug das ganze Kirchen wesen nunmehr an Method. 
Mit der pannonisch-mährischen Kirche vereinte sich jetzt auch 
die böhmische Kirche. Erzbischof Theotmar scheint sich nun 
auch mit den Verhältnissen dort abgefunden zu haben; auf Ver- 
wendung Karlmanns hin empfing er vom Papste November 877 
das Pallium, 880 begab er sich selbst nach Rom. Dorthin wurde 
879 auch Method aufs neue berufen wegen abermaliger Anklagen 
betreffs der slavischen Liturgie, die er trotz des Verbotes von 873 
weiter pflegte. Auch ward ihm vorgeworfen, daß er das ,,filioque" 
im Glaubensbekemitnis nicht bete. Doch schon im Juni 880 
konnte er völlig gerechtfertigt in seinen Sprengel zurückkehren. 
Die römische Kirche hatte selbst den Zusatz noch nicht in ihr 
Symbolum aufgenommen. Sodann wurde betont, man solle Gott 
nicht bloß in drei Sprachen ehren, wie die Gegner Methods wollten, 
sondern in allen Zungen; darin liege nichts Glaubens widriges. 
Doch solle das Evangelium erst lateinisch, dann slavisch gesungen 
werden. Das Anhören der lateinischen Messe solle denen, die es 
wünschen, freistehen. 

In den folgenden Jahren hören wir nur noch von der Tätig- 
keit eines deutschen Bischofes in Neitra, wo der Schwabe Wiching 
880 — 892 wirkte. Freilich größeren Einfluß hatte auch hier Method, 

1 J. W. 2970. 2 j^ YV. 2975. = J. VV. 2977. * J.W. 2979. 



10 Joh. Baptist Aufhauser 

dem auch Wiching untergeben bleiben sollte, mit seinem Schüler 
und Nachfolger Gorazd. durch Pflege der slavischen Liturgie. 
Doch änderte sich das Bild bald wieder. Seit der Zusammen- 
kunft Swentopluks mit Karl dem Dicken 884 begann der deutsche 
Einfluß wieder zu steigen. Nach dem Tode Methods (f 6. April 
885) neigte sich die Wagschale zugunsten Wichings. Gorazd fiel 
bei Swentopluk in Ungnade. Mit seinen Genossen flüchtete er 
zum Bulgarenfürsten Michael. Hier schloß er sich der griechischen 
Kirche an und wurde Erzbischof von Bulgarien. Er machte das 
Land zur Pflegestätte der slavischen Liturgie und glagolitischen 
Schrift. Wiching verließ 892 bei Ausbruch des Krieges zwischen 
Swentopluk und Arnulf Neitra, ob freiwillig oder nicht, läßt sich 
nicht entscheiden. Am 2. September 893 trat er als Kanzler in 
König Arnulfs Dienste. 899 wurde er zum Bischof von Passau 
ernannt, aber noch im selben Jahre wegen unerlaubten Stellen- 
tausches abgesetzt. 

2. Passau. 

Neben Salzburg erscheint im 9. Jahrhundert auch Passau 
als wichtiger Ausgangspunkt für die Ostmarkenmission. Das 
Bistum erstreckte sich von der Mündung der Isar und Salzach 
und dem Ursprung des großen Regens ostwärts bis zur Enns. 
Das Kloster Kremsmünster, 777 gegründet, war hier ein wichtiges 
Missionszentrum. Seit der Vernichtung des Avarenreiches 796 
kam auch das Gebiet zwischen Enns und Raab, Oberpannonien, 
das wahrscheinlich schon vor der Avarenherrschaft zum früheren 
Bischofsitz des Sprengeis, Lauriacum , gehört hatte , zur Diözese 
Passau. Nähere, direkte Angaben über die Missionstätigkeit 
fehlen. Geistliche und Mönche aus Passauer Klöstern, von Nieder- 
altaich und Mondsee, von St. Emmeram, Metten, wie auch der 
Freisinger Kirche und des Klosters Moosburg bei Freising werden 
wohl Missionsarbeit geleistet haben. Hatten doch diese Klöster 
in dem Gebiete auch liegende Güter ^. Vielleicht dürfen wir ähn- 
lich wie in Kärnten auch hier Regionär bischöfe annehmen. 

Bischof Urolf von Passau (804 — 806) wurde wegen eines 
Kompetenzstreites mit Erzbischof Arno — er beanspruchte auch 
Unterpannonien für Passau — abgesetzt. Darauf widmete er 
sich selbst der Missions tätigkeit bei Avaren und Mähren. Doch 
erfahren wir nichts Näheres darüber. 



1 V^l. Hauck a. a. 0. T 474. 712 ff. 



Bayerische Missionsarbeit im Osten während des 9. Jahrhunderts 11 

Von Bischof Reinhar (818 — 838) wissen die ,,Notae de epi- 
scopis Pataviensibus" ^ in übertreibender Weise zu berichten ,,bapti- 
zat omnes Moravos" ; auch hier fehlen uns nähere Belege. 

Passau darf sich rühmen, damals zur Mission in dem fernen 
Osten berufen worden zu sein, zum Bulgaren volke. Dieser ural- 
altaische, kriegerische Volksstamm hatte um 680 zwischen Donau und 
Hämus, dem Schwarzen Meer und Isker ein großes Reich gegründet. 
Die Kirchen, die einst dort besta.nden, waren seit dem Einfall 
der Goten, Hunnen und Avaren völlig vernichtet. Durch weitere 
Unterwerfung westlich wohnender slavischer Stämme hatte sich 
das bulgarische Reich bis zur Mündung der Sau, auch über das 
linke Donauufer ausgedehnt. Es trat hier zum großen Teil die 
Erbschaft der Avaren an. Dadurch kamen die Bulgaren seit 818 in 
Konflikt mit der fränkischen Ostmarkpolitik. 823 wurde der Bayer 
Machelm einer bulgarischen Gesandtschaft beigegeben, um sich 
über die Verhältnisse des Volkes zu unterrichten ^. 827 verwüstete 
ein bulgarisches Heer das slavische Unter pannonien. Auf der 
Reichsversammlung zu Aachen Februar 828 wurde deshalb König 
Ludwig mit dem Kriege gegen die Bulgaren betraut. Heiße Ge- 
bete und tausend Messen der Fuldaer Mönche begleiteten ihn. 
Bereits 829 verwüsteten die Bulgaren abermals das Gebiet der 
Drau, steckten Kirchen in Brand, schleppten Christen in Ge- 
fangenschaft und ermordeten die Diener Gottes, wie der Kaiser 
in seinem Einladungsschreiben an die Reichsbischöfe zu vier großen 
S3moden nach Mainz, Paris, Lyon und Toulouse ausführte. Bei 
einem neuen Einfall in die Ostmark 853 wurden die Bulgaren 
von Ludwig vollständig besiegt. Der Vertrag von 866 schuf fried- 
liche Verhältnisse zwischen beiden Reichen. Sie dauerten bis 
gegen Ende des Jahrhunderts an. Unterpannonien zwischen Drau 
und Sau war wieder an das Ostfränkische Reich gekommen. 

Wohl waren aus Byzanz schon Glaubensboten zu dem Bulgaren- 
stamm gekommen, der selbst vor Menschenopfern nicht zurück- 
scheute, wenn es galt, die Götter gnädig zu stimmen. Aber noch 
der Bulgarenkan Omortag (820 — 829) suchte durch Him-ichtung 
von griechischen Bischöfen der christlichen Missionstätigkeit ein 
frühes Ende zu bereiten ^. Doch Bogoris (852 — 888) trat, wohl aus 



1 MG. SS. XXV, 623. 

2 Hiefür und zum Folgenden vgl. Riezler a. a. 0. 193 ff. 

3 Vgl. C. J. Jirecek, Geschichte der Bulgaren. Prag 1876, S. 147 f. 



12 Joh. Baptist Aufhauser 

politischen Gründen, durch Kriege, Hungersnot und drohende 
Himmelszeichen bewogen, 864 zum Christentum über^. 

Bogoris wandte sich 866 durch Gesandte an Kaiser Ludwig 
den Deutschen, der im Juni dieses Jahres in seiner bayerischen 
Hauptstadt Regensburg weilte, mit der Bitte um einen Bischof 
und um Priester für sein Land 2. Zu gleicher Zeit trug Bogoris 
dieselbe Bitte in Rom und Konstantinopel vor. Ludwig berief 
für diese hohe Sendung den gelehrten Bischof Ermanrich von 
Passau. Als früherer Zögling der Fuldaer Schule, des Hrabanas, 
Ruodolf, zählte er zu den gelehrtesten Männern des Fr ankenreiches 
im 9. Jahrhundert. Er war eine Zierde des schwäbischen Bene- 
diktinerklosters Ellwangen gewesen. Von hier wurde er, wahr- 
scheinlich als Mitglied der königlichen Kapelle, 866 nach Passau 
berufen als Nachfolger des seit vier Jahren gelähmten und seiner 
Sprache beraubten Bischofs Hartwig (gest. 18. Mai 866). Da es 
König Ludwig an den nötigen heiligen Gefäßen, Meßgewändern 
und Büchern mangelte, erbat er sich dies von seinem Bruder Karl. 
Dessen Bischöfe stellten ihm davon in genügender Zahl zur Ver- 
fügung 3. Zu Beginn des Jahres 867 reiste Ermanrich, begleitet 
von einer Zahl von Priestern und Diakonen, nach Bulgarien, Von 
Bogoris wurde er mit gebührender Ehrfurcht aufgenommen. Indes 
die Mission war zu spät eingetroffen. Schon waren ihnen römische 
Missionäre, die Bischöfe Paulus von Populonia und Formosus von 
Porto, die Nikolaus I. auf Bogoris' Bitten hin als Legaten gesandt 
hatte, zuvorgekommen. Ermanrich kehrte noch im Sommei des 
gleichen Jahres nach Passau zurück ^. Die glänzenden Aussichten 
einer erfreulichen Ausbreitung der fränkisch-bayerischen Kirche 
nach Osten waren damit für immer geschwunden. Freilich wurde 
beim Bulgaren volke bald auch die römische Missions tätigkeit von 
der Byzantinischen Mission verdrängt. Schon 870 schloß sich das 
Bulgaren Volk der Kirche von Konstantinopel an und erhielt von 
dort auch seinen ersten Erzbischof Joseph. 

Wie im Jahre 870 die Salzburger Denkschi-ift, so suchte 900 
ein Schreiben des bei dem Landtag zu Reisbach an der Vils am 
15. Juli versammelten bayerischen Episkopates mit Erzbischof 



^ Anualcs Bertiniani ad a. 866 (MG. SS. I 473); Thcophanes chron. contin. 
IV 13 (ed. Bonn. 163); Jirecek a. a. 0. 153. 

2 Annales Fuldenscs ad a. 866 (MG. SS. I 379); Annaics Bertiniani ad 
a. 866 (a.a.O. 474); Anuales Xantenses ad a. 868 (MG. SS. II 232). 

' Anuales Bertiniani 1. c. * Annales Fuklenses ad a. 867 (1. c. 380). 



Bayerische Missionsarbeit im Osten während des 9. Jahrhunderts 13 

Theotmar an der Spitze im Namen des gesamten Klerus und 
Volkes die Rechte der Passauer Kirche vor Papst Johann IX. zu 
verteidigen. Moimir, Swentopluks Sohn, wollte nämlich sein 
Land kirchlich und politisch vom Frankenreich wie von Byzanz 
unabhängig machen. Daher bat er Johann IX. um Errichtung 
eines neuen mährischen Erzbistums. Der Papst sandte daraufhin 
den Erzbischof Johann, die Bischöfe Benedikt und Daniel nach 
Pannonien zur Neuordnung der kirchlichen Verhältnisse. Dem- 
gegenüber betonte das Schreiben der bayerischen Bischöfe, von 
Bayern aus sei Mähren zuerst in der christlichen Lehre unter- 
wiesen worden. Der Bischof von Passau, zu dessen Sprengel das 
Land gehöre, habe dort widerstandslos Synoden abgehalten und 
alle priesterlichen Pflichten erfüllt. Die bayerischen Markgrafen 
hätten dort Steuern erhoben, Gerichtstage gehalten und Strafen 
verhängt. ,,In dem einen Bistum Passau", so werfen sie dem 
Papste vor, ,,habt Ihr Dinge vollführt, wie sie durch kirchen- 
rechtliche Satzungen verboten noch nie vom apostolischen Stuhle 
ausgingen. Denn Ihr habt eine Spaltung der Kü'che gestattet." 
Eine gleich ungerechte Sprache führt das Schreiben gegen die 
Mähren. ,, Diese Slaven werfen uns Un Versöhnlichkeit vor, und 
wohlan, wir bekennen dieses Gefühl, doch nicht wir, sondern deren 
Frechheit hat es verschuldet. Die Vorgänger unseres erlauchten 
Herrn Ludwig, Kaiser und Könige, gingen aus dem allerchrist- 
lichsten Volke der Franken hervor, die Slaven Moimirs stammen 
von Heiden und Ungläubigen. Jene erhöhten mit kaiserlicher 
Macht das römische Reich, diese schädigten es. Jene waren herrhch 
und angesehen auf dem ganzen Erdkreis, diese verbargen sich in 
Schlupfwinkeln und Befestigungen. Durch den Rat jener ist der 
apostolische Stuhl mächtig geworden, über die Verfolgung dieser 
trauert die Christenheit." ^ 

Papst Johann IX. war bereits im Juli 900 gestorben. Das 
Schreiben des bayerischen Episkopates war nicht mehr in seine 
Hände gelangt. Wohl wurde 901 Bischof Richard von Passau 
mit dem Grafen Udalrich von Ludwig nach Mähren gesandt. 
Indes durch den Einfall der Ungarn und den Zusammenbruch 
des Slavenreiches wurde nicht nur der Grund für die Beschwerde- 
schrift vom Jahre 900, vielmehr auch die ganze Missionstätigkeit 
im Mährenreiche vernichtet. 



^ Das Schreiben der bayerischen Bischöfe an Joh. IX. bei Gewold, Chron. 
monast. Reichersberg, Anhang S. 3(5. 



14 Joh. Baptist Aufhauser 

3. Regensburg. 

Als drittes Missionszentrum der bayerischen Kirche dürfen 
wir Regensburg betrachten für die nächst angrenzende böhmische 
oder Nordmark. Die dort wohnenden heidnischen Tschechen und 
Mähren hatten schon seit Karl dem Großen bzw. seit 822 (zu 
Frankfurt) die fränkische Oberhoheit anerkannt ^ Unter dem 
Abt (von St. Emmeram) - Bischof imd königlichen Erzkaplan 
Baturich (817 — 848) kamen gegen Ende des Jahres 844 vierzehn 
tschechische Häuptlinge (Zupane) zu Kaiser Ludwig nach Regens- 
burg und ließen sich am 13. Januar des folgenden Jahres taufen ^. 
Freilich ist uns über die weitere Missionstätigkeit Baturichs in 
Böhmen nichts bekannt. Doch wird er wohl einen oder mehrere 
Missionspriester mit den getauften Fürsten in ihr Land geschickt 
haben. Dieses gehört denn auch zur Diözese Regensburg ^. Doch 
scheint das Volk dem Beispiel seines Fürsten nicht gefolgt zu sein. 
Die Tschechen schlössen sich vielmehr an das große mährische 
Reich an. Herzog Borziwoj aus dem Herrscherhause der Pre- 
mysliden scheint seine Taufe um 880 von Method erhalten zu haben. 
Übrigens beweist der Märtyrertod seiner heiligen Gemahlin Lud- 
milla (921) und ihres Enkels Wenzel (935), wie mächtig die heid- 
nische Partei noch im Lande war. Bischof Wolfgang von Regens- 
burg billigte 972 trotz des Widerspruches seiner Kanoniker die 
Lostrennung Böhmens vom Regensburger Sprengel. LTnter Bo- 
leslav II. wm'de 973 ein eigenes böhmisches Bistum in Prag ge- 
bildet. Johann XIII. erteilte seine Zustimmung, unter der Be- 
dingung, daß der Gottesdienst nicht in slavischer, sondern ^^^e 
bisher in lateinischer Sprache gehalten würde. 

Vielversprechend waren die Missionsaussichten der fränkisch - 
bayerischen Kirche zu Beginn des 9. Jahrhunderts gewesen. An 
der Wende zum 10. Jahrhundert hatte der ^Vnstm-m der Ungarn 
alle diese Pläne jäh vernichtet. Die kirchlichen Grenzen von Passau 
und Salzburg waren wieder bis an die Enns und den Abhang der 
Alpen zurückgedrängt. 



1 Annales Einhardi ad a. 822 (MG. SS. I 209). 

2 Annales Fuldenses ad a. 845 (MG. SS. I 364). 

=* Othloni vita s. Wolfkangi 29 (MG. SS. IV 538). 



Bayerische Missionsarbeit im Osten während des 9. Jahrhunderts 15 

Über die Missionsmethode der damaligen Zeit erhalten wir 
in etwa Aufschluß aus dem Berichte des Paulinus über die Be- 
ratungen und Beschlüsse einer bischöflichen Kommission, die im 
Sommer 796 im Feldlager Pippins an der Donau tagte und darüber 
beriet, wie bei Einführung des Christentums zu verfahren sei ^. 
Man lehnte die rasche Vornahme von Massentaufen ab. Das Volk 
muß zuerst einigermaßen im christlichen Glauben unterrichtet 
werden. Die Täuflinge müssen wenigstens wissen, was die Taufe 
bedeutet. Die Zeitdauer der Unterweisung sollte dem Urteil des 
Prieste s überlassen bleiben, jedoch nicht unter sieben, aber auch 
nicht über 40 Tage währen. Des weiteren sollten die Christen 
nach ihrer Taufe über ihre sittlichen Pflichten unterrichtet werden. 
Die Taufe müsse freiwillig begehrt werden , daher sollten im 
Unterricht die religiösen Beweggi'ünde besondere Hervorhebung 
erfahren. Die Taufen sollten stets am Samstag Abend vorgenommen 
werden; die Taufen der Kinder nur an Ostern und Pfingsten er- 
laubt sein 2. 

Auch Alkuin betont in einem Briefe an Arno, die Avaren 
sollten das Versprechen, den Glauben anzunehmen, freiwillig 
geben ^. Den König warnte er vor übereilter Einführung der 
Zehnten'*. Auch dürfe man nicht zu rasch mit der Taufe sein, 
nur bei kleinen Kindern sei eine Taufe ohne Unterricht zulässig, 
keinesweg aber bei Erwachsenen. Vor allem müsse der König 
dafür Sorge tragen, fromme und sittlich tüchtige Prediger in das 
neugewonnene Gebiet zu senden, Männer, wohlgelehrt im christ- 
lichen Glauben, gewöhnt an die Erfüllung der evangelischen Vor- 
schriften, und bestrebt, das Beispiel der Apostel bei der Predigt 
des göttlichen Wortes nachzuahmen ^. ,,Sei ein Prediger der 
Frömmigkei'", so schreibt er an Arno, ,, nicht ein Einforderer 
von Zehnten. Eine junge, fiomme Seele muß miu der Milch der 
apostolischen Frömmigkeit genälu:t werden, bis sie wächst er- 
starkt und zum Empfange stärkerer Speise fähig wird." Un- 
entwegt müsse man predigen, der Erfolg liege in Gottes Hand. 
Denn das Wort des Predigers verhalle wirkungslos, wemi die gött- 
liche Gnade das Herz des Hörers nicht erreicht; deshalb gehöre 
zm- Predigt die Fürbitte. Wort und Wandel der Missionsprediger 

1 Alcuin ep. 68 (ed. Ph. Jaff6, Bibliotheca rerum Germ. VI 311 ff.). 

^ Vgl. Vollmachtserteilung Gregors II. an Bonifatius (Epistolae selectae p. 32). 

3 Ep. 113 (MG. Epist. IV, reo. E. Dümmler 165). * Ep. 174 ebd. 289. 

5 Ep. 111 ebd. 159 ff. 



16 Joli. Baptist Aufhauser 

müssen dem Namen des Herrn Jesu Ehre machen i. Wer von den 
Neugetauften fehle, den müsse man nicht durch herben Tadel 
züchtigen, sondern durch Ermahnungen und frommen Zuspruch 
bessern. Man müsse auf Geschlecht, Alter und Umstände achten 
und mit der Verhängung kirchlicher Bußen nicht vorschnell ver- 
fahren 2. Diese Grundsätze Alkuins werden wohl auch seine 
Schüler und deren Nachfolger geteilt haben ; waren doch die meisten 
fränkischen Missionäre der damaligen Zeit aus Alkuins Schule 
hervorgegangen oder mit ihm befreundet. Die Denkschrift ,,De 
conversione Bagoariorum" umschreibt die Aufgabe des Regionar- 
bischofs Theoderich mit den Worten: ,,ut potestative populum 
regeret sua praedicatione et evangelica doctrina doceret servire 
Deo et ut ecclesias constructas dedicasset, presbyteros ordinando 
constituisset totumque ecclesiasticum officium in illLs partibus 
prout canonicus ordo exposci^ perficeret" ^. Treue Mithilfe fanden 
die Missionäre bei den Markgrafen und königlichen Beamten. 
Eine niedliche Anekdote berichtet unsere ,,Conversio" vom Grafen 
Ingo, der bei seinem Volke gar beliebt, dem auch sem Volk sehr 
ergeben war. Einmal lud er seine christlichen Sklaven zur Tafel; 
deren heidnische Herren ließ er draußen gleich Hunden sich 
lagern, ihnen Brot, Fleisch und tönerne Gefäße mit Wein vor- 
setzen, damit sie sich selbtt bedienten. Den Sklaven aber ließ 
er die Speisen in vergoldeten Gefäßen darreichen. Darob be- 
schwerten sich die Herren draußen: ,, Warum behandelst Du uns 
so?" Darauf ward ihnen die Antwort: ,, Nicht seid Ihr würdig, 
mit ungewaschenem Leibe mit den aus dem heihgen Quell Wieder- 
geborenen an der gleichen Tafel zu sitzen. Euch ziemt es, vor 
dem Hause gleich Hunden Eure Speisen zu verzehi*en." Der 
Erfolg war, daß sie sich im Glauben unterrichten ließen und 
zur Taufe sich drängten *. 

Angaben über die Stärke der jungen Clir istengem einden 
fehlen in unseren Quellen. Die Bedeutung der Nationalsprache 
für den Erfolg der Missionsarbeit erhellt klar aus den Tatsachen, 

1 Ep. 107 ebd. 154. 

2 Ep. 113 (MG. Epist. IV, rec. E. Dümmler 165). 

^ De conv. Bag. c. 8. Ähnlich wird kurz vorher das Ziel der Missions- 
fahrt des Erzbischofs Arn selbst geschildert: ,,Post expletam legationem ipsc 
imperator praecepit Arnoni archiepiscopo pergere in partes Sclavorum et pro- 
videre oranera illam regionem et ecclesiasticum officimn niore episcopali colere 
populosquc in fide et christianitate praedicando coufortaro." 

* Ebd. c. 7. 



Bayerische Missionsarbeit im Osten während des 3. Jahrhunderts. 17 

desgleichen der Einfluß des politischen und kulturellen Faktors 
beim Wettbewerb zwischen der morgenländischen und abend- 
ländischen Kirche um diese Gebiete. Wie diese national-kulturell- 
politischen Gegensätze die bereits damals bestehende tiefe Ent- 
fremdung zwischen morgen- und abendländischem Kirchentum in 
nicht ferner Zeit zum völligen Bruche führten und der abend- 
ländischen Mission den Weg verschlossen , lassen sie auch heute 
eine ersehnte Wiedervereinigung beider Kirchen kaum erhoffen, 
eine starke abendländische Missionstätigkeit recht erschwert und 
wenig erfolgreich erscheinen. 



Festgabe Knöpfler 



Nikolaus Ellenbog' und die Reformation. 

Von 

Hochschulprofessor Dr. Andreas Bigelmair in DiDiDgen a. D. 

In die Sammlung von Briefen, die Johannes Reuchlin im 
Jahre 1514 zur Stärkung seiner Stellung im Streite mit Pfeffer- 

^ Über Nikolaus Ellenbog vgl.: Vita Nicolai Ellenbogij Prioris Ottenpurani 
ex eius epistolis coUecta aStephanoBaluzio in: Cod. lat. 8643 I der Pariser National- 
bibliothek f. 6r bis 7v. — J. Mabillon in: Iter Germanicum: Vetera analecta * 
(Parisiis 1723) 8. — J. G. Schelhorn, Amoenitates literariae, quibus variae ob- 
servationes . . . exhibentur XIII (Francofurti et Lipsiae 1730) 411 — 13. — J. G. 
Schelhorn, Ergötzlichkeiten aus der Kirchenhistorie und Literatur II (Ulm und 
Leipzig 1763) 721 — 27. — P. M. Feyerabend, Des ehemaligen Reichsstifts Otten- 
beuren Benediktiner Ordens in Schwaben Sämtliche Jahrbücher II (Ottobeuren 
1814) 764-77; III (ebenda 1815) 145-50 u. ö. - P. P. Braun, Geschichte der 
Bischöfe von Augsburg III (Augsburg 1814) 632 f. — L. Geiger, Nicolaus Eilenbog: 
Oesterreichische Vierteljahresschrift für katholische Theologie IX (Wien 1870) 
45—112 161—208. Auch separat. (Zitiert: Geiger, Nicolaus Ellenbog.) — L. 
Geiger, Noch einmal Nicolaus Ellenbog: Ebenda X (Wien 1871) 443 — 58. — Hora- 
witz. Allgemeine deutsche Biogiaphie VI (Leipzig 1877) 47. — F. L. Baumann, 
Geschichte des AUgtäus II. III (Kempten 1894) öfters. — P. P. Lindner, Album 
Ottoburanum: Zeitschrift des Historischen Vereins für Schwaben imd Neuburg 
XXX (Augsburg 1903) 112—117. — A. Büchi, Kleine Beiträge zur Biographie von 
Joh. Ökolampad: Festgabe Hermann Grauert ( Freiburg i. Br. 1910)221—32. — 
M. Sontheimer, Die aus dem Kapitel Ottobeuren hervorgegangene Geistlichkeit 
(Memmingen 1910) 213 — 24. 

Von den zahlreichen Werken EUenbogs erschien nur eines als Druckschrift: 
Passio Septem fratrum, filiorum sanctae foelicitatis. Translatio sancti Alexandra 
Passio Sancti Theodor! martyris . . . Edidit . . hunc en Ottinpurra libellum . . 
Sexto Idus Octobris: anno undecimo supra millesimum et quingentesimum. (Ge- 
naue Beschreibung bei P. M. Beruhard, Die Buclidruckerei des Klosters Otto- 
beuren, in: Wissenschaftliche Studien und Mitteilmigen aus dem Benedikthier- 
orden II. 2 [Würzburg, Wien 1881] 316-18.) — Der Brief Wechsel Ellenbogs um- 
faßt 9 Bücher zu je 100 Briefen (das 9. Buch bricht mit dem 91. Briefe ab), aus der 
Zeit vom 24. Mai 1504 bis 24. Mai 1543. Buch I mid II waren Ellenbog selbst im 
Bauernkriege verloren gegangen, kamen später in den Besitz Schelhorns imd be- 
finden sich jetzt in der Kgl. Bibliotliek in Stuttgart (Cod. bist. 4° Nr. 99). Eine 
von P. Ignaz ZoUicher 1779 gefertigte und von Notar Joseph Anton Biesenberger 
vidimierte Abschrift befindet sich in der Kloster bibliothek Ottobeuren. Buch III 



Nikolaus Eilenbog und die Reformation 19 

kom unter dem Titel „clarorum virorum epistolae" herausgab, sind 

bis IX kamen durch Stephan Baluze in die Colbertina und befinden sich auf der 
Pariser Nationalbibliothelv (Cod. lat. 8643, I — III). (Zitiert nach Buch und Brief.) 
Einzelne Briefe sind anderweitig handschriftlich erhalten, so die Briefe an und 
von Veit Bild in der Briefsammlung Bilds im Bischöflichen Ordinariatsarchiv 
Augsburg; die Briefe an und von Wolfgang Rychard in der Briefsammlung 
Rychards in der Stadtbibliothek zu Hamburg (Cod. Mscr. Supp. Epist. 49). Ge- 
druckt sind von dem Briefwechsel EUenbogs nur kleine Bruchstücke, so Briefe 
an und von Konrad Peutinger (bei G. G. Zapf, Conradi Peutingeri Sermon es 
convivales [Augustae Vindelicorum 1789] 133—57); die Briefe an und von Jo- 
bann Eck (bei Geiger, Nicolaus Eilenbog 175—208; J. Schlecht in: Briefmappe 
I. Stück, Münster i. W. 1912 [Reformationsgeschichtliche Studien und Texte 
XXI, XXII] 150 f); 12 Briefe an Andere (bei Geiger, Nicolaus EUeubog 161—75, 
und Geiger, Noch einmal Nicolaus Eilenbog 453 — 58); die Briefe an Johann 
Reuchlin (in: Johann Reuchlins Briefwechsel, Tübingen 1875: Bibliothek des 
literarischen Vereins in Stuttgart CXXVI [Zitiert: Geiger, Reuchlins Briefwechsel]); 
die Briefe an und von Veit Bild (in Regesten bei A. Schröder, Der Humanist Veit 
Bild: Zeitschrift des Historischen Vereins für Schwaben und Neuburg XX [Augs- 
burg 1893], 173—227); Briefe an und von Bernhard Adelmann (beiF.X. Thumhofer, 
Bernhard Adelmann von Adelmannsfelden [Freiburg i.Br. 1900] 139 — 41); die Briefe 
an und von Okolampad, drei Briefe an Bernhard Adelmann, je einen an Ambrosius 
Blarer mid Marquard von Stein (bei A. Büchi, a. a. O. 224—32. Herr Dr. Zoepf I 
inMindelheim und ich sind zur Zeit mit der Herausgabe des Briefwechsels beschäftigt 
und hoffen die Arbeit in absehbarer Zeit im Corpus catholicorum im Drucke 
vorlegen zu können. Herr Dr. Zoepfl hat mir seine (schon vor Kriegsbeginn gefer- 
tigten) Kopien der Pariser Hss. zur Verfügung gestellt, wofür ihm auch an dieser 
Stelle der herzlichste Dank ausgesprochen sei. — Eine Reihe von Werken, deren 
Hss. sich ebenfalls auf der Pariser Nationalbibliothek befinden (Cod. lat. 3202 3548 
3660 4215 8613 A), hat L. Geiger, Nicolaus Eilenbog, beschrieben. — Neben einer 
Chronik von Ottobeuren vom Jahre 766 — 1466 im Münchner Reichsarchiv (Cod. 6 
der Literalien d. K. Ottob.) und zwei Kollektaneabänden in der Ottobeurer Kloster- 
bibliothek kommt weiter in Betracht eine Handschrift, die seit Feyerabend als ver- 
loren oder unbekannten Aufenthalts galt (so Geiger, Lindner, Sontheimer), sich aber 
als Nr. 535 in der M. S. B. des Klosters Ottobeuren befindet (L. O. Nr. 106). 
Sie enthält folgende Stücke: Morologia; Judicium genethliacum in nativitatem 
JoannisEUenbog; Judicium genethliacum in nativitatem marquardiLapidani; fabula 
ovidij de philemone et baucide moralizata; Hexomologesis iuxta dominicam oratio- 
nem; Unde ortum sumpserit munerummissitatiotemporenataliciochristi; Deaveet 
Eva et quomodo Maria mutavit nomenevae; An adamduas habuerit uxores quarum 
altera creata sit ante evam; Contra Necromanticos; Expositio cantici trium puero- 
rum; Responsio ad nonnullas quaestiones factas de papa; ürandum quod oratio 
salubris et utilis ad Joannem Eilenbog; De secessu oecolampadij de monasterio 
sancti altonis; Adclamatio electorum in patria ad eos qui sanctos invocandos 
negant; Sermo de sancta faelicitate; De silentio nocturno in caenobio; Sermo in 
translatione S. alexandri, de veneratione sanctorum; Expositio primi psalmi; 
Sermo super evangelio: Homo quidam fecit caenam magnam. Die einzelnen 
Abhandlungen sind zwischen 1511 und 1529 entstanden; die letztgenannte ist 1529 

2* 



20 Andreas Bigelmair 

auch zwei Briefe des Priors von Ottobeuren Nikolaus Eilenbog 
aufgenommen ^. 

Reuchlin konnte ihn mit Recht zu den Seinen zählen. Zwar 
haben sich die beiden Männer nicht persönlich gekannt ^\ aber sie 
sind in lebhaftem Briefwechsel gestanden, seit Eilenbog im Jahre 
1509 zum ersten Male mit einigen Fragen wissenschaftlicher Natur 
sich an den „vir omnifariam doctissimus eloquentissimusque" ge- 
wandt ^. Allezeit hat Ellenbog seiner unbedingten Verehrung für 
Reuchlin Ausdruck gegeben. Er konnte es nicht ertragen, weim 
Reuchlin geschmäht ward *, und wollte den Gegnern desselben 
gegenüber der Herold seines Namens und seiner Ehre sein ^. So 
stand er in den großen Streitigkeiten wegen der Judenbücher 
auf seiner Seite ^. Die Gegner Reuchlins haben ihn ob seiner 

datiert. Die Handschrift ist nicht paginiert. — Eine weitere Handschrift, die eben- 
falls als verschollen galt, auf die jedoch J. Schlecht (a. a. O. 143) wieder aufmerk- 
sam gemacht, befindet sich mit der Signatur II 302 ebenfalls in der Kl est er biblio- 
thek Ottobeuren. Sie trägt die Überschrift: Liber fratris Nicolai Eilenbog contra 
nonnulla dogmata Lutheranorum et aliorum nostri temporis haereticorum, und 
enthält folgende Abhandlxmgen : Tractatus primus de operibus bonis; Tractatus 
secundus dereligiosis et jiro defensione vitae monasticae; Tractatus tertius Luthera- 
norum errores et dolos peculiarius describens; Tractatus quartus de angelorum et 
electorum honore et invocatione. Item de sanctorum reliquijs et imaginibus; 
Tractatus quintus, etiam non expressa in scriptura observare debemus; De pietate; 
De servis et Servitute corporali; De purgatorio et mortuorum sufragijs; Miscellanea 
fratris Nicolai Eilenbog, omnia secundum ordinem librorum et capitulorum bibliae. 
Beim dritten Traktat ist die Entstehungszeit angegeben: Idem etiam hodie 1539 
in civitatibus contingit. Und die Hs. schließt: Quiescit hie calamus Kalendis 
decembribus anno christi 1540. Laus deo. — Ich hoffe in einiger Zeit wenigstens 
die eine oder andere der Abhandlungen vorlegen zu können. Meinen hochverehrten 
Freunden, dem hochwürdigsten Herrn Abte Dr. P. Placidus Glogger 0. S. B. von 
St. Stephan in Augsburg, dem hochwürdigen Herrn Prior P. Anton Gulder in Otto- 
beuren imd dem dortigen Bibliothekare Herrn P. Narcissus König, möchte ich 
für die reiche Benützungsmöglichkeit der Hss. meinen ergebensten mid wärmsten 
Dank aussprechen. Er gilt auch der Verwaltimg der Kgl. Kreis- und Studien- 
bibliothek in Dillingen und der Direktion der Kgl. Hof- imd Staatsbibliothek in 
München für ihre stete Hilfsbereitschaft. 

^ Clarorum virorum epistolae latinae graecae et hebraicae variis temporibus 
miasae ad Joannem Reuchlin Phorcensem LI. doctorem. Tubingae per Thomam 
Anshelmum Badensem Mense Martio Aimo MDXII, g — g II. 

- Ep. IV 48 an Jak. Gruerius, 6. Aug. 152ü. 

^ Ep. I 70, 24. Apr. 1509. Geiger, Reuchlms Briefwechsel 107 f. 

* Ep. II 9, 30. Aug. 1511. Geiger, Reuchlins Briefwechsel 132-34. 

^ Ep. II 23, 12. Jan. 1512. Geiger, Reuchlins Briefwechsel 150 f. 

« Vgl. den Briefwechsel, bes. II 9 11 23 2G 47 53 61 71 74 77 79; III 21 
bei Geiger, Reuchlins Briefwechsel an versch. Stellen. 



Nikolaus Eilenbog und die Reformation 21 

Stellungnahme selbst einen Reuchlin genannt ^. Wie Schätze des 
Krösus hat er dessen Briefe aufbewahrt ^, und noch einige Wochen 
vor seinem eigenen Hinscheiden hat er wehmütig der Zeit des 
geistigen Verkehrs mit ihm gedacht ^. 

Mit einem gewissen Rechte konnte Eilenbog zu den clari viri 
seiner Zeit gerechnet werden. 

Zwar hat er nicht in die Ereignisse eingegriffen. Geboren 
am 18. März 1481 als der Sohn eines tüchtigen Arztes, der nicht 
nur medizinische, sondern auch allgemein wissenschaftliche Interessen 
hatte, und selbst mehrere, Avenn auch wenig originale Werke 
schrieb ■*, hatte er seine erste Bildung an der Schule von Andreas 
Hummel in Memmingen genossen^ und am 12. Juli 1497 die Uni- 
versität Heidelberg bezogen ^. Kost und Wohnung hatte er dort 
bei seinem Landsmann Doktor Daniel Zangeried. Von seinen 
Lehrern hat er besonders Petrus von Wimpfen '^ ein treues An- 
denken bewahrt ^. Manche freundschaftlichen Beziehungen hat er 
angeknüpft, so mit Johannes Zatz^ und Sebastian Biderb i^. xAuch 
Ökolampad ^^ lernte er kennen, und mit Georg Simler wohnte er 
in der gleichen Burse Wenck^^ ^j^ g. November 1499 ward er 
zum baccalaureus artium promoviert i^. Seit 15. November 1501 1* 
oblag er an der Universität Krakau dem Studium der Astronomie 

1 Ep. III 21, Nov. 1516. Geiger, Reuchlins Briefwechsel 264 f. 

2 Ep. IV 48 an Jakob Gruerius, 6. Aug. 1526. 

^ Ep. IX 82 an Konrad Peutinger, Ostermittwoch 1543. Geiger, Nicolaus 
Elienbog 170 f. — Über das Verhältnis zu Reuchlin vgl. auch Geiger, Nicolaus 
Ellenbog 60 72 f ; L. Geiger, Johann Reuchlin, sein Leben und seine Werke (Leipzig 
1871) 54 368 u. ö. 

* Vgl. jetzt: F. Zoepfl, Der Arzt Ulrich Ellenbog: Archiv für die Geschichte 
des Hochstifts Augsburg V (Dillingen a. D. 1916) 111-164. 

^ Ep. I 88 an Andreas Hummel, 1510. 

* Nicolaus de Ellenbog de Memingenn Augustensis dyoc. XII die Julij. 
G. Toepke, Die Matrikel der Universität Heidelberg I (Heidelberg 1884) 425. 

' Ep. II 15 an Petrus von Wimpfen, 2. Nov. 1511. 

* Ep. II 5 an Johannes Billikan, 21. Mai 1511; Ep. II 15 an Petrus von 
Wimpfen, 2. Nov, 1511, u. ö. 

» Ep. I 97 an Johannes Zatz, 14. Febr. 1511. 

" Ep. III 49 an Sebastian Biderb, 26. Dez. 1518. Geiger, Nicolaus Ellenbog 
161-63. 

^1 Ep. III 63 an Ökolampad. Büchi a. a. 0. 225 f. 

12 Ep. I 89 an Georg Simler, 1510. 

" G. Toepke a. a. O. I 425 A. 5. 

1* Nicolaus Ulrici de Memingen Augusten 15. Nov. 4 gr. 1501b: H. Zeißberg, 
Das älteste Matrikelbuch der Universität Krakau (Innsbruck 1872) 81. 



22 Andreas Bigelmair 

und Astrologie ^, Noch 20 Jahre später hat er Bernhard Adel- 
mann einen Traktat seines damaligen Lehrers Johannes von 
Glogau 2 übersandt ^. Er gedachte sodann ,,Erbe der väterlichen 
Kunst" zu werden: an der berühmten Medizinerschule Montpellier 
hörte er Medizin ^. Doch ein gelegentlicher Besuch in einem 
Dominikanerinnenkloster strengster Observanz reifte in ihm den 
Entschluß, Mönch zu werden ^. Eine schwere Krankheit, die ihn 
nach der Heimkehr in Ravensburg befiel, mochte ihn darin be- 
stärken ^. Am Sonntag nach Christi Himmelfahrt des Jahres 1504 
nahm er im Benediktinerkloster Ottobeuren das Ordenskleid '. 
Am 15. März 1506 ward er in Augsburg zum Priester geweiht und 
am Weißen Sonntag dieses Jahres feierte er in Ottobeuren seine 
Primiz ^. 

Und sein ganzes übriges Leben hat sich nunmehr in den Räumen 
des Klosters abgespielt. Nur selten hat er es verlassen. Am 
längsten vielleicht, als er 1525 zur Zeit des Bauernkrieges in Isny 
weilte ^, und als er 1536 einige Wochen zur Wiederherstellung 
seiner Gesundheit das Wildbad aufsuchte ^^. 1508 ward er Prior 
des Klosters ^^; 1512 ward er des Amtes enthoben, aber nur, um 
das Amt des Ökonomen zu übernehmend^. Erst 1522 sah er seinen 
Wunsch erfüllt, von demselben befreit zu sein ^'. Längere Zeit 



1 Ep. III 49 an Sebastian Biderb, 26. Dez. 1518. Geiger, Nicolaus Eilenbog 
161-63; Ep. III 79 an Bernhard Adelmann, 11. März 1522. 

^ Über Johannes von Glogau vgl. G. Bauch, Deutsche Scholaren in Krakau 
in der Zeit der Renaissance: Schlesische Gesellschaft für vaterländische Kultur. 
78. Jahresbericht 1900, III. Abt., 21 f. 

3 Ep. III 79 an Bernhard Adelmann, 11. März 1522. Der Traktat, von 
Eilenbog geschrieben und mit einer Widmung an Bernhard Adelmann versehen, 
befindet sich in der Wiener Hofbibliothek Nr. 4756, f. 151—60. (Gütige Mitteilimg 
von Herrn Prof. P. S. Allen- Oxford an Herrn D. F. Zocpfl.) 

* Ep. III 49 an Sebastian Biderb, 26. Dez. 1518. Geiger, Nicolaus Ellen- 
bog 162. 

^ Ep. III 49 an Sebastian Biderb, 26. Dez. 1518. Geiger, Nicolaus Ellenbog 162. 

' Ep. I 4 an August in Fuchshart, 4. Juni 1504. 

" Ep. I 22 an Daniel Zangeried, 27. Aug. 1505. 

8 Ep. I 26 an Ludwig Han, 1. April 1506; I 27 an Caspar N., 1. April 1506. 

9 Vgl. die Epp. IV 16-30. 

10 Vgl. die Epp. VII 59-61. 

" Ep. I 58 an seine Schwester Barbara, 1509. 

'- Ep. II 31 an Nikolaus Pruckner, 19. April 1512; II 34 an seinen Bruder 
Johannes, 20. April 1512. 

^' Ep. III 83 an seinen Bruder Johannes, am T;ig der bl. Magdalena 1522. 
Geiger, Nicolaus Eilenbog 163. 



Nikolaus EUenbog und die Reformation 23 

war er Novizenmeister ^ und 1534 abermals Prior 2, bis die zu- 
nehmende Ki'änklichkeit ihm abermals das Amt abnahm^. In 
den letzten Jahren seines Lebens haben ihn schwere Gichtleiden 
heimgesucht, die ihn vielfach in die Krankenzelle bannten ■*. Am 
6. Juni 1543 ist er gestorben ^. 

Die Klosterzelle bildete seine stille Welt. In ihr konnte er 
seinen Studien und Beschäftigungen obliegen. Und seine Inter- 
essen waren vielseitig, wenn auch nicht immer tief. Die ihm über- 
tragenen Klosterämter bedeuteten ihm eine schwere Last. Er 
wollte allein in der ZeUe sein, beten, heilige Bücher lesen, Hebräisch 
und Griechisch studieren ^. Tatsächlich sind in den Tagen der 
Muse zahlreiche kleine Werke entstanden. Aber auch sie haben 
seinen Namen nicht bekannt gemacht. Nur ein einziges kleines 
Werkchen ist gedruckt worden ''. Die im Jahre 1509 vom Abte 
Leonhard Widemann ins Leben gerufene Druckerei des Klosters 
war vermutlich nicht leistungsfähig genug ^, und die trüben Er- 
fahrungen, die er mit der Drucklegung seines ersten Werkes, der 
epitome Platonicum, einer Sammlung von Aussprüchen Piatos, 
gemacht ^ — es kam ihm abhanden — , mochten ihn von weiteren 
Versuchen abschrecken. Ihre Bedeutung ruht auch weniger in 
OriginaUtät und Beweiskraft, als in der Wiedergabe der geistigen 
und besonders der religiösen Gedanken ihres Verfassers. 

Aber Eilenbog empfand trotzdem das Bedürfnis, mit der 
geistigen Welt in Fühlung zu bleiben. Und abgesehen von den 
Besuchen, die in der alten Reichsabtei nicht selten waren, suchte 
EUenbog Beziehungen anzuknüpfen und aufrecht zu erhalten 
durch einen ausgedehnten Briefwechsel, der 890 Briefe umfaßt 
und vom 24. Mai 1504 bis zum 24. Mai 1543 reicht. Er hat die 
von ihm geschriebenen Briefe und eine Anzahl der an ilm ge- 

1 Ep. V 61 an Jakob Bers, 18. Dez. 1530 u. ö. 

2 Ep. VI 38 an Georg Müller, am Tag des hl. Marcellus 1534. 

3 Ep. VII 72 an Johann Eck, 13. April 1538. Geiger, Nicolaus EUenbog 197 f. 
* Zahlreiche Briefe der letzten Bücher klagen darüber. 

^ F. L. Baumann, Necrologia Ottenburana, 6. Jmii: Zeitschr. des Hist. 
Vereins f. Schwaben und Neuburg V (Augsburg 1878) 405. 

« Ep. II 36 an Hieronymus Stuntz, 13. April 1512. 

' Vgl. oben S. 18 Anm. 1. 

8 Vgl. über die Druckerei: M. Feyerabend a. a. 0. II 789 — 93. — P. M. Bern- 
hard, Die Buchdruckerei des Klosters Ottobeuren: Wissenschaftliche Studien und 
Mitteilungen aus dem Benediktinerorden II, 2 (Würzburg-Wien 1881) 313—22. 

» In zahlreichen Briefen (II 81 87; III 22 28 35 39 44 45 46 u. a.) gedenkt 
er desselben. 



24 Andreas Bigelmair 

kommenen Briefe selbst sofort in das Briefbuch eingetragen und 
— nach Vorbildern — je 100 Briefe zu einem Buch zusammen- 
gefaßt. Unter den Adressaten und Schreibern der Briefe finden 
sich — abgesehen von den Geschwistern, Verwandten, Mitbrüdern, 
Freunden — Männer wie Johannes Reuchlin, Johannes Eck, 
Konrad Peutinger, Ambrosius Blarer, Nikolaus Brückner, Johannes 
Altenstaig, Vitus Bild, Georg Simler, Johannes Billikan, Konrad 
Pehkan, Jakob Locher, Gallus Knöringer, Johannes Böschen- 
stein, Erasmus von Rotterdam, Johannes Marquard von Stein, 
Bernhard Adelmann von Adelmannsfelden, Johannes Ökolampadius, 
Wolf gang Seidl, Ulrich Wolf hart, Wolf gang Rychard usw. Xun 
steht ja freiUch vielfach die Form dieser Briefe über ihrem Inhalt, 
der öfters nur gegenseitige Förmlichkeiten wiedergibt, sich in gleich- 
gültigen oder wenigstens nur persönlichen Bemerkungen erschöpft; 
aber daneben ist auch viel wertvolles geschichtliches Material ge- 
borgen und als Ganzes sind sie ein Beitrag zur Geschichte des 
Humanismus jener Zeit. 

Demi was Eilenbog mit vielen dieser Männer verband, war 
die Begeisterung für die humanistischen Ideale. Beschlossen sah 
er sie in der Kenntnis der drei Sprachen (Lateinisch, Griechisch 
und Hebräisch) und der Beschäftigung mit ihrer Literatur. Er 
hatte diese Begeisterung schon vom Vater ererbt. Schon ihm 
,, erschien nichts süßer, als mit den Wissenschaften sich zu 
beschäftigen und durch tägliche Lektüre gelehrter zu werden" ^. 
Seine reiche Bibliothek umfaßte nicht nur medizinische, son- 
dern auch theologische und philosophische Werke ^. An der Uni- 
versität Heidelberg hat sich um die Zeit, da Eilenbog an ilir weilte, 
zwar das Studium der klassischen Sprachen, näherhin des Griechi- 
schen und Hebräischen, nur sehr langsam durchgesetzt ^. Aber ohne 
reiche Anregungen schied er doch nicht von ihr. Jedenfalls erschien 
ihm allezeit Papst Nikolaus V. vorbildlich, der Mäzen der Mäimer, 
die des Griechischen und Lateinischen kundig waren *. Er selbst 



1 Ep. II 67 an Konrad Peutinger, 17. AprU 1514. G. G. Zapf, a. a. O. 150 f. 

2 Vgl. darüber F. Zoepfl a. a. 0. 140-47. 

^ Vgl. dazu J. F. Hautz- K. A. v. Reichlin Meldegg, Geschichte der Uni- 
versität Heidelberg I (Mannheim 1862) 321 — 30. Über das Studium des Hebräi- 
schen überhaupt: L. Geiger, Das Studium der hebräischen Sprache in Deutschland 
vom Ende des 15. bis zur Mitte des IG. Jahrhunderts (Breslau 1870). 

* Ep. V 81 an Jakobus Stopcl, 1. Mai (? Juni) 1531; VIII 43 an Kaspar 
Snnuucr, 16. Nov. 1539. 



Nikolaus Eilenbog und die Reformation 25 

schreibt in ziemlich gewandtem Latein. Und er wünschte, daß 
auch andere in ihren Briefen sich der lateinischen Sprache bedienten : 
die Novizen, die er imterrichtete ^, die jüngeren Mitbrüder, mit 
denen er verkehrte 2, seine Schwester und Nichte und alle Kloster- 
frauen, die das lateinische Offizium zu beten hätten ^. Auch 
Griechisch und Hebräisch suchte er zu erlernen. Einen Monat 
lang weilte ein ihm von Reuchlin empfohlener jüdischer junger 
Mann zur Übermittelung der hebräischen Aussprache in Otto- 
beuren *. Doch hat er es in beiden Sprachen nie zu größerer Voll- 
kommenheit gebracht. Er konnte Wolf gang Seidls griechisch 
geschriebenen Brief nicht in der gleichen Sprache erwidern ^, und 
die zahlreichen Fragen über griechische und namentlich hebräische 
Ausdrucksformen, wie sie in den früheren Briefen hervortreten, 
verlieren sich später. Schon frühe hat er geklagt, daß ihm die für 
das Erlernen von Sprachen notwendige Gedächtniskraft infolge 
seiner Krankheit abhanden gekommen sei ^, und am Ende seines 
Lebens meinte er: ,,Als vor 27 Jahren die hebräische und griechische 
Sprache aufzublühen begann, habe ich nicht wenig Arbeit und 
Nachtwachen verwendet, um darin Fortschritte zu machen. . . . 
Aber was ich in der Nacht gelernt hatte, war am anderen Tage 
vergessen. Allmählich sah ich ein, daß ich umsonst arbeite. . . . 
Aber ich will anderen nicht neiden, was ich selbst nicht zu erreichen 
vermochte. . . . Ein Barbar muß sein, wer die Eleganz des Lateins, 
die Kenntnis des Griechischen und Hebräischen mißachtet." ' 
Um so mehr suchte er die Idee zu fördern, die damals in den Kreisen 
der schwäbischen Benediktinerkongregation gehegt wurde, ein 
Generalstudium zu gründen, für das zuerst Legau, dann Otto- 
beuren selbst in Aussicht genommen ward ^. Seine Hoffnungen 
fanden freilich nur eine ungenügende Realisierung. 



1 Ep. V 61 an Jakobus Beis, 18. Dez. 1530. 

2 Ep. V. 61 an Jakobus Bers, 18. Dez. 1530. 

^ In verschiedenen Briefen, vgl. Ep. V 30 an die Äbtissin VValpurga in Hegg- 
bach, 5. Jan. 1530; V 34 an dieselbe, 14. Febr. 1530; V 57 an Veronika Krölin, 
10. Nov. 1530; VI 63 an seine Nichte Anna Aukaritc, 10. Aug. 1534; VIII 58 an 
dieselbe, 23. Juni 1540. 

* Ep. I 82 an Konrad Peutinger, 1510, u. ö. 

^ Ep. IV 56 an Wolfgang Seidl, am Tage des hl. Sylvester 1527 (wohl 1526). 

« Ep. I 24 an Ludwig Han, 23. Aug. 1505. 

' Ep. VIII 67 an Ulrich WoHhart ]m\., 23. Aug. 1540. 

' Davon sprechen zahlreiche Briefe der letzten Bücher. Sie bieten ver- 
schiedenes Material zur Geschichte dieses Unternehmens. Vgl. über dasselbe: 



26 Andreas Bigelmair 

Unermüdlich war er in der Lektüre klassischer und christlicher 
Autoren. Zahlreiche Zitate und Anspielungen zeugen davon: 
Horaz, Ovid, Vergil, Juvenal, Livius, Seneka, Plinius, Justinus 
Frontinus, Ambrosius, Macrobius, Hieronymus, Augustinus, Cassio- 
dor, Gregor d. Gr., Otto von Freising, Bernhard von Clairvaux 
sind ihm, wenigstens in einzelnen ihrer Werke, durch die Hände 
gegangen. Von den Griechen war es namentlich Plato, den er 
,, so wenig wie sein Auge entbehren konnte" ^. Er hat ihn in der 
Übersetzung des Marsilius Ficinus gelesen 2. Aber auch von Homer, 
Gregor von Nazianz, Hesiod, Heraklit, Theophrast, Origenes, 
Chrysostomus und anderen weiß er gelegentlich Gedanken zu ver- 
werten, wie sie ihm in lateinischen Übersetzungen, in Auszügen 
oder sekundärer Literatur zugegangen. Auch auf Avicenna be- 
ruft er sich des öfteren Malen. Sein Freund Stopel sandte ihm 
die Hymnen des Johannes von Damaskus mit einem griechischen 
Lexikon ^. Er rühmt Georg von Trapezunt, der den ihm schwer 
verständlichen Almagest des Claudius Ptolemäus übersetzt und 
erklärt ■*. Aber auch Enea Silvio Piccolomini, Francesco Petrarca, 
Angelo Poliziano, Franziscus Philelphus, Pico von Mirandola und 
andere Schriftsteller des Humanismus sind ihm nicht fremd ge- 
bheben ^. 

Er ist diesen humanistischen Idealen allezeit treu geblieben. 
Er hat sie noch in späteren Tagen in Schutz genommen gegen 
Klagen, die sie als die Ursache der schlimmen Lage der Gegen- 
wart bezeichneten. Niemand habe mehr Um'uhe gebracht als Luther, 
und er sei kein Grieche und kein Hebräer. Er verfüge über keinen 
gefeilten lateinischen Stil und schreibe in deutscher Sprache ^. 

M. Feyerabend III 132—145 153 f. — F. X. Huber, Eine Allgäuer Universität: 
Allg.äuer Geschichtsfreund VI (Kempten 1893) 75—77 93-96. — Th. Specht, 
Geschichte der ehemaligen Universität Dillingen (Freiburg i.B.1902) 8. — Sägmüller, 
Das philosophisch-theologische Studium innerhalb der schwäbischen Benediktiner- 
kongregation im l(j. und 17. Jahrhundert: Theologische Quartalschrift LXXXVI 
(Tübingen 1904) 163-65. 

^ Ep. II 83 an Bernhard Adelmann, 26. Juni 1515. 

^ Ep. I 73 an Johannes Reuchlin, 23. Juli 1509; Geiger, Reuchlins Brief- 
wechsel 113; ep. II 55 an Johannes Ellcnbog, am Tag des hl. Nicolaus 1513. 

3 Ep. I 100 an Jakobus Stopel, 10. März 1511. 

* Ep. IV 81 an Jakobus Stopel, 1. Mai 1531. 

"» Ep. I 100 an Jakobus Stopel, 10. März 1511; VII 96 an Wilhelm v. Riet 
heim. 17. Jan. 1539. 

• Ep. VIII 67 an Ulrich VVolfhart jun., 23. Aug. 1540. Geiger, Nicolaus 
EUenbog 167 f. 



Nikolaus Eilenbog und die Reformation 27 

Er hat einmal das Geständnis gemacht, daß ihm zur Zeit 
seines Noviziates nach den wehHchen Studien die Heihge Schrift 
zuweilen weniger schmackhaft erschienen sei ^. Aber anderer- 
seits hat er schon frühe es erklärt, daß er nicht Griechisch und 
Hebräisch lerne, um es zu sprechen, sondern um wenigstens den 
Sinn der heiligen Schriften ergründen zu können 2. Mehr und 
mehr wurde es ihm die wichtigste Aufgabe für den Mönch, ein be- 
ständiger Leser der Heiligen Schrift zu sein. Und wenn er sie 
gelesen, soll er sie im Geiste überdenken und im Werke zur Er- 
füllung bringen ^. Und stets schwebte ihm der Text derselben 
in den Ursprachen vor. Dringend mahnte er seinen Abt Leonhard 
Widemann, eine griechische und eine hebräische Bibel für die 
Klosterbibliothek anzuschaffen. Er wundere sich, daß sich der 
Abt dagegen sträube. In den jetzigen religiösen Streitigkeiten 
sei nicht mehr wie früher mit der lateinischen Bibel auszukommen, 
da die Gegner sich auf die Originale berufen, die einen anderen 
Text aufweisen als die Übersetzung. Die Zeiten seien andere 
geworden. . , . Und nachdem man schon zahlreiche Bücher habe, 
was solle da noch dabei sein, wenn auch die Grundlage der ganzen 
Religion und Theologie, der Text des Alten u. Neuen Testamentes, 
in den drei Hauptsprachen vorhanden sei ? * Sein Wunsch fand 
freilich keine Erfüllung. Es hat etwas Rührendes zu sehen, wie 
er sich von da ab Jahre bemühte, um in den Besitz der gewünschten 
griechischen und hebräischen Bibel zu gelangen. Der Abt, der 
sonst für Studien und Bibliothek ein von Ellenbog mehrfach ge- 
rühmtes tiefes Verständnis hatte, kam hier nicht entgegen ^. Durch 
Freunde sah er schließlich seinen Wimsch erfüllt. 

Mehr und mehr trat bei ihm im Laufe der Jahre das Interesse 
für die humanistischen Studien zurück vor dem Interesse für die 
theologischen Fragen; oder vielmehr er sah in den ersteren eine 
Vorbereitung für die letzteren. Er hat es seinem jüngeren Freimde, 
dem Ludimagister Kaspar Summer in Kempten gegenüber aus- 
gesprochen: „Ich liebe dich, da ich sehe, daß du zu den Wissen- 



1 Ep. I 66 an Konrad Peutinger, 1509. 

" Ep. II 6 an Ursula Wespcchin, 23. Mai 1511. 

3 Expositio primi psalmi. MS. B. des Klosters Ottobeuren Nr. 535. L. 0. 
Nr. 106 (siehe oben 18 Anm. 1). 

* Ep. III 100 an Abt Leonhard Widemann, 3. Febr. 1524. Geiger, Nicolaus 
Ellenbog 165-67. 

6 Ep. IV 36 an Petrus Seuter, 1. Jan. 1526. 



28 Andreas Bigelmair 

Schäften geboren; übe dich darin, bis du älter geworden bist und 
es dich zu den höheren Studien zieht, nämhch zur Theologie und 
zur Heiligen Schrift. Die Studien, die ein Jüngling hat, sind andere, 
als diejenigen, die des Mannes und des Greises harren." ^ 

Von entscheidendem Einfluß aber ist für diese seine Ent- 
wicklung geworden die Reformation. 

Ein Mann mit seinen geistigen und religiösen Interessen konnte 
an dieser Bewegung nicht vorübergehen. Von den Männern, die 
mit ihm in Briefwechsel gestanden, hat bald der eine oder andere 
ihr seine Sympathie bezeugt, wie Bernhard Adelmann, Veit Bild, 
Johannes ökolampadius, Ambrosius Blarer, Konrad Pellikan; 
andere sind ihre schärfsten Gegner geworden, wie Johannes Eck. 
Wichtiger aber war noch, daß in der kaum zwei Stunden von 
Ellenbogs Kloster entfernten Reichsstadt Memmingen schon seit 
1519 reformatorische Strömungen sich zeigten und seit 1523, 
namentlich durch die Tätigkeit des Predigers bei St. Martin Christoph 
Schappeler, mehr und mehr den Sieg gewannen ^. 

Die Reformation wird stets als doppelte Erscheinung zu er- 
klären und zu beurteilen sein. Sie ist eine Bewegung des Wider- 
standes gegen vorhandene und nicht behobene Mißstände in der 
Kirche, von der weite Kreise erfaßt wurden, getragen von Motiven 
religiöser und anderer Art. Und sie ist ein neues System von 
religiösen und theologischen Gedanken, das Martin Luther ge- 
schaffen und dem die einzelnen Reformatoren ihre Eigenart auf- 
gedrückt. 

Nikolaus EUenbog ist nicht blind gewesen gegen die Gebrechen 
der Kirche und kirchlichen Kreise. Er kaimte Weltpriester, die 
ihren Gebets Verpflichtungen nicht nachkamen ^, die im Konkubinate 

1 Ep. VII 88 an Kaspar Summer, 6. Dez. 1538; vgl. VIII 59 an Jakob von 
Sürgenstein, 4. Juli 1540. 

^ Zur Reformationsgeschichte der Stadt Memmingen vgl. J. G. Schelhorn, 
Kurtze Reformations-Historie der Keyserlichen Freyen Rcichs-Stadt Memmingen 
(Memmingen 1730). — M. Feyerabend a. a. O. III 12-38 u. ö. — J. F. Unold, 
Geschichte der Stadt Memmingen (Memmingen 1826). — K. Th. Keim, Schwäbische 
Roformationsgeschichte (Tübingen 1855) öfters. — E. Rohling, Die Reichsstadt 
Memmingen in der Zeit der evangelischen Volksbewegimg (München 1864). — 
Schleweck, Die Reichsstadt Memmingen und ihre religiös-politische Bewegung 
im 16. Jahrhundert: Historisch-politische Blätter LXIV (München 1869) 661-90 
761—94. — F. Dobel, Memmingen im Refornvationazcitalter (Memmingen 1877). 
— M. Sontheimer, Die Geistlichkeit des Kapitels Ottobeuren. Von dessen Ur- 
sprung bis zur Säkularisation I (Mommingen 1912); II (ebenda 1913) öfters. 

3 Ep. V 27 an Nikolaus Schlaur, 19. Nov. 1529. 



Nikolaus Eilenbog und die Reformation 29 

lebten ^. Er klagte, daß man in den Klöstern sich mit Händen 
und Füßen gegen Wissenschaft sträube, mit der Motivierung: 
,,Die Wissenschaft bläht auf, die Liebe erbaut," daß aber in Wirk- 
lichkeit mit der W^issenschaft auch die Liebe längst ausgezogen 
sei 2. Und er hat es noch in einem seiner letzten, 1539 verfaßten 
Traktate ausgesprochen: ,, Nicht deshalb, weil Luthers und ZwinglLs 
Lehren von Gott sind, nehmen sie von Tag zu Tag zu, sondern 
deshalb, weil der Papst, die Kardinäle, die Bischöfe, überhaupt 
der ganze Klerus den Weg des Herrn verlassen haben, der Hab- 
sucht und den Begierden nachhängen, nicht suchen, was Jesu 
Christi ist, und was zum Heile dient für den Nächsten, sondern 
nur ihre unersättliche Begierde zu befriedigen trachten. Wehe 
der Welt um der Ärgernisse willen!"^ Aber — er fügt sofort an, 
daß eben solche Fragen vom römischen Stuhle oder von einem 
allgemeinen Konzil zu entscheiden wären. Denn er hing in semer 
ganzen Anschauung mit der Kirche zusammen. Er hat sich das 
Wort Augustins zu eigen gemacht: ,,Ich würde dem Evangehum 
nicht glauben, wenn mich nicht die Autorität der Kirche hierzu 
bestimmen würde." Die Uikirche hat, vom Geiste Gottes er- 
leuchtet, über die Authentizität der Evangelien befunden. Von 
der Urkirche ist die Tradition über die Väter bis zur Gegenwart 
gelangt. Auftauchende Sch^^^erigkeiten smd stets von der Kirche 
auf den allgemeinen Konzilien gelöst worden. Die Kirche hat die 
Gewalt zu urteilen, und zwar auf den allgemeinen Konzilien. In 
ihnen verläßt Christus seine Braut nicht, sondern regiert und leitet 
sie mit seiner Gnade. Macht sollen gewinnen diejenigen, die die 
Autorität der allgemeinen Konzilien zu erhöhen trachten. Ab- 
trünnige Mönche haben nicht das Recht, in Glaubenssachen zu 
urteilen *. Die Theologie, die ihm das Hausstudium in Ottobeuren 
geboten, war wohl die scholastische gewesen. Er hat sie zu ver- 
tiefen gewußt. Charakteristisch ist, wie hoch er Tauler geschätzt. 
Er wünschte seine Gedanken bis ins Mark einprägen zu können 
zur richtigen Gestaltung seines Lebens. Sie seien ein kurzer Weg 
zur Vollkommenheit. Wohl beschuldigen ihn manche der Häresie 
und auch Eck nenne seine Schriften deliramenta: sie setzen 



1 Ep. V 68 an Albert (Krus), 25. Jan. 1531. 

2 Ep. IX 27 an Vitus Wick , 14. März 1542. Geiger, Nicolaus Eilenbog 1 68—70. 
^ Tractatus (tertius) Lutheranorum errores . . describens Cod. II 302 in 

der Klosterbibliothek Ottobeuren. 

* Ep. IX 83 an Nikolaus Eutringer, 9. April 1543, 



30 Andreas Bigelmair 

eben einen gereiften Leser voraus ^. Aber bei Eilenbog tritt ge- 
rade das hervor, was die Reformatoren zunächst bekämpften: 
der Glaube an Heiligen Verehrung, Reliquienkult, Fegfeuer, Rosen- 
kranz, später besonders Privatbeichte und Eucharistie. Und er 
war als Mönch glücklich. Dem Worte des Sokiates, daß er Gott 
danke, daß er als Mensch und nicht als Tier, als Mann und nicht 
als Frau, als Grieche und nicht als Barbar geboren sei, glaubte er 
noch anfügen zu dürfen: Besonders Dank ihm, daß wir Mönche 
sind : das ist ein großes Glück, das nicht allen zuteil wird 2. Und 
darum hat er von Anfang es scharf verurteilt, als Mönche aus dem 
Orden schieden, und die Reformatoren den Kampf gegen die Kloster- 
gelübde eröffneten. 

Am Anfang stand er der Bewegung ja fern gegenüber. Doch 
glaubte er schon 1520, daß der geforderte Widerruf Martin Luthers 
ad calendas graecas verschoben werde ^, und ein anderes Mal meinte 
er, man müsse abwarten, wie die Sache ausgehe "*. Schon 1523 
spricht er — wohl unter dem Eindruck der Predigten Christoph 
Schappelers in Memmingen — von den , .perfidissimi Lutherani"', 
die sich gegen die Heiligenverehrung erklären ^. Sei doch kein 
Lutheraner, mahnt er seinen Mitbruder Ulrich von Summerau, 
daß du die Anrufung der Heiligen vernachlässigest oder glaubst, 
daß man für die Verstorbenen nicht zu beten brauche, wie jetzt 
die Häresie in Memmingen lehrt ^. Die Lutheraner sind ihm die 
,,neoterici evangelistae", die in Wirkliclikeit nichts oder zu wenig 
vom Evangelium haben "^ . Die Schrift beweise, die Philipp Me- 
lanchthonin seinem (1523erschienenen) ,, Papstesel" ausDaniel gegen 
den Papst anführt, seien nicht stichhaltig ^. Als er von ökolampad 
hörte, daß derselbe (am 23. April 1520) in das Brigittenkloster 
Altomünster emgetreten ^, hat er ihm, den er von seinen Heidel- 



1 Ep. IV 79 an Prior Elias, 1. Juni 1528. 

^ Ep. II 3 an Wolfgang Hauser, 17. März 1511. 

^ Ep. III 60 an Gallus Knöringer, 4. Jan. 1520. 

* Ep. III 70 an Johannes Altenstaig, 7. Mai 1521. 

* Ep. III 96 an Johannes Mair, 3. Okt. 1523. 

* Ep. IV 14 an Johannes Ulricli von Summerau, 29. Nov. 1524. 

^ Ep. III, 100 an Leonhard Widemann, 3. Febr. 1524. Geiger, Nicolaua 
EUenbog 165-67. 

* Ep. IV 1 an Johannes Altenstaig, 4. März 1524. 

* Vgl. A. Bigelmair, Ükolanxpadius im Kloster Altomünster: Beiträge zur 
Geschichte der Renaissance mid Reformation, Joseph Schlecht dargebracht 
(Miinolien-Freising 1917) 14—44. 



Nikolaus Ellenbog und die Reformation 31 

berger Tagen her kannte, seine Freude ausgedrückt i. Aber als 
derselbe am 23, Januar 1522 wieder aus demselben schied, konnte 
er sein Befremden nicht verbergen ^ und schrieb sein ,,Syntagma 
de secessu Oecolampadii de monasterio S. Altonis", das er an Adel- 
mann sandte. Er verstehe nicht, was ökolampad unter christ- 
licher Freiheit meine; diejenigen, die am meisten in Christi Fuß- 
stapfen traten, hätten allezeit ihren Obern am meisten Gehorsam 
geleistet. Um seiner gelehrten Tätigkeit willen durfte er die Ge- 
lübde nicht brechen. Als einem Apostaten und Lutheraner werde 
man ihm wenig Glauben schenken. Er bitte Gott um seine Rück- 
kehr ins Kloster ^. 

Es kam die Zeit des Bauernkrieges. Er hat auch Ottobeuren 
heimgesucht *. Der Abt flüchtete sich nach Ulm, eine Anzahl 
Mönche fanden in auswärtigen Klöstern eine Zufluchtsstätte. 
Eilenbog selbst weilte mehrere Monate in Isny. Als er heim- 
kehrte, fand er traurige Zustände. In der Kirche waren Altäre 
beschädigt, Bilder und Reliquien zerstört; die Ivlostergebäude 
waren zerstört, die Fenster zertrümmert, die Öfen umgeworfen, 
kein Fenster, kein Hausgerät mehr vorhanden, die Bibliothek 
teilweise beraubt und verbrannt. Er hat mit Hand angelegt 
zur Wiederherstellung ^. 

Aber immer ist ihm diese Zeit in Erinnerimg geblieben und 
allezeit hat er für dieselbe die Reformation verantwortlich gemacht. 
,,Es ist kein guter Baum, der schlechte Früchte bringt," sagt er 
in seinem mehrfach erwähnten tractatus (tertius) Lutheranorum 
errores . . describens . . ,,Das ist ein Schriftwort (Luk. 6, 43), 
das nicht geändert werden kann. Siehe, ich spreche mit dir, o 
Luther. Da die Früchte deiner Lehre so bitter und schlecht sind, 
so folgt daraus, daß du selbst ein schlechter, ja sehr schlechter 
Baum bist. In dem Buche, das du an die Bauern schriebst, suchst 



^ Ep. III 63 an Johannes Ökolampadius, 11. Nov. 1520. Büchi, a. a. 0. 225 f. 

2 Ep. III 87 an Bernhard Adelmann, 16. Dez. 1522. Büchi, a. a. O. 228 f. 

3 MS. B. des Klosters Ottobeuren Nr. 535. L. O. Nr. 106 (vgl. oben S. 19 
Anm. 1). 

* Zur Geschichte des Bauernkrieges in Ottobeuren vgl. M. Feyerabend a. a. O. 
III 38 — 71. — F. L. Baumann, Quellen zur Geschichte des Bauernkrieges in Ober- 
Bohwaben: Bibliothek des literarischen Vereins in Stuttgart CXXIX (Tübingen 1876) 
öfters. — F. L. Baumann, Akten zur Geschichte des deutschen Bauernkrieges 
(Freiburg i. B. 1877) öfters. — F. L. Baumann, Geschichte des AUgäus III (Kempten 
1894) öfters. 

» Vgl. namentlich Ep. IV 21 22 25 26 30 31 32 35. 



32 Andreas Bigelmair 

du dich mit vielen Worten zu entschuldigen — aber es ist doch 
bekannt, daß du selbst die Hauptursache der Lostrennung der 
Bauern von ihren Herren geworden bist. . . Du hast dich dem 
Papste entgegengestellt, hast die von Gott eingesetzten Bischöfe 
verachtet, du lehnst die Traditionen und Satzungen der Kirche 
ab und verurteilst die allgemeinen Konzilien. Alles, was bis jetzt 
in der Kirche heilig gegolten, zerpflückst und zerreißest du. . . . 
So haben allmählich die Untertanen das Joch des Gehorsams 
abgeschüttelt, haben nach Freiheit gestrebt, die du so sehr in deinen 
Büchern verkündigst. So wurden sie zügellos und haben wie mi- 
gezähmte Pferde den Reiter abgeworfen. Sie stürmten die Klöster, 
raubten und plünderten und brannten. Sie besetzten die Burgen 
der Adeligen und machten Beute. Ihre Verschwörung ging durch 
ganz Deutschland, sie weigerten sich gemeinsam, der Obrigkeit 
zu gehorchen. Die erste Ursache all dieses Elends bist du, o Luther, 
wie deine Schriften bezeugen." Und ein anderes Mal sagt er in 
der gleichen Schrift: ,,Was hat die Häresie Luthers in ganz Deutsch- 
land geschaffen, als Uneinigkeit, Verwirrung, Aufstand ? Das ist 
offenbar geworden im Bauernkrieg. Daß lutherische Verschwörer 
an einzelnen Orten mitgewirkt, ist klar. Der Prediger in Mem- 
mingen (Schappeler) hat das mit eigenen Worten zugestanden, 
als er in einer Predigt sprach: ,Das sind meine Bauern, die ich zu 
dem Werke angestiftet. Aber das Ende ist noch nicht da. Es 
reicht nicht, daß sie die Klöster zerstören: sie müssen den Reichen 
ihre Ringe von den Fingern und ihi'e goldenen Ketten vom Halse 
nehmen und ihre Burgen von den Bergen stüi'zen.' Das ist wörthch 
eingetroffen. . . . Die Lutheraner sind die Urheber solcher Übel" ^. 
Eilenbog nahm später Anlaß, die Behauptung, daß leibliche Knecht- 
schaft nicht mit der christlichen Freiheit in Einklang zu bringen 
sei, in einem Traktat ,,de servis et Servitute corporali" zum Gegen- 
stand der Erörtermig zu machen ^. 

Von da ab sah er in der Reformation die Ursache alles Übels, 
Luther spricht schmeichelnde Worte von Freiheit:. Aber die Frei- 
heit wird mißbraucht zur Schlechtigkeit. Er führt neue Riten ein 
und verspiicht die Urkirche wieder herzustellen. . . . An ihren 
Früchten werdet ihr sie erkemien. . . . Seitdem die lutherische 



^ TractatUB (tertius lutheranonim errores . . describens. Cod. II 302 in der 
Klosterbibliothck Ottobeuren. 

^ De sorvis et Servitute corporali. Cod. II 302 in der Klosterbibliothek 
Ottobeuren. 



Nikolaus Eilenbog und die Reformation 33 

Treulosigkeit herrscht, gibt es überall Zwietracht und Krieg. Die 
Andacht hört auf, nicht nur zu den Heiligen, sondern auch zu 
Gott. Mit Recht sagt der Komiker: ,,Wir werden durch Freiheit 
aUe schlechter." Wir lieben Gott nicht mehr wie einst. Wir er- 
klären, daß erlaubt ist, was uns gefällt. . . . Der Sohn kämpft gegen 
den Vater, der Bruder gegen den Bruder, die Frau gegen den Mann, 
um die lutherische Häresie zu verteidigen. . . . Mönche, die beten 
wollen, werden als Heuchler bezeichnet, als böse Menschen, die 
auf Grund eigener Verdienste, nicht der Verdienste Christi den 
Himmel zu gewinnen versuchen. Gute Werke werden als eitles 
Rühmen erklärt, das mit dem Glauben nichts zu tun hat. . . . 
Mäßigkeit und Sparsamkeit wird gering geschätzt. Das vierzig- 
tägige Fasten wird in frivoler Weise verletzt. ... Es gibt keine 
Keuschheit, keine Enthaltsamkeit mehr. Die Lutheraner raten 
allen Klosterbewohnern, die Klöster zu verlassen, Frauen und 
Männer zu nehmen, Mönche verbinden sich mit Nonnen, nur mit 
lutherischer Dispense usw. ^ Ja, seitdem es den Mönchen frei- 
gestellt ward, ihr Kleid abzulegen, die Ohrenbeichte abgeschafft, 
die Anrufung der Heiligen aufgegeben, die Autorität der Kirche 
vernichtet ist, ist die Welt voll frevelhafter Menschen 2. Jetzt 
ist es soweit, daß Häresie nicht mehr gestraft wird und kirchliche 
Zensuren wertlos werden. Jeder kann sagen und schreiben, was 
ihm beliebt. Jeder noch so verkehrte Satz findet seine Verteidiger. 
Jeder kann d^e Heilige Schrift auslegen. Lederer und Schneider 
und Weber reden darüber, und wenn sie auch den Text nicht lesen 
können, sie streiten mit den gelehrtesten Theologen ^. 

Mit Aufmerksamkeit ist er den kirchlichen Ereignissen in 
seiner Umgebung und in der Welt draußen gefolgt. Er meint, 
die Memminger müßten verblendet sein, daß sie ihren Prediger 
Simpert Schenk als Autorität betrachten, obwohl er sich fort- 
während widerspricht ^. 1534 berichtet er einem Schweizer Freunde 
von den Klosterstürmen, die in Kempten, Isny, Lindau statt- 
gefunden 5. Er hat vom Tode Zwingiis erfahren ^ und von den 

^ Tractatus (tertius) Lutheranorum errores . . describens. Cod. II 302 in der 
Klosterbibliothek Ottobeuren. 

2 Ep. VIII 63 an Wolfgang Rychart, 10. Aug. 1540. 

^ Orandum, quod oratio salubris et utilis, ad Joannem Ellenbog. Cod. 
Nr 535 in der MS. B. des Klosters Ottobeuren (L. O. Nr. lOG). 

* Ep. V 77 an Jakobus Stopel, 16. Mai 1531. 
s Ep. VI 51 an Jakobus Bers, 9. Juli 1534. 

• Ep. V 92 an Jakobus Bers, 9. Dez. 1531. 

Festgabe Kuöp£ler 3 



34 Andreas Bigelmair 

Ehestreitigkeiten Heinrichs VIII. und dem Mart^rrium des Bischofs 
John Fisher von Rochester und verschiedener Mönche in Eng- 
land gehört ^. Dem auf Juni 1540 ausgeschriebenen Religions- 
gespräch zu Hagenau sah er mit großem Interesse entgegen und 
bat seinen in Straßburg weilenden jungen Freund Bartholomäus 
Wolfhart um sofortige Mitteilung über die Ergebnisse 2, nahm 
auch gegen dessen Beurteilung der Frage der Kirchengüter Stellung ^. 
Und als dasselbe in den April- und Maitagen des Jahres 1541 in 
Regensburg seine Fortsetzung fand, erhielt er von dem ihm be- 
freundeten Dekan von Wettenhausen die Verse eines Lutheraners 
zugesandt, die eine Anspielung auf die von den Parteien aufgestellten 
Kollo quenten : Pflug, Eck und Gropper, Melanchthon, Butzer 
und Pistorius (Beck) enthielten: 

Man pflügt, man egkt, und gropt dar zu 

Das Babel bleyben muß bey ru. 

Man milcht, man butzt und beckt der glich 

Das Syon bstat mit irem reijch. 

Ain streytt haben die zwo parteyen, 

Ratt welcher tail got die nechnert sey *. 
Er selbst hatte gesagt, daß dieser Regensburger Tag Hoff- 
nungen wecke: freilich, wenn der Papst den Nutzen, die Ruhe 
und die Ehre der Gesamtkirche nicht höher schätze als seinen 
Privatvorteil, werde der Reichstag wie eine wertlose Bulle vor- 
übergehen ^. Seine Enttäuschung über den Ausgang war eine große. 
Auch die Streitliteratur hat er einigermaßen verfolgt. Am 
Anfang dünkte ihm allerdings vieles neu, was ein neugläubig ge- 
sinnter Begleiter seines Bruders bei einem gelegentlichen Besuch 
in Ottobeuren vorbrachte: die lutherischen Bücher waren im 
Kloster durch die Dekrete Leos X. verboten gewesen ^. Aber 
später hat er verschiedene Werke von Luther, so namenthch 
dessen 1523 erschienene Schrift vom ,,Munchskalb" gelesen und 

1 Ep. VII 23 an Petrus Seuter, 30. Jan. 1536. 

2 Ep. VIII 64 Bartholomäus Wolf hart an Nikolaus Eilenbog, 14. Aug. 1540. 
Zum Religionsgespräch von Hagenau vgl. L. Pastor, Die Reunionsbestrebungen 
während der Regierung Karls V. (Freiburg i. Br 1879) 184 — 98. 

3 Ep. VIII 77 an Bartholomäus Wolfhart, 11. Jan. 1541. 

* Ep. VIII 97 an den Dekan von Wettenliausen, am Tag des hl. Agidius 1541. 

* Ep. VIII 88 an Abt Wolf gang von Kempten, am Tage der Apostel Philippus 
und Jakobus 1541. — Vgl. L. Pastor a. a. O. 218—78. 

' Orandum, quod oratio salubris et utilis, ad Joannem Ellenbog (um 1526): 
Cod. Nr. 535 in der MS. B. des Klosters Ottobeuren. L. Ü. Nr. 106, Anfang. 



Nikolaus Ellenbog und die Reformation 35 

abgeschrieben*. Nur das Büchlein von Ambrosius Blarer, das 1535 
unter dem Titel erschien: „Bericht von dem Widerruf, so er bei 
dem Artikel des hochwürdigen Sakraments des Leibs und Bluts 
unseres Herrn Jesu Christi gethan haben soll", sandte er ungelesen 
wieder zurück: Er wolle seine Zeit nicht mit solchen Possen ver- 
geuden. Ein abtrünniger Mönch werde ihn nie überzeugen 2. 
Sonst aber wollte er den Gegner hören. Er las nicht nur den Be- 
richt über das Religionsgespräch von Baden 1526 und Murners 
lateinische Übersetzung (acta Murneri) mit Freude ' : als er von 
der im Januar 1528 gehaltenen Disputation von Bern nur Ecks 
Widerlegung erhielt, erbat er sich eigens die Akten von einem 
Freunde *. Gelegentlich erwähnt er, daß er die Dialoge Johannes 
Hoffmeisters gelesen ^, und nicht genug zu rühmen weiß er Witzeis 
Werke ^ und Briefe'^. Bei einem Konzil mußte dieser gelehrte 
Mann anwesend sem! ^ Und namentlich haben sich die Beziehiuigen 
zu Eck immer inniger gestaltet: Er ist ihm ,,fast das einzige Auge 
der Zeit, das die Kirche der Sonne gleich erleuchtet". Er bittet 
Gott, daß sie ,,ihn gesund behalten und seine einzigartige ausge- 
zeichnete Gelehrsamkeit kosten dürften noch viele, viele Jahre." ^ 

1 Ep. V 20 an Nikolaus Schlaur, 20. Sept. 1529. 

2 Ep. VI 94 an Ludwig Han, 1535; VI 98 an Wilhelm von Rietheim, am 
dritten Bittage 1535. — Über das Werk Blarers vgl. Th. Pressel, Ambrosius Blaurers, 
des schwäbischen Reformators Leben imd Schriften (Stuttgart 1861) 331—48. 

^ Ep. V 8 an Johannes Mair, am Tag des hl. Johannes des Täufers 1529. 
Geiger, Nicolaus Eilenbog 178 f. Über die Herausgabe der Badener Disputations- 
akten vgl. Th. V. Liebenau, D. Thomas Murner (Freiburg i. Br. 1913) 224—28. 

* Ep. V 87 an Johannes Mair, 30. Aug. 1531. Über die Ausgabe der Berner 
Disputationsakten und die Widerlegimg derselben durch Eck vgl. Th. Wiede- 
mann, D. Johann Eck (Regensburg 1865) 570—72. 

5 Ep. VIII 37 an Wilhelm von Rietheim, 25. Aug. 1539. Über das Werk 
Hoffmeisters vgl. N. Paulus, Der Augustinermönch Johamaes Hoffmeister (Frei- 
burg i. Br. 1891) 69 74 384. In dem Briefe eine von Abneigimg gegen Butzer er- 
füllte Deutung von dessen Namen. 

® Ep. VII 1 an Wilhelm von Rietheim, 18. Juni 1535. Über die Übersetzung 
einer Schrift Witzeis ins Lateinische siehe Geiger, Nicolaus EUenbog 108. 

^ Ep. VIII 12 an Kaspar Summer, 1. Mai 1539. Die Briefe Witzeis waren 
1537 erschienen: Epistolarum, quae inter aliquot centurias videbantur partim 
profuturae theologicarum literarum studiosis, partim irmocentis famam adversus 
Sycophantiam defensurae libri quatuor Georgii Vvicelii. Lipsiae, Excudebat 
Nicolaus Vuolrab MDXXXVII. Vgl. G. Richter, Die Schriften Georg Witzeis 
bibliographisch bearbeitet (Fulda 1913) 183-86. 

« Ep. VII 1 an Wilhelm von Rietheim, 18. Juni 1535. 

• Ep. VI 86 an Johannes Eck, 5. März 1535. Geiger, Nicolaus Eilenbog 
192—94 (die dort gegebene Jahreszahl 1533 beruht wohl auf einem Druckfehler). 

8* 



36 Andreas Bigelmair 

Aber EUenbog hat auch selbst zur Feder gegriffen. In einer 
ganzen Reihe von kleinen Schriften suchte er einzelne Punkte 
der katholischen Theologie gegen Angriffe herauszustellen. Viel- 
leicht eine seiner ersten in dieser Absicht geschriebenen Abhand- 
lungen war die um 1526 entstandene „Responsio ad nonnullas 
quaestiones factas de papa"^. Er war um sein Urteil gebeten worden 
über die Fragen, ob der Papst das Haupt der Kirche und das 
Kollegium der Kardinäle der Körper der heiligen römischen Kirche 
seien; ob der Papst der wahre Nachfolger des Apostelfürsten Petrus 
sei. Martin Luther verwirre mit diesen und ähnlichen Fragen 
fast die ganze Kirche. . . . Das ganze Heil stehe in Gefahr, täglich 
entstünden Schismen, überall gewinne die Empörung Kraft. . . . 
Solche Fragen seien bisher von den Christusgläubigen in pietät- 
voller Weise zur Erörterung zugelassen, aber nicht von jedermann 
leichtsinnig aufgeworfen worden. . . . Aber das sei eine Zulassung 
Gottes wegen der Sünden der Menschen. Früher sei an der päpst- 
lichen Kurie alles wohl bestellt gewesen. Die Päpste seien in Wort 
und Tat Vorsteher gewesen. Jetzt habe ihr ungeordnetes Leben 
ihre Autorität verachten gelehrt. Jeder Frevel finde sich dort. 
Das Salz sei schal geworden und deshalb werde es hinausgeworfen. 
Aber der Schluß sei doch unberechtigt. Der Papst sei stets als 
Haupt der Kirche betrachtet worden. Jeder Staat müsse ein 
Haupt haben. Die Monarchie sei die beste Staatsform. Schon 
im Alten Testamente habe es nur einen Hohenpriester gegeben. 
Und so sei es auch im Neuen. Wie nur ein Christus und nur em 
Haupt, so auch nur ein Papst. Aber sein Talent und seme Wach- 
samkeit reicht nicht aus. Deshalb sind ihm die Kardinäle an die 
Seite gegeben. Und da die Kirche auf dem ganzen Erdkreis zer- 
streut ist, gibt es auch Patriarchen, Erzbischöfe, Bischöfe usw., 
aber immer in Gehorsam unter dem Papst. L^nd diejenigen, die 
im kirchlichen Leben untergeordnet sind, müssen den Päpsten in 
erlaubten Dingen gehorchen, auch wenn dieselben ein weniger 
billigenswertes Leben führen. Das lehrt schon die Heilige Schiüft. 
Denn Christus, das (auch von den Gegnern anerkannte) Haupt 
der Kirche, hat vor seinem Scheiden den Petrus und die übrigen 
Apostel zur Leitung der Kü'che zurückgelassen. Und nach ihrem 
Tode mußten andere eingesetzt werden. Und weil jede Älelirheit 
ein Unsegen ist, ist die Gewalt in einem zusammengefaßt, und 

^ Rosponsio ad nonnullas quaestiones factas de papn inMS. B. des Klosters 
Ottobeuren Kr. 535. L. O. Nr. 100. 



Nikolaus Ellenbog und die Reformation 37 

zwar im römischen Bischöfe. Ihm hat deshalb fast die ganze 
kathoHsche Kirche soviele Jahrhunderte ohne Zögern und ohne 
Wanken gehorcht. Und soll man deshalb den Papst nicht mehr 
als Haupt der Kirche anerkennen, weil er schlecht ist und ein 
weniger ehrbares Leben führt ? Dann müßte man auch Fürsten 
imd Könige absetzen, denn auch bei ihnen finden sich ungerechte, 
und zwar ziemlich viele. Die Würde selbst wird durch das schlechte 
Leben nicht beeinträchtigt. Wenn ein Papst schlecht ist und ein 
unehrbares Leben führt, dann soll er abgesetzt werden und ein 
Würdiger an seiner Statt aufgestellt werden. Aber das soll von 
denen geschehen, denen es zusteht imd die es mit Recht tun können. 
Wenn mr nicht Verächter Gottes sein wollen, müssen wir dem 
Papste gehorchen. Wenn es jedem Bischof freistünde, in seiner 
Diözese nach seinem Gutdünken Verfügungen zu treffen, würden 
leicht Schismen in den Diözesen entstehen. . . . Daß aber gerade 
der Bischof von Rom als oberster Bischof aufgestellt wird, und 
nicht vielmehr der Bischof von Salzburg oder Mainz oder Trier, 
sei das Ergebnis einer anderen Erwägung. Wir sehen, daß das 
Kaisertum einst bei den Griechen war und jetzt auf die Römer 
übertragen worden. Und es könnte infolgedessen nicht auffallend 
scheinen, wenn nach dem Tode eines Papstes durch die Stimme 
des gesamten Volkes ein anderer Bischof erprobten Wandels zum 
Papste gewählt würde, sei es, daß er in Franki'eich oder in Spanien 
oder in Ungarn oder in Polen wäre; und er könnte die Stellung 
des Statthalters Christi ebenso in Deutschland ausfüllen ^^'ie 
in Rom. Aber wir wollen diese Ehre doch Rom übertragen 
wegen seines x4.1ters und wegen der besonderen Verehrimg für die 
Apostel Petrus und Paulus. Vielleicht war es doch nicht müßig, 
daß unser Herr mid Heiland Jesus Christus geboren werden wollte 
zu einer Zeit, da die Römer die Herrschaft über die ganze Welt 
innehatten, um anzuzeigen, daß auch die römische Kirche allen 
anderen gebieten sollte. L"nd deshalb sandte er dorthin die Apostel- 
fürsten Petrus und Paulus. Dazu kommt etwas anderes. Wenn 
die Wahl des Papstes in verschiedenen Nationen und Reichen 
erfolgen müßte, gäbe es Anlaß zu Streitigkeiten und Schismen. 
Darum ist diese Aufgabe den Kardinälen zugewiesen. Wenn sie 
doch immer bei der Wahl Gott allein vor Augen hätten und Gunst, 
Furcht und eigenen Vorteil außer acht ließen! So aber lassen sie 
sich mit Geld bestechen und wählen einen Mann zum Papste, 
den sie nicht wählen sollten. Und so kommt es, daß der Papst 



38 Andreas Bigelmair 

nicht durch die wahre Türe eintritt, sondern eher als Dieb und 
Wolf erfunden wird denn als Hirte der Schafe des Herrn, und daß 
ob seines schlechten Lebens Würde und Ansehen des Papsttums 
der Verachtung anheimfallen, und das von Tag zu Tag mehr. 
Gebe doch Gott, daß Priester und Volk sich zum Besseren wenden 
und Friede und Eintracht der Kirche wiedergeschenkt werde! 
In ähnlicher Weise hat Ellenbog andere Punkte erörtert, so 
den Wert des Gebetes in dem Traktate ,,Orandum, quod oratio 
salubris et utilis" ^. Der Heiligen Verehrung hat er mehrere Ab- 
handlungen gewidmet: ,,Adclamatio electorum in patria ad eos 
qui sanctos invocandos negant" 2; ,,Sermo de sancta Fehcitate" ', 
,,Sermo in translatione S. Alexandri de veneratione sanctorum" *, 
sämtliche zwischen 1526 und 1529 entstanden; ,,De fratemitate 
seu navicula sanctae Ursulae", nach 1532 verfaßt^; ,,Tractatus 
(quartus) de angelorum et aliorum electorum honore et invocatione. 
Item de sanctorum reliquiis et imaginibus", um 1539 geschrieben ®. 
1529 bat ihn sein Freund Gallus Knoeringer in Füssen ' des öfteren 
Malen, ein Syntagma über die armen Seelen zu schreiben ^. Nach 
einigem Zögern erklärte sich Ellenbog bereit und bald konnte er 
ihm die „Adclamatio animarum in purgatorio ad versus negantes 
purgatorium" ^ senden. Er kam später ^vieder auf diese Frage zu- 
rück in seinem Traktatus ,,De purgatorio et mortuorum suffragüs"^^. 

^ Orandum, quod oratio salubris et utilis ad loannem Ellenbog, in MS. B. 
des Klosters Ottobeuren. Nr. 535. L. O. Nr. 106. 

^ Adclamatio electorum in patria ad eos qui sanctos invocandos negant, in 
MS. B. des Klosters Ottobeuren Nr. 535. L. O. Nr. 106. 

3 Sermo de sancta Felicitate, in MS. B. des Klosters Ottobeuren Nr. 535. 
L. 0. Nr. 106. 

* Sermo in translationem Sancti Alexandri, de veneratione sanctorum, in 
MS, B. des Klosters Ottobeuren Nr. 535. 

^ Ellenbogii opuscula, cod. lat. Par. 3660, I, f. 2 — 11. Geiger, Nicolaus 
Ellenbog 94 f. 

' Tractatus (quartus) de angelorum et electorum honore et invocatione. Item de 
sanctorum reliquiis et imaginibus, in Cod. II 302 der Klosterbibliothek Ottobeuren. 

' Vgl. über ihn: D. Leistle, Wissenschaftliche und künstlerische Strebsam- 
keit im St. Magnusstifte zu Füssen (Brunn 1898) 36—38. 

' Ep. IV 96 Gallus Knoeringer an Nikolaus Ellenbog, Oktav von Johannes 
d. Evangelisten 1529; V 10, 25. Juni 1529. 

' Ep. V 11 an Gallus Knoeringer, 11. Juli 1529; V 12 an Gallus Knoeringer, 
am Tage des hl. Apostels Jakobus 1529. — Adclamatio animarum in purgatorio 
adversus negantes purgatorium, in Cod. lat. Paris. 1548 f. 37v— 56v. Geiger, 
Nicolaus Ellenbog 97—100. 

'" De purgatorio et mortuorum suffragiis, in Cod. II 302 der Klosterbibliothek 
in Ottobeuren. 



Nikolaus Eilenbog und die Reformation 39 

Gegen die Abendmahlslehre ökolampads und Zwinglis war seine 
Schrift ,,De veritate Corporis et Sanguinis Christi in eucharistia" 
gerichtet, die er nach der Angabe der Handschrift am 11. Februar 
1539 vollendete ^. Weitere Schriften beschäftigten sich mit der 
Berechtigung und der Bedeutung der guten Werke 2, mit der Lehre, 
daß man auch nicht ausdrücklich in der heiligen Schrift Aus- 
gesprochenes zu halten habe *. Ganz besondere Arbeit hat er 
der Verteidigung des Mönchstandes gewidmet. Als er 1529 die 
Schrift Luthers vom ,,Munchskalb" gelesen*, faßte er den Ent- 
schluß, ,,zur Verteidigung des mönchischen Lebens" etwas zu 
schreiben ^. 1532 war die confutatio vollendet ^, und da sie ihm 
zu leidenschaftlich schien, fertigte er 1534 eine Abschrift '. Sie 
sucht Satz für Satz Luthers Ausführungen zu ^\'iderlegen. Er 
griff 1538 den Gegenstand nochmals auf ^, und kurze Zeit darauf 
behandelte er das Thema ein drittes Mal, indem er alle Stellen der 
HeiUgen Schrift zusammenstellte, die ihm für das Mönchsleben zu 
sprechen schienen ^. 

Vielleicht das Schärfste, was Nikolaus EUenbog gegen die 
Neuerer geschrieben, ist sein 1539 verfaßter,, Tractatus Lutheranorum 



^ Ep. VII 89 an Konrad Karst, am Tage des hl. Evangelisten Johannes 1538 
(die in der Hs. gegebene Jahreszahl 1539 ist ein Schreibfehler EUenbogs). — De 
veritate Corporis et Sanguinis Christi in eucharistia. Cod. lat. Paris. 3660, II, 
f. 122r— 144r. Geiger, Nicolaus Ellenbog 95—97. 

^ Tractatus (primus) de operibus bonis, in Cod. II 302 der Klosterbibliothek 
in Ottobeuren. Enthält auch Äußerungern über Luthers Ablehnimg des Jakobus- 
briefes. — Auch der Traktat „De pietate" in der gleichen Hs. gehört hierher. 

^ Tractatus (quintus), etiam non expressa in scriptura observare debere, 
in Cod. II 302 der Klosterbibliothek in Ottobeuren. 

* Deutimg der zwei greulichen Figuren Bapstesels zu Rom und Mimchkalbs 
zu Freyberg fimden. Philippus Melanchthon, Doctor Martinus Luther (Witten- 
berg 1523). Vgl. darüber etwa: J. Koestlin-G. Kawerau, Martin Luther. Sein 
Leben und seine Schriften (^ Berlin 1903) I 644 646. H. Grisar, Luther II (Frei- 
burg i. Br. 1911) 120-24. 

» Ep. V 20 an Nikolaus Schlaur, 20. Sept. 1529. 

' Vituli monachilis Lutheri confutatio per fratrem Nicolaum EUenbog Otten- 
purrhanum pro monasticae vitae defensione. Cod. lat. Paris. 3548, f. 67 r— 130. 
Geiger, Nicolaus Eilenbog 84—89. 

' Ep. VI 40 an Johannes Mair, 31. Jan. 1534. 

' Confutatio spurcissimi cuiusdam libelli Martmi Luter, simul et defensio 
monasticae vitae auctore fratre Nicoiao Ellenbog, in Cod. lat. Paris. 3660, f. 1 — 122. 
Geiger, Nicolaus EUenbog 89—94. 

^ Tractatus (secundus) de religiosis, et pro defensione vitae Monasticae, 
in Cod. II 302 der KlosterbibUothek in Ottobeuren. 



40 Andieas Bigelmair 

errores et dolos peculiarius describens" i. An der Hand von Stellen 
aus der Heiligen Schrift, von der Genesis angefangen bis zur Apo- 
kalypse, sucht er ihre Lehren zu zeichnen und zu widerlegen. Er 
beginnt mit dem Satze der Genesis (6, 3): ,,Es wird mein Greist 
nicht ewiglich im Menschen bleiben, weil er Fleisch ist." Das 
paßt auf unsere Zeit. Wir leben fleischlich, und darum weicht 
von uns der Geist Gottes. Was verkörpert die lutherische Partei 
anderes als die Fleischlichkeit ? Alle ihre Bücher sprechen von 
der Ehe, und sie raten sie auch den Priestern und Mönchen auf alle 
mögliche Art. Enthaltsamkeit hat bei ihnen keine Stelle. Und 
doch ist zweifellos Jungfräulichkeit und Zölibat vorzuziehen. 
Warum mahnen sie denn nicht die Kleinmütigen und stärken die 
Schwachen zum Kampfe gegen das Fleisch? usw. Er bekämpft in 
seinen umfangreichen Ausführungen (sie umfassen 77 Seiten) in 
verschiedenen Variationen besonders ihre Lehre vom allgemeinen 
Priestertum , ihre freie Auslegung der Heiligen Schrift, ihre Ab- 
lehnung des Papsttums, ihre Aufhebung des Fasten- mid Abstinenz- 
gebotes, ihre Abschaffung alter Gebräuche, wie der Bittage, ihre 
Verwerfung der Heiligenverehrung und der Verbindung mit den 
Seelen im Fegfeuer, ihre Verwendung weltlicher Gewänder und 
profaner Geräte beim Gottesdienst, ihre Hinwegsetzung über kirch- 
liche Zensuren, ihre Lieblosigkeit, die sich besonders gegen die 
Mönche zeige, usw. Und er schließt: Luther scheint genügend 
gekennzeichnet als das Tier, von dem die Apokalj-pse im 1 3. Kapitel 
schreibt: ,,Und das Tier, das ich sah, war einem Pardel gleich 
und seine Füße wie Füße eines Bären und sein Mund wie der Mund 
eines Löwen." Ein Pardel sind Luther und seine Anhänger, ver- 
schiedenartig und verschiedenfarbig: sie lehi*en bald dieses, bald 
jenes. Und sie bleiben bei dem, was sie sagen, solange sie sehen, 
daß es dem Volke gefällt. Und wenn sie sehen, daß ihre Predigt 
kein Gefallen mehr findet, ändern sie in ihren Predigten ihre 
Worte und Gedanken und erklären, sie seien vorher nicht recht 
verstanden worden. Und die Füße der Lutheraner sind wie Füße 
eines Bären. Der Bär verteidigt sich mit den Vorderfüßen gegen 
seine Jäger und klug und tapfer schüttelt er die Speere ab, die auf 
ihn gerichtet waren. So setzt sich auch Luther mit semer Hand, 
nämlich seiner Feder und seinen Schriften, auf wunderbare Weise 
gegen alle seine Gegner zur Wehr. Er hat noch kein Buch heraus- 

^ Tractatus (tertms) Luthcranonim errores et dolos peculinriiis describens, 
in Cod. II 302 der Klosterbibliothek in Ottobeuren. 



Nikolaus Eilenbog und die Reformation 41 

gegeben, daR nicht strotzt von Schmähungen und Verleumdungen. 
Und wie das Brüllen aus dem Munde des Löwen weit und breit 
gehört wird, so ist jetzt die Häresie Luthers in der ganzen Welt 
verbreitet. . . . Der Drache hat Luther große Gewalt gegeben, 
weil unter Beihilfe des Satans fast die ganze deutsche Nation ihr 
verfallen ist. . . . Und soviel Häupter hat dieses Tier, als es häretische 
Glaubensartikel hat. Eines schien abgehauen, weil es zuerst von 
den Ablässen zu disputieren anfing: und es schien seine Arbeit 
getan. Aber es lebte wieder auf, und für das eine Haupt erstanden 
unzählige usw. . . . Wem sollte sein Evangelium nicht verdächtig 
dünken, da er dem Papst entgegentritt und die Kirche verachtet ? 
Er lehnt die allgemeinen Konzilien ab. ,,Wenn du ein Sohn der 
Kirche wärest, hättest du beobachten müssen, was die Gesamt- 
kirche beschlossen. Aber weil du die Gesetze der Kirche ver- 
achtest, verachtet auch dich die Kirche und erklärt dich als einen 
Verleugner des christlichen Glaubens, als einen Häretiker und 
Apostaten." 

Die Leidenschaft, die hier, wie auch sonst zuweilen die Feder 
zu führen scheint, war eigentlich nicht Ellenbogs Art. ]Milde und 
versöhnHch hat er bis in seine letzten Jahre hinein Beziehungen 
zu Andersdenkenden aufrecht erhalten, -wie zu dem Llmer Stadt- 
arzt Wolfgang Rychard, der auch in späteren Jahren noch auf 
dem Boden der Reformation stand, wenn auch sein ursprüngliches 
Interesse hierfür erkaltet war ^ ; oder zu dem Arzte Ulrich Wolf- 
hart, der in der Reformationsbewegung seiner Stadt ]\Iemmingen 
eine bedeutsame Rolle gespielt 2. Und dessen Sohn Bartholomäus 
WoKhart gegenüber hat er zwar seinen Standpunkt in der Frage 
der Kirchengüter mit aller Entschiedenheit verteidigt, aber trotz- 
dem vorgeschlagen, trennende Fragen in ihren gegenseitigen Briefen 
nicht mehr zu behandeln ^. Nein, was aus dieser Leidenschaft 



^ Vgl. über Wolf gang Rychard: Th. Keim, Wolfgang Rj'chard, der Ulmer 
Arzt, ein Bild aus der Reformationszeit: Theologische Jahrbücher XII (Tübingen 
1853) 307—73. — A. Naegele, Beiträge zur Geschichte des Humanismus: Studien 
imd Mitteilungen zur Geschichte des Benediktinerordens XXXV (Salzburg 1914) 
483-515 621-40. 

2 Er hatte beim Religionsgespräch in Memmingen 1525 präsidiert. J. G. 
Schelhorn, Kurtze Reformationshistorie 62 200. — M. Feyerabend a. a. O. III 
37. Dazu die früher schon (S. 28 Anm. 2) angeführte Literatur zur Reformation 
in Memmingen. 

•'' Ep. VIII 77 an Bartholomäus Wolfhart, 11. Jan. 1541. 



42 Andreas Bigelmair, Nikolaus Eilenbog und die Reformation 

spricht, sie erklärt und zum Teil entschuldigt, ist die Liebe zu seiner 
alten Kirche. Ihr wollte er dienen, und ihr hat er, in seinem Kreise 
und mit seinen Mitteln, gedient. Und das, was er im stillen Herzen 
ersehnte und erbetete, war die Einheit im Glauben ^. 



^ Vgl. Tractatus (tertius) Lutheranorum errores et dolos peculiarius de- 
scribens: adMatth. 15: Ocaelestis pater respice super hanc familiam tuam pro qua 
dominus noster Jhesus christus non dubitavit manibus tradi nocentium et crucis 
subire tormentum. Respice quaeso populum miserum, ut redeat . . ad ecclesiae 
unitatem . . . 



Stationsgottesdienste in frühmittelalterlichen 
Bischofsstädten. 

Von 

Johann Dorn in Friedberg in Bayern. 

Stationsgottesdienste galten bisher als eine ausgesprochen 
römische Einrichtung ^ und sind als solche vor allem dem katho- 
Uschen Priester geläufig aus den Namen der Stationskirchen, die 
er an der Spitze der Meßformulare der Advent- und Fastenzeit 
sowie bestimmter Feste noch heute im Missale findet 2. Auf Bei- 
spiele von Stationsgottesdiensten außerhalb Roms ist seit dem 
Erscheinen des unten zu besprechenden, 1782 gedruckten Buches 
von Würdtwein meines Wissens nicht mehr aufmerksam ge- 
macht worden; und so konnte Ulrich Stutz in seiner für kirchliche 
wie profane Rechtsgeschichte gleich interessanten Untersuchung 
über Karls des Großen divisio von Bistum und Grafschaft Chur 
gegen die auf eine in ihrer Kürze nicht ganz klare Stelle gegründete 
Hypothese eines bischöflichen Wandergottesdienstes im karo- 
lingischen Chur neben anderen Gründen auch geltend machen, 
daß ein solcher außerhalb Roms bisher nicht nachgewiesen sei ^. 

Diese Bemerkung von Stutz lenkte meine Aufmerksamkeit 
auf den Gegenstand und es gelang mir, eine Reihe von Quellen- 

^ Über die römischen Stationsgottesdienste vgl. Ferd. Probst, Die ältesten 
römischen Sakramentarien und Ordines (Münster 1892) 315 324—328 351 361; 
Kirchenlexikon 11, 740 f.; Hartm. Grisar, Geschichte Roms und der Päpste im 
Mittelalter 1 (Freiburg 1901). Register; Val. Thalhof er, Handbuch der katholischen 
Liturgik, ^ von Ludwig Eisenhofer 2 (Freiburg 1912) 51—53. 

^ Auch im Meßformulare selbst finden sich mehrmals Anspielungen auf das 
Patrozinium der Stationskirche, so in der Oration des Sonntags Sexagesima, im 
Evangelium am Donnerstag und in der Lesung am Samstag der dritten Fasten- 
woche. 

^ Vgl. Ulrich Stutz, Karls des Großen divisio von Bistum und Grafschaft 
Chur (Historische Aufsätze Karl Zeumer zum 60. Gebmtstag dargebracht, Weimar 
1910) S. 107 ^. Der Bischof beschwert sich bei Ludwig dem Frommen: ,,Tulenmt, 
domine, omncs ecclesias in circuitu sedis nostrae, quae antiquitus semper ab epi- 
scopis fuerunt possesse et in praedicta sede diebus singulis officia cele- 
brabant." 



14 Johann Doni 

stellen zu finden, die auch für nördlich der Alpen gelegene Bischofs- 
städte die Übung eines bischöflichen Wandergottesdienstes teils 
erweisen, teils wahrscheinlich machen. 

Was Chur betrifft, so halte ich allerdings die von Stutz 
vorgeschlagene und eingehend begründete Deutung des strittigen 
Satzes der zweiten Klagschrift Bischof Viktors von Chur für richtig 
und die Existenz eines Stationsgottesdienstes in der genannten 
Bischofsstadt für unerwiesen. 

Klarere Andeutungen besitzen wir für Augsburg. Das 
vierte Kapitel der von Gerhard, seinem Freunde, verfaßten Lebens- 
beschreibung des heiligen Bischofs Ulrich erzählt uns anschaulich, 
wie dieser die Karwoche und die Osterfeiertage zubrachte. Am 
frühen Morgen des Palmsonntags oder schon tags zuvor begab 
er sich zur Kirche der heiligen Afra, sang dort die Messe von der 
hl, Dreifaltigkeit, segnete Palmen sowie andere grünende Zweige; 
dann zog er mit Evangelienbuch, Kreuz und Fahnen — auch ein 
Palmesel wurde bereits mitgeführt — begleitet von Geistlichen 
und vielem Volk unter frommen Gesängen bis zu dem Hügel 
,, Perleich". Hier kam ihm der Domchor entgegen samt den Leuten, 
die in der Stadt zurückgeblieben waren, und jenen aus den um- 
liegenden Ortschaften, die sich ihnen hier anschUeßen wollten. 
Ulrich hielt eine Predigt über das Leiden des Herrn, darauf zogen 
alle zusammen in den Dom S. Maria, wo die kirchliche Feier mit 
einer Messe abgeschlossen wurde. Die Gottesdienste der letzten 
Karwochentage sowie des Ostersonntags fanden anscheinend alle 
unter Teilnahme des ganzen Stadt klerus und sämtlichen Volke« 
in der Kathedrale statt; die Beteiligung des Klerus von S. Afra 
am Hochamt des Ostertages ist durch die Tischordnung des Fest- 
mahles verbürgt. Am Ostermontag hingegen feierte Ulrich in 
Gegenwart der gesamten Geistlichkeit die heilige Messe in S. Afra 
und spendete dort die Firmung ^. 

De statiombus ecclesiae Moguntinae hat Stephan Alexander 
Würdtwein ein ziemlich umfangreiches Büchlein geschrieben 2. 
Er behandelt darin jedoch nicht bloß Stationsgottesdienste im 
engeren Sinne, sondern beschreibt alle Prozessionen der Mainzer 
Domgeistlichkeit, gleichviel ob sie von dieser allein oder zusammen 

» MG. SS. IV 391-393. 

^ Steph. Alexander Würdtwein, Comn\entatio historioo-liturgica de stationibug 
ecclesiae l\roguntinae . . . addito ooolesiarum Trevirensis et Coloniensis ritu illu- 
strata. Moguntiae 1782. 



Stationsgottesdienste in frühmittelalterlichen Bischofastädten 46 

mit dem Klerus anderer Kirchen ausgeführt wurden, gleichviel 
ob sie ein fremdes Gotteshaus oder einen Altar oder eine Kapelle 
des Domes selbst zum Ziele hatten. Leider unterläßt es Würdt- 
wein fast durchwegs, Mitteilungen über das höhere oder geringere 
Alter der einzelnen Prozessionen zu geben. Doch trage ich kein 
Bedenken, manche davon in ihrem Ursprung auf alte Stations- 
gottesdienste zurückzuführen ; vor allem solche, an denen nicht bloß 
die Domgeistlichkeit, sondern auch die verschiedenen Kollegiat- 
kirchen der Stadt teilnahmen. Am Palmsonntag z. B. versammelten 
sich alle ,,ecclesiae secundariae" im Dom, um gemeinschaftlich mit 
den Domherren nach S. Alban zur Palmweihe zu ziehen ^; am Oster- 
feste nahmen die Kanoniker von S. Peter, S. Stephan und S. Viktor 
am Gottesdienste der Kathedrale teil ^\ umgekehrt zogen der Dom- 
chor und die ecclesiae secundariae am Ostermontag ursprünglich 
nach S. Peter außerhalb der Mauern, am Osterdienstag nach 
S. Alban, am Ostermittwoch nach S. Jakob ^; auch bei den Ro- 
gationsprozessionen schlössen sich in älterer Zeit anscheinend alle 
KoUegiatkirchen dem Dome an ^ ; Christi Himmelfahrt feierten sie 
allesamt in S. Stephan ^, das Fest des hl. Martin selbstverständlich 
in der ihm geweihten Domkirche ^. 

Würdtwein hat in sein Buch auch zahlreiche Mitteilungen 
über kirchliche Umzüge in Köln und Trier eingestreut. Doch 
vermissen wir auch hier genaue Altersangaben; ebenso läßt sich 
bei den Trierer Prozessionen nicht immer ersehen, ob sie eme 
außerhalb des Domes gelegene Kirche oder einen innerhalb des- 
selben befindlichen Altar zum Ziele hatten und wer außer der Dom- 
geistlichkeit noch daran teilnahm. Nur für den in der Kathedrale 
und der anstoßenden Liebfrauenkirche abgehaltenen Palmsonntags- 
gottesdienst und die am Mittwoch nach Jubilate stattfindende 



^ Würdtwein 4 18 140-155. 

^ Würdtwein 184 s. 

3 Würdtwein 190-195. ^ 

* Würdtwein 56 s; cf. 18 8 221-228. 

^ Würdtwein 223. 

' Würdtwein 270—275. — Es sei hier noch auf zwei Urkunden aus den Jahren 
1230 und 1251 verwiesen, in denen die Erzbischöfe Siegfried und Christian „propter 
excessum in stationibus Palmarum a decano et capitulo s. Victoris nobis et eccle- 
sie nostre exhibitum" bzw. „quod (s. Petri et s. Stephani) canonici in quadam 
statione publica . . . misse se solempniis subtraxerunt", das Recht der Bestrafung 
solcher Fälle regeln (Valent. Ferd. de Gudenus, Codex diplomaticus exhibens 
anecdota . . . Moguntiaca 1 [Goettingae 1743] 504 8. n. 196; 613 — 616 n. 256). 



46 Johann Dorn 

„Statio luporum", eine sicher in sehr fiühe Zeit zurückreichende 
Bittprozession nach Euren, ist die Beteiligung der Trierer Kollegiat- 
kirchen ausdrücklich hervorgehoben i. Auch in einigen anderen Pro- 
zessionen dürften Überreste alter Stationsgottesdienste vorliegen 2. 
In Köln begegnen uns gleichfalls mehrere von der Dom- 
kirche und den Kollegiatstiften gemeinschaftlich ausgeführte 
Prozessionen, so am Markusfest und am Montag der Bittwoche 
nach S. Maria im Kapitol, am Dienstag der genannten Woche 
nach S. Cäcilien, am Mittwoch nach S. Gereon; an Peter und Paul 
kamen alle Kollegiatstifte zur Kathedrale, desgleichen an Petri 
Kettenfeier und Maria Lichtmeß; am Palmsonntag versammelten 
sie sich in S. Gereon, um von dort nach Vornahme der Palmweihe 
gemeinschaftlich zum Dome zu ziehen ^. Von dieser alten Sitte 
berichten uns auch die Lebensbeschreibung Erzbischof Heriberts 
(f 1021) und Cäsarius von Heisterbach. Beide melden, daß die 
Prozession auch die gleich S. Gereon außerhalb der ältesten Stadt- 
mauern gelegene Kirche S. Maria- Ablaß berührte, wo dei Erz- 
bischof eine Predigt hielt und dem Volk „Ablaß" erteilte *. Von 
einem anderen alten Brauch, der als Überrest frühmittelalterlichen 

1 Würdtwein 144-146 216-219. 

- Nicht ganz klar ist die Angabe Eberwins, Abtes von S. Martin in Trier 
(11. Jahrh.), der in seiner Legende des hl. Magnericus schreibt, er habe in sehr 
alten Aufzeichnungen seiner Kirche gefunden, daß dort ,,ut in aliis precipuis urbis 
aeclesiis statio, sedes et domus erat pontificis" (H. V. Sauerland, Trierer Geschichts- 
quellen des XI. Jahrhunderts [Trier 1889] S. 43). — Über Prozessionen der Trierer 
Klöster in die Domkirche und umgekehrt der Domherren nach den anderen Klöstern 
vgl. auch Hubert Bastgen, Die Geschichte des Trierer Domkapitels im Mittel- 
alter (Paderborn 1910) 112—115. (Das Buch ist mir augenblicklich nicht er- 
reichbar.) 

8 Würdtwein 215 246 267 s. 128 146. Über die Palmenweihe vgl. auch 
I. Frid. Matenesius, Peripateticus Christianus (Coloniae 1619) 48. Ob sich zu den 
stationes in S. Gereon, S. Ursula, S. Severin, S. Kunibert, S. Andreas an den 
Festen dieser Heiligen außer dem Domklerus auch die übrigen Stifte ein- 
fanden, teilt Würdtwein (S. 270 bzw. 276) nicht mit. Eine Prozession der Dom- 
herren zum Grab des hl. Maurinus an seinem Todestag erwähnt die Translatio 
8. Maurini (MG. SS. 15 2, 685). Wenn es dort heißt „duce Meginhero, nam epi- 
Bcopus aberat", so geht daraus hervor, daß für gewöhnlich der Erzbischof selbst 
die Prozession leitete. 

* Vita s. Heriberti (MG. SS. 4, 747): Dominica sancta Palmarum clero 
praevio et sequente populo ad basilicam s. Mariae devenerat; ubi in eminenti 
stans, disputare gregi suo decrcverat de perditissima prot hoplast i inobedientia 
et de spe resurrectionis et gloria . . ."; Caesarius, Dialogus miraculorum VI 5, re- 
cognovit losephus Strange, (Coloniae 1851) 1,347: „Ecclcsia b. Mariae, ubi episcopi« 
in die palnuirum consuetudinis est populo indulgontiam facore''. 



Stationsgottesdienste in frühmittelalterlichen Bischofsstädten 47 

Stationsgottesdienstes zu deuten sein dürfte, berichten ausführlich 
die Statuten des Kanonissenstiftes S. Maria im Kapitol. In der 
heiHgen Nacht wohnte der Erzbischof der Mette im Dom bis zum 
neunten Responsorium bei, wurde dann auf einer Sänfte nach 
S. Maria im Kapitol getragen, wo er die erste Weihnachtsmesse 
sang; danach wurde er samt den ihn begleitenden Domgeistlichen 
beschenkt, ritt nun auf dem weißen Maultier, das ihm die Äbtissin 
gab, nach S. Cäcilien, um dort die zweite Messe zu feiern. Die 
Äbtissin dieses Kanonissenstiftes gab ihm ein weißes Pferd, auf 
dem er zurück zur Domkirche zog, in der sich sämtliche Kollegiat- 
stifte zur dritten Messe einfanden ^. Das älteste Zeugnis für 
diesen bischöflichen Wandergottesdienst an Weihnachten bildet 
eine angeblich 962 von Erzbischof Bruno zugunsten des Cäcilien- 

^ § 32 der Statuten des Kanonissenstiftes S. Maria im Kapitol (herausgegeben 
von Karl H. Schäfer, Annalen des hist. Vereins für den Niederrhein 83 101); vgl. 
auch Hennann Keussen, Topographie der Stadt Köln im Mittelalter (Bonn 1910)1,25* : 
Item dominus archiepiscopusColoniensis in sacra nocte nativitatis Domini debet Inte- 
resse matutinisin maiori ecclesia civitatis predicte et postnonum responsorium debet 
ascendere lecticam et omnes sui nobiles vasalli debent eum ducere ad ecclesiam beate 
Virginis in Capitolio, in qua cantabit primam missam et post ,, Agnus Dei" ministrabit 
corpus Christi domine abbatisse et toti capitulo canonicarum predicte ecclesie 
et finita missa domina abbatissa dabit sibi album niulum et decana par albarum 
cirotecarum ei, suppreposita bursam sericam, in qua debent esse tres floreni, et 
illi tres floreni in valore Septem passarum Turonensium, et thesauraria candelam 
de tribus talentis et rotam et maiori preposito et decano cuilibet de duobus talentis 
et rotam et maiori subdecano, thesaurario, scolastico et duobus legentibus evan- 
gelium et epistolam cuilibet eorum candelam de uno talento et rotam et in mulo 
predicto dominus archiepiscopus equitabit ad s. Ceciliam (nach dem ersten römischen 
Ordo reitet auch der Papst auf einem Pferd zur Stationskirche, vgl. Probst, Sakra- 
mentarien 327 f. ; ebenso bedient sich der Bischof von Tours bei der Palmsormtags- 
prozesbion eines weißen Pferdes, vgl. Edm. Martene, De antiquis ecclesiae ritibus 
3 [Antverpiae 1764] 75) et ibi cantabit secimdam missam et faciet simili modo 
ut prius, et tunc domina abbatissa illius ecclesie dabit sibi album equum, in quo 
equitabit ad ecclesiam maiorem et ibi miiverse ecclesie canonicorum veniunt ad eam 
et cantabunt tertiam missam." Vgl. zu diesem zwar nur in der Fassimg des 16. 
Jahrhunderts erhaltenen, aber sicher weit älteren Abschnitt die auch in den älteren 
Texten der Statuten enthaltenen §§ 10 und 15: ,,Item servent stationes suas et 
vigilias ad ecclesias et monasteria civitatis Coloniensis et extra civitatem et habent 
ad hoc 8U0S cantus et orationes ex antiquo scriptos et Statutes tanquam alii canonici 
seculares." ,,Item servent suas stationes ad exequias canonicorum et canonicarum 
civitatis Coloniensis et ipsi e converso ad eas cum signaculo s. cnicis sicut ad alios 
canonicos seculares." Die Sitte, die drei Weihnachtsmessen nicht am selben Altare 
zu lesen, findet sich auch in S. Arnulf bei Metz; vgl. R. S. Bour, Die Benediktiner- 
Abtei S. Arnulf vor den Metzer Stadt mauern: Jahrbuch der Gesellschaft für 
lothringische Geschichte 19 (1907) 114; außerdem Martine 35 und 224. 



48 Johann Dorn 

Stiftes ausgestellte Urkunde, die das Datum trägt: „Actum publice 
in ecclesia praedicta in sollempni nocte natalis Domini, quod est 
octavo kalendas lanuarii, cum ibi agitur statio." ^ Nun sind aller- 
dings in neuerer Zeit gegen die Echtheit des Stückes Bedenken 
erhoben worden ^\ mögen diese berechtigt und die Urkunde tat- 
sächlich erst im 11. Jahrhundert entstanden sein oder nicht, die 
Übung jenes nächtlichen Wandergottesdienstes ist für die Zeit 
der Jahrtausendwende jedenfalls gesichert ^. 

Für Metz bezeugt bereits die Regel Chrodegangs das Bestehen 
von stationes, am klarsten in Kapitel 34, wo von den matricularii 
gesagt wird, daß sie bisher ,,neque ad domum in scacionem publicam 
ad audiendum verbum Dei veniebant neque in reliquis stacionibus, 
sed erant omnes sedentes unusquisque in loca sua." ^ Über die 
Stationen im Dom gibt näheren Aufschluß das 8. Kapitel: ,,diebus 
dominicis vel festivitatibus sanctorum preclaris omnis ipse clerus . . ., 
qui foras claustra est, ad nocturnas et ad matutinas veniant et 
ipsis diebus stationibus suis parati custodiant, unusquisque in 
officio SUD stet, donec missa peragatur." 

Gemeinschaftliche Prozessionen der wichtigsten und ältesten 
Metzer Kirchen fanden am Palmsonntag und am Feste des heiligen 
Markus statt. Über die Palmprozession berichtet ein im 12. Jahr- 
hundert entstandenes Zeremoniale der Domkirche ^ folgendes : 

^ Theod. Jos. Lacomblet, Urkundenbuch für die Geschichte des Nieder- 
rheins 1, 61, Nr. 105. 

- Otto Opi)crmann, Kritische Studien zur älteren Köhier Geschichte 3 
(Westdeutsche Zeitschrift 21. 1902), 4-12. 

^ In Form eines Stationsgottesdienstes verlief auch die ursprünglich am 
zweiten, dann am dritten Freitag nach Ostern stattfindende Silvesterprozession 
(vgl. über sie Keußen a. a. 0. 21* f., der in ihr einen alten Markumgang erblickt). 
Sie ging vom Dom aus und umzog die römische Stadtmauer; in S. Aposteln fand 
ein feierlicher Gottesdienst statt. — Eine ganz ähnliche Sitte bestand in Trier: 
,,Feria sexta post ,,Misericordia Domini" [zweiter Sonntag nach Ostern!] statio 
bannita, circuitur tota civitas. Baculum s. Petri portat d. praepositus usque 
ad 8. Mathiam et postea archidiaconi secmidum ordinem" (Würdtwein 208 8.). 
— Vgl. über Köln auch noch unten S. 55 Anm. 1. 

* Chrodcgangus, Regula Canonicorum, herausgegeben von Wilhelm Schmitz 
(Hannover, 1889) 24; vgl. auch Kapitel 21 S. 14 und Kap. 30 S. 20): „et de illis 
festivitatibus unde abbatias in ista civitate vel foras in propinquo habemus . . ." 

^ Ich hoffe auf dieses Zeremoniale und andere alte liturgische Bücher der 
Metzer Kirche später an anderer Stelle ausführlich zurückkommen zu können. 
Hier mögen einige Verweise auf die von Aug. Prost, La cath6drale de Metz (Metz 
1885=:Extrait desM6moires de la Soci6t6d'arch6ologie etd'histoire de laMoselle 
16, 1885) voröffoutlichton Auszüge genügen. 



Stationsgottesdienste in frühmittelalterlichen Bischofsstädten 49 

„ . . . . Sciendum autem, quod variis modis habet fieri. Quan- 
doque enim fit tantum circa claustrum, quandoque per ante sanctum 
Salvatorem usque in thalamos et tunc quandoque ascenditur per 
gradus et reditur in domum, quandoque non ascenditur per gradus 
et itur per vivarium et de vivario itur per viam que ducit ad Statio- 
nen! et de statione reditur ad ecclesiam. Quandoque vero fit 
processio de maiori ecclesia ad s. Symphorianum, de s. Symphoriano 
in medium campum s. Arnulphi, de campo venitur ad Portam 
Serpentinam, de porta reditur ad ecclesiam per thalamos et per 
gradus et hec processio est episcopalis nee debet fieri sine episcopo ^." 
Von diesen drei Wegen dürfte der letzte, den die Prozession 
bei Anwesenheit des Bischofs zu nehmen pflegte, der ursprüngliche 
sein; die beiden anderen Wege dagegen werden ihre Festsetzung 
der Notwendigkeit, für den Fall ungünstiger Witterung Vorsorge 
zu treffen ^, und dem auch anderwärts zu beobachtenden Streben, 
große Prozessionen möglichst abzukürzen, ^ verdanken. Das Dom- 
zeremoniale beschreibt die dritte, feierlichste Art der Palm- 
prozession also: 

,,De tertia processione palmarum que est episcopalis. 
Fit a s. Arnulf o usque ad maiorem ecclesiam episcopo presente. 
Dominus enim episcopus facturus processionem in ramis palmarum 
debet sabbato precedente venire cum clericis suis ad s. Arnulfum 
et ibi intrare balneum, prandere et pernoctare *. Crastino vero 
die circa horam primam conventus s. Clementis debet venire ad 
s. Arnulfum . . . eadem etiam hora conventus s. Vincentii debet 
venire ad s. Symphorianum; canonici vero maioris ecclesie et 
s. Salvatoris . . . similiter ad s. Symphorianum, ita quod feretrum 
. . . precedat . . , cum . . . pervenerint ad s. Symphorianum, de- 
canus vel alia persona sacerdotalis benedicat palmas ante altare 

1 Prost 333. 

* Darum heißt es in der Beschreibung der ersten (kürzesten) Prozession: 
„si autem episcopus voluerit forte Interesse huic minori processioni, quod ita fit 
propter pluviosum tempus vel propter aliam causam, expectet in ecclesia s. Marie, 
donec processio venerit" (Prost 333). Bemerkenswert ist, daß, wenn der Bischof 
an dieser kleinen Prozession teilnahm, auch die Kanoniker von S. Salvator er- 
scheinen mußten; ähnlich mußten sie sich auch an Ostern zu Prozession imd Messe 
einfinden, wenn der Bischof anwesend war (Prost 348), desgleichen an Lichtmeß 
(Prost 326). 

' So wurden z. B. auch die Mainzer Rogationsprozessionen später verkürzt. 

* Ähnlich berichtet die Vita s. Udalrici, daß Ulrich sich am frühen Morgen 
nach S. Afra begab, wenn er nicht bereits die Nacht dort zubrachte. 

Festgabe Knöpfler 4 



50 Johann Dorn 

s. Symphoriani ^ . . . his f actis eant omnes ... ad processionem 
feretro . . . precedente, monachi vero sequantur; post monachos 
eunt domini ... ad campum qui iacet inter s. Symphorianum 
et s. Arnulfum et dicitur campus s. Arnulfi . ; , usque ad locum, 
ubi crux erecta est ab officialibus de Wapei, palleis sericis retro 
pendentibus et tapetis ante ipsam crucem prostratis. Notandum 
autem quod, quando domini exeunt de s. Sj'mphoriano, debet 
exire episcopus de s. Arnulf o cum clericis suis et monachis et debet 
ire processionem usque ad predictum locum occurrendo processioni 
dominorum. Cum autem ambe processiones simul venerint et 
congregate fuerint in medio campo, fiet chorus ante ipsam crucem 
. . . domini ... ex una parte . . . monachi ... ex altera ... et tunc 
discoperitur crux; qua visa omnes flectant genua cum episcopo. 
Post antiphonam legetur evangelium secimdum Marcum. . . . 
Evangelio lecto episcopus ascendet super sedem sibi in alto paratam 
et faciet sermonem ad populum ^. Quo facto omnes iteium surgent 
et ibunt ad processionem precedente feretro . . . monachi sequentiu' 
bini et bini ordinati, postea domini, ultimo loco episcopus. Et 
tunc cantabitur . . . donec ventum erit ante Portam Serpentinam, 
ubi etiam fiet chorus a dextris et a sinistris . . . moniales autem 
s. Glodesindis cantabunt versum ,,Unus autem" super murum 
civitatis iuxta turrim . . . moniales s. Marie sanctique Petri incipient 
„Gloria, laus" super murum civitatis ex alia parte iuxta turrim . . . 
quibus cantatis monachi s. Clementis et s. Arnulfi et s. Symphoriani 
revertuntur ad proprias ecclesias. Domini autem intrent civitatem, 
feretio precedente . . . monachis vero s. Vincentii sequentibus et 
dommis post monachos euntibus .... Notandum autem quod 
processio debet ire per ante s. Vitum, domine vero s. Petri debent 
ibi expectare, donec omnes domini pertransierint. Item processio 

^ Es ist zweifellos noch eine zweite Palmenweihe durch den Bischof selbst 
in S. Arnulf anzunehmen; vgl. auch die Notiz aus dem Petit cartulaire de Saint- 
Arnould (über dieses E. Müsebeck, Die Benediktinerabtei St. Arnulf vor Metz 
in der ersten Hälfte des Mittelalters, Jahrbuch der Gesellschaft für lothringische 
Geschichte 13, 1901, 197): ,,annis singulis convenientibus inibi (S. Arnulf) con- 
ventualibus ecclesiis et canonicis et clero et populo pahnarmn a presule sedis fit 
consecratio et omnes presbiteri tocius civitatis tenentur venire in eadem ecclesia 
ad consecrationem palmarum, antequam canonici veniant, et debent mittere palnias 
suas ad consecrandum," (Prost 296). — Irrig ist die Vermutmig Müsebecks a. a. O. 
166, in der Palmprozession habe sich die Erinnerung an die Übertragiuig des 
Bischofssitzes von der einen Kirche zur anderen erhalten. 

" Vgl. die Predigt Ulrichs am Perlach in Augsburg und Heriberts bei Maria- 
Ablaß in Köln! 



Stationsgottesdienste in frühmittelalterlichen Bischofsstädten 51 

debet ire per thalamos et per gradus ascendere .... Item iuxta 
8. Victorem, si necesse fuerit, incipietur ymnus iste ,,Vexilla regis" 
et cantabitur tractim usque ad introitum maioris ecclesie . . . 
antequam domini ascendant giadus, pueri separabuntur a pro- 
cessione et ibunt ad s. lohannem . Quando autem domini intrabunt 
in ecclesiam, pueri occurrent eis . . . domini . . . cantando intrabunt 
chorum et post antiphonam incipietur statim tercia." ^ 

Die ,,letania maior" am Markustage wird von derselben Quelle 
folgendermaßen beschrieben: ,, . . . postquam lectum est ad missam, 
maior campana debet pulsari tribus vicibus. Feretrum autem 
debet parari . . . sicut paratur in purificatione beate Marie. . . . 
Interim debent venire processiones tarn monachorum quam moni- 
alium .... Interim vero descendant omnes portitores feretrorum 
cum feretris et vexillis in choro . . . post collectam cantor faciat 
precedere feretrum s. Clementis, secundo loco feretrum s. Marie, 
tertio s. Petri, quarto s. Symphoriani, quinto s. Arnulf i, sexto 
s. Martini, septimo s. Vincentii, octavo s. Glodesindis, nono et 
ultimo s. Stephani. Itaque baculus s. Materni feratur ante ipsum 
. . . post feretra eant moniales, deinde monachi eo ordine quo 
feretra . . . portantur. Ultimo loco eunt domini tarn parvi quam 
magni bini et bini . . . fiat letania . . . donec perventum sit ante 
8. Simplicium. Debet autem sedes parari ante ecclesiam s. Sim- 
plicii, iuxta ulmum, supra quam debet poni feretrum s. Stephani 
. . . domini autem . . . ante feretrum debent facere stationem et 
sedere super sedes que sunt usque ad portas suburbii . . . moniales 
et monachi debent expectare cum feretris suis in alia parte ipsius 
vici, donec letania finiatur." Der Rückzug in die Stadt vollzieht 
sich in ganz ähnlicher Weise wie am Palmsonntag 2. 

In Metz begegnet uns auch, ebenso wie in Mainz, Trier und 
Köln, die Sitte, daß der Domklerus in alten Kirchen der Stadt 
und des Suburbiums am Gedächtnistag der betreffenden Kirchen- 
heiligen Station hielt. So zog die Domgeistlichkeit am Feste des 
hl. Arnulf zur gleichnamigen Abtei ^, am Feste des hl. Georg zur 

1 Prost 335-337. 

^ Prost 357-359. 

* Es wurde dabei der Ring des Heiligen mitgetragen: ,,Custo8 . . . feret anu- 
lum 8. Arnulfi in pixide. Cum autem domini pervenerint ad s. Arnulfum, monachi 
debent occurrere ... et cum reverentia recipere anulum . . . postea debet ligari 
et poni in juedio libro et custodiri ab ipso custode et a matriculario suo, ne forte 
aliquis furtive apponat manum . . . Post euvangelium feretur Über ille, in quo 
ligatus est anulus in choro et osculabitur ab ipsis dominis" (Prost 370). 

4* 



52 Johann Dom 

Kirche dieses Heiligen *. Diese Sitte läßt sich bis ins früheste 
Mittelalter zurückverfolgen. Gregor von Tours erzählt, eine Ver- 
wandte des Boso Gunthramn sei mit reichen Schätzen in einer 
Kirche der Stadt Metz bestattet worden; wenige Tage später, 
am Fest des hl. Remigius, seien viele Bewohner der Stadt mit dem 
Bischof zur Kirche jenes Heiligen hinausgezogen, besonders auch 
die Vornehmen mit dem Herzog; inzwischen hätten die Diener 
des Boso Gunthramn das Grab des Weibes erbrochen ^. 

Auch sonst finden sich bei Gregor von Tours gelegen thch 
Spuren von Stationsgottesdiensten. Es sei erinnert an Buch 5 
der fränkischen Geschichte, Kapitel 4, wo berichtet wird, daß 
man zu Tours am Fest Epiphanie unter Chorgesängen aus der 
Hauptkirche zur Kirche des hl. Martinus zog, an Buch 6, Kapitel 11, 
wo erzählt wird, wie sich Bischof Theodor von Marseille zum 
Kirchweihfest eines vor der Stadt gelegenen Gotteshauses begab, 
an Buch 9, Kapitel 6, wonach Bischof Ragnemod von Paris an 
den Bittagen der Himmelf ahrtswoche mit seiner Gemeinde feier- 
lich die heiligen Stätten von Paris besuchte ^ ; mehrmals erwähnt 
Gregor feierliche Prozessionen in der Stadt Avern, die offenbar 
mit Stationsgottesdiensten zusammenhängen, so an Ostern von 
der außerhalb der Mauern gelegenen Taufkapelle zur Hauptkii'che, 
an Himmelfahrt Christi von der Hauptkirche zu einem anderen 
Gotteshause, endlich an Weihnachten *. 

Auch für gemeinschaftliche Palmsomitagsprozessionen be- 
sitzen wir aus einer Reihe französischer Bischofsstädte Zeugnisse; 



^ Mit dieser Prozession war eine Flußbenediktion verbunden; vgl. Prost 
356 s. Das Zeremoniale erwähnt noch zahlreiche andere Prozessionen zu Kirchen 
und Altären an deren Patroziniumstag, z. B. Prost 329 363—371. 

* Gregor von Tours, Fränkische Geschichte VIII Kap. 21, MG. Scr. rer. Merov. 
1 336.— Vielleicht liegt auch in der eigentümlichen Sitte, das neugeweihte Feuer 
am Karsamstag von der Abtei S. Vinzenz zum Dom zu holen, ein Überrest eines 
früheren Stationsgottesdienstes vor. Das Zeremoniale beschreibt den Brauch 
also: ,,Cantata . . . nona unus de matriculariis debet ire cum latema ad sanctum 
Vincent ium ut afferat de igne qui ibi benedictus fuit, nee debet pulsari campana, 
donec nuntius reversus fuerit ... et igne benedicto allato campana mediana qua 
dicitur benedicta pulsetur. Qua pulsata pulsentur alie que simt in aliis ecclesüs 
per totam civitatem extra muros scilicet et infra muros . . . interim vero ei epi- 
scopus fuerit presens et ei placuerit celebrare divina, debet se preparare ad sauctam 
Mariam et induere vestibus sacerdotalibus" (Prost 344 8.). 

3 MG. Scr. rer. Merov. 1, 195 8. 256 362; vgl. auch 98 {II, 34 Kap.) und 366 
(IX, 9. Kap.). 

* MG. Scr. ror. Merov. 1, 200 und 81 (V, 11. Kap. und II, 13. Kap.). 



Stationsgottesdienste in frühmittelalterlichen Bischofsstädten 63 

SO enthält die zweite Hälfte des bekannten Theodulfschen Hymnus 
„Gloria, laus et honor" eine poetische Beschreibung der Palm- 
sonntagsfeier zu Angers. Erst schildert Theodulf, wie sich die 
Scharen der heiligen Albinus, Johannes Baptist, Martinus, Satur- 
ninus, Petrus, Sergius, Maurilius, Anianus, Maria und Germanus 
versammeln; dann fährt er fort: 

,,Scandimus en sanctum Michaelis ad atria clivum, 

Christe, tuus dulcis nos ubi iungit amor. 
Quo sua pontifici iungatur turba benigno, 

A capite et membris laus sonet ista deo. 
Hinc pia Mauricii veniamus ad atria sancti, 

Quo simul et laudum et vox sonet ista precum. 
Illic et titulis nos mater coUigat una, 

Quae Caput et specimen istius urbis habet. 
Nostra ubi nos prex et benedictio praesulis ornet, 

Cum laude ac mittat ad sua quemque loca." ^ 

Schließlich sei noch auf die am Ende von Gregors fränkischer 
Geschichte stehende Bistumsgeschichte von Tours verwiesen, wo 
berichtet wird, Bischof Perpetuus, der dritte Nachfolger des hl. Mar- 
tinus, habe die Fasten und Vigilien seiner Kirche neu geregelt. 
Gregor teilt uns aus einer zu seiner Zeit noch vorhandenen Auf- 
zeichnung die folgende Ordnung der Vigilien mit: 

,,Natale Domini in ecclesia. 

Epiphania in ecclesia. 

Natale s. lohamiis ad basilicam domni Martini. 

Natale s. Petri episcopatus ad ipsius basilicam. 

Sexto Kalendas Aprilis resurrectio Domini nostri lesu 

Christi ad basilicam domni Martini. 
Pascha in ecclesia. 



^ MG. Poetae Latini aevi Carolini 1, 559. — Weitere Beispiele Martine 3, 71 
74.-77; vgl. auch 83, 126 s. 134 s. 171178180182. — Für Laon erwähnt einen Stations- 
gottesdienst am Ostermontag Guibertus abbas s. Mariae de Novigento, De vita 
sua (Opera omnia, opera Lucae d'Achery, Lutetiae Parisiorum 1651) 505: 
„Feria igitur secunda post Pascha procedere moris est clericos stationem facturos 
apud s. Vincentium" (über die Kirche 1. c. 649). — Aus Italien außerhalb Roms 
ist mir augenblicklich kein Beispiel von Stationsgottesdiensten in Erinnening; 
doch sei auf das Kapitulare Karls Tl. von 876 verwiesen: ,,Et ut seculares et 
fideles laici diebus festis, qui in civitatibus simt, ad publicas stationes occurrant, 
et qui in villulis et possessionibus sunt, ad publicum officium in plebe festinent" 
(MG. Capit. 2, 102). 



54 Johann Dorn 

Die ascensionis in basilica domni Martini. 

Die quinquagesimo in ecclesia. 

Passio s. lohannis ad basilicam in baptisterio. 

Natale sanctorum apostolorum Petri et Pauli ad ipsorum 

basilicam. 
Natale s. Martini ad eius basilicam. 
Natale s. Simphoriani ad basilicam domni Martini, 
Natale s. Litorii ad eius basilicam. 
Item natale s. Martini ad eius basilicam. 
Natale s. Bricii ad domni Martini basilicam. 
Natale s. Hilarii ad domni Martini basilicam." ^ 

Ein Zweifel, daß die Einrichtung der Stationsgottesdienste 
auch außerhalb Roms auf ehedem römischem Boden (aber wohl 
auch nur auf ehedem römischem Boden) ^ bestanden hat, ist nach 
dem oben Mitgeteilten kaum mehr möglich. Es fragt sich nun, 
haben wir es mit einer ins früheste Mittelalter zurückreichenden, 
allgemein verbreiteten Institution oder mit einer im Laufe der 
Zeit von Rom aus in die übrigen Bischofsstädte gedrungenen 
Sitte zu tun ? Verdankt etwa der Stationsgottesdienst außerhalb 
Roms seine Entstehung den liturgischen Einheitsbestrebungen der 
Karolingerzeit und der durch sie hervorgerufenen großen Yer- 
breitung römischer liturgischer Bücher? Gegen diese Annahme 
sprechen vor allem die Zeugnisse aus Gregor von Tours. Wir 
werden darum kaum irre gehen, wenn wir in den Spuren von 
Stationsgottesdiensten, die wir hier gesammelt haben ^, Überreste 
aus der frühesten Zeit unserer ältesten Bischofssitze erbhcken, 

^ MG. Scr. rer. Merov. 1, 445. 

^ Doch wurde vielleicht die Palmprozession auch m manchen jüngeren 
Bischofsstädten nach alter Sitte gefeiert in Anlehniuig an den biblischen Bericht 
vom Einzug Christi in Jerusalem und dem Entgegenkommen der Volksscharen. 
Die Palmprozession ging darum, "nemi überhaupt von einem fremden Gotteshause, 
nicht zuweilen, wie Thalhofer 2, 613 schreibt, sondern regelmäßig von einer außer- 
halb der (ältesten) Stadtmauern gelegenen Kirche aus; S. Afra in Augsburg, S. Alban 
in Mainz, S. Gereon in Köln, S. Arnulf in Metz waren ui-spri'mglich sämtlich Sub- 
urbankirchen. 

^ Es sei noch ausdrücklich betont, daß die hier gegebenen Nachrichten nicht 
das Ergebnis systematisclier Nachfoischungen bilden, sondern anläßlich anderer 
Studien gelegentlich gesammelt wurden. Es wird darinn nicht allzu schwer fallen, 
weitere Beispiele von Stationsgottesdiensten namhaft zu machen; namentlich 
dürfte die Durchsicht der alten liturgischen Bücher französischer imd italienischer 
Bischof sstädte Axiabeute versprechen. 



Stationsgottfsdienste in frühmittelalterlichen BiRchofsstädten 55 

zugleich Überreste einer Auffassung, die in der Bischofsstadt noch 
eine einheitliche (nicht in Pfarreien gespaltene) Gemeinde sieht, 
deren Hirte und Seelsorger der Bischof ist. ^ 

^ In letzter Stunde erhalte ich den Aufsatz K. H. Schäfers, Kirchen und 
Christentum in dem spätrömischen und frühmittelalterlichen Köln (Annalen des 
hist. Vereins für den Niederrhein 98, 1916). Schäfer bringt S. 40— 42 für Köln 
zwei weitere, mir unbekannt gebliebene Belege bei aus Gregor von Tours, De 
virtutibus s. Martini: ,,beatus autem Severinus Coloniensis civitatis episcopus . . ., 
dum die dominico loca sancta ex consuetudine cum suis clericis circuiret ..." 
(MG. Scr. rer. Merov. 1, 590) und aus den Gesta abbatum Trudonensium: 
,,Aecclesia autem s. Pantaleonis ex privilegio Romano antiquitus hoc habuisse 
dicebatur, ut abbas loci illius . . . vicesque ageret archyepiscopi per civitatem 
in suis stationibus . . . (Rudolfus abbas) frequentabat stationes, quas agebat 
celeberrime Coloniensis populus, matronarumque plurimum devotus deo sexus. 
Clerus vero sine omni invidia solempne exhibebat ei obsequium, tanquam si 
haberet pre oculis ipsum archyepiscopum" (MG. SS. 10, 304). 



Augustinus in den Evangelien-Homilien 
Gregors des Großen. 

Ein Beitrag zur Erforschung der literarischen Quellen 
Gregors des Großen 

von 

Hochschulprofessor Dr. Ludwig Eisenhofer in Eichstätt. 

Die Zeit, in welche Gregors des Großen Leben und Wirk- 
samkeit fällt, war eine Zeit der Erschlaffung wissenschaftUchen 
Lebens. Es äußert sich dies wohl am klarsten in dem Zurück- 
treten der eigenen Produktivität und in einer gesteigerten Re- 
zeptivität, welche uns überhaupt als das kennzeichnende Merkmal 
des Wissenschaftsbetriebes der frühmittelalterlichen Theologie be- 
gegnet. Was frühere Jahrhunderte geschaffen, das wird in der 
Gegenwart verwertet; neue G«dankenschätze aufzuspeichern, dazu 
fühlte man in sich nicht mehr die Kraft: man war froh, das Gold 
zu münzen, und dachte nicht daran, neue Adern des edlen Metalles 
zu erschließen. 

Gregor I., dessen organisatorischem Talente, Wirken und 
Erfolgen die Nachwelt durch den Beinamen des Großen gehuldigt, 
war ein Kind seiner Zeit. Wie er sie aber durch seinen praktischen 
Weitblick überragte, so nicht minder in der Eigenart seiner lite- 
rarischen Tätigkeit. Nach der frischen Ursprünglichkeit einer 
neuen Gedankenwelt forscht man zwar vergeblich in Gregors 
Werken, um so mehr erfreut der zarte Takt und die Wärme der 
Empfmdung, mit welcher er die Geistesarbeit einer vergangenen 
Periode für seine Zeit und — ohne daß er es ahnte — für die folgen- 
den Jahrhunderte zu nutzen verstand. Wie weit überragt er nicht 
gerade durch diese Eigenschaften die enzyklopädische Gelehrsam- 
keit seines Zeitgenossen Isidor von Sevilla ! 

Es ist darum nicht ohne Reiz, im einzehien nachzuweisen, 
was Gregor dem Erbe der Vergangenheit entnommen hat und 
was es unter seiner Hand geworden ist. Meines Wissens ist man 



Augustinus in den Evangelien-Homilien Gregors des Großen 57 

noch nicht in größerem Umfange an diese Arbeit herangetreten, 
so lohnend sie an sich wäre. Bei der Frage nach den Quellen Gregors 
richtet sich naturgemäß zuerst der Blick auf den hl. Augustinus, 
jenen ,,Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, dessen Blätter 
nicht verwelken und auf dessen Zweigen die Vögel des Himmels 
wohnen" (Harnack, Lehrbuch der Dogmengeschichte III ^ 65). 
Augustinische Gedankenreihen begegnen in der Tat dem Leser 
der Schriften Gregors fast auf jeder Seite. Freilich ist es oft nur 
möglich den augustinischen Ursprung zu fühlen, ohne sofort den 
Beweis dafür bieten zu können. Denn — ein weiterer Vorzug 
der gregorianischen Schriften — Gregor hat seine Quelle innerlich 
verarbeitet, und wie ein eigenes Geistesprodukt, umkleidet mit 
der Individualität Gregors, tritt sie wieder zutage. Wer mit Hilfe 
der Schriften Gregors Textkritik an den Schriften des hl. Augustinus 
üben wollte, wie etwa mit den exegetischen Schriften des hl. Am- 
brosius an Philos Schriften, dürfte schwerlich in größerem Maß- 
stabe auf seine Rechnung kommen. Auch Spätere, wie der gefeierte 
Beda Venerabilis, um von den Griechen ganz zu schweigen, haben 
es hierin dem hl. Gregor nicht gleichgetan. 

Augustinische Ideen sind es auch, welche durch Gregors 
Homilien der Gedankenwelt des Mittelalters zugeflossen sind. 
Die Homilien waren die beliebteste, vielleicht auch häufigste 
Lesung aus den Schriften Gregors, die der Klerus fast Tag für 
Tag vornehmen konnte, nicht bloß in gewaltsam gekürzten Ab- 
schnitten, wie sie das Breviarium secundum consuetudinem Romanae 
curiae geschaffen und das jetzige römische Brevier beibehalten, 
sondern vollständig, jedenfalls vollständiger als heutzutage. Viel- 
leicht — wir wissen es ja nicht — wird eine kommende Brevier- 
reform auch hier eine Änderung zum Besseren eintreten lassen 
und anstatt der wenig charakteristischen Initien schönere Stellen 
aus dem sonstigen Inhalt der Homilien bieten und manche Perle 
praktischer Moral und asketischer Lebensauffassung dem Klerus 
wieder näher bringen. 

Schlichte Lesefrüchte — gesammelt in Mußestunden — sind 
es, die ich im folgenden biete. Eine systematische Durchforschung 
lag mir ferne, sie werden andere besser vornehmen können. Viel- 
leicht mag die mannigfache Übereinstimmung zwischen Gregor 
und Augustinus, die ich im folgenden darstelle, eine kleine Anregung 
hierzu bieten. Der Weg für eine solche Untersuchung war von 
selbst gewiesen. Es lag nahe, daß, wenn Gregor und Augustinus 



58 Ludwig Eisenhofer 

sich überhaupt berührten, es dort geschehen mußte, wo sie in der 
Erklärung des evangelischen Textes oder bei einem gleichen Fest- 
anlaß zusammentreffen. Ein Bhck in die Traktate des hl. Augustinus 
zum Johannesevangelium und in seine Sermones zeigte, daß diese 
Vermutung richtig war. Daß die augustinische Ideenwelt damit 
für Gregor nicht abgeschlossen war, ist selbstverständlich. Der 
Beweis hierfür ist jedoch schwieriger und für den gegenwärtigen 
Zweck zu umfangreich. 

Wie Augustin löst Gregor (Hom. VII, 1) die Schwierigkeit, 
die sich aus den Worten des Täufers: ,Non sum Elias' (Joh. 1, 21) 
und dem Ausspruch des Herrn ergibt: ,Iohannes ipse est Elias* 
(Matth. 17, 12), in folgender Weise: ,quia sicut Elias secundum 
Domini adventum praeveniet, ita lohannes praevenit primum.' 
Augustinus (Tract. 4, 5 in loh. ev.) sagt wörtlich: ,Et quod erat 
lohannes ad primum adventum, hoc erit Elias ad secimdum ad- 
ventum.' In der gleichen Homilie, die nur eine Erweiterung 
augustinischer Gedanken darstellt, sagt Gregor (3): ,,Qui post 
me venit, ante me f actus est." Sic namque dicitur ,,ante me 
factus" ac si dicitur ,ante me positus'. Augustinus sagt wörtlich 
(Tract. in loh. ev. 4, 9): , Sicut iam diximus, antepositus est 
mihi.' 

Eine der schönsten Homilien Gregors, ausgezeichnet durch 
die Tiefe des Gemütes nicht minder wie durch prächtige rhetorische 
Gestaltung, ist die Homilie (Hom. XIV) über den guten Hirten. 
Ihre Grundgedanken sind dem großen Kirchenlehrer von Hippo 
entnommen, die prächtige, zum Herzen sprechende Form ist das 
unbestrittene Eigentum Gregors. Zuweilen berührt sich Gregor 
mit Augustin sehr nahe, so daß auch wörtliche Anklänge nicht 
vermieden wurden. Gregor (3) sagt: ,,,Per me si quis intro- 
ierit, salvabitur, et ingredietur et egredietur, et pascua in- 
veniet (loh. 10, 9)." Ingredietur quippe ad fidem, egredietur 
vero a fide ad speciem, a credulitate ad contemplationem, pascua 
autem inveniet in aeterna refectione. Oves ergo eius pascua in- 
veniunt, quia quisquis illum corde simplici sequitur, aeternae 
viriditatis pabulo nutritur. Quae autem sunt istarum ovium 
pascua, nisi interna gaudia semper virentis paradisi?' Der 
Papst hat diesen Gedanken dem Schlüsse des 45. Traktates zum 
Johannesevangelium entnommen, wo Augustinus (15) wörtlich 
schreibt : ,Non autem potost quisque per ostium. id est per Christum, 
egredi ad vitam aetcrnam, quae erit in specie, nisi per ipsum 



Augustinus in den Evangelicn-Homilien Gregors des Großen 59 

ostium, hoc est per eundem Christum in ecclesiam eius, quod est 
ovile eius, intraverit ad vitam temporalem, quae est in fide. . . . 
per illud ostium, id est per fidem Christi egrediuntur, quoniam 
veri fideles moriuntur . . . veniendo, quo pastor ille praecessit, 
ubi numquam deinde moriantur . . . tunc vera pascua invenient 
ubi saturentur, qui esuriunt et sitiunt iustitiam (Matth. 5, 6); 
quaha pascua invenit cui dictum est : ,Hodie mecum eris in paradiso 
(Luc. 23, 43).' — Die Schilderung, welche Gregor in der gleichen 
Homilie (2) von dem Mietlinge gibt, berührt sich aufs engste mit 
Augustinus. ,Mercenarius quippe est', sagt Gregor, ,qui locum 
quidem pastoris tenet, sed lucra animarum non quaerit, terrenis 
commodis inhiat, honore praelationis gaudet, temporahbus 
lucris pascitur, impensa sibi ab hominibus reverentia laetatur.' 
Bei Augustinus (Tract. 46, 5) lesen wir: ,Quis est ergo mercenarius? 
. . .Non Christum gratis dihgentes, temporalia commoda con- 
sectantes, lucris inhiantes, honores ab hominibus appetentes.* 
In den einleitenden Gedanken zur XVIII.' Homilie treffen 
mr wieder eine enge Berührung Gregors und Augustins. An- 
knüpfend an die Worte der Juden (loh. 8, 48) sagt Gregor (2): 
jAccepta autem tanta contumelia (die Juden hatten Jesus einen 
Samaritaner genannt und für besessen erklärt), quid Dominus 
respondeat, audiamus: ,Ego daemonium non habeo etc.' Quia 
enim Samaritanus interpretatur custos et ipse veraciter 
custos est, de quo Psalmista ait: ,Nisi Dominus custodierit 
civitatem, in vanum vigilant, qui custodiunt eam (Ps. 
126, 1) . . . respondere noluit Dominus: ,, Samaritanus non sum" 
sed ,Ego daemonium non habeo.' Duo quippe ei illata fuerunt: 
unum negavit, ahud tacendo consensit. Custos namque humani 
generis venerat; et si Samaritanum se non esse diceret, esse se 
eustodem negaret. Sed tacuit, quod recognovit, et patienter 
repulit, quod dictum fallaciter audivit, dicens: ,,Ego daemonium 
non habeo." Die Übereinstimmung mit Augustinus (Tract. 43, 2 
in loh. ev.) liegt klar zutage: ,Horum duorum sibi obiectorum 
unum negavit, alterum non negavit. Respondit enim et ait: 
,Ego daemonium non habeo.' Non dixit: , Samaritanus non sum'; 
et utique duo fuerant obiecta. Quamvis maledictum maledicto 
non reddiderit . . . pertinuit tamen ad eum negare unam rem, 
alteram non negare. Non frustra, fratres. Samaritanus enim 
interpretatur custos. Noverat se ille nostrum esse eustodem. 
. . . Nisi Dominus custodierit civitatem, in vanum vigi- 



60 Ludwig Eiscnhofer 

labunt, qui custodiunt (Ps. 126, 1). . . . Ad hoc ergo solum 
quod daemonium non haberet, non autem se Samaritanum non 
esse respondit.' 

Offenkundig tritt die Benutzung der Traktate Augustins, 
sogar unter leichten stilistischen Ähnlichkeiten, in der am Oster- 
sonntag oder in der Osterwoche gehaltenen XXII. Homüie 
hervor. Gregor (5) spricht: Et vidit et credidit (sc. Petrus). 
Quid, fratres, quid aestimandus est credidisse? Numquid, quia 
Dominus resurrexerat, quem quaerebat? Non utique . . . subiuncta 
quoque verba contradicunt cum dicitur: Nondum enim sciebant 
Scripturas, quia oporteret eum a mortuis resurgere. Quid ergo 
vidit et quid credidit? . . . credidit quod mulier dixerat, de 
monumento Dominum fuisse sublatum. Wörtlich sagt 
Augustin (Tract. 120, 9 in loh. ev.) : , Quid ergo vidit ? quid credidit ? 
Vidit scilicet inane monumentum et credidit, quod dixerat 
mulier eum de monumento esse sublatum. Nondum enim 
sciebant scripturam, quia oporteret eum a mortuis resurgere.' 

Ein augustinischer Gedanke begegnet uns auch in der XXIII. 
Homilie, in welcher Gregor die Gastfreundschaft empfiehlt: 
Cur, sagt Gregor (1 u. 2), autem dicimus ,vocant' , cum iUic 
scriptum est ,Et coegerunt eum'? Ex quo exemplo colligitur, 
quia peregrini ad hospitium non solum invitandi sunt, sed etiam 
trahendi. . . . Ecce Dominus non est cognitus dum loqueretur, 
et dignatus est cognosci, dum pascitur. Augustinus (Sermo 235, 3) 
schreibt: ,Tene hospitem, si vis agnoscere Salvatorem' imd (Sermo 
236, 3): ,Si invenire potestis et me vobiscum discipulum trahite.' 

Besonders nahe und zahlreich berühren sich Gregor und 
Augustinus in der XXIV. HomiHe. Gregor legt sich die Frage 
vor (1): jQuaeri etenim potest, cur Petrus qui piscator ante 
conversionem fuit, post conversionem ad piscationem rediit ; 
et cum Veritas dicat: ,Nemo mittens manum suam ad 
aratrum, et aspiciens retro, aptus est regno Dei (Luc. 9, 
62) cur repetiit, quod dereliquit?' Ebenso fragt Augustin (Tract. 
122, 2 in loh. ev.): ,Quid est ergo, quod nunc quasi apostolatu 
reHcto fiunt quod fuerunt, et quod dimiserant, repetunt, tamquam 
obliti quod audierant: ,Nemo ponens manum super aratrum 
et respiciens retro, aptus est regno coelorum (Luc. 9, 62).' 
Gregor (1) beantwortet diese Frage: .Negotium, quod ante con- 
versionem sine peccato exstitit, hoc etiam post conversionem 
repetere culpa non fuit,' ganz im Einklang mit Augustinus (3): 



Augustinus in den Ev'angelien-Homilicn Gregors des Großen 61 

,His ergo, quos hoc movet, respondendum est, non eos fuisse pro- 
hibitos arte sua licita scilicet atque concessa victum necessarium 
quaerere.' — Hom. XXIV, 2 spricht Gregor den Gedanken aus, 
daß das Meer die gegenwärtige Welt versinnbilde : ,Quid enim 
mare nisi praesens saeciüum signat, quod se causarum tumultibus 
et undis vitae corruptibilis illidit V In gleicher Weise sagt Augustin 
(Sermo 152, 2): ,Annon est mare hoc saeculum, ubi se homines 
quasi pisces devorant ? An parvae procellae et fluctus tentationis 
perturbant hoc mare V Jesus steht an der Küste, welche nach 
Gregor (2) bedeutet: ,perpetuitas quietis aeternae', nach Augustin 
(Tract. 120, 6 in loh. ev.): ,litus finis est maris et ideo finem signi- 
ticat seculi'. — Mit Vorliebe verweilt Augustin bei der Erklärmig 
der wimder baren Fischzüge. Gregor hat sich hier die Gedanken 
des gi'oßen Kirchenlehrers vollkommen zu eigen gemacht. Hom. 
XXIV, 3 sagt Gregor: ,Bis in sancto Evangelio legitur, quia Do- 
minus iussit, ut ad piscationem retia mitterentur, ante passionem 
videucet et post resurrectionem.' Augustin (Sermo 249, 2, vgl. 
auch Sermo 248,1; 250, 2; 251, 1; 252, 2): ,Discernamus piscationes 
duas, unam ante resurrectionem, alteram post resurrectionem.' 
Der von Gregor ausgesprochene Gedanke, daß mit jenem ersten 
Fischzug das Wirken der gegenwärtigen Kirche geschildert werde, 
welche gute und schlechte Glieder in sich birgt, kehrt auch bei 
Augustinus wieder, vgl. Sermo 250, 2; 251, 1. Das Netz der Kirche 
wird zerrissen durch Häresien und Schismen, durch schlechte Christen, 
erklärt Gregor (3). Auch hier begegnen wir ihm auf den Augustinus 
geläufigen Gedankengängen (vgl. Serm. 250,2; 251, 1 u. 3; 252, 4; 
Tract. 122, 7 in loh. ev.). — Der Hen- befiehlt beim wunderbaren 
Fischzug nach der Auferstehung, das Netz zur Rechten des Schiffes 
auszuwerfen. Das Netz zerriß nicht, ,quia ad videndam claritatis 
eius gloriam, sola electorum Ecclesia pertingit, quae de sinistro 
opere nihil habebit'. Diesen von Gregor (3) ausgesprochenen 
Gedanken, wird Augustinus nicht müde zu wiederholen, vgl. Sermo 
248, 3; 249, 2; 250, 2; 251, 2; Tract. 122, 7 in loh. ev. — In der 
Symbolik der Zahl 153 der gefangenen Fische treffen wir Gregor 
wieder vollkommen auf den Spuren Augustins. Die Zahl 17 = 
10+7 ist in 153 enthalten. ,Scitis namque', sagt Gregor (Hom. 
XXrV, 4), ,quod in Veteri Testamento omnis operatio per Decalogi 
mandata praecipitur, in Novo autem eiusdem operationis virtus 
per septiformem gratiam sancti Spiritus multipUcatis fideUbus 
datur.' Bei Augustinus (Sermo 248, 4) lesen wir: ,Ha€c decem 



62 Ludwig Eieenhofer 

praecepta nemo implet viribus suis, nisi adiuvetur gratia Dei. 
Si ergo legem nemo implet viribus suis, nisi Deus adiuvet Spiritu 
suo, iam recolite, quemadmodum Spiritus sanctus septenario 
numero commendetur.' — ,,Als sie (die Jünger) nun an das Land 
traten, sahen sie ein Kohlenfeuer angelegt, imd einen Fisch darauf 
und Brot" (loh. 21, 9). , Quid autem', fragt Gregor (Hom. XXIV, 5), 
jSignare piscem assum credimus, nisi ipsum Mediatorem Dei et 
hominum passum ? . . . Qui enim assari ut piscis potuit ex humani- 
tate, pane nos reficit ex divinitate, qui ait: ,Ego sum panis vivus, 
qui de coelo descendi (loh. 6, 41)." Das Wortspiel und der 
Gedanke Gregors findet sich in prägnanterer Kürze bei Augustin 
(Tract. 123, 2 in loh. ev.): , Piscis assus, Christus est passus. 
Ipse est panis qui de coelo descendit.' — Sieben Jünger hatten 
an dem wunderbaren Fischzug teilgenommen. Warum, fragt 
Gregor (Hom. XXIV, 6), wollte Jesus gerade mit sieben Jüngern 
seine letzte irdische Mahlzeit einnehmen ? Um anzudeuten, daß 
jene, die voll sind der siebenfältigen Gabe des hl. Geistes, am 
himmlischen Mahle Anteil haben werden. ,Septem quoque 
diebus omne hoc tempus evolvitur.' Die Antwort ist Augustinus 
(Tract. 122, 6 in loh. ev.) entnommen: ,isti suo septenario numero 
finem significant temporis. Universum quippe Septem diebus 
volvitur tempus.' 

In der XXV. Homilie verbreitet sich Gregor über die Be- 
gegnung Christi mit Magdalena im Garten. ,Tulerunt Dominum 
meum' (loh. 20, 13) sagt Magdalena, sie sagt nicht, \vie Gregor 
(4) hervorhebt, , corpus Domini mei'. ,Usus namque sacri eloquii 
est, ut aliquando ex parte totum, aUquando vero ex toto 
partem significet.' In kürzerer Weise äußert sich Augustin (Tract. 
121, 1): , Dominum suum vocans corpus exanime Domini sui, a 
toto partem significans.' — Magdalena glaubte, den Gärtner vor 
sich zu haben. Dies gibt Gregor (Hom. XXV, 4) Veranlassung, 
daran die Bemerkung zu knüpfen : ,An non ei spiritualiter hoiiulanus 
erat, qui in eius pectore per amoris sui semina virtutum virentia 
plantabat?' Das gleiche spricht Augustinus (Sermo 256, 2) aus: 
,Et revera, si consideres, quomodo olera ipsius simus, hortulanus 
est Christus.' — Der Herr spricht zu Magdalena: ,, Maria", und sie 
erkennt den Heiland. ,Recognoscit auctorem', lesen wir bei Gregor 
(Hom. XXV, 5), ,atque eum protinus rabboni, id est magistrum 
vocat, quia et ipse erat, qui quaerebatur exterius, et ipse, qui 
eam interius ut quaereret, docebat.' Viel kürzer drückt Augustinus 



Augustinus in den Evangelien-Homilien Gregors des Großen 63 

(Sermo 254, 3) den gleichen Gedanken aus: Jpsum cognoverat 
a quo ut cognosceret, illuminabatur.' — Jesus wehrt der Berührung 
durch Magdalena, ,non', wie Gregor (XXV, 5) sagt, ,quia post re- 
surrectionem Dominus tactum renuit feminarum, cum de duabus 
ad sepulchrum eius venientibus scriptum sit: ,Accesserunt et 
tenuerunt pedes eius (Matth. 28, 9). Sed cur tangi non debeat, 
fährt Gregor weiter (6), ratio quoque additur cum subinfertur: 
,Nondum enim ascendi ad Patrem meum.' In corde etenim nostro 
tunc lesus ad Patrem ascendit, cum aequalis creditur Patri. . . . 
In corde etenim PauU iam ad Patrem lesus ascenderat, cum idem 
Paulus dicebat: ,Qui cum in forma Dei esset, non rapinam etc. 
(Phil. 2, 6). Augustinus legt sich wiederholt die gleiche Frage 
vor, so z. B. Sermo 244, 2: ,Hic forte aliquis dicturus est: Tangi a 
viris voluit, a mulieribus noluit. . . Ipse (sc. Matthaeus) enim 
narravit, occurrisse muHeres Domino resurgenti ... et tenuisse 
pedes eius (Matth. 28, 9). Quid est ergo tangere, fi-agt Augustmus 
an anderer Stelle (Sermo 246, 4) nisi credere ? Si Christum Deum 
crederis aequalem Patri, tunc tetigisti, quando ascendit ad Patrem. 
Ergo ascendit nobis, quando illum recte intelligimus.' Die Ver- 
wendung der gleichen Schriftstellen (Phil. 2, 6 und Joh. 1, 2), die 
sich auch bei Augustinus in weiterem Zusammenhang finden (Sermo 
244, 3; 245, 4), verraten deutlich die Benutzimg der augustinischen 
Sermones durch Gregor. — ,,Ich steige empor zu meinem Vater 
und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott" (Joh. 
20, 17). ,Distincte loquens', sagt Gregor (Hom. XXV, 6), ,indicat, 
quia eumdem Patrem et Deum dissimiliter habeat ipse quam nos. 
,Ascendo ad Patrem meum' videlicet per naturam: ,et Patrem 
vestrum' per gratiam. Augustinus (Sermo 246, 5) hatte ge- 
schrieben: ,Est distinctio, quia aliter Pater unigeniti Filii, aliter 
Pater noster: illius Pater per naturam, noster per gratiam.' 
— Warum Christus nach seiner Auferstehung zuerst einem Weibe 
erschien, wird von Gregor (Hom. XXV, 6) erklärt: ,Ecce humani 
generis culpa ibi absciditur, unde processit. Quia enim in paradiso 
mulier viro propinavit mortem, a sepulcro mulier viris amiuntiat 
vitam, et dicta sui vivificatoris narrat.' Den schönen Gedanken 
hat Gregor Augustinus (Sermo 232, 2) entnommen: ,Quia per 
sexum femineum cecidit homo, per sexum femineum reparatus 
est homo, quia virgo Christum pepererat, femina resurrexisse 
nuntiat. Per feminam mors, per feminam vita.' — Zwei Engel 
halten im leeren Grabe Wache. Gregor fragt (Hom. XXV, 3) : 



64 Ludwig Eisenhofer 

jQuid est, quod in loco dominici corporis duo angeli videntur, 
unus ad caput, atque alius ad pedes sedens, nisi quia Latina 
lingua angelus nuntius dicitur, et ille ex passione sua nuntiandus 
erat, qui et Deus est ante saecula et homo in fine saeculorum?' 
Augustin (Tract. 121, 1 in loh. ev.) schwebte hier Gregor vor, 
der nur gegen Schluß dem augustinischen Gedanken eine kon- 
kretere Fassung zu geben verstand: ,Quid est quod unus ad 
Caput et ad pedes alter sedebat? An quoniam qui graece 
angeli dicuntur, latine sunt nuntii, isto modo Christi Evan- 
gehum velut a capite usque ad pedes, ab initio usque in finem 
significabant esse nuntiandum V — 

Mannigfach begegnen sich Gregor und Augustinus in der 
XXVI. Homilie. Das Gehen durch verschlossene Türen ist ein 
Wunder, das geglaubt werden muß, nicht begriffen werden 
kann. ,Sed sciendum nobis est', lauten die Worte Gregors (1), 
,quod divina operatio si ratione comprehenditur, non est admirabilis 
nee fides habet meritum, cui humana ratio praebet experimentum.' 
Bei Augustinus (Sermo 247, 2) finden sich die Sätze: ,Si ergo 
caperis humano sensu miraculorum discutere rationem, timeo ne 
perdas fidem.' ,Ubi defecerit ratio, ibi est fidei aedificatio', beide 
Sätze veranlaßt durch obiges Wunder. — Zweimal wird der Heilige 
Geist den Jüngern durch den Herrn gegeben, am Ostertage und 
am Pfingsttage. Gregor (Hom. XXVI, 3) erklärt dies in folgender 
Weise: ,Cur ergo prius in terra discipulis datur (sc. Spiritus sanctus), 
postmodum de caelo mittitur, nisi quod duo sunt praecepta 
charitatis dilectio videlicet Dei, et dilectio proximi ? Li terra 
datur Spiritus, ut diUgatur proximus; e caelo datur Spiritus, ut 
diligatur Deus. Sicut ergo una est charitas et duo praecepta, 
ita unus Spiritus et duo data.' Ganz enge berührt sich hier 
Gregor mit Augustin (Sermo 265, 8): ,Arbitror ideo bis datum 
esse Spiritum sanctum, ut commendarentur duo praecepta 
charitatis. Duo sunt enim praecepta, et una est charitas. . . . 
Una charitas et duo praecepta, unus Spiritus et duo 
data.' — Die Zweifler an der Möglichkeit der Auferstehung des 
Fleisches weist Gregor (Hom. XXVI, 12) auf die täglich sich er- 
neuernden, von uns aber nicht mehr beaehteten Wunder der Natur 
hin: ,Qui scilicet haec idcirco m suis cogitationibus dicunt, quia 
eis quotidiana Dei miracula ex assiduitate viluerunt. Nam 
ecce in uno grano parvissimi semüiis latet tota, quae nascitura 
est arboris moles. . . . Consideremus nunc ubi in illo parvo grano 



Augustinus in den Evangelien-Homilien Gregors des Großen 65 

seminis latet fortitudo ligni, asperitas corticis, saporis odorisque 
magnitudo, ubertas f ructuum, viriditas foliorum. , . . Ex semine 
quippe producitur radix, ex radice prodit virgultum, ex virgulto 
oritur fructus, in fructu etiam producitur semen/ Augustin (Sermo 
247, 2) sagt das gleiche mit den Worten: ,Nonne admirandus est 
quotidianus cursus ipse naturae ? Omnia miraculis plena sunt ; 
sed assiduitate viluerunt . . . redde rationem, quare tam 
magnae arboris fici semen tam modicum est, ut videri vix possit 
... in illa exiguitate, illis angustiis et radix latet, et robur insertum 
est, et folia futura alligata sunt, et fructus, qui apparebit in 
arbore, iam est praemissus in semine.' 

Vorstehendes soll nur ein kleiner Beitrag sein, die Kenntnis 
der einzig schönen Homilien Gregors zu fördern. Wenn die Er- 
gebnisse auch nicht den Anspruch erheben, vollständig zu sein, 
an ihrer Richtigkeit wird nicht zu rütteln sein. Gerade aus letzterem 
Grunde habe ich es mir nicht versagen können, Gregor und Augu- 
stinus im Wortlaut einander gegenüberzustellen; freihch wird 
solchen Untersuchungen immer eine gewisse Schwerfälligkeit an- 
haften. Für jene, die solchen Forschungen sich unterziehen, ge- 
währt es an sich schon hohen Genuß, in die geistige Werkstätte 
eines Mannes von der Bedeutung Gregors zu blicken. In unserem 
Falle entbehren sie aber auch nicht des besonderen wissenschaft- 
lichen Interesses. Man hat die Frage aufgeworfen, ob Gregor 
, ,f ür die von ihm selbst gehaltenen Ansprachen sich an einen schrift- 
lichen Entwurf zu binden pflegte, oder, nach Gebet und Meditation, 
ganz frei sprach" (Pfeilschifter, Die authentische Ausgabe der 
40 Evangelienhomilien Gregors des Großen. München 1900. S. 10). 
Eine ganz bestimmte allgemeine Antwort darauf zu geben, wird 
sehr schwer halten. Denn wenn auch Gregor sagt (Hom. XXXIX, 
10): ,Loqui caritati vestrae sub brevitate decreveram; sed quia 
non est in homine via eius, decurrens sermo retineri non potest, 
quem disponit ipse de quo loquimur' , so spricht er damit doch 
nur eine Erfalu-ung aus, die wohl jeder Prediger zuweilen macht, 
wenn ihn der lebendige Kontakt mit seiner Zuhörerschaft mächtig 
ergreift. Manche Homilien — es sind jene vornehmlich, in welchen 
eine direkte Berührung mit Augustinus nur in untergeordneter 
Weise hervortritt — rufen allerdings den Eindruck hervor, daß 
in vorausgegangener Meditation ein augustinischer Gedanke Gregor 
besonders ansprach, so daß er ihn in maßvoller homiletischer 
Breite seinen Zuhörern vorzutragen sich entschloß. Andere Ho- 

Festgabe Knöpfler 6 



66 Ludwig Eisenhofer, Augustinus in den Evangelien- Homilien Gregors des Großen 

milien, in welchen sich augustinische Gedanken aneinander drängen 
oft mit deutlicher wörtlicher Übereinstimmung, haben die Ver- 
mutung für sich, daß sie nur nach voraufgegangener schriftlicher 
Vorbereitung gesprochen wurden — oder durch einen Notar vor- 
gelesen wurden. Sind darum einmal die Homilien Gregors voll- 
ständig nach ihren Quellen untersucht, dann wird in einer solchen 
Quellenuntersuchung auch die Lösung der Frage nach der ur- 
sprünglichen Reihenfolge der Homilien Gregors eine nicht un- 
willkommene Unterstützung finden. 



Ivo von Cliartres, 
der Erneuerer der Vita canoiiica in Frankreich. 

Von 

Seminarpräfekt Ludwig' Fischer in Neuburg a. D. 

In der Festschrift für den hochgefeierten Münchener Kirchen- 
historiker, der uns seinerzeit mit der Ausgabe eines der hervor- 
ragendsten und für die mittelalterhche Liturgie maßgebendsten 
Quellen werke, mit Walahfrid Strabos ,,Liber de exordiis et in- 
crementis quarundam in observationibus ecclesiasticis rerum" be- 
schenkt hat, der uns weiterhin mit des Hrabanus Maurus ähnlich 
bedeutsamer Schrift ,,De institutione clericorum" erfreute, darf 
ein Beitrag aus dem Gebiete der mittelalterlichen Liturgiegeschichte 
nicht fehlen. Zugleich möchte ich versuchen mit den nachfolgenden 
Zeilen meinen Dank dem hochverehrten Lehrer abzustatten, dem 
ich warme und wirksame Förderung meiner liturgiegeschichtlichen 
Studien sowohl in ideeller wie materieller Hinsicht verdanke. 

Bereits in meiner Ausgabe des ,,Ordo Ecclesiae Lateranensis" 
habe ich bei der Beschreibung der Wiener Handschrift 1482, welche 
den ,,Ordo Officiorum" der Laterankirche enthält, bemerkt i; 
,,Die fol. 25 — 73 folgende Abhandlung könnten wir als ,Consue- 
tudines Augustinianae' bezeichnen. Fol. 41 findet sich die Be- 
merkung: ,Nam rationabile est et auctorabile in psallendo usum 
Gallican^ ^cclesi^ et maxim§ apostolic§ sedis Interim sequi, ut 
eius statuta et traditiones conseruemus, a qua fidei et religionis 
exordium sumpsimus.' Dadurch und durch verschiedene andere 
Momente ist ihre gallikanische Provenienz er^\^esen. In emer 
späteren Publikation hoffen wir Gelegenheit zu haben, uns mit 
diesen interessanten ,Consuetudines' noch näher zu beschäftigen." 

^ Bernhardi Cardinalis et Lateranensis Ecclesiae Prioris Ordo Officiorum 
Ecclesiae Lateranensis, herausgeg. v. L. Fischer (Historische Forschungen und 
Quellen, herausgeg. v. J. Schlecht, 2. u. 3. Heft), München und Freising 1916, 
LIII— LIV. 



68 Ludwig Fischer 

Die gegenwärtigen Kriegs Verhältnisse und andere Umstände 
gestatten mir nicht, mit der Pubhkation dieses wertvollen Quellen- 
werkes hervorzutreten. Ich will aber im nachfolgenden wenigstens 
soviel bieten, als unter den gegenwärtigen Umständen geboten 
werden kann. 

Dom Germain Morin, der für meine Abschrift dieser ,,Con- 
suetudines Augustinianae" lebhaftes Interesse zeigte und dem 
ich sie deshalb übergab, überraschte mich mit einer Untersuchung 
über ihren Ursprung und ihre Herkunft. Ich zögere nicht, sie hierher 
zu setzen, um so weniger, da sie, wie ich gerne gestehe, zugleich 
auch den Ausgangspunkt für meine weiteren Untersuchungen bildet . 

Quelques reflexions sur les Consuetudines Canonicorum 
Regularium inedites du ms. de Vienne lat. membr. 1482. 

Les Consuetudines des Chanoines Reguli ers, decouvertes 
par M. Fischer dans ce meme manuscrit de Salzburg qui contient 
egalement l'Ordo Lateranensis Ecclesiae de Bernhard de 
Porto, constituent en leur genre un monument de non moindre 
interet, et jusqu'ä present unique. 

Vu l'obscurite presque complete qui plane sur les origines 
de cet Ordre au XP siecle, il est difficile, pour ne pas dire im- 
possible, de d^terminer exactement la provenance de ces Coutumes. 
Un point d'attache est certain: la formule de Profession (fol. 67') 
est la meme que Ton retrouve a Ranshofen au XIP siecle ^. D'autre 
part, il est certain que nos Consuetudines proviennent de France. 
,,Nam rationabile est et auctorabile in psallendo usum Gallicanae 
ecclesiae et maxime apostolicae sedis Interim sequi" (fol. 41'). 
Puis l'auteur des Statuts engage une polemique assez vive pour 
demontrer que les Chanoines ont aussi bien que les moines le droit 
d'avoir un Abbe benit par Teveque (fol. 71 sq.). Or, selon la remarque 
de Bernold de Constance ^, c'etait un usage special aux Chanoines 
Reguliers de France et de Lorraine: ,,Est enim consuetudo in 
illis partibus, ut praepositi Congregationum huiuemodi Abbates 
nominentur, et in Abbates consecrentur." Dans le sud de l'Allemagne, 
terre classique des Chanoines Reguliers depuis le XP/XIP siecle, 
on s'est abstenu jusqu'ä, ce jour de suivre en cela l'usage fran9ais, 
sauf chez les Premontr^s, qui sont k part. 

^ Monumenta Boica III (1764) 308; E. Aiuort, Vetus disciplina canonicorum 
(Venetiis 1747) 1065. 

« Monum. Germ. Script. V (1844) 463. 



Ivo von Chartres, der Erneuerer der Vita canonica in Frankreich 69 

Comment alors expliquer l'adoption de la formule de profession 
ä/Ranshofen? D'apres Amort, la Regle italienne de Pierre de'Onesti 
a ete re9ue presque partout dans le sud de rAllemagne au XIP 
siecle, sous l'influence probablement de Gerhoh de Reichersberg, 
qui l'avait importee ä son retour de Rome. Mais il y avait des 
auparavant des etablissements florissants de chanoines reguliers 
dans cette region. Quels Statuts suivaient-ils ? On nen sait a peu 
pres rien, Cependant il y a un point de repere possible. Marbach, 
en Alsace, existait dejä depuis 1089, et avait eu comme fondateur 
spirituel le docte Maitre Manegold de Lautenbach, connu autant 
par sa carriere enseignante en France que par ses rapports sub- 
sequents avec les Canoniae allemandes. Or, les Constitutiones 
Marbacenses (dont nous possedons deux redactions differentes, 
editees, l'une par Amort i, Tautre par Martene ^) donnent Heu 
ä cette Observation importante : les dites Constitutions de Marbach 
(= M) sont tirees presque entierement des Consuetudinesdu ms. 
de Salzburg (= S). Seulement la relation entre les deux documents 
peut se definir ainsi : S est Toeuvre personnelle d'un maitre homme, 
egalement instruit dans les lettres humaines et divines, imbu de 
mysticisme monacal au plus haut degre, jeune encore (semble-t-il), 
inexperimente, et par suite pas toujours assez discret ni pratique; 
qui fait de la polemique, et une polemique passiomiee, un peu 
ä tout propos (travail manuel, abstinence de la viande, droit d'avoir 
des Abbes); ses ordonnances supposent une vie exceptionnellement 
ascetique (multiplicite et longueur demesuree des exercices religieux, 
mention des visions sur le sort des confreres defunts, epreuve de 
l'eau bouillante dans certains casde delits douteux, etc.); son expose 
est peu methodique par endroits, ses developpements tres etendus, 
sa fagon d'ecrire plus litteraire que legislative. Bref, bien que 
l'ceuvre soit fort belle en elle-meme, fort interessante ä divers 
points de vue, on sent que c'est la une Regle qui ne pouvait demeurer 
longtemps en viguevir: eile etait trop ideale et trop primitive, un 
peu comme la celebre Regula Magistri du VII® siecle, qui parait 
avoir eu si peu d'expansion, malgre son caractere si original. 

M n'a pris de S, pour ainsi dire, que les os : il en a detache 
les prescriptions pratiques, se bornant au necessaire, et eliminant 
ce qui pouvait sembler trop archaique et indiscret. Non seulement 

1 Amort 383—431. 

^ E. Martene, De antiquis ecclesiae ritibus III (Ed. 2, Antuerpiae 1737) 
843—888. 



70 Ludwig Fischer 

il en a change l'ordre, pareillement dans un but pratique de legis- 
lateur, mais tres souvent il a remplace des articies entiers par 
quelques mots pour la plupart adaptes textuellement de la Regle 
benedictine. II n'est pas non plus chez lui question d'Abbe, mais 
seulement d'un Prevot etabli par la seule election des Chanoines; 
du travail manuel on trouve k peine une mention fugitive, sous 
forme de simple supposition: l'usage de la chair n'est pas ouverte- 
ment prohibe, il est meme expressement permis dans le texte 
public par Martene. 

Dans ces conditions, on peut, sans trop s 'avancer, conclure 
que M represente une adaptation du document fran9ais S ä l'usage 
d'une communaute allemande des une epoque relativement ancienne : 
entre autres modifications importantes, une autre formule de Pro- 
fession, plus courte et plus moderne, a ete substituee a celle de S 
et de Ranshofen. 

Mais de quel milieu provenait le document S ? Pas d'un mo- 
nastere isole, mais d'un monastere chef de Congregation, aj-ant 
des Cellae dependantes de lui (cf. fol. 69' etc.), et qui suivaient 
les memes Constitutions : un Abbe etait ä la tete de la maison, 
et l'on y observait l'abstinence de la chair, a l'exception des malades. 
Tout cela nous oblige a exclure la Congregation de St. Ruf et le 
groupe des Monasteres de Lorraine, qui avaient bien des abbes, 
mais oü, par principe, on etait oppose ä l'abstinence totale de la 
viande (cf. lettre de Ponce II de St. Ruf ^). 

Alors, en dehors du ,, Guido abb. Bobiensis" qui, d'apres 
Ducange '^, aurait vers 1093 ecrit des Statuta Canonicorum 
Regularium (dont on ne sait rien d'ailleurs, semble-t-il, et qui 
du reste ne serait pas ,,gallican"; confusion avec les Us de Guy 
de Farfa vers 1093?), je ne vois personne ä qui songer, si ce n'est 
le grand restaurateur et legislateur des Chanoines Reguliers en 
France au XP siecle, Ives de Chartres. Etant ,,abbe'* de St. 
Qucntin de Beauvais, il redigea pour ses Chanoines des Statut« 
qui furent re9us dans plusieurs maisons dependantes, v. gr. Saint- 
Georges de Troyes. II s 'etait impregne au Bec de la tradition bene- 
dictine, etait jeune encore pour lors, et parait avoir eu des rapports 
avec Maitre Manegold. ,, Verum", dit Amort ^, „ne harum quidem 
Constitutionum hucusque noscitur vestigium." II y a bien k Paris 
(Biblioth. Ste Genevieve, ms. 349) de soi-disant „Constitutions 

' Mignc, S. L. 103, 1477—1480. 

* Duoango, Iudex nuctorum X (Niort 1887) XXIX. * Amort 333. 



Ivo von Chartres, der Erneuerer der Vita canonica in Frankreich 71 

d'Ives de Chartres pour St. Quentin de Beauvais" ; mais c'est une 
copie du XVIP/XVIIP siecle, de 17 ff. seulement: il faudrait voir si 
elles peuvent representer Toeuvre authentique d'Ives. (L'Abb6 des 
Chanoines de St. Quentin n'avait pas de Crosse; cf, e contra S 
fol. 69, 71'.) 

Quoi qu'il en soit, on peut affirmer sans crainte que S est 
un document remontant aux tout premiers debuts des Chanoines 
Reguhers en France au XP siecle, ä une epoque oü le nom meme 
de cette institution etait chose nouvelle : ,,cum ipsum nomen Canoni- 
corum recenti memoria sit propalatum" (fol. 71). II comble une 
lacune jusqu'ä present universellement constatee dans l'histoire 
de ce grand Ordre Religieux, dans Thistoire et la litterature ca- 
nonique du moyen äge chretien, de l'ascese catholique en general. 

A noter que le ms. de Salzburg ne represente qu'une copie 
incomplete. La Preface ou debut fait defaut (incip. ,,Nocturnis 
itaque horis . . ."); et surtout du Chapitre ou livre dernier, dont 
la table est sommairement dressee (fol. 69), le copiste n'a retenu 
que ce qui avait trait a l'Abbe. 11 Mai 1916. 

P.S. L'historien de l'Alsatia Sacra, Grandidier i, dit aussi 
que Manegold a du introduire a Marbach la reforme etablie ä 
Beauvais par Ives de Chartres. 

Le meilleur texte des L^s de Marbach doit etre celui du manuscrit 
de Guta, de l'an 1154, conserve au Seminaii"e, Strassburg. 

Le nom de St. Remi dans les Litanies Oriente aussi vers la 
Province de Reims, dont Beauvais fait partie. 

Enfin, apres avoir lu plusieurs fois la longue preface du De- 
ere tum d'Ives, ecrite alors qu'il etait encore abbe de St. Quentin, 
je ne puis m'empecher de lui trouver de curieuses ressemblances 
de gem'e avec divers endroits des Consuetudines. 

Um einen ungefähren Überblick zu haben darüber, was uns 
in diesen Consuetudines vorliegt, will ich zunächst eine summarische 
Inhaltsangabe bieten. Eür die Geschichte der Handschrift und 
paläographische Einzelheiten verweise ich einstweilen auf die Dar- 
stellung, wie ich sie in meinem Ordo Lateranensis gegeben habe^. 

1 Oeuvres in6dites, ^d. Ingold II (Colmar 1899) 7. 

^ Fischer, Ordo Officiorum Ecclesiae Lateranensis XLIX — LXVin: Hand- 
schriftliche Überlieferung des „Ordo Lateranensis", besonders XLIX — LVI. l'n- 
regelmäßigkeiten in der Orthographie, namentlich in der Anwendung von ^ darf 
ich für die Zwecke dieses Beitrags unberücksichtigt lassen. 



72 Ludwig Fischer 

Die Consuetudines umfassen das gesamte Leben und Treiben, 
wie es sich in einem französischen Chorherrenstift am Ende des 
11. Jahrhunderts abspielte. Sie sind in mehrere ^ Hauptteile 
gegliedert. 

Der erste Hauptteil beginnt — der Anfang fehlt in dem Manu- 
skript — mit der Schilderung des nächtlichen Offiziums 
(f. 25 — 29). Nach den Anweisungen über das Aufstehen und 
das Morgengebet (25 — 25') gibt der Verfasser Vorschriften bei 
Unwohlsein und Krankheitsfällen (26 — 26'). Die einzelnen Teile 
des nächtlichen Offiziums, die Art und Weise, wie es gebetet werden 
soll, werden eingehend besprochen (26 — 29): Cantica graduum, 
Invitatorium, Gloria patri, Preces , Kollekten, Kommemorutionen 
usw. Nach dem nächthchen Offizium geht man %vieder zu Bett (29). 
Auf das gegebene Zeichen wird am Morgen aufgestanden. Nach 
dem Morgengebet folgt die Morgen waschung. Hernach ist Ge- 
legenheit zur Beichte (Formen der Buße: Mehrere Vaterunser 
oder Psalmen, 7, 50, 100 Psalmen oder auch das ganze Psalterium, 
für Priester einige Messen, ,,aliquoties etiam corporalem discipli- 
nam"; ,,ieiunium . . . manifestum niilli indicendum est"; Ver- 
halten des Beichtvaters bei Gewohnheitssündern; 29' — 30). Im 
Anschluß an Vorschriften wegen der pollutio nocturna (,,quod 
quidam uerecunde fragilitatem appellant") behandelt der Verfa.sser 
das Wechseln der Leibwäsche. Die Wäsche soll alle 14 Tage ge- 
wechselt werden (30—30'). 

Einen Schwerpunkt im mittelalterlichen Klosterleben bildet 
die Prim (30' — 31') und das sich daran anschließende Kapitel 
(31' — 39). Eingehend verbreitet sich der Verfasser über den Wert 
der Selbstanklage und der brüderlichen Zurechtweisung (31' — 32'); 
,,Unusquisque quo perfectior esse contendit, eo minus sibi parcat, 
se ipsum ponat ante se et ascendat tribunal su§ mentis, . . . pie 
seuiat in se et, quod dici solet, lineeis oculis inspiciat sui cordis 
intima. . . . Latens enim dolor curari nescit et tectus ignis maiore 
impetu estuare solet." Weiterhin wird besprochen, wie sich der Schul- 
dige zu verhalten habe (32' — 34), welche Vergehen (culpae leuiores, 
mediae, graues, grauissimae) vor das Kapitel gebracht (34' — 38) 
und wie sie bestraft werden müssen. Die für die schweren Ver- 
gehen bestimmte Züchtigung soll mit christlicher Liebe gepaart 
sein: ,,Correctio . . . , qu§ scopis fit, primo modice incipienda est 



^ Eigentlich nur zwei Hauptteile; vgl. unten »S. 76. 



Ivo von Chartres, der Erneuerer der Vita canonica in Frankreich 73 

et, si iusserit prior, sensim adaugenda, ita tarnen, ut in omnibus 
seruetur compassio fraterna, ut disciplin? districtio terreat elatos, 
misericordi«? adhibitio foueat subiectos" (33'). Zum Schluß folgt 
noch die Anweisung, wie die ,,capitularis actio" zu beenden sei (39). 
Aus diesem ganzen Abschnitt über das Kapitel spricht der milde 
Ernst eines für die aszetische Durchbildung und Vollendung der 
Klosterbe wohner besorgten und begeisterten Mannes. 

Ein weiterer Abschnitt ist der Arbeit gewidmet (39' — 43'): 
Für sie gilt als Leitsatz: ,,Cotidianum . . . manuum opus tempore 
statuto exerceri conuenit a Christi militibus canonici disciphn§ 
professoribus, in quantum contemplationem non impedit aut 
orationem." Nach einer warm gehaltenen aszetischen Betrachtung 
über den Wert der Arbeit (39' — 40') bespricht der Verfasser die 
verschiedenen Formen der Arbeit (40' — 41): ,,Opus manuum aliud 
infra claustrum, aliud extra fieri solet, aliud cum psalmodia, aliud 
quod non patitur psalmodiam, aliud quod fit a stantibus, aliud a 
sedentibus, aliud a coniunctis, aliud a disiunctis, uniuersaliter 
omnia cum silentio." Auch Zeit und Dauer der Arbeit, die je nach 
der Jahreszeit verschieden sind, werden genau bestimmt (41 — 41'), 
ebenso die Aufgaben des ,, Arbeitsmeisters" (prouisor operis; 
41' — 42), die Heranbildung der klösterhchen Jugend zur Arbeit 
(42), das Gebet bei der Ai'beit (42—42'). Die Arbeit soll für das 
Gemeinwohl, nicht aus Eigennutz geschehen (43 — 43'). 

Nun folgt ein interessanter Ordo missae (43' — 46), und zwar 
als Gottesdienst mit Leviten. Besonders wertvoll sind darin zahl- 
reiche archäologische Notizen (theca tricamerata ad dominici 
corporis et sanguinis sacramenta sancte tractanda, kathedra sacer- 
dotis, lauatoriolum, Kommunionritus usw.). Daran anschließend 
wird die Zeit der Privatmessen und die Art und Weise ihrer Zele- 
bration erörtert (46 — 46'). Die Zeit nach der Messe ist vor allem 
dem Studium der ,, Codices" gewidmet. Auch was beim Offizium 
zu singen ist, wird jetzt präpariert (46' — 47). 

Nach der Sext findet das Mittagsmahl statt (47 — 49): Tisch- 
gebet, Tischlesung, Verhalten bei Tisch. Was vorgesetzt wird, 
soll man liinnehmen ,,cum religione et gratiarum actione . . ., 
non ad uoluptatem, sed ad corporis necessitatem" (47). Es ist 
eine fromme Sitte von Väterzeiten her, daß von allem, was der 
Erfrischimg der Brüder dient, zuerst Christus angeboten wird, 
d. h. einem Armen an Christi Stelle, der ja gesagt hat, man tue 
ihm, was man dem geringsten seiner Brüder tue (47'). Die Koi-t 



74 Ludwig Fischer 

ist mit Ausnahme der Kranken und Altersschwachen für alle die 
gleiche ; jeden Tag gibt es zwei Gerichte. Nach Tisch ist allgemeiner 
und obligater Mittagsschlaf (,,meridiatur"; 49 — 49'). Nach der 
Non und der Toten vigil folgt der „Haustus", dann wird wieder 
gearbeitet bis zur „hora lucernaris". Nach der Vesper ist der 
Abendtisch. Nach der Abendlesung wird das Kompletorium ge- 
betet (50 — 50') und dann geht man zu Bett. Im Anschluß an die 
Ruhe der Nacht wird das klösterliche Stillschweigen besprochen 
(51'). Um sich dort verständigen zu können, wo Stillschweigen 
geboten ist, sollen die Kanoniker die Zeichensprache verstehen 
(,,signorum noticiam haberi oportet a canonicis, quibus quodammodo 
tacentes loquantur in locis, ubi silendum est"). — 

Was bisher als erster Hauptteil behandelt wurde, ist die ,, Tages- 
ordnung des tapferen Streiters" Christi (fortis agoniste dieta; 52). 
Nun soll in einem weiteren Hauptteil besprochen werden, ,,quid 
per diuersa anni tempora diuerse agi oporteat" (52 — 56'). 
Die verschiedene Länge des Tages bedingt verschiedene Modi- 
fikationen der Hausordnung für die Zeit von Mitte September 
bis 1. November (52') sowie vom 1. November bis zum ..uernale 
equinoctium" (52' — 53'). Nach sehr summarischer Behandlmig der 
von Weihnachten bis Maria Verkündigung einfallenden Feste 
(53' — 54) folgt eine eingehende Darstellung der Fußwaschung am 
Gründonnerstag (54 — 54'). Sie wird vom Prälaten an 40 Armen 
vollzogen, die nach der Fußwaschung gespeist werden (,,panis de 
melioribus et duo pulmenta et ciphus de meliori ceruisia"). Zum 
Schluß erhält jeder Arme noch einen Denar. Am Karfreitag gehen 
alle Kanoniker barfuß und unterziehen sich der ,,corporahs dis- 
ciplina" (54'— 55'). 

Der Verfasser tritt in einem weiteren Abschnitt (55' — 56') 
nachdrücklich ein für die Abstinenz von Fleischspeisen. Er zeigt 
sich hierbei sehr gewandt und belesen. Er zitiert nicht bloß Au- 
gustin und Hieronj-mus, sondern auch Prudentius, mid weiß auch 
etwas von Spiridion von Cypern. — 

Ein weiterer Hauptteil des ganzen Werkes behandelt die 
Dinge, ,,quQ nulla anni uarietate diuersificantur, sed uno 
semper statu uniformiter aguntur" (56' — 73). Hierzu ge- 
hört vor allem das ,,mandatum". die Fußwaschung, und zwar 
sowohl jene, welche jeden Samstag an den Mitgliedern des Konvents 
vollzogen wird (57 — 58), wie auch jene, welche täglich an drei 
Armen stattfindet (58 — 58'). Hierzu gehört auch die Rasur der 



Ivo von Chartres, der Erneuerer der Vita canonica in Frankreich 75 

„Corona" (Tonsur), welche alle vierzehn Tage, während der Fasten- 
zeit alle drei Wochen geschieht (58' — 59'). Die ,,minutio sanguinis" 
(Aderlaß), ,,qu? humanis non solum corporibus, sed etiam in 
quibusdam aliis remedio esse solet animabus, suis temporibus 
adhibenda est fratrum necessitatibus, per quam nociuis humoribus 
inminutis uegetiores reddantur non tantum diuinis officiis, sed 
etiam quibuslibet agendis", — spielt mit verschiedenen und sehr 
eingehenden Vorschriften für die ,,minuti" eine wichtige Rolle 
(59'— 61). 

Ein weiterer Abschnitt gilt der Aufnahme neuer Mit- 
glieder, wobei große Vorsicht am Platze ist, weil gar verschieden- 
artige Leute um die Aufnahme nachsuchen: ,,Veniunt . . . diuersa 
cursorum genera: alii de monasteriis nostri ordinis uicinis uel 
remotis, loci sui desertores et professionis aut causa diligentius 
exequende canonice religionis, alii de monasteriis monachorum, 
qui nee a parentibus suis sunt oblati et qui nondum sunt monastice 
professionis ritu consecrati, sed tempore probationis inde egressi, 
ahi de seculari habitu clericorum, alii de ordine laicorum" (61). 
Sie sollen zuerst auf Probe aufgenommen werden (61' — 62'). Die 
Vorschriften für die Behandlung dieser ,, diuersa cursorum genera" 
werden durchbesprochen (62' — 64'). 

Nach dem ein- bis zweijährigen Noviziat (,,tempus legittime 
probationis") findet die Profeß statt (65 — 68'). Zuerst nimmt 
der Abt die Tonsur vor, dann folgt die Einkleidung, zuletzt verliest 
der Kandidat die ,,carta professionis". Für die Aufnahme in die 
Klostergemeinschaft in articulo mortis werden eigene Vorschi'iften ge- 
geben (68'). Neu aufgenommene ,,ministri altaris" dürfen ihren Ordo 
nicht ohne weiteres ausüben (68' — 69'). Auch kann der Abt solchen 
Novizen, die ein ,,barbaricum uel inusitatum et inconueniens nomen" 
tragen, einen anderen Namen geben (69). Anschließend an das 
Vorausgehende handelt der Verfasser von den einzelnen Obliegen- 
heiten (officia) der ,, diuersa ecclesiastice genera milici§" (69): 
Priester, Diakonen, ,,Hypodiakonen". 

Was nun in der Handschrift folgt, sind nur bescheidene imd 
unvollständige Auszüge eines Redakteurs aus dem ursprünglich 
vollständig vorliegenden Werke ^. Es sei deshalb, um einen Über- 
bhck über die Anlage des ganzen Werkes zu ermöglichen, der Titel 



^ Bei der Textansgabe wird es sich darum handeln, diese Auszüge nach den 
Marbacher Consuctudines soweit als möglich zu ergänzen. 



76 Ludwig Fischer 

dieses Hauptteiles hierher gesetzt: „Tractatis in superiore opusculo 
his, que ad communis obseruantie rationem pertinent nunc disse- 
rendum nobis est de his, que ad singularum officia personarum 
respiciunt, quaUter ehgantur, quid ab electis agatur, que cuique 
soUicitudo, que creditorum prouisio, que iniuncti operis si ratio 
postulat, in quibus absolutio, que canonici habitus consuetudo, 
que minoris etatis educatio, que iuuenum custodia, que infirmorum 
cura, que egrotantium recreatio aut extrema deductio, que circa 
morientes diligentia, que mortuorum depositio, que carorum memoria 
nulla obliuione delcnda" (69' — 70). Von all dem, was hier angekündigt 
ist, behandeln die Auszüge unserer Handschrift nur die Wahl 
(69' — 70) und Weihe (70 — 71) des Abtes. Es folgt noch eine sehr 
lebhaft gehaltene Kontroverse über das Recht der Kanoniker, 
ihren Klostervorstand ,,Abt" zu nennen (71 — 71'). Mit der Er- 
örterung über Gehorsam und Reverenz gegenüber dem Abt sowie 
über dessen Obliegenheiten (72 — 73) schließt die Handschrift. — 

Wie uns dieser Überblick zeigt, zerfällt das ganze Werk in 
zwei leider sehr ungleich uns erhaltene Teile. Der erste handelt 
von den Dingen, ,,que ad communis obseruantie rationem 
pertinent", der zweite von jenen Dingen, ,,que ad singularum 
officia personarum respiciunt". Wir haben also wenigstens 
den Versuch einer systematischen Behandlung des klösterlichen 
Lebens vor uns, wenn die Systematik auch ziemlich oberflächhch 
ausgefallen ist. Das hegt in der Natur des Gregenstandes. Was 
Systematik anlangt, kann der Verfasser immerhin den Vergleich 
mit anderen derartigen Consuetudines aushalten. Imierhalb seiner 
Haupteinteilung reiht er die einzehien Materien assoziationsweise 
anemander, wie er selbst einmal sagt: perscripta prout memorie 
occurrit fortis agoniste dieta" (52), 

Dagegen erweist sich der Verfasser als sehr tüchtiger Aszet, 
namentlich auch in der reichlichen und geschickten Verwertung 
der Heiligen Schrift. Allenthalben zeigt sich eine starke aszetische 
Durchdringung des Gesamtstoffes, und aus dem ganzen Werke 
spricht eine warme Liebe für ein blühendes Klosterwesen. Einmal 
spielt er auch auf den schlechten Klerus seiner Zeit an und be- 
trachtet die Klöster als Pflanzschulen für eme tüchtige Priester- 
schaft (62'). Diese und andere Momente, welche teilweise schon 
Morin vorweggenommen hat, lassen zwar in dem Verfasser einen 
kirchlich gesinnten, für das Wohl seines Klosters wie der Kirche 
überhaupt treu besorgten Mann erkennen, sind aber nicht geeignet, 



Ivo von Chartres, der Erneuerer der Vita canonica in Frankreich 77 

die Frage nach dem Verfasser weiter als über Vermutungen 
hinauszuführen . 

Der Hinweis Morins auf den Prolog zu Ivos Dekret hat seine 
Berechtigung. Dem, der sich mit der Lektüre unserer Consue- 
tudines eingehend beschäftigt hat, fällt sofort eine gewisse Stil- 
verwandtschaft in die Augen. Aber um einen schlüssigen Beweis 
daraus zu formulieren, ist der Prolog an sich viel zu kurz und 
enthält überdies viel zu wenig Ivonisches Eigengut, da er sich 
zum großen Teil aus Zitaten aus Werken kirchlicher Schriftsteller 
zusammensetzt ^. Auch die unter Ivos Namen gehenden Sermones *, 
die man wegen ihres aszetischen Inhalts zuerst zum Vergleich 
heranziehen möchte, zeigen im Verhältnis zu seinen Briefen teil- 
weise eine merkliche Stilverschiedenheit. Zudem sind sie mangels 
äußerer Bezeugung ihrer Echtheit nicht geeignet, als Vergleichs- 
material zu dienen. Der einzige Weg, um zum Ziele zu kommen, 
ist ein ebenso mühsamer und zeitraubender wie lohnender und 
beweiskräftiger philologischer Vergleich zwischen den Consue- 
tudines und den Briefen Ivos. Diese stammen zwar, mit Aus- 
nahme eines einzigen ^, nicht aus der Zeit, da er in St. Quentin 
lebte, und eben deshalb beschränkt man sich am besten auf die 
etwa das Jahrzehnt von seiner Erhebung zum Bischof von Chartres 
(1090) bis zum Regierungsantritt Paschalis' II. (1099) umfassenden 
ersten hundert Briefe der Sammlung bei Migne *. Ich bezeichne 
die Briefe mit E, den Prolog zum Dekret mit P unter Hinzufügung 
der jeweiligen Kolumnenzahl und Buchstaben bei Migne, die 
Consuetudines dagegen mit S und dem entsprechenden Folio der 
Handschrift. 

Bei der Beurteilung dieses Vergleiches darf man nicht außer 
acht lassen, daß die Briefe eine beträchtliche Spanne Zeit später 
geschrieben sind als die Consuetudines, daß sie außerdem 



^ Vgl. den Prolog bei Migne, S. L. 161, 47 — 60; darunter Zitate namentlich 
auf Kolumne 51 — 54 und 56 — 60. 

2 Bei Migne 162, 505—610. 

^ Ivo minimus Belvacensis Beati Quintini presbjrter Haimerico bonae spei 
fratri, bei Migne 162, 285—288. 

* Migne 162, 14 — 120. Mit Dank erinnere ich mich hier des freundlichen 
Entgegenkommens des hoch würdigsten Herrn Abtes von Scheyem Rupert III. 
Metzen leitner, der mir trotz des feierlichen Protestes seines trefflichen und 
gelehrten, aber mit Cerberusstrenge seines Amtes waltenden Bibliothekars die 
einschlägigen Mignebände zur Benutzung nach Neuburg überließ und dadurch 
das Zustandekommen dieses Beitrags überhaupt ermöglichte. 



78 Ludwig Fischer 

meistenteils Rechtsgutachten des von allen Seiten zu Rate 
gezogenen Kanonisten auf dem Bischofsstuhl enthalten und vor- 
wiegend kirchenpolitische Fragen erörtern, während die Consue- 
tudines hauptsächhch das aszetische Leben einer Klostergemeinde 
im Auge haben. Bei dieser sachlichen Verschiedenheit sind die 
vorhandenen Parallelen um so höher zu bewerten. Der hier ver- 
fügbare Raum gebietet mir, mich auf das Notwendigste zu be- 
schränken. 

In alphabetischer Reihenfolge seien zunächst gleichheithche 
Ausdrücke und Wortverbindungen vorgeführt, wobei der 
Wortgebrauch als solcher (Wortschatz) imd die formellen Parallelen 
eigens für sich zu beachten sind. Besonders charakteristisch für 
den Autor ist die Verwandtschaft mit augusti nischer Ausdrucks- 
weise. Der Stil des Verfassers verrät ein eingehendes Studium 
der Schriften des hl. Augustin. 

acquiescere. — S56: acquiescimus consilio eiusdem doctoris gentium 
P 49 A: praemium sibi acquiescentibus pollicetur; E 75 A: quod si huic 
petitioni nostrae acquieveritis; E 75 A: si acquiescere noluerit nostris per- 
suasionibus; ebenso E 37 C, E 43 C, E 60 D, E 62 A, E 75 A (2mal), E 86 C, 
E 95D, E 110 A. 

S 40: contradictor non acquiescet; S 56: adhuc forsan non acquiescen- 
tes P 49 C: rem . . remunerationi dignam acquiescenti . . suadet; sed qui 

non acquieverit. 

ar(c)tus. — S 65: quam arta est uia, per quam tendere disponit; S 71': 
per artam uiam ingredientibus E 95 B: arctam vitae viam (vgl. noch 

S 53: salutera diuinitus collatam artiori custodia conseruare; S 57: illa . . uerba 
et facta [Christi] . . - artius insiderent; vgl. ferner E 90C, E 114 A). 

colligere (sc. argumenta, Beweismomente). — S 40: si omnia ad hoc negocium 
profutura colligere libeat, facilius tempus quam testimoniorum copia nos desti- 
tuet E 40B: possera . . multa similia ad huius sententiae confirmationem 

collegisse (sie Migne!); E 49 B: possemus . . . multa colligere de privUegio 
clericonmi; E 67 B: exempla colligere; E 288 A: possem quidem de scripturia 
in hanc scntentiam plura colligere; E 119 D: ex liis . . quasi rationum scin- 
tillis poteris maiora colligere. 

condescendere (mit Objekt im Dativ). — S 38': conuentus totus conde- 
scendere fratri; S 56: hoc indulgemus Inf irmis condescendentes E 15 D: 
condescendam petitioni vestrae; E 32 C: nostrae miseriae misericorditer 
condesccndite. 

contagio. — S 38': districta adhibeatur ultio, quousque superbi^ contagionem 
remcdium humilitatis sanet E 15 C: simili contagione pollutos. 

quod si contigerit (Satz einleitend). — S 47': quod si . . contigerit 
E 45 B: quod si forte contigerit. 

ad conversionem venire (ins Kloster gehen). — S 61': si de seculari cleri- 
corum ordine ad conuersionem uenerint; S 65: si . . ad couuerBionem 



Ivo von Chartres, der Erneuerer der Vita oanonica in Frankreich 79 

uenerint; S 60: si quis . . ad conuersionem uenientium . . habuerit; S 72: 
ad conuersionem uenerint E 100 B: monasterium in quo ad con- 

versionem venerat (vgl. noch S 42: qui fuerint . . a seculi milicia ad spiritalis 
pugn^ exercicium conuersi). 

deo donante. — ii QZ: deo donante E 32 A, E 40 C, E 108D, E 112 B: 
deo donante (E 48 A: deo permittente ; E 68 D: deo amiuente; E 71 A: deo 
cooperante). 

discretio (Ermessen) alicuius. — S 27: relinquitur . . . discretioni pre- 
latorum; S 32': discretioni presidentis relinquatur; S 39: discretioni 
correctoris est relinquendum E 24 A: discretio prudentis agricolae; 

E 29 A: discretio rectorum (vgl. dazu S 35, S 64': discretus rector); 
E 53 A: in discretione abbatum hoc mihi ponendum videtur (vgl. noch S 56': 
[prelati] arbitrii erit pro sua discretione abstinentiam indicere). 

dispendium. — S 42: dispendium . . hoc temporale et momentaneum 
diutinus est profectus E 89 C: canonicae institutionis nulla dispendia 

facietis; E 92 C: generale dispendium monasticae religionie. 

dissimulare („ein Auge zudrücken"). — S 27 : quod si nee sie corrigi ualuerit, 
dissimulante prelato; S72: si quid forte inconsideratius iusserit, dissimuletur 
ad presens E 25 A: multa tolero, multa dissimulo; E 45 A: praelatus, 

quid debeat dissimulare; E 67 B: principes ecciesiarum . . multa . . dissi- 
mulasse; E 110 B: propter multorum dissimulata facinora. 

fomentum (medizinischer Terminus). — S32': ut uulnera, qu^ fomenta non 
sentiunt, ferrum experiantur; S 34': aliquando grauioribus excessibus blandiora 
adhibenda sint fomenta; S 38': tumorem elationis fomentum obedienti^ 
emolliat E 47 D: vulnus fomentis incurabile; P 48 C: [medicuß] nimc ferro 

secat, cui f omento subvenire non poterat, et e converso ei nunc subvenit fomento. 

incesstis (Auftreten; nach Augustinus). — S 62: ut sint prouide circum- 
specti in incessu; non . . in incessuleues, . . sed per omnia graues 
E 23 B: in incessu grauitas. 
quem ferro secare non audebat. 

infestatio (Anfeindung). — S 39: [diabolus] confusus a seruorum dei infesta- 
tione desistat E 38 B: exteriorum tribulatione crebra infestatione vexatus; 

E 54 A: contra aemulorum infestationes. 

inhiare (sich widmen). — S 40: contemplationi inhiare E 48 B: fonti 

vitae totis desideriis inhiantem; E 86 C: solis terrenis inhiare. 

inientus (bedacht auf). — S 42': mens . . diuinis . . intenta; S 45: ad 
orationem intenti erunt E 23 B: ut semper sitisintentae orationi; E30D: 

honestis semper exercitiis intentos. 

intimare (mitteilen). — S 31: si quis intimatus est obitus de fratribus 
nostris; S 37': res . . est . . prelato occulte intimanda; S 41: [Augustinus] 
intimans tempus autumni et hiemis E 61 C: mihi . . intimatum est a 

quibusdam amicis; E 115 D: seriem causae . . prudentiae vestrae breviter in- 
timabimus. 

mancipare. — S 39: diuino operi semper mancipatus; S 56': diuinis rebus 
mancipantur E 64 C: clericum . . carcerali custodiae mancipastis; car- 

ceri mancipari. 

ministrare (beischaffen). — S 30': si qua alia sunt necessaria ministrando 
E 24 A: per quoa vobis necessaria ministrabit; E43C: qui.. in neces- 



80 Ludwig Fischer 

sitatibus eorum studeat eis tarn spiritualia quam corporalia miniBtrare; E 59 D: 
sanius consilium; quod si ei Deus ministraret; E 95 B: verbi annonam conservis 
ministrare (vgl. noch [ministrare = auftragen bei Tisch] S 47': duo . . gt-neralia 
fercula . . ministranda; S 48: sedenti nouissime omnium fuerit mini Stratum; 
S 48: a primo ad ultimum ministratur; S 57': ministrare aquam singulorum 
manibus; S 58: manibus aquam ministrant; S 61: ad cenam aliquid ei . . indul- 
gentius ministretur; S 73: largius ei ministrare obsonium). 

necessitas. — S 29: sibalneouti necessitas compulerit; S 40': nisiquantum 
operis exigit necessitas; S41': quicquid operis necessitas loqui compulerit; 
S 48': si quis . . necessitate compulsus fuerit E 97 A: magna et mani- 

festa me compulit necessitas; E 100 B: necessitate compulsus rediit. 

noidbilis (tadelnswert). — S 35: siinaliquo notabilis apparuerit; S 64: si 
quis de negligentia obseruandi ordinis notabilis fuerit E 100 A: utrum . . 

frater . . aliqua notabilis apparuisset infamia (vgl. dazu E 109 A: nulla . 
. . infamia dcnotatus; S 37: timet a pluribus pro reatu suo notari). 

novissima eorum peiora prioribus (Luc. 11, 26). — S 62: ne, si ab asperitate 
incipiant, exterriti ad priores lapsus recurrant et sint nouissima eorum peiora 
prioribus E 46 B: novissima tua peiora prioribus efficiat (gleiche 

Situation: Mahnung an Novizen, am gefaßten Entschluß zum Klosterleben fest- 
ziihalten). 

occupatum inuenire (Hieronymus). — S 39: ut occupatum semper hostis 
[.sc. diabolus] inueniat E 23 B: ut diabolus vos inueniat occupatas. 

palliare (verkleiden; „Deckmantel"). — S32': [causam lapsus] non multi- 
loquio, non artificiosa palliabit oratione, sed simpliciter et humüiter proferet 
E 50 C: liberalitatis tuae fama nuUo simulationis fuco palliata . . mihi . . in- 
notuit; E38B: sub hocpallio piaeintcntionis; E40 B: virtutumspeciepalliatos; 
E 95 D: pravorum delatione coniecturarum divinationibus palliata. 

pendere ex arhitrio. — S 41': omnis . . ojwris prouidentia in eius pendebit 
arbitrio E 67 A: ex vestro pendet arbitrio. 

plectere (bestrafen). — S 38: condigna ultione plectendus E 63 A: 

canonica sevcritate sunt plectendae; E 114 D: terribili excomjuunicatioue plecta- 
tur; E 30 B: ne plectar poena ser\i maU et pigri. 

postponere (hintansetzen). — S 31 : omnibus postpositis; S 63': tumoribus 
suis fraternitatis caritatem postponentes E 41 C: postpositis aliis 

multis; E 108 A: postposita omni canonica obedientia (vgl. dazu E 14 C: ne 
otium nostrum ncgotiis saecularibus praeponamus). 

praepedire (hindorn). — S39:nisi . . ineuitabilis necessitas prepedit 
E24D: praepediente imbeciUitatcmea; E53B: publicisnegotiispraepeditus. 

praevaricatio legis (Gcsetzesübertretimg). — S 40': diuin^ legis preuari- 
catores E 20 D: domini [sc. dei] mei legis praevaricatione. 

procinclus. — S 42: bis, qui mmc in procinctu stant, iam emeritis; S 69: in 
pro cinctu armorum .spiritualium . . . inuigilcs E 107 A: qui volut in hostem 

videmini adversus eam cxercitum commovere, et quasi procinctum belli prae- 
parare. 

propensior. — S 55': missa . . propensiori studio est celebranda; S 70: 
noctem . . propensioribus uigiliis ducunt insomnem E 117 C: pro- 

pensius faeiatis in hoc negolio ex debito obedientiae. 



Ivo von Chartres, der Erneuerer der Vita canonica in Frankreich 81 

propositum (Klosterberuf). — S 43: qui a proposito communis uit^ ex- 
ciderunt; S 65: si qui . . a proposito deflezerunt; confirmari . . in proposito 
E 16 D: proposito tuae sanctitatis non oberit; E 22 D: quae in propo- 
sito sanctitatisDeo placere voluerunt; E29B: sie boni propositi cursumtenere; 
E 38 A: in sancto proposito viriliter stare; E 52 D: si qui vellent ab hoc 
proposito recedere; ad propositum suum reverti; E 90 C: ad propositum 
continentiae reducetis (vgl. auch P 49 D: si a voto ceciderit [ezciderit]; E 43B: 
in sancto proposito retinere; E 67 B: in voluntatis suae proposito perstitit). 

prosapia. — S 40': obliti prosapi^ su§ c^lestis E 57 D: testantur . . 

praeclari viri . . sati prosapia. 

quis, quid, quando etc. — S 51': in his, qui norunt quid, quando, cui, de 
quo, quo loco loqui expediat P 48 D — 49 A: haec singula quid ponderis 

habeant, quibusve conveniant, quae sint remissibilia, quae irrcmissibilia, et 
quando, vel quibus de causis sint remittenda. 

ratio. — S 43: ratio operis exigit; S 59': lauacrum . . corporis indigentibus 
preberi . . ratio postulat; S 63': uidetur ratio postulare; S 65: desiderio . . 
eius . . satis fieri ratio postulat; S 69': si ratio postulat E 51 C: ordo 

rationis postulat. 

S 53: ratio . . et usus . . uidetur postulare (Hendiadyoin); S 64: prout 
ratio dictauerit et auctoritas (vgl. dazu E 77 B: prout ratio permiserit) 
E 81 D: quod ratio persuaserit et lex dictaverit; E 89 C: quod ratio et 
auctoritas dictauerit (vgl. noch E 116 A). 

(re)fovere (trösten). — S 37: eum . . foueant per compassionem; S 62: 
eos .. blande refoueant E 45 C: vellem . . tua consolatione refoveri; 

E 60 A: vestris consolationibus refoveri; E 64 C: [clericum] nuUa consolatione 
refovistis; E 108 C: ecclesiam in malis tabescentem solatio foveatis; E 114 A: 
ut eos patemis consolationibus foveatis. 

remuneraiio (himmlischer Lohn). — S 61: prius . . audiat de difficultate 
laboris quam speret brauium remunerationis; S 65: spes erigat ex remunera- 
tione P 49 C: rem . . remuneratione dignam . . suadet. 

resecare („die Fehler wegschneiden"). — S 35': si prau^ delectationi succumbere 
potius quam resecare eam maluerit; S 58': si quid superfluum est, resecetur; 
S 59: studeat quisque uicia cordis resecare; S64: delicta resecentur 
E 74C: flagitia et facinora . . nee . . a vobis aliqua iustitiae falce resecari. 

Sanum consilium. — S 73: secundum consilium seniorum sanioris consilii 
eligendus est [abbas] E 38 B: non est Sanum consilium; E 47 C: neque 

Sanum est consilium; E 59D: ut sanius consilium perquirat; E65C: 
saniore consilio (vgl. noch E 116 D: saniori sententiae). 

sarcina (Bürde). — S 73: [electus in abbatem] iudex . . proprie humilitatis 
. . sarcinam subterfugere satagat E 30 A: exoneratus sarcina pastorali; 

E 42 B: flagitiorum tuorum sarcina premeris; E 51 C: levem Christi sarcinam 
subire. 

scandalum generare. — S 33: quod auditoribus scandalum generare 
potuisset E 105 C: scandalum generarent; E 106 C: scandalum gene- 

rantibus. 

societas (Klostergemeinde). — S 39: laici . ., qui . . in una societate cum 
canonicis uiuunt; S 61': ut ad regularis uite societatem admitti mereantur 

Festgabe Knüpfler 6 



82 Ludwig Fischer 

E 30D: omnes ad societatem vestram venientes; E 32 C: in sancta societate 
vestra plures esse; E 33 B: societati fratrum canonicae professionis vinculis 
est alligatus; E 43 D: non desero illius ecclesiae [sc. Beati Quintini] societatem; 
vestrae . . socictatis fidelis f rater. 

timor. — S 35: disciplina castigetur, ut c^teri timorem haheant; S 38': 
ut inobediens frater, quod meruit, cxperiatur et c^teris timor incutiatur 
E 68 B: quatenus caeteri timorem haheant et a simili sacrilegio nxanus contineant 
(vgl. noch E 85D: transgressor . . multatus aliis se corrigendi exemplum prae- 
bcretur). Strenge Bestrafung des Fehlenden soll die anderen abschrecken. 

tiro (Neuling in Christi Dienste). — S 69: coniurati ueteranis tyrones 
Christi E 52 D: tanquam iurati [periurati] in Christi sacramenta 

tirones (vgl. auch S 64: ad futuram niilitiam tyrones Christi instruantur; 
S 42: quando his . . iam emeritis isti [sc. pueri] tirones fortissimi et spiritalis 
belli sacramentis addicti succedent). 

vacare (sich beschäftigen). — S 40 : lectioni uacare; S 41: uacandum est 
lectioni (2mal); uacatur lectioni; uacari lectioni; S 42: psalmodi^ uacabunt; 
S 46': uacent lectioni; S 49: lectioni uacent; S 52: uacent lectioni; S 57': lectioni 
uacantes; S 62: lectioni et diuine meditationi uacantes E 45 B: vacet 

orationi et lectioni; E 108 A: ceteris huiusmodi lenociniis vacantera. 

vindicta (Strafe). — S 32': ne grauiorem mereatur uindictam; S33: acriori 
uindict^ subiacere; secundum culp^ qualitatem uindicta . . inponenda; S 35: 
remittat uindictam; S 35': impositam sibi . . uindictam . . sustineat; S 36: 
clementi uindict§ subiaceant; uolmitariam subcant uindictam; dict^ subiacebit 
uindict^' E 77 A: nullam exerceretis vindictam; E 77 B: pleuam . . super 

eiusmodi tranegressores vindictam exerceatis. 

Außer diesen parallelen Ausdrücken und Wortverbindungen 
finden sich in beiden Vergleichsobjekten auch gleichheithche 
Gedanken reihen und Ideenfolgen, die zwar meist nicht 
formell gleich sind, dafür aber eine um so bemerkenswertere inhalt- 
liche Ähnlichkeit aufweisen. 

1. Abtwahl. 

Die Wahl des Abtes sollen die Kanoniker überlassen ,,tribus ex omni numero 
sapientia et religione precellentioribus" (S 70). Nach geheimer Beratung ,,insi- 
nuant personam, quam dominus insinuauerit". Als Bischof berichtet Ivo 
über cUe Wahl seines Nachfolgers in der Prälatur: disponmit aliquem secundum 
quod mentibus eorum inspiraverit Deus sibi praeficere, qui pro viribus sibi 
collatis in necessitatibus eorum studeat eis tam spiritualia quam corporalia mini- 
ßtrare (E 43 C). Vgl. dazu S 42: quod dominus inspiraucrit E 50 A: 

quem Deus tibi ipse inspiraverit; E 110 A: prout vobis Deus inspiraverit; 
S 42': quod spiritus sanctus donauerit; ferner S 43: pro robore . . diuiniius 
sibi collato; S 68': pro uiribus, qtias dominus dederit E 38 A: pro graiia tibi 

divinittis collata. 

Die Wahl des Abtes soll mit Vorsicht geschehen, da man den Gewählten 
nicht tadeln oder korrigieren kami. S 69': electio . . abbatis . . diligentiori cura 
exquifiitior merito iudicatur. Nam in ceteris personis si qiüd . . reprehen^sibile 



I 
I 



Ivo von Chartres, der Erneuerer der Vita canonica in Frankreich 83 

fuerit deprehensum, corrigi ualet et ipsa persona amoueri; si quid in co, qui Om- 
nibus praeest, correctione dignum fuerit, difficulter ualet emendari ucl persona 
semel accepta dignitate priuari E 44 C: qui . . tanto nunc diligentius a 

vobis est discuticndus, quanto postea non reprehendendus, sed ab omnibus 
aequanimiter est tolerandus. 

2. Seniores. 

Eine wichtige Rolle in der klösterlichen Gemeinde unserer Consuetudines 
spielen die seniores. An Propst Walter schreibt Ivo E89B: Si qui ergo sunt 
in coUegio vestro viri prudentes et maturi et igne tentationum examinati, 
quibus hoc onus imponi velitis . . . IVIau vergl. damit S 62' : uita probati . . 
temptationibus exercitati; S 59': maturf^ grauitatis probatus senior. 

Die seniores werden mit verschiedenen Ämtern betraut. An Abt Bern- 
hard von Marmoutiers schreibt Ivö E 95 B: Simt vobiscum viri prudentes, 
vobiscum uno spiritu gradientes, quibus potestis partem vestri oneria impo- 
nere. Man vergl. damit S 68' : neophitis . . alii probati uita et spectati scientia 
. . preponendi sunt ; S 64: quibus preponi oportet boni testimonii et probate 
sapientie seniorem; S 41': prouisorem . . operis eligi oportet aliquem ex fratribus 
boni testimonii et probate uit^; S 30: quos . . domnus abbas inter omnes uit^ 
probatiores et sapienti^ preceUentiores perspexerit, cum his negocium occulte . . 
tractet. 

3. Vorliebe für medizinische Ausdrücke. 

Medizinische Termini sind in beiden Vergleichsobjekten besonders häufig, 
und zwar im übertragenen Siim für moralische Krankheiten. Die Vorliebe hierfür 
ist besonders auffällig. 

S 27': qui uulnus(*) non sanauit, sedadauxit; SSO: Quod si cuiquam 
plaga non facile curahilis (*) innotuerit, non plaga, qu§ cessando obducta sit, sed 
qu^ iterando recrudescere soleat, yeriti meJici erit fraternum uulnus (*) primo 
mitigare, deinde sanare et uiam conseruand^ sanitatis egroto premonstrare. 
Sin autem putredo uulneris inueterati sanitati restiterit . . ; S 30: oportet . . 
prudentem medicum . . intueri . . curandi rationem; S 31: ut medicantis operam 
inueniat; S 32: Si enim impium est tcgere uulnus (*) in corpore fratris, quod 
ipse celat, dum uri {**) timet, profecto maior impietas est plagam occultare, unde 
perniciosus putrescat in mente; S 34': [culpa leuior] leuioribus curatur remediis, 
et grauior est acrioribus sananda medicamentis; S 38': quousque superbi^ conta- 
gionem remedium humilitatis sanet et tumorem elationis fomentum obedienti^ 
emoUiat; S 39: qu^ cuique morbo remedia adhibeat P 48 B — C: sanandia 

morbis . . cliaritas sincera subveniat, et nemo ibi venalium medicorum more, 
quod suum est quaerat . . Sicut . . ratio corporalis medicinae vel depellere morbos, 
vel curare vulnera (*) salutem servare, vel augere intendit; nee medicus contrarius 
sibi videtur esse, cum pro qualitate vel quantitate aegritudinis, vel aegrotantis, 
nunc mordentia, nunc mollientia aegrotanti medicamina apponit; et nimc ferro 
secat, cui fomento subvenire non poterat, et e converso ei nunc subvenit fomento, 
quem ferro secare non audebat; ita spirituales medici, doctores videlicet sanctae 
Ecclesiae . . . ; P 50 D: Cogunt . . multas inveniri medicinas multorum experimenta 
morborum; E 14 C: languidis ovibus congruam medicinam providere nos convenit; 
E 15 A: morbis ovium nuUam medicinae curam praeparatis; E 47 D: qui vulnus (*) 

6» 



84 Ludwig Fischer 

fomcntis incuräbile(*) tanquam pü medici c a u te ri i 8 (**) competentibusdissimulant 
urcre (**) vel medicinali ferro praecidere; E 56 A: cum abundante iniquitate 
sanare vos nequeamus, malumus infirmos et saucios vos habere; E 56 B: sacra- 
menta . . vulnerum (*) nostrorum medicamenta ; E 56 C: qua die Christiana plebs 
tot ad vitam medicamenta suscepit ; E 74C: tanquam jrrobati medici maioribus 
morbis sanandis intenderent; E 94 D: ovi morbidae curam quam debueram non 
impendissem. 

S 30': si quis etiam ex consilio mcdicin^ cauteriatus (**) est; S 64': grauis 
medicina ut est . . cauteriationis (**) E 41 D: et si quid ille ignis urens ali- 

quando rcliquerat in conscientia tua cauteriatum (**). 

Aus dem alphabetischen Register gehören hieher noch contagio und fomentum; 
vgl. auch E 41 D; E 103 D; E 106 B; E 107 D; E 112 A; E 114 D; E 117 D. 

4. Ingenuitas — seruitus (Freiheit — Leibeigenschaft). 

Als Parallele seien einander gegenübergestellt zwei Stellen, an denen von 
dem Verhältnis dos Freigeborenen zur klösterlichen Handarbeit die Rede ist. 

S 40': obliti . . diuinitus sibi coUatg ingenuitatis serui sunt seruilia . . 
opera diligentes . . ? Sola . . seruilia sunt, qu^ peccato sunt obnoxia summaque 
ingenuitas est, in qua seruitus Christi comprobatur E 23 C: non potest 

talia [sc. operari] pati nostra aetas, non potest ferre nostra ingenuitas. 

5. Jugenderziehung. 

Eine besondere Sorgfalt wird auf die Erziehung der Jugend und Bewahrung 
ihrer Keuschheit verwendet. Vorbeugen sei hier das Beste. 

S 51 : Adolescentes . . uel pueri . . non coniunctis requiescant stratis, sed 
interpositis magistrorum stratis, ne quid etas illa, ut assolet, per negligentiam uitii 
aut leuitatis consuescat, quam expedit potius ante culpam seruari quam post delic- 
tum puniri E 30D: adolescentes vestros honeste semper exercitiis intentos, 

summa diligentia custodite, ut caste nutriti sacris possint ministeriis applicari; 
E 53 C: ut iuventutem vestram honestis exercitiis occupetis, . . ut si aliquando 
aliqua foeda imaginatio per sensuum fenestras templum cordis irrumpens ibi ap- 
pingi tentaverit, vel prorsus ab ipso introitu repellatur, vel si . . irrepserit, casta 
intus vigente dignitate cum dedecore excludatur. 

6. Militia Christi. 

Sehr zahlreich sind die Stellen, an denen das christliche bzw. namentlich 
das klösterliche Leben als Kriegsdienst (militia Christi) erscheint. 

miles: S 39: sagax Christi miles; S 39': a Christi militibus canonicg dis- 
ciplin^ professoribus E 46 C: castris Christi militum ordinate puguantium 

te insere. 

militare: S 42: aliis militautibus E27B: sie militare in regno 

ten-eno; E 31 A: strenuc militare; E 48 B: clericum in dioocosi nostra deo mili- 
tantem; E 54 A: fratrcs . . deo militantes. 

militia: S 64: ad futuram militiam tyrones Cliristi instruantur; S 69: 
diuersa . . ecclesiastieo genera milici^ E 43 A: armis Christianae militiae 

superare; E 65C: coelesti milidae vos maucipastia. 



Ivo von Chartres, der Erneuerer der Vita canonica in Frankreich 85 

praelium, certamen: S 25: tanquam prelium incepturus contra spiritalia 
nequitia; S 42: discant in castris quod acturi sunt in preliis; S 61 : si desperauerit 
de uictoria, ita ut ne certamen quidem agrcdi audeat; si . . predicta certaminis 
asperitate presumpserit ; probatus idoneus certamini admittendus E 46 C: 

in spirituali certamine poteris solus . . contra quoslibet hostes certamen inire. 

Das Kloster erscheint unter dem Bilde eines Lagere (castra) oder einer 
Burg (arx). 

S 42: discant in castris, quod acturi sunt in preliis E 22 C: ne mundi 

amatores intra castra mundum fugientiura recipiatis; E 46 C: castris Christi 
militum ordinate pugnantium tc insere; E 89B: fratres . . in claustris tanquam 
in castris. 

S 62': ad hanc . . uirtutum arcem non suspirant; S 63: nee inutile iudicent 
hanc arcem apprehendere. Man vgl. damit E 13 D: in arce summi pontificatus 
positum. 

Aus dem alphabetischen Register gehören hieher noch procinctus und tiro. 

Auch aus dem Gebiete des Wett- und Ringkampfes (vgl. 1 Kor. 9, 24) 
finden sich, namentlich in S, zahlreiche Ausdrücke, wie agon, agonia, aihleta, 
bravium, palaestra; dafür nur folgende Beispiele: S 60: est . . in hoc stadio cur- 
rentibus difficüis agonia; S 61: in hoc spiritualis agonie stadio E 28 A: 

viriliter stare in agone Christiano. — S 65: quäle sit mncentibus brauium; 
S 69: ut legitime certantes mereantur brauium comprehendere E 29B: 

ut ad bravium supernae vocationis valeant pervenire; E 32 A: non fraudari 
bravio diumi denarii. 

7. Satan — diabolus — hostis antiquus. 

Die Mahnung, vor dem brüllenden Löwen (1 Petr. 5, 8) auf der Hut zu sein, 
kehrt häufig wieder. 

S 27': immissione antiqui hostis; S 53: ex liuore inimici E 22 C: 

antiqui hostis caUida tentamenta fortiter respuatis; E 46 C: calliditates antiqui 
hostis. — S39: ut a>c?«ens ille insidiator omni se ex parte exclusum dolens nuUos 
sibi aditus patere sentiens . . a seruorum dei infestatione desistat; S 69: semper 
inuigiles contra insidias leonis, qui circuit querens quem deuoret E 43B: 

ne lupus invisibilis adi tum inveniens ovile domini ingrederetur (vgl. dazu E 108 B: 
cui si ad episcopalem ministrationem . . patuerit aditus); E 43 A: ut fallaces 
eius circuitus omni vigilantia caverc studeatis (vgl. E 42 D). 

Aus dem alphabetischen Register gehören hieher noch infestatio und occupatum 
inuenire; vgl. auch E 36 C, E 38 B. 

8. Nebeneinanderstellen gleichlautender Ausdrücke. 

Bereits in das Gebiet der Redefiguren gehört die sehr charakteristische Neben- 
einanderstellung gleichlautender Ausdrücke. 

S 32: fratrum est fratres fraterna admonicione . . reuocare; S 32': 
pro modo culp^ modum statuat p^nitenti^; leuia leuibus . . sanet; S 32': 
per pacientiam pacientis; S 33: in dissimilibus moribus deprehonditur 
similis culpa, sed non similiter pimienda; S 34: ubi terreni pro terrenis . . 
se solent inuicem laniare; proinde qui terrena uidentur despexisse; S 34': culpa . . 
leuior . . leuioribus curaturremediis; S 35': si quis . . frater fratrem , . lesit; 



86 Ludwig Fischer 

S 38: tanquam peccantem peccatum ad mortem; S 44': uisibilem inuisibilis 
diuinitatis culturam; sccundum mundiciam utensilium decet a mundis cordibus 
munda mundissirae celebrari et ut per omnia munda sint, mundis [!] ipsius 
sacramenta sanctissime venerentur a corpore et spiritu sanctis et sanota 
sanctorum sanctificatis; S 47: flagella patris flagellatos filios diligentis; 
S73: secundumconsilium seniorumsaniorisconsilii eligendus est [abbas] 
E 14 B: summua pastor pastoris nomen habere nos voluit; E 16C: in 
modico flumine ad regendam modicam navem; E 17 A: quandiu te intellexi 
aversum et adversum . . si te cognoscerem . . conversum et reversum; 
E 17 C: infecunda facundia; E 18 A: quam publice scindebas, publice 
resarcias, quatenus sicut multis exemplum erroris fuisti, sie . . fias exemplum 
correctionis; E 20 B: veritate teste verum dicam; E 32 C: nostrae miseriae 
misericorditer condescondite ; E 109 D: de honesta persona inhonesta mur- 
murantibus; E 112 A: divina manus, quae modo misericorditer flagellat, postea 
miserabiliter conterat; E 113 B: miserabilibus ecclesiae ruinis miseri- 
corditer occurratis. 

Aus Raumrücksichten übergehe ich noch weitere Vergleiche 
aus der häufigen Anwendung von Wortspielen, anaphorischen 
Satzanfängen, chiastischen Stellungen und anderen Rede- 
figuren. Das angeführte Vergleichsmaterial mag für den Erweis 
der Verfasserschaft Ivos genügen. 

Nachdem die Marbacher Consuetudines (M) einen Auszug aus 
unseren Consuetudines (S) darstellen, und der geistige Gründer 
Marbachs Manegold von Lautenbach gewesen ist, würde der Nach- 
weis engerer Beziehungen zwischen Manegold und Ivo, die Morin 
als wahrscheinlich, wenn auch nicht als imbedingt sicher an- 
nimmt ^, für die Frage nach dem Verfasser von S eine erhöhte 
Bedeutung gewinnen und geeignet sein, Ivo als Verfasser neuerdings 
zu bestätigen. Als Beweis für die tatsächlichen Beziehungen 
zwischen Ivo und Manegold möchte man den Brief Ivos an Manegold 
(E 51 — 52) anführen. Aus diesem Briefe geht hervor, daß Manegold 
sich in die klösterliche Einsamkeit zurückgezogen hat (E 51 C: in 
domo Dei abiecte vivere elegisti; in dem Munde Ivos der typische 
Ausdruck für ..ins Kloster gehen"; vgl. E 15D: elegeram abiectus 
esse in domo Dei). Ob es sich dabei wirklich um den Wanderlehrer 
und Philosophen Manegold von Lautenbach oder seinen Doppel- 
gänger, den ebenso mistäten Philosophen Manegold ^ handelt, ist 

^ Vgl. oben S. 70. 

2 Über ihn vgl. Histoire litt^rairc de la France IX (Paris 1750) 280—290; 
W. V. Giesebrecht, Über Magister Manegold von Lautenbach und seine Schrift 
gegen den Soholasticus Wenricli , in: Sitzungsberichte der Münchencr Akademie 
1868 II, 304—312. 



Ivo von Chartres, der Erneuerer der Vita canonica in Frankreich 87 

mehr als zweifelhaft (man vgl. die auf beide anwendbaren Aus- 
drücke E 5lB: post multos circuitus; E 51 C: ut qui verbo ad 
viam vitae plurimos informaveras, aliquos aliquando confirmares 
et confirmares exemplo; philosophandi filios pepereras; E 51 D: 
Minervam quidem non doceo, a qua magis doceri indigeo). 

Morin hält es nicht für ausgeschlossen, daß es sich bei der 
Verfasserfrage auch um Guido von Bobbio handeln könnte. 
Nach anderweitigen mir gemachten Mitteilungen war hierfür für 
ihn u, a. bestimmend die Verwendung des „flabellum" bei Tisch, 
was nach Morins Ansicht auf südliche Gegenden hinweise. 
Die Stelle lautet S 48 : ,,Dum autem benedictio datur, ita ab omnibus 
intenditur, ut nee etiam fla hello Interim aliquis utatur". Aber 
das „flabellum", das ja auch in den Marbacher Consuetudines 
erscheint, darf nicht als Fächer zur Abkühlung der Luft gedeutet 
werden, sondern ist ein Besen, mit dem die Speiseüberreste zu- 
sammengekehrt werden. An einer anderen Stelle heißt es nämlich 
S 48': ,,Micas . . . , que postea cum flabello inter fragmenta colli- 
gantur". Der Sinn obiger Stelle ist also : Während des Tischgebetes soll 
das leiseste Geräusch, selbst das mit dem Besen, vermieden werden. 

Gegen Guido von Bobbio spricht aber weiterhin das ganze 
mehr nordische Gepräge von S. Hierfür nur einige Beispiele! 
Unter den Gewürzen, welche im Kloster gezogen werden, werden 
genannt ,,saluia, ysopum, ruta, feniculum" (S 47'). Als Arbeiten, 
die außerhalb des Klosters verrichtet werden, führt der Verfasser 
an (S 40'): ,,cultura hortorum uel uinearum, insitio arbuscularum, 
extirpatio inutilium germinum in semente mihi [Hirse] aut annon§ 
[Hafer], effossio raparum [Rübe] et purgatio, et siquasunt simiha". 
Die Armen bekommen bei der Fußwaschung u. a. auch einen 
,,ciphus de meliori ceruisia" (Bier; S 54). Bei der Weihe der 
Trauben, die nach kirchlichem Gebrauch am Feste des Papstes 
Sixtus (6. August) stattfindet ^, heißt es (S 48'): ,,Si tunc temporis 
mature non fuerint, differuntur, dum maturescant, et tunc bene- 
dicuntur". Außer den Trauben werden als Gegenstände, die im 
Refektorium geweiht werden, genau wie in den Consuetudines 
von Clun}", noch genannt ,,nouelle fabe, nouus panis et mustum". 
Schon aus diesen einfachen Erwägungen kann Guido von Bobbio 
als Verfasser nicht in Frage kommen. 

^ Vgl. A. Franz, Die kirchlichen Benediktionen im ]\Iittelalter I (Freiburg i. Br. 
1909) 369—376, besonders 376. Der frühere Termin (6. August) paßt nur für 
südliche Länder. 



88 Ludwig Fischer, Ivo von Chartres, der Erneuerer d. Vita canonica in Frankreich 

Zum Schlüsse muß ich der Vollständigkeit halber noch auf 
die veränderte Stellung hinweisen, die Ivo später in der Beurteilung 
der Wasser- und Feuerprobe eingenommen hat. Er ist ein Gegner 
dieser Gottesurteile geworden. Er nennt sie „vulgarem . . . legem 
ac nulla canonica sanctione fultam" (E 96 C). In reiferen Jahren 
mag er seine jugendliche Ansicht ^ geändert haben. — Weiterhin 
erwähnt er auch einmal die Einführung von Chorherrenstatuten, 
ohne seine eigenen zu empfehlen, sondern ,,regulae cuiusdam 
Haimerici quondam servi sanctae Mariae Jotrensis" (E 112 B). 
Letzteres mag vielleicht in lokalen Verhältnissen, vieUeicht auch 
in persönlicher Bescheidenheit seinen Grund gehabt haben. Diese 
beiden nebensächlichen Bedenken sind in keiner Weise imstande, 
die Beweiskraft des oben ausgeführten Vergleiches in Frage zu 
stellen. Wichtig dagegen, wenn auch für seine Verfasserschaft 
nicht direkt beweiskräftig ist, was er als Bischof an seine früheren 
Mitbrüder in St. Quentin schreibt (E 30 D) : ,,Nec alia vobis scribere 
scio, nisi ut quae a me audistis et accepistis et tenuistis, ea indefesse 
teneatis et omnes ad societatem vestram venientes tenenda doceatis." 

Das Ergebnis unserer Untersuchungen läßt sich dahin zu- 
sammenfassen, daß wir es mit einer wertvollen Quelle nicht nur 
für die Geschichte der mittelalterlichen Liturgie -«de des Kloster- 
wesens zu tun haben, sondern daß auch die Kulturgeschichte und 
die kirchliche Rechtsgeschichte sich dafür interessieren werden. F ü r 
die Geschichte der regulierten Chorherren sind unsere 
Consuetudines grundlegend. Von dieser Grmidlage aus wird 
man auch daran gehen können, die in \nelen Handschriften zerstreu- 
ten ,, Consuetudines Canonicorum Regularium" einer Ordnung und 
Sichtung zu unterziehen. Möge sich dafür ein Mami von dem 
Fleiß und der Gelehrsamkeit eines Eusebius Amort finden! Die 
Gestalt Ivos von Chartres aber, des Verfassers der Con- 
suetudines, des mannhaften Vertreters seiner Überzeugmig, des 
kirchlich treugesinnten, wenn auch vielfach mit Unrecht verklagten 
und angefeindeten Mannes, erstrahlt in neuem, glänzendem Lichte. 

^ S 37' heißt es: „Si . . pro huiusmodi culpa (sc. flagitii) suspensus 
est nee confessus nee conuictus re ueniente in dubium differtur interim. ut se- 
cundum consuetudincm dubiarum rerum fernen te nqua secreto comprobetur et 
comprobata denuo ad actionem capituli referatur." 



St. Ambrosius von Mailand über die Jiingfrau- 
geburt Marias (Virginitas Mariae in partu). 

Von 

Univ. -Prof. Dr. Philipp Friedrich in München. 

Der geschichtliche Werdegang, den die dogmatische Gestaltung 
der Lehre von der Jungfraugeburt Marias (Virginitas Mariae in 
partu) genommen hat, stellt sich uns in seinen Hauptpunkten also 
dar: Im 1. Jaln-hundert begegnet keine ausdrückliche Erwähnung 
derselben in den Glaubens quellen. Der erste literarische Nieder- 
schlag dieser Vorstellung tritt uns im 2. Jahrhundert in dem apo- 
kryphen Protoevangelium Jacobi entgegen. Klemens von Alex- 
andrien ist am Anfang des 3. Säkulums der erste kirchUche Lehrer, 
welcher dieselbe verzeichnet und wissenschaftlich zu rechtfertigen 
sucht. Fast um die gleiche Zeit stellt aber TertulUan die Bewalu-ung 
der körperlichen Integrität Marias auch in der Geburt entschieden 
in Abrede. In den folgenden Dezennien des 3. Jahrhunderts und 
bis über die Mitte des 4. Jahrhunderts hinaus schweigen die Quellen 
über diesen Fragepunkt. Von einer allgemeinen Anerkennung 
dieser Lehre im Glaubensbewußtsein der Großkirche kann bis zu 
diesem Zeitpunkt noch keine Rede sein. In der zweiten Hälfte 
des 4. Säkulums setzt — hauptsächlich im Anschluß an die neuen 
Theorien Jovinians — eine lebhafte Diskussion dieser Frage ein. 
Um die Wende des 5. Jahrhunderts ist der Sieg der Anschauung, 
welche die Jungfräulichkeit Marias in anatomisch-physiologischem 
Sinne auch bei der Geburt des Herrn festhält, endgültig dahin ent- 
schieden, daß dieselbe im kirchlichen Glaubensbewußtsein als eine 
besondere, von dem Glauben an die jungfräuliche Empfängnis 
und an die Jungfrauschaft Marias nach der Gebm-t unterschiedene 
Doktrin angesehen wird. Die dogmatische Formuherung oder 



90 Philipp Friedrich 

Definition dieses Lehrstückes wurde auf der LateransjTiode vom 
Jahre 649 unter Papst Martin I. vollzogen i. 

Die geschichtlichen Dokumente, welche uns die TatsächHch- 
keit der dogmatischen Entwicklung beweisen, bezeugen uns gleich- 
zeitig das Vorhandensein verschiedener Elemente, die den dogma- 
tischen Fortschritt veranlaßt bzw. gefördert haben. Unter diesen 
Anlässen und Faktoren der Dogmenentwicklung ist an erster Stelle 
die Häresie zu nennen. Es ist eine in dem Verlauf der Kirchen- 
geschichte häufig zu beobachtende Tatsache, daß neuauftauchende 
Irrtümer in der Lehrverkündigung die Wortführer des Kirchen- 
glaubens zur näheren Erforschung und genaueren Zergliederung der 
katholischen Lehre nötigten, sowie zu einem aufmerksameren 
Schrift- und Traditionsbeweis für den Inhalt bestimmter Glaubens- 
lehren anhielten, gerade dadurch aber auch zur vollkommeneren 
Aufhellung und vollständigeren Auseinandersetzung eben dieser 
Lehren nicht wenig beigetragen haben. Der Entwicklungsprozeß 
der dogmatischen Lehre von der Jungfraugeburt Marias bietet 
zur Illustration der Wahrheit dieses Satzes einen geradezu klassi- 
schen Beleg : erst der Kampf mit Jovinian führte in Lehrverkündi- 
gung und Glaubensbewußtsein der abendländischen Kirche zu einer 
klaren Herausstellung und scharfen Präzisierung und weiterhin 
zur dogmatischen Gestaltung dieses Privilegs der Mutter Jesu. In 
diesem Lehrstreit mit Jovinian nimmt aber Ambrosius von Mailand 
sonder Zweifel eine führende Stellung oder richtiger noch die 
Führerstelle ein ; er ist es auch, welcher, diu"ch Jovinians Auftreten 
veranlaßt, als erster unter den abendländischen Kirchenschrift- 
stellern eine eingehende theologische Behandlung des in Rede 
stehenden Problems lieferte. Diese bedeutsame Sonderstellung 
des Ambrosius in der Entwicklungsgeschichte unseres Dogmas hat 
meines Erachtens bisher die gebühi'ende Anerkennung nicht ge- 
funden. Jedenfalls haben zahlreiche Dogmatiker und selbst Dogmen- 
historiker dieselbe in einer Weise gezeiclmet, welche dem geschicht- 
hchen Befunde nur wenig oder gar nicht entspricht 2. Aus diesem 

^ Denzinger, Enchiridion ^^ Nr. 256 Can. 3. ,,Si quis secundum sanct06 
Patres uon confitctur ]>roprie et secundum vcritatem Dei genitricem Sanctam 
Hcniperque Virgincin et iiuiuaculatam Mariam, utpote ipsuiu Deum Verbum spccia- 
liter et veraciter, qui a Deo Patre ante oninia saecula natus est, in ultiniis saecu- 
lorum absquo seniine concepisse ex Spiritu Sancto, et incorruptibiliter eam genuisse, 
indis.solubili permanente et post partum eiusdem \irginitate, condemnatus sit;" 
vgl. auch ebenda unier Nr. 993. 

2 Vgl. u. a. H. Klee, Lehrb. d. Dogmengcsclücbte U (Mainz 1838) 30 u. 31; 



Ambrosius von Mailand über die Jungfraugeburt Marias 91 

Grunde bedarf eine neue quellenmäßige Untersuchung und Dar- 
stellung dieses Fragepunktes keiner weiteren Rechtfertigung. 

Schon vor dem Auftreten Jovinians hat Ambrosius dieser Lehr- 
meinung in seinen Schriften gedacht ^ ; aber erst während und nach 
der Auseinandersetzung mit den jovinianischen Irrtümern werden 
seine Ausführungen über diesen Gegenstand ausführlicher: neben 
die einfache Bezeugung tritt jetzt auch der Beweis für die Wahrheit 
dieser Lehre. Wollen wir jedoch diese Ausführungen des hl. Lehrers 
richtig einschätzen und vollkommen begreifen, dann dürfen wir 
dieselben nicht isolieren von dem Lebenskreis, in w^elchem sie ent- 
standen sind, müssen vielmehr nach Möglichkeit Einsicht in die 
historischen Bedingungen zu gewinnen trachten, unter welchen 
Ambrosius seine einschlägigen Darlegungen ausarbeitete. Dieser 
Forderung hoffen wir zu entsprechen mit einigen näheren Angaben 
über Jovinian, gegenüber welchem Ambrosius in erster Linie für 
die unversehite Jungfrauschaft Marias auch bei der Geburt ihres 
göttlichen Kindes eintrat 2, 

Ein vollständiges Lebensbild des Jovinian läßt sich mit dem 
vorhandenen Quellenmaterial nicht zeichnen. Über Geburt, Ab- 
stammung, Jugendleben desselben besitzen wir keine verbürgten 
Nachrichten. Aus seinem ganzen Vorleben vor der öffentlichen 
Polemik gegen die Kirche steht nur die eine Tatsache fest, daß er 
als Mönch in einem Kloster lebte und hier ein streng aszetisches 
Leben führte. Allein er fand hierin keine dauernde innere Be- 
friedigung. Seine Anschauungen über die guten Werke, wie Fasten 
und Virginität, hatten eine Entwicklung genommen, die ihn in 

J. H. Oswald, Die Erlösung in Christo Jesu I 2 (Paderborn 1887) 338; J. E. Nieder- 
huber. Die Lehre des hl. Ambrosius vom Reiche Gottes auf Erden (Mainz 1904) 
262 f. ; Guillaume Herzog, La Sainte Vierge dans l'histoire, in Revue d'histoire 
et de litt^rature religieuscs XII (1907) 487—489; Jos. Pöble, Lehrb. d. Dogmatik II " 
(Paderborn 1905) 284 f. u. 286; K. Gutberiet, Die Gottesmutter (Regensburg 
1917) 74 f. 

^ Vgl. hierzu De virginitate 11, 65; De incarnationis Doniinicae sacramento 
6, 54; De poenitentia I, 3, 12 und 13. Expositionis in Lucam lib. X, 140; vgl. 
auch den Weihnachtshymnus Intende, qui regis Israel (Vcni redemptor gentium) 
und aus späterer Zeit die Stelle in De obitu Theodosii oratio Nr. 44. 

2 Die Quellen imd relativ reiche Literatur über Jovinian findet man 
zusammengestellt in der Monographie von Wilh. Haller, Jovinianus. Die Frag- 
mente seiner Schriften, die Quellen zu seiner Geschichte, sein Leben mid seine 
Lehre (Leipzig 1897) [Texte imd Untersuchungen herausgegeben von 0. v. Gebhardt 
und Adolf Harnack. Neue Folge II 2]; vgl. hierzu die Besprechung von C. Wey- 
man im Histor. Jahrbuch XIX (1898) 151 f. 



92 Philipp Friedrich 

Gegensatz zu der kirchlichen Auffassung von diesen Dingen stellte. 
Von diesem Standpunkte aus zog er die praktische Folgerung 
und verließ das Kloster. Jovinian vertauschte, wie Hefele be- 
merkt, „seine bisherige Aszese mit behagUchem Wohlleben und 
suchte seine IiTtümer teils durch Bücher, teils durch sonstige 
Proselytenmacherei zu verbreiten." ^ Zu diesem Zwecke kam er 
unter Papst Siricius (384 — 99) nach Rom. ,,Vor 385, d. h. dem 
Jahre, in dem Hieronymus Rom verließ, ist er hier schwerlich 
öffenthch mit seiner Polemik gegen Mönchtum und Kirche auf- 
getreten." ^ Mit seinen neuen Lehren betörte er jedoch manche, 
die sich ihm anschlössen. Als Papst Siricius von diesen Vorgängen 
Kunde erhielt, versammelte er im Jahre 390 in Rom eine S^Tiode, 
welche den Jovinian nebst acht seiner Anhänger namenthch ver- 
urteilte und aus der kirchlichen Gemeinschaft ausschloß. Eine 
mailändische ProvinziaLsj-node vom gleichen Jahre nahm gegen 
die von Jovinian inaugurierte religiöse Bewegung in gleicher Weise 
Stellung. Um den Ausgang des 4. oder zu Anfang des 5. Jahr- 
hunderts dürfte Jo^^nian gestorben sein; nach einer gelegentlichen 
Bemerkung des Hieronymus aus dem Jahre 406 zählte er damals 
bereits zu den Toten. 

Über die Geschichte des Prozesses gegen Jovinian und seine 
kirchliche Verurteilung auf den Synoden zu Rom und Mailand 
hegt uns noch eine amtliche Darstellung in zwei Urkunden vor: in 
einem Schreiben des Papstes Siricius und in dem Antwortschreiben 
der mailändischen Synode auf dieses päpstliche Reskript. Der 
Brief des Siricius ^ war nach dem Zeugnis der Mehrzahl der 
Handschriften an verschiedene Bischöfe — also nicht allein an 
Ambrosius — gerichtet *; seine Abfassung wird verschieden 

^ Conciliengeschichte IP (Freiburg i. Br. 1875) 51; vgl. auch Hefele- Leclercq, 
Histoire des conciles II, 1 (Paris 1908) 78—80. 

2 C. Wcyman a. a. O. 151 ; vgl. auch W. Haller a. a. O. 66 A. 1 und 96 A. 1 u. 3. 

^ Den Text dieses Papstbriefes siehe bei Hardouin, Conciliorum collectio 
regia maxima I (Parisiis 1715) 853 sq. Mansi, Sacrorum conciliorum . . . collectio 
III (Florenz 1759) 663 sq. Coustant Petrus, Epistolae Romanonim Pontificum 
(Pari.'^iis 1721) 663—68. 

* Die in mehreren Ausgaben des Papstschreibens gebotene Aufschrift: 
,, Siricius ecclcsiae Mediolanensi" hat nach Coustant (a. a. O. 663) keinen anderen 
Stützi)unkt als in den bekannten Tatsachen, daß dieser Brief auch nach Mailand 
gesandt wurde, und daß die Teilnehmer an der mailändischen SjTiode v. J. 390 
denselben in einem eigenen Schreiben beantworteten. Die anderweitige Be- 
gründung dieser Sonderadressicrung seitens der Mauriner (Admonitio in epistolas 
St Ambroyii zu cp. 42) beruht a\if irriger Vorausset ziuig. 



Ambrosius von Mailand über die Jungfraiigeburt Marias 93 

zwischen die Jahre 388 — 390 angesetzt ^. In diesem Rund- 
schreiben weist der Pontifex darauf hin, daß die Anstifter einer 
ganz neuen, sehr gefährlichen Häresie — Jovinian und sein An- 
hang — heimlich versucht hätten, ihre Irrtümer in der römischen 
Kirche zu verbreiten. Um deren Bestrebungen, auch in anderen 
Kirchen Italiens Anhänger zu gewinnen, rechtzeitig zu unter- 
binden, halte er es für angezeigt, den bischöflichen Adressaten seines 
Schreibens auf den von Jovinian bezüglichen Vorgängen in Rom 
Kenntnis zu geben. Hinsichtlich des Inhaltes der neuen In-lehre teilt 
Siricius nur mit, daß Jovinian und sein Anhang die in den hl. Schriften 
gelehrte Enthaltsamkeit mid Jungfräulichkeit sowie das Fasten preis- 
gäben und weiter der Kirche den Vorwurf machten, sie unter- 
schätze die Ehe. Von einem Angriff der Neuerer auf die kirch- 
liche Lehre bezüglich Marias, der Mutter des Herrn, enthält das 
Papstschreiben nicht ein einziges Wort. 

Bald nach dem Empfang des päpstlichen Schreibens berief 
Ambrosius eine Provinzialsynode nach Mailand. Über den Gegen- 
stand ihrer Verhandlungen unterrichtet uns die zweite der oben- 
erwähnten Urkunden: das Antwortschreiben, welches diese mai- 
ländische Synode an Papst Siricius richtete 2. Ohne Zweifel ist 
dieses Synodalschreiben von Ambrosius selber abgefaßt und wurde 
darum auch in die Sammlung seiner Briefe eingereiht ^. Der Inhalt 
desselben läßt sich kurz also skizzieren : Eingangs wird dem Papste 
Lob gespendet ob seiner Hirtensorge für die Reinhaltung der kirch- 
lichen Lehre. Alsdann geschieht sofort der falschen Lehren Jovinians 
Erwähnung, die mit den Worten charakterisiert werden : ,,Ein wildes 
Heulen ist es, keine Gnade der Jungfräulichkeit, keine Rangordnung 
der Keuschheit anzuerkennen, unterschiedlos alles untereinander 
mischen zu wollen, die Stufen verscliiedener Verdienste abzuschaffen 



^ Coustant schwankt zwischen August/ September 388 und September 389; 
Hardouin setzt ihn um das Jahr 390 an; Mansi und Hefele lassen denselben 
i. J. 390 abgefaßt sein, 

2 Den Text dieses Synodalschreibens siehe bei Hardouin a. a. 0. I 853—55; 
bei Mansi a. a. O. III 664—67; bei Coustant a. a. O. 669—74;. — Zur Abfassungs- 
zeit desselben ist zu bemerken, daß dieselbe in kurzem Abstand von der Ent- 
stehung des vorerwähnten Papstbriefes zu denken ist. Coustant setzt sie in das 
Jahr 388 oder 389, Hardouin, Mansi und Hefele in das Jahr 390. 

* Vgl. Remy Ceillier, Histoire g6n6rale des auteurs sacr6s et eccl^siastiques V 
(Paris 1735) 702: Nous avons encore leur Lettre (savoir des 6veques du concile 
de Milan vors 390) parmi Celles de saint Ambroise, et on ne deute paa, qu'il ne l'ait 
6crite lui-meme au nom du Concile. 



94 Philipp Friedrich 

und sozusagen eine Armut himmlischer Belohnungen einzuführen, 
als ob Christus nur eine Palme zu verleihen hätte und es nicht sehr 
viele Titel der Belohnungen gäbe. Sie geben vor, diese der Ehe 
zuzuerkennen. Aber welches Lob kann der Ehe zukommen, wenn 
der Jungfräulichkeit nicht die Krone bleibt ?"i An diese Ausfüh- 
rungen reiht sich eine knappe Darlegimg der kirchlichen Auffassung 
von Ehe und Jungfräulichkeit auf Grund der einschlägigen Lehre 
der Heiligen Schrift. 

Der unmittelbar folgende Teil des Synodalschreibens besitzt 
für uns in diesem Zusammenhang ein erhöhtes Interesse, weil er 
jene eingehenden Erörterungen enthält, welche Ambrosius hier 
erstmals der Negation der Jungfräuhchkeit Marias in der Geburt 
seitens des Jovinian widmet. ,,Wie groß — so heißt es dort — ist 
doch die Sinnlosigkeit des unheilvollen Gekläffes dieser Leute, 
daß sie einerseits behaupten, Christus habe aus einer Jungfrau nicht 
geboren werden können, während sie doch anderseits erklären, daß 
Personen, die von Weibern auf ganz natürliche Weise geboren sind, 
Jungfrauen verbleiben können 1^ Andern also verleiht Christus, 
was er sich, wie sie sagen, nicht gewähren konnte ? Jener aber ist, 
obwohl er Fleisch angenommen, obwohl er Mensch geworden, um 
den Menschen wiederzuerkaufen und vom Tode zu erretten, als 
Gott gleichwohl auf ungewöhnhchem Wege in die Welt gekommen, 
so daß er entsprechend seinem Ausspruch: ,Siehe, ich mache 
alles neu' *, durch das Gebären einer sogar unversehrten Jungfrau 
geboren und, wie geschrieben steht, als Gott-mit-uns geglaubt 
würde *. Aber vom Wege der Verkelirtheit ^ aus proklamieren sie, 
wie berichtet wird: ,Als Jungfrau hat sie empfangen, aber nicht 
hat sie als Jungfrau geboren'." * 

> Ep. 42, 2 und 3. 

^ Dieser Passus des Synodalschreibens ist uns nur in mangelhaftem Text 
überliefert und begegnet darum dessen Übertragung ernster Schw-ierigkeit ; vgl. 
z. B. die betreffenden Ausführungen bei Georg Daniel Fuchs, Bibliothek der Kirchen- 
versammlungen. 2. Teil (Leipzig 1781) 489 xVnm. 626. — Severin VVenzlowsky, 
Die Briefe der Päpste und die an sie gerichteten Schreiben II (Kempten 1876) 
450 Anm. 2. — Haller a. a. O. 75 Anra. 1. 

3 Apok. 21, 5. Is. 43, 19. 2. Kor. 5, 17. 

* Matth. 1, 23. 

* So nach der Lesart: De via perversitatis produntur dicere (sei. loviuianista«), 
welche nach den Maurinern ,,omnes Ambrosii editores, Labb. et Thuan. codex" 
überliefern. Quesnel hingegen zieht die andere Lesart vor: Sed devii a via veritatis 
= Abgeirrt vom Wego der Wahrheit. . . 

8 Ep. 42, 4. 



Ambrosius von Mailand über die Jungfraugeburt Marias 95 

Ambrosius führt nun seinen Schriftbeweis für die Lehre von 
dem Fortbestand der physischen Unversehrtheit Marias auch in der 
Geburt. Am Schluß des Schreibens wendet er sich nochmals gegen 
Jovinian und seine Gefolgschaft, insofern er in ihnen Gegner Marias 
erblickt, mit der Erklärung, es bedürfe keiner weiteren Worte 
mehr gegen Leute, die durch ihre Leugnung der Jungfräulichkeit 
Marias in der Geburt als Juden und Manichäer erwiesen seien ^. 
Das Reskript schließt mit der Bekanntgabe des Urteils der mai- 
ländischen Synode über Jovinian und seinen Anhang : ,, Mögest du 
also wissen, daß Jovinian, Auxentius, Germinator, Felix, Plotinus, 
Genialis, Martianus, Januarius und Ingeniosus, welche Deine 
Heihgkeit verurteilt hat, auch bei uns in Übereinstimmung mit 
Deiner Entscheidung verurteilt worden sind." ^ 

Das mailändische Synodalschreiben fügt den von Siricius be- 
anstandeten Lehren Jovinians zwei weitere Anklagepunkte hinzu: 
Jovinian leugne eine Verschiedenheit in der Belohnung der Ge- 
rechten, und als vierte, uns besonders interessierende These Jovi- 
nians Lehre von einer nur temporären Jungfrauschaft Marias : 
,, Maria habe Christum zwar als Jungfrau empfangen, aber nicht 
als Jungfrau geboren, denn eben durch das Gebären habe ihre 
Jungfrauschaft aufgehört, man müßte ja sonst mit den Manichäern 
sagen, der Leib Christi sei kein wirklicher, sondern nur ein schein- 
barer Leib gewesen."* 

Nun ist es zweifellos sehr bemerkenswert, daß Ambrosius in 
dem eben behandelten Schreiben an Papst Siricius sehr eingehende 
Erörterungen einem Lehrpunkt aus den jovinianischen Irrtümern 
widmet, dessen der Papst in seinem Schreiben mit keiner Silbe ge- 
dacht hatte. Woher diese Verschiedenheit ? 

Man glaubte sich am besten und raschesten von dieser Schwierig- 
keit dadurch zu befreien, daß man ernstlich die These aufstellte: 
Jovinian habe die Frage nach der Jungfraugeburt überhaupt nicht 
erörtert, Ambrosius habe die Sache nicht bestimmt genug vertreten. 
Allein die ganze Art und Weise, wie dieses Fragepmiktes in dem 
Synodalschreiben gedacht wird, entzieht diesem Einwand jede 

^ Ep. 42, 12 und 13 ; vgl. hierzu Adolf Harnack in der Zeitschrift für Theologie 
und Kirche I (1891) 139. 

* Ep. 42, 14. Über die Unterschriften dieses Synodalschreibens und die 
Bedeutung der Unterzeichner desselben siehe Baronius, Annales eccl. ad aiin. 
390 XLVll. 

3 Hefele a. a. 0. II ^ 50 f. 



96 Philipp Friedrich 

Wahrscheinlichkeit. Dazu tritt als weiteres wichtiges Moment, 
daß einer der Kardinalpunkte der jovinianischen Lehre, die Gleich- 
verdienstlichkeit des jungfräulichen und ehelichen Lebens, in einem 
gewissen Sinne notwendig zur Erörterung der Frage nach der Jung- 
fraugeburt führte. Die hohe Wertschätzung der Jungfräulichkeit 
stand ja — wie die vorhandene Literatur aus jener Zeit zur Evidenz 
zeigt ^ — in engster Beziehung zur Person Marias, die schon da- 
mals als die Jungfrau schlechthin bezeichnet und vor allem als 
Ideal der Jungfräulichkeit gefeiert sowie zur Nachahmung vor- 
gestellt wurde. Hatte aber Maria bei der Geburt ihres göttlichen 
Sohnes ihre körperliche Integrität eingebüßt, dann war ihre Be- 
nennung als die Jungfrau schlechthin nicht mehr gerechtfertigt, 
ihre Eigenschaft als Ideal aller Jungfrauen nicht mehr gegeben, 
dann war sogar — wie Augustinus kaum 30 Jahre später aus- 
drücklich hervorhebt ^ — der Wortlaut des Glaubensbekenntnisses 
unhaltbar, weil unwalu". Dieser geistige Sohn und große Schüler 
des Ambrosius beseitigt zudem durch seine ganze Stellungnahme 
in der vorliegenden Frage jeden Zweifel an der Tatsächlichkeit der 
Leugnung der Jungfraugeburt durch Jovinian ^. Auch Julian 
von Eklanum, Augustins großer Gegner, ist ein Zeuge für die Authen- 
tizität dieser dem Jovinian zugeschriebenen Lelire *. 

Für die Differenz in der Anklage gegen Jovinian, welche in den 
einschlägigen Schreiben des Siricius und Ambrosius in der Frage 
der Jungfraugeburt zutage tritt, dürfte als bester Erklärungsgrund 
die Annahme gelten, daß Jovinian seine Lelu-e von der bei der G^e- 
burt Versehrten Jungfräulichkeit Marias nur in Mailand, nicht auch 
in Rom vorgetragen habe ^. Daß Siricius schon vor der Mailänder 
Synode vom Jahre 390 von dieser Maria berührenden Lehre des 
Jovinian Kenntnis besessen, aber dieselbe nicht verurteilt habe^, 
ist aus den Quellen ebensowenig zu erweisen wie die andere Be- 



* Vgl. hierzu Baronius, Annalee eecl. ad ann. 382 XXVIIl. 
^ Enchiridion 13, 10, ed. Krabinger 44. 

^ Vgl. hierzu Philipp Friedrich, Mariologie des hl. Augustinus (Köln 1907) 80 
bia 82. 

* Vgl. Augustins Opus imperfectum contra lulianum IV, 122. 

' Diese Lösung haben bereits die Mauriner J. du Frische und N. le Nourry 
in ihrer Ausgabe der Werke des Ambrosius angedeutet, wie aus einer Fußnote zu 
Ep. 42, 4 erhellt; auch die Ambrosius- Ausgabe von P. A. Ballerini (V. 291 
Anm. 7) schließt sich hier ihrem großen Vorbild an; ebenso bekennt sich Wilh. 
Haller a. a. O. 127 entschieden zu ihr. 

* So Guillaume Herzog a. a. O. XII 488. 



Ambrosius von Mailand über die Jungfraugeburt Marias 97 

hauptung, daß er dieselbe bereits auf der Synode von Rom im Jahre 
390 verworfen habe ^. 

Nachdem wir dem Zweifel an der tatsächlichen Leugnung der 
Lehre von der Jungfraugeburt seitens des Jovinian begegnet sind und 
derselbe sich uns als unbegründet erwiesen hat, wollen wir nunmehr 
zusehen, ob und auf welche Weise der Bischof von Mailand seine 
Bejahung der Jungfraugeburt Marias begründet hat. Bereits bei 
unseren früheren Ausführungen zu dem Antwortschreiben der mai- 
ländischen Synode vom Jahre 390 wurde darauf hingewiesen, daß 
es ihm nicht nur daran gelegen ist, die Verneinung dieser Lehre 
durch Jovinian und seine Anhänger zu konstatieren, sondern auch 
entschieden und mit Nachdruck zu betonen, wie ihm diese Be- 
streitung des Glaubens an die körperliche Unversehrtheit Marias bei 
der Geburt des Herrn geradezu als eine Verleugnung der katholischen 
Wahrheit und als eine schlimme Ketzerei erscheine^. Sollte jedoch 
diese Haltung als gerechtfertigt gelten, dann war es notwendig, 
diese Lehre auch als wirklich zum kirchlichen Glaubensgut gehörig 
zu erweisen, mit anderen Worten, es mußte die Lehre von der Jung- 
fraugeburt aus den Offenbarungs quellen festgestellt werden. Am- 
brosius hat denn auch tatsächlich dem erwähnten Schreiben einen 
Schriftbeweis für die Lehre von der Jungfraugeburt Marias einge- 
flochten. Derselbe hat folgenden Wortlaut : ,, Vom Wege der Ver- 
kehrtheit aus proklamieren, wie berichtet wird, Jovinian und sein 
Anhang: Als Jungfrau hat Maria empfangen, aber nicht hat sie 
als Jungfrau geboren. Die also als Jungfrau empfangen konnte, 
konnte nicht als Jungfrau gebären, da doch immer die Empfängnis 
vorhergeht, die Geburt nachfolgt ? Aber wenn man den Lehren 
der Priester nicht glauben will, so glaube man doch den Prophe- 
zeiungen in Bezug auf Christus, man glaube den Weisungen der 
Engel, welche sagen: Denn bei Gott ist nichts unmöglich^. Man 
glaube dem apostolischen Glaubensbekemitnis, welches die römische 
Kirche immer unverkümmert bewahrt und erhält. Maria hörte die 
Stimme des Engels, und sie, die vorher gesagt hatte : Wie soll dies 



^ Letztere Behauptung wird u. a. vertreten von Anton Kurz, Mariologie 
(Regensburg 1881) 222; Laurentius Janssens, Sunrnia theologica V, 2 (Friburgi 
Brisgoviae 1902) 288, vgl. auch 231; Jos. Pohle a. a. O. II ^ 284; Joh. Nießen, 
Mariologie des hl. Hieronymus (Münster i. W. 1913) 142; H. Quilliet im Artikel 
Antidicomarianites des Dictionnaire de th^ologic cath. (Paris 1909) I 1379. 

2 Vgl. Ep. 42, 4 — 7, aber auch schon ebenda 1 u. 2. 

» Luc. 1, 37. 
Festgabe Knöpfler 7 



98 Philipp Friedrich 

geschehen ? ^ ohne übrigens über die Glaubwürdigkeit der Geburt zu 
fragen, antwortet nachher: Siehe, ich hin eine Magd des Herrn, 
mir geschehe nach deinem Worte ^. Das ist die Jungfrau, welche 
in ihrem Schöße empfangen hat, die Jungfrau, welche einen Sohn 
geboren hat. Denn so steht geschrieben: Siehe, die Jungfrau wird 
empfangen und einen Sohn gebären ^. Nicht bloß empfangen werde 
die Jungfrau, sondern auch gebären werde die Jungfrau, hat er 
(der Prophet) gesagt. Was ist aber jenes Tor des Heiligtums, 
jenes äußere Tor gegen Osten, das verschlossen bleibt, und niemand 
— sagt der Prophet — geht durch dasselbe hindurch außer der Gott 
Israels allein ? * Ist nicht dieses Tor Maria, durch welche der Er- 
löser in diese Welt trat ? Das Tor der Gerechtigkeit, wie er selbst 
gesagt hat : Laßt uns erfüllen alle Gerechtigkeit ^. Dieses Tor ist 
die selige Maria, von der geschrieben steht: Der Herr vnrd durch 
sie gehen und sie wird verschlossen sein ^ nach der Geburt ; denn als 
Jungfrau hat sie empfangen und als Jungfrau geboren. 

,,Was ist aber unglaublich daran, weim gegen die Gewohnheit 
natürlichen Entstehens Maria geboren hat und Jungfrau bleibt, 
da doch gegen die Gewohnheit der Natur das Meer es sah und floh, 
und die Jordanfluten zu ihrer Quelle zurückliefen '. Es übersteigt 
daher nicht den Glauben, daß eine Jungfrau geboren hat, wenn wir 
lesen, daß ein Fels Wasser spie ^ und daß die Meereswelle wie eine 
Mauer feststand ^. Es übersteigt nicht den Glauben, daß ein 
Mensch aus einer Jungfrau hervorging, wenn ein Fels von hervor- 
sprudelndem Wasser überfloß i", wenn Eisen auf dem Wasser 
schwamm ^^ wenn ein Mensch über den Wassern ging ^^. Also wenn 
einen Menschen die Welle trug, komite einen Menschen nicht die 
Jungfrau gebären ? Und welchen Menschen ? Denjenigen, von 
welchem wir lesen: Und es wird ihnen der Herr einen MenscJien 
schicken, welcher sie retten tvird, und bekannt wird der Herr sein den 
Ägyptern^^. Im Alten Testament also hat eine Jungfrau das Heer 
der Hebräer durchs Meer geführt, im Neuen Testament ist zum 
Segen eine Jungfrau als Wohnstatt des himmlischen Königs er- 
wählt worden." ^^ 

• Luc. 1, 34. 2 Luc 1 38. 3 jg 7^ 14. 

* Ez. 44, 2. — Vgl. zum Wortlaut dieser Bibelstelle auch Coustaiit a. a. O. 
671 Anm. b. » Matth, 3, 15. « Ez. 44, 2. ' Ps. 113,3. 

8 Ex. 17, 6. 9 Ex. 14, 22. '" Num. 20, 11. 

1^ 4. Reg. 6, 6. '- Matth. 14, 26. '"^ Is. 19, 20 f. 

" Kp. 42, 4 — 7. Unbegreiflicherweise wird diese Fundainentaletelle für 



Ambrosius von Mailand über die Jungfraugeburt Marias 99 

In der Schrift De institutione virginis, welche gewöhnHch den 
Jahren 391/392 zugeschrieben wird, also etwa um ein Jahr jünger 
ist als die eben behandelte Epistola 42 des Ambrosius, finden wir 
die Lehre von der Jungfraugeburt Marias ebenfalls durch Berufung 
auf Ez. 44, 1 f. biblisch festgestellt. Wir lesen dort nach einer 
Zitation der betreffenden Worte des alttestamentlichen Sehers : ,,Wer 
ist diese Pforte, wenn nicht Maria ? Darum verschlossen, weil 
Jungfrau ? Die Pforte ist also Maria, durch welche Christus in 
diese Welt trat, nachdem er in jungfräulicher Geburt hervorgegangen 
ist und den Riegel der Jungfräulichkeit an den Geburtsteilen nicht 
gelöst hat. Unangetastet blieb das Gehege der Keuschheit, un- 
verletzt die Siegel der Reinheit, als derjenige aus der Jungfrau 
hervorging, dessen Größe die Welt nicht fassen konnte." ^ In der 
gleichen Schrift begegnen wir noch an zwei anderen Stellen der 
Bezeugung der Jungfraugeburt, beidemal unter ausdrücklicher Be- 
rufung auf Ez. 44, 1 ff. Im 8. Kapitel knüpft Ambrosius daran die 
Betrachtung: ,,Eine gute Pforte war Maria, die geschlossen war und 
nicht geöffnet ward. Christus ging durch sie hindurch, aber er 
öffnete sie nicht." ^ Die zweite der erwähnten Sentenzen zeigt 
folgenden Wortlaut: ,,Es gibt also auch eine Pforte des Leibes; 
doch ist sie nicht immer geschlossen; aber eine ganz allein konnte 
immer geschlossen bleiben, jene, durch welche ohne Verlust des 
jungfräulichen Verschlusses die Leibesfrucht der Jungfrau ihren Aus- 
gang nahm. Darum kündet der Prophet: Diese Pforte soll ge- 
schlossen sein; nicht wird sie geöffnet werden und niemand wird durch 
sie hindurchgehen: d. h. kein Mensch; denn der Herr, der Gott Israels 
— so sagt der Prophet — wird durch sie hindurchgehen. Und sie 
wird geschlossen sein, d. h. vor und nach dem Durchgang des Herrn 
wird sie geschlossen sein." ^ 



Würdigung der Stellungnahme des Ambrosius zur Lehre von der Jungfraugeburt 
Marias von einzelnen Forschern, selbst Dogmenhistorikern, mit völligem Schweigen 
übergangen; ich nenne hier nur: H. Klee a. a. 0. II 31. Joseph Licll, Die Dar- 
stellmigen der allerseligsten Jungfrau und Gottesgebärerin Maria auf den Kunst- 
denkmälern der Katakomben. Dogmen- imd kunstgeschichtlich bearbeitet (Frei- 
burg i. Br. 1887)50. — J. Tixeront, Histoire des dogmes II ^ (Paris 1909) 331. — 
M. J. Rouet de Journel, Enchiridion Patristicum (Friburgi Brisgoviae 1911) führt 
als Belegstellen für die Jungfraugeburt Marias aus Ambrosius nur die beiden 
folgenden Texte auf: unter Nr. 1289 die Stelle aus De incarn. Dom. sacrameuto 
6, 64 und unter Nr. 1327 die Stelle aus De inst, virginis 8, 52. 

^ De inst, virginis 8, 52. " De inst, virginis 8, 53. 

^ De inst, virginis 8, 55. — Daß Ambrosius mit dem Ausdruck „virginis 

7» 



100 Philipp Friedrich 

Der einige Jahre später — zwischen 394 und 396 — abgefaßte 
Brief an die Kirche von Vercelli in Sachen der jovinianisch ge- 
sinnten Mönche Barbatianus und Sarmation ^ enthält ebenfalls ein 
Zeugnis für die Bejahung der Jungfraugeburt seitens des Ambrosius. 
Wenn auch hier nicht ausdrücklich auf eine Schriftstelle Bezug 
genommen wird, so stand doch Ez. 44, 1 ff. vor dem geistigen Auge 
des Bischofs von Mailand, als er jene Worte schrieb. Diese Auf- 
fassung gewinnt höchste Wahrscheinlichkeit, ja vollkommene Sicher- 
heit durch den Umstand, daß der Wortlaut dieser Sentenz un- 
verkennbaren Gleichklang, ja direkte Übereinstimmung mit der 
ersten der drei oben angeführten, der Schrift De institutione virginis 
entnommenen Sentenzen aufweist; sie lautet nämlich: ,, Christus 
cum ex Mariae nasceretur utero, genitalis tamen septum pudoris 
et intemerata virginitatis conservavit signacula." ^ 

Durch diese wiederholte Argumentation aus Ez. 44, 1 ff. für 
seine Auffassung von der Jungfraugeburt Marias gibt der hl. Lehrer 
deutlich seine Überzeugung kund, daß eine Beziehung der Worte 
des alttestamentlichen Sehers auf das Geschehnis der Jungfrau- 
geburt Marias vom Heiligen Geiste intendiert sei ^. 

Jener Passus des mailändischen Synodalschreibens, welcher 
sich eingehend mit der positiven Widerlegung des jovinianistischen 
Irrtums hinsichtlich der Jungfraugeburt Marias befaßt, bringt für die 
Bejahung dieser Lehre nicht bloß biblische Argumente vor, sondern 
motiviert dieselbe auch durch Berufung auf die apostolische 
Glaubensregel. Wenn man den Lehren der Priester über die 
Jungfräulichkeit Marias in der Geburt nicht glauben wolle, ,,dann 
glaube man — so führt Ambrosius dort aus — dem apostolischen 



partus" Christum bezeichne, zeigt Aug. Steier in Jahrbücher f. klass. Philologie 
XXVIII. Supplementband (Leipzig 1903) 568 u. 575. 

^ Über die Lehre dieser beiden abtrünnigen Mönche vgl. die Ausfülirimgen 
des Ambrosius in epistola 63, 7 — 13 15 17 20 21 23 33, ferner Enarr. in Ps. 36, 
49. — Christian W. Fr. Walch, Entwurf einer vollständigen Geschichte der Ketzereien 
... 3. Teil (Leipzig 1766), 666—68, stellt es in Abrede, daß die beiden Mönche 
Jovinianisten waren. Über den unverkennbaren imd darum mmötigerweise be- 
strittenen Zusammenhang der in der epistola 63 des Ambrosius verworfenen Lehren 
desSarmation und Barbatianus mit derjenigen Jovinians vgl. jedoch Bruno Lindner, 
De Joviniano et Vigilantio (Lipsiae 1839) 38 und 39. 

2 Ep. 63, 33. 

* Dieser Verwertung von Ez. 44, 1 f. durch Ambrosius hat Wilhelm Xeuß 
in seiner Schrift: Das Buch Ezechiel in Theologie mid Kmist bis zum Ende des 
XII. Jahrhimderts (Münster i. W. 1912) leider überhaupt nicht gedacht. 



Ambrosius von Mailand über die Jungfraugeburt Marias 101 

Glaubensbekenntnis, welches die römische Kirche immer unver- 
kümmert bewahrt und erhält/'^ Diese Motivierung des Ambrosius 
verdient um deswillen besondere Beachtung, weil sie die Worte 
des apostohschen Symbolums in seiner älteren abendländischen 
Form: Qui (sei. Christus Jesus) natus est de Spiritu sancto ex 
Maria Virgine ^ — meines Wissens zum erstenmal in der alt-kirch- 
lichen Literatur — direkt und ausdrücklich auf die physische 
Jungfräulichkeit Marias in der Geburt bezieht und damit diese 
Lehre als Gegenstand des ältesten Kirchenglaubens hinstellt 3. 

Um die Stellungnahme des großen Bischofs von Mailand hin- 
sichtlich der Lehre von der Jungfraugeburt Marias erschöpfend 
und richtig würdigen zu können, müssen wir hier einem Umstände 
noch nähere Beachtung widmen, der für die gezeichnete Aufgabe 
zweifelsohne von nicht geringer Bedeutung ist: er betrifft den Zu- 
sammenhang zwischen Jungfräulichkeit und Marienverehrung nach 
der Auffassung führender kirchlicher Kreise jener Zeit. Nur in 
großen Umrissen wollen wir hier diese Beziehungen zeichnen, die 
Detailausführung muß der Erörterung an anderer Stelle vorbehalten 
bleiben. 

Die kirchliche Literatur jener Tage zeigt uns eine reiche Fülle 
von Sentenzen, deren Tenor sich kurz dahin fassen läßt: Maria 
ist das Ideal aller Jungfräulichkeit, die Mutter Jesu ist auch ob 
ihrer immerwährenden körperlichen Integrität das Vorbild aller 
christhchen Jungfrauen. Wohl erkannten die Gegner der Kirche 
die große Tragweite dieser Ideen, und es blieb ihnen nicht verborgen, 
daß mit der Leugnung der beständigen Jungfräulichkeit Marias 
dieser Geistesrichtung in der Kirche ein sehr schwerer, ja der 
schwerste Schlag versetzt würde. ,,Man hätte ja — schreibt Wil- 
helm Haller — der Maria diese Ehre lassen können, daß sie be- 
ständig Jungfrau geblieben sei — aber dann war die lebenslängliche 
Virginität durch die , Mutter Gottes' sanktioniert. Was bedurfte 

1 Ep. 42, 5. 

^ Vgl. Denzinger, Enchiridion ^^ Nr. 2. 

^ Die Feststellung, welche Christianus Stamm, Mariologia (Paderbomae 
1881) 99 auf Grund dieses ambrosianischen Wortes macht: Symboli Apostolici 
authoritate pcrpetuam Mariae virginitatem luculenter astrui testatur d. Ambrosius 
ist unhaltbar. Dasselbe gilt von der Erklärung Schecbens (Handbuch der kath. 
Dogmatik II [Freiburg i. Br. 1878] 939), daß die Lehre von der Jungfraugeburt 
Marias von jeher als strenges Dogma sowohl im Apostolikum wie bei Is. 7, 13 aus- 
gesprochen und durch die porta clausa bei Ezechiel 44 vorgebildet gefunden 
worden sei. 



102 Philipp Friedrich 

man weiter Zeugnis ? Konnte es eine größere Heiligkeit geben, 
als genau in dem Stande zu leben, in welchem die Mutter Gottes 
aus freien Stücken lebenslänglich verharrte ?" ^ 

Helvidius, ein Schüler des Arianers Auxentius, der unmittel- 
bar vor Ambrosius den Bischofsstuhl von Mailand innehatte, war 
der erste, welcher gegen diese in kirchlichen Kreisen herrschende 
Auffassung auftrat, indem er die Glaubenslehre von der beständigen 
Jungfräulichkeit Marias mit der Behauptung bestritt, Maria habe 
nach der Geburt Christi mit Joseph ehelichen Umgang gepflogen 
und sei noch mehrmals Mutter geworden. 

Nachdem Jovinian den Satz von der Gottgefälligkeit und 
Gleich verdienstlichkeit aller Stände, namentlich auch der Ehe mit 
dem ledigen Stande ausgesprochen hatte, mußte er — sollte sein 
Lehrsystem keine Halbheit darstellen — auch gegen das oben- 
erwähnte Verhältnis zwischen der allzeit unversehrten Jungfräu- 
lichkeit Marias und der Pflege jungfräulichen Lebens in der Kirche 
einen Vorstoß wagen. Er tat dies denn auch wirklich mit der Be- 
hauptung, Christus habe nicht aus einer Jungfrau geboren werden 
können. Mit dieser Erklärung wollte er aber nicht etwa den Kirchen- 
glauben an die Jungfräulichkeit Marias vor der Geburt treffen, 
sondern einzig und allein die im Glaubensbewußtsein der damaligen 
Kirche ebenfalls schon weit verbreitete Meinung bestreiten und 
leugnen, daß Maria in der Geburt Christi Jungfrau geblieben sei. 
Sein Vorstoß gegen die Glaubenslehre von der steten Jungfräuhch- 
keit Marias bewegte sich mithin in ganz anderer Richtung als der 
seines Zeitgenossen Helvidius; dieser stellte nur die Jungfräulich- 
keit Marias nach der Geburt in Abrede, Jovinian hingegen ging 
weiter, indem er die Bewahrung der körperlichen Litegrität Marias 
bei der Geburt Christi bestritt, mit anderen Worten schon die 
Jungfräulichkeit Marias in der Geburt prinzipiell leugnete. Dieser 
spezielle Zug in der antimarianischen Lehre des Jovinian und damit 
auch deren wesentliche Verschiedenheit von der mariologischen 
Häresie des Helvidius fand und findet leider nicht immer die not- 
wendige Beachtung ^. 

Mit dieser Leine fand Jovinian — wie aus den vorausgehenden 

^ A. a. O. 154; beachte auch die unmittelbar vorausgehenden Darlegungen. 

^ Vgl. u. a. Dionyfsius Petavius, De theologieis dogniatibus VI. (Antwerpiae 
1700) de incarnatione XIV\ c. 3 Nr. 3 u. 5 p. 218 u. 219; J. H. Oswald, Dogmatische 
Mariologie (Paderborn 1850) 140 und die Erlösung in Christo Jesu I- (Paderborn 
1887) 338; Bernh. Bartni.tnn, Lehrbuch der Dogmatik ^ (Freiburg i. Br. 1911) 392. 



Ambrosius von Mailand über die Jungfraugeburt Marias 103 

Ausführungen deutlich erhellt — in erster Linie scharfen Wider- 
spruch bei Ambrosius von Mailand, welcher diese Bestreitung eines 
Ehrenvorzugs der Mutter Jesu nicht bloß mit aller Entschiedenheit 
abwehrte, sondern überdies die gläubige Auffassung von der Jung- 
fraugeburt Marias auch zu rechtfertigen suchte. Er hat zwar 
diese Lehre nicht zu allererst vertreten; in der abendländischen 
Kirche z. B. hat er, um nur einen kirchlichen Lehrer jener Zeit und 
des gleichen Landstriches zu neimen, Zeno von Verona auf 
diesem Gebiet zum Vorgänger. Auch die Worte des Antwort- 
schreibens der mailändischen SjTiode an Papst Siricius, welche 
davon reden, daß die Jovinianer den Lehren der Priester bezüglich 
der Jungfräulichkeit Marias in der Geburt nicht glauben wollen, der 
in dem gleichen Reskript enthaltene Hinweis auf die Zugehörigkeit 
dieser Lehre zur apostolischen Glaubensverkündigung, die Tatsache 
endlich, daß mehrere oberitalische Bischöfe unter ein amtliches 
Dokument, welches so eingehend mit jenem mariologischen Lehr- 
punkt sich befaßte und für dessen Bestreiter so harte und scharfe 
Worte der Verurteilung fand, ihren Namen setzten und sich eben 
dadurch mit dem Lihalt und den Tendenzen dieses Schreibens 
identifizierten: alles das zeigt deutlich darauf hin, daß die Vor- 
stellung von der Jungfraugeburt Marias in jener Zeit nicht etwa bloß 
von einigen wenigen Marien Verehrern, sondern von den geistlichen 
Führern der mailändischen und der oberitalischen Kirche als zum 
kirchlichen Glaubensgut gehörig betrachtet wurde. 

Dieser Standpunkt war nun gegenüber Jovinian und seinem 
Anhang zu rechtfertigen. Ambrosius tat dies in dem Antwort- 
schreiben an Siricius in eingehender Weise und gewann dadiu'ch 
in der Geschichte unseres Dogmas für alle Zeiten eine besondere 
Bedeutung. Die wenigen altkirchlichen Schriftsteller, welche vor 
ihm zu diesem Lehrpunkt sich geäußert hatten, ließen es meist 
bei der einfachen Bezeugung des Geschehnisses bewenden; hie und 
da nur wurde zum Erweis der Wahrheit mid Wirklichkeit des 
geheimnisvollen Vorganges auf das sog. Protoevangelium Jacobi 
verwiesen, dessen Angaben über die Jungfraugeburt Marias man 
damals noch als geschichtliche Wahrheit betrachtete. Ambrosius 
schlug als erster kirchhcher Lehrer im Abendlande neue Wege auf 
diesem Lehrgebiete ein, indem er vor allem einen Schrift beweis 
dafür zu erbringen suchte. Den Bestreiten! der Jungfraugeburt 
hält er entgegen, daß die Möglichkeit und tatsächliche Verwirk- 
lichung dieses geheimnisvollen Vorganges dem gläubigen Simi in 



104 Philipp Friedrich 

mehrfacher Weise garantiert sei: durch alttestamentliche Prophe- 
zeiungen, durch die Versicherung des Verkündigungsengels , daß 
bei Gott kein Ding unmögUch sei, und durch die apostoHsche 
Glaubensregel. Weiter stellt er die Lehre von der Jungfraugeburt 
Marias hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeit auf gleiche Linie mit einer 
Reihe von biblischen Geschehnissen, die ebenfalls nur durch das 
Walten Gottes über den Naturgesetzen ermöglicht und verwirklicht 
worden seien; wer diese gläubig annehme, könne auch der Lehre 
von der Jungfraugeburt den Glauben nicht verweigern. 

Im Gesamtbild haben wir damit den Beweisgang vorgelegt, 
den Ambrosius für die kirchliche Lehre von der Jungfraugeburt 
Marias geführt hat. Zur Würdigung dieses Verfahrens wie zu 
einzelnen Momenten dieser Beweisführung sei in Kürze nur folgendes 
bemerkt: Der Bischof von Mailand legt vor allem Wert darauf, 
die Möglichkeit und Tatsächlichkeit des Vorganges gegenüber 
der häretischen Bestreitung festzustellen; auf eine nähere Er- 
klärung des Geschehnisses hat er sich nicht eingelassen. Mit 
vollem Recht stellt er den Hinweis auf Gottes Allmacht in den 
Mittelpunkt seiner Beweisführung; damit ist zugleich eine Aner- 
kennung des geheimnisvollen Charakters der Jungfraugeburt Marias 
ausgesprochen. Unter die alttestamentlichen Prophezeiungen, die 
den Glauben an die Jungfraugeburt stützen, zählt Ambrosius vor 
allem die altberühmte isaianische Stelle: ,,Siehe, die Jungfrau wird 
empfangen und einen Sohn gebären." Eine nähere Begründung für 
die Verwertung dieses alttestamentlichen Textes im Sclirift beweis 
für die Lehre von der Jungfraugeburt hat er uns jedoch nicht ge- 
boten; er begnügt sich mit der allgemeinen Erklärung, daß in 
diesem Prophetenwort die Jungfräulichkeit nicht bloß von der 
Empfängnis, sondern auch von der Geburt behauptet werde. 

Häufiger jedoch als die Isaiasstelle verwendet der hl. Lehrer 
zu gleichem Zwecke die Worte des Propheten Ez. 44, 1 ff.: ,, Dieses 
Tor, geschlossen soll es sein und nicht iverde es geöffnet; niemand 
soll eintreten in dasselbe, denn der Herr, der Gott Israels, ist in das- 
selbe eingetreten, darurn bleibe es geschlossen." Dieses Verfaliren mag 
durch den typischen Wortsinn jener Weissagung angeregt sein, 
jedenfalls steht es vollkommen in Einklang mit der ganzen übrigen 
Schi'ifterklärung des Ambrosius, welche nur wenig bei dem Literal- 
sinn verweilt, um so mehr hingegen in allegorisch-mystischer Aus- 
legung sich gefällt *, 

^ Vgl. hierzu O. Bardenhcwer, Patrologic » (Freiburg i. Br. 1910) 378 f. 



Ambrosius von Mailand über die Jungfraugeburt Marias 105 

In das Gebiet der Typik ist auch einzureihen, was Ambrosius 
weiter zur Motivierung des Glaubens an die Jungfraugeburt aus 
den hl. Schriften anführt. Es sind in der Hauptsache alttestament- 
liche Wunder — nur auf ein neutestamentliches Geschehnis: das 
Wandeln des Petrus auf dem Meere, spielt er dabei an — , welche 
nach seinem Ermessen die gläubige Annahme der Lehre von der 
Jungfraugeburt dem menschlichen Denken leichter machen. Ge- 
rade in diesem typologischen Beweisverfahren zeigt sich aber der 
Mangel an einer tieferen philosophischen Durchdringung dieser 
Glaubenswahrheit seitens des mailändischen Oberhirten, der, wie 
Bardenhewer bemerkt, zu philosophisch-dogmatischer Spekulation 
weder Zeit noch Neigung besaßt. 

Die Berufung des Ambrosius auf den Wortlaut der aposto- 
lischen Glaubensregel im Beweisverfahren für die Lehre von der 
Jungfraugeburt verdient, wie bereits oben bemerkt wurde, be- 
sondere Beachtung. Dieselbe ist darum besonders beweiskräftig, 
weil der Wortlaut des Apostolikums in der sog. Forma Romana 
„nicht die Empfängnis, sondern gerade die Geburt der Jungfrau 
zuschreibt" 2, 

Die Art und Weise, in welcher Ambrosius den Leugnern der 
Lehre von der Jungfraugeburt gegenübertritt, läßt auf die hohe 
Bedeutung schließen, welche er diesem Lehrstück beimaß. Aus- 
drücklich reiht er es unter jene Glaubenswahrheiten ein, deren 
höchstes Alter, ja apostolischen Ursprung ihm das Symbolum ver- 
bürgt. Er sieht in ihm ein Argument für die Lehre von der Gottheit 
Cliristi gegeben, dessen Beweiskraft er auf dieselbe Stufe mit der- 
jenigen der Kirchenlehre von dem Empfängnis wunder setzt. ,, Vieles 
— so schreibt er einmal — wirst du in Christus finden, was sowohl 
gemäß der Natur ist als auch über die Natur hinausgeht. Gemäß 
seiner körperlichen Beschaffenheit nämlich ist er im Mutterschoß 
gewesen, wurde er geboren, wurde ihm die Muttermilch gegeben, 
wurde er in die Krippe gelegt; doch über die Natur hinaus ging 
es, daß die Jungfrau ihn empfing, die Jungfrau ihn gebar, auf daß 
du glaubest, daß der Gott war, welcher die Natur abänderte, und 
daß der Mensch war, welcher seiner Natur nach aus einer Menschen- 
tochter geboren wurde." ^ 



1 A. a. 0. 376. 

^ Konstantin Gutberiet a. a. O. 75. 

' De incarn. Dominicae sacramento 6, 54. 



106 Philipp Friedrich 

Die Stellungnahme des Ambrosius in der Frage der Jungfrau - 
geburt trug ihm von seiten des Jovinian den Vorwurf manichäischer 
Auffassung Christi ein. „Jovinian folgerte nämlich: Ist Maria 
auch bei der Geburt Christi Jungfrau geblieben, so ist überhaupt 
Christus nicht als wahrhaftiger Mensch geboren; er hatte also kein 
wahrhaftiges, menschliches Fleisch, er ist in phantasmate erschienen 
und in phantasmate gekreuzigt worden. Das aber ist manichäischer 
Irrtum, und darum machen alle, welche solche Dinge — wie die 
jungfräuliche Geburt Christi — behaupten, sich des manichäischen 
Irrtums schuldig." ^ 

Diese Auffassung des Jovinian war jedoch irrig; denn die Lehre 
von der Jungfraugeburt, d. h. die Annahme, daß Marias physische 
Jungfräulichkeit durch die Geburt Christi keine Verletzung er- 
fahren habe, führt durchaus nicht notwendig zum Doketismus und 
damit zum Manichäismus, weil sie voraussetzt, daß bei diesem Vor- 
gange die Gesetze des natürlichen Geschehens suspendiert waren 2. 

Ambrosius ließ es an einer Antwort auf die Anklage wegen 
manichäischen Irrtums seitens des Jovinian nicht fehlen. Sie 
findet sich in den Schlußsätzen der Epistola 42 an Papst Siricius. 
Er dreht hier den Spieß um und beschuldigt vielmehr den Jovinian 
und seinen Anhang des Manichäismus. Seine Gedankenreihe lautet 
also: Das sei eben manichäisch, wenn man nicht glaube, Christus 
sei aus der Jungfrau geboren worden; denn dann sei er überhaupt 
nicht im Fleische erschienen, weil er nach den Worten des Isaias 7,14 
eben aus einer Jungfrau geboren werden müsse. Entweder sei er 
jungfräulich geboren oder überhaupt nicht — mid im letzteren 
Falle sei seine ganze Erscheinung ein Phantasma 3. 

Bei aller Präzision und Entschiedenheit, mit welcher Ambrosius 
für die Lehre von der Jungfraugeburt INIarias eintrat, ist er nicht 
dem Mißgeschick entronnen, als Patron der gegenteiligen Auf- 
fassung angerufen zu werden. Und zwar war es kein Geringerer als 
Erasmus, welcher in seinen Annotationes zu Lukas behauptet, 
Ambrosius habe ebenso wie Origenes gelehrt: Christum nascendo 
reserasse vulvam maternam. 



' Wilh. Hallor a. a. 0. 156: vgl. auch Hofele, Conciliengeschichte IT* 50 f. 

- Vgl. hierzu insbosoiulorc auch August ins Ausführungen in Contra lulianum 
Pclagianum I, c. 2, Nr. 4. 

^ Vgl. zu dieser schwierigen Stelle die Ausführungen bei Coustant a. a. O. 
673 Anm. d und Haller a. a. O. 156. 



Ambrosius von Mailand über die Jungfraugeburt Marias 107 

Die Stelle, welche diese Auffassung stützen soll, steht in den 
Ausführungen, welche Ambrosius zu der von Lukas berichteten 
Beschneidung Jesu macht und welche wir im Interesse unserer 
Beweisführung hier in ihrem ganzen Wortlaut anführen wollen: 
,,Uber die Bedeutung der , Darstellung vor dem Herrn in Jerusalem' 
würde ich mich äußern, wenn ich es nicht früher bereits im Kommen- 
tar zu Jesaias getan hätte. Wer nämlich an Sünden beschnitten 
war, wurde des Anblickes des Herrn für würdig erachtet ; denn ,die 
Augen des Herrn ruhen auf den Gerechten'. Du weißt, der ganze 
Inhalt des alttestamentlichen Gesetzes war nur ein Vorbild des 
Zukünftigen. Denn auch die Beschneidung deutet zwar die Reini- 
gung von den Sünden an; weil jedoch die leibliche und geistige 
Gebrechlichkeit des Menschen so leicht infolge der Begierlichkeit 
zur Sünde in ein unentrinnbares Netz von Lastern sich verstrickt, 
darum wurde durch den Oktavtag der Beschneidung auch die 
künftige Reinigung von aller Schuld im Auf erstehungs Zeitalter vor- 
gebildet. Das nämlich besagt die Vorschrift: ,Alles Männliche, 
das den Mutterschoß öffnet, wird heilig dem Herrn genannt werden.' 
Es lag nämlich in den Gesetzesworten die Verheißung der jungfräu- 
lichen Geburt ausgesprochen. Ja , heilig* fürwahr, weil makellos. 
Daß er es war, den das Gesetz bezeichnete, bekundet denn auch 
gleicherweise die wiederholte Erklärung des Engels: ,Da^ Heilige, 
das aus dir geboren werden soll, wird der Sohn Gottes genannt werden.' 
Denn nicht eines Mannes Beischlaf öffnete das stille Heiligtum 
des Jungfrauschoßes, sondern der Heilige Geist senkte den un- 
befleckten Samen ihrem unversehrten Schöße ein. Unter den vom 
Weibe Geborenen ist nämlich nur der Herr Jesus allein schlechthin 
heilig. Nur er blieb infolge der makellosen Geburt von den Be- 
fleckungen des irdischen Verderbnisses unberührt und tilgte sie 
kraft seiner himmlischen Erhabenheit. 

,,Wenn wir nur dem Literalsinn folgten : wie wäre denn da jede 
männliche Person heilig, da es doch bekanntlich viele Schwer- 
verbrecher gegeben hat ? Oder war etwa ein Achab heilig ? Waren 
etwa die Falschpropheten heilig, die auf das Gebet des Elias das 
himmlische Rachefeuer zur Strafe für ihr L^nrecht verzehrte ? Nein, 
jener war heilig, durch welchen die frommen Vorschriften des 
göttlichen Gesetzes ihre vorbildliche Bedeutung für das künftige 
Geheimnis empfingen, insofern er allein den stillen Mutterschoß, 
den unbefleckt befruchteten, der heiligen Jungfrau-Kirche zur 
(Wieder-) Geburt des Gottesvolkes öffnete. Er allein öffnete auch 



108 Philipp Friedrich 

sich den Mutterschoß. Und kein Wunder. Denn nur er, der zum 
Propheten gesprochen hatte: ,Ehe ich dich bildete im Mutterleihe, 
kannte ich dich, und im Mutter schoße heiligte ich dich', der sonach 
den Mutterschoß einer anderen heiligte, daß ein Prophet geboren 
würde, ist es, der auch den Schoß seiner Mutter öffnete, um makellos 
daraus hervorzugehen." ^ 

Aus dem Schlußsatz dieses Textes glaubte man folgern zu 
dürfen, auch Ambrosius habe die physische Unversehrtheit Marias 
in der Geburt preisgegeben 2. Diese Annahme ist jedoch irrig. 
Mancherlei Wege hat man eingeschlagen, um die Schwierigkeit zu 
heben, welche jene Worte namentlich im Hinblick auf die so 
zahlreichen anderslautenden Sentenzen desselben hl. Lehrers in 
derselben Frage zu bieten scheinen. 

Die Herausgeber der Werke des Ambrosius, die Mauriner 
du Frische und le Nourry, bemerken zu dieser Stelle des Lukas- 
kommentars, daß sie nicht frei von aller Schmerigkeit sei, und 
fahren alsdann weiter fort: ,,Sed hanc difficultatem expedit b. 
Thomas in 3. p. qu. 28, art. 2, ubi propositio in hanc rem VenerabiUs 
Bedae testimonio ita concludit : , ,unde illa adapertio non signif icat 
reserationem communem claustri pudoris virginei , sed solum 
exitum prolis de utero matris." Quam interpretationem nee 
Erasmus ipse repudiat." 

Andere Forscher bieten eine andere Lösung, indem sie den 
Ausdruck adaperiens vulvam gleichbedeutend mit fecunditate 
donans nehmen, und sie verweisen dabei auf den analogen Fall, 
daß man den Ausdruck concludere vulvam gleichsetze mit sterilem 
reddere. Die Väter, welche von einer adapertio vulvae redeten, 
akkommodierten sich hierbei nur dem biblischen Sprachgebrauch 
(Ex. 13). Der Ausdruck sei aber nicht materiell zu fassen, 
wiewohl er von dem natürlichen Vorgange des Gebarens herge- 
nommen sei, sondern wolle einzig die physische Geburt Christi aus 
der Jungfrau bezeichnen. In der Tat lassen sich im 4. Jahrhundert 
solche Kirchenlehrer nennen, die einerseits mit der größten Ent- 
schiedenheit für die physische Unversehi-theit Marias auch in der 



^ Expositionis in Lucam lib. II 50 — 58. Die Übersetzung ist Bd. XXI der 
neuen Ausg<abc der Bibliothek der Kirchenväter (Kempten u. München 1915) 
84 — 86 entnommen. 

^ Vgl. hit rzu: Johannes Maldonatus S. J., Commcntarii in quattuor evan- 
gelistas. II (Rlussiponti 1697) 118 sq. — Christianus Stamm a. a. O. 132. — Aleyius 
Maria L6picier, Tractatus de Beatissima Virgine Maria* (Parisiis 1912) 430 f. 



Ambrosius von Mailand über die Jungfraugebiirt Marias 109 

Geburt eingetreten sind, anderseits ganz unbedenklich von dem 
geöffneten Schoß Marias gesprochen haben ^. Aus den zitierten 
Worten des Ambrosius im Lukaskommentar allein ist man 
also nicht berechtigt zu folgern, daß nach seinem Dafürhalten die 
Gebm't Jesu das Ende der physischen Jungfrauschaft Marias be- 
deutet habe. Lehrreich ist in dieser Beziehung ein Wort des Syrers 
Ephräm: ,,Es wurde die Natur der Jungfrau nicht entsiegelt, 
als Christus empfangen wurde; drum wurde sie auch nicht zum 
Behufe der Geburt geöffnet, als er geboren wurde. Der Schoß der 

Gebärenden zerriß nicht Darum beeinträchtigte auch das Kind 

nicht das Siegel der Jungfrauschaft, noch empfand die Jungfrau 
Schmerz. Sie wurde zwar auf getan wegen der körperlichen Masse 
des zur Welt kommenden Kindes, kehrte aber in den Zustand des 
Versiegeltseins wieder zurück, wie die Falten der Muschel, wenn 
sie die Perle entlassen haben, wieder in ihre ungetreimte Vereinigung 
und Versiegelung zurückgehen." ^ 

Nach meinem Dafürhalten scheidet die inkriminierte Stelle 
aus dem Lukaskommentar bei Darstellung der Lehre von der 
Jungfraugeburt Marias vollkommen aus, und zwar um deswillen, 
weil dort von einer reseratio vulvae Beatae Virginis nicht in 
pariendo, sondern in concipiendo die Rede ist. Zu diesem Er- 
gebnis führt eine genaue Würdigung des ganzen Textes und nament- 
lich auch der Schlußworte: Hie (sei. Christus) est, qui aperuit 
matris suae vulvam, ut immaculatus exiret. Dieser Konsekutivsatz 
hat keinen Sinn, wenn die vorausgehenden Worte auf die virginitas 
Mariae in partu und nicht auf die virginitas Mariae ante partum 
bezogen werden. 

^ Vgl. hierzu Dionysius Petavius a. a. 0. VI. de incarn. XIV c. 5 Nr. 5 — 7 
pag. 225 sq. 

^ Nach Lucius-Anrich, Die Anfänge des Heiligenkults in der christlichen 
Kirche (Tübingen 1904) 425 Anm. 4. 



Die zwangsweise Versetzung des Benefiziaten 

in der Lehre der mittelalterlichen Kanonisten 
von Gratian bis Hostiensis. 

Von 

Univ.-Prof. Dr. Heinrich Maria Gietl in München. 

Das Dekret Maxima cura, das in seinem c. 26 dem Bischöfe 
gestattet, die durch das Dekret berührten Geisthchen von einer 
Stelle auf eine andere zu versetzen ^, weckt in jedem tiefer Bhcken- 
den die Frage, inwieweit sich hier Gegenwart und Vergangenheit 
berühren, das neu gesetzte Reclit an älteres anknüpft. So bekannt 
der Zusammenhang dieser Bestimmung des Dekrets mit der neu- 
zeitlichen remotio oeconomica ist, so wenig sind doch die Ver- 
bindungsfäden in das Mittelalter hinauf genauer verfolgt worden. 
Wenn die nachstehende Arbeit die Gedanken der mittelalter- 
hchen Kanonisten über die zwangsweise Versetzung für die oben an- 
gebene Zeit zur Darstellung brmgt, so darf sie wohl sagen, daß sie 
den Pflug über ein Feld führt, das überhaupt noch nicht bebaut 
worden oder zum mindesten schon lange brach gelegen ist. 

Gratian, der in C. VII, q. 1 die Frage aufwirft, ob bei Lebzeiten 
des Bischofes ein anderer neben ihm aufgestellt werden dürfe, 
handelt hier auch — zimächst liinsichthch der Bischöfe — vom 
Übergang von einer Stelle auf eine andere (s. c. 19, 21, 34 — 37). 
So ist es C. VII mit ihrer q. 1 seines Werkes, bei deren Erklärung 
die Dekretisten zu unserer Frage Stellung nehmen. Der Magister 
selbst hat sie nicht berülirt. Die Frage hat die Schule damals nicht 
beschäftigt, dies sehen wir deutlich: die Gratian zeitlich zunächst 
stehenden Erklärer seines Dekretes berülu'en sie überhaupt nicht 
oder streifen sie höchstens. Wälu-end Paucapalea den Pmikt nicht 
erörtert, bemerkt Rufin wenigstens: 

Pro utilitate vero potest mutari clericus de ecclesia in ecclesiam 
cum auctoritate sui episcopi, et episcopus de episcopatu ad episco- 
patum auctoritate apostohci, ut infra ead. q. c. Mutationes (34). 



^ Acta Apostolicae Sedis II (Romae 1910) 645. 



Die zwangsweise Versetzung des Benefiziaten 111 

Hec autem mutatio ita moderanda est, ut persona que mutatur 
nunquam ad minorem dignitatem, sed semper ad maiorem vel 
äqualem transf eratur ; non enim cuicunque ecclesiastice persone 
debet dignitas extenuari, nisi sua culpa hoc visum fuerit promereri ^. 

Dagegen bietet Stephan von Tournay zu unserer Frage nichts 2. 
Johannes Faventinus ^ offenbart sich in unserer Frage als der 
Plagiator, der er ist; mit geringen Änderungen wiederholt er in 
seiner Summa zu C. VII, q. 1 die oben angeführten Worte Rufins. 
Daß wir die Äußerungen des zuletzt genannten Kanonisten und 
seiner Quelle, Rufins, von der freiwillig angestrebten Versetzung 
zu verstehen haben, sagt uns Simon von Bisiniano *, der in seiner 
Summa zu C. VII, q. 1 bemerkt: 

Si pro utihtate mutatur, clericus faciat hoc cum auctoritate 
sui episcopi, episcopus cum auctoritate summi pontificis. 

In Anlehnung an Johannes Faventinus, der, wie oben bemerkt, 
hier aus Rufin schöpft, fährt Simon unmittelbar darauf fort: 

Hec mutatio ita moderanda est, ut ad minorem dignitatem 
nemo compeUatur nisi culpa sua, ut D. LXXIII, Honoratus (c. 8). 

Sicardus von Cremona ^ wiederholt in seiner Summa die oben 
angeführten Worte Simons von Bisiniano. 

Wenn es noch eines Beweises bedürfte, daß die Frage der Ver- 
setzung als einer zwangsweisen die Schule wenig beschäftigte, so 
erhellt dies daraus, daß drei so bedeutende Werke wie die Summa 
Coloniensis, Parisiensis, Lipsiensis ® in ihren Erörterungen zu 
C. VII den Punkt nicht behandeln. Für den Dekretisten schied aus 
dem Begriffe der Versetzung das Merkmal einer Strafform fast ganz 
aus, war in seinem Denken zum mindesten nicht lebendig. Das zeigt 
uns Huguccio in seiner großen Summa. Er bemerkt hier nur zu 
C. VII, q. 1, c. 37: 

^ Die Summa Decretorum des Magister Rufinus. Herausgegeben von 
H. Singer (Paderborn 1902) 291. 

^ Ich habe Cod. lat. 17 162 der Hof- und Staatsbibliothek in München benutzt. 

^ Ich habe Cod. Msc. Can. 37 (P. II 27) der Königlichen Bibliothek in Bamberg 
benutzt, Fol. 47 recto. 

* Cod. Msc. Can. 38 (D. II 20) der vorhergenannten Bibliothek, Fol. 87 recto. 
Dadurch daß Simon von Bisiniano c. Honoratus 8 als in der 73. Distinktion stehend 
anführt, zeigt er, daß er die Palea, die jetzt die 73. Distinktion bildet, nicht in 
der Reihe der Distinktionen des 1. Teiles des Werkes Gratians rechnet. Auch 
Sicardus zitiert die Stelle aus der 73. Distinktion. 

^ Cod. lat. 8013 der Hof- und Staatsbibliothek in München, Fol. 52 recto. 

• Job. Friedrich von Schulte, Die Geschichte der Quellen und Literatur des 
kanonischen Rechts I {Stuttgart 1875) 223 224 150. 



112 Heinrich Maria Gietl 

Quid si presbiter non vult transire de minori ad maiorem 
ecclesiam? numquid potest cogi ab episcopo? non credo. arg. di. 
Ixxxiiii, gesta (c. 2). Hoc enim spectat solum ad papam ^. 

In den Bahnen Huguccios wandelt, wie so oft, auch hier Jo- 
hannes Teutonicus, der Verfasser der glossa ordinaria zum Dekrete 
Gratians. Er bemerkt zu C. VII, q. 1, can. 37: 

Quid si Clericus non vidt transire de minori ad maiorem? 
Dico quod non potest cogi ab Episcopo, quia nemo crescere cogitur 
invitus. 74. d. cap. gesta (2) et 63. d. c. quanto (10). Hoc autem 
Papa potest ^. 

Nach den vorstehenden Ausführungen erscheint der Schluß 
gerechtfertigt : Die zwangsweise Versetzung, soferne sie den Charak- 
ter einer Strafe hat, war nicht ein Thema, das die Schule der 
Dekretisten lebhafter beschäftigte, sie ward, dürfen ^\ir weiter 
folgern, in ihrer Zeit kaum geübt; die Waffe des Rechtes gegen die 
Schuldigen war Absetzung, nicht Versetzung. 

Diesen Sachverhalt müssen wir zur Richtschnur nehmen bei 
der Würdigung der Dekretale Urbans III. (1185 — 1187): 

Quaesitum est ex parte tua, si commutationes fieri valeant 
praebendarum, quum commutatio dignitatum in Turonensi conciho 
fuerit interdicta. Generaliter itaque teneas, quod commutationes 
praebendarum de iure fieri non possunt, praesertim pactione prae- 
missa, quae circa spirituaha vel comiexa spiritualibus labern 
semper continet simoniae. Si autem episcopus causam inspexerit 
necessariam, licite poterit de uno loco ad alium transferre persona«, 
ut quae uni loco minus sunt utiles aUbi se valeant utilius exercere ^. 



^ Cod. lat. 10 247 der Hof- und Staatsbibliothek in München, Fol. 139 recto, 
Col. 2. 

* Corpus juris canonici glossis diversorura illustratum Gregorii Papae XIII. 
jussu editum I (Lugduni 1671) 835. Ich habe zum Vergleiche die Straßburger 
Ausgabe des Decretum Gratiani von Heinrich Eggesteyn aus dem Jahre 1471 
herangezogen. 

^ Jaff6-Loewenfeld 15 754 (9891). Der Text ist oben nach der Ausgabe von 
Friedberg (Corpus juris canonici II, Lipsiae 1881, 522) wiedergegeben. Die pars 
decisa bei Fried borg, die Raymimd von Peimaforte in seiner Redaktion des Kapitels 
ausgelassen hat, bildet in der Compilatio secunda noch einen Teil des Kapitels. 
Ich gebe sie hier nach Cod. lat. 3879 der Hof- und Staatsbibliothek in München 
Fol. 125 recto, Col. 1: Sunt enim quidam, qui prebende sue cedunt et iuri renuntiant, 
ut maiorem prebendam optineant vel ex hoc certam summam peccuiiie conse- 
quantiu-, quod quidem est honestati contrarium et simoniacam procul dubio continet 
pravitatem. 



Die zwangsweise Versetzung des Benefiziaten 113 

Die Dekretale erscheint zuerst in der erweiterten Gestalt der 
Sammlung Gilberts ^, ist dann von Johannes Galensis in die Com- 
pilatio secunda als c. 1, de rerum permutatione III, 13 aufgenommen^ 
und unter dem gleichen Titel von Raymund von Pennaforte der 
Gregoriana einverleibt worden (c. 5, X, III, 19). 

Im Rahmen der Jurisprudenz der Dekretisten, dürfen und 
müssen wir schHeßen, handelt die Dekretale überhaupt nicht von 
der zwangsweisen Versetzung. Sofern diese den Charakter der 
Strafe irgendwie trägt, wird sie von den Dekretisten nur gestreift, 
nicht genauer in Erwägung gezogen; insoweit sie aber den er- 
zwungenen Übergang von einer niederen Stelle zu einer höheren 
bedeutet, sprechen Huguccio und ihm folgend Johannes Teutonicus 
dem Bischöfe, von dem in der Dekretale die Rede ist, das Recht 
hierzu ab. 

Der Umstand, daß Johannes Teutonicus, dem bei Abfassung 
seiner glossa zum Dekret schon die Compilatio secunda vorlag ^, 
die Worte Huguccios ohne irgend ein Bedenken wiederholt, zeigt, 
daß das Kapitel Quaesitum nicht von der zwangsweisen Versetzung 
verstanden worden ist. Noch deutlicher wird dies aus der Be- 
merkung, die Bartholomäus von Brescia unmittelbar an die Worte 
dieses Kanonisten anknüpft: 

Ego credo, quod Episcopus potest cogere clericum, ut transeat 
da maiorem locum, cum maiora facere possit, ut extra, de excess. 
praelat., sicut (c. 8, X, V, 31) et ad hoc facit extra, de aetate et 
quahtate c. quaeris (c. 6, X, I, 14) *. 

Wie Johaimes Teutonicus in unserer Frage das c. Quaesitum 
5, X, III, 19 nicht anführt, so unterläßt dies auch Bartholomäus 
von Brescia, Hat der erstere in ihm keinen Gegengrund gegen 
seine Ansicht gesehen, so hat dieser in demselben nicht eine Stütze 
seiner gegenteihgen Meinung gefunden. Goffredus de Trano be- 
kämpft in seiner Summa, die ungefähr' gleichzeitig ist mit der 
Redaktion der glossa ordinaria zum Dekret durch Bartholomäus 
von Brescia, die von Huguccio und Johannes Teutonicus ver- 



^ S. Joh. Fr. V. Schulte, Die Compüationen Gilberts und Alanus' (Wien 1870) 
49 (= Sitz.-Ber. der phil.-histor. Kl. der Kais. Akad. der Wisa. LXV 643). 

^ Aem. Friedberg, Quinque compilationes antiquae (Lipsiae 1882) 84. 

^ Joh. Friedrich v. Schulte, Die Geschichte der Quellen und Literatur dea 
kanonischen Rechts I (Stuttgart 1875) 174. 

* In der oben S. 112 A. 2 angeführten Ausgabe des Corpus juris canonici. 
Ich habe auch hier die Straßburger Ausgabe von 1471 herangezogen. 
Festgabe Knöpfler 8 



114 Heinrich Maria Gietl 

tretene Ansicht, allerdings ohne diese Kanonisten — so war es ja 
vielfach Brauch seiner Zeit — mit Namen zu nennen; aber auch 
er beruft sich nicht auf c. 5, X, III, 19. Er sagt in seiner Summa 
im Titel de translatione praelatorum (X, I, 7) nr. 4^: 

Sed quid si praelatus ^ aliquis vocatus ad dignitatem maiorem 
noHt transire ? Dixerunt quidam cogi non posse, quia nemo cogitur 
crescere invitus, ut 74 dist. c. gestat (2). Sed si ex causa utiUtatis 
vel necessitatis petatur translatio, puto fore cogendum. arg. VII 
quaest. 1, cap. omnis qui gemebat (36). Nee obstat, quod dixi, 
quod nemo crescere invitus compellitur, quia multa bona con- 
ferunter invitis, ut 45 dist. c. et qui emendat (11). 

Daß Goffredus de Trano das c. Quaesitum 5, X, III, 19 vom 
Tausche versteht, zeigen seine Ausführungen zu dem Titel: De 
rerum permutatione, nr. 1, 3, in dem dieses Kapitel enthalten ist. 
Er bemerkt: 

Permutatio est unius rei cum altera vicaria praestatio 

Sed et quaedam permutantur, quae non venduntur, ut ecclesiae . . . 
Item si ecclesiae permutentur et alter ex permutantibus agat ex 
permutato, nonne petendo ecclesiam, petere videbitur praelaturam 
sie. Sed hoc fieri non debet ut infra de jure patr. c. per nostras 
(26, X, III, 38). Respondeo: permutatio in spirituaUbus non ex 
pacto partium nititur, sed ex auctoritate superioris; totum enim 
quod geritur, in arbitrium superioris confertur, qui ex arbitrio suo 
de rebus permutandis disponit et propterea onme \itium aboletur . . . 
Superior enim potest commutationes rerum facere et personarum, 
ut infra eod. (= eodem titulo) c. quesitum (5) . . . Et haec deter- 
minatio coUigitur ex illa decretah 'quaesitum' et infra eod. (= eodem 
titulo) c. cum universorum (8) in verbo illo 'hcet ipsi per se de iure 
non possent ecclesiastica beneficia permutare' ^. 

Auch Innocenz IV. versteht in seinem Dekretalen-Kommen- 
tare das c. Quaesitum 5, X, III, 19 vom Tausche von Benefizien. 
Soferne es sich um Präbenden handelt, 'quae m diversis ecclesiis 
sunt vel etiam in eadem ecclesia, sed diverso jure censentur, puta, 
quia uni praebendae aliquod speciale onus incumbit, quod non 



^ Summa Goffredi de Trano (Patavü 1667) 25. Ich habe für die zwei atis 
Goffredus de Trano zitierten Stellen Cl. 5301 der Hof- und Staatsbibliothek in 
München herangezogen. 

- Der Ausdruck praelatus wird hier in dem weiten Sinne genommen, in dem 
er, wie in c. 3, X, de officio judicis ordinarii I 31, auch den Pfarrer bezeichnet. 

^ Summa Goffredi de Trano ed. cit. 231. 



Die zwangsweise Versetzung des Benefiziaten 115 

incumbit alii*, ist auch nach ihm das Eingreifen des kirchlichen 
Obern nötig. 'Alias autem', bemerkt er, *bene potest imus canonicus 
unampraebendam cum aUo permutare, dummodo collatio praebendae 
non pertlneret ad investituram ahcuius, quia tunc videtur, quod 
eius debet requiri consensus'. Daß er im Sinne des Kapitels an 
einen Zwang nicht denkt, zeigt die Art, wie nach seiner Darstellung 
der Tausch sich tatsächlich vollzieht. 'SuppHco', läßt er den Unter- 
gebenen zum Obern sagen, 'ut de mea praebenda vel ecclesia alii 
provideatis et mihi provideatis in alia, credimus etiam, quod possit 
ei dicere: et tali meHus competeret mea ecclesia et mihi sua. arg. 
supra de praebendis inter cetera' (c. 17, X, III, 5) ^. Bernhard 
von Parma ^, dem wir die glossa ordinaria zu den Dekretalen Gre- 
gors IX. verdanken, versteht, um dies hier schon zu bemerken, 
das c. Quaesitum in den kurzen Ausführungen, die er ihm ^vidmet, 
auch nur vom Tausch der Präbenden ^. 

Handelt nun Innocenz IV. auch nicht in der Erklärung des so 
oft genannten Kapitels Quaesitum von der zwangsweisen Ver- 
setzung, so berührt er doch diese Frage an anderer Stelle, in der 
Erklärung der berühmten Dekretale seines Vorgängers Innocenz III. 
'Nisi cum pridem' (c. 10, X,de renunciationel, 9), die von den Gründen 
handelt, aus denen ein Bischof auf sein Amt verzichten kann *. 
'Propter malitiam autem plebis' hatte Innocenz III. in seiner 
Dekretale (§5) gesagt, 'cogitur üiterdum praelatus ab ipsius regimine 
decltnare'. Sein Nachfolger redet in der Erklärung der Stelle von 
der extrinseca persecutio, quae consistit in manifestis et praecisis 
inimicis ecclesiae, qui nos persequuntur ^, und setzt den Fall, daß 
nur der Bischof oder eine andere Einzelperson Gegenstand der Ver- 
folgung ist. Er bemerkt: 

Nos dicimus, quod si solus episcopus quaeritur vel alius prae- 
latus vel praedicator vel etiam socius, si autem est alius, per quem 
esse possit tuta salus ecclesiae vel populi, cedat, si vult et 

^ Innocentii Quarti Pont. Maximi super libros quinque Decretalium Comraen- 
taria (Francofurti ad Moenum 1570) Fol. 394 verso. Ich habe zum Vergleich 
die Cl. 3892 und 6350 der Hof- und Staatsbibliothek in München herangezogen, 
wie die Ausgabe: Lyon 1540. 

^ S. Joh. Friedrich von Schulte, Die Geschichte der Quellen und Literatur 
des kanonischen Rechts II (Stuttgart 1877) 114. 

^ S. die oben angeführte Ausgabe des Corpus juris canonici mit der glossa 
ordinaria II 1135. Ich habe auch die Ausgabe der Dekretalen Gregors IX. Mainz 
1473 (von Peter Schoiffer) herangezogen. 

* edit. oit. Fol. 92 verso nr. 4. 5. 

8» 



116 Heinrich Maria Gietl 

etiam si nollet, si periculum est destructionis ecclesiae vel 
magni scandali et periculi et in temporalibus et in spiritualibiis, 
assignabit ei superior bonum concambium suae prae- 
laturae vel dignitatis. arg. infraeodem capitulo § pro gravi (§6) 
et arg. ad hoc, quia publica utilitas praefertur privatae. si. 7, q. 1 
mutationes (34), scias (35) .... 

Doch er weiß, daß seine Meinung nicht die allgemeine, er fährt 
daher fort: 

Sed alii contra: infra de regulis iuris, qui scandahzaverit 
(c. 3, X, V, 41) et argumentum contra: quod si non praefertur 
publica utiUtas in furiosis et in aliis infirmis, ut 7, q. 1 quamvis (14) 
qualiter (13) cum percussio (2) et c. 1, quare hie praefertur? 

Auf diesen Einwand antwortet Imiocenz IV. : 

Sed die quod in capitulispraedictis non praefertur privat a utiUtas 
publicae, imo utraque utihtas ibi servatur, privata in eo, quod infirmus 
remanet in dignitate, et publica in eo, quod infirmo datur coad- 
iutor, nee credimus quod propter scandalum dimittatur veritas 
justitiae naturalis, quod esset, si furi non praeciperetur quod emen- 
daret furtum ... et sie de aliis quae contra novum et vetus testa- 
mentum praeciperentur. Secus autem dicendum est inhis, quae sunt 
de justitiapositiva, nam inhis exiusta causa ille qui legem velcano- 
nem condidit propter scandalum vel aham iustam causam contrarium 
mandare potest, et etiam in certis casibus contrarium statuitur. 

Innocenz will seine Behauptung allgemein gefaßt wissen: 

Item licet idem dicendum sit et in maioribus et in minoribus 
praelatis, judex tamen prudens diligenter attendat, quod si remo- 
veret unum sacerdotem de ecclesia, quia ab aliquo de populo quae- 
ritur ad mortem, vile esset, statim eius cessionem admittere, sed 
debet interdicere ecclesiam vel claudere vel reliquias extrahere. 

Die Regel, die Innocenz hier zunächst für den Fall der persecutio 
externa aufstellt, soll, wie er ausdrücklich sagt, auch von der 
persecutio interna gelten: 

De intrinseca autem persecutione servandum est, quod nun- 
quam bonos propter malos dimittet . . . nisi alius magis proficere 
posset, quia tunc superior eum transferre posset, et ipse non male 
faceret, si desideraret hoc, quia malus bonum minori praefeiTetur. 

Die Erläuterung, die Hostiensis (Henricus de Segusia) in seiner 
Lectura in Decretales Gregorii IX. zu dem Kapitel Nisi cum pridem 
(c. 10, X, derenmitiatione 10) gibt, scliHeßt sich auch im Wortlaute 
enge an die Darstellung Innocenz' IV. an. Zum Teil ist aber seine 



Die zwangsweise Versetzung des Benefiziaten 117 

Darstellung deutlicher als die Innocenz' IV. Auch er erörtert den 
Fall, daß nur eine Einzelperson Gegenstand der Verfolgung ist: 

Si solus prelatus vel predicator vel etiam socius queritur, et est 
alius, per quem possit esse tuta salus ecclesie, cedat si vult, et etiam si 
non vult. Ubi tamen periculum destructionis ecclesie vel magni peri- 
cuh et scandali in spiritualibus et temporaUbus imminet, potest 
cogi, ita tamen quod bonum concambium alterius prelature sive 
dignitatis ei assignetur ... ad hec VII, q. 1, c. mutationes (34) et 
c. scias (35) et c. sequenti, et sie etiam potest intelligi infra 
de rerum permutatione quesitum § finali (c. 5, X, III, 19) ^. 

Auch Hostiensis will seinen Satz allgemein gelten lassen: 

Sed nunquid distinguendum est inter maiores et minores pre- 
latos? Respondeo: sie. Verumtamen etiam de minori dicendum 
est, quod quamvis queraturad mortem, vile tamen esset et reprehen- 
sibile statim eum transferre vel ejus admittere cessionem. 

Auch in der Erklärung des c. Quaesitum 5, X, de rerum per- 
mutatione III, 19 benutzt Hostiensis die Erläuterungen Innocenz' IV. 
Wie in der Erklärimg des c. Nisi cum pridem (c. 10, X, de renuntia- 
tione I, 9) versteht er das Kapitel auch hier von der zwangsweisen 
Versetzung, dem vom kirchlichen Obern erzwungenen Tausch der 
Benefiziaten, um genau hier seine Gedanken wiederzugeben: 

Quid si hoc non petant ? Die quod tunc demum est translatio 
commendabihs, quando inviti compeUuntur, VII, q. 1, scias (35). 

Der nämlichen Anschauung und der gleichen Begründung be- 
gegnen wir bei Hostiensis in seiner Summa, die er vor dem großen 
Kommentare zu den Dekretalen Gregors IX. verfaßt hat ^. 

Im Titel De translatione episcopi vel electi (X, I, 7) bemerkt er ^ : 

Quid si persona vocata non vult consentire translationi ? 
Dicunt quidam, quod non compeUitur, quia nemo cogitur crescere 
invitus, 74. dist. gesta (2), sed dicas contrarium, quia multa bona 
conferuntur invitis, 45. dist. et qui emendat (11). 

Im Titel De renunciatione (X, I, 9)* sagt er: 

Quid si mortis periculum immineat: justa est causa renun- 

^ Domini Hostiensis Lectura sive Apparatus per quinque libr. Decretalium 
(Argentinae 1512) Fol. 94 verso. § Propter malitiam. Die folgende Stelle siehe 
in der angeführten Ausgabe Fol. 66 des Kommentars zum 3. Buch der Dekretalen. 

^ Joh. Friedrich von Schulte, Geschichte der Quellen mid Literatur des 
kanonischen Rechts II (Stuttgart 1877) 125. 

^ Henrici de Segusia Cardinalis Hostiensis Summa aurea (Coloniae 1612) 
nr. 6, col. 132. 

•* ed. cit. nr. 8, col. 144. 



118 Heinrich Maria Gietl, Die zwangsweise Versetzung des Benefiziaten 

ciationis . . . quia parochiani ipsum capitaliter persequuntur, in 
quo casu intelligi potest infra eod. (titulo) nisi cum pridem § Propter 
malitiam (c. 10, § 5, X, I, 9), et in quo casu superior ad quem 
spectatetiam ex officio et si nihil peta tu r eum transferre 
debeat. arg. infra de rerum permutatione (c. 5, X, III, 19). 

Bernhard von Parma ^ erwähnt in seiner glossa ordinaria 
zu den Dekretalen Gregors IX. weder bei der Erklärung des c. Nisi 
cum pridem 10, X, de renunciatione I, 9 noch in der des c. Quae- 
situm 5, X, de permutatione rerum III, 19 des Rechtes des kirch- 
lichen Obern, die Benefiziaten wider ihren WiUen zu versetzen. 

Die vorausgehende Darstellung zeigt für die Epoche, die in ihr 
behandelt ist, daß das Recht des Bischofes, den Benefiziaten wider 
seinen Willen zu versetzen, kein allgemein anerkanntes war. So- 
ferne eine Maßnahme gegen einen Schuldigen in Betracht kommt, 
wird das Recht nie eingehend behandelt; das Recht des Bischöfe«, 
den Benefiziaten auf eine bessere Stelle zu versetzen, wird von 
einem Kanonisten von der Bedeutung Huguccios, dem Johannes 
Teutonicus sich anschließt, in der deutlichsten Weise geleugnet. 
Innocenz IV. ist es, der das Recht des Bischofes wie des Papstes, 
den Benefiziaten wider seinen Willen zu versetzen, in seinen Er- 
örterungen zu der Dekretale seines Vorgängers Nisi cum pridem 
deutlich anerkennt, doch nicht allgemein, sondern nur für einen 
bestimmten Einzelfall, den der persecutio des Benefiziaten. Hosti- 
ensis greift den Gedanken des großen Kanonisten auf dem Stuhle 
Petri auf und gibt ihm eine allgemeinere Fassung. 

Hostiensis ist es, der zur Stütze seiner Anschauung auf das 
c. Quaesitum 5, X, de rerum permutatione III, 19 sich beruft, 
doch mit Unrecht. In das Licht der Rechtsgeschichte gestellt, 
handelt die Dekretale Urbans III. nur von der Versetzung, die der 
Benefiziat selbst erbeten hat. Zu dieser Deutung zwingen uns die 
Anschauungen der Kanonisten der Zeit, der der Erlaß Urbans III. 
entstammt; in diesem Siime versteht ilm die Schule auch noch 
später, versteht ihn Innocenz IV. selbst, der doch dem Bischöfe 
an anderer Stelle das Recht zuspricht, den Benefiziaten wider seinen 
Willen zu versetzen 2. 



^ S. die oben angeführte Ausgabe des Corpus juris canonici mit der glossa II 
232 f 1135; ich habe die Ausgabe der Dekretalen von Mainz 1473 herangezogen. 

" Die weitere Entwicklimg der Lehre von der zwangsweisen Versetzxmg des 
Benefiziaten innerhalb des Mittelalters soll, so Gott will, an anderer Stelle dar- 
gestellt werden. 



Zur Entsteliuiigsgeschichte des altbayerischen 

Schulrechtes. 

Von 

Univ.-Prof. Dr. Joseph Göttler in München. 

Die Zeit, in welcher auf deutschem Boden die Staatsgewalt ein 
zweites Mal, nach langer Pause seit Karls des Großen Tagen, für 
die Schulen (die Universitäten auszunehmen) sich interessierte, ist 
bekanntlich das Reformationsjahrhundert. Es hat die ersten landes- 
herrlichen Schulordnungen und sonstige schulgesetzliche Bestim- 
mungen seitens der weltlichen Gewalt gebracht, sowohl auf prote- 
stantischer wie auf katholischer Seite; beiderseits in hohem Grade 
im Dienste der religiösen Sache ; dort um die neue Lehre einzuführen 
und zu festigen, hier um sie abzuwehren und den alten Glauben 
dem Lande zu erhalten. Man bezeichnet deshalb diese Schul- 
ordnungen kurzer Hand als Staatskirchen- Schulordnungen. Be- 
kanntlich haben diese frühesten staatlichen Schulgesetze bei beiden 
Konfessionen zum Gegenstand förderlicher Fürsorge in erster Linie 
die höheren (lateinischen) Schulen gemacht; die deutschen Schulen 
waren Gegenstand der Verordnung einige Zeit nur insofern, als sie 
in Schranken gehalten, überwacht, wenn nicht gar abgeschafft 
werden sollten ^. 

I. 

Über den Charakter dieser ersten Anfänge eines staatHchen 
Schulrechtes gehen die Ansichten zur Zeit noch auseinander, weniger 
bezüglich der von protestantischen Fürsten, mehr bezüglich der 
von nichtgeistlichen katholischen Landesherren erlassenen Schul- 
ordnungen. Während nämlich auf protestantischer, genauer luthe- 

^ So wurden bekanntlich durch die Württembergische Schulordnung von 
1546 die deutschen Schulen verboten „zur Ehre Gottes und zum Wohle des Staates", 
weil durch die deutschen Schulen die lateinischen verdorben würden; Deutsch lesen 
und schreiben könne man auch in den lateinischen Schulen lernen. Diu-ch die 
Schulordnung von 1559 wiurde das Verbot allerdings wieder außer Kraft gesetzt, 
aber doch nur für die kleineren Flecken und Dörfer. 



120 Joseph Göttler 

rischer Seite, sehr bald das ganze äußere Kirchenregiment mit 
allen Annexa in die Hand der Landesherren gegeben, ihnen das 
uneingeschränkte Recht der Organisation von Landeskirchen zu- 
gesprochen, ja dringend ans Herz gelegt wurde, als man der 
,, Schwarmgeister" nicht mehr Herr wurde, und so alles Kirchen- 
recht ein Staatskirchenrecht ward, konnte man auf kathohscher 
Seite den weltlichen Fürsten (anders bei den vielen geistlichen 
Landesherren) doch nur ein sehr eingeschränktes und indirektes 
Recht der Verfügung in religiösen Angelegenheiten, auch in den mehr 
zeitlichen jetzt sog. gemischten Sachen zugestehen, mochte man von 
ihren guten Absichten und Verdiensten noch so sehr überzeugt sein. 
Ein Gebiet, in dem Geistlich und Weltlich, religiöse und pro- 
fane Interessen zusammentreffen, ist und bleibt ewig die Erziehung 
und also auch das Schulwesen, selbst wenn eine Schulart sich auch 
nur als reine Unterrichtsanstalt geben wollte. Was indessen die 
Klarlegung der Einflußsphäre von Staat und Kirche auf das Schul- 
wesen in jener Zeit noch ganz besonders schwierig macht, ist die 
Tatsache, daß das Schulwesen jener Zeit privatrechtlich so überaus 
vielgestaltig war: 1. Rein kirchHche Schulen, aus rein kirchhchen 
Interessen entstanden, mit rein kirchhchen Geldern gegründet, 
darum auch nur von kirchlichen Stellen aus unterhalten, verwaltet, 
wenn auch nicht mehr ausschließlich mit geistUchen Lehrkräften 
besetzt und von Kandidaten des geisthchen Berufes besucht — die 
Kloster-, Kathedral- und Kollegiatstiftschulen. 2. Halbkirchliche 
Schulen, zu denen besonders die städtischen Pfarrschulen jener Zeit 
zu zählen sind. Schulen, deren Schüler den Singchor bei Gottesdienst, 
Vesper, Beerdigung usw. stellen sollten, deren erster Lehier, ob 
Kleriker (Priester) oder nicht, oft auch die etwaigen Gehilfen, diesen 
Singchor zu leiten hatten. Es war häufig der Fall, daß die Bürger- 
schaft, welche auf Grund der gemachten Stiftungen oder Zu- 
stiftimgen das Recht der Mitpräsentation oder auch der vollständigen 
Vergebmig der Schulmeisterstelle (der , .Aufnahme") besaß, ihm 
deshalb auch die Dienstordnung gab und die Fassion machte. 
3. Rein weltliche Schulen nach Gründung, Zweck, Unterhalt mid 
Verwaltung; solche waren wohl die meisten sog. Poetenschulen 
(Poetereyen). Diese Produkte der Humanistenzeit, bessere Latein- 
schulen mit einem möghchst berülimten, graduierten Ai'tisten der 
humanistischen Richtung. Freihch manche dieser Poetereyen 
mögen aus alten Kirchenschulen sich ent^^^ckelt haben, wie um- 
gekehrt manche Pfarrschule sich Poeterey nennen ließ (z. B. U. 1. 



Zur Entstehungsgeschichte des altbayerischen Schulrechtes 121 

Frau in München). Zu diesen öffentlichen Schulen kamen die 
damals noch rein privaten Lese.schulen, Schreibschulen, Rechen- 
schulen (die Fächer wurden bald einzeln in eigenen, bald nach- 
einander in den nämhchen Schulen gelehrt) ^. ,,Teutsche Schulen" 
hießen sie mit Rücksicht auf das Absehen von Beschäftigung mit 
lateinischen Texten beim Lesen und Schreiben. 

Es gab übrigens in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts eine 
große Zahl von Schulmeistern, die lateinische und deutsche Schüler 
zugleich unterrichteten. Es gab insbesondere auf dem flachen Lande 
eine große Zahl von Schulen, bald vom Pfarrer oder einem andern 
Geistlichen oder von einem Laien ständig oder zeitweilig gehalten, 
von denen sich schwer sagen läßt, ob sie kirchliche und also öffent- 
liche Schulen waren oder rein private, und wenn sie Subvention in 
Geld oder Gewährung des Tisches erhielten, ob dies stiftungsmäßig 
oder freiwillig aus kirchhchen Mitteln (Zechschreinen), oder aber von 
kirchlichen Personen (Pfarrern) aus eigenen Einkünften geschah. 
Einen guten EinbUck in den ganzen Wirrwarr der damaligen Schul- 
verhältnisse gewähren die Protokolle der Kirchen- und Schul- 
visitation der Salzburger Kirchenprovinz in den Jahren 1558 — 60 ^. 

Zusammenfassende Urteile über die Entstehung eines Schul- 
rechtes im neuzeitlichen Sinne des Wortes für katholische Terri- 
torien sind zur Zeit noch nicht mögHch, schon aus Mangel an gut 
zugänghch gemachten Quellen (Sammlung von Schulordnungen 
analog der Vormbaumschen für protestantische Gebiete^). Ja 
auch bezüglich engbegrenzter und verhältnismäßig homogener Ge- 
biete, wie es das altbayerische ist (das Herzogtum Bayern des 
16. Jahrh., im wesentUchen das heutige Ober- und Niederbayem 
mit Ausschluß der kleinen, zu den Hochstiften gehörigen Gebiete), 
gehen die Ansichten trotz der jetzt gut zugänglich gemachten 
Quellen noch immer nicht imbedeutend auseinander *. 



^ Nur selten hat in der ersten Hälfte des 16. Jahrh. der ,,Rat" etwas mit 
diesen Schulen zu tun (Besetzung oder Visitation). 

^ Die Visitationsprotokolle sind zum Teil und auszugsweise (in den auf die 
Schulen bezüglichen Angaben) veröffentlicht von Georg Lurz, Mittelschulgeschicht- 
liche Dokumente Altbayems [Monumenta Germaniae Paedagogica XLI imd XLII 
(Berlin 1907 und 1908)] I 251 ff. Über die Vorbereitung, das Frageschema, die 
Diu-chfühnmg und das Ergebnis der Visitation ist ausführlich berichtet in Alois 
Knöpfler, Die Kelchbewegung in Bayern imter Herzog Albrecht V. (München 
1891) 42 ff. 

^ B. Vormbaum, Evangelische Schulordnungen. 3 Bde. 1863 ff. 

* Es war gerade der Empfänger dieser Festschrift, welcher in seiner „Kelch- 



122 Joseph Göttler 

Mit einer bewundernswerten Sorgfalt in Heranziehung aller 
irgendwie einschlägigen Literatur und besonders in Benützung der 
handschriftlichen Quellen, auch solcher, die schon ganz oder teil- 
weise veröffentlicht waren, hat neuestens Hindringer das Verhältnis 
von Kirche und Staat auf dem Gebiete der Schule von 1550 — 1818 
zur prinzipiellen Klärung und Darlegung zu bringen versucht^. 
Die einander entgegenstehenden Ansichten bezüghch der ersten 
Anfänge sind, mit genauer Angabe der Literatur, verzeichnet auf 
S. 37 mit Fußnote 2. Hindringers eigene Ansicht geht dahin, daß von 
Anfang bis 1710 nach Anschauung der Urheber aller schulgesetz- 
lichen Bestimmungen, landesherrlicher wie kirchhcher, das Schul- 
wesen im ganzen Umfang als eine rein kirchliche Angelegenheit 
gegolten habe, daß der Kirche volle Selbständigkeit (Souveränität, 
plenitudo potentiae S. 35) in Ordnung derselben zuerkannt worden sei, 
daß alle landesherrlichen Bemühungen um die Schule (Gesetze und 
Maßnahmen) nur als Betätigung des Schirm- oder Schutzherrnamtes 
(des jus advocatiae oder Kirchen- Vogteirechtes) gemeint gewesen 
und aufzufassen seien ^. Hindringer sieht sich angesichts mancher 
Tatsachen freilich zu allerlei Abschwächungen der Thesis genötigt: 
er spricht von faktisch nicht geltend gemachten Rechten der 
Kirche, von stillschweigend übertragenen vuid wohl ebenso still- 
schweigend übernommenen Rechten des Landesherm. 

Ich halte diese Darstellimg nicht für vollkommen zutreffend. 
Die Formulierungen Hindringers sind in dieser Allgemeinheit 
weder für die ganze Periode noch für die verschiedenen Arten 
von Schulen vertretbar, am wenigsten für den ersten Anfang 
der Entwicklung, der freihch etwas früher liegt, als Hindringer 

bewegimg" eine Reihe der hier in Frage kommenden Quellen ans Licht gezogen 
und zum Teil auch im Wortlaut veröffentlicht hat, so imter anderem die erste 
bayerische Schulordnung von 1569. Obwohl das Thema der genamiten Schrift 
ein ganz anderes ist, wird das Schulwesen weitgehend berücksichtigt und in § 17, 
Neuordnung des Schulwesens (unter Albrecht V.), zu einer zusammenfassenden 
Darstellung gebracht. 

^ Hindringer, Dr. Rudolf, Das kirchliche Schulrecht in Altbayern von 
Altbrecht V. bis zum Erlasse der bayerischen Verfassungsurkunde [Veröffent- 
lichungen der Sektion für Rechts- und Sozialwissenschaft der Görres-GeseUsch. 
Heft 27]. Paderborn 1916. 

2 Vergleiche die ganze Darstellung von S. 3 — 75, besonders die zusammen- 
fassenden Bemerkimgen am Anfang imd Schluß der einzelnen Kapitel, so S. 35, 
65, 76 u. ö. 



Zur Entstehungsgeschichte des altbayerischen Schulrechtes 123 

mit seiner Darstellung ansetzt. Gerade die Beachtung dieser ersten 
Anfänge dürfte zur Modifikation der Urteile Anlaß geben. 

Mir stellte sich die erste Entwicklung eines altbayerischen Schul- 
wesens vor dem Erscheinen der Arbeit Hindringers und stellt sich nach 
abermahger Prüfung der Quellen an Hand dieser Arbeit folgender- 
maßen dar: Nur ein Teil der in der ersten Hälfte des 16. Jahrh. 
bestehenden Schulen war Gegenstand kirchhcher Obsorge und 
Objekt der plenitudo potentiae, nämlich die Kloster- und Stift- 
schulen. Eine zweite Gruppe, die Pfarrschulen, waren es nur 
zum Teil, zum andern Teil waren sie Gegenstand städtischer 
Fürsorge und Rechte. Eine dritte und gerade in dieser Zeit rasch 
sich vermehrende Gruppe von Schulen war überhaupt noch nicht 
Gegenstand der Beachtung seitens der Kirche geworden. Die welt- 
liche Gewalt aber hatte bisher zu gar keiner der drei Gruppen recht- 
liche Beziehungen unterhalten. Nur die Universitäten waren in 
Deutschland vielfach von Anfang an Gegenstand landesherrlicher 
Fürsorge und auf Grund gemachter Stiftungen ihrem weitgehenden 
Einfluß unterstellt. Da kam die große Woge, die so sehr nicht bloß 
religiös-kirchliche, sondern auch sittlich-soziale, wirtschaftliche und 
staatliche Zustände ins Wanken brachte. Ganz besonders wurde 
auch das gesamte Schulwesen davon betroffen. Die Frequenz der 
lateinischen Schulen aller Art wie auch der Hochschulen sank 
rapid, in den der Neuerung zufallenden ^v^e in den kathohsch ge- 
bliebenen Gebieten ^. Mangel an Priestern bzw. Predigern wie an 
entsprechend vorgebildeten weltlichen Beamten drohte. Die Reihen 
der Chorknaben lichteten sich. Nur die deutschen Schulen hielten 
stand, ja vermehrten sich, und es stellte sich heraus, daß gerade 
durch diese, aber auch durch die noch fortbestehenden lateinischen, 
oft auch nur durch Zusammenkünfte unter dem Schein von Schule- 
halten, die neuen Lehi*en in das Land gebracht und verbreitet 
wurden. Nun erst werden alle Arten von Schulen Gegenstand der 
Sorge, der Fürsorge zum Teil, der mißtrauischen Wachsamkeit zum 
andern Teil, wird das ganze Schulwesen Gegenstand öffentlich- 
rechtlicher Maßnahmen seitens der geistlichen und weltlichen Ge- 
walt. Dabei zeigt sich in Altbayern der Landesherr unstreitig 
rüliriger als die geistliche Gewalt, die von ihm vielfach gedrängt 
werden muß, um zur Tat zu kommen. Er geht schon 1526 mit einer 



^ Vgl. Paulsen, Geschichte des gelehrten Unterrichtes in Deutschland II 
180 ff. 



124 Joseph Göttler 

Verfügung voran, ohne die kirchlichen Instanzen zu fragen. Erst 
später wird das Schulwesen in Verbindung mit andern Reform- 
angelegenheiten zum Gegenstand gemeinsamen und gleichberech- 
tigten Vorgehens von Kirche und Staat, d. h. zuerst lange genug 
zum Gegenstand gemeinsamer Beratung über solches Vorgehen ge- 
macht, wobei im allgemeinen die Auffassung von der Gleich- 
berechtigung der beiden Gewalten die herrschende bleibt. 
Auf Grund der Beratungen folgen dann selbständige, wenn auch 
inhaltlich vielfach übereinstimmende Verfügungen der beiden Ge- 
walten, und zwar je nach dem rechtlichen Charakter der Schulen 
bald Befehle, bald nur Wünsche oder Erwartungen der einen und 
der andern Instanz. Die weltliche Gewalt ist bei ihren Verfügungen 
zwar in hohem Grade bestimmt durch den Willen, den alten Glauben 
dem Lande zu erhalten. Dieser Wille aber ist einerseits begründet 
in der eigenen Überzeugung des Fürsten von der Richtigkeit des 
alten, von der Falschheit des neuen Glaubens, und in dem Glauben 
an die Pflicht bzw. das Recht, dementsprechend den Glauben der 
Untertanen zu bestimmen (das auf katholischer Seite ebenso vrie 
auf protestantischer Seite verbreitete Reformationsprinzip: Cujus 
regio ejus rehgio), andererseits begründet in dem Gehorsam gegen 
die Bestimmungen der kaiserlichen Majestät bzw. des Reiches, dem 
ja seit guter Zeit auch weitgehende Rechte weit hinein in kirchlich- 
rehgiöses Gebiet zuerkannt waren (in Entfaltung des alten jus 
advocatiae trotz vielen Protestes der Beschützten). Aber die welt- 
liche Gewalt hat neben diesen noch andere Gründe, gegen die im 
Gebiete des Schulwesens auftretenden Folgen der rehgiösen Neue- 
rung mit Maßregeln einzuschreiten, sittenpolizeiliche Gründe, kann 
man kurz sagen. Sehr bald kommt dazu auch ein positives Inter- 
esse an den Schulen, nicht an der dm-ch sie vermittelten Bildung, 
wohl aber an dem erziehlichen Einfluß derselben. 

Im folgenden die wichtigsten Belege zu dieser langen Thesis, 
indem ich die Quellen in clu-onologischer Reihenfolge vornehme 
und auf die in Betracht kommenden Stellen die Aufmerksamkeit 
lenke. 

II. 

Die bis jetzt bekannt gewordene früheste landesherrliche Ver- 
fügung für das Gebiet der Schule innerhalb des ahbaj-erischen Ge- 
bietes ist das Landgebot der (damals gemeinsam regierenden) 
Herzöge Wilhelm und Ludwig vom Jahre 1526. eine polizeiliche 



Zur Entstehungsgeschichte des altbayerischen Schulrechtes 125 

Verordnung betreffs Gotteslä.sterung , Trinkimsitten und Schul- 
wesen 1. In dem die Schule betreffenden letzten Teil wird zunächst 
auf den bisherigen Stand an lateinischen Schulen hingewiesen : Seit 
den Zeiten der Einführung des Chiistentums sind bei „unseren" 
Klöstern, Stiften, Städten, Märkten und ansehnhchen Flecken 
lateinische Schulen (sonnder particular vnnd lateinisch eerlich 
schneien) gehalten worden. Als deren Zweck wird dann aufgeführt : 
Lateinisch lesen und schreiben, Unterweisung in den Evangelien 
und hl. Schriften, Mitwirkung beim Gottesdienst (durch Singen, 
Lesen und Mithilfe bei ,,Vollbrmgung sonstiger Zierde"), dadurch 
Erziehung in Gottes- und der Eltern -Furcht, in Tugenden und 
Künsten. L^nd so seien aus allen Ständen, armen und reichen, 
geschickte Leute für weltliche und geistliche Berufe heran- 
gebildet worden: Daraus vil geschickter leut / von jugent auff er- 
wachsen / die bey Fürsten / Herren / in Stetten Märcktenn / vnnd 
aufm Lannde / nit allein zu geistlichem sonder auch weltlichem 
stennden / vor anndern / zu gebrauchen gewest sind. Infolge des 
in den letzten Jahren aufgekommenen ketzerischen Mißglaubens 
hätten nun diese Partikularschulen im eigenen Lande sehr abge- 
nommen. Die Folge davon sei Zuchtlosigkeit der Jugend: Daraus 
ervolgt / dz die jungen knaben / diser zeyt / mit wissentHchem zu- 
sehen vnd gestattung jrer eitern / aller laster vnd Übels / fluchens / 
scheltens vnd Gotzlestem / auff den gassen hin vmid wider müessig 
lauffend / on alle forcht / gottes vnnd jrer eitern / in jrem aygen 
poßhafftigem willen aufferwachsen vnd die wui-tzel der frummen / 
gueten vnd gotzförchtigen menschen abnymbt. 

Dies hoch zubedencken sei ilu'e Pfhcht als regierende Fürsten, 
Pfhcht jeder Obrigkeit, derenden particularschulen byßher ge- 
west sind. 

Darum ergeht nun an alle Stände der Landschaft, Prälaten und 
GeistHchkeit sowohl als Grafen, Herren, Ritterschaft vom Adel, 
an Städte und Märkte das Begehren, an die herzogUchen Amt- 
leute aber der ernste Befehl, dafür zu sorgen, daß vorab got zu 
lob vnd eere / auch gemainem nutz / zu aufnemmmig vnd wolfart 



^ Im Druck erschienen 1526 unter dem Titel: Der Fürstenn in Obern vnnd 
Nidem Bairn Lanndpot. wider die Gotslessterung. Zütrincken vnd vnzimlich 
Trünckenheit: auch von enthaltimg der Lateinischen schulen außgangen. Bei 
Liu-z a. a. O. I 206 f. ist der Eingang und der auf die Schulen bezügliche Teil wort- 
und orthographiegetreu wiedergegeben. 



126 Joseph Göttler 

jede „Gerichtsobrigkeit" bei ihren Untergebenen sorge, daß in eines 
jeden Gebiet die Kjiaben wieder zur Schule und zum Chordienst 
verhalten werden, daß nur diese Knaben vor den Häusern singen 
und Gaben heischen dürfen, daß diese hierbei nur die überkommenen 
christlichen Gesänge [nicht weltliche und neue akatholische] singen, 
daß sie daran nicht mehr durch Spott- oder Drohworte, wie da 
und dort vorkomme, verhindert werden. — Es folgen noch die 
Publikationsbestimmungen (durch Vorlesen und AiLschlagen an 
Rat- und Gasthäusern). In der Einleitung des ganzen Schrift- 
stückes ist u. a. erwähnt, daß diese Verfügung auf Grund der Be- 
ratungen bei dem kürzUch stattgefundenen ,, Landtag" zu Ingolstadt 
ergehe. 

Der Leser wird beachtet haben, wie es keineswegs bloß ein auß- 
schließlich kirchliches Interesse an den Schulen ist, das zum Vor- 
gehen bestimmt, daß diese Schulen keineswegs bloß als Anstalten 
zur Vorbereitung auf den geistlichen Stand aufgefaßt werden, daß 
die Landesherren als solche sich für befugt, ja verpf hebtet halten, 
so vorzugehen, ohne erst mit der kirchlichen Behörde ins Benehmen 
treten zu müssen. Wenn die Geistlichkeit und die Prälaten er- 
wähnt werden, so sind sie natürlich nur in ihrer Eigenschaft als 
Landstände in ihrem damaligen staatsrechtlichen Verhältnis 
zum Landesherrn gleich den übrigen Landständen erwähnt. Sie 
werden ersucht (ist vnnser genädig beger), die Beamten beauftragt; 
auch die Städte und Märkte bzw. deren Behörden werden hier bloß 
ersucht. 

2. Auf der Reformsynode der Salzburger Kirchenprovinz zu 
Mühldorf im Jahre 1539 und in den daran schheßenden Verhand- 
lungen zwischen Vertretern des Episkopates und der beiden Landes- 
herren (von Bayern und von Österreich), ,, Kongregationstag" ge- 
nannt, ebenso auf der zu Salzburg gehaltenen Provinzialsjmode von 
1549 (Frühjahr) und der dann im September zusammentretenden 
Konferenz der geistlichen und weltlichen Regierungsvertreter, und 
zum dritten Male bei den 1553 (Ende Dezember) wieder m Mühldorf 
stattfindenden Verhandlungen zwischen Episkopat und den Ge- 
sandten Bayerns und Österreichs war stets auch das Schulwesen 
Gegenstand der Erwägung. Hier freilich ganz ausschUeßlich im 
Zusammenhang mit den kirchlichen Reformen bzw. Abwelir des 
Protestantismus. Es ist nicht möglich und auch nicht nötig, auf 
die immer wiederkehrenden Vorschläge, Bedenken imd Gegen- 



Zur Entstehungsgeschichte des altbayerischen Schulrechtes 127 

bedenken im einzelnen einzugehen ^. Worauf es uns hier ankommt, 
ist die Tatsache, 1. daß das Schulgebiet als ein den beiden Gewalten 
gemeinsames aufgefaßt wird, 2. daß die Vertreter dieser beiden Ge- 
walten auf diesem Gebiete im allgemeinen sich als gleichberechtigt 
ansehen — eine Ausnahme wird nachher gesondert zu betrachten 
sein, 3. daß die Vertreter der geistlichen Obrigkeit in der Hauptsache 
nur mit Wünschen und Erklärungen von der Notwendigkeit (ist für 
nodtürfftig angesehen worden u. ä. Wendungen) dieser oder jener 
Maßnahmen auftreten, mit Befehlen nur gegenüber Besitzern der 
kirchlichen Schulen (den Dom-, Kloster- und Stiftskapiteln, zusam- 
menfassend alsCollegia bezeichnet). So heißt es in dem ,, Ratschlag" 
des Episkopates, der 1540 zu Salzburg den weltlichen Regierungs- 
vertretern übergeben wurde bezüglich der ,,Teutsch Schneien" wört- 
lich: ,, Weiter ist bedacht, das Zu erhaltung der Lateinischen Schue- 
len, vasst dinstlich wäre, so nit gestatt, daz die knaben also hauf- 
fendt, vnnd on vnderschid, in die Teutschen Schneien gelassen 
wurden, Sonder daz hier In ain Ordnung gemacht, vnnd allain, 
für die Teutschen Schueln, ain bestimbte Anzal, der Jungen knaben 
gesetzt, den Teutschen Schreibern daz Sy darüber nit aufnemen, mit 
Ernst eingepunden, Vnnd was vber solhe Zal lernen wolt, Zue 
der Lateinischen Schuel, gewisen, vnd gehalten würden." ^ Ganz 
ebenso wird von den Poetenschulen gesprochen: ,,Was auch hie vor 
von den Schuelmaistern, der Particular Schneien gesagt ist. Achten 
die Räthe, Es solt bey den Poetreyen, so in etlichen Stetten gehalten. 
Auch Practicirt, Lis Werch bracht vnnd observirt werden." ^ Be- 
züglich der Universität vollends wird von den Bischöfen in aller 
Form die volle Dispositionsfreiheit des weltlichen Herrschers an- 
erkannt und nur ein Ersuchen und eine Bitte ausgesprochen, der 
Herzog möge bezüglich seiner Universität Ingolstadt ,,genädigen 
Beuelh" geben. 

Die ,, Statuta" der Salzburger Provinzialsynode von 1549 unter- 
scheiden fortwährend kirchliche und weltliche Schulen, wenden 
sich an die Vorgesetzten der ersteren mit Geboten und Verboten 
(mandamus, nolumus et omnino prohibemus bzw. volumus et ordi- 
namus), an die Vorgesetzten der letzteren aber mit Ermahnungen 
(hortamur) *. In diesem Schriftstück werden die Poetereyen merk- 
würdigerweise Privatschulen genannt, freilich die Principes et 



^ Alle auf die Schule bezüglichen Texte im Wortlaut bei Lurz a. a. 0. I 213 ff. 
231 f. 240 f. ■' Bei Lurz a. a. O. I 215. ^ A. a. 0. * A. a. O. 233 f. 



128 Joseph Göttler 

magistratus bezüglich ihrer ermahnt, ihnen nicht so viel Förderung 
zuteil werden zu lassen (ut scolis privatis, quos Poetrias solent 
appellare, non ita multum tribuant, sed magis publicas scolas in- 
stituant et foueant) i. Die bayerischen Räte stimmen den in diesen 
Statuta gemachten Vorschlägen zu, insbesondere auch dem, daß 
alle Lehrer der geistlichen Behörde sich vorzustellen hätten. Sie 
gehen aber darüber hinaus und schlagen vor, daß alle Schulen, 
nicht bloß die kirchlichen, mit Einschluß der Poetereyen, alljährhch 
durch die geistliche Behörde visitiert werden^. Es ist bemerkenswert, 
daß dieser Vorschlag von der weltlichen Seite erstmals gemacht 
wurde. Die österreichischen Gesandten waren bezüglich der von 
den Bischöfen gewünschten gänzlichen Unterdrückung der Privat- 
schulen anderer Meinung, hielten solches Vorgehen für eine nach- 
teilige Neuerung. Und sie blieben trotz abermaliger Gegenvor- 
stellung bei ihrer Auffassung (Das aber die Priuatae Scholae sollen 
abgethan werden das achten die Herren Comissarien nachmals nit 
für radtsam, sonder das es bei der küniglichen M. vbergebnen be- 
denckhen billich beleih) ^. 

Die Auffassung von der Gemeinsamkeit des Schulwesens 
zwischen geistlicher und weltlicher Gewalt illustriert gut ein Schrei- 
ben des Herzogs Wilhelm an den Salzburger Metropoliten *. Darin 
wird unter anderem auch der Vorschlag gemacht, es solle durch die 
öbrigkliait Peederseits Ain guete schuellordnung Aufgericht werden 
und Vorsorge getroffen werden, daß nur gute, ungefährliche Bücher 
in den Schulen gebraucht werden ^, Die Bischöfe hatten schon 
1540 in ihrem Gutachten die Notwendigkeit einer Lehrordnung 
empfunden, hatten sich aber begnügt mit dem Hinweis auf eine 
freilich etwas allgemein lautende Bestimmung des Laterankonzils 
von 1514 ^. Eine Erfüllung des noch öfter geäußerten Wunsches 
brachte erst das Jahr 1569 durch eine freilich rein staatliche Schul- 
ordnung. 

Zu einer Meinungsverschiedenheit über den Bereich der Kom- 
petenzen der beiderseitigen Gewalten auf dem gemeinsamen Grebiet 
kam es bei den Verhandlungen in Mühldorf vom Jahre 1553. Die 



^ A. a. 0. 231. 2 A. a. O. 233. => A. a. O. 236. 

* Datiert 17. Nov. 1549, Lurz I 234 f. 

' Diese Stelle scheint mir ausschlaggebend zu beweisen, daß die angebliche 
(auch von Riezler, Geschichte Bayerns VI 280 f. noch angenommene) bayerische 
Schulordnmig von 1548 apokryph ist. Näheres bei Lurz a. a. O. I 221 — 30. 

• Lurz I 214. 



Zur Entstehiuigsgeschichte des altbayerischen Schulrechtes 129 

bayerischen Gesandten treten hier mit Äußerungen auf, die die 
Schule beinahe als ein rein staathches Verwaltungsgebiet erscheinen 
lassen, jedenfalls gegen einseitig kirchliches Vorgehen beim Vollzug 
von Maßnahmen auf diesem Gebiete etwas nervös Verwahrung 
einlegen, die Rechte der verschiedenen ,, Schulherren", geistlicher 
und weltlicher, durch die infolge der Zeitläufte ja notwendig ge- 
wordene Prüfung der Lehrer auf Rechtgläubigkeit und Visitation 
der Schulen nicht beeinträchtigen lassen wollen. Auf den Vor- 
schlag von geistlicher Seite, daß in Pfarrhöfen und Klöstern in 
lateinischen und deutschen Schulen eine Büchervisitation statt- 
finden solle, antworten die herzoglichen Räte : Ja, aber nicht ohne 
Vorwissen und Mitwirkung des Landesherrn ^. Auf den Vorschlag, 
daß alle Schulmeister, sei es in öffentlichen Schulen aufgenommene, 
sei es für Privatschulen zugelassene, vor Anstellung ,,in der Religion 
examiniert" werden sollen, wird geantwortet: Das wird unser 
gnädigster Fürst und Herr innerhalb seines Gebietes auf die vor- 
geschlagene oder andere Art zu besorgen nicht unterlassen. Bezüg- 
lich der Schulbücher einschließlich Katechismen könnte man sich 
vergleichen 2. In einer zwei Tage darauf von den herzoglichen 
Räten gegebenen Erwiderung wird die Besorgnis ausgesprochen, 
es möchte die Besetzungsfreiheit einerseits der Pfarrer, ander- 
seits der ,, bürgerlichen Obrigkeiten" zu sehr beeinträchtigt werden, 
wenn jetzt die Schulmeister ganz allgemein nur mehr mit Vor- 
wissen und Zulassen beider, der geistlichen und weltlichen Obrig- 
keit, angestellt werden dürften. Es genüge, wenn die Bischöfe 
ilii'e Geistlichen zur Wachsamkeit bezüglich der Schulmeister ver- 
halten (damit sie nichts verfuerisch dociern oder vorlesen), und zu 
diesem Zwecke wird jetzt eine jährlich viermalige (Cottemerlich) 
Schulvisitation vorgeschlagen durch den Pfarrer, dem Jemandt von 
der weltlichen Obrigkait soll zugeordnet werden. Bezüghch der 
Anstellung wird es als genügend angesehen, wenn die verschiedenen 
Schulherren (die jhenige, welche die schuelmeister auf vmid ab- 
zusetzen haben) entsprechend verhalten würden, keinen, der 
suspekt ist, anzustellen, wie der Herzog seinerseits tun wolle *. 

In dem Tagebuch der bayerischen Gesandten steht für den 
gleichen 29. Dez. 1553 eine Notiz des Inhalts, daß abends noch die 
Geschäftsführer der Bischöfe zu ihnen gekommen, ilir volles Ein- 
verständnis mit allen Verhandlungspunkten kundgegeben, nur be- 



1 Lutz a. a. 0. 241. 2 Lm-z I 241. ^ Ebenda. 

Festgabe Kuöpfler 9 



130 Joseph Göttler 

züglich der Schulen gemeint hätten : Im Falle daß die Schulherren 
sich eine Nachlässigkeit (in der Anstellung?) zuschulden kommen 
ließen, sollten die Ordinarii (Bischöfe) solche negligentia zu sup- 
pHeren befugt sein; auch sollten die Schulherren zur Berichterstat- 
tung über den Zustand ihrer Schulen an die bischöflichen Stellen 
verpflichtet sein. Auf diesen Antrag hin erfolgte nun jene Er- 
klärung der herzoglichen Geschäftsträger, die mehr und mehr be- 
rühmt geworden ist und den Ausdruck des konträren Gegenteils 
einer kirchhchen Schulsouveränität darstellt. ,,Wir könnten nit 
darfur achten, das den Ordinariis ainiche Jurisdiction vber die 
Schneien Im Furstenthumb gebüren solle. Sonnder vnnser genediger 
Fürst vnnd Herr als Lanndsfurst werde hierinnen zu disponieren 
haben." Da sie (die Gesandten) aber keinerlei Streit zwischen ihren 
Herren und den Ordinarien aufkommen lassen wollten, hätten sie 
sich mit folgender Fassung des Streitpunktes einverstanden erklärt : 
,,Wo auch die schuelherren negligentes sein. Das alsdann die ge- 
burHch vnnd ordenlich Obrigkhait einsehung tun. vnnd die negli- 
gentia erstatten solle." ^ 

In diesem Sinne wurde schließlich der Rezeß abgefaßt, der in 
den Schlußworten ganz eindeutig als eine Vereinbarung neben- 
geordneter Instanzen erscheint: Also zwischen den Herrn Ordi- 
narien. Vnd dann meines genedigen Fürsten vnnd Herrn von 
Bairn Gesanndten verglichen worden 2. 

Man hat obige Äußerung über das ausschließliche Verfügungs- 
recht des Landesherrn oft befremdlich gefunden. Bei einer Auf- 
fassung der Zeitanschauung wie jene Hindringers ist sie überhaupt 
mi verständlich. Sie ist aber nicht so befremdlich, wemi man die 
Äußerung versteht von der Vollzugsgewalt und speziell von der 
Disziplinargewalt über die Schulmeister und dabei an die nicht- 
kirchlichen (städtischen) Schulen denkt, die vielleicht auch die 
herzoglichen Gesandten im Auge hatten bei ihrem Protest ; ist nicht 
so befremdlich, wenn man sich erinnert an das erste staatliche 
Schuldokument Bayerns (oben S. 124) und an die dort geltend ge- 
machten Interessen an der Schule. Ob die gleichwohl noch bleibende 
Steigerung der Ansprüche gegenüber den Verhandlungen von 1540 
und 1549 im Zusammenhang steht mit einem gesteigerten Bewußt- 
sein landesherrlicher Gewalt bei dem noch jugendlichen Albrecht V., 
der unterdessen seinem Vater in der Regierung gefolgt war, läßt 



^ Lutz I 242 f. 2 Luj.^ a. a. O. 243 f. 



Zur Entstehungsgeschichte des altbayerischen Schulrechtes 131 

sich vermuten, aber nicht eigentHch beweisen. Tatsache ist, daß unter 
Albrecht V. sowohl in einer Neuauflage des Landrechtes wie in 
einer rein staatlichen Schulordnung landesherrliches Schulrecht ge- 
schaffen wurde. 

3. Diese Neuauflage der Landtsordnung hatte das nämliche 
Jahr 1553 gebracht. In dem Abschnitt, der von den Schulen handelt 
und ganz ähnlich wie das Landgebot von 1526 die Erhaltung bzw. 
Wiederaufrichtung der lateinischen Schulen in Städten, Märkten 
und Flecken eines jeden Orts Obrigkeit gebietet, wird eingangs 
ganz ausschließlich das staatliche Wohlfahrtsinteresse als Motiv 
zu dieser landesherrlichen Anordnung entwickelt : Dieweil zue auff- 
richtung vnnd erhaltung ainer erbarn / bstendigen vnd gueten 
PoHcey / dauon dann Land vnd leuten ehr vnnd wolfart entstet / 
der fürnemlichsten weg vnd mittel ains ist / das die Jugent zue der 
eher vnd forcht Gottes / auch tugent vnnd nutzlichen ehrlichen 
künsten aufferzogen werde usw. Ganz ähnlich wie 1526 lautet auch 
die Begründung der Beschränkung des Bettelsingens vor den Häusern 
auf die wirkHchen fleißigen und bedürftigen Lateinschüler, die über 
beide Qualitäten ein zaichen und vi'kundt von ihren Lehrern bei 
sich zu füliren verbunden sein sollen ^. 

4. Die zeitliche Reihenfolge festhaltend ist mit einigen Worten 
der Formula reformationis vom Jahre 1562 zu gedenken, welche auf 
Grund der teilweise erbitterten und wiederholt ausgesetzten Ver- 
handlungen (,, Kongregationstag") zu Salzburg zustande kam, unter 
Zugrundelegung der 1548 von Kaiser KarlV. zu Augsburg vorge- 
legten und 1559 von Kaiser Ferdinand I. neuredigierten Formula 
reformationis und auf Grund bzw. zur Verarbeitung der Ergebnisse 
der Kirchen- und Schulvisitation der Salzburger Kirchenprovinz 
in den Jahren 1558 — 60, die bekanntlich eine schulgeschichtHche 
Quelle ersten Ranges darstellen 2, Die Verhandlungen stehen auch 
in den auf das Schulwesen bezüglichen Abschnitten ganz im Zeichen 
der Kirchenverbesserung. Die Schulen (Lateinschulen, Dom- mid 
Stiftschulen und Universitäten, ilire ¥/iederer Öffnung, Verbesserung, 
Hebung der Frequenz, besonders der Ingolstädter Uruversität) wer- 
den fast ausschließhch unter dem Gesichtspunkte der Vorbildung 
eines besseren Klerus erörtert, und hier sei zugestanden, daß die 
herzoglichen Gesandten letztlich nur im Interesse des herzoglichen 
Schutzvogtamtes ilire Klagen und Forderungen vorbrachten, oft 



1 Nach Lutz a. a. 0. II 12 zitiert. * Vgl. Fußnote 2 auf S. 121. 

9* 



132 Joseph Göttler 

dieselben der Gegenpartei aufdrängen mußten, nicht etwa bloß die 
Wünsche der Vertreter der Beschirmten hörten. Immerhin wird 
im Eingang des Abschnittes der gemeinsam vereinbarten Reform- 
beschlüsse, der von den Schulen handelt, eine über die kirchlichen 
Interessen hinausgehende allgemeine Bedeutung der Schulen zum 
Ausdruck gebracht, wenn es dort ^ heißt : Scholae seminaria sunt 
non praelatorum tantum et ministrorum ecclesiae, verum etiam 
magistratuum et eorum, qui consiliis suis respubUcas gubernant, 
quae si negligantur aut depraventur necesse erit, et ecclesias et 
respublicas inde periclitari, propterea de earumdem instauratione 
magna cura habenda est. 

Ich übergehe die Salzburger Verhandlungen von 1564, die auch 
die Schulfrage in dem eben erwähnten Sinne wieder berührten ^, 
und wende mich sofort der Schulordnung vom Jahre 1569 zu. 
Sie ist die erste landesherrliche Schulordnung für Altbayem und hat 
in erster Linie, wie für Kemier der Zeitverhältnisse selbstverständ- 
lich, die lateinischen Schulen zum Gegenstand; doch werden auch 
die deutschen Schulen \^dederholt berücksichtigt. Wieder kann es 
nicht der Inhalt als solcher sein, der hier in Betracht kommt, sondern 
der Gesichtspunkt, miter welchem, und die Machtbefugnis, aus 
welcher ein weltlicher katholischer Fürst Anordnungen über alle 
Schulen seines Landes erläßt. Folgende zwei Dinge scheinen mir 
in dieser Hinsicht beachtenswert. Erstens, daß die Schulordnung, 
soweit bekannt, einseitig vom Landesherm ausgeht, sowolil faktisch 
wie formell. Wohl war öfter bei den Verhandlungen zwischen Ver- 
tretern des Staates und der Earche von der Notwendigkeit einer 
Ordnung, speziell einer Lehrordnung (Lehrstoffangabe) und einer 
Lelu-bücherordnimg die Rede, wohl hatte noch Wilhelm IV. in einem 
seiner letzten Schreiben einem Zusammenwhken der öbrigkhait 
Peederseits das Wort geredet (obenS. 128), hatten die Bischöfhchen 
im Mühldorfer Rezeß von 1553 gebeten, der Herzog möge ein Ver- 
zeichnis guter Schulbücher durch die Professoren seiner hohen 
schuel herstellen lassen, und nachdem die Herrn Ordinarii dasselbe 
vbersehen, an den Partikularschulen austeilen lassen *. Daß nmi 
aber diese Schulordnung von 1569 wirklich in gemeinsamer Ai'beit 
von Vertretern der geistlichen mid weltlichen Gewalt entstanden, 
oder doch vor der Publikation den Ordinarii zur Äußerung oder An- 



Cap. XVI 1. Bei Knöpf Icr, Kelchbewegimg, Aktenstücke 63. 
Vgl. Knöpf 1er, Kelchbewegiuig 139. ^ Lurz I 243. 



Zur Entstehungsgeschichte des altbayerischen Schulrechtes 133 

erkennung vorgelegt worden wäre, dafür konnte ich bis heute keiner- 
lei Anhaltspunkte finden. Nach einer Wendung Knöpf lers (Kelch- 
bewegung S. 189) kann man vermuten, daß es das ,,Religions- 
tribunal*' von 1569, eine rein landesherrliche Kommission aus 10 
weltlichen und 6 geistlichen Mitgliedern, gewesen wäre, welche auch 
diese Arbeit gemacht. Tatsache ist, daß die Schulordnung irgend- 
einer Mitwirkung der geistMchen Behörde nicht gedenkt. Mögen 
immerhin in der Kommission auch Geistliche gesessen haben, mögen 
vorwiegend oder selbst ausschließlich es Jesuiten gewesen sein, die 
diese Lehrordnung ausgearbeitet haben — vieles deutet darauf hin 
— so handelten sie doch im Auftrage des Herzogs. 

Mit dieser Konstatierung steht für den ersten Augenschein in 
Spannung — damit komme ich zum zweiten Punkt, auf den ich 
die Aufmerksamkeit lenken wollte — , daß als Motiv des Erlasses 
dieser Schulordnung einzig und allein ein religiöses angegeben \^drd, 
das Bemühen, der unabänderliche Wille des Herzogs, seinem Lande 
die alte ,, wahre und alleinseligmachende" katholische Religion zu 
erhalten, seine Untertanen vor der Verführung zur neuen zu be- 
wahren. Als eines der wichtigsten Mittel zur Erfüllung dieser Ab- 
sicht erscheine ihm die Reinhaltung aller Schulen von sektischen 
Lehrern und Büchern, die Hebung des religiösen und sittlichen 
Lebens und des Unterrichtes in den Schulen. Daher die in der 
Schulordnung gegebenen Bestimmungen über die Lehrer und ihre 
Anstellung, über die von ihnen allein zu gebrauchenden Bücher, über 
Schulgebete, Religionsimterricht, Besuch des Gottesdienstes, Kir- 
chenlieder (lateinische und deutsche), Sakramentsempfang, sittliches 
Betragen (alles sehr ausführlich, ungefähr die Hälfte der ganzen 
Schulordnung), über den LTnterricht und die dazu geeigneten Schul- 
bücher, über Klasseneinteilung und Lehrgang (mit Hinweis auf die 
Schule der Jesuiten in München, deren Index lectionum als Anhang 
beigegeben ist), und über Schulaufsicht (zweite Hälfte des Ganzen) ^. 

Ist nun nicht gerade diese Einzigkeit des religiösen Motives für 
Erlaß der Schulordnung doch ein vollgültiger Beweis dafür, daß der 
bayerische Herzog nur als Schutz vogt der Kirche sich des Schul- 
wesens annahm, die Schule also als res ecclesiastica ansah oder doch 
als annexum religionis, wie im Westfälischen Frieden die Formulierung 
lautete? Wenn ja, so steht allerdings die Tatsache fest, daß im 

^ Diese Schulordnung ist im Druck erschienen 1569 ,,zu München bey Adam 
Berg", und abgedruckt bei Knöpfler, Kelchbewegung, Aktenstücke 93 ff., bei 
Lurz II 29 ff. 



134 Joseph Göttler 

Jahre 1569 diese Auffassung in Bayern herrschte, nicht aber daß 
sie im ganzen 16. Jahrhundert, daß sie von Anfang der Entwicklung 
eines Schulrechtes die allein herrschende war. Daß letzteres nicht 
der Fall war, das ist im vorausgehenden wohl hinreichend sicher- 
gestellt. 

Indessen der Wortlaut sowohl der Einleitung der Schul- 
ordnung zusammen mit der gänzlich fehlenden Erwähnung 
einer Mitwirkung der geistlichen Gewalt als eben die Tat- 
sache, daß eine solche Auffassung nicht in Harmonie mit der bis dahin 
herrschenden steht, bestimmen mich zu der Annahme, daß der Her- 
zog bei Erlaß der Schulordnung sich nicht in der Rolle eines Schutz- 
vogtes der Kirche fühlte, daß er vielmehr ein landesherrliches Voll- 
recht ausübt in Erfüllung der Pflicht, dem Lande die ReHgion zu 
erhalten, dem Staatswesen den christlichen Charakter zu erhalten 
(die Neuerung ist ihm Verleugnung des bis dahin allein in katho- 
lischer Form bekamiten Clnistentums). Ich finde die Rechtslage 
ungefähr so, wie sie heute den Bemühungen des Freidenkertums 
gegenüber vorliegt. Die Staatsregierung (in Übereinstimmung mit 
den beiden Kammern, zu deren oberer allerdings auch Vertreter 
der Kirchen gehören, aber eben nur kraft der Staatsverfassung) weist 
in Geltendmachung staatsrechtlicher Grundsätze einen öffent- 
lich-religiösen Moralunterricht ab. Ich sage ,,imgefähr so" : es ist 
nur ein Analogon. Der Grundsatz : Cujus regio ejus religio, nicht 
im Simie des Beliebens des Landesherrn, sondern auf Grimd des 
Herrschergewissens aufgefaßt, muß erst die Möglichkeit, die fernere 
Möglichkeit begründen, als Schutzvogt der alten kathohschen Kirche 
sich zu fühlen. Und der Erlaß dieser Schulordnung ist eines der 
Mittel, ja ein Hauptmittel, diesem landesherrlichen Entscheid 
Geltung zu verschaffen. Das ist freilich eine theoretische Distink- 
tion, die in dieser Bestimmtheit damals wohl nicht gedacht wurde, die 
aber doch implizite gedacht dem Vorgehen zugiunde liegt. Bei 
der Anwendung dieses Mittels war Albrecht V., wie vor ihm sein 
Vater, wirklich nicht bloß Schutz vogt der katholischen Kirche, 
sondern, wie ilm das Tridentinum selbst namite, ,,colunma" und 
,,firmissimuni propugnaculum sanctae apostolicae ecclcisiae in tota 
Germania". 

Das nämliche Jahr 1569 hatte nun auch eine zusammen- 
fassende und für längere Zeit gültige Formulierung der Wünsche der 
kirchlichen Gewalt in bezug auf da.s Schulwesen gebracht. Die um- 
fangreichen Konstitutionen der Salzburger Provinzialsynode 



Zur Entstehungsgeschichte des altbayerischen Schulrechtes 135 

vom Jahre 1569 ^ stellen in ihrer Constitutio LIX (De scholis 
et eorum moderatoribus, 13 Kapitel umfassend) eine Art kirchlicher 
Schulordnung für die Salzburger Kirchenprovinz dar. Die Be- 
stimmungen stehen in vollem Einklang mit dem bisher dargelegten 
Entwicklungsgang. Sie unterscheiden kirchliche Schulen, bezüglich 
deren sie Befehle (mit Straf besti mm ungen) geben, und nichtkirch- 
liche Schulen, öffentliche (städtische) und private Schulen bzw. 
Privatunterricht, bezüglich deren nur Wünsche und Mahnungen, 
in einigen Punkten allerdings auch strenge Gebote gegeben werden. 
Bei allen Bestimmungen aber ist es ausschließlich das Gebiet der 
ReUgion und der guten Sitte (abgesehen von der Rücksicht auf die 
Vorbildung des Klerus), welche zum Gegenstand der Vorschriften 
gemacht werden oder den Grund solcher bilden. 

Im ersten Kapitel werden die Winkelschulen verboten (clan- 
culariae scholae . . . penitus exstirpandae . . . nuUo in loco . . . 
tolerandae sunt), weil in ihnen das Gift der Neuerung verbreitet ward, 
die Privatschulen (gemeint ist wohl der Privatunterricht durch 
Hauslehrer) und die sog. Poetenschulen werden mißbilligt (impro- 
bamus) mit der Begründung: Die einmal im öffentlichen Leben zu 
wirken berufen sind, sollen auch öffentlich dazu vorbereitet werden. 
Der tiefere Grund wird wohl auch hier der nämliche gewesen sein 
wie bei dem Verbot der Winkelschulen. — Das zweite Kapitel 
wendet sich gebietend an die Schullierren der kirchlichen, zur Vor- 
bereitung für den geistlichen Stand bestimmten Schulen. — Das 
dritte ermalint zur Unterstützung armer Studenten. — Am ein- 
schneidendsten macht sich aas vierte Kapitel geltend. Es wdrd in 
der bestimmtesten Form und ganz allgemein ^ verboten, Lehrer, 
auch Hauslehrer nicht ausgenommen, anzustellen, bevor sie sich 



^ Die Synode tagte vom 14. bis zum 28. März 1569 und hatte zum Haupt- 
zweck die DurcMührung der Reformbeschlüsse des Tridentinimis. Am 28. März 
wurden die Synodalbeschlüsse unterzeichnet. Unter dem 5. Juli 1572 wurden 
sie von Papst Gregor XIII. bestätigt. Auf einer neuen Provinzialsynode zu Salz- 
burg vom 24. August bis 3. September 1573 wurde diese Bestätigung bekannt- 
gegeben. Die Konstitutionen wurden noch im gleichen Jahre gedruckt imd am 
1. Januar 1574 pubUziert. Abgedruckt bei Hartzheim, Conc. germ. VII 230 ff. 
Die auf das Schulwesen bezüglichen Texte bei Lutz a. a. O. II 56 ff. 

^ . . . ne a quoquam, cujuscunque sit Status, dignitatis gradus, vel con- 
ditionis quispiam constituatur scholae rcctor, praeceptor, magister, didascalus 
vel coUaborator, sive publicus sive privatus, qui discentes cujuscunque sexus vel 
aetatis, etiam si unus tantum fuerit, in scholis vel domi vel alibi publice vel 
privatim etc. 



136 Joseph Göttler 

dem bischöflichen Kommissar gestellt, um von ihm über Religion, 
Glaube, Sitten, Leben, Umgang und Kenntnisse geprüft zu werden 
und die Professio fidei abzulegen. Diese Bestimmung bezeichnet 
sich indessen selbst nur als Erneuerung eines früheren Salzburger 
Synodalbeschlusses. In Erweiterung dessen fügt mm das Kap. 5 
noch hinzu, daß niemand als Lehrer oder Erzieher Personen an- 
stellen darf, die auf häretischen Universitäten oder Schulen studiert 
haben, wenn sie nicht zuvor wenigstens drei Jahre unter Kathohken 
katholisch gelebt haben und darüber ein Zeugnis beibringen, außer- 
dem die Professio fidei und dazu noch einen Eid abgelegt, daß sie 
häretische Anschauungen und häretische Schriften und Drucke aller 
Art von sich getan. — Ein striktes und allgemein gültiges Gebot 
bzw. Verbot stellt femer das Kap. 6 dar: Kein Lehrer darf vom 
Tridentinum verbotene oder der Häresie verdächtige Bücher, aber 
auch keine obszönen Schriften im Unterricht der Jugend gebrauchen. 
Nur für diese Aufgabe werden als Überwachungsorgane bestimmt 
die Summi scholastici (in den Bischofsstädten), die Archidiakonen 
und Ruraldekane (in den übrigen Orten mit Ausnahme der Kloster- 
schulen, für welche deren Prälaten selbst verantwortlich gemacht 
werden). — Kap. 7 ermahnt die Lehrer aller Schulen zu unab- 
lässiger Wachsamkeit über Sitten und Disziplin, zu fleißiger, reli- 
giöser Unterweisung. Wenigstens an allen Sonn- und Feiertagen, 
so wird schließlich befohlen, soll die Jugend Katechismusunterricht 
erhalten; von wem ist nicht angegeben. — Kap. 8 mahnt die Lehrer 
in nichtssagenden Worten zur rechten Methode (quae sibi ipsis 
laudi, discipulis vero seu scholasticis suis commodo futura sit) und 
dann in trefflichen, zum Teil drastischen Wendungen und Zitaten 
zu einer milden Unterrichtsdisziplin mit Verzicht auf den Stock. — 
Wieder eine Mahnung ist Kap. 9, gerichtet an die Praelati et ceteri 
magistratus, die Schulmeister entsprechend zu entlohnen, damit 
sie die Armen umsonst unterrichten können; nachlässige Prälaten 
und Kapitel sollen vom Ordinarius eventuell mit Strafen dazu an- 
gehalten werden. — Kap. 10 hat zum Gegenstand das Bettelsingen 
der Studenten in dem oft berühiten Simi. — Kap. 11 beschäftigt 
sich ausschließlich mit den Lehrern in den deutschen Schulen, ge- 
bietet streng, daß die Mädchen getrennt von den Knaben unter- 
richtet werden (wohl nur von eigenen Plätzen im gemeinsamen 
Schulraum zu verstehen), mid hält es für notwendig, noch euimal 
ausdrücklich zu erklären, daß das den Leluern der lateinischen 
Schulen über L^nterweisung der Jugend, besonders in der Frömmig- 



Zur Entstehungsgeschichte des altbayerischen Schulrechtes 137 

keit, in den Geboten des katholischen Glaubens, im Lesen und 
Schreiben und in guten Sitten Gesagte ganz ebenso auch den 
Lehrern der deutschen Schulen gelte, daß erfundene Nachlässigkeit 
(der Schüler oder der Lehrer ?) von den Magistraten zu ahnden sei. — 
Besonders beachtenswert ist noch einmal das 12, Kap. Es ver- 
ordnet behufs Sicherstellung aller Anordnungen in bezug auf die 
Schule Visitationen — nicht der Schulen, sondern bloß der Lehrer: 
,,Bei den ordentlichen KJrchen Visitationen sind auch die Lehrer 
jedes Ortes zu visitieren, und diese haben sich deshalb zu dem 
Examen des Visitators einzufinden, um über ihre Lage und über 
ihren Beruf (oder Glaubensbekenntnis?) Rechenschaft zu geben" 
(sancimus, ut cum in qualibet Dioecesi visitationes celebrantur 
ordinariae, ipsi ludimoderatores cuiuslibet loci visitandi, se Visi- 
tatorum examini praesentent, ut de sua conditione, ac professione 
rationem reddant, et de interrogatis respondeant) ^. 

So wie sich diese ganze geistliche Schulordnung in erster Linie 
an die Personen wendet und sie an ihre Pfhcht als katholische 
Christen und als Erzieher der Jugend erinnert, so übt sie auch das 
Visitationsrecht an den Personen aus. Das konnten die Bischöfe 
ganz gewiß alles kraft des der Kirche schuldigen Gehorsams von den 
in nicht kirchlichen Schulen wirkenden Lehrern fordern, auch wenn 
sie sich keinen weiteren Einfluß auf diese Schulen beilegten. Ich 
finde es bemerkenswert, daß diese wöchentUch zweimahge Visi- 
tation, wie sie 1540 vom Episkopat vorgeschlagen (nicht angeordnet) 
wurde (die Stiftschulen durch den Scholastikus, die sonstigen 
Schulen in Städten imd Märkten durch den Pfarrer und einem aus 
dem Rate) 2, hier nicht mehr festgehalten wird. — Der letzte Artikel 
hat nochmals eine ausschheßlich religiöse Sache zum Inhalt, näm- 
Uch die Anteilnahme aller Schüler der kirchlichen Schulen (ein- 
schließlich der Stadtkirchenschulen) am Gottesdienst imd Chordienst. 

III. 

Ich glaube, die Untersuchung hier abbrechen zu können, ohne 
unvollständig zu sein. Ich glaube insbesondere auf die Errichtung 
des ,, Geistlichen Rates", des ersten bayerischen Kultusministeriums, 
ferner auf das Konkordat von 1583, das sich gleichfalls für meine 
Auffassung verwerten ließe, nicht notwendig eingehen zu müssen. 
Ich glaube auch so hinlänglich meine unter I. präzisierte Auf- 



1 Zitiert nach Lurz II 63. - Lurz a. a. 0. I 215. 



138 Joseph Göttler 

fasfiung über die ersten Anfänge eines altbayerischen Schulrechtes, 
über den darin waltenden Geist begründet zu haben. 

Es war ein sittenpolizeiliches Interesse, und zwar sittenpolizei- 
lich in einem höheren, von einem rehgiös fühlenden Staatsgewissen 
getragenen Sinn, und ein religiöses Staatsinteresse, das in Altbayem 
zu einer verhältnismäßig raschen Bildung eines öffenthchen Schul- 
rechtes fühi"te, das dem Landesherrn die Pfhcht und sofort das 
Recht, das in jener Zeit nicht weiter mit Paragraphen zu stützende 
Recht verlieh, den bis dahin unbeheUigten Schulherren geisthchen 
und weltlichen Standes und über sie hinweg den Schulmeistern 
weltlichen und geistlichen Standes Vorschriften zu machen. Nur 
die Jesuitenschulen waren von diesen Vorschriften ausgenommen, 
waren exemt für die staatlichen wie für die kirchlichen Instanzen. 
Diese Erscheinung, diese gewiß ganz einzigartige Erscheinung bildet 
nicht im geringsten ein Argument für die von Hindringer vertretene 
Anschauung ^. Die Schulen der Jesuiten waren in diesen einseitig 
landesherrlichen Bestimmungen in solcher Weise begünstigt und 
bevorzugt, weil die Jesuiten das Vertrauen des Landesherm sowohl 
in bezug auf Glaubensreinheit wie schulische Tüchtigkeit genossen, 
so daß sie solcher Vorschriften, solcher Vorsichtsmaßregeln und An- 
triebe nicht bedurften. Waren doch ihre Schulen das vorgehaltene 
Muster des Zustandes, dem die Schulordnung das ganze Schul- 
wesen entgegenführen wollte, und waren die Jesuitenschulen nach 
allem, was der Herzog für sie getan, seine Schulen, wenn freiüch 
nicht rechtlich, so doch ideell. 

Eine Auffassung wie die von Hindringer entwickelte kann nur 
dadurch entstehen, daß man 1. das Wort Schule, das gerade in dieser 
Zeit eine so viel verscliiedene Wirkliclikeit umfaßt, zu abstrakt, zu 
summarisch nimmt, sooft es in den Quellen vorkommt; 2. da- 
diu-ch, daß man vorwdegend die kirchhchen Dokumente im Auge 
behält. Wenn das Tridentinum von Schulen redet, daim hat es die 
entferntere und nähere Vorbildung des Klerus im Auge und wendet 
sich an die geistlichen Schulherren, die Stifte imd Klöster. Wenn 
die kirchlichen Synoden von Schulen reden, wemi in den Ver- 
handlungen zAvischen Bischöfen und Landesfürsten die Rede auf 
die Schule kommt, so sind es auch in erster Linie die kirchlichen 
Schulen, aber auch die nächstgelegenen Uinversitäten mit iliren 
theologischen Fakultäten und deren Studenten, die übrigen Schulen 

* Von ihm als solches venvertet, a. a. O. 63. 



Zur Entstehungsgeschichte des altbayerischen Schulrechtes 139 

nur, insofern in ihnen die Religion in Gefahr kommen kann, später 
auch, insofern die Rehgion darinnen gefördert werden kann und 
soll, also die religiöse Seite oder Aufgabe der Schule. Nur diese 
bestimmt die kirchlichen Instanzen, in voller Übereinstimmung mit 
den Landesherren das Recht der Visitation durch ihre Organe, 
das Recht der Prüfung vor der ,, Aufnehmung" durch die Schul- 
herren in Vorschlag zu bringen und schließlich, nachdem Vorschriften 
seitens des Staates ergangen, auch zu fordern; nur diese ist es, 
welche sie bestimmt, ihre Organe (den Dekan und PfaiTer) zur 
Ausübung des Rechtes (bzw. der Pfhcht) immer wieder in den 
folgenden Jahrhunderten zu ermahnen. 

Wo aber keine Schulen sind, da begnügt sich die Kirche noch 
ferner mit der Kirchen-Christenlehre. Auch in dieser Beziehung 
hielten die bayerischen Landesfürsten, im besondern Maximilian, 
es für geboten, mit staatlichen Vorschriften und Maßnahmen nach- 
zuhelfen (seine Rentmeister — Regierungspräsidenten jener Zeit — 
erhielten wiederholt Instruktionen, die Pfarrer auf dem Lande in 
dieser Beziehung nicht in Ruhe zu lassen). Ich gebe gerne zu, daß 
es sich bei diesen Maßnahmen im Grunde nur um Kirchenvogtei- 
dienste handeln kann. Aber Christenlehre und Schule sind doch 
zu verschiedene Gebiete, um auch diese im Interesse der ersteren 
erlassenen Bestimmungen als Beweis dafür zu verwerten, daß die 
bayerischen Landesherren auch auf schulischem Gebiete nur als 
Schirm vogte der Kirche fungieren konnten. 

Ich muß darauf verzichten, auch nur anzudeuten, inwieweit 
die hier skizzierten Anfänge der Entwicklung eines Schulrechtes 
in Altbayern typisch sind für die Schukechtsbildung in den übrigen 
kathohsch gebliebenen weltlichen Territorien Deutschlands. Die 
Hilfsmittel zur Erörterung dieser Frage sind ja auch noch recht un- 
zulänglich. Es ist schon von anderer Seite und in etwas anderem 
Zusammenhange ^ das Bedauern ausgesprochen worden, daß wir 
nicht auch eine zu vergleichenden und entwicklungsgeschichtlichen 
Studien auf dem Gebiete des Schulwesens so bequeme Sammlung 
von katholischen Schulordnungen zur Verfügung haben, wie sie die 
drei Bände ,, Evangelische Schulordimngen" von Vormbaum für die 
Schulgeschichte in protestantischen Ländern darstellen. Indessen, 
was noch nicht ist, kann noch werden. 



^ W. Toischer in Roloffs Lexikon der Pädagogik IV, Artikel „Schul- 
ordnungen". 



Die Verwerfung des Saul. 1 Sm 13 und 15. 

Von 

Univ.-Prof. Dr. J. Göttsberger in München. 

Zur Erinnerung an so manche lehrreiche Arbeitsstunde, in der 
der Gefeierte als Vorstand des kirchenhistorischen Seminars die 
eine oder andere Vita eines bayerischen Heiligen kritisch zergUederte, 
will ich versuchen, einem noch ungelösten Rätsel aus der Vita 
Samuelis auf die Spur zu kommen. 

Trotz älterer und neuester Lösungsversuche ^ bleibt noch ein 
Rätsel die Verwerfung des Königs Saul, von welcher die Geschichte 
Samuels anscheinend zweimal, 1 Sm 13, 7 — 15 und 15, 13 — 35, 
berichtet. Eine genaue Übersetzung der Kap. 13 und 15, Fest- 
stellung des Textes und Untersuchung des Zusammenhanges schließt 
im wesentlichen auch eine Beurteilung der Erklärungsversuche ein 
und weist auf die Richtung hin, in der die Lösung gefunden werden 
kann. 



^ Literatur und Abkürzungen: 
B. = Budde, K., Die Bücher Samuel erklärt (Kurzer Hand-Kommentar z. A. T., 

hrsg. von K. Marti VIII) (Tübingen 1902). 
Cook, A. S., Notes on Old Testament history ( Jewish quarterly Review XVII 

782-799, XVIII 121-134 347-359 528-543 739-760, XIX 168-184 

342-395). 
Dh. = Dhorme, P., Les livres de Samuel (Etudes bibliques) (Paris 1910) 108—139. 
Ders., I Samuel, chapitre XIII. Critique textuellc et litt^raire (Revue biblique 

N. S. IV [1907] 240-253). 
G (GB, GL) = Septuaginta nach Swete (nach Hs. B, nach der Ausgabe von 

P. de Lagarde). 
K. = Klostcrmann, A., Die Bücher Samuelis und der Könige (Kurzgef. Kommentar 

zu d. hl. Schriften des A. u. N. T. sowie zu d. Apokryphen, hrsg. von H. 

Strack und O. Zöckler, A 3) (Xördliiigeii 1887) 40-60. 
L. = Lods, A., Les soiurces des r^cita du i)roniier livrc de Samuel surT Institution 

de la royaut6 isra^lite (fitudes de th6ologie et d'histoire publikes . . . en 



Die Verwerfung des Saul. 1 Sm 13 und 15 141 

Kap. 13. 
1. . . . Jahre war Saul alt, als er König wurde, und 2 Jahre* war 
er König über Israel. 2. Da wählte sich Saul 3000 aus Israel ^ aus, 
und es bheben 2000 bei Saul in Mikmas und auf dem Berge Betels, 
und 1000 waren bei Jonatan in Gib'a^ Benjamins, und das üV>rige 
Volk entließ er, jeden zu seinem Zelte. 3. Da erschlug Jonatan den 
Philister vogt in Geba', und es hörten die Philister . . . ., und Saul 
stieß in die Posaune im ganzen Lande, um bekanntzugeben: 
Es mögen die Hebräer hören ...■*. 4. Ganz Israel vernahm die 
Kunde: SauP hat den Philistervogt erschlagen, und zudem hat 

hommage ä la facult6 de thöologie de Montauban . . . [Paris 1901] 257 
bis 284). 
MT = Massoretischer Text. 
N. = Nowack, W., Die Bücher Samuelis übersetzt und erklärt (Handkommentar 

z. A. T., hrsg. von W. Nowack I, 4) {Göttingen 1902) 55—78. 
P. = Peters, N., Beiträge zur Text- und Literarkritik sowie zur Erklärung der 

Bücher Samuel (Freiburg 1899). 
Seh. = Schäfers, J., 1 Sm 1 — 15 literarkritisch untersucht (Bibl. Zeitschrift 

V [1907] 1-21 126-145 235-257 359-380, VI [1908] 117-132). 
Schi. K. = Schlögl, N., Die Bücher Samuels und der Könige erklärt (Wien 1904) 
Schi. T. = Schlögl., N., Libri Samuelis (Wien 1905). 
Sm. = Smith, H. P., A critical and exegetical commentary on the books of Sa 

muel (1899). 
W. = Wiesmann, H. Bemerkungen zum 1. Buche Samuels (Zeitschr. f. kath 
Theologie XXXIV [1910] 588-599 748-752, XXXV [1911] 151-160) 
^ Könnte Zeitangabe für das nachfolgende Ereignis sein. Allein dann dürfte 
das Subjekt ,,Saul" in V. 2 nicht wiederholt sein, und an andern Stellen, z. B 
2 Sm 2, 10, 3 Kg 19, 21, wird in dieser Form die ganze Regierungszeit der Herr 
scher zusammengefaßt. Deshalb wird die Zahl fehlerhafte Überlieferimg sein, 
wie das Fehlen der Altersangabe Sauls. 

^ Das ganze Volk war versammelt. Daß dies nicht bei Gelegenheit von 
11, 14 f. war (so Dh. 127 u. a.), zeigt die verschiedene Ortsangabe. Die imvermittelte 
Nennung des Jonatan, der erst nachher als Sauls Sohn eingeführt ward, spricht 
für eine unvollständige Überlieferung. 

3 B. 84, Dh. 108 242, Sm. 81 korrigieren „Geba"' nach V. 3. AUein V. 2 mid 3 
gehören nicht der gleichen Überlieferung an (so auch Dh. 127), so daß sich die 
Verschiedenheit der Namensform erklären läßt. 

* Der Vers wird gewöhnlich nach G geändert und umgestellt: imd es hörten 
die Philister, daß die Hebräer abgefallen seien {^^d'eTtjiiaaiv). Die Umstellung 
kami textkritisch nicht gerechtfertigt werden. Das Objekt zu ,,e8 hörten"' in 
V, 3 a ist verlorengegangen wie das zu 3 b. 

^ Fast alle Erklärer halten die Tötung des Philistervogtes für die gleiche 
wie in V. 3; sie werde dem Saul als Verantwortlichem und Auftraggeber zuge- 
schrieben. Mit Recht hält N. 57 trotzdem die Aussage für auffällig. L. 276 f. 
setzt 3a noch einmal in den Text mit Saul als Subjekt. Eine solche Angabo muß 



142 J. Göttsberger 

sich Israel bei den Philistern anrüchig gemacht. Es wurde nun 
das ganze Volk hinter Saul her nach Gilgal ^ aufgerufen. 5. Die 
Philister sammelten sich, um mit Israel zu kämpfen, 30 000 Wagen 
und 6000 Reiter und Fußvolk wie der Sand am Meeresufer an Menge, 
und sie zogen hinauf und lagerten in Mikmas ^ östlich von Bet'aven. 
6. Die Männer Israels sahen nun, daß sie in Not gerieten, daß das 
Volk bedrängt wurde, da versteckte sich das Volk in Hölilen und 
Löchern und Klüften und Kellern und Zisternen. 7. Die Hebräer ^ 



doch wohl einmal dagestanden haben. Auch eine andere Stelle führt darauf hin- 
aus, daß Saul selbst Hand an den Philistervogt gelegt hat. Nach Kap. 10 kündigt 
Samuel dem Saul im voraus an, er werde nach Gib'a Gottes kommen, wo Philister- 
vögte seien (V. 5), er werde von der Begeisterung einer Prophetenschar angesteckt 
werden (V. 5 f.), er solle im Vertrauen auf die göttliche Hilfe tim, was seine Hand 
finde. Wozu werden Philistervögte in Gib'a erwähnt, wenn sie nicht mit dem 
angedeuteten Handstreich des Saul zusammenhängen? Noch eine Erwägung 
unterstützt den gleichen Schluß. 10, 5 ff. werden aufeinanderfolgende Ereignisse 
angekündigt; von 10, 9 ab setzt der Bericht ein, wie sich Zug um Zug erfüllt. V. 13 
bricht dieser Bericht schroff ab (vgl. meinen Artikel: „Ist auch Saul unter den 
Propheten?" in Theologie imd Glaube IV 368 ff., V 396 ff.). Daß sich der letzte 
angekündigte Zug (10, 8) erfüllt hat, berichtet 13, 8 ff . Wie 10, 7 unmittelbar 
vor dem letzten Zug ein Handstreich des Saul in ganz allgemeiner Form angekündigt 
wird, so geht dem Bericht hierüber ein bestimmter Handstreich voraus, nämlich 
13, 4. Die Tat selbst ist freilich nicht erzählt; als die geschlossene Erzählung von 
10, 5—13 und 13, 4 ff. auseinander geriet, konnte der Tatbericht leicht verloren- 
gehen. Es ist aber noch die Verbreitimg des Gerüchtes über Sauls Tat im Volke 
geblieben. Man darf also mit gutem Grunde ergänzen, daß Saul den PhUistervogt 
erschlagen hat. Es läßt sich sogar einigermaßen rechtfertigen, ,,Jonatan" in 
V. 3a diu-ch ,,Saul" zu ersetzen. „Saul" in V. 3a könnte dadurch verdrängt worden 
sein, daß die Tat in Geba' geschah, nach V. 2 b aber Jonatan, nicht Saul sich 
dort befand. 

1 Fast alle Erklärer bezweifeln oder verändern die Lesart. Da in der Text- 
überlieferung kein Anhaltspunkt hierfür vorliegt, so ist von einer Änderung Ab- 
stand zu nehmen (so Dh. 243, W. 751). Wenn man den Zusammenhang von 13, 4 ff. 
mit 10, 5 ff. beachtet, so muß Saul nach Gilgal kommen, ehe er mit Samuel zu- 
sammentrifft. 

2 Dann kann Saul nicht dort gewesen sein, wie V. 2 angibt, sondern er muß 
anderswo sein, eben nach V. 4 in Gilgal. V. 2 mid V. 5 gehören offenbar nicht zu 
einem zusammenhängenden Stück. Dafür spricht auch, daß Mikmas erst an 
unserer Stelle eine nähere geographische Bestimmung erhält. B. 85 u. a. möchten 
letztere streichen. 

^ Nach dem Zusammenhang muß „Hebräer" = „Männer Israels" V. 6 sein. 
Abänderungen des Textes würden zwar die auffälligen Wechsel der Benennmig 
beseitigen, haben aber keine textkritisclie Stütze. Zudem werden auch V. 3 die 
Gegner der Philister so genannt. Vielleicht muß man V. 6 und 7 a als eine doppelte 
Aussage über das Verhalten des Volkes fassen. 



Die Verwerfung des Saul. 1 Sm 13 und 15 143 

gingen über den Jordan nach dem Gebiet von Gad und Gil'ad, 
Saul aber war noch in Gilgal, und alles Volk^ zitterte hinter ihm 2. 
8, Er wartete 7 Tage nach der von Samuel getroffenen Bestimmung *; 
aber Samuel kam nicht nach Gilgal, und das Volk verlief sich von 
ihm weg. 9, Da sprach Saul : ,, Bringt das Brandopfer und die Fried- 
opfer ^ zu mir", und er brachte das Brandopfer dar. 10. Als er eben 
mit der Darbringung des Brandopfers fertig geworden war ^, siehe, 
da kam Samuel, und Saul ging ihm entgegen, um ihn zu begrüßen. 
11. Da sprach Samuel: ,,Was hast Du getan?" Saul erwiderte: 
,,Als ich sah daß das Volk sich von mir weg verlief und Du innerhalb 
der festgesetzten Tage nicht kamst und die Philister in Mikmas 
sich zusammengezogen hatten, 12, da sprach ich: Nun werden die 
Phihster zu mir nach Gilgal herabziehen, und ich habe Jahwe noch 
nicht versöhnt; so faßte ich mir ein Herz und brachte das Brand- 
opfer dar" *^. 13. Da sprach Samuel zu Saul: ,,Du hast töricht 
gehandelt'; Du hast das Gebot Jahwes Deines Gottes, welches er 



^ Auch dieser Ausdruck kommt schon V. 6 mit anderer Aussage vor. Hier 
muß das aufgebotene Kriegsvolk hinter Saul darmiter verstanden werden. 

2 Dh. 110, N. 58 korrigieren nach GL: alles Volk hatte ihn aus Angst ver- 
lassen. Da nach allen Erklärern V. 7 b mit V. 8 zusammengehört, so würde da- 
durch eine Wiederholmig der gleichen Angabe entstehen. 

^ Es ist die Anweisung 10, 8, welche dort mit den Vorherverkündigungen 
zusammenhängt. Infolgedessen kann 10, 8 nicht als Glosse weggelassen werden, 
wie eine Reihe von Erklärern vorschlägt (B., N. u. a.). Auch einen Teil von 10, 8 
auszuscheiden, um denV. auf 11, 15 beziehen zu kömien (so Dh. 95), geht mangels 
jeglicher textkritischer Stütze nicht an. 

* Auch 10, 8 finden sich beide Opfer, die Friedopfer aber asyndetisch an- 
gefügt. Dh. 85 läßt dort „die Brandopfer" weg imd hier „die Friedopfer", als 
wollte er eine möglichst große Verschiedenheit zwischen 10, 8 und 13, 8 f. erreichen. 
Am nächsten läge es, 10, 8 „um Friedopfer darzubringen" als nachträgliche Glosse 
auszuscheiden. Daß 10, 8 imd 13, 8 f. zusammengehören, wird dadurch nicht 
in Frage gestellt. 

^ Samuel traf also zwischen Brand- und Friedopfer ein. Der Erzähler will 
zu erkennen geben, daß Saul nur etwas Geduld hätte haben brauchen, um Samuels 
nachfolgendem Tadel zu entgehen. 

® Saul verteidigt sich gegen den Vorwurf, der in V. 11 nicht direkt ausge- 
sprochen ist, aber doch auf Grund der Erzählung klar erkamit werden kann: daß 
er mit der Darbringmig des Brandoiifers nicht gewartet hatte, bis Samuel ankam. 
Was man auch sonst noch für Fehler in Sauls Verhalten auffinden mag, so muß 
für uns die klare Angabe des Textes entscheidend sein. 

^ Das ist die genaue Wiedergabe und häxifigere Bedeutung des hebräischen 
Wortes. Seltener kami es gleichwertig mit ,,du hast gesündigt" gefaßt werden 
(z. B. 2 Sm 24, 10); vgl. Schi. K. 82. 



144 J. Göttsberger 

Dir gegeben hat, nicht ^ beobachtet ; denn ^ nun hätte Jahwe Dein 

Königtum über Israel für immer aufgerichtet. 14. So aber wird 

Dein Königtum keinen Bestand haben. Gesucht ^ hat sich Jahwe 

einen Mann nach seinem Herzen, und Jahwe hat ihn zum Führer 

über sein Volk bestellt; denn Du hast, was Jahwe Dir auftrug, nicht 

beobachtet." 15. Da machte sich Samuel auf und zog 'von Gilgal"* 

fort seines Weges, und der Rest des Volkes zog hinter Saul her zum 

Kampfe hinter dem Kriegsvolk. Als sie' von Gilgal nach Gib'a 

Benjamins gekommen waren, da musterte Saul das Volk, das sich 

bei ihm befand, ungefähr 600 Mann. 

* * 

* 

Damit ist unsere Erzählung abgeschlossen. Die Hauptschwierig- 
keit, deren Lösung man auf verschiedenen Wegen versuchte, ist 
die: Saul hat nach V. ISba und 14b ein von Jahwe gegebenes 
Gebot übertreten und dadurch sein Königtum verscherzt; es will 

^ Der Sinn ändert sich nicht, wenn man statt ,, nicht", wie die meisten Er- 
klärer es tun, ,,wenn" übersetzt. Auffällig ist, daß die beiden gleichwertigen 
Aussagen ,,du hast töricht gehandelt", ,,du hast nicht beobachtet" durch keine 
Partikel in Beziehung zueinandergesetzt werden. 

^ Diese Partikel ,,denn" schlösse sich glatter an „du hast töricht gehandelt" 
an, wenn auch die Beziehung über den Zwischensatz hinweg nicht unmöglich ist; 
vgl. Keil, C. F., Die Bücher Samuels (Leipzig 1864) 95. 

" Hier fehlt wieder jegliche verbindende Partikel. Zudem steht das Perfekt; 
also gehört die Auswahl Davids an Stelle Sauls schon der Vergangenheit an. G 
und die meisten Erklärer setzen ein ,,und" hinein und fassen das Perfekt als tempus 
consecutivum mit futurischer Bedeutung und beseitigen damit beide Schwierig- 
keiten. Sie müssen infolgedessen auch ,,mid Jahwe hat ihn . . . bestellt" in futu- 
rischer Bedeutung nehmen. Da die G-Lesart die lectio facilior ist, so darf sie nicht 
als ursprünglich eingesetzt werden. Es würden durch eine solche Änderung leichte 
Spuren literarkritischer Vorgänge verwischt. Die beiden Asyndeta ,,du hast das 
Gebot Jahwes . . . nicht beobachtet", ,, gesucht hat sich Jahwe . . . nicht be- 
obachtet" dürfen mit einigem Recht als Anhaltspmikte gefaßt werden, um die 
angegebenen Sätze als spätere Ergänzungen dem ursprünglichen Wortlaut der 
Erzählung abzusprechen. Diese Ausscheidimg wird außerdem durch die Beob- 
achtung unterstützt, daß nur so die bisher ungelöste und tatsächlich imlösbare 
Schwierigkeit des Stückes schwindet. Dazu darf im voraus auf zwei weitere Er- 
gebnisse verwiesen werden. Nach Ausscheidung des göttlichen Gebotes erst ge- 
winnt 13, 7 ff . einen guten, charakteristischen Sinn. Die Prüfung von Kap. 15 
wird außerdem zeigen, a\if welchem Wege das göttliche Gebot in 13, 7 ff. Eingang 
gefimden hat. Zwei Züge von 13, 7 ff . sind nach Kap. 15 verschlagen worden; 
der umgekehrte Weg von Kap. 15 nach Kap. 13 darf für dieses göttliche Gebot, 
das hier keine Grundlage hat, verniutet werden. 

* Hier ist offenbar im hebräischen Text durch Homoioteleuton ausgefallen, 
was oben nach G ergänzt ist. So P. 127, Schi. K. 82, Sm. 97 u. n. 



Die Verwerfung des Saul. 1 Sm 13 und 15 146 

aber nicht gelingen, das übertretene göttliche Gebot einwand- 
frei nachzuweisen. Zweifellos ist der unmittelbare Eindruck des 
Wortlautes der, daß Saul nicht lange genug gewartet hat; allein 
hat er \^irkHch die Weisung von 10, 8 übertreten? Schon in alter 
Zeit berief man sich darauf, daß der 7. Wartetag noch nicht zu Ende 
gewesen sei (Gregor, Sanctius ^). Aber es ist nicht ausdrücklich 
angegeben, daß Saul noch vor Ende des 7. Tages geopfert habe. Aus 
dem Zusammenhang ergibt sich eher das Gegenteil. Die Spitze 
des Tadels, den Samuel ausspricht, setzt ebenfalls voraus, daß er 
7 volle Tage gewartet hat ; er hätte aber noch darüber hinaus warten 
sollen. Den zweiten damit verbmidenen Termin hat Saul tatsäch- 
hch nicht abgewartet : bis Samuel kommen werde 2. Allein das 
koimte doch nicht unbegrenzt gelten, sondern dieser Termin fand 
seine natürhche Grenze mit dem Ablauf der 7 Tage. Deshalb kann 
der Erzähler sowohl wie Saul mit Recht feststellen: Samuel kam 
nicht (V. 8), du bist nicht gekommen (V. 11). Rupert und Nikolaus 
von L}Ta fanden das übertretene Gebot darin, daß Saul als Laie 
nicht selbst hätte opfern dürfen. ]Mit Recht wurde entgegnet: 
die Erzählung hätte gerade so lauten können, wie sie tatsächUch 
vorHegt, selbst wenn sich Saul der Hilfe der Priester bedient hätte; 
zudem bestreiten gewichtige Stimmen , daß in den Tagen des Saul 
den Laien der Opferdienst schon mit ersagt war^. Ebensowenig 
kami das göttliche Gebot in der Vorschi'ift gesehen werden, zu den 
Kulthandlungen die Anwesenheit des Sehers abzuwarten *. Eine 
solche Praxis, wie sie 9, 13 geübt wird, ist noch kein götthches 
Gebot. Zudem läßt diese Hypothese ebenso wie der unmittelbar 
vorher genannte Versuch die Beziehmig von 13, 8 ff . zu 10, 8 ganz 
außer Auge. Den Text zu ändern, so daß diese Beziehung nicht 
sofort in die Augen springt, ist unbegründet ^. Der Fingerzeig des 
Textes, in welcher Richtung Sauls Verschulden zu suchen ist, 
bleibt dabei ebenfalls mibeachtet; auch Sauls Selbstverteidigmig 
müßte in die Lre gegangen sein. Letzteres behauptet ausdrück- 
lich V. Hummelauer ^. Nach ihm bestand Sauls bestrafte Schuld 
darin, daß er die Furcht vor der drohenden Gefahr auf sehi Ver- 
halten Einfluß nehmen ließ, statt sich einzig vom Vertrauen zu 
Gott leiten ;zu lassen. Die Rücksicht auf die drohende Gefahr- 
macht Saul wirklich geltend. Aber die Schuld Sauls muß, weim 

1 Vgl. Seh. 250. 2 Vgl. Keil a. a. O. 95. ^ Vgl. Seh. 250. 

* So Dh. 250. '•> So Dh.; s. oben S. 143, Anm. 4. 

• Cominentarius in libros Samuelis (Paris 1886) 138 f. 
Festgabe Kaöpfler 10 



146 J. Göttsbergor 

der vorliegende Text gelten soll, in der Übertretung eines ausdrück- 
lichen göttlichen Gebotes liegen. Als solches kann das pflichtmäßige 
Vertrauen auf Gott nicht angesehen und durch Hinweis auf 12, 24 
nicht erwiesen werden. Auch diejenigen, welche gegen den Wort- 
laut die Weisung Samuels 10,8 von Saul als nicht erfüllt annehmen, 
können von einem übertretenen göttlichen Gebot nicht reden. 
Es ist bloß eine Weisung Samuels. Vorher gehen Ankündigungen: 
das und das wird geschehen, dieses und jenes solle oder werde Saul 
tun, darunter auch, er solle auf Samuel warten, um eine prophetische 
Weisung in Empfang zu nehmen. Als göttliches Gebot ist dieses 
Warten keineswegs eingeschärft oder auch nur erkenntlich gemacht. 
10, 8 steht zwar in einer Rede des Samuel, die nach dem gegen- 
wärtigen Texte 9, 27 als Wort Gottes erscheint. Aber dieser Aus- 
druck kann sich auf verschiedenes Einzelne des Folgenden beziehen, 
muß nicht gerade für 10, 8 gelten. Zudem gehört 10, 1 ff. nicht 
glatt mit 10, 5 ff . zusammen^, und deshalb darf die Bezeichnung 
,,Wort Gottes" in 9, 27 überhaupt nicht für 10, 8 in Anspruch ge- 
nommen werden. 

Die Weisung Samuels hat also Saul, so wie er sie verstehen 
konnte und mußte, befolgt; hätte er sie übertreten, so käme sie 
nicht als göttliches Gebot in Betracht; auch sonst läßt sich nichts 
in Sauls Verhalten finden, was so beurteilt werden könnte. Wir 
müssen denen recht geben, welche behaupten, 13, 7 ff . enthalte 
in keiner Weise einen Ungehorsam Sauls ^. Wir können noch einen 
Schritt weiter gehen: Samuels Tadel V, 13h fi und 14a ^\'ird seines 
Kerngedankens beraubt, wenn man ihn als Strafsentenz für Über- 
tretung eines ausdrücklich gegebenen göttlichen Gesetzes versteht. 
Daß Saul nicht länger wartet als gerade die 7 Tage, innerhalb deren 
Samuel kommen zu können glaubte, erscheint dem Propheten nicht 
als Übertretung eines Gebotes, sondern vielmehr als ein unheil- 
volles Omen : wie Saul nicht ausdauernd war im Warten auf Samuel, 
so wird auch sein Königtum nicht dauernd sein. Die wohlabge- 
wogene Ausdrucksweise redet nicht von Verwerfung des Saul; 
dafür fand das tatsächliche Verwerfungsurteil andere klare, be- 
stimmte Worte (vgl. 15, 23 b 26 b— 28)3. Hier spielt Samuel mit 

1 Vgl. Theologie und Glaube IV 370. 

^ Vgl. u. a. Stenning, J. F., in Hastings, A dictionary of the Bible IV 386 b. 
— Dagegen Schi. K. 81. 

^ Sm. 97 findet Sprache und Verhalten Samuels in Kap. 13 weniger streng 
und verurteilend als in Kap. 15. Damit ist der Unterschied noch zu wenig gewertet. 



Die Verwerfung des Saul. 1 Sm 13 und 15 147 

dem Gedanken : unbegrenzte Dauer des Wartens hätte unbegi'enzte 
Dauer des Königtums vorbedeutet; daß Saul nicht über die ab- 
gemessene Frist zugewartet hat, ist ein bedauerhches Prognostikum 
dafür, daß auch sein Königtum auf eine abgemessene Zeit be- 
schränkt bleibt. Daß Sauls Königtum nicht für immer bleibt, will 
ebensowenig als Strafe für eine Sünde angesehen werden, wie von 
Sünde und Strafe die Rede sein kann in der Szene zwischen Elisäus 
und Joas (4 Kg 13, 14 ff.). Als der Prophet dem König befahl, 
mit den Pfeilen auf die Erde zu schlagen, da schlug er dreimal. ,,Da 
wurde der Mann Gottes zornig auf ilin und sprach: Hättest Du 
fünf- oder sechsmal geschlagen, so hättest Du Aram bis zur Ver- 
nichtung geschlagen; so aber wirst Du Aram nur dreimal schlagen." 
Schon die Ausdruckweise verrät, daß wir in beiden Szenen einen 
ganz verwandten Gedankengang haben. 

Wer den Kerngedanken von 13, 7 — 15 so erfaßt, sieht zu allen 
andern Bedenken hierzu seine klare Entfaltung empfindlich ge- 
stört, wenn er mit einem göttlichen Gebot verknüpft wird. Zugleich 
kommen zwei gemäßigte Ausdrucksweisen der Erzählung erst zu 
ihrem vollen Rechte, wenn man auf kein götthches Gebot Rücksicht 
nehmen muß. ,,Du hast töricht gehandelt", könnte nicht besser 
gewählt sein, um lücht zu scharf und nicht zu milde über Sauls 
Tun zu urteilen. ,,Dein Königtum wird nicht bestehen bleiben" 
im Sinne einer Verwerfung Sauls ist für sein menschlich so ver- 
ständhches Verhalten als Strafe mit Recht als hart und unverdient 
betrachtet worden. Als prophetische Vorbedeutung des göttlichen 
Ratschlusses paßt vorzüglich zueinander, was als Schuld und Strafe 
schwer zu vereinbaren ist. 

Verfolgen wir also den Grundgedanken nach den Richtluiien, 
die im Inhalte gegeben sind, so müssen wir von dem göttlichen Ge- 
bote als solchem absehen. Daß die übHche exegetische Methode 
es für zulässig hält, aus rein inhaltlichen Anzeichen literarkritische 
Folgerungen zu ziehen, lehren manche Vorschläge auch im be- 
handelten Stücke. Trotzdem wäre es nicht unbedenklich, auf Grund 
der obigen inhaltlichen Erwägungen allein V. 13 b a mid 14 b als 
spätere Zutaten auszuscheiden. Eher wäre noch die vorliegende 



— Keil a. a. 0. lehnt es zwar entschieden ab, 13, 7 ff . als Verwerfungsgeschichte 
zu erklären. Aber er beachtet das Gedankenspiel zwischen Sauls Tun vmd Samuels 
Spruch nicht, beseitigt die Übertretung eines göttlichen Gebotes nicht imd sieht 
deshalb schließlich darin doch wieder die Geschichte einer Verwerfung der Dynastie 
Sauls, wenn auch nicht seiner Person. 

10* 



]48 J. Göttsberger 

Schwierigkeit als zur Zeit tatsächlich unlösbar zu betrachten ^. 
Allein die kritische Sonde hat gerade für die in Betracht kommenden 
Sätze formale AuffäUigkeiten festgestellt '^, die zusammen mit den 
inhaltlichen Momenten eine literarkritische Ausscheidung liin- 
reichend rechtfertigen. Diese Maßnahme erscheint noch besser 
gesichert, wenn eine spätere Erzählung die wirkhche Verwerfung 
Sauls mit der Übertretung eines ausdrücklichen göttlichen Gebotes 
begründet und damit uns einen Weg zeigt, auf dem eine solche 
Ergänzung in 13, 7 ff. nur zu leicht eindringen konnte. Das sehen 
wir an 1 Sm 15. 

Kap. 15. 
1. Da ' sprach Samuel zu Saul : ,, Jahwe hat mich gesandt, Dich 
zum König über sein Volk, über Israel, zu salben. Und nun höre 
auf die Stimme der Worte Jahwes. 2, So spricht Jahwe der Heer- 
scharen : Ich habe heimgesucht *, was Amalek an Israel getan, 
dem es sich bei seinem Heraufzug aus Ägypten in den Weg stellte. 
3. Nun wohlan! Du sollst Amalek schlagen, und ihr ^ sollt den Bann 
vollziehen an all dem, was ihm gehört, und Du sollst es nicht schonen 
und sollst töten vom Mann bis zum Weib, vom Kind bis zum Säug- 
ling, vom Rind bis zum Schaf, vom Kamel bis zum Esel. 4. Da 
bot Saul das Volk auf und musterte es in Tela'im «, 200 000 Fuß- 
soldaten und 10 000 ....', die Männer Judas. Saul gelangte bis zm- 
Stadt Amaleks und stritt ^ im Tale. 6. Da sprach Saul zu den 



1 So Seh. 252. 

- Siehe oben S. 144 Anm. 1, 2 u. 3. 

2 Bei welcher Gelegenheit Samuel und Saul zusammen sind, ergibt der nächste 
Zusammenhang nicht. 

* Das auffällige Perfekt fassen die Erklärer als futurisch, ohne es einwand- 
frei begründen zu können. Vielleicht hängt es damit zusammen, daß die Besiegimg 
der Amalekiter in 14, 48 tatsächlich schon berichtet ist. 

^ Die Erklärer korrigieren den Personenwechsel meist. Es ist aber auch 
manches andere in unserem Kapitel nicht ganz glatt. Vgl. besonders die Doppelung 
V. 8 und 9. 

* G: in Gilgal. Die Lesart ist wohl nicht auf textkritischem Wege entstanden 
(so Dh. 131 A.), sondern stellt eher eine absichtliche Änderung dar, weil das folgende 
leicht nach Gilgal verlegt werden konnte. 

" Die dazwischen stehende Akkusativpartikel gestattet nicht, ,,die Männer 
Judas" als Benennung der 10 000 zu fassen. 

* Gewöhnlich korrigiert man: ,,imd er legte im Tal einen Hinterhalt" (anders 
Schi. K. 99). Obwohl die Formen sich nicht viel miterscheiden, so müßte doch 
eine ungewöhnliche Form angenommen werden; zudem fehlt jede textkritische 
Stütze und spielt auch sachlich der Hinterhalt keine weitere Rolle. W. 598 liält 



Die Verwerfung des Saul. 1 Sm 13 und 15 149 

Kenitern: „Wohlan, geht weg, zieht herab aus der Mitte der Ama- 
lekiter, damit ich Dich nicht mit ihm vernichte, und Du hast doch 
Freundhchkeit allen Israeliten erwiesen, als sie von Ägypten herauf- 
zogen." Und die Keniter begaben sich aus der Mitte Amaleks weg. 
7. Da schlug Saul Amalek von Che vi la 'bis' Schur, welches vor 
Ägypten liegt ^ 8. Er nahm Agag, den König Amaleks, lebendig 
gefangen, und alles Volk bannte er mit der Schärfe des Schwertes. 
9. Es schonte Saul und das Volk den Agag und das Beste des Klein- 
viehes und der Rinder und die 'fetten Tiere' und die Lämmer und 
alles Gute, und sie wollten daran den Bann nicht vollstrecken; 
alles 'Verächtliche' und 'Geringe' aber, das bannten sie 2. 10. Da 
erging das Wort Jahwes an Samuel folgendermaßen: 11. ,,Es reut 
mich, daß ich den Saul zum König gemacht habe ; denn er hat sich 
von meiner Gefolgschaft abgewendet, und meine Worte hat er 
nicht erfüllt." Da wurde Samuel zornig ^, und er schrie die ganze 



mit Recht die Lesart des hebräischen Textes fest, beseitigt aber die inhaltlich 
unrichtige Aufeinanderfolge von V. 5 und 6 durch Umstellung 6 und 5. Dafür 
ist aber ebenfalls kein Anhaltspimkt gegeben; außerdem müßte V. 6 genauer 
zwischen 5 a und 5 b gestellt werden. Die gestörte Aufeinanderfolge ist wohl auf 
literarkritische Schicksale des Textes zurückzuführen. An Anzeichen hierfür fehlt 
es in unserem Kapitel auch sonst nicht. 

^ Die gleiche Ortsangabe findet sich Gn 25, 18, wonach die kleine Ver- 
besserung vorgenommen wurde. 

^ Einzehies ist fehlerhaft überliefert, manches scheint aufgefüllt zu sein. 
Vor allem darf die Doppelung V. 8 = V. 9 nicht übersehen werden, die von manchen 
nicht beachtet wird (z. B. N., B.). Schi. K. 100 und K. 57 beseitigen ohne text- 
kritischen Anhaltspunkt ,,Saul und" und ,,den Agag und". Nach V. 8 macht 
sich Saul allein einer einfachen Übertretung des göttlichen Befehles schuldig, 
indem er den Agag schont und nur das Volk bannt; nach V. 9 versündigen sich 
Saul und Volk, sie schonen Agag und den besten Teil seines Herdenbesitzes und über- 
vorteilen Gott in selbstsüchtiger Weise. Die einfache Nennung des Agag in V. 9 
setzt V. 8 voraus, wo dieser Name den unentbehrlichen erklärenden Zusatz hat. 

^ Samuels Zorn paßt gut zum Vorausgehenden; aber sein Rufen zum Herrn 
setzt eher die Empfindung der Trauer vmd des Schmerzes über Sauls Unglück 
voraus. Wellhausen, N., Dh. deuten das Wort „entbrennen" von heftigen Emp- 
findungen übei'haupt, also auch von der Trauer; allein der Sprachgebrauch ver- 
wendet es nur für Zorn. W., K. ändern den Text: ,,es tat Samuel wehe" u. ä. 
Eine textkritische Stütze ist hierfür nicht zu finden. Auch sind die beiden Stim- 
mungen Samuels in der Vorgeschichte zu Sauls Königswahl vorbereitet (vgl. Seh. 
370 ff.): Samuel als grundsätzlicher Gegner eines Königs hat Ursache, zornig zu 
sein, während er als Begünstiger des Königtums Sauls Anlaß nahm, für ihn bei 
Gott einzutreten. Literarkritische Einflüsse werden die beiden verschiedenen 
Stimmungen Samuels so nahe aneinandergerückt haben. Die zweite Stimmung 
kehrt 15, 35 wieder. 



150 J. Göttaberger 

Nacht zu Jahwe. 12. Früh machte sich Samuel auf, dem SauP 
entgegen am Morgen 2. Da wurde dem Samuel ^ folgendes 
mitgeteilt: ,,Saul ist nach dem Karmel gezogen, und siehe, er 
errichtet sich eben eine Denksäule *, und er wandte und ging 
hinüber und zog nach Gilgal hinab. 13.^ Samuel kam nun zu 

1 G: Israel (so auch Schi. K. 100). Der G-Übersetzer meinte, Samuel kömie 
dem Saul nicht entgegengehen , wenn er erst erfahren muß , wo der Gesuchte 
zu finden ist. 

2 V. 12 ist demnach, wie es auch die Stellung nahelegt, die unmittelbare Fort- 
setzung von ,,er schrie die ganze Nacht zu Jahwe". 

3 GB: dem Saul. Da Samuel den Saul aufsucht, kann diese Änderimg dem 
Zusammenhang nicht entsprechen. Gleich darauf vertauscht GB umgekehrt 
,,Saul" mit ,, Samuel". Diese Überlieferimg hat wohl die Bewegung beider nach 
MT zu einer einheitlichen Bewegimg des Samuel vereinfachen wollen. 

* Die Partikel ,, siehe" und das Partizip beim hebräischen Verbum wollen 
offenbar die Tätigkeit angeben, bei der Samuel den Saul eben antreffen kann. 
G hat das Perfekt dafür übersetzt und (mit Ausnahme von Hs. A) das ,, siehe" 
weggelassen. N,, B., Dh., K. schließen sich dem an, W. 748 faßt die PartizipiaUonn 
im Sinne des Perfekts auf. Allein das Partizip kann an sich und besonders nach dem 
Zusammenhang hier nicht den Sinn des Aoristes als des Tempus für eine eintretende 
Handlung haben. Insofern verrät es ein richtigeres grammatisches Empfinden, wenn 
man den Text ändert, aber nicht ebenso ein abgewogenes textkritisches Urteil. Denn 
das Zeugnis von G ist nicht einwandfrei. Werden jetzigen hebräischen Text vorsieh 
hatte, der mußte auf den Gedanken kommen, daß Saul jetzt in GUgal sich befand, 
sein Tun auf dem Karmel eine der vorhergehenden Handlungen war wie die andern 
in der Folge erwähnten. Gegen die Ursprünghchkeit des Schlusses vonV. 12 aber 
erheben sich gewichtige Bedenken. Es hätte keinen rechten Sinn, dem nach Saul 
suchenden Samuel mitzuteilen, daß Saul auf dem Karmel war und dort nmi nicht 
mehr ist. Weiterhin sind die Ausdrücke : er wendete, er überschritt, im gegenwärtigen 
Zusammenhang unvollständig und daher imverständlich. Noch dazu vollzieht 
sich das Folgende nach Anzeichen gerade in Gilgal nicht, wie wir sehen werden. 
Dagegen vollzog sich die Parallele zu unserer Verwerfungsgeschichte Kap. 13, 7 ff. 
in Gilgal. War da nicht die Versuchung für einen Glossator groß, auch diesen 
Vorgang durch eine Verlängerung der Reise des Saul dorthm zu verlegen? Zu 
all dem hinzu darf man dem Gesohichtsclireiber des Saul stilistisches Feingefühl 
zutrauen: welche Tragik konnte er zum Ausdruck bringen, wenn er den Saul uns 
vorführt, wie er eben em öiegesdenkmal sich errichtet, und schon naht der zürnende 
Prophet, um ihm gerade bei der Siegesfeier die göttliche Verwerfung anzukündigen! 
All das legt es nahe, den Schlußsatz „luid er wandte usw." als spätere Erweiterimg 
zu betrachten. Dann treffen Samuel mid Saul nicht in Gilgal, sondern auf dem 
Karmel oder in Karmel (am Toten Meere) zusammen. 

^ G fügt hier ein: (imd es kam Samuel GL) zu Saiü, imd siehe er brachte als 
Brandopfer dem Herrn dar die Erstlinge der Beute, die er Amalek abgenommen 
hatte. Dh. 133 hält GL für ursprünglicher gegen GB luid verbessert danach MT 
(vgl. auch B. 110, P. 131). Allein GL scheint eine nachträgliche Glättung von G 
zu sehi: und er stieg nach Gilgal iiinab zu Saul; GL verdeutlicht das Subjekt, 



Die Verwerfung des Saiil. 1 Sm 13 und 15 151 

SauU, und Saul sprach zu ihm : „Gesegnet seist Du von Jahwe ! Ich 
habe den Befehl jahwes ausgeführt." 14. Da sprach Samuel : „Und 
was bedeutet dann das Blöcken des Kleinviehs da in meinen Ohren und 
das Brüllen der Rinder, das ich höre?" 15. Da sprach Saul: „Von 
den Amalekitern hat man es gebracht, weil das Volk das Beste des 
Kleinviehs und der Rinder schonte, um es Jahwe, Deinem Gotte, 



das eigentlich nach dem Zusammenhang nicht ganz klar ist (G schwankt in der 
Überlieferimg), und macht den Stil fließender, ähnlich wie G am Anfang von 
V. 12 ein ,,imd er zog" einsetzt. Andererseits freilich würde bei der Lesart GL 
der MT leicht durch den Ausfall eines Homoioteleuton erklärlich, und die Form 
G könnte immerhin entstanden sein, um eine gar zu auffällige Wiederholung 
(Samuel kam zu Saul) zu beseitigen. Allein die Wiederholung würde nur zum 
Teil beseitigt sein. Denn auch nach G ist Samuel schon am Anfang von V. 13 
„bei Saul" imd überrascht den Saul beim Opfer (,, siehe" stellt nach dem nächsten 
Sinne eine Selbstbeobachtung Samuels dar). Außerdem scheint der Einsatz in G 
dadurch veranlaßt zu sein, daß das Brüllen der Rinder (V. 14) nicht so unvermittelt 
auftritt; zudem lockte die Parallelerzählung 13, 7 ff . zur Ergänzung dieses Zuges, 
weil dort der Prophet ebenfalls Saul beim Brandopfer antrifft. Wer den Schluß 
von V. 12 schon im MT für sekundär hält, bekäme durch den G-Zusatz schließ- 
lich eine doppelte widersprechende Angabe darüber, bei welcher Gelegenheit Samuel 
den Saul angetroffen hat. Für jeden Fall brauchte aber Samuel sich nicht zu 
erkundigen nach dem Brüllen der Herden (V. 14) tmd sagte Saul etwas »Selbst- 
verständliches (V. 15 Schluß), wenn Samuel nach G den Saul beim Vollzug des 
Opfers antrifft. Auf Grund dieser Erwägmigen ist wohl GL sekundär gegenüber 
G und die Lesart G nicht an Stehe des MT einzusetzen (so u. a. auch Schi. K. 101). 
^ Der Übergang von V. 12aiifV. 13 bietet keine Schwierigkeit, obmandieS. 150 
Anm. 4 vorgeschlagene Ausscheidmig vornimmt oder nicht. W. 748 findet dagegen 
den Übergang recht schroff imd setzt deshalb 13, 3—10 hier ein. Dadurch wird zu- 
gleich die Zusammenkmif t Samuels und Sauls außerhalb Gilgals verlegt, da letzterer 
dem Propheten nach 13, 10 b entgegengeht, und so wäre es auch verständlich, 
wenn zweimal von einem ,, umkehren" die Rede ist (15, 25 30 f.). Allein W. er- 
hält damit auch eine unannehmbare Doppelmig hinein: 13, 10 und 15, 13 wird 
festgestellt, daß Samuel ankam (vgl. W. 156). Seh. 361 f. erschließt aus dem 
Zusammenhang von Kap. 15, daß Saul dem Samuel entgegengegangen ist; denn 
Saul grüße zuerst (vgl. auch W. 152). AUein es kann auch niu* eine Ehrung des 
Propheten darm liegen, daß Saul ihn zuerst begrüßt. Mit keinem Worte ist an- 
gedeutet, daß Saul seinen Aufenthaltsort verließ. N. 77 hält deshalb, Stade folgend, 
mit Recht fest, daß nach V. 13 Saul dem Samuel nicht entgegengegangen ist. 
Da nun im folgenden beide umkehren sollen, so nimmt N. an, daß das Stück mit 
V. 25 und V. 30 f. dem V. 13 widerspreche und deshalb einer andern Quelle zu- 
zuweisen sei. Allein von einem , .umkehren" kann nicht nur die Rede sein, wenn 
Saul dem Samuel von seinem Standort aus entgegen gezogen ist, sondern auch 
dami, wenn Samuel dem Saul nachgeeilt ist, ehe er vom Kriegszug gegen Amalek 
heimgekommen ist. Letzteres ist anzunehmen (vgl. S. 1 50 Anm. 4), und V. 34 läßt aus- 
drücklich erkennen, daß beide nach Hause zurückkehren sollten (vgl. Dh. 135 f.). 



152 J. Göttsberger 

zu opfern ; das übrige aber haben wir gebannt." ^ 16. Da sprach 
Samuel zu Saul: ,, Halt ein, und ich will Dir verkünden, was mir 
Jahwe heute nacht ^ gesagt hat." Da sprach er zu ihm: ..Rede!" 
17. Da sprach Samuel: ,,Bist Du nicht, obwohl klein in Deinen 
Augen, das Haupt der Stämme Israels ? Denn Jahwe hat Dich zum 
König über Israel gesalbt. 18. Es schickte Dich Jahwe auf den 
Weg und sprach: Wohlan, vollziehe den Bann an den Sündern, an 
Amalek und führe Krieg mit ihm bis zu ihrer Vernichtung ! 19. War- 
um hast Du nun auf die Stimme Jahwes nicht gehö#t und Dich auf 
die Beute gestürzt und Böses in den Augen Jahwes getan?" 20. Da 
sprach Saul zu Samuel: ,,Ich habe auf die Stimme Jahwes gehört 
und bin den Weg gezogen, den mich Jahwe geschickt hat, und habe 
den Agag, König von Amalek, gebracht, und Amalek habe ich ge- 
bannt. 21. Das Volk aber nahm von der Beute, Kleinvieh und 
Rindern, das Beste des Gebannten, um es Jahwe, Deinem Gotte, in 
GilgaP zu opfern."^ 22. Da sprach Samuel: ,,Hat Jahwe an Brand- 
opfern und Schlachtopfem solches Wohlgefallen wie am Gehorsam 
gegen die Stimme Jahwes ? Siehe Gehorsam ist besser als Opfer, 
beachten besser als Fett von Widdern. 23. Denn eine Sünde der 
Zauberei ist Widerspenstigkeit, und Frevel der Teraphim ist Auf- 
lehnung (?). Weil Du das Wort Jahwes verschmäht hast, hat er 
Dich als König verschmäht."^ 24. Da sprach Saul zu Samuel: 
,,Ich habe gesündigt; denn ich habe die Weisung Jahwes und Deine 



^ Die Antwort Sauls setzt V. 9 voraus, hat jedoch kehae Beziehung zu V. 8. 

^ Diese Zeitbestimmung läßt nicht erschließen, wo diese Unterredimg statt- 
fand. Vom Wohnort des Propheten war sowohl der Berg Karmel im Nordwesten 
wie ein anderes Karmel am Toten Meere an einem Tage erreichbar. Abgesehen 
davon ist nicht genau ersichtlich, wo die Offenbarung von V. 10 f. an Samuel 
erging. 

^ Der Vorgang spielte sich also nicht in Gilgal ab; sonst wäre diese Lokali- 
sierung des Opfers mmötig, ja im verständlich. Daß Saul Gilgal verlassen hätte, 
um Samuel zu begrüßen, wird nicht ausdrücklich erwähnt, imd selbst wenn man 
ein ,, entgegengehen" frei ergänzen wollte, könnte nur an eine kurze Strecke gedacht 
werden, so daß die Nennung Gilgals wiederum nicht viel verständlicher würde. 

* V. 16—19 lassen sich sehr wohl als Fortsetzung der vorausgehenden Er- 
zählung verstehen. Dagegen geht die Rechtfertigung Sauls V. 20 f. in keinem 
Punkte über eine Wiederholung von V. 15 hinaus. Sachlich kehren mehrere An- 
gaben wieder; die Form erinnert eher an V. 8. 

■• W. 157 fügt hier 13, 13 f. an. Damit bekommt er zweimal nacheinander 
ein ,,da sprach Samuel" in den Text; er sucht das durch ein eingeschobenes „weiter" 
erträglich zu machen. Aber es wird dadurch auch nocli eine inhaltliclie Doppelung 
unmittelbar nacheinander geschaffen. 



Die Verwerfung des Saul. 1 Sm 13 und 15 153 

Worte übertreten ; denn ich hatte Furcht vor dem Volke und folgte 
seiner Stimme i. 25. Und nun nimm meine Sünde hinweg und kehre 
mit mir zurück ^, damit ich Jahwe anbete!" 26. Da sprach Samuel 
zu Saul: ,,Ich werde mit Dir nicht zurückkehren; denn Du hast das 
Wort Jahwes verschmäht, und Jahwe hat Dich verschmäht, König 
über Israel zu sein."^ 27. Da wandte sich Samuel, um zu gehen, 
und er * erfaßte den Zipfel seines Mantels, und der riß. 28. Da 
sprach Samuel zu ihm: ,, Gerissen hat Jahwe das Königtum Israels 
von Dir ^ am heutigen Tage und hat es einem andern als Dir ge- 
geben, der besser ist als Du ^. 29. Auch täuscht der Ruhm Israels ' 
nicht und empfindet keine Reue ^ ; denn er ist nicht ein Mensch, 
daß er der Reue zugänglich wäre." 30. Da sprach er^: ,,Ich habe 
gesündigt; aber erweise mir doch jetzt Ehre vor den Ältesten 
meines Volkes und vor Israel und kehre mit mir zurück, auf daß ich 



^ Dieser Rechtfertigungsversuch Sauls ist kein genügender Grund, um mit 
K. und Schi. (s. oben S. 149 Anm. 2) V. 8 und 9 danach zu ändern und Sauls 
Mitschuld herauszukorrigieren. 

2 Dieses ,, zurückkehren" läßt sich nicht rechtfertigen, wenn beide in Gilgal 
sind oder Saul dem Samuel nur eine kurze Strecke (so z. B. nach Schi. K. 103 
außerhalb des Lagers) zur Begrüßimg entgegengegangen ist, ist vollkommen be- 
greiflich, wenn Saul noch auf dem Kriegspfade sich befindet, etwa in Karmel, 
wie schon oben (S. 150 Anm. 4) erschlossen worden ist. Damit fäUt auch einer der 
Gründe weg, weshalb N., Stade folgend, hier eine neue Quelle annimmt. — Wohin 
soll die Rückkehr stattfinden? Das Opfer wird für Gilgal in Aussicht genommen, 
und dort war wohl auch die Verehrung Jahwes zu vollziehen. Später, nachdem 
Samuel eingewilligt hat, mit Saul zurückzukehren (V. 31), finden wir die beiden 
wirkUch in Gilgal (V. 33). 

^ Die Wiederholung des Wortspieles von V. 23 fällt auf. In V. 26 ist es enger 
mit dem Vorausgehenden verknüpft: Samuel will nicht mit Saul zu Jahwe, dessen 
Wort der König mißachtet hat. 

* Man vermißt hier empfindlich die Nemiimg des wechselnden Subjekts. 
G ergänzt „Saul". 

'" Auch hierauf dehnt sich das Wortspiel aus: m®'ü = Mantel, me'äleka = 
von dir. 

® Diese wiederholte Ankündigmig der Vers^erfmig ist diu-ch den ominösen 
Vorgang und das Wortspiel gut begründet. 

■^ Ein auffälliger Ausdruck! Der Zusammenhang macht es sicher, daß er das 
Subjekt Jahwe bezeichnen will. 

^ Das ist das Gegenteil von dem, was V. II ausgesprochen ist. Obwohl beide 
Aussagen für sich gerechtfertigt werden können — V. 1 1 vertritt die anthropomorphe, 
V. 29 die theologische korrekte Aixffassmig — , ist doch gegen W. 152 festzuhalten, 
daß beide Ausdrucksweisen nicht im Zuge emer Erzählung imterkommen können. 

^ Daß das Subjekt fehlt, ist wiederum hart; G ergäiizt es auch hier. 



164 J. Göttsberger 

Jahwe, deinen Gott, anbete." ^ 31. Da kehrte Samuel hinter Saul 
her zurück 2, und Saul betete Jahwe an. 32. Da sprach Samuel: 
,, Bringet Agag, den König von Amalek, zu mir!" Da ging Agag 
wankend (?)3 zu ihm. Da sprach Agag: ,, Fürwahr, gewichen ist 
die Bitterkeit des Todes." 33. Da sprach Samuel : ,,Wie dein Schwert 
Weiber kinderlos gemacht hat, so soll deine Mutter mehr als andere 
Weiber kinderlos werden." Und es hieb Samuel den Agag vor 
Jawhe in Gilgal in Stücke *. 34. Da begab sich Samuel nach 
Rama, und Saul zog in sein Haus nach Gib'a Sauls hinauf. 35. Und 
Samuel sah den Saul bis zu seinem Todestage nicht mehr ^ ; denn 
es trauerte ß Samuel dem Saul nach; Jawhe hatte es ja gereut', 
den Saul zum König über Israel gemacht zu haben. 



In der Textbeurteilung, in der literarkritischen Auffassung und 
Erklärung mußte eine genaue Behandlimg von Kap. 13 und 15 
vielfach zu andern Resultaten kommen, als sie vorwiegend von 
den Exegeten vertreten werden. Im Unterschied von Kap. 13 ist 
bei Kap. 15 die Gesamtauffassung: Verwerfungsgeschichte Sauk, 
nicht geändert worden; aber die Frage, in welcher Beziehung 13, 7 ff. 
und 15, 13 ff. zueinander stehen, wird wesenthch anders beant- 
wortet werden müssen, als es bisher geschah. 

1 Inhaltlich im wesentlichen = V. 24 f. 

2 Die gleiche Bitte hat hier den entgegengesetzten Erfolg wie V. 26. — B., 
N. u. a. weisen V. 24—31 einer andern Quelle zu. Damit fällt allerdings eine 
Doppelung V. 23 und V. 26 auf verschiedene Quellen. Aber die Doppelimg V. 24 
bis 26 = V. 30 f. bleibt innerhalb einer Quelle beisammen. Wenn es richtig ist, 
daß der Vorgang nicht in Gilgal stattfand, brauchen wir außerdem die Rückkehr 
des Samuel mit Saul (V. 31) für V. 32, der sich nach den erwähnten Erklären! 
unmittelbar an V. 23 anschließen soll. 

3 Die Übersetzung „heiter" fußt darauf, daß man auf Agags Ausspruch 
Rücksicht nehmen zu müssen glaubt. Allein die Wiederholung des Subjektes 
„Agag" macht es unwahrscheinlich, daß beide miteinander in Beziehung zu 
bringen sind. 

* Nur an Agag wird der Bann nachgeholt; vgl. dazu V. 8, wo ebenfalls nur 
Agag geschont, das übrige Volk aber gebannt wiurde. Von den übrigen Gütern 
des Volkes Amalek ist hier nicht die Rede. V. 33 scheint also zu der Erzählung, 
die V. 14 und V. 9 enthält, nicht zu geliören. 

V. 34 f. kann sicli zwar auch an den Abschluß der Episode in Gilgal an- 
fügen. Der endgültige Bruch Samuels mit Saul paßt aber besser zu V. 26. 

" Vgl. V. 11c. 

' Vgl. V. IIa - im Gegensatz zu V. 29. 



Die Verwerf iing des Saul. 1 Sm 13 und 15 155 

In der vorkritischen Epoche, die auch jetzt noch Vjei grund- 
sätzhchen Gegnern der Literarkritik nicht überwunden ist ^, sah 
man 13, 7 ff . und 15, 13 ff. als zwei Vorgänge an, die sich in ver- 
schiedenen Zeitpunkten während des Lebens Sauls zugetragen 
haben, und zwar als eine zweimalige Verwerfung Sauls: 13, 7 ff . 
erzähle etwa die Verwerfung der Familie, 15, 13 ff, die der Person 
Sauls. Nun ist aber weder klar ausgesprochen noch auch nur 
irgendwie -angedeutet, daß es sich das eine Mal um die Dynastie, 
das andere Mal um die Person Sauls handle 2. 13, 7 ff . ist gar 
keine Verwerfungsgeschichte, und damit können wir auf den un- 
haltbaren Ausgleich verzichten. Außerdem wird im Gegensatz zu 
dieser antikritischen Richtung ohne Zugeständnisse an die Literar- 
kritik eine befriedigende Erklärung der Texte nicht möglich sein. 

Fast allgemein ruft die herrschende kritische Exegese die 
Literarkritik zu Hilfe bei unserer Frage, und zwar in doppelter 
Form. 

Da auch sonst in den Samuelgeschichten eine doppelte Über- 
lieferungsform sich beobachten läßt, so lag es nahe, in jeder eine Ver- 
werfungsgeschichte Sauls vorauszusetzen und sie in 13, 7 ff. und 
15, 13 ff. zu sehen. Nur wenige Erklärer waren mit dieser ziemhch 
einfachen Lösung zufrieden ^. Die Mehrzahl fühlte trotzdem noch 
Schwierigkeiten und glaubte sie durch eine verwickeitere Literar- 
geschichte verursacht: 13, 7 ff . schien ihnen nachträgUch in die 
eine der beiden hauptsächlichsten Samuelüberheferungen hinein- 
redigiert *. Aber 13, 7 ff. als ein selbständiges Bruchstück zu be- 
trachten, das mit den sonstigen Quellen der Samuelgeschichten 
nicht zusammenhängt, geht deshalb nicht an, weil 10, 8 schon 
darauf vorbereitet. Wollte man, wie vielfach gescliieht ^, auch 
10, 8 als eine redaktionelle Glosse ausscheiden, so steht dem ent- 
gegen, daß 10, 8 mit den vorausgehenden Versen und mit den nach- 



^ Als Vertreter dieser Ansicht darf Himpel, Über Widersprüche und ver- 
schiedene Quellenschriften der Bücher Samuels (Theol. Quartalschrift LVI [1874] 
71-126 237-281) angeführt werden (vgl. 98 ff.). 

2 Siehe W. 151 f.. Seh. 254 f. 

3 Dh. 127, Sm. XXI. 

* So B. 86 f., Cook XIX 376 A. 1, L. 270 283, N. 58, Seh. 2.53 f., Stenning 
in Hastings, Dictionary of the Bible IV 386b u. a. (vgl. N. XXX f.), auch Well- 
hausen, J., Der Text der Bücher Sainuelis untersucht (Göttingen 1871) 32 f. — 
Zwischen beiden Ansichten schwankt Kittel, K., Geschichte des Volkes Israel II * 
(Gotha 1909) 30 143 A. 4. 

5 Vgl. die Vcrteilimg der Sm-Bücher auf die Quellen bei N. XXX f. 



156 J. Göttsberger 

folgenden enge verbunden ist, und daß nicht Vjloß dieser eine Zug 
Kap. 13 mit Kap. 10 verknüpft. Ist die Isolierung von 13,7 ff. 
abzulehnen, so muß das Stück folgerichtig einer der beiden Haupt- 
quellen der Samuelüberlieferungen angehören. Ohne weitere Be- 
weisführung dürfen wir voraussetzen, daß 1 Sm 1 — 15 keine litera- 
rische Einheit darstellen; derm der einstimmigen Ansicht der kriti- 
schen Exegetenschule haben sich auch gewichtige Vertreter der 
kathohschen Exegese angeschlossen^. Aber ob man 13, 7 ff . 
literarkritisch so oder so unterbringt, eine Lösung der Schwierig- 
keiten ist damit nicht erreicht ^. Denn die literarkritische Ein- 
reihung vermag wohl die Beziehungen zum übrigen Textbestande 
zu klären, kann aber die dem Stücke iimerhch anhaftende Sch\\aerig- 
keit, worin die Schuld des Saul zu finden ist, nicht aufhellen. 

Mit Recht hat darum W, die Frage trotz aller Bemühungen 
noch als ungelöst betrachtet. Er sucht die Lösung auf einem 
neuen Wege und erklärt 13, 7 ff . und 15, 13 ff. als versprengte 
Stücke einer ursprünglich einheitlichen Erzählung, die zu einem 
logisch geschlossenen Ganzen mosaikartig wiederum zusammen- 
zufügen Aufgabe der Exegese sei. Es kommt zu folgender An- 
ordnung der Verse: 15, 1 — 3+10, 8-f 15, 4 — 9+15, 10—12 
+ 13, 3—10+15, 13+13, 1112+15, 14—23+13, 13 14 
+ 15, 24 — 33+13, 15a +15, 34+13, 15b— 18 23+14, 1 ff. 
Dieser neue Lösungs versuch bricht vollständig mit der herr- 
schend gewordenen Uterarki'itischen Tradition, ist kühn entwor- 
fen und scharfsinnig durchgeführt und beseitigt wirkhch die 
Hauptschwierigkeit von 13, 7 ff . Dadurch, daß W. 13, 7 ff . in 
15, 13 ff. hineinschiebt, ist Sauls Verwerfung verschuldet durch 
Schonung des Amalekiterbesitzes sowohl für 13, 7 ff. wie für 15, 
13 ff., und damit hängt das göttliche Gebot von 13,7 ff. nicht mehr 
in der Luft. Daß zugleich die zweimalige Verwerfung des Saul 
in eine einzige verschmilzt, ist mindestens kein Nachteil für die 
Hypothese. Trotzdem muß man W.s Versuch ein gewaltsames 
Zerhauen des gordischen Knotens nennen ; eine allseits befriedigende, 
kunstvolle Lösung des Knotens ist er nicht. Gewichtige, ja ent- 
scheidende Bedenken stellen sich ihm entgegen. Zu allererst macht 
mißtrauisch, daß der gegenwärtige Text durch höchst komplizierte 
Eingriffe und Zufälle verwirrt worden sein soll ^. Der Mangel jeg- 

1 So P., Dh., Seh. 

^ Das hat besonders scharf und treffend Seh. 253 hervorgehoben. 

=• W. 160. 



Die Verwerfung des Saul. 1 Sm 13 und 15 157 

liehen textkritischen Zeugnisses verlangt, daß die Störung vor alle 
alten Übersetzungen angesetzt werden muß. Nur mit Änderungen 
kann der überlieferte Text den Anforderungen der neuen Reihen- 
folge angepaßt werden. Erhebliche neue Schwierigkeiten er- 
wachsen aus dem umgestellten Texte ^. Selbst wenn ein im wesent- 
lichen glatt fließender Text entstände, kömite W.s Umstellung 
so lange noch als Zufallsergebnis betrachtet werden, als nicht hin- 
reichende positive Anhaltspunkte für die neue Anordnung angeführt 
werden können. Da aber so vieles dagegen und nichts dafür spricht, 
ist auch W.s Versuch in seinem Kernpunkte als gescheitert zu 
betrachten. 

Zu einem befriedigenden Resultate kommt man nur, wenn 
man aus der oben wiedergegebenen Auffassung von 13, 7 ff . die 
entsprechenden Folgerungen zieht. 1 Sm kennt bloß eine ein- 
malige Verwerfung des Saul, mid diese war verschuldet durch 
Übertretung des göttlichen Gebotes, den Bann an Amalek zu voll- 
ziehen. Auch 1 Sm. 28, 17 f., wo an Sauls Verwerfung erimiert 
wird, stützt sich nur auf Kap. 15. 1 Sm enthält auch bloß eine 
einmahge Erzählung, wie und warum Saul das Königtum verlor, 
nämlich 15, 13 ff. 

1 Sm 13, 7 ff. darf nicht als eine Verwerfung des Saul erklärt 
werden. Nach dem richtig verstandenen Text ist das Vorkommnis 
etwas ganz anderes als ein strafbares Vergehen Sauls, und Samuel 
benützt es, um es als verhängnisvolles Omen für die kurze Dauer von 
Sauls Königtum zu deuten. Seh. 253 schloß aus einer Reihe von Be- 
rührungspunkten, daß 13, 7 ff. und 15, 13 ff. materiell dasselbe Er- 
eignis behandeln. Bei genauem Zusehen bleibt so gut wie nichts 
mehr übrig von den bei Seh. aufgezählten Berührungspunkten. 
Wie schon hervorgehoben wurde, haben wir ein Verwerfungsurteil 



^ Z. B, 15, 8 = 15, 9 werden als fortlaufende Angaben betrachtet, obwohl 
eine Wiederholung eines Zuges vorliegt (W. 599; s. oben S. 149 Anm. 2). 15, IIb 
beseitigt W. 748 die eine Schwierigkeit durch Textveränderung nach G, die andere, 
obwohl G gleichfalls ändert, durch eine grammatisch anfeclitbare Deutung (s. 
oben S. 150 Anm. 4). 13, 10 + 15, 13 ergibt eine doppelte Angabe: Samuel kam 
(W. 156). 15, 13 + 13, 11 f. Stelleu ein unverständliches Gespräch dar: Samuels 
Frage 13, 11 muß sich auf 15, 13 beziehen und letzteres auf die Bannimg Amaleks; 
Sauls Antwort aber springt auf die Wartezeit über (13, 8 f. vor 15, 13); beide reden 
aneinander vorbei; W. 159 f. sucht den Zusammenhang umständlich klarzumachen 
imd offenbart damit, daß die Aufeinanderfolge nicht befriedigend ist. 13, 13 
wird durch 15, 14—23 von 13, 12, der symbolische Vorgang von der deutenden 
Anwendmiggetremit; zudem entsteht eine Doppelung: 15, 22a = 13, 13a (W. 156 f.). 



158 J. Qöttsberger, Die Verwerfung des Saul. 1 Sra 13 und 15 

nur in 15, 13 ff., nicht in 13,7 ff. Ebensowenig läßt sich tatsächlich 
in 13, 7 ff . ein Ungehorsam Sauls gegen Gott nachweisen. Der 
Ort des Vorgangs ist Gilgal in 13, 7 ff., aber nicht in 15, 13 ff. 
Zu einer Opferhandlung kommt Samuel wiederum nur in 13, 7 ff., 
aber keineswegs in 15, 13 ff., wo er Saul bei Aufstellung einer Sieges- 
säule antrifft. Daß eine Ähnlichkeit zwischen beiden Erzälüungen 
vorhanden ist, soll nicht geleugnet werden. Hat doch eine ganze 
moderne Exegetenschule daraus Parallelerzählungen gemacht, und 
schon in ältester Zeit hat dieser Eindruck auf die Leser einen Weg 
für die Kontamination der beiden Stücke, für Angleichungen her- 
über und hinüber eröffnet. Aus 13, 9 f. stammt die Ergänzung in 
G zu V. 12, die Saul eben ein Opfer darbringen läßt, und viel- 
leicht auch schon im MT V. 12 Schluß, wodurch auch dieser Vor- 
gang in Gilgal lokalisiert wird. Umgekehrt wird es wahrscheinhch 
nicht anders gegangen sein, und diese Mutmaßung liefert eine neue 
erwünschte Stütze für die oben schon anders begründete Ansicht, 
daß die Bezugnahme auf Übertretung eines göttlichen Gebotes 
aus Kap. 15 in die Erzählung von 13, 7 ff . versclileppt worden ist 
und sich zu einer folgenschweren Crux interpretum ausge- 
wachsen hat. 



Zur Geschichte der Diakoneiibeicht iui Mittelalter. 



Von 



Kgl. Gymn.-Prof. Dr. Georg Gromer in Neuburg a. D. 

Mit der Christianisierung der germanischen Völker trat eine 
gewisse Änderung in der Bußdisziplin ein. Wenn auch ihre wesent- 
lichen Bestandteile der Sache nach die gleichen blieben, so wurde 
es doch notwendig, die Art und Weise der Bußhandhabung den 
nationalen Anschauungen und Sitten der neubekehrten Völker an- 
zupassen ^. 

Bei den germanischen Völkern wurden fast alle Vergehen durch 
das Wergeid bestraft. Die Schuldigen mußten den angerichteten 
Schaden gemäß einer gesetzlichen Schätzung ersetzen. Dieser 
Rechtsgrundsatz wurde nun fürs geistliche Leben angewendet. Die 
Schuld des Sünders wurde abgeschätzt und eine angemessene Buße 
dafür verlangt. Diese sollte ein Entgelt für die Gott oder der Kirche 
zugefügte Beleidigung sein. Darum wurde, während in den früheren 
Zeiten die Bußen für alle Sünder die gleichen waren, jetzt die Buße 
der Schuld angepaßt, war also je nach den begangenen Sünden 
verschieden. Dadurch wurde naturgemäß die Genugtuung durch 
Bußwerke besonders in den Vordergrund gehoben ^. 

Welche Bußen für die einzelnen Sünden aufzuerlegen waren, 
zeigten die Bußbücher ^, die seit dem 6. oder 7. Jahihundert in 
Irland und England entstanden und dann hauptsächlich dm-ch 
angelsächsische Missionäre auch auf dem Festland sich verbreiteten, 



^ Siehe Boudinhon, Sur l'histoire de la p^nitence (Revue d'histoire et de 
litt6rature religieuses, Paris 1897, 306 ff., bes. 496—503). 

2 Einen Einfluß hat auf diese Entwicklung auch die besonders in Klöstern 
übliche Devotionsbeichte und Übernahme von Bußwerken ausgeübt. Die Missions- 
Mönche waren ja die hauptsächlichen Verbreiter dieser Beicht- und Bußpraxia. 

^ Regino, De synodalibus causis et disciplinis I 59 (ed. Wasserschlebeu, Lipsiae 
1840, 23): luxta qualitatem delicti poenitentiam iniungat, non ex corde suo, eed, 
sicut in poeniteutiali scriptum est. 



160 Georg Gromer 

besonders in Frankreich und Deutschland, dann auch in Itahen 
und Spanien, wo sie sich erst nach längerem Widerstand durch- 
setzten. Die ganze Bußpraxis des früheren Mittelalters war nor- 
miert durch die Bußbücher, so daß man von einer eigentlichen Buß- 
bücherpraxis sprechen kann. 

Dabei waren die Pönitenten nicht mehr vom christhchen Ge- 
meindeleben ausgeschlossen, wenn auch der Empfang der hl. Kom- 
munion ihnen zeitweise versagt war. Diese Praxis mußte allmählich 
zu einem Überragen der geheimen Beichte führen. In der eng- 
lischen Kirche, der Heimat der Bußbücher, scheint die öffentUche 
Buße überhaupt unbekannt gewesen zu sein ^. 

Das Hauptgewicht der ganzen Bußhandlung ruhte in 
der Bußauflage. Durch sie wurde der Sünder befreit von den 
Fesseln der Sünde. Auferlegt wurde die Buße nach einem voraus- 
gehenden Bekenntnis der Sünden ^ durch die kirchliche Autorität. 
Berechtigt zur Entgegennahme des Schuldbekemitnisses und der 
Auflage der Buße war der Bischof und Priester. ,,Es ist dem Diakon 
nicht erlaubt", sagt das Pönitentiale Theodors, ,, einem Laien eine 
Buße aufzulegen, sondern Bischof und Priester müssen sie geben." ^ 
Dasselbe Verbot ist in der in den Bußbüchern immer A^iederkeliren- 
den Formel ausgesprochen: ,, Nicht alle Kleriker, welche diese 
Schrift finden, sollen sie gebrauchen oder lesen, sondern jene allein, 
welchen es notwendig ist, nämlich Bischöfe und Priester. Demi wie 
niemand das Opfer darbringen darf als die Bischöfe und Priester, 
welchen die Schlüssel des Himmels übergeben sind, so dürfen 
sich auch keine anderen jene Richtersprüche anmaßen." •* 

Für die Bischöfe und Priester waren die Bußbücher bestimmt. 
Diese sollten die Beichte entgegeimehmen vmd die Buße auflegen. 



^ Poenitentiale Theodori I 13 § 4 (Wassersclileben, Die Bußordiiimgen der 
abendländischen Kirche, Halle 1851, 30). — Vgl. Gromer, Die Laienbeicht im 
Mittelalter (München 1909) 6 ff . 

- Siehe Gromer a. a. O. 7 A. 4. 

^ Poenitentiale Theodori II 2 § 15 (Wasserschieben a. a. O. 204): Non licet 
diacono laico poenitentiam dare, sed episcopi aut presbyteri dare debent. 

* Non etiam omnea clerici hanc scripturam usiirpare debent vel legere, qui 
inveniunt eam, nisi soli illi, qiiibus necesse est, hoc est episcopis, presbyteria. 
Sicut enim sacrificium offerre non debent, nisi episcopi, vel presbyteri, quibua 
claves regni coelestis traditae sunt, sie nee indicia iata alii usurpare debent. So 
das Poenitentiale Pseudo-Bedae (Wassersclileben a. a. O. 251). das Poenitentiale 
Pseudo-Romanum (W. 361), das Poenitentiale Merseburgense (W. 389). Cfr. 
Theodori Poenitentiale, cap. 31 (Migne, P. L. 99, 946). 



Zur Geschichte der Diakonenbeicht im Mittelalter 161 

Falls nun in einem Notfall der Priester nicht bereit war 
sein Amt auszuüben, war es naheliegend, daß sein näch- 
ster Gehilfe, der Diakon, es tat, der nach dem Priester 
am besten das lateinische Bußbuch lesen und handhaben 
konnte ^. 

TatsächHch nahmen auch etwa seit dem 8, Jahrhundert ^ im 
Notfalle Diakonen das Sündenbekenntnis der Pönitenten ent- 
gegen und legten eine entsprechende Buße auf. So sagt das Poeni- 
tentiale Pseudo-Romanum : Si autem necessitas evenerit et 
presbyter non fuerit praesens, suscipiat diaconus poeni- 
tentem ad satisfactionem vel (= et) sanctam communio- 
nem^. Der Diakon hatte demnach im Notfalle die Bußauflage zu 
erteilen, was nur nach einem vorausgegangenen Schuldbekenntnis 
des Sünders möglich war, und darauf die Eucharistie zu spenden. 
Das setzt aber eine Befreiung des Sünders von den Banden der 
Sünde und damit seine Aussöhnung mit Gott voraus. 

Der angeführte Satz aus dem Poenitentiale Pseudo-Romanum 
wurde in der Bußbücherpraxis geradezu zum Axiom. Er kehrt 
wieder in dem Poenitentiale Sangallense *, in dem Poenitentiale 



^ Königer, Die Beicht nach Caesarius von Heisterbach (München 1906) 70 A. 3. 

^ Allerdings war auch im christlichen Altertum in der nordafrikanischen imd 
spanischen Kirche eine Art Diakonenbeicht üblich (Cyprian, Ep. 18; ed. Hartel 
523/4): Quoniam tamen video facultatem veniendi ad vos nondum esse et iam 
aestatem coepisse, quod tempus infirmitatibus adsiduis et gravibus infestat, occur- 
rendum puto fratribus nostris, ut qui libellos a martyribus acceperunt, et prae- 
rogativa eorum apud Deum adiuvari possunt, si incommodo aliquo et infirmitatis 
periculo occupati fuerint, non expectata praesentia nostra, apud presbyterum 
quemcumque praesentem, vel si presbyter repertus non fuerit et urgere exitus 
coeperit, apud diaconum quoque exomologesin facere delicti sui possint, 
ut manu eis in poenitentiam imposita veniant ad Dominum cum pace, quam dari 
martyres litteris ad nos factis desideraverimt. — Konzil von Elvira can. 32 (Mansi, 
Amplissima Collectio Conciliorum II 11): Apud presbyterum, si quis gravi lapsu 
in ruinani mortis inciderit, placuit agere poenitentiam non debere, sed potius 
apud episcopum : cogente tamen inf irmitate necesse est presbyterum communionem 
praestare debere et diaconum, si ei iusserit sacerdos. Mögen auch äußerlich 
diese Texte zur Begründung der mittelalterlichen Diakonenbeicht gedient haben 
(Cfr. E. Vacandard, Etudes de Critique et d'Histoire religieuse, Deuxieme s^rie, 
Paris 1910, 111), ein innerer Zusammenhang zwischen Diakonenbeicht im christ- 
lichen Altertum und Mittelalter schehit nicht zu bestehen, da letztere andere 
Grmidlagen hatte. (Vgl. Königer a. a. O. 70 A. 3.) 

' Poenitentiale Pseudo-Romanum (Wasserschieben a. a. O. 361). 

* Poenitentiale Sangallense tripartitum des (üod. Sangall. 150 (Schmitz, 
Die Bußbücher und das kanonische Büß verfahren II, Düsseldorf 1888, 178): ... 
Festgabe Knöpflei 11 



162 Georg Gronier 

Theodor!^, in dem Poenitentiale Pseudo-Bedae ^ und in dem Poe- 
nitentiale Merseburgense ^. Daß in einigen ^ Bußbüchern die Worte 
„ad satisfactionem" fehlen, kann an der Sache nichts ändern. Der 
Sinn bleibt der gleiche wie in dem Poenitentiale Pseudo-Romanum^. 
Das wird man schließen dürfen aus dem engen Zusammenhang 
dieses Satzes mit dem anderen , daß nur Bischof und Priester die 
Richtersprüche über die Büßer, d. h. die Bußauflage erteilen sollen. 

Auch bei der öffentlichen Bußpraxis waren die Diakonen be- 
teiligt, wie die Bußbücher von Fleury ^ und St. Gallen ' andeuten. 
Da wird der ganze Ritus beschrieben. Zunächst werden einige 
Fragen an den Pönitenten gerichtet. Dami legt dieser eine voll- 
ständige Beichte ab, es folgen verschiedene Gebete, und darnach, 
wenn der Sünder schwere Vergehen hat, sprechen Priester oder 
Diakon über sein Haupt Gebete, worauf zum Schluß gebetet ^vird : 
Confirma hoc Deus. Hier wird, ohne es auf einen Notfall zu be- 
schränken, dem Diakon dasselbe Recht zugestanden, Gebete über 
die Büßer zu sprechen, wie dem Priester. Ob diese Gebete die 
Rekonziliation bedeuten, kann bei dem allgemein gehaltenen Wort- 
laut nicht bestimmt entschieden werden, immerhin liegt es nahe, 
da diese Gebete auf die Beichte der schweren Vergehen folgen und 
ihren Schluß finden in dem Confirma hoc Deus, Gott soll bekräftigen, 
was die Gebete des Priesters oder Diakons bewirkt haben. 

Auch die neuen Bußschriften des 9. und 10. Jahrhunderts 
gestehen dem Diakon für den Notfall das Recht der Bußauflage zu. 
So wiederholt Halitgar ^ den Satz des Poenitentiale Pseudo-Roma- 
num, daß im Notfalle der Diakon den Büßer zur Buße und Kom- 
munion aufnehmen solle, während Regino ^ und Burchard von 

diaconus suscipiat poenitentiam. Sachlich ist dieser Satz nicht verschieden von 
der oben angegebenen Lesart in den andern Bußbüchern. 

1 Theodori Poenitentiale cap. 31 (Migne, P. L. 99, 946). 

'^ Poenitentiale Pseudo-Bedae (Wasserschieben a. a. 0. 251). 

^ Poenitentiale Merseburgense (Wasserschieben a. a. 0. 389). 

■^ So in dem Bußbuch Theodors, Pseudo-Bedas und in dem von Merseburg. 

=* Königer a. a. O. 70 A. 3. 

* Poenitentiale Floriacense, praef. (Wasserschieben a. a. O. 423): Postea 
ßi causas criminales habet, aut presbyter aut diaconus super caput eius collectas 
dicant, et postea prostrati in terra Domino Deo coeli commendetur, et dicant 
capitulum: Confirma hoc Deus. 

■^ Poenitentiale Sangallense, praef. (Wasserschieben a. a. O. 426). 

« Halitgar lib. VI praef. (Migne, P. L. 105, 718 sq.). 

'■' R Ogino. Libri duo de synodalibus causis et disciplinis ecclesiasticis I 300 
(od. Wasserschieben, Lipsiae 1840, 139). 



Zur Geschichte der Diakonenbeicht im Mittelalter 163 

Worms ^ den Kanon ohne den Zusatz ad satisfactionem wieder- 
geben. 

So gestatteten die Bußbücher den Diakonen eine weitgehende 
Anteihiahme in der Bußpraxis : Im Notfalle konnten die Diakonen 
dem Büßer nach vorausgehender Beichte die Bußauflage erteilen ^. 

Daß man in der Praxis nach den in den Bußbüchern ange- 
gebenen Prinzipien handelte, zeigen andere Quellen. Zum ersten 
Male wurde auf dem Konzil zu Tribur im Jahre 895 der später 
immer wiederkehrende Satz aufgestellt, daß einem Diebe oder 
Räuber, der verwundet wurde und in Erwartung des Todes in from- 
mer Weise um die kirchlichen Tröstungen bitte und Gott und dem 
Priester beichte, die heilige Kommunion nicht zu verweigern sei '. 
Ob die Lesart ,,Gott und dem Priester" ursprünglich ist, oder 
aber, ob der Text lautete ,,dem Diakon und dem Priester", läßt 
sich nicht mit Bestimmtheit sagen *. Sicher aber ist, daß die 
gleichzeitigen oder nachfolgenden Schriften die Bestimmung wieder- 
geben mit dem Wortlaut: ,,Fures et latrones, si in furando aut 
praedando occidantur, visum est, pro eis non orandum. Si com- 
prehensi, aut vulnerati, presbytero aut diacono con- 
fessi fuerint, communionem eis non negamus." So be- 
richten Regino ^ und im Anschluß an ihn Burchard von Worms " 
und Ivo von Chartres '. Im gleichen Wortlaut ging der Kanon 

1 Burchard, Decretum XIX 153-154 (Migne, P. L. 140, 1013). Vgl. Königer, 
Burchard I. von Worms und die deutsche Kirche seiner Zeit (München 1905, 
137 A. 3: „Daß es sich auch bei Burchard nur um Bußauflage und Kommunion 
handelt, zeigt sein vorhergehender Kanon XIX 153"), und Steitz, Das römische 
Bußsakrament (Frankfurt 1854) 118 ff. 

- Vgl. Löning, Geschichte des deutschen Kirchenrechts (Straßburg 1878) 
II 477. 

3 Conc. Tribur. can. 31 (Mansi XVIII 148): Si autem ille für vel latro . . . 
Deoque et sacerdoti, comite vita emendationem morum et actuum confitetur: 
communionis gratiam non negamus tribuendam. 

* Laurain, De l'intervention des laiques, des diacres et des abbesses dans 
l'administration de la p6nitence (Paris 1897) 85—87, hält die Lesart presbytero 
et diacono für ursprünglich, ebenso Vacandard, La confession dans l'eglise latine 
du 50— 13« s. (Revue du clerg6 fran9ais 1905, 243). Aber die Fassung der Be- 
schlüsse des Konzils von Tribur, welche Krause (im II. Bande der Capitularia 
regum Francorum ed. Boretius-Krause S. 196 ff.) für die authentische hält, hat 
den Diakon nicht erwähnt; auch Handschriften der kürzeren Fassung enthalten 
nicht die Worte „vel diacono" (a. a. O. S. 231). 

" Regino, De eccles. disc. II 94 (Migne, P. L. 132, 302). 

« Burchard, Decr. XI 59 (Migne, P. L. 140, 870). 

7 Ivonis Decretum XIII 45 (Migne, P. L. 161, 812). 

11* 



164 Georg Gromer 

in das Dekret Gratians^ über, wurde er in die Bestimmungen des 
unter Alexander III. im Jahre 1163 in Tours ^ abgehaltenen Konzils, 
in die des Dritten Laterankonzils ^ im Jahre 1179 und in die Dekre- 
talensammlungen Gregors IX. * aufgenommen. 

In dieser Bestimmung, die vom 9. bis zum 13. Jahrhundert 
oftmals wiederholt wurde, sprach sich derselbe Grundgedanke wie 
in den Bußbüchern aus. Der Sünder beichtete, falls er einen Priester 
nicht haben konnte, dem Diakon, dieser rekonzihierte ihn ^ und 
spendete ihm die hl. Kommunion ^. Übrigens kehrt noch im 
11. Jahrhundert die alte Formel der Bußbücher wieder: Si autem 
necessitas evenerit et presbji;er non fuerit praesens, diaconus 
suscipiat poenitentiam ac det sanctam communionem. So bei 
Pseudo-Alkuin "^ und in ähnUcher Form bei Ivo von Chartres ^. 

Lanfrank lehrte, falls man dem Priester wegen Nichthaltens 
des Beichtgeheimnisses nicht beichten könne, müsse man die ver- 
borgenen Sünden dem Diakon, falls ein solcher nicht vorhanden 
sei, dem Subdiakon, und wenn auch ein solcher nicht zur Stelle sei, 
einem niederen Kleriker beichten. Wemi man unter den Ordines 
ecclesiastici keinen Beichtvater finde, solle man irgendeinen reinen 



1 Decr. Grat. c. 31, C. XIII q. 2, 

^ Concilium Turonense, can. 7 (Mansi XXI 1182). 

^ Appendix ad Conc. Lateranense pars 34 cap. 2 (Mansi XXII 391). 

* c. 2, X de furtis V, 18. 

^ Um die zweite Hälfte des 10. Jahrhunderts wurde es allgemein üblich, 
sofort nach der Beichte die Rekonziliation zu spenden. (Belege siehe bei Gromer 
a. a. O. 8.) Wenn in dem genamiten Kanon die Rekonziliation nicht erwähnt 
ist, so ist eüie solche doch anzunehmen, da zwischen Beichte und Spendimg der 
Eucharistie sie wohl liegen mußte. 

' Laurain a. a. O. 102 ff. meint, es sei nach diesem Berichte wohl geboten, 
in bestimmten FäUen dem Diakon zu beichten, jedoch sei dies aufzufassen mit 
der Einschränkimg, jeder, nämlich der Diakon und der Priester, werde handeln 
nach der Gewalt seiner Weihe. Der Kernpunkt sei die Spendung der Eucharistie, 
die der Diakon besorgen könne. Dazu müsse er aber wissen, ob der Sünder 
disponiert sei. Durch die Beichte könne er dies konstatieren, ohne daß er die 
Absolution erteile. Auf diese Grundsätze führt Laurain die ganze Erscheinung 
der Diakonenbeicht zurück. Diese Aimahme läßt sich aber historisch nicht halten. 
Sie ist eine , »anachronistische Fiktion" (Königer a. a. O. 70 A. 3). 

' Alkuini Liber de divinia officiis c. 13 (Migne, P. L. 101, 1190). Zu „su- 
scipiat poenitenti am" bei Pseudo-Alkuin vgl. die abweichende Lesart im Poeniten- 
tiale Pseudo-Romanum oben S. 161. 

^ Ivonis Carnotensis ep. Decretum, pars 15, de paenitentia can. 161 162 
(Migne, P. L. 161, 893): . . . diaconus suscipiat poenitentiam ad sanctam commu- 
nionem. 



Zur Geschichte der Diakonenbeicht im Mittelalter 165 

Mann suchend Stephan von Autun gestand den Diakonen das Recht 
zu, in manchen Stücken die Stelle des Priesters zu vertreten, wie bei 
Spendung der Taufe, der Kommunion und der mitleidsvollen Ent- 
gegennahme der Vergehen der Beichtenden ^. Wenn auch Stephan 
nicht eigens erwähnte, daß dieses Recht des Beichthörens den Dia- 
konen nur im Notfalle zugestanden werde, so liegt dieser Sinn doch 
nahe, da die übrigen Stellen die Diakonenbeichte auf den Notfall 
beschränken. 

Die zwischen den Jahren 1141 und 1147 von einem uns un- 
bekannten Schüler Gilberts verfaßten Sententiae divinitatis ^ stellten 
die Frage, was zu tun sei, wenn jemand dem Priester nicht beichten 
könne, und gaben unter Berufung auf (Pseudo-)Augustin die Ant- 
wort: ,,Wer dem Priester nicht beichten kann, beichte dem Diakon, 
weil es Sache des Diakons ist, über die Sünde zu erkennen. Wenn 
er auch keinen Diakon finden kann, beichte er dem Nächsten. Denn 
er wird der Verzeihung würdig aus Verlangen nach dem Priester." ^ 

So erhielt sich die Sitte, im Notfalle dem Diakon die Sünden 
zu beichten, bis zum 12. Jahrhundert, ohne daß von kirchlicher 
Seite ein Widerspruch erfolgt wäre. Von da ab wurde aber die 
Sachlage eine andere. Etwa seit dem Ende des 12. Jahrhunderts 
wurde die Beichte vor Diakonen im allgemeinen verboten, wenn 
sie auch in dringenden Notfällen noch geduldet wurde. Der 
Grund liegt in dem allgemeinen Umschwung, den das 
Bußwesen in dieser Zeit erfahren hatte. 

Während nach der alten Bußordnung das Hauptgewicht der 
Bußauflage zukam, den Genugtuungswerken, durch welche die 
Verzeihimg der Sünden erlangt wurde, trat allmählich die 
Beichte als solche in den Vordergrund, so daß ihr schließ- 



^ Lanfranc, De celanda confessione (Migne, P. L. 150, 629 sqq.). 

^ Stephan! Augustodunensis episcopi tractatus de sacramento Altaris cap. 7 
(Migne, P. L. 172, 1279): In quibusdam habent (diaconi) vicem sacerdotis, ut in 
ministerio baptizandi, communicandi, delicta oonfitentium misericorditer suscipiendi. 

' Geyer, B., Die Sententiae divinitatis, ein Sentenzeubuch der Gilbertschen 
Schule [Beitr. z. Geschichte d. Philosophie des Mittelalters VII, Heft 2—3] (Münster 
1909) 62. 

* Geyer a.a.O. 151 *: Item quaeritur, si non potest conf iteri sacerdoti, quid 
sit ei faciendum. Augustinus dicit: Qui non potest conf iteri sacerdoti, confiteatur 
diacono, quia diaconi est cognoscere de peccato. Si nee diaconem invenire potest, 
confiteatur proximo. Fit enim dignus venia ex desiderio sacerdotis. (Die Stelle 
bez. des Diakons findet sich übrigens bei Ps.- Augustin [Migne, P. L. 40, 1122] 
nicht; sie scheint auf Lanfranc, De cel. conf. Bezug zu nehmen.) 



166 Georg Gromer 

lieh das Schwergewicht eingeräumt wurde. Die Bestimmungen der 
Bußbücher wurden fast nicht mehr verwendet. Der Priester selbst 
schätzte die Sünde ab und bestimmte die entsprechenden Buß- 
werke ^. Diese konnten umgewandelt werden in leichtere Werke, 
wie Beten, Fasten und Almosengeben. Die Kommutationen und 
Redemptionen bewirkten eme schon seit dem 8. Jahrhundert ^ 
wahrnehmbare Veräußerlichung des Bußwesens. Die weitere Folge 
war, daß in dem Maße, in dem die Satisfaktionen an Bedeutung ver- 
loren, die Beichte als solche an Bedeutung gewann. Anderseits 
war allerdings das Zurücktreten der Satisfaktionen auch wiederum 
eine Folge des Hervorhebens der Beichtpfhcht ^. Infolge des Ein- 
flusses altkirchhcher Traditionen über die poenitentia fidehum und 
infolge des Einwirkens der Psalmen hatten bereits zur Zeit Karls des 
Großen bedeutende Theologen den Wert der Beichte besonders 
hervorgehoben, die eigentlich schon die Schuld der Sünde hin weg- 
nehme*. Es wurde besonders liingewiesen auf die Beschämung, 
welche die Beichte verursache. Wegen dieser Beschämung 
galt die Beichte selbst als Genugtuungswerk, ja als das 
hauptsächlichste Genugtuungswerk. — Dieser Um- 
schwung in der Bußdisziplin hatte sich bis zum Ende des 
12. Jahrhunderts vollzogen^. 

Nachdem die Beichte als solche im Vordergrund stand, nachdem 
die Beichte nicht mehr in erster Linie zu dem Zwecke abgelegt 
wurde um die Bußauflage zu ermöglichen, sondern vor allem des- 
halb, weil sie selbst das vorzüglichste Genugtuungswerk war, nach- 
dem die alten Bußbücher kaum melu' benutzt wurden und die 
arbiträren Bußen üblich geworden waren, hatte der Diakon seine 
Bedeutung für die Bußpraxis verloren. , .Zudem wirkte 
die geflissentliche Hervorhebung der priesterlichen Absolutions- 
gewalt und ihres Ursprunges das Ihre." ® 

^ Vgl. Lea, A history of auricular confession and indulgences in the Latin 
church II (Philadelphia 1896) 147 A. 3. 

^ Vgl. Morinus, Comment. histor. de disciplina in administratione sacramenti 
poenitentiae tredecim primis saecnlis in ecclesia occidentali et hucusque in orientali 
observata X (Parisiis 1651) 16. 

^ Vgl. Schmoll, Die Bußlehre der Frühscholastik (München 1909) 8. 

* Loofs, Dogmengeschichte * (Halle 1906) 486. 

^ Vgl. Boudinhon a. a. O. 506; Fischer, Zur Geschichte der ev. Beichte, in 
Studien zur Geschichte der Theologie und Kirclie (Leipzig 1902) 6; Gromer a. 
a. O. 6 ff. 

• Köuiger a. a. (). 70 A. 3. 



Zur Greschichte der Diakonenbeicht im Mittelalter 167 

So wird es verständlich, daß Bischöfe und Synoden die 
Beichte vor Diakonen im allgemeinen untersagten, wenn 
sie auch für einen ernsten Notfall dieselbe noch gelten 
ließen. Die im Jahre 1179 von dem Kardinal-Legaten Simon, dem 
späteren Papst Martin IV. gegebenen Constitutiones synodales 
Sanctanensis Ecclesiae bestimmten: ,,Die Priester sollen es nicht 
gestatten, daß die Diakonen den Kranken den Leib des Herrn 
reichen und Beicht hören, da sie die Schlüssel nicht haben, außer 
wenn es die Not erfordert wegen Abwesenheit der Priester." ^ Nur 
in dem Falle, daß höchste und schwere Not drängt, beschlossen die 
auf dem Konzil zu York im Jahre 1195 versammelten Väter, soll 
der Diakon taufen und den Leib Christi jemand spenden oder einem 
Beichtenden Buße auflegen, wie das Altertum gemäß dem Inhalt 
der Kanones der Väter bestimmt habe, daß das dem priester- 
Uchen Range eigentlich zukomme 2. Die S}Tiodalstatuten des Bi- 
schofs Odo von Paris aus dem Jahre 1197 verboten strikte, daß die 
Diakonen auf irgend eine Weise Beicht hören, außer im Falle 
höchster Not, ,,denn sie haben die Schlüssel lücht und können 
nicht absolvieren." ' Mit denselben Worten verboten die S}Tiodal- 
statuten der Kirche von Meaux die Diakonenbeicht außer im höch- 
sten Notfalle und begründeten das Verbot mit dem Hinweis, daß 
die Diakonen die Schlüsselgewalt nicht hätten und nicht lossprechen 
könnten" ■*. Ebenso bestimmte das Konzil zu London im Jalire 
1200, daß es den Diakonen nur im Notfalle erlaubt sein solle zu 
taufen oder Bußen aufzulegen. Ein Notfall liegt nach diesem Konzil 
vor, ,,wenn der Priester nicht kann, sei es, daß er abwesend ist 
oder törichterweise nicht will und der Tod dem Knaben oder dem 
Kranken droht." ^ Unter denselben Voraussetzungen gestatteten 



^ Bei Palmieri, Tractatus dePoenitentia^ {Prati 1896) 195f. : Non permittant 
sacerdotes diaconos deferre s. Corpus Domini infirmis, nee audire confessiones, 
cum claves non habeant, nisi necessitas hoc exigat propter absentiam sacerdotum. 

^ Conc. Eboracense, can. 4 (Mansi XXII 653): Decrevimus etiam, ut non- 
nisi summa et gravi vu^gente necessitate diaconus baptizet, vel corpus Christi 
cuiquam eroget, vel poenitentiam confitenti imponat, ut iuxta patemorum tenorcm 
canonum huic ordini sacerdotali proprio convenire decemit antiquitas. 

^ Odonis ep. Parisiensis Synodicae Constitutiones, can. 56 (Mansi XXII 684): 
Item prohibetur districte, ne diaconi ullo modo audiant confessiones, nisi in arc- 
tissima necessitate; claves enim non habent, nee possimt absolvere. 

■• Statuta synodalia ecclesiae Meldensis, can. 77 (Martene-Durand Thesaurus 
novus anecdotum, Tom. IV., Lutetiae Parisiorura 1717, 904). 

^ Concilium Londinense, cap. 3 (Mansi XXII 714): Et ut non liceat diaconibus 



1Ö8 Georg Gromer 

die Konstitutionen des hl. Edmund, Erzbischofs von Canterbury, 
vom Jahre 1236 die Beichte vor Diakonen ^. Das Provinzialkonzil 
von Rouen im Jahre 1231 verbot zwar im allgemeinen die Diakonen- 
beichte, gestattete sie aber für den Fall, daß ,,ein Priester nicht zu 
erreichen sei, sei es, daß man nicht gut seine Ankunft erwarten 
könne oder daß derselbe durch eine schwere Krankheit oder ein 
anderes unüberwindliches Hindernis vom Beichthören abgehalten 
sei." 2 

Die Bischöfe suchten sich genau zu informieren, ob in ihren 
Diözesen die Diakonen sich keine Übergriffe erlaubten. So wurde 
den Archidiakonen der Diözese Lincoln im Jahre 1233 empfohlen 
unter anderem zu untersuchen, ob die Diakonen auch Sakramente, 
die nur den Priestern anvertraut seien, verwalteten oder Beichte 
hörten?^ Ähnliche Untersuchungen ergaben, daß die Sitte, im 
Notfall dem Diakon zu beichten, ziemlich verbreitet war. Die 
Synode von Worcester im Jahre 1240 führte das zurück auf den 
Mangel an Priestern. Deshalb verordnete die SjTiode, es sollten 
in allen Kirchen , wenn nötig , mehrere Priester und Kleriker an- 
gestellt werden, weil aus deren Mangel verschiedene Mißstände sich 
ergäben. ,,Es ergibt sich nämlich daraus, daß, was wir nach Gebühr 
tadeln, Diakonen Beichte hören und andere Sakramente spenden, 
welche allein den Priestern anvertraut sind. Daß das fernerhin 
geschehe, verbieten wir ganz ernstlich." * Hier scheint zum 
ersten Male die Diakonenbeichte strikte verboten worden 
zu sein ohne Rücksicht auf einen etwaigen Notfall. 

baptizare, vel poenitentias dare, nisi duplici necessitate, videlicet, quia sacerdos 
non potest, vel absens, vel jtulte non vidt, et mors imminet puero vel aegro. Cfr. 
conc. incerti loci c. 31 (ex MS. Corbeiensi, bei Martöne-Durand 1. c. IV 153). 

^ Constitutiones prov. s. Edmundi Cantuariensis archiepiscopi, cap. 12 
(Mansi XXIII 420). 

' Concilium provinciale celebi-atum Rothomagi, cap. 34 (Mansi XXIII 218): 
Nullus diacoiius eucharistiam det infinnis, vel confessiones audiat, vel baptizet, 
nisi cum sacerdos absens fuerit, ita quod eins adventus commode expectari non 
possit, vel idem presbyter gra^n infirmitate vel alio inevitabili impedimento fuerit 
impeditus. 

^ Inquisitiones per Archidiaconatus episcopatus Lincolniensis a singulis 
archidiaconis faciendae. Int. 22 (Mansi XXIII 328): An diaconi ministrent sacra- 
menta solis sacerdotibus commissa, vel audiant confessiones? 

* Synodus Wigorniensia, cap. 2ü (Mansi XXIII 535): Accidit cnim ex hoc, 
quod merito reprobamus, quod diaconi scUicet quandoque confessiones audiunt, 
et alia tractnnt sacrnn\onta, quae solis sacerdotibus sunt commissa; quod ne de 
cetero fiat, districtius inhibemus. 



Zur Geschichte der Diakonenbeicht im Mittelalter 169 

Doch andere Synoden dieses Zeitraumes waren nicht so streng. 
So gestatteten wieder die Konstitutionen des Bischofs von Dunelm, 
Walter von Kirkham, vom Jahre 1255 den Diakonen die Entgegen- 
nahme der Beichte im Notfalle. ,,Weil die Gewalt zu binden und 
zu lösen allein den Priestern anvertraut ist, so verbieten wir, daß 
die Diakonen Beichte hören oder sich anmaßen Buße aufzulegen 
und Sakramente spenden, welche allein von den Priestern verwaltet 
werden, wenn nicht die Not drängt oder zwingt, z. B. wenn bei 
Todesgefahr ein Priester nicht vorhanden ist." ^ In ähnlicher 
Weise wurde durch das Manuale des Bischofs Heinrich von Sisteron 
den Priestern verboten, die Diakonen am Krankenbette Beicht 
hören zu lassen, da diese die Gewalt der Lossprechung nicht hätten. 
Die Priester selbst sollten in eigener Person die Kranken besuchen 
und ihnen den Leib des Herrn reichen, d. h. wenn ein Priester vor- 
handen sei 2. Für den Notfall wurde also auch hier die Beichte 
vor dem Diakon für zulässig erachtet. 

Doch nahmen die Verbote eine immer strengere Form an. 
Das Konzil von Clermont im Jahre 1268 verbot einfach das Beicht- 
hören der Diakonen ; selbst Kindern gegenüber hätten die Diakonen 
kein Recht die Beichte entgegenzunehmen ^. Ein so strenges Ver- 
bot war notwendig, da manchmal Diakonen auch außer dem Not- 
falle Beicht hörten. Das ergibt sich aus den SjTiodalstatuten des 
Bischofs Nikolaus Gelant von Angers vom Jahre 1273. In diesen 
Bestimmungen heißt es : ,,Da sich einer in Dinge, welche ihn nichts 
angehen, nicht mischen soll, und das, wozu er keine Gewalt hat, mit 
verwegenem Unterfangen sich nicht anmaßen soll, imd wir erfahren 
haben, daß an einigen Orten unserer Diözese einige Pfarrherren 

^ Constitutiones Walteri de Kirkham, ep. Dunelmensis (Mansi XXIII 900): 
Et quia solis sacerdotibus est potestas ligandi et solvendi commissa, prohibemus, 
ne diaconi confessiones audiant, aut admittant, paenitentias iniimgant, quaevie 
sacramenta dispensent, quae solis sacerdotibus rainistrantur, nisi necessitas urgeat, 
aut compellat, ut in casu mortis per absentiam sacerdotis. Vgl. Klee, Die Beichte 
(Frankfurt 1828) 254. 

2 Manuale Henrici Sistaricensis episcopi in synodo Sistaricensi approbatum, 
c. 25 (Martene-Durand 1. c. IV 1084): Item districte sacerdotibus inhibetur, 
ne diaconos permittant ad audiendas confessiones infirmorum, cum ipsi diaconi 
non habeant potestatera absolvendi: sed ipsi sacerdotes in propria persona infirmos 
visitent, et ad eos Eucharistiam . . . deferant . . . : hoc est, si sacerdos haberi 
potest. 

^ Statuta synodalia Claramonteniss ecclesiae, sub Guidone de Turre ep. 
Claramontensi, can. 7 (Mansi XXIII 1194): Nee diacones confessiones admittant 
etiam parvulorum. 



170 Georg Gromer 

Diakonen bei sich haben, welche außer dem Falle der Not Beicht 
hören und ohne weiteres lossprechen und den Leib des Herrn den 
Kranken bringen und darreichen, was sie nicht tun können außer 
im Notfalle, so verbieten wir dies für die Zukunft krafv des Ge- 
horsams und der Suspension, sowohl den Pfarrherm als den in 
den Kirchen angestellten Kaplänen, und auch den Diakonen, außer 
dem Fall, wo die Not drängt." ^ 

Immer schärfer gingen die Bischöfe gegen die Diakonenbeicht 
vor. Gleichwohl sind die scharfen Bestimmungen gegen diese 
Sitte ein Beweis, daß sie immer noch üblich war. Das bestätigen 
die auf der Sjniode von Poitiers im Jahre 1280 approbierten Kon- 
stitutionen des Bischofs Walter von Poitiers, in denen der Bischof 
sagte: ,,Wir wollen den irrtümlichen Mißbrauch, der in unserer 
Diözese infolge verderblicher Un^^dssenheit angewachsen ist, aus- 
merzen. Zu diesem Zwecke verbieten wir, daß die Diakonen Beichte 
hören und im Bereiche der Buße lossprechen, weil es sicher und im- 
zweifelhaft ist, daß sie nicht lossprechen können, da sie die Schlüssel 
nicht haben, welche allein durch die Priesterweihe übertragen 
werden. Die Zuwiderhandelnden belegen wdr nach einer Ver- 
mahnung, welche wir darüber allgemein ergehen lassen, mit der 
Strafe der Exkommunikation." ^ Hatten die Synodalstatuten des 
Bischofs Nikolaus von Angers für den Fall, daß ein Diakon ohne 
Not Beicht hörte, die Strafe der Suspension angedroht, so ^nll 
Bischof Walter von Poitiers für alle Fälle von Diakonenbeicht die 
Exkommunikation verhängen. 

^ Statuta synodalia Nicolai Gelant, ep. Andegavensis (Synodus 15, cap. 1: 
D'Achery, Spicilegium sive coUectio vetenim aliquot Scriptorum, Parisüs 1723, 
I 731): Cum quis rei ad se non pertinenti non debeat se immiscere, nee ea, in quibus 
non habet potestatem ausu temerario usurpare, et in quibusdam locis nostrae 
Dioecesis comperimus nonnuUos Rectores secum Diacouos habentes, qui sine 
necessitatis articulo confessiones audiunt et absolvunt indifferenter, corpusque 
Dominicum infirmis deferunt et ministrant, quae facere non possunt, nisi in ne- 
cessitatis articulo: haec fieri inhibemus in virtute obedientiae et suspensionis, 
tarn Rectoribus quam Capellanis ecclesiis deservientibus, et etiam Diaconis nisi 
articulo necessitatis urgente. 

- Synodus Pictaviensis: Constitutiones factae per fratrem Gualtenmi tunc 
episcopum Pictaviensem, cap. 5 (Mansi XXIV 383): Abuaum erronemn, qui in 
nostra dioecesi ex perniciosa ignorantia inolevit, eradicari volentes, inhibemus, 
ne diaconi confessiones audiant, et ne in foro poenitentiali absolvant: cum certum 
et indubitatum sit ipsos absolvere non posse, cum claves non habeant, quae in 
solo sacerdotali ordine coiiferuntur; et contrarium facientos, post monitionem, 
quam super hoc m generali facimus, cxcommunicationis sententia innodamus. 



Zur Geschichte der Diakonenbeicht im Mittelalter 171 

Diese Verbote scheinen der Diakonenbeicht allmähhch ein 
Ende bereitet zu haben. Nachdem die kirchUche Lehre über die 
Absolutionsgewalt einmal klar herausgearbeitet worden war, mußten 
die gelehrten Theologen eine Binde- und Lösegewalt der Diakonen 
verneinen. So zitierte Caesarius von Heisterbach den Kraft- 
ausspruch seines Lehrers, des Magisters Radulf von Köln: ,,Ein 
Archidiakon kaim, wofern er nicht Priester ist, einen Esel binden 
und lösen, aber nicht eine Seele." ^ 

Wenn aber auch die theologische Wissenschaft sich über den 
Unwert der Diakonenbeicht klar war, so war diese damit noch nicht 
aus dem praktischen Leben ganz verschwunden. Denn es ist immer 
eine längere Zeit notwendig, bis sich Theorien auch in die Praxis 
umsetzen. Zudem hatte seit dem 11. Jahrhundert sich die Sitte 
der Laienbeicht 2 erhoben. Da war es naheliegend, daß man, ob- 
gleich beide Arten von Beichte, vor Diakonen und vor Laien, 
aus ganz verschiedenen Prinzipien hervorgegangen waren, in der 
Praxis beide miteinander vermengte. Wenn es erlaubt war, im 
Notfalle einem Laien seine Sünden zu bekennen, dann — das war 
die logische Schlußfolgerung — mußte es auch gestattet sein, vor 
einem Diakon oder Kleriker das Schuldbekenntnis abzulegen. So 
erklärte der Franziskaner Monaldus aus Capo d'Istria in seiner 
Summa ^, daß man seinem eigenen Priester beichten müsse, daß 
aber diese Regel mehrere Ausnahmen erleide, z. B. im Notfalle: 
,,Wenn man heftig den Tod fürchtet und der eigene Priester 
fehlt, karm man nicht nur einem fremden Priester, sondern auch 



^ Caesasarius Heisterbac, Hom. II 3 (Coppenstein, Venerab. Caes. Heisterbac. 
Sermones morales, Coloniae 1615, 12): Archidiaconus, si non fuerit sacerdos, 
asinum poterit ligare et solvere, non animam. Cfr. hom. III 18 (88). Vgl. Königer 
a. a. 0. 70. — Wilhelm von Auvergne, Bischof von Paris, war sich darüber klar, 
daß der Diakon die Schlüssel nicht habe. Indessen glaubte er doch, daß der Diakon 
bisweilen die Wissenschaft der himmlischen Medizin besitze, so daß er zweifellos 
einen diesbezüglichen Mangel des Priesters ergänzen könne mid müsse. In einem 
solchen Falle aber lege er nicht selbst die Buße auf, sondern vielmehr der Priester, 
in dessen Autorität er das tue. — Falls ein Barbar zu beichten wünsche, könne 
jemand, der wenigstens Diakon sei imd die Sprache verstehe, die Beichte entgegen- 
nehmen imd dem Priester interpretieren, falls dieser ungebildet sei. Jedoch solle 
dieser selbst sich die Benediktion und Absolution vorbehalten, welche ohne Schlüssel- 
gewalt bezüglich der schweren Sünden nicht gegeben werden dürfe. (Guillelmi 
Alverni ep. Paris iensis Opera omnia, Londini 1574, tom. 1, § 19 p. 499 sq.) 

•^ Vgl. Laurain a. a. O. und Gromer a. a. 0. 

^ Sumnia perutilis . . . fratris Monaldi, Lugdmii 1516 (nach Dietterle, Zeit- 
schrift f. Kirchengesch. 1904, 248, vor 1285 verfaßt). 



172 Georg Gromer 

einem beliebigen katholischen Kleriker und auch einem Laien 
beichten." ^ 

Doch scheint seit Mitte des 13. Jahrhunderts auch in der 
Praxis die Diakonenbeicht nicht mehr allzu häufig vorgekommen 
zu sein. Hauptsächlich waren es noch Priester, die ihrem Gehilfen, 
dem Diakon, beichteten, wenn sie die hl. Messe feiern sollten. Der 
Diakon Guillermus Nicov hatte auf Befehl eines Priesters, der früher 
sein Lehrer gewesen war, diesen in seiner Einfalt und aus Unkennt- 
nis des Gesetzes Beicht gehört und ihm die Absolution erteilt, ohne 
zu glauben, daß er sich dadurch irgendwie verfehle oder sündige. 
Nachher hatte er sich, ohne daß er um Absolution nachgesucht hätte, 
zum Priester weihen lassen. Durch Papst Benedikt XII. ^vurde er 
im Jahre 1335 für sechs Monate suspendiert ^. 

Der Diakon Guillermus Leroy hatte einen Priester auf dessen 
Befehl absolviert und ihm eine entsprechende Buße auferlegt. Der 
betreffende Priester hatte ihm ausdrücklich versichert, daß er ihn 
absolvieren und ihm eine Buße auferlegen könne, und gesagt, daß 
er die ganze Sünde auf sich nehmen wolle. Zudem war ein anderer 
Priester, der ihn hätte absolvieren kömien, im Orte nicht vorhanden 
und der Priester mußte notwendig die Messe feiern. Der Diakon, 
der inzwischen Priester geworden war, wurde von Papst Bene- 
dikt XII. im Jahre 1335 ebenfalls für ein halbes Jahr suspendiert ^. 



^ Ibidem fol. 174: . . . confiteri potest non solum extraneo sacerdoti, sed 
etiam cuiciuiique clerico catholico et etiam layco. Cfr. fol. 24: . . . potest quis 
in casu diacouo coiifiteri. Monaldus beruft sich hier auf den bekannten Kanon 
„Fures" (vgl. oben S. 163 Anm. 3). Vgl. auch die Glosse zu den Dekretalensammlungen 
Gregors IX., welche zu dem Kanon ,, Fures" hinzufügt: ,,in necessitate etiam laico". 

^ P. M. Baumgarten, Die Werke von Henry Charles Lea und verwandte 
Bücher (Münster i. W. 1908). Urkimden: N. 3 (X): . . . diaconus . . . (Guillermus 
Nicov) de mandato cuiusdam presbiteri tunc celebrare volentis, qui antea ipsius 
GuiUermi magister fuerat, confessionem ipsius presbiteri tanquam simples et 
iuris ignarus audivit et eidem presbitero beneficium absolut ionis impendit, non 
credens ex hoc excedere in aliquo vel peccare. 

^ Baumgarten a. a. O. Urkunden: N. 4 (XI): Petitio dileoti filii Guillermi 
Leroy . . . continebat, quod ipse olim in diaconatus ordine constitutus, quemdam 
presbiterum de mandato, cousensu et volimtate ipsius, asserentis, quod idem 
Guillermus ipsum absolvere poterat et penitentiam sibi inimigere pro coramisais, 
et dicentis, quod peccatum totum supra se retinere volebat, tamquam simples 
et iuris ignarus non credens peccare in aliquo , et quia etiam in villa, ubi tmic 
existebant, non erat presbitcr aliquis, qu iiisum j^resbiterum absolvere posset, 
et ipsum oportcbat necessario celebrare, presbiterum absolvit einidem et pro modo 
culpe penitentiam sibi iniunsit. 



Zur Geschichte der Diakonenbeicht im Mittelalter 17S 

Der Kluniazensermönch von Moyssac, Hugo de Scudreus, hatte 
als Diakon, nicht aus Bosheit, sondern aus Einfalt und Gesetzes- 
unkenntnis die Beichte eines Priesters, der Messe lesen wollte, ent- 
gegengenommen und ihm, soweit er es konnte, die Absolution er- 
teilt. Sein Bischof wurde im Jahre 1335 von Papst Benedikt XII. 
angewiesen, ihn für sechs Monate zu suspendieren ^. 

Die beiden Priester Bartholomaeus de Vhidario und Johannes 
Barta hatten als Diakonen je einen Priester Beicht gehört, ihm eine 
entsprechende Buße auferlegt und ihn, soweit sie es konnten, 
absolviert. Nachdem sie sich zu Priestern hatten weihen lassen, 
wendeten sie sich nach Rom. Auch sie wurden durch Papst 
Benedikt XII. im Jahre 1335 für ein halbes Jahr suspendiert 2. 

Der Diakon Radulphus Gaurel hatte als Diakon einen Priester 
auf dessen Zureden hin Beicht gehört, weil ein anderer Priester zum 
Beicht hören nicht da war, und ihn absolviert. Der Priester hatte 
ausdrücklich bemerkt, daß der Diakon das tun dürfe. Nachdem 
Radulphus, ohne vorher Absolution erhalten zu haben, zum Priester 
geweiht worden war, wandte er sich an Papst Benedikt XII. Dieser 
ließ ihn im Jahre 1336 durch den Großpönitentiar Gaucelmus ab- 
solvieren und für ein halbes Jahr vom Amte suspendieren ^. 

Prior und Konvent der Kartause richteten an Papst Kle- 
mens VI. eine Bittschrift, aus welcher hervorgeht, daß viele Ordens- 
mitgheder, sowohl Prioren als Mönche, vor und nach ihrem Ein- 



^ Baumgarten a. a. O. Urkunden: N. 6 (XIII): Petitio . . . continebat, 
quöd ipse (Hugo de Scudreus) olim tmic sicut et adhuc in diaconatus ordine con- 
stitutus non ex malitia, sed tanquam simplex et iuris ignarus in aliquo errare non 
credens, cuiusdam presbiteri, missam in quadam ecclesia celebrare volentis, per 
eum super hoc requisitus, confessionem audivit sibique, in quantum potuit, bene- 
ficium absolutionis impendit. 

- Baumgarten a. a. 0. Urkimden: N. 7 (XIII): Petitio . . . continebat, 
quod olim ipse (Bartholomaeus de Viridario) tunc in diaconatus dumtaxat ordine 
constitutus, per simplicitatem et iuris ignorantiam cuiusdam presbiteri confessionem 
audivit et eundem presbiterum a peccatis sibi conf essis, in quantum potuit, absolvit, 
sibi pro eis penitentiam iuiungendo. Ebenso bez. des Johannes Barta (Urkunden: 
N. 8, XIV). 

^ Baumgarten a. a. 0. Urkunden: N. 10 (XV): Petitio . . . contmebat, quod 
ipse (Radulphus Gaurel) olim tunc in diaconatus dumtaxat ordine constitutus, 
tanquam simplex et iuris ignarus, cuiusdam presbiteri missam celebrare volentis, 
nee habentis cui peccata sua confiteri posset, ad requisitionem ipsius presbiteri 
dicto Radulpho dicentis, quod hoc facere poterat et ei licebat, confessionem audivit, 
in hoc peccare non credens, et quod ipse dubitat, licet non recordetur plene, ipsum 
presbiterum a peccatis sibi confessia absolvisse de faoto. 



174 Georg Gromer 

tritt in den Orden als Diakonen oder Subdiakonen sowohl im Not- 
fall als außerhalb desselben Beicht gehört und, soweit sie es konnten, 
absolviert hatten. Der Papst möge nun den Ordensoberen für 
diese Fälle die Absolutions vollmacht erteilen. Dieser entsprach 
im Jahre 1344 der Bitte; doch sollten die Betreffenden eine 
Zeitlang suspendiert werden ^. 

Diese Fälle lassen ersehen, daß manche Priester und Diakonen 
keine richtige Vorstellung über den Umfang ihrer Gewalt hatten. 
Es kann das nicht befremden, wenn man die politischen Verhält- 
nisse Frankreichs — außer dem Falle der Kartäuser betreffen alle 
diese genannten Urkunden französische Sprengel — ins Auge faßt, 
welche eine solche Unkenntnis mancher Priester und Kleriker er- 
klärlich erscheinen lassen. Die Priester wollten im Notfalle lieber 
dem Diakon beichten als gar nichts tun ^. 

Wenn nun auch diese Fälle nicht verallgemeinert werden 
sollen ^, so läßt doch die Urkunde über die Kartäuser die Annahme 
als gerechtfertigt erscheinen, daß noch im 14. Jahrhundert die 
Diakonenbeicht nicht ganz selten vorkam. Das ergibt sich auch 
daraus, daß noch im 14. Jahrhundert Sjoiodalstatuten diese Ai't 
von Beicht für den Notfall gestatteten. In den im Jahre 1337 ver- 
öffentlichten Statuta Frisacensia verbot der Erzbischof Friedrich 
von Salzburg unter der Strafe der Exkommunikation, daß ,,die 
Leviten oder Kleriker anderer niederer Grade die Beichte irgend 
eines Menschen entgegennehmen, außer im äußersten Notfälle, 
wenn ein Priester nicht zu erreichen ist." * Nach den Diözesan- 
verordnungen von Chartres aus dem Jahre 1368 sollten Diakonen 
sich nicht unterstehen den Kranken die Eucharistie zu geben, oder 

^ Baumgarten a. a. O. Urkunden: N. 20 (XXIII): Significant Sanctitati 
Vestre prior et conventus Cartusie, quod ad eorum pervenit noticiam, quod multi 
de ordinibus tarn priores, quam monachi, in diversis partibus constituti ante et 
post religionis ingressum in diaconatus vel subdiaconatus ordinibus solummodo 
existentes, confessiones plurium tam in necessitatis quam etiam forsan in non 
necessitatis articulo audiverunt, eosque prout poterant absolverunt per simplici- 
tatem et ignoranciam iuris. — Die von Baumgarten in seinem Buche abgedruckten 
Urkunden entstammen dem Vatikanischen Geheimarchiv (Baumgarten a. a. O. 4). 

2 Baumgarten a. a. O. 24 f. 

^ Baumgarten (a. a. O. 24 f.) weist darauf hin, daß er bei den Vorgängern 
Benedikts XII. einen ähnlichen Fall in den Registern nicht verzeiclmet gefimden 
habe, und daß kein fertiges abgeschlossenes Kanzleiformular für diese Art Briefe 
in jener Zeit vorhanden war. 

* Concilia Salisburgonsia provincialia et dioecesana (od. Fl. Dalham, Augiistae 
Vind. 1788, 155): Prohibemus sub poena excommunicationiB, ut Levitae, vel 



Zur Geschichte der Diakonenbeicht im Mittelalter 175 

Beicht zu hören, oder Knaben zu taufen, es sei denn, daß der Priester 
abwesend oder krank oder sonst durch eine Not verhindert wäre ^. 

Das scheinen die letzten Belege für die Sitte der Diakonen- 
beicht zu sein. Spätere Beichtbücher verwerfen sie vollständig. 
Das Confessionale des Bischofs Antonin von Florenz erklärt aus- 
drücklich, daß der Archidiakon, möge er auch der Gewohnheit nach 
der ordentliche Richter sein, es im Bereiche des Gewissens nicht sei, 
wenn er nicht Priester sei ^. Die Summa Diana endlich sagt ohne 
Einschränkung: ,,Der Beichtvater muß Priester sein. Daher ist 
die Beichte, die man einem Laien oder Kleriker, auch einem Diakon 
ablegt, nichtig wegen des Mangels der Weihe." ^ 

Die Diakonenbeicht hatte Jahrhunderte gedauert. Mit dem 
Aufkommen der Bußbücherpraxis kam auch sie seit dem 8. Jahr- 
hundert auf. Mit dem Umschwung in der Bußdisziplin, der bis zum 



alii graduum inferiorum Clerici, praeterquam in extremo necessitatis articulo, 
cum sacerdos haberi non potest, conf essionem non audiant alicuius. (Die Kenntnis 
dieser Stelle verdanke ich dem H. H. Prof. Dr. Koeniger.) 

^ Bei Klee a. a. O. 255: Diaconi ne praesumant infirmis eucharistiam dare, 
vel conf essiones recipere, vel pueros baptizare, nisi presbytero absente vel inf irmo 
vel alias necessitate impedito. 

2 Confessionale domini Antonini ep. Florentini, cap. 5 (Argentinae 1496) f. 0: 
Archidiaconus, licet sit iudex Ordinarius de consuetudine, non tarnen in foro con- 
scientiae, nisi sit sacerdos. 

^ Summa Diana, s. v. Confessarius n. 2 (Lugduni 1544) 190: Confessarius 
debet esse sacerdos. Unde confessio facta laico vel clerico, etiam diacono, nulla 
est §x defectu ordinis. — Außer der bereits angegebenen Literatur wurden noch 
folgende Werke benutzt: Benedikt XIV., De synodo dioecesana VII 16 (Ferrariae 
1558) 369 sqq. ; Tournely , Praelectiones theologicae qu. 10, art. 1 (Coloniae Agiippinae 
1734) 157; Thomassin, Vetus et nova Eccl. disciplina de benef. p. 1, 1. 2, c. 12; 
p. 1, 1. 2, c. 33, n. 7 (Lugduni 1706) 328; Chardon, Histoire des Sacrements, P^nitence 
II 7 (Migne, Theol. Curs. XX 415 sq.); Mathoud, Observationes ad libros Senten- 
tiarum Roberti Pulli in 1. VI, c. 51 (Migne, P. L. 186, 1083); Suarez, De poenitentia 
Disp. 24, s. 1, n. 7 u. 16 (Paris 1877) 522 sq.; Heinrich- Gutberiet, Dogmatik X 
(Münster 1904) 150; Sasse, Instit. Theol. de Sacr. Eccl. II (Freiburg 1898) 82; 
Pesch, Prael. dogm. VII (Freiburg 1897) 175; Schanz, Sakraraentenlehre (Frei- 
burg 1893) 609; Biuterim, Denkwürdigkeiten der kath. Kirche (Mainz 1831) I 1 
(365), II 2 (201); Frank, Die Bußdisziplin der Kirche (Mainz 1867) 254; Seidl, Der 
Diakonat in der kath. Kirche (Regensburg 1884) 143; Schmitz, Kanonische Buß- 
uiid Ablaßerteilung, Katholik 65 (1885) 359 ff.; Hinschius, System des kath. 
Kirchenrechts IV (Berlin 1888); Hardeland, Geschichte der speziellen Seelsorge 
(Berlin 1898) 32; Gandert, Das Büß- und Beichtwesen gegen die Mitte des 13. Jahr- 
hunderts (Leipzig 1894); Müller, Ein Umschwung in der Lehre von der Buße (Theol. 
Abh. Weizsäcker gew., Freiburg 1892); Grupp, Kulturgeschichte des Mittelalters II 
(Paderborn 1908) 109 ff. 



176 Georg Gromer, Zur Geschichte der Diakonenbeicht im Mittelalter 

12. Jahrhundert sich vollzogen hatte, verlor sie ihre eigentliche Be- 
deutung. Sie war so sehr an die Bußbücherpraxis geknüpft, daß 
das Verschwinden derselben auch Widerspruch und Kampf gegen 
sie hervorrief. Das Hauptgewicht in der Bußpraxis war von der 
Buße auf die Beicht übergegangen. Darum mehrten sich die 
Stimmen gegen die Diakonenbeicht, namentlich gingen Provinzial- 
synoden scharf gegen sie vor, ohne sie indes für den Notfall zu ver- 
bieten. Zudem hatte die seit dem 11. Jahrhundert auftauchende 
Laienbeicht eine größere Bedeutung erlangt. So fristete die ge- 
scliilderte Gewohnheit noch einige Jahrhunderte lang ihr Dasein, 
bis sie endhch gegen Ende des 14. Jahrhunderts völlig verschwand. 



Das Bild der Erde bei den Kirchenvätern. 



Von 



Hochschulprofessor Dr. Karl Holzhey in Freising. 

Die dem denkenden Menschen von jeher sich aufdrängende 
Frage nach der Gestalt der Erde war in den ersten Jahrhimderten 
der christlichen Zeitrechnung von meln^eren Seiten her bereits be- 
antwortet. Neben den mythisch-spekulativen Systemen der Baby- 
lonier und Ägypter hatte die "wdssenschaftlich-philosophische For- 
schung der Griechen und Römer in mehr als einem Versuche Rechen- 
schaft zu geben erstrebt. Für die christhchen Gelehrten ergab 
sich hauptsächlich aus apologetischen Rücksichten nunmehr die 
Aufgabe, die in der Bibel, vor allem im Schöpfungsbericht der 
Genesis, dargebotene Theorie von der Gestalt der Erde mit den 
zeitgenössischen Systemen zu vergleichen und, wenn nötig, zu recht- 
fertigen. TatsächHch lassen ihre Schiüften deuthch ersehen, wie 
sie dies nicht leicht zu erreichende Ziel mit Eifer und Ausdauer 
verfolgten. 

Es lag hierbei durchaus in der Natur der Verhältnisse, daß die 
Auseinandersetzung mit der griechischen Wissenschaft als das 
fast allein Wichtige erscheint, während die Widerlegung der antiken 
Mythen ohne weitere Schwierigkeit einfach auf Rechnung ihres 
Polytheismus erledigt wurde; höchstens daß noch die Astrologie 
einer besondern Widerlegung wert erschien. 

Um die Leistung der Kirchenväter gerecht zu beurteilen, ist es 
notwendig, einen Überblick über das Gebiet der Verhandlungen zu 
gewinnen und festzustellen, welche Theorien die griechische Wissen- 
schaft damals zu verteidigen suchte. Fassen vdv darum das Not- 
wendige in kurzen Zügen zusammen. 

Anaximandros vonMilet(t 547 v.Clu-.), Nachfolger des Welt- 
weisen Thaies, gilt als Erfinder der Sonnenuhren und hat als erster 
die Herstellung von Erd- und Himmelskarten versucht. Die 
Pythagoräer Ekphantos von Syrakus und Hiketas trugen die 

Festgabe Knöpf 1er 12 



178 Karl Hokhey 

Lehre vor, daß die Erde sich um sich selber drehe, so auch Hera- 
klides von Pontos und Aristarchos von Samos. Mit dieser 
Lehre war aber die Annahme der Kugelgestalt der Erde notwendig 
verbunden. Von diesen Philosophen gilt also jedenfalls, was Ari- 
stoteles über die Pythagoräer von Großgriechenland tadelnd be- 
merkt: „sie machten aus der Erde einen Stern wie die andern". 
Vielfach erfolgte die Aufstellung des Systems freihch mit dem 
ausdrücklichen Beisatz, die Hypothese habe das Ziel, ,,den An- 
schein zu retten {o(b§eiv zä (faivö/usva)", d. h. für die dem Auge 
sich zeigenden Bewegungen der Himmelskörper einen (geometrisch) 
genügenden Grund anzugeben ; aber nicht alle hielten an dieser Ein- 
schränkung fest. Eratosthenes von KjTcne (t 194 v. Chr.) be- 
handelt in seinen Untersuchungen, in welchen es ihm bekaimtHch 
gelang, den Erdumfang auf 39 375 km (in Wirklichkeit sind es 
40 000) staunenswert genau zu berechnen, die Kugelgestalt und die 
Rotation der Erde bereits als etwas Feststehendes, desgleichen 
Archimedes und andere. Seleukos von Erj-thiäa (100 v. Chr.) 
lehrte Rotation und Kreisen der Erde um die Sonne als positive 
Walu'heit. 

So war also in den gelehrten Schulen von Athen, Alexandrien 
und Cäsarea im ersten christlichen Jalu'hundert diese Lehre hin- 
länglich verbreitet imd zugänglich. Auch die römische Welt 
hatte die Probleme bereits kennengelernt und sich mit ihnen be- 
schäftigt. Cicero, Macrobius, Martianus Capella kaimten die 
Kugelgestalt der Erde. Im Kommentar zum Traum des Scipio 
entschließt sich der römische Rhetor zwar etwas zögernd, aber 
immerhin (non aspernor), an die von der Kugelgestalt der Erde be- 
dingte Existenz von Antipoden zu glauben. Wie weit die wissen- 
schaftliche Veranschaulichung des kosmisch-terrestrischen Bildes be- 
reits geführt war, dürfte wohl am besten die Scliilderung eines 
Planetariums erweisen, die uns Eusebios von Cäsarea mit ziem- 
licher Ausführlichkeit, wenn auch nicht mit erschöpfender Sach- 
kenntnis überliefert. 

,,Der Mensch allein von den Wesen auf der Erde bildete auf 
der Erde, auf der er wandelt, das Gewölbe des Himmels nach, 
grub das Bild eben des Himmels in die Materie des Erzes, befestigte 
daran ein Abbild der Planeten und Fixsterne, ordnete die Perioden 
der Fristen und Zeiten durch die bildende Kunst, umgab es außen 
rings mit Tierfigiu-en und bildete so das Himmelsgewölbe durch die 
Größe des Wissens nach Art der geschauten Dinge. Dies ließ er 



Das Bild der Erde bei den Kirchenvätern 179 

dann, wie der Gott des Himmels, auf der Erde seine Drehung mit 
dem All vollziehen. So kreist es in unendlichem Wunder mit den 
wirklichen Dingen am Himmel, so kreisen die auf Erden befind- 
lichen irdisch-hylischen Abbilder. Mit lauter Stimme ruft der 
Engel des Herrn, allzumal werden sie in einem Augenblicke in Be- 
wegung gesetzt, die Türen öffnen sich von selbst beim Kommen 
der Hören, die seelenlosen Bilder der Vögel, die ringsumher an- 
gebracht sind, rufen zirpend, der Mond auf Erden abgebildet, 
läuft mit dem am Himmel, das Erz wandelt von selbst seine Ge- 
stalten nach Art des Mondes und zeigt das von ihm ausgehende 
Licht, bald halb, bald abnehmend, bald voll, und die Bilder der 
Hören entsprechen den Hören der Natur, und so wetteifert die durch 
menschliche Kunst konstruierte Welt mit der Schöpfertätigkeit des 
göttlichen Logos." ^ 

Trotz dieser ohne Zweifel schon ganz schulmäßigen Behandlung 
fand die Erde als ,, Stern" bei den Kirchenvätern keine günstige 
Aufnahme, aus Gründen verschiedener Art. Vor allem war es 
das Schauspiel der Uneinigkeit unter den Philosophen und Astro- 
nomen, das Unsicherheit und Zweifel bei den Nicht-Fachgelehrten 
hervorrief. Von Anfang hatten die kühnen Behauptungen über 
Kugelgestalt und Heliozentrie ihre Gegner gehabt, die sich zunächst 
auf die bekannten, scheinbar durchschlagenden, jedem Laien sofort 
verständlichen Beweise physikalischer Art , z. B. Unmöghchkeit 
der Antipoden usw., beriefen. Aber schon Plato bekämpfte die 
Rotation der Erde noch von einem andern Punkte aus: die 
Erde als Mittelpunkt des Weltalls ist zugleich ,,der unveränderlich 
feste Herd des Hauses der Götter". So verteidigt auch Aristo- 
teles ausführlich die Lelire, daß die Erde als Mittelpunkt der Welt 
sich nicht bewegen könne. Kleomedes (um 100 v. Chr.) schreibt 
der Erde zwar Kugelgestalt zu, verwirft aber die Rotation. Der- 
kylides und Claudius Ptolemäus bekämpfen ernstlich die Mög- 
lichkeit einer Erdbewegung, und es fehlt nicht an Stimmen, die das 
hehozentrische System als den Göttern feindlich und der Rehgion 
schädlich bezeichnen. So verliert es nach und nach seine Anhänger, 
und es ist ziemlich wahrscheinlich, daß unter dem steigenden Ein- 
fluß des berühmten Hipparchos (127 v. Chr.) gegen Ende des 
2. und im Laufe des 3. christlichen Jahrhimderts, eben als das 
Christentum auch literarisch mehi* zur Geltung gelangte, das geo- 



^ Syrische Theophanie I 62 (Berliner Ausgabe des Eusebius III 68*). 

12* 



180 Karl Holzhey 

zentrische System schon die Vorherrschaft erlangt hatte, die sie 
bis auf Kopemikus nicht mehr verlieren sollte. 

Genau genommen gab es zwei geozentrische Theorien, beide 
darin eins, daß sie den Mittelpunkt der Erde als Mittelpunkt der 
Welt betrachten, verschieden voneinander darin, daß das eine, um 
den ,, Anschein zu retten", ein System von homozentrischen Kreisen 
als Grundlage konstruiert, die andere aber, Claudius Ptolemäus 
an ihi'er Spitze, ein System exzentrischer Sphären in Verbindung 
mit Epizykeln. Beide hielten im allgemeinen an der Kugelgestalt 
der Erde fest. Dies war der Stand der Dinge, als die Kirchenväter 
anfingen, sich mit den Aufstellungen der griechischen Kosmologie 
zu beschäftigen. 

Der Weg, auf dem sie diese Aufstellungen kennenlernten, ist 
heute hinlänglich bekannt. Er iühit über den Timaioskommentar 
des Poseidonios und über Philo zu Origenes, Basileios und Am- 
brosius, entweder direkt oder durch Vermittlung einer feststehenden 
Vorlesungsreihe an den damaligen Hochschulen. Den Anlaß aber 
zu immer erneuten Auseinandersetzungen bot das Bestreben, den 
mosaischen Schöpfungsbericht und die von der Bibel gegebene Auf- 
fassung über die Gestalt der Erde zu rechtfertigen, und so begegnen 
wir in den Scliriften der Kirchenväter immer wieder Begründungen 
und Theorien über Kosmos und Erdgestalt. 

Anfangs zeigt sich ein gewisses Zögern; der Streitpunkt vrird 
in den letzten Folgen lieber im ungewissen gelassen und nur für das 
Vordringliche ein Ausgleich hergestellt. Aber mit geschickter Aus- 
nützung der Uneinigkeit, die zwischen dem heliozentrischen und den 
beiden geozentrischen Systemen besteht, kommt die Autorität des 
mosaischen Berichtes zu immer stärkerer Betonung, wälu'end das 
Ansehen der profanen Wissenschaft im gleichen Grade smkt. Eine 
entscheidende Wendung bringt zum Schlüsse der biblische Begriff 
des stereoma, firmamentum, der sich mit der Kugelgestalt der 
Erde nicht verträgt. Geben wir nunmehr den Zeugen selbst das 
Wort. 

Bei Clemens Alexandrinus ("f" etwa 215) findet sich die Vor- 
stellung von Erdenbewohnern, welche die Griechen antichthones, 
Gegenfüßler, nennen. Ihm stimmt Origenes (f 254) bei, wie Clemens 
mit umfassender griechischer Bildung ausgerüstet. Er betont, daß 
Sonne, Mond, Sterne und Erde körperlich keinen Unterschied 
haben. Die Bewegung der Gestu'ne geschieht durch besondere 
Engel. Schon zeigt sich der große Alexandriner gegen die Wissen- 



Das Bild der Erde bei den Kirchenvätern 181 

Schäften etwas mißtrauisch, denn er zählt sogar die Geometria u. ä. 
zu der „Weisheit dieser Welt", die nach der wahrscheinlicheren An- 
sicht von den feindlichen Kräften (Engeln) benützt werden, um 
Irrtümer zu stiften. Infolgedessen kann uns keine andere Schrift 
besser über die Beschaffenheit der Welt belehren als jene, die von 
Moses über ihren Ursprung verfaßt ist. Er ist aber vorsichtig ge- 
nug, trotz dieser günstigen Lage sofort nach seiner Art zu dem über- 
zugehen, was er maiora quaedam nennt , d. h. zur mystischen 
Allegorese ^. 

Eusebios von Cäsarea (f 340) läßt die griechische Wissen- 
schaft ebenfalls absichtlich ziemlich beiseite und beruft sich lieber auf 
den Wortlaut der griechischen Bibelübersetzung. Weil die Septua- 
ginta sagt: Ich habe mit meiner Hand den Himmel ,, gefestigt", 
darum ist der Himmel eine ,,Veste" (atsQSio/na). Euphrat, Tigris, 
Phison und Gaion entspringen im Paradiese. Der Tigris fließt ins 
Rote Meer, der Phison heißt bei den Griechen Ganges und fließt 
gegen Indien hin, darüber hinaus liegt Seria (China); in Indien ist 
der Sopheira, der ,,Berg des Aufganges"; der Gaion umkreist das 
ganze Land Äthiopien und heißt bei den Ägyptern Nil ^. 

Ba8ileios(|379)hat den Kommentar des Poseidonios studiert, 
zeigt sich in physikalischen Dingen gut untemchtet und trifft eine 
vorsichtige Auswahl. Die Ansicht, daß das Firmament aus einem 
kristallähnlichen Stoffe bestehe, sei zwar gewöhnlich und ver- 
breitet, er selbst aber bezeichnet sie als kindisch (naiötxög). Denn 
die oberen Wasser werden vielmehr durch die Wärme des Äthers 
getragen. Jene kühne^ Unternehmer Sesostris und Darius, die das 
Rote Meer mit dem Mittelländischen durch einen Kanal verbinden 
wollten, haben deswegen den Plan aufgeben müssen, weil Ägypten 
viel tiefer liegt, als das Rote Meer, also überschwemmt werden 
würde. Ob die Erde eine Kugel ist, ein Zylinder, oder einem Diskus 
ähnlich, ist für uns (Christen) nicht von Interesse. Insofern ist 
der Widerstreit der Astronomen Torheit (döoXsaxla). Denn die 
Frage zu stellen, auf welchem Grunde die Erde ruhe, geht über die 
Kraft der menschlichen Vernunft hinaus; daß sie in sich selbst 
ruhe (xa^ mvTÖv), hält er immerhin für einen möglichen FalP. 

Gregor von Nyssa (fc 394) bemüht sich mit Erfolg, die 
Theorie vom Schweben des ,, oberen Wassers", wie sie sein Bruder ver- 

1 C. Geis. IV 56; VI 50 60; Hom. in Jerem. 10 6. 

2 Comm. in Is. 45, 12; Dem. ev. VI 4 1; Comm. in Pa. 32, 6. 
•■' Hom. In Hex. I; IV. 



182 Karl Holzhey 

teidigt hatte, durch ein genau und richtig beobachtetes Analogen 
(die anfangs unsichtbaren Rauchspuren eines Ölhchts) zu verdeut- 
lichen und zu begründen. Er zählt die „physische Philosophie", 
die Geom*^trie und Astronomie zu jenen Wissenschaften, die bei 
den Heiden gepflegt werden, aber auch zum Besten der Gläubigen 
gewendet werden können ^. 

Weiterhin fand aber die bei den Kappadokiem so ausführlich 
verteidigte Lehre vom Schweben der oberen Wa,sser, als erste Vor- 
aussetzung für die Möglichkeit der Kugelgestalt der Erde, nicht 
vielen Anklang. Epiphanios von Cypern (f 403) lehrt ein festes 
Firmament, auf dem sich die Hälfte allen Wassers befindet, die 
andere Hälfte ist auf der Erde. Die Paradiesesflüsse werden mit 
den Weltströmen identifiziert. Phison ist der bei den Indem und 
Äthiopen Ganges genannte Fluß, die Griechen aber nemien ihn 
Indus. Der zweite: Geon, durchfheßt Axomitis (Abessjuien), die 
Thebais und Ägypten (ist also der Nil) ^. 

Severian vonGabala(| nach 408) verwirft ausdrücklich die 
Möglichkeit, daß es Antipoden geben könnte. Er versucht sich 
dafür in einem Beweise für die Festigkeit des Himmelgewölbes. 
Deshalb ist das Kristallgewölbe des Firmamentes von den oberen 
Wassern bedeckt , damit es nicht infolge der Hitze von Sonne, 
Mond und Sternen, die unten am Gewölbe befestigt smd, etwa 
schmelze ^. 

Im Abendlande zeigt sich eine ziemlich ähnliche Entwicklung. 
Lak tan tiu s (f c. 340) behandelt die Fragen nur kurz, fühlt sich aber 
sicher genug, solche, die an die Möglichkeit von Antipoden glauben, 
Dummköpfe (inepti) zu nennen. Ambrosius (f 397) hat sich gründ- 
hcher umgesehen und urteilt darum viel richtiger und vorsichtiger. 
Er folgt in vielem den Theorien des Basilius, während er selbst im 
Abendlande ein von vielen benutztes Vorbild geworden ist. Der 
Himmel ist seiner Natur nach nicht massiv und kein fester Körper 
(nee solidus). Daß die Erde mitten im Luftraum schwebt, durch 
ihre eigene Masse im Gleichgewicht gehalten, erscheint ihm als 
möglich, wenn er auch zur Erklärmig dafür unmittelbar auf die 
Allmacht Gottes rekurriert; daß aber die Bewegung mehrerer 
Himmel über der Erde die Sphärenmusik hervorbrüigen könne, 

^ In Hexaemeron libor Migne, P. gr. 44, 93. 
2 Ancoratus 58 und 113 (Berliner Ausgabe I 67 f, 137 ff.). 
* Spvcriani episcopi Gabalorura, ex secimdo sermone in Hexaemeron bei 
Cosmae Jndicopleustae topograph. christ. X Migne, P. gr. 88, 421. 



Das Bild der Erde bei den Kirchenvätern 183 

ißt ein Märchen. Er verteidigt die Möglichkeit, daß „die oberen 
Wasser" über dem Firmamente schweben, fheßt doch auch der 
Jordan von seiner Mündung wieder zurück zur Quelle, während die 
Erde, die schwerer ist als Wasser, ebenfalls im Luftraum schwebend 
gedacht wird. Die Nacht ist, wie die ,, Gelehrteren" bewiesen haben, 
in physikahschem Sinne der Schatten der Erde. Der Paradieses- 
strom Phison heißt bei den Griechen Ganges; er fließt auch durch 
Lydien; der Geon ist der Nil. Bemerkenswert ist aber auch sein 
Urteil über das Forum all dieser Fragen, indem er schon einleitend 
bemerkt, welcher Lage und Gestalt die Erde sei, ist zunächst keine 
Frage des Seelenheiles (nihil prodest ad speciem futuri) ^. 

Hieronymus (f 420) schließt sich in seinen kosmisch-geo- 
graphischen Angaben ausführlich, oft wörtlich, an Eusebios an. 
Bemerkenswert ist seine Zurückhaltung beim Widerspruch der welt- 
lichen Wissenschaft. Betreffs des Ursprunges der Paradiesesflüsse 
fügt er sich unbedenklich dem Urteil des Sallustius. ,, Nachdem der 
durchaus zuverlässige Autor behauptet, daß sowohl die Tigris- wie 
die Euphratquellen in Armenien sich nachweisen lassen, entnehmen 
wir hieraus, daß über das Paradies und seine Flüsse eine andere 
Auslegung zu suchen ist." Auch Augustinus (f 430) behandelt als 
Kenner der klassischen Wissenschaften die bezüglichen Fragen mit 
Vorsicht. Daß die Hauptgestalt der Erde viereckig sei, bleibt 
ihm problematisch (fingimus). Er kennt auch die Theorie, daß der 
Himmel die Erde als Kugelschale (sphaera) allseits umgibt, während 
diese in freiem Gleichgewicht inmitten der Welt schwebt (in media 
mundi mole librata); ganz gewiß sind diese Dinge aber nicht und 
vielleicht bloß eine menschliche Spekulation (humanum forte com- 
mentum). Aus der mächtigen Paradieses quelle entspringen die vier 
großen Weltströme, ,,wie man sagt"; daß diese aber die ganze 
Erde bewässert haben, hält er nicht für wahrscheinlich. Tigris und 
Euphrat haben ihren alten Namen bewahrt; der Geon ist der Nil, 
den Phison nennt man jetzt Ganges. Die Stätte des Paradieses 
ist der Kenntnis der Menschen weit entrückt. Aus profanen Nach- 
richten über den Berg Olympos folgert Augustinus die Möglichkeit, 
daß Berge der Erde bis in jenen ruhigen Raum hineinreichen können, 
wo man weder Wolken sehen noch Winde spüren soll (dicitur) ^. 

Der Geschichtschreiber Philostorgios (um 424) erwähnt als 



1 Exameron I 6, IV 4 (Wiener Ausg. 32, I S. 17; 118; 273). 
^ De Genes, ad litt. 2, 9; 5, 7; 8, 7; Confess. 4, 2; Epist. 7. 



184 Karl Holzhey 

Völker des äußersten Ostens die Sabäer, nunmehr Homeriten ge- 
nannt, deren Land „das große Arabien", sich bis an den äußersten 
Ozean erstreckt. Auch die Auxumiten (Abessynier) in der Gegend 
des Roten Meeres, wohnen im äußersten Osten. Euphrat und Tigris 
entspringen im Paradies, ebenso der Hyphasis, den die Schrift 
Phison nennt; sein Lauf geht im Ostlande von Nord nach Süd, er 
mündet bei der Insel Taprobane (Ceylon) ins Meer. Aber auch 
der Nil entspringt von da (vom Paradies), ,,vne die Inspiration 
Mosis sagt" (epipnoia legei), indem sie ihn Geon nennt, während 
ihn die Griechen Aigyptios namiten. Ausgehend vom Paradies um- 
fließt er den Lidischen Ozean in einem Bogen, wie zu vermuten 
ist, ,,denn wer von den Menschen könnte dies genau erforschen?" 
Alsdann durchfheßt er Erj^thräa und kommt so durch das Mond- 
gebirge nach Ägypten ^. 

Johannes Philoponos(um 550) ist einer der letzten entschie- 
denen Anhänger der Lehre von der Kugelgestalt der Erde ; er sucht 
dabei den Nachweis zu erbrmgen, daß die Kosmogonie des Moses 
mit ,,der Wirklichkeit", d. h. mit Hipparchos mid Ptolemäus über- 
einstimme. 

Aber nicht lange mehr konnte sich diese Ansicht gegenüber 
solchen Bekämpfern halten, die mit der größten Zuversicht behaup- 
teten, mit der ihi-igen zugleich ,,die biblische" Wahrheit zu ver- 
teidigen. 

Kosmas der Indienfahrer (um 550) bekämpft die Kugelgestalt 
der Erde ganz entschieden. Er stammt zwar aus der Astronomen- 
stadt Alexandria und hatte als Lehrer einen Mathematiker Patri- 
cius, der aus Chaldäa nach Ägypten gekommen war, aber seine 
migewöhnlich großen geographischen Kemitnisse, die er sich auf 
Reisen ins Imiere von Afrika, sogar bis zum L^rsprung der öst- 
lichen Nilquelle, verschafft hatte, verleiteten ilm, auch weitergehende 
Fragen entscheiden zu wollen. So erklärte er den Satz, daß das 
Himmelsgewölbe sphärisch sei, als eine falsche Lehre der Babylonier. 
Er besteht darauf, daß die Erde vielmehr dem alttestamentlichen 
Bundeszelt ähjilich sein müsse, also wie ein längliches Viereck. Dies 
ebene Erdenviereck ist rings von Älauern umschlossen, die in der 
Höhe, und zwar auf der Ost- imd Westseite in ein halbrundes Gre- 
wölbe übergehen. Der Untergang der Somie und der Gestirne er- 
klärt sich durch ilu' tägliches Verschwinden hinter dem hohen Welt- 



^ Kirchongeschiihte III 4ff. (Borliiur Ausgabe .32 35 30). 



Das Bild der Erde bei den Kirchenvätern 185 

berg im Norden; bei einer Mondfinsternis sieht man den Weltberg 
mit seiner halbrunden Spitze in die Linie zwischen Erde und Mond 
ragen. Kosmas kennt die Insel Taprobane (Ceylon) und weiß, 
daß Sina (China) die Ostküste des Kontinents ist. Der Ozean um- 
gibt die Kontinente Europa, Asien, Afrika, aber an seiner andern 
Seite existiert noch ein anderer Kontinent, der selbst wieder an 
allen vier Seiten an die Himmelsmauer grenzt. Auf ihm liegt das 
Paradies und von dort her strömen vier Flüsse aus : der Tigris, der 
Euphrat, der Phison, d. h. der Ganges oder Indus, der Geon, d. h. 
der Nil. Um vom Paradieseskontinent auf den unsrigen zu gelangen, 
strömen die Flüsse unter dem Ozean hindurch. Anfangs lebten 
die Menschen auf dem Paradieseskontinent, anläßlich der Sündflut 
aber setzte Noe mit seiner Arche über den Ozean auf unsern Kon- 
tinent über. Es gibt zwar Leute, die nicht erröten vor der Be- 
hauptung, es gebe Gegenfüßler (antichthones), also für die Erde 
Kugelgestalt voraussetzen; dies bekämpft aber Kosmas als einen 
so folgenschweren Irrtum, daß er behauptet, wer,, Christ sein will", 
darf sich nicht zur Meinung verführen lassen, daß der Himmel all- 
seitig gewölbt (oifaiQixög) sei ^. 

Mit dieser Behauptung war der Streitpunkt auf ein Gebiet 
verschoben, der für die richtige Entwicklung nicht dienlich sein 
konnte. Aber trotzdem blieb diese Betrachtungsweise für die 
orientalische Kirche in Zukunft maßgebend. 

Im Abendlande wurden die Schriften Isidors von Sevilla 
(•|•^636) für eine lange Zeit Fundgrube und Richtschnur in den Fragen 
über die Gestalt und Bewegung der Erde. Als Polyhistor widmete 
er der Kosmologie und Geographie eigene Bücher. Er selbst schöpft 
aus Ambrosius, Hieronymus, Augustinus, Clemens Romanus, sowie 
aus Hyginus und besonders Suetonius; durch Suetonius ist auch 
bei ihm die Verbindung mit Poseidonios gegeben. 

Die Erde ist größer als der Mond, aber kleiner als die Sonne, 
die uns nur infolge ihi-er großen Entfernung von der Erde als klein 
erscheint. Daß es wirklich Antipoden gebe, ,,ist durchaus nicht zu 
glauben, weil dies weder die Festigkeit noch das Zentrum der 
Erde zuläßt. Auch wird es durch kein historisches Zeugnis be- 
stätigt, sondern die Dichter geben es infolge von Vermutungen so 
vor." Es gibt sieben irdische Klimata, in welchen die Menschen 
an Sitte ungleich leben, aber auch die Tiere nach ilii'er Art ver- 



1 Migne, P. gr. 88, Sp. 56, 63, 117; 421 = Severian. 



186 Karl Holzhey 

ßchieden sind, nämlich Meroe, Syene, Afrika, Rhodus, Hellespontus, 
Mesopontus und IJoristhenes. Die äußerste Insel im Westen ist 
Tylos, wo die Bäume allezeit Blätter haben; Asien wird östlich 
vom Sonnenaufgang, südlich vom Ozean begrenzt; dieser umgibt 
überhaupt den ganzen Erdkreis (orbis), im Norden schließt der See 
Mäotis und der Fluß Tanais ab. In Asien liegt das Paradies, rings- 
um von lohender Flamme umgeben, d. h. von einer feurigen Mauer 
umschlossen, hat aber trotzdem ein ewiges Frühlingskhma. Aus 
dem Paradiese kommen die vier Weltflüsse; der Tigris zieht in 
seinem Verlaufe durch Mesopotamien und mündet nach vielen Um- 
wegen im Toten Meer. Der Fluß, den die heilige Schrift Phison 
nennt, ist der Ganges, der nach den Ländern Indiens strömt. Der 
Gcon entströmt dem Paradiese, umfließt ganz Äthiopien und heißt 
bei den Ägyptern Nil; er erscheint dort zuerst im See Nilis und ge- 
langt von da nach Ägypten ^. 

Isidor hatte ein umfangreiches Wissen in bequemer Form zu- 
gänglich gemacht und das ganze Abendland schöpfte lange Zeit 
aus diesem Vorrat, ohne sich darüber zu vergewissem, ob der 
fleißige Sammler auch bedacht war, die Spreu vom Weizen zu son- 
dern. Beda (735), Alkuin (804), Rhabanus Maurus (856) und 
viele andere sind völlig von ihm abhängig. Sie alle fanden es für 
sicherer und einfacher, auch hier den Weg einer auf nachweisbarem 
Wege entstandenen ,, Tradition" zu gehen, als etwa die über- 
kommenen Erkenntnisse zu prüfen und durch neue Beobachtungen 
zu vermehren. Es gab kleine, vielverbreitete Lehrbücher über den 
also begrenzten Stoff, wie die in den Schulen überaus stark ver- 
breitete ,,Sphaera" des Johannes von Sacro Bosco (um 1240), oder 
der vielgelesene Traktat De imagine mundi des Honorius Inclusus 
(um 1100), der als eines der begehrtesten Bücher schon 1472 in 
Nürnberg bei Koburger gedruckt wurde. 

Aber durch die überwiegende Autorität der durch die oben- 
gonajmten Vorbilder veranlaßten ,, Tradition" waren die kühnsten 
und besten Theorien der beobachtenden griechischen Wissenschaft 
aus diesen Traktaten verschwimden. Selbst die Lehre von der 
Kugelgestalt der Erde hatte soviel wie völlig weichen müssen, so 
daß z. B. der Theolog Tostato (1455) sie als ,,temerär" verurteilte, 
wenige Jalire bevor er sich selbst durch eine Reise in die südhche 
Hemisphäre von ilirer Wahi'heit überzeugen mußte. 



Etymologien Migne, P. 1. 82 Sp. 169 f.. 311. 496. 



Das Bild der Erde bei den Kirchenvätern 187 

Dagegen fanden gewisse Spekulationen, trotz ihrer Willkürlich- 
keit und ihres Mangels an jedem Beweise Aufnahme und sorgfältige 
Erhaltung, z. B. die altgriechische Idee von der zweifachen Natur 
der kosmischen Bewegung; die gute, fördernde (generatio) erfolgt 
von Ost nach West, wie die Sonne über die Erde geht; die böse, 
schädigende (corruptio) von West nach Ost; diese verursacht die 
Abweichungen der Planeten, Unregelmäßigkeiten usw. und ist 
„natürhch", zum Teil sogar ,,freiwiUig", wie Albert der Große und 
ihm folgend, Thomas von Aquin behauptet. 

So mußte am Ende des Mittelalters das in den großen Zügen 
der griechischen Spekulation erreichte, danach wieder verloren ge- 
gangene Erdbild von Grund auf wieder neu gewonnen werden. 

Allgemeines: A. Schmekel, Die positive Philosophie in ihrer geschichtlichen 
Entwicklung (Berlin 1914). — P. Duhem, Le Systeme du Monde. I. (Paris 1913). — 
J. Partsch, Die Grenzen der Menschheit. I. Teil: Die antike Oikumene. (Leipzig, 
Teubner 1916) [= Berichte über die Verhandlungen der Kgl. Sächsischen Ge- 
sellschaft der Wissenschaften zu Leipzig, Philologisch historische Klasse 68. Bd. 
1916. 2. Heft]. 



P. ßeda Mayr von Donauwörth, 

ein Ireiiiker der Aufklärüngszeit. 

Von 

Dr. Joseph Hörmann, Pfarrer in Donauwörth. 

I. Bedas Persönlichkeit und Stellung zur Aufklärung. 

Der literarische Nachlaß des Benediktiners P. Beda MajT ^ 
von Hl. Ki'euz in Donauwörth ist so umfangreich , daß er auf dem 
hier zur Verfügung stehenden Bogen nur teilweise gewürdigt werden 



1 Vgl. A. Ldndner, Die Schriftsteller des Benediktiner- Ordens im heutigen 
Königreich Bayern vom Jahre 1750 bis zur Gegenwart II (Regensburg 1880) 
137—141. — Das dort gebotene Schriftenverzeichnis enthält 58 Nummern, wovon 
14 auf Predigten, 21 auf Theaterstücke für die Klosterbühne entfallen. Letztere, 
ohne Anspruch auf Unsterblichkeit geschrieben, sind zu einem großen Teile nicht 
gedruckt und darum in der Älehrzahl verschollen. Zu den von Lindner aufgeführten 
Druckschriften wäre nur noch ad 34 zu ergänzen: Reflexionen über die Xote, 
welche von des Fürsten von Kaunitz-Rietberg Durchlaucht dem päpstlichen 
H. Nimzius Garampi zugesteUet worden ist (1787). ad 35: Goedekes Grundriß 
IV 3 272 führt noch an: Der unpartheyische Schiedsmann zwischen H. P. Sailer, 
dem 1. imd 2. Bogenschreiber (1787). Von den bei Lmdner angeführten Nummern 
werden im folgenden abgekürzt zitiert: 4. Ein Päckchen Satiren aus Ober- 
deutschland (München 1770). 9. Prüfung der bejahenden Gründe über die 
Frage: „Soll man sich in der abendländischen Kirche bei dem Gottesdienste der 
lateinischen Sprache bedienen?" (1777). 10. Der erste Schritt zur künftigen 
Vereinigung der kath. und der evang. Kirche gewaget von — — fast wird man 
es nicht glauben, gewaget von einem Mönche P. F. K. in W. (1778). 22. Die Ver- 
ehrung und Anrufung der Heiligen, sonderlich Mariens, aus der hl. Schrift 
und Vernimft gerechtfertigt (Augsburg 1781). 34. Grundsätze zur Feststellung 
und Auf rechthaltung der Eintracht zwischen der politischen imd kirchlichen Macht 
in katholischen Staaten. Im Verein mit Th. J. v. Haidcn herausgegeben (Augsburg 
1785). 41. Vcrthcidigung der natürlichen, christlichen und kathol. Religion 
nach den Bedürfnissen unserer Zeiten (Augsburg 1787 — 1790), 3 Teile. 42. Apo- 
logie der Vcrthcidigung der kath. Religion (Augsburg 1790). 43. Die Antworten 
auf zwo sog. Kritiken über das Werk ,,Vertheidigung etc. in der Kritik über 
gewisse Kritiker" Nr. 7 u. 9 (Augsburg 1790). 

Bezüglich des ungedruckten Materials ist vor allem zu bedauern, daß 
seine umfangreiche Korrespondenz zum größten Teil verschollen sein dürfte. 



P. Beda Mayr von Donauwörth 189 

kann. Der Platz, den er sich damit in der Geschichte der katho- 
lischen Theologie errungen hat, ist ziemlich bescheiden ^, — beschei- 
dener noch seine Stellung in der Geschichte der deutschen National- 
literatur -. Immerhin war er der emflußreichste Lehrer und Schrift- 
steller seines Klosters und stand im letzten Viertel des 18. Jahr- 



Ergiebige Quellen zur Geschichte Bedas und seinea Klosters sind die Visitations- 
akten von Hl. Kreuz im bisch. Ordinariatsarchiv zu Augsburg aus den 
Jahren 1765, 1769, 1774, 1778—1780, femer der in dem Faszikel „Visitationen 
1772—1784" Mon. Donauw. N. 40 enthaltene Sammelakt über die Resignation 
und den Tod des Abtes Cölestin I. und die Wahl des Abtes Gallus (1776) und der 
Akt Mon. S. Bened. Donauwörth fasc. 6: Religiosos in diversis concernens. 
Zum Visitationsprotokoll von 1769 ist zu vergleichen die eben dort befindliche 
„Relation über die in dem Kloster Donawert zum hl. Creuz abgehalten Bischof 1. 
Visitation, und den wahren Begriff des hierüber abgef asten Protocolls vom 16. 
bis 24. und zu Fultenbach den 26. Okt. 1769." 

Außerdem enthält das bisch. Ord. -Archiv einen eigenen Aktl. F6, 7: Beda 
Mayr betr. Für die entgegenkommende Übersendmig dieser Akten sei dem Hochw. 
b. Ordinariate, bes. H. H. Kustos Riedmüller geziemend gedankt, ebenso H. H. 
f. Rat u. Bibliothekar Dr. Gg. Grupp in Maihingen, der aus dem Schatze der 
F. Oett. Wall. Bibliothek außer einigen Büchern folgende sorgfältig von Bedas 
Hand geschriebene Vorlesimgshefto übersandte: 1. Theologia Dogmatica. Trac- 
tatus de locis theologicis, urgente studiorum initio raptim conscriptus, nunc autem 
iteratis curis emendatus et seorsim ab hac lucubratione compactus. Auetore 
P. Beda Mayr Benedictino Werdeensi SS. Theol. Professore 1768. 2. Tractatus 
de Deo Uno Trino, Angelis, opere sex dierum. 3. Tractatus de Incamatione Verbi 
divini a. P. Beda etc. 4. Tractatus de gratia Christi et Beatitudine a P. Beda etc. 
5. Tractatus de sacramentis in genere et de baptismo et confirmatione in specie 
expositus a P. Beda etc. et accomodatus ad Theologiam R. P. Schramm Bene- 
dictiiai Panthensis 1768 u. 1769. 6. Besonders zierlich geschrieben: R. P. Bedae 
Maj'r etc. Loci Theologici; (danmter von Bedas Hand:) a Fr. Bonifacio Broiuier 
olim conscripti, nunc in Helvetia Transfugae. Es ist darin außer den loci theolog. 
enthalten die Niederschrift einer skizzierten Auferstehimgsgeschichte, eines Trak- 
tates über den Probabüismus und die Skizze zweier Moraltraktate. Wie Herr 
f. Archivrat Dr. A. Diemand freundlich mitteüte, verwahrt das Wallersteiner 
Archiv Beda betr. nur den Rotulus von Hl. Kreuz. L. O. VI. 117/2. 

Die Bibliothek des Kassianeums in Donauwörth enthält außer mehreren 
Werken Bedas zwei von seiner Hand begonnene, allerdings noch sehr lückenhafte 
Bücherverzeichnisse und einen Brief aus Ingolstadt, der die Meinung der dortigen 
Fakultät über Bedas Verteidigung wiedergeben will. — Für die wertvolle Hilfe, 
welche die genannte Bibliothek und ihr Vorsteher, H. Bibliothekar J. Traber, von 
dem die Anregung zu nachfolgend teilweise vorgelegter Arbeit nebst manchem 
schätzbaren Winke ausging, dem Verfasser namentlich durch Besorgung von 
Büchern und Hss. leisteten, sei hier lierzlich Dank gesagt. 

1 K. Werner, Geschichte der kath. Theologie (München 1866) 232 234 237 ff. 
^ K. Goedeke, Grmidriß zur Geschichte der deutschen Dichtmig IV ^ 50 
271 f. 502. 



190 Joseph Hörmann 

hunderts für das heutige Schwaben und darüber hinaus im Mittel- 
punkt des theologischen Interesses und Kampfes. Seine Kon- 
fliktsjahre im Dienste der kirchlichen Union und Aufklärung 
sind für seine Zeit so charakteristisch, daß ihre Darstellung im 
folgenden den größeren Teil dieser Skizze ausmachen soll. 

P. Beda Mayr, mit seinem Taufnamen Fehx, IVIitghed der 
kurbayerischen Akademie der Wissenschaften , war geboren zu 
Daiting in Oberbayern am 15. Jan. 1742. Als 20jähriger Professe 
von Hl. Kreuz ging er nach Benediktbeuren und hörte dort am 
„Studium commune" der bayerischen Benediktinerkongregation 
Theologie. Schon 1777, ein Jahr nach seiner Primiz, wurde er von 
seinem Abte als Professor der Philosophie und Theologie für die 
Klosterkleriker aufgestellt. So früh Meister geworden, übte er sich 
mit rastlosem Wissenseifer weiter, so daß der Rotulus auf ihn das 
dem hl. Beda geltende Lobeswort anwendet: Numquam torpebat 
otio, numquam a studio cessabat; semper legit, semper scripsit, 
semper docuit, semper oravit. Fast das ganze Jahr über stand er 
schon um 2 Uhr früh am Studierpulte. Der Aufenthalt auf der 
Pfarrei Mündling, die er im Auftrag des Klosters von 1772 — 1776 
zu pastorieren hatte, wurde für seine Weiterent\\'icklung insofern 
von Bedeutung, als er von dort aus in einen lebhaften Verkehr mit 
mehreren hervorragenden Protestanten der Umgegend, namenthch 
dem Superintendenten und dem Fürstl. Wallerstein sehen Hofrat 
Wasser von Harburg ^ trat. Der fremidschaftliche Gedankenaus- 
tausch mit ihnen mag auf ilin umso tiefer gewirkt haben ^, je un- 
erbaulicher mid unfriedlicher es um diese Zeit in seinem Kloster zu- 
ging. Das Hauptanliegen semes Lebens, die Wiedervereinigmig der 
Protestanten mit der katholischen Kirche, hat dort in semer Seele 
festere Gestalt gewonnen ^. 

Der im Jahre 1776 nicht ohne Bedas Einfluß gewählte Abt 
Gallus berief ilm alsbald ins Kloster zurück auf das Priorat, das er 
aber schon im folgenden Jahre wieder mit einer Klosterprofessur 
vertauschte, als deren Inhaber er verschiedene philosophische mid 
theologische Fächer zu lehren hatte. Nachdem er wegen einiger 



^ Visit.-Akten 1780. Aussagen Bedas, Edmunds und Mangs. Dazu den 
Beriebt des Gcneralvisitators Steiner vom 26. I. 1780 in Monast. Donauw. N. 40. 

2 Vgl. § 2 im „Ersten Schritt". 

' Vgl. § 14 a. a. 0., wo er seine Bcmüliungen in dieser Richtung 6 Jahre, 
also auf 1772, zurückdatiert. Einen Anklang daran verrät aber auch schon „Johann 
Kehrwischens Reise in den Mond" im „Päckchen Satiren" von 1770, 101. 



P. Beda Mayr von Donauwörth 191 

Schriften im schwäbischen Klerus suspekt geworden war, drang das 
Ordinariat 1780 auf seine Absetzung vom theologischen Lehramt, 
beheß ihn aber schließlich zeitweilig auf Verwendung des Abtes. 
In seiner ,, Apologie" S. 160 teilt er mit, daß er 1785 ,,des Schul- 
haltens müde geworden" freiwillig um seine Entlassung von einer 
Professur eingegeben habe. Doch schien das Kloster seine Kraft 
nicht entbehren zu können. So hat er denn in Wirklichkeit un- 
ermüdlich Unterricht erteilt, bis er nach dem Bericht des Rotulus 
am 8. April 1794 starb, nachdem er ein paar Stunden vorher wegen 
außerordentlich heftiger Kopfschmerzen seine letzte Moralvor- 
lesung abgebrochen hatte. — 

Der Rotulus ist natürhch nach dem Grundsatz abgefaßt: de 
mortuis nil nisi bene. Aber auch wenn wir zu den Superlativen, 
in denen hier seine Mönchstugenden gepriesen werden, den advo- 
catus diaboli aus den Visitationsakten sich äußern lassen, so bleibt 
doch noch immer der achtbare Positiv eines ehrenhaften Mannes 
und Mönches übrig, dessen gi-ößte Leidenschaft das Studieren ge- 
wesen zu sein scheint, und der seinen Klostergelübden treu blieb 
bis zum Tode i. 

Wie C. Königsdorf er ^ andeutet, und F. X. Bronner ^ einseitig 
genug veranschaulicht, war die klösterliche Zucht in Hl. Kreuz ge- 
rade während der Ordenszeit Bedas stark im Verfall. 

So glänzend auch die von Abt Amandus Röls erbaute Kirche 
mit Abtei äußerhch dastand, innerlich sah es im Kloster teilweise 
elend aus, weil der benediktinische Gruß ,,Pax" in seinen Hallen 
zum hohlen Schall geworden war. Beständiger Unfriede zeiTÜttete 
das klösterhche Zusammenleben. Dabei drehte sich der Streit ur- 
sächlich nicht etwa um den Gegensatz alter und neuer Grundsätze, 
sondern um Klosterämter und persönliche Parteiungen. Allerdmgs 



^ Nicht bloß seinem Orden, auch seinem Kloster blieb er so treu, daß er 
Berufungen auf auswärtige Professuren ausschlug (Apologie 120 A.). Bezeichnend 
ist auch seine ablehnende Haltung gegen seinen früheren Lieblingsschüler Bronner 
nach dessen Austritt. Bronner a. a. O. II 292 ff. 

2 Gesch. des Klosters zum Hl. Kreutz in Donauwörth. Von C. Königsdorfer 
3 Bde. III (Donauwörth 1819-1829) 459 ff. Vgl. dazu: Verzeichnis der Äbte und 
Mönche des ehem. Benediktinerstiftes Hl. Kreuz in Donauwörth von P. Pirmin 
Lindner. Mit Ergänzungen von J. Traber. In Mitteilg. des bist. Ver. f. Donau- 
wörth u. Umgegend. 2. Jahrg. 1—44. Dort findet man S. 2 die Quellen zur 
Gesch. dets Klosters angegeben. 

3 F. X. Bronners Leben von ihm selbst beschrieben. 3 Bde. (Zürich 1795—97). 
Neue (Titel-) Auflage Zürich 1816. 



192 Joseph Hörmann 

machten dann die Gegner Bedas und seiner ,,conventicula" dessen 
„aufgeklärten" Standpunkt und Schriftstellerei, seinen Verkehr mit 
Protestanten, seine Pflege akathohscher Literatur zu einem Haupt- 
anklagepunkt 1, um der „Überlegenheit der jüngeren und dem 
P. Beda anhängenden Faktion steuern zu können" und dessen Ver- 
setzung oder doch Absetzung zu bewirken. 

In Wirklichkeit blieb die Lehrtätigkeit Bedas in ziemlich kon- 
servativen Grenzen. Denn er legte seinen Vorlesungen immer 
„autores probati" zugrimde 2. Generalvisitator Steiner berichtet 
denn auch am 26. Jan. 1780 an den Kurfürsten: „Vom jüngsten 
Frater bis zum P. Prior hat P. Beda dass Zeugniss, daß er nur ortho- 
doxe Principia .... vortrage." 

Seine neuen Sonderideen trug er, Avie er selbst wiederholt ver- 
sichert 3 und auch seine Schüler bezeugen ^, im Kloster überhaupt 
nicht vor. Dennoch witterten seine Schüler, die er zu rastlosem 
Fleiß zu begeistern wußte ^, in ihm den ,, neuen Geist". Aber es 
ist doch bezeicknend, wie er dem Fr. Bonifaz Bronner vor seiner 
Abreise nach Eichstätt, von wo er als Freigeist und lUuminat zurück- 
kam, als Zeichen besonderen Vertrauens ,,sein geheimstes System" 
mitteilt. Schon von seinem damaligen Standpunkt aus war Bronner 
enttäuscht darüber, wie ,,echt katholisch" dieser vermeintliche 
,, Freisinn" war ^. Dessen weitere Angabe, Beda sei früher selbst 
Freimaurer gewesen, aber wegen Indiskretion ausgeschlossen 



1 Visit.-Akten 1769, 79 100 f. 172. VLsit.-Akten 1774: Aussage des P. Ilde- 
phons ad ordinat. 7, 21. Derselbe in Visit.-Akten 1776 N. I. Bei der Visitation 
von 1778 bes. Wunibald ad 18, Edmund ad 20. Bei der Visitation von 1780 treten 
nur mehr P. Edmund imd Mang in bemerkenswerter Weise gegen ihn auf. Auf 
diese beiden dürfte auch die dem Protokolle von 1780 vorgeheftete, äußerst ge- 
hässige Klagschrift vom 10. XII. 1779 zurückgehen. Sie ist hauptsächlich gegen 
das „schleichende Gift" des ,,verdehrten Lehrers Beda" gerichtet. — Schließlich 
bezeiclinen alle übereinstimmend P. Edmund und Mang als Friedensstörer und 
fordern deren Versetzung. Dieselben werden schon durch das Visitationsergebnis 
von 1765 stark kompromittiert, ebenso durch die ,, Relation" des Aktuars bei der 
Visitation von 1769, noch mehr durch die auf P. Roman und Wimibald zurück- 
gehenden Beilagen „f" und ,,g^" zum Visit. -Protokoll von 1780. 

^ Visit. -Protokoll 1780 nennt er selbst Gazzaniga. Bertieri, Godecan. 

3 Z. B. Apologie 161. 

* Übereinstimmend im Visit. -Protokoll 1780, Fr. Augustin betont ad ordinat. 
7 ausdrücklich, daß B. auch in dem mehrerseits gerügten Privatumgang nicht 
anders lehre. Deutlicher sind Bedas Spuren in den u. S. 209 erwähnten Thesen. 

^ Bronner a. a. O. I 328 368 370. 

« a. a. O. I 435. 



P. Beda Mayr von Donauwörth 193 

worden, beruht lediglich auf der Erzählung eines Eichstätter 
Freundes und wird von Bronner selbst nicht für sicher gehalten. 
Gewiß ist, daß er diesen sehr vor geheimen Gesellschaften warnte 
und ihm seinen Beitritt zu den Illuminaten stark verübelte ^. 

Bestimmt man den Begi'iff der kirchlichen ,, Aufklärung" ^ 
so, daß sie wesentlich antisupranaturalistisch und ratio- 
nalistisch war, dann war unser Beda sicher kein Mann der Auf- 
klärung; dagegen spricht vor allem der ganze 2. Band seiner Ver- 
teidigung der natürlichen, christlichen und katholischen Religion, 
worin er die Möglichkeit und Kennzeichen einer unmittelbaren gött- 
lichen Offenbarung ausführlich begründet. Namentlich verteidigt 
er die Bestätigung derselben durch Wunder (S. 143 — 287) und 
Weissagungen (S. 287 — 331), wogegen der Erweis durch innere 
Kriterien sehr zurücktritt. — S. 473 — 808 gibt er eine dem damaligen 
Stande der biblischen Fragen entsprechende Apologie der alttesta- 
mentlichen Offenbarung ^. Aber auch aus seinen übrigen Schriften * 
geht klar hervor, daß er den Standpunkt nie verleugnen wollte, 
den er in der Vorrede zu dem genannten Werke S. VII einnimmt 
mit den Worten: ,,Ich wenigstens getraue mir, es vor Gott und aller 
Welt zu sagen, daß ich nichts so sehr und so aufrichtig wünsche, 
als die Religion Jesu und den kathohschen Glauben, den ich aus 
iimerer Überzeugung für den wahren halte, aus allen Kräften be- 
fördern zu können." Er ist jederzeit bereit, sich dem Urteil der 
Kirche zu unterwerfen ^. 

^Trotzdem ist unser Beda unter die Vertreter der ,, Aufklärung" 
zu zählen. F. X. Brormer gibt wohl die Meinung aller damahgen 
Verehrer Bedas wieder, wenn er ihn den ,, gelehrtesten, aufgeklär- 



1 A. a. O. I 455 504; II 22 ff. 

2 Zur Literatur vgl. die Angaben bei S. Merkle: 1. Die kath. Beurteilung 
des Aufklärungszeitalters (Berlin 1909); 2. Die kirchliche Aufklärung im kath. 
Deutschland (Berlin 1910), und Joh. B. Sägmüller: I. Wissenschaft und Glaube 
in der kirchlichen Aufklärung (Essen- Ruhr 1910); 2. Unwissenschaftlichkeit imd 
Unglaube in der kirchlichen Aufklärung (Essen-Ruhr 1911). 

3 Vgl. u. a. S. 769-793. Apologie 21. 

* Vgl. z. B. „Die Verehrung lind Anrufung der Heiligen usw." (1781) oder 
von seinen zahlreichen Predigten z. B. die „Predigt auf das Titularfest der hochlöbl. 
Bruderschaft der schmerzhaften Mutter vom schwarzen Serviten-Skapulier (zu 
Elchingen 1777) u. a., mit dem Buch von A. L.: „Wer sind die Aufklärer" (1786) 
sub: ,, Heiligenstürmer". 

'' Vgl. „Apologie" 107 134. Vorrede dazu S. VIII. — ,,Vertheidiguug" 
III 353. 

Festgabe Knöptler 13 



194 Joseph Hörmann 

testen Kopf in der ganzen Gegend umher" ^ nennt. Für die Gegner- 
schaft, die sein „aufgeklärter" Standpunkt bei der Mehrzahl der 
Mitmönche fand, ist bezeichnend das Vorkommnis mit Weißen- 
bachs ,,Vorbethen des neuen Heidentums" bei der Tischlektüre, wobei 
Bronner sich weigerte, die auf Beda gemünzte Stelle vorzulesen ^. 
Weitere Belege ergeben sich aus den oben angeführten Visitations- 
akten. Weißenbach war nicht der einzige, der dem Donauwörther 
Apologeten Aufklärung im tadelnden Sinne zum Vorwurf macht. 
Sein literarischer Hauptgegner, der Exjesuit Joh. Ev. Hochbichler^ 
schreibt mit Bezug auf ihn : ,,Es ist eine grausame Sache, wenn ein- 
mal der Aufklärungskitzel in eine Kaputze genistet hat." Ebenso 
gebraucht das Wort Aufklärung zur Kennzeichnimg von Bedas 
Richtung ein Reichsprälat aus Freiburg im Breisgau in der Augs- 
bu rger,,Kri tik über gewisse Kritiker, Rezensenten und Broschüren- 
maclier" 1790, Nr. 9. Ähnhch äußert sich in Nr. 7. ein bayerischer 
Weltpriester *, 

In dieser Zeitschrift hatten die Ex Jesuiten von St. Salvator 
seit 1787 sich ein Organ geschaffen, welches ,,eine antikirchliche 
Aufklärung energisch und konsequent, wenn auch hie und da derb 
in der Form bekämpfte" ^. Einen einflußreichen, unermüdHchen 
Bundesgenossen hatten sie an dem damaligen Domprediger Alois 
Merz. Die Literatur um ilm, die allein für sich ein gewisses Zeit- 
bild des konfessionellen Lebens im Augsburgischen ergäbe, ver- 
anschaulicht uns eine streng konservative, ,, stramm" kirchliche 
Arbeitsgemeinschaft, der, weniger geschlossen mid einlieitlich, die 
Männer entgegenstanden und wirkten, die der Aufklärung in irgend- 
einer Form dienten. Zu den Gönnern und Freunden Bedas gehörten, 
natürlich olme alle seine Ideen zu billigen, u. a. Professor Sailer 
in Dillingen, Schuldirektor Braun in München, Provikar de Haiden 
in Augsburg. 

Da das Wort ,, Aufklärung" üi allen Farben schillert, muß bei 
jedem einzelnen die ,, persönliche Farbe" seiner Aufklärmig näher 
bestimmt werden. Versuchen Avir das mit der hier gebotenen Kürze 

^ Geschichte seines Lebens I 302. 

2 a. a. 0. 422 ff. 

^ P. Beda Mayrs . . . Verteidigung der kath. Religion theologisch unter- 
suchet von J. E. Hochbichler, ö. Lehrer der Theologie in dem kath. Schulhause 
der freyen Reichsstadt Augsburg. 1. Heft: Bedas Meynungen (Augsburg 1790) 33. 

* Antwort auf zwo sog. Kritiken 33. 

^ R. Stölzle, J. M. Sailer, seine Maßregelung an der Akademie zu DUliugeu 
und seine Berufung nach Ingolstadt (Kempten 1910) 28 A. 1. 



P, Beda Mayr von Donauwörth 196 

bei Beda, so ist vor allem die Unterscheidung Stölzles ^ hier an- 
zuwenden: „In 2 Formen erscheint die Aufklärung in katholischen 
Kreisen, in einer radikalen und in einer gemäßigten." 

Zu der gemäßigten Richtung in der kirchlichen Auf- 
klärung zählen wir auch P, Beda Mayr. Er fordert obige 
Unterscheidung selbst deutlich genug. In der Apologie 138 sagt 
er z. B. : „Vermengen Sie mich nicht mit denjenigen Neuerern, die 
man verachtungsweise ,Aufklärer' nennt, und die, ob sie gleich 
Katholiken heißen wollen, doch vielleicht nicht angeben können, 
wodurch sie sich von den Protestanten unterscheiden. Diese be- 
ginnen ihre Reformation damit, daß sie alle Unfehlbarkeit der Kirche, 
alles Ansehen der allgemeinen Kirchenversammlungen verspotten 
imd wegwerfen. Ich vertheidige beyde als unumstößlich richtig, 
und befrage mich nur, ob man ihr Ansehen, ohne der Wesenheit 
der Sache selbst Abbruch zu thun, nicht einschränken könnte." 
— Wenn er in der Vorrede zum 2. Teile der ,,Vertheidigung", S. XII, 
sagt : Es gibt eine wahre und eine falsche, mit Unrecht so genannte 
,, Aufklärung", so will er natürlich für sich die erstere Art in Anspruch 
nehmen ^. 

Im allerbesten Sinne aufklärend war es, wemi Beda in der 
,, Abhandlung von der Bewegung der Körper in krummen 
Linien und Anwendung derselben auf unser Sonnen- 
system" (Augsburg 1779) für das kopernikanische Weltbild eintrat, 
oder in den ,, Gedanken eines Landpfarrers über die Kuren 
des Pfarrers Gaßner" (1775) sein Scherflein beitrug zu einem 
damals beschämend schwierigen Werke, das Don Ferd. Sterzinger ^ 
mit Mühe fertig brachte. 

Charakteristischer für die kirchliche bzw. unkirchliche Note 
seiner Aufklärung dürfte deren kurze Bestimmung nach den fol- 
genden Punkten sein: 

Es ist nicht ersichtlich, inwieweit Beda ein Kenner der Schola- 
stik war; jedenfalls war er nie ein Freund derselben*. Schon in 
seiner Satire ,, Johann Kehrwischens Reise in den Mond" äußert 
er sich abfälhg über die ,,altfränkischen Thesen eines Skotisten" und 

1 a. a. 0. 9. 

2 Vgl. Apologie 137 und das Vorwort der Schrift über „die Verehrung . . . 
der Heiligen". 

3 H. Fieger, P. Don Ferdinand Sterziiiger (München 1907) 169—234. 

* Charakteristisch für sein Absehen vom scholastischen Terminus ist z. B. 
seine Darstellung der Transsubstantiation. Vertheidigmig III 405—414. 

13* 



196 Joseph Hörmann 

verspottet den Mangel an Induktion bei den „Mondbewohnem" : 
„In der Physik sind sie ungemein stark. Wissen sie etwas nicht gleich 
zu erklären, so nehmen sie ihre Zuflucht zu gewissen Wörtern, die 
mit den Qualitäten unserer Peripatetiker große Ähnlichkeit haben, 
und schreiben alles auf Rechnung dieser unschuldigen Dingerchen." 
Läßt er die Gelehrten auf dem guten Monde auf das 600 Jahre alte 
Buch eines ,,Sturus Pemolbard" schwören, so hat er damit den 
Namen des Magister Sententiarum doch mehr entstellt als verhüUt, 
Auch später nimmt er die Gelegenheit gerne war, der Scholastik 
einen Hieb zu versetzen, so in der „Vertheidigung" III 302 306 
381 388; „Apologie 117". 

Während Stattler als einer der ersten Bekämpfer des großen 
Königsberger Philosophen in der Geschichte der katholischen Apolo- 
getik seinen Platz errungen hat, bekennt Beda in der Vorrede zur 
,,Vertheidung" II, S. V: ,, Freylich habe ich Kants Kritik der 
reinen und der praktischen Vernunft und andere Schriften zu spat 
kennen gelemet. Manche Beweise, derer ich mich im ersten Teile 
bedienet, würden sonst anders ausgefallen sein." 

Seine kirchenpolitischen ,, Grundsätze" fordern eine klare und 
scharfe Trennimg zwischen der welthchen und geisthchen Macht- 
sphäre ^. 

Er macht zwar aus seiner Begeisterung für Joseph II. kein 
Hehl 2j erhebt aber in seinen ,, Reflexionen" über die Note des 
Ministers Kaunitz an den Nuntius Garampi doch wesentHche Be- 
denken gegen das dort proklamierte fast schrankenlose Staats- 
kirchentum ^. 

Dagegen tat ihm B. Stattler nicht Unrecht, wenn er ihm 
febronianisierende Tendenzen nachsagte . Abgesehen von seinem 
Episkopalismus wäre auch, wie wir imten sehen werden, auf dem 
Gebiet der kirchlichen Lehrentwicklmig eine Zurückschraubmig aufs 
4, Jahrhundert sein Ideal. — Er sieht, daß die Immunität nicht 
mehi" zeitgemäß sei, und legt dem Klerus nahe, darauf freiwiUig 
zu verzichten. 

Die Abschaffung von Feiertagen soll sich im gegenseitigen 
Benehmen von Bischöfen und Landesherren und mit dem Papste 
vollziehen. Besonders am Herzen liegt ihm die deutsche Messe. 

^ Vgl. „Grundsätze" 142 ff. Reflexionen § 22 ff . 
^ Vertheidigung III 530. Reflexionen 100 und Voreriimenmg. 
^ Vgl. §§ 19 31 f. 35 oder in den Anmerkungen zu S. 37 46 52 die Äußerungen 
gegen ..Hofkanonisten, ,, Hof Schmeichler" und Säkularisationsgelüste. 



P. Beda Mayr von Donauwörth 197 

Schon in seinen Satiren klingt die Forderung nach mehr Gebrauch 
der Muttersprache an. Ein Jahr vor dem „Ersten Schritt" wid- 
mete er diesem Herzenswunsch eine eigene Schrift ^, und in der 
,,Vertheidigung" ^ wie in den eben erwähnten „Grundsätzen" ^ 
kehrt er wieder. 

Die Häufigkeit der Beichte und allzu leichte Approbation 
der Beichtväter hält er mehr für schädlich als nützlich, weil sie 
dem Ernste der psychologisch zu vertiefenden Verwaltung des 
Sakramentes der Buße abträglich sind *. 

Bezüglich des Ablasses, der nach ihm ursprünglich nur eine 
Erlassung der Kirchenstrafen ist ^, ,, müßte unsererseits, obgleich 
die Sache selbst beybehalten würde, viele Veränderung in der 
Materie von den Ablässen vorgenommen, die Ablaßbullen ganz 
anders abgefaßt, die Zahl der Ablässe um vieles vermindert w^er- 
den . . ." « 

Während er bezüghch der Verehrung der Heiligen, die er 
selbst in einer warmherzigen Schrift ' verteidigte und in \äelen 
Predigten gelegentlich empfahl, nur Mißgriffe unverantwortlicher 
Einzelner beklagt *, wären bei Verehrung der Bilder und Reliquien 
von den Kirchenvorstehern noch viele Mißbräuche abzuschaffen ^. 

Die Aufhebung des Zölibates^^ steht, wie er glaubt, in xA.us- 
sicht für übertretende protestantische Geistliche, vielleicht auch für 
Weltpriester, die Mönche sollen ihn unverändert beibehalten. Sonst 
wäre an der Mönchsverfassung manches zu ändern. Das Ab- 
stinenzgebot ^i) soll abgeschafft werden, weil es nur den Mittelstand 
trifft und seinen Zweck, die Abtötung des Fleisches, doch nicht 
erreicht. Den Primat des Papstes will er anerkannt wissen, 
aber ,,nach der notwendigen und möghchen Einschränkung". Be- 
züglich der Dispensationsgelder, Gelder für Pallien, welche nach 
Rom gehen, Nuntiaturen, Annaten, Reservationen, menses papales 
usw. glaubt er die Protestanten auf eine Zeit vertrösten zu kömien, 
wo man ,,die Gränzen der weltlichen und geisthchen Macht richtig 



^ Prüfung der bestehenden Gründe usw. (1777), von ihm und anderen kurz 
nur als „Deutsche Messe" zitiert. Vgl. das Zitat P. Edmunds in\ Visit.-ProtokoU 
1780 ad ordinat. 16. ^ III 519. => a. a. 0. 167. 

* Vertheidigung III 449 A. ^ a. a. 0. 483. « a. a. O. 487. 

' In den Heiligenlegenden wünscht er imter Nennung des Anstoßes, den 
das Leben des s. Jos. Labre bei einigen erregt, das Außerordentliche, das Admi- 
randum, gegenüber dem rein menschlich Vorbildlichen, dem Imitandum, mehr 
zurückgedrängt (Vertheidigung III 316). * a. a. 0. 513. 

9 a. a. O. 516. '" a. a. 0. 517. " a. a. O. 518. 



198 Joseph Hörmann 

festsetzet", dann werde ,,sich vielleicht kein Mensch mehr über die 
lästige Gewalt der Geistlichkeit und der Päpste beschweren können. 
Wirklich ist seit Febronius und Lochsteins ^ Bemühungen bey 
uns alles in eine heilsame Gährung gerathen, die der Emser- 
kongreß und die raschen Vorschritte des Kaisers Joseph noch 
sehr vermehrt haben." 

Damit sind wir der Frage näher gekommen, die den Hauptstein 
des Anstoßes in seinem System gebildet hat, nämlich seiner Lehre 
vom Primat und von der Unfehlbarkeit. 

Klar und deutlich anerkennt er nur eine kirchliche, aber keine 
päpstliche Unfehlbarkeit: ,,Das Urtheil des apostolischen Stuhles 
allein, wenn es nicht den Beyfall der ganzen Kirche erhält, ist nie- 
mals unfehlbar, und darum ist auch die Bulle Unigenitus noch nicht 
als eine dogmatische anzusehen." ^ Doch setzte die damalige Kritik 
weniger an diesem Punkte ein als vielmehr bei seiner Bestimmung 
der Tragweite der kirchlichen Unfehlbarkeit selbst. Er unter- 
scheidet nämlich eine unmittelbare und eine mittelbare Offen- 
barung ^. Aus der ersteren folgt das Glaubensdogma, das uns 
lehrt, was zur Erlangung der Seligkeit notwendig ist. Hierin be- 
steht eine uneingeschränkte Unfehlbarkeit. Ist solches nicht direkt 
in der hl. Schrift ausgesprochen, so ist es doch irgendwie in der- 
selben enthalten und wird durch die Tradition bezeugt, die Beda 
bestimmt als das einstimmige Zeugnis über das, was allzeit, überall 
imd von allen geglaubt worden ist. 

Aber der Umfang der kirchlichen Lehren und Gebräuche ist 
weit größer. Für alles außerhalb der unmittelbaren Offenbarung 
im Sinne Bedas liegende Idrchliche Lehrgut besteht die kirchhche 
Unfehlbarkeit darin, daß die Kirche nichts leliren oder verordnen 
kann, was gegen die von Christus festgesetzte Heilsordnung ist. 
Diesen Beistand des Hl. Geistes, der ebenfalls in der kirchlichen 
Tradition zum Ausdruck kommt, nemit Beda nicht eben glück- 
lich mittelbare Offenbarung. Was auf Grund derselben definiert 
wird, ist nicht Glaubensdogma, betrifft nichts zur Sehgkeit Not- 



^ Vgl. dazu seine Bemerkungen über und gegen Lochstein in den ,, Reflexionen" 
§ 7 ff . In der Trauerrede auf Abt Ansei m von Deggingen (1778) rühmt 
er diesen als den wichtigsten, bescheidensten und gründlichsten Gegner Lochsteins. 

" Vertheidigung III 337. Vgl. 342: „Wie oft setzt man den Namen Kirche 
anstatt des Wortes Pabst" usw. Im übrigen §§ 130— 134 „Vom Papste" 521 —533. 

' Vgl. den gaixzen 3. Teil seiner Vertheidigung, besonders den 0. Abschnitt 
von den „Gränzen der Uiifehlbarkeit". 



P. Beda Mayr von Donauwörth 199 

wendiges, sondern nur Kirchendogma i. Man hat diesbezüghch 
außer dem äußeren Gehorsam nur den inneren Glauben zu leisten, 
daß das Betreffende zur Erreichung des ewigen Zieles nicht schäd- 
lich, sondern nützlich ist. Die Lehre, daß der betreffende Gegen- 
stand ,, immittelbar" von Gott geoffenbart sei, kann dabei irrig sein. 
Ob etwas Glaubensdogma oder Kirchendogma, unmittelbar oder 
,, mittelbar' ' von Gott geoffenbart sei, kami jederzeit untersucht werden. 

Beda macht hiervon vielfältige Anwendungen, z. B. auf die 
Ohrenbeicht 2; ,, Entscheidet nun die Kirche, die Beicht sei 
unmittelbar von Christo selbst eingesetzt, so wissen die Gläubigen 
wegen der Unfehlbarkeit der Kirche immer soviel gewiß, daß die 
Ohrenbeicht nicht nur von der Heilsordnung nicht abführe, sondern 
selbe vielmehr befördere, und nützlich sey .... Es ist bei dieser 
Entscheidung der Kirche doch noch möglich, daß die Ohi-enbeicht 
nicht von Christo selbst eingesetzt worden . . . ." 

Nimmt man noch hinzu, daß Beda wiederholt betont, er gebe 
in diesem Teil seines Werkes nicht seine wirkliche eigene Meinung 
wieder, sondern nur hypothetische Vorschläge als Unterlage für 
die Diskussion eines Unionsplanes ^ so begreift man, wie eine gewisse 
widerspruchsvolle Halbheit dieser Art von Demonstratio catholica 
zum Angriff reizen mußte. Zu bedauern bleibt, daß sein Haupt- 
gegner, J. E. Hochb ichler, den guten Glauben \md die beste Absicht 
Bedas so gar nicht gelten ließ, sondern zum Kampf gegen ihn so 
tief hinabsteigen zu dürfen glaubte, daß er ihm in witzig sein sollen- 
den Anspielungen die Farbe seiner Haare und den liinkenden Fuß 
zum Vorwurf machte, ersteres unter Erinnerung an Judas ^! 

1 a. a. O. 293. 

2 a. a. O. III 296. In der , .Apologie" S. 12 sagt er: „Unter allen Unter- 
scheidungslehren vielleicht ist keine, die mit der Heilsordnung in einer noth wendigen 
Verbindung steht, ob sie gleich alle selbige befördern helfen." Damit gehören 
sie zu den nur „mittelbar" geoffenbarten Dingen im Sinne Bedas! 

^ Vertheidigung III, Vorrede S. IX: „Ich zeige mich hier der Welt nicht 
als Beda Mayr, der sein Glaubensbekenntnis ablegt. . . . Ich erscheine als Friedens- 
stifter." — Seine Vorschläge sollen ,,Praelimmarartikel zu einem künftigen Friedens- 
schluß" sein. Die Unterscheidung von Glaubensdogma mid Kirchendogma soll 
hierzu helfen. Denn nur ersteres müssen die Protestanten nach ihm positiv an- 
nehmen. Bezüglich der mittelbar geoffenbarten Kirchendogmen, z. B. der 
Lehre über Kanonizität der deutero-kanonischen Bücher, Ohrenbeicht, Heiligen- 
verehrung, Ablaß usw., müssen sie bloß anerkemien, daß diese Dinge der Heils- 
ordnung nicht zuwider, sondern förderlich sind, ohne z. B. glauben zu müssen, 
daß die 2 Makkabäerbücher wirklich ,, kanonisch" sind. 

* a. a. O. 11 25 58. Ein Privatbrief aus Ingolstadt berichtet von dort be- 



200 Joseph Hörmaim 

Beda, der sich sonst für Polemik zu empfindsam zeigt, hat auf 
diese Roheit doch den Humor, seinem Gegner für den nächsten 
Waffengang noch zu verraten, daß er auch noch einen verstümmelten 
Daumen habe. — 

Zur Sache selbst ist zu bemerken, daß die Demonstratio cathoUca 
Bedas weniger bestimmt ist durch Beweisquellen als beherrscht wird 
durch den Zweckgedanken, so daß er vielmehr zielt als schluß- 
folgert. Sein Ziel aber ist die Kirchenvereinigung i. Augen- 
scheinlich wird das im Anhange S. 345 — 536, wo er immer wieder 
die Lehre der Katholiken und Protestanten einander gegenüber- 
stellt, erstere „auf die äußerste Spitze hinaussetzt", und dann einen 
,, Vorschlag zur Vereinigung" macht. Da er erkannte, daß bei diesem 
Unternehmen die Lehre von der kirchlichen L^nfehlbarkeit so recht 
die Türangelfrage sei, so suchte er sie in einem wie er glaubte unions- 
günstigen Sinne zu modifizieren. 

Das mußte ihn mit der Kirche in Konfhkt bringen. Tatsäch- 
lich kamen auch sein ,, Erster Schritt" und seine ,.Vertheidigung" 
durch Dekret vom 31. VII. 1783 und vom 17. XII. 1792 auf den 
Index. 

So ist also der Unionsgedanke das erregende Moment 
in seinem ganzen Lebenswerke, die große, an sich schöne 
Idee, deren Utopie der im Grunde unpraktische Mann in einer 
Weise praktisch zu machen suchte, die trotz der besten Absicht 
seiner Person nur LTnannehmlichkeiten, seiner Sache nur Erfolg- 
losigkeit bringen mußte. 

II. Bedas Versuch zu einer Kirchenvereinigung. 

Die Programmschrift seiner Unionsidee istder,,ErsteSchritt", 
ein recht harmlos sich gebendes Broschürlein von 22 kleinen Seiten 

geisterte Zustimmung zu Bedas Werk und Ideen. Leider wird sein Wert recht 
herabgedrückt dadurch, daß auf dem erhaltenen Zettel, der vom 5. III. 1790 
datiert ist, weder Schreiber noch Adressat angegeben ist, mid dann durch eine 
Ausdrucksweise, die man nicht mehr Schärfe, sondern nur Grobheit nennen kann. 
Es heißt da: „Die vernünftigsten Männer und scharf siimigsten Theologen in 
Ingolstadt können das vortreffliche und grundgelehrte Werk des H. P. Beda nicht 
genug preisen, so wie sie sich im Gegentheile nicht genug darüber vervnmdem 
können, wie sich P. Hochbichler, ein Glied aus dem niedrigsten theologischen 
Pöbel, ein Mann ohne alle Kritik und Geschichte, ja sogar ohne gesvmde Dogmatik, 
unterstehen konnte, das Werk und wohl gar die Person dieses würdigen Mannes 
zu lästern." 

' Vgl. Vertheidigung III Vorrede S. X. 



P. Beda Mayr von Donauwörth 201 

mit 20 Paragraphen. Er sandte das Manuskript an Schuldirektor 
Kanonikus Braun; dieser ließ es 1778 ohne sein Vorwissen drucken, 
ßedas weiteres Lebensschicksal ist von da ab größtenteils nur 
die persönliche Erfahrung des „Fatum li belli". 

Der ,, Erste Schritt" will auf den Weg der Vereinigung der katho- 
lischen und der evangehschen Kirche führen. Die beiderseitigen 
Polemiker erschweren dieselbe. Aber: „Ein Unionsprofessor, ein 
Unionsprediger wäre immer ein nützHcheres, ein liebenswürdigeres 
Geschöpf als ein Kontroversist (§ 6)." Ein Hindernis liegt darin, 
daß die Kirche unterdessen soviele Unterscheidungslehren, wie über 
Ohrenbeichte, Sakramente, Fegfeuer definiert hat. Ohne diese Ent- 
scheidmigen wären es nur Schulstreitigkeiten, die uns trennten. 
,,Wer (also) eine Vereinigung vermitteln will, muß zuerst den Grund 
oder Ungrmid der Unfehlbarkeit untersuchen ^. Fällt diese, so ist 
die Vereinigung möglich, fällt sie nicht, so bleibt sie ewig unmög- 
Hch .... Ist aber dieser Artikel ins reine gebracht, so müssen nach 
und nach alle besondre, charakteristische Lehren beyder Theile 
untersuchet werden. Man muß sehen, . . . wie nahe wir schon 
beysammen sind, und wie nahe wir zusammen tretten können" (§ 8). 

Und der Weg? Disputationen führen zu nichts. Es sollen auf 
jeder Seite Unionsakademien gegründet werden, die jährlich ge- 
wisse Preisfragen aufwerfen und die Meinungen der Gelehrten dar- 
über sammehi. Die Katholiken müßten sie alsdann der Kirche vor- 
legen, bei den Protestanten köimte es hierin nicht so viele Sch^^derig- 
-keiten haben, da sie ja keinen lebendigen Glaubensrichter an- 
erkeimen (§ 12). „Die allererste Preisfrage müßte diese seyn: 
,,Läßt sich die Unfehlbarkeit der römisch-katholischen Kirche, mid 
wie läßt sie sich beweisen? Was hat sie für Gränzen? Unter was 
für Bedingnissen wird sie ausgeübet?" Der Beweis muß ange- 
messen, kurz — nicht über 6 Druckbogen ! — und deutlich sein ; auch 
neuartig. Denn: ,,kann man unsern Schriftbeweisen, die wir bis- 
her angeführt, keine andere Wendung geben, so beweisen sie wahr- 
haftig nichts" (§ 13). ,, Derjenige Beweis, der den Preis erhielte, 
würde alsdami den Protestanten zur Beantwortung ausgeschlossen. 
Es müßte endlich doch einmal zum Schlüsse kommen : Ob die Un- 
fehlbarkeit einen Grund habe, oder nicht. Und alsdann würde 
der Friede bald geschlossen sein (§ 14)." 



^ In der „Vertheidignng" ist die Unfehlbarkeit nicht mehr in Frage gestellt, 
wie hier wohl nur methodisch, sondern in dem dargelegten Sinne fest behauptet. 



202 Joseph Hörmann 

Er persönlich sei zu unvermögend, einen solchen Preis aus- 
zusetzen. „Möchte sich doch ein Großer, ein Landesregent der 
leidenden Kirche annehmen, möchte er eine Akademie errichten und 
unter seinen Schutz nehmen!'' (§ 15). In ,, süßer Schwärmerei" 
sieht er schließlich seine Akademie schon ihre wöchentUchen Sit- 
zungen halten, Gutachten fertigen und verbreiten, Preise zu- 
erkennen und so Schritte zum Frieden machen. 

Wenn Beda vom Unionsprofessor auch sagt: ,,Er muß seine 
Waare nicht als imumstößliche Wahrheiten verkaufen, sondern nur 
Vorschläge thun, über die dasUrtheil immernoch der Kirche vor- 
behalten wird" — 80 kann diese von ihm gewiß aufrichtig gemeinte 
Verbeugimg gegen das kirchliche Lehramt doch nicht mehr viel 
an dem Eindrucke ändern: Sein L^nionsprofessorenkonzil imter 
landesherrlichem Protektorat wäre dazu angetan, die Grmidlagen 
der kirchlichen Verfassung neu auszuheben und schließlich gar die 
entscheidende Instanz für die regula fidei zu werden. 

Beda sah in seinem Vereinigungseifer nicht, wie unkathoHsch 
und unpraktisch zugleich sein ,, Erster Schritt" war. 

Woher kam dieser Eifer? Beda verzichtet vöUig auf eine 
historische Einleitung oder eine Anknüpfung an vergangene L^nions- 
versuche ^, deutet aber in § 5 an, daß er dieselben kennt. Er wußte 
also wohl von Spinola, de la Lance und Bossuet, von Molanus, 
Leibniz und Abt Jerusalem. Er erwähnt auch ,,ganz neuerhche 
Versuche eines verdienstvollen und nur zu wenig bemerkten Schrift- 
stellers, die wie es scheint ganz fruchtlos abgeloffen waren." Auf 
B. Stattler wird sich das kaum beziehen, eher auf Ulrich Mayr 
von Kaisheim. Daß der LTnionsgedanke damals, freihch in selir 
verschiedener Weise, viele Federn mid noch mehr Gemüter be- 
schäftigte, ist bekamit. 

Es ist ersichtlich, daß Bedas ,, Erster Schritt" melir in der Rich- 
tung auf Febronius zu geschah ,,ad reuniendos dissidentes in 
religionechristiana", als in der Richtung Amor ts- und Stattlers. 
Der damalige Zeitgeist war der Erzeugung von L^nionsplänen ebenso 
günstig, als er ihrem Erfolge ungünstig sein mußte. Demi bei 

^ Darüber C. W. Hering, Geschichte der kirchlichen Unionsversuche 2 Bde. 
II (Leipzig 1836 — 1838) 408 wird Bedas „Erster Schritt" erwähnt. 

" Über dessen Kritik der indifferenten Concordia Loeniana vgl. F. Friedrich, 
Beiträge zur Kirchoiigesch. des 18. Jahrh. Abli. d. k. b. Akad. d. Wisg. 111. Kl. 
XIII (1876) 2, 115—120. Vgl. dazu einen Brief Muratoris an den z. Z. des Bischofs 
Joseph in Augsburg sehr einflußreichen Canonicus Bassi in Cod. lat. Mon. 1411 247. 



P. Beda Mayr von Donauwörth 203 

vielen Philosophiegläubigen jener Tage erzeugte er einen alle be- 
stimmte Religiosität nivellierenden Indifferentismus. In dieser 
Richtung arbeiteten auch die geheimen Gesellschaften der Frei- 
maurer und Illuminaten, während auf pohtischem Gebiete die 
Toleranzgesetzgebung zur Forderung des Tages wurde. Statt 
nun diese zu begrüßen und zu fördern und den Sinn für bürgerhche 
Toleranz auch bei dogmatischer Trennung zu fördern, überstürzte 
sich der ,, Tolerantismus" der Aufklärungszeit in einigen Köpfen zu 
primitiver Religionsmengerei bei gleichzeitiger Verschärfung der 
Gegensätze im Zusammenleben der bestehenden Konfessionen, wie 
bei dem von Halle ausgehenden ,, Plane der vereinigten Religions- 
lehrer" 1, oder wie bei Beda zu utopistischen Vereinigungsplänen. 

Der Umstand, daß eine Gegenpartei immer noch auf Kontro- 
verspredigten hielt und daß bei einigen nervöse Engherzigkeit, 
bei anderen gutgemeinter Übereifer das Schlagwort vom ,,Pro- 
selytenmachen" im Schwünge erhielt 2, hatte zur Folge, daß den 
Toleranz- und Unionsbestrebungen der oppositionelle Druck nicht 
fehlte, der nicht das Tempo aber das Temperament einer Bewegimg 
erhöht. 

Vergleichen wir aber Bedas Versuch mit den großangelegten 
Unionsverhandlungen zwischen Leibniz imd Bossuet ', so kommt 
uns freihch Bedas Unternehmen so klein vor wie etwa seine Bro- 
schüre neben Bossuets gesammeltem Briefwechsel. 

Man wußte rasch, wer den „Ersten Schritt" gemacht habe. 
Wie F. X. Bronner berichtet*, wurde er ,,bald als ein Werk von 
P. Beda durch dessen eigenhändiges Herumbieten und unvor- 
sichtiges Geständnis bekannt". Der Autor hatte damit einen Weg 
betreten, der seine edle Sache nicht zum Ziele, seine Person aber in 
einen Irrgarten voll Verdrießlichkeiten führte ^. 



^ Vgl. Alois Merz: Höchstnötige Warnung an alle, sowohl protestantische 
als katholische Christen, vor dem grundverderblichen Religionsplane der sog. ver- 
einigten Religionslehrer (Augsburg 1785). Über die Stellmignahme der ,,Würzb. 
Gel. Anzeigen" zum Unionsprojekt vgl. H. Schmidt, Gesch. d. kath. Kirche 
Deutschlands. . . München 1874, S. 93. 

2 Vgl. die Streitliteratur um Nikolai, speziell Bedas „Etwas an H. Nikolai". 

3 F. X. Kiefl, Der Friedensplan des Leibniz (Paderborn 1903). 
* a. a. 0. I 366. 

^ Die diesbezüglichen Verhandlimgen spiegehi sich wieder in folgenden 
Akten des bischöfl. Ord.-Arch.: a) Visit. -Protokolle von 1778 und 1780. — b) In 
dem Faszikel: Mon. Donauw. N. 40 ist zu vgl. aus dem Rotulus . . . das Wahl- 
und Visit. -Geschäft des Ben. -Klosters Hl. Kreuz betr.: N. 9: Pro Memoria Rev. 



204 Joseph Hörmann 

Für die katholische öffentHche Meinung waren Bedas Vor- 
schläge durch eine Gegenpredigt, die der berühmte Kontroversist 
auf der Domkanzel, Alois Merz, an Pfingsten 1778 hielt, als ab- 
getan anzusehen. Doch hatten sie noch ein längeres Nachspiel 
im Kloster Hl. Kreuz. Wie aus dem Pro Memoria de Haidens vom 
22. 10. 1778hervorgeht, hatte Bedas Nachfolger im Priorat, P.Wuni- 
bald, beim Vikariatsoffizium die geheime Anzeige gemacht, daß 
Beda ,,jene bekannte Piece .... zum anstosse des Publikums ver- 
fertigt" habe. Nach Einvernehmen mit dem Statthalter reiste 
de Haiden nach Donauwörth, um im Rahmen einer Personal- 
visitation den ,, Ersten Schritt" näher zu untersuchen, und zwar ganz 
allein, damit „nur gar alle ombrage und lärmen vermieden werde." 

Die Visitation vom 8. Sept. 1778 ergibt ein Bild, das um eine 
Linie freundlicher ist als das von anno 1769 und 1774. Noch immer 
liegt zwar die Disziplin in manchen Stücken darnieder ; noch immer 
herrscht Unfriede zwischen einzelnen und eine allgemeine Spannung 
zwischen älteren und jüngeren Klosterinsassen. 

Beda betreffend ist das Urteil im allgemeinen nicht ungünstig. 
Gegen ihn sagen aus P. Wunibald mid P. Edmimd ^. Ersterer 
rechnet ihn zu den Leuten, ,,die von der Religion sehr seicht denken" 
und ,,ihr Vergnügen mehr in eiteln lutherischen Büchern als in der 
Ascesis" haben. P. Edmund beklagt sich, daß Beda ,,die jungen 
Leute in disciplina et doctrina in Grund und Boden hinein" ver- 
derbe ; „überdies ist seine Aufführung auf der Pfarr skandalös ge- 
wesen und ist noch nicht viel besser". Der Visitator macht dazu 
die Interlinearglosse: ,,Weiß aber nichts sonderbares anzugeben." ^ 

de Haiden das vorziinehm. Visitationsgesch. betr. de 22. Okt. 1778. N. 12: Proto- 
kollum: Die Vernehmung des P. Beda de 9. Sept. 1778. N. 14: Charta Visit, pro 
P. Beda. N. 18: Pro Memoria Rev. D. de Haiden die Aufstellung des P. Beda 
als Professoris theol. betr. de 8. Okt. 1779. N. 19: Gutachten des H. Herrn Statt- 
halters Exzellenz die Promovierimg P. Bedas ad Prof. theol. de 22. Okt. mit bey- 
gesetzter gnädigster Resolution hierüber de 30. Okt. 1779 betr. Außerdem: Be- 
richt des H. Visitators Steiner vom 26. I. 1780 an den Churfürsten und der zu- 
gehörige „Vortrag" des Statthalters u. Generalvikars vom 20. I. 1780 mit zu- 
stimmendem Rescript von Clemens Wenzeslaus und einige Konzepte u. Briefe, 
m denen die gleiclie Angelegenheit beiläufig erwähnt wird, ebendort. — c) Akten 
betr. P. Beda Mayr: 1. Underthänigstes Pro Memoria des Geheimer etc. Bezel 
über das . . . Werk „der Erste Schritt". 2. Extract einer Anklageschrift gegen 
Beda vom 29. Jan. 1779. 3. Unterthänigste Bemerkungen über beigeschlossenen 
Extract, von de Haiden, am 4. März 1779. 

» Visit. -Protokoll 1778 ad 18 u. 20. 

^ Bei der Visit. 1769 lauteten seine diesbezüglichen Anklagen hauptsächlich 



P. Beda Mayr von Donauwörth 206 

Bei dem speziellen Verhör bekannte Beda sich als Verfasser 
der Broschüre der ,, Erste Schritt". Er habe das Manuskript 
an Dr. Braun nach München geschickt, der es ganz gegen seine 
Absicht habe drucken lassend Als sonstige Scln"iften von ihm 
bezeiclmet er u. a. ,,Das Päckchen Satiren" und das Büchlein über 
die deutsche Messe. Was er auf die Fragen nach der Druckerlaubnis 
vorbringt, sieht Ausreden ähnlich. 

Darnach stellt der Visitator an ihn eine Reihe konzentrisch 
formulierter Fragen über die Lehre von der einen wahren, sicht- 
baren, unfehlbaren Kirche. Mehrere davon sind auf gewisse Sätze 
im ,, Ersten Schritt" zugeschnitten. Bei der Frage über die Unfehl- 
barkeit der Kirche in der Verkündigung, daß eine Lehre von Gott 
geoffenbart sei, scheint Beda sich innerlich mit seiner Unterscheidung 
von unmittelbarer und mittelbarer Offenbarung salviert zu haben, 
wie er sie in seiner ,,Vertheidigung" und ,, Apologie" immer wieder 
darlegt. 

Der Visitator, der ja überhaupt Sympathie für Beda hegte ^, 
war mit den Antworten zufrieden. Man sieht es dem ,,Ita teneo" 
vor Bedas Unterschrift allerdings nicht an, daß es mit zitternder 
Hand geschrieben ist. Aber de Haidens Pro memoria vom 22. X. 
1778 läßt uns sehen, wie ergriffen und aufgeregt der optimistische 
Schrittmacher innerlich war, als mit seinem Unionstraume für 
Millionen Getrennter seine eigene Seele vor den Konfliktsfall mit 
seiner Kirche gestellt war. De Haiden betont darin die Zerknir- 
schung Bedas und sein Versprechen, sich ,,bloß nach dem urtheile 
und befehle seiner Oberen und eines hohen Ordinariats zu ver- 
halten." Von einem Widerruf ungsschreiben, wozu er bereit war, 
wurde nachmals abgesehen. Der Visitator begnügte sich mit einer 



auf Verkehr mit Protestanten und Schuldenmachen. Der schon erwähnte Extrakt 
des Klagelibells vom 29. I. 1779 beziffert Bedas Schulden auf 800 fl. Es handelt 
sich dabei um eigenmächtige Büchereinkäufe Bedas, die schließlich der Bibliothek 
zu gute kamen. Vgl. die diskrete Andeutung Königsdorfers a. a. 0. III 462 mid 
das Lob des Totenrotels über Bedas Verdienste um die Bibliothek, über deren 
mangelhafte Ergänzmig unter Abt Cölestin I. noch bei den Visitationen von 1769 
und 1774 Klagen laut geworden waren. Vgl. auch Vorrede zur „Vertheidigvmg" 
I S. XXV. 

^ ad 9: Prorsus contra meam intentionem et scopum impressionem procuravit 
D. Braun. 

2 R. Stölzle a. a. 0. 76 über die Fremidschaft zwischen Sailer, Beda Mayr 
und de Haiden. Dort findet man auch mehrere an Beda anklingende Sätze, die 
später auch de Haiden zum Vorwurfe gemacht wurden. 



206 Joseph Hörmann 

ernstlichen Vermalinung in separata charta Visitationis, die aber 
in wohlwollender Weise öl auf die Wunde goß durch Hinweis auf 
die mögliche Erreichung einer theologischen Professur. 

„Pro Memoria" und Charta fanden die Genehmigimg des 
Statthalters, der de Haiden selbst mit der Publikation beauftragte. 
Dieselbe erfolgte am 19. XI. 1778, worauf de Haiden ,, unter sehr 
wahrscheinlicher Anhoffung einer guten Wirkung dieses Geschäftes" 
die Rückreise antrat. 

Mit dem Vorgehen de Haidens erklärt sich einverstanden das 
Konzept eines ,,Pro Memoria" des geheimen Rates Bezel an den 
Kurfürsten Clemens Wenzeslaus. Er empfiehlt, das sehr anstößige 
,,wercklein" und ähnliche anonyme ,,Schartequen" in dem ganzen 
Bistumb sub poena censurae zu verbieten. Die Person des Autors 
aber sei zu schonen, wie ja auch ,,der pabstliche Stuhl selbsten vor 
einigen Jahren in einem gleichen fall mit dem beyspihl voraus- 
gegangen", wornach die causa eines Religiösen von Kaisers- 
heimb^ ,,ehenter mit gelindigkeit tractieret werden soUe, als widri- 
genfalls zu förchten wäre, daß .... vielleicht der author selbst zur 
Desperation mid Apostasie verleitet werden möchte". Mit Rück- 
sicht auf die bekundete reumütige Gesinnung sei er nicht dafür, 
daß man ihn ,,von der Professur der Philosophie, welche eben nach 
der heutigen Lehrart keine so große connexion mehr mit der Theo- 
logie hat, abziehen, etwa gar incarcerieren oder zur öffentlichen 
Recantation anhalten" solle. Da der Autor nicht bekannt sei, 
könnten manche hinter dem ,, Mönche" einen verkappten Prote- 
stanten vermuten, jedenfalls sei das Ärgernis tecto nomine nicht 
80 groß. 

Zur Sache selbst übergehend, tadelt er es, daß Beda die Un- 
fehlbarkeit der Kirche in Frage gestellt habe, und erörtert ,,gewiße 
schrancken und bedmgnissen" der Definitiones conciliorum gene- 
ralium et Pontificum ex cathedra loquentium miter Hinweis auf 
das Constantinopolitanum II, den Dreikapitelstreit, die Honorius- 
frage u. a. Schließlich empfiehlt er nochmals den Druck von derlei 
,,Piecen" zu verhindern und deren Verfasser ,, exemplarisch zu be- 
strafen", für diesmal aber den Autor noch zu schonen. 

Aus dem Bericht des Generalvisitators Steiner vom 26. Jan. 
1780 geht hervor, daß Domprediger Alois Merz in zwei privaten 



' Offenbar ist Ulrich Mayr gemeint. Vgl. über ihn L. Reindl in Stud. u. 
Mitteilg. z. Gesch. d. Bened.-Ordens N. F. 5 (1915) 124. 



P. Beda Mayr von Donauwörth 207 

Unterredungen mit ihm die Meinung vertrat, es würde das 
„Publicum keine bässere Satisfaktion erhalten, als wann P. Beda 
von dem H. Ordinariate angehalten würde, eine solche Schrift 
herauszugeben, wodurch jedermann erkennete, daß Beda von 
semem ersten Schritt abgehe und saltem per huiusmodi scriptum 
seinen begangenen fehlschritt revociere." Beda selbst hatte, wie er- 
wähnt, bei der Visitation von 1778 sich zu einem derartigen Wider- 
ruf bereit erklärt. Er sagt darüber in der Apologie S. 130: ,, Meine 
schriftliche Erklärung des ersten Schrittes wurde angenommen und 
sogar (!) die Erlaubniss erteilt, daß ich sie drucken lassen dürfte, 
welches hernach nur darum unterblieb, damit der ganze I -armen 
wieder auf einmal unterdrucket würde." Mit einer Art dankbaren 
Hochgefühles sagt er dort aus seiner ruhigen Stellung von 1790 
heraus: ,,So geschah es denn, daß mier weder zuvor etwas gedrohet 
wurde, noch hernach etwas Schlimmes widerfuhr." 

In den Jahren 1778, 1779, 1780 war jedoch seine Stimmung 
sehr niedergedrückt. Er lebte nach seiner und anderer Aussage 
wie ein Einsiedler im Kloster auf seiner Zelle. Wiederholt beklagte 
er sich bitter darüber, daß er, wie er meinte, ein dem Kloster un- 
nützes Leben führen müsse, wenn es seinen Gegnern vollends ge- 
hnge, ihn von seinem Lehramt zu verdrängen. 

In Wirklichkeit gelang es denselben aber nicht. Mit Datum 
vom 29. 1. 1779 aus München wurde bei der fürstbischöflichen Kanzlei 
wieder eine offenbar von der Partei der Patres Edmund und Mang 
ausgehende Klage eingereicht, worin unter allerlei z. T. offensicht- 
lich gehässigen Vorwürfen gegen Beda dagegen Beschwerde er- 
hoben wird, daß diesem ,, gefährlichen, die Kezerei liebenden Manne 
auch die Tradierung der Theologie .... anvertraut werde." Der 
ganze Konvent schwebe in Gefalir ,,Intuitu dieses ziegel- vielleicht 
auch schon religionslosen Mannes, der viele fautores und protectores 
zählet. Jener verschreyte ^, auf vielen Kanzeln refudierte, sehr 
gefährhche P. Beda "solle ,, vielmehr von denen Lutherischen 
Gränzen hinweck tiefer in das Bayerland, in ein wohldiszipliniertes 
Kloster . . . permutiret werden." ^ 

In seinen vom 4. März 1779 datierten ,,Bemerkmigen" zum 



^ Solches „Verschreyen" besorgte mit besonderem Eifer P. Urban, vom 
Donauwörther Kapuzinerkloster. 

2 Bei der folgenden Visitation 1780 stimmten alle Patres darin überein, 
daß kein Friede werden könne, solange P. Edmund und P. Mang im Konvente 
seien, weshalb ersterer nach Ottobeuren „permutieret" wurde. 



208 Joseph Hörmann 

„Extract" obiger Klage nimmt de Haiden unsern P. Beda nach- 
drücklich in Schutz und verneint die Voraussetzungen zu einem be- 
hördlichen Einschreiten gegen ihn, da man zudem nicht einsehen 
könne, was er den fratribus in studio physices experimentalis für 
böse Prinzipien beibringen könne. Als Lehrer der Theologie aber 
sei Beda gar nicht in Aussicht genommen, da die jungen Kleriker 
in Zukunft zum Studium nach St, Gallen und St. Blasien geschickt 
würden. 

Aber noch im Jahre 1779 kam von Abt Gallus eine Eingabe, 
es möchte die Aufstellung des P. Beda als Lehrers der Theologie im 
Interesse des Klosters genehmigt werden. Er werde zum Vorlesen 
nur die vom Ordinariate vorgeschriebenen Autores gebrauchen und 
die Disputationsthesen jeweils vorher approbieren lassen. 

Unter diesen Voraussetzungen befürwortete ein Pro Memoria 
de Haidens vom 8, X. 1779 die Genehmigung des Ansuchens. 
Aber Weihbischof Job. N. Um gelter gab dazu am 22. Oktober 
ein gegenteiliges Gutachten ab, worauf mit Datum vom 30. Oktober 
die von Geh. Rat Bezel geschriebene, vom Kurfürsten Clemens 
Wenceslaus unterschriebene negative Entscheidung erfolgte. 

Inzwischen aber hatte P. Beda die Vorlesmigen schon be- 
gonnen. Abt Gallus wurde nochmals mit einer Eingabe in Augs- 
burg vorstellig, es möge wenigstens dieses Jahr noch gestattet 
werden, daß P, Beda die Theologie doziere ^. Da darauf lange keine 
Antwort kam, beruhigte er sich mit dem Satze : Qui tacet, consentire 
videtur. 

Nun kam aber Generalvisitator Steiner und begann am 13. Jan. 
1780 eine neuerliche Visitation. In seinem Legitimationsbrief stand 
der strikte Auftrag, daß ,,Beda von der theologischen Kanzel sogleich 
und ohne weitere Anfrag abgesezet werden solle." Indessen lautete 
die Aussage des Konventes über ihn so günstig, und Abt Gallus 
trat so nachdrücklich für seine Belassung wenigstens f iu' das laufende 
Schuljahr' ein, daß auch Steiner in seinem Berichte vom 26. I. 1780 
ein Nachsehen befürwortete, freilich mit der Auflage, daß Beda alle 
2 Monate seine Sla-ipta einsenden und der Abt seine bisherige Uber- 
Avachungsmethode fortsetzen solle. 

Bei dieser Gelegenheit hatte Beda, der nach dem Berichte ganz 
zurückgezogen auf seiner Zelle dem Studium lebe, imd bei der Visi- 



^ Welchen Jubel die Fortset7,img seiner Vorlesungen bei seinen Schülern 
erregte, schildert Bronner a. a. O. I 370. 



P. Beda Mayr von Donauwörth 20fl 

tation ,,ganz betrübt und niedergeschlagen war", „mit aller Sanft- 
mut seine Manuscripta an die Visitationskommission übergeben." 
Darunter waren auch eine Reihe von Thesen sub titulo „demon- 
stratio catholica". Der Generalvisitator zeigte sie später in Augs- 
burg dem Dillinger Professor und Prokanzler Schneller, der auf 
den ersten Blick keine wesentlichen Bedenken erhob. Indessen fiel 
das, nicht in der Begründung, aber im Resultat übereinstimmende 
Gutachten der Dillinger Fakultät über dieselben so ablehnend aus, 
daß unter dem 22. III. 1780 von Ehrenbreitstein die fürstbischöfliche 
Weisung kam, es sei ,,in sothaner Gemäßheit nicht nur die Druck- 
beförderung, sondern auch die bloße Defension dieser sehr an- 
stößigen thesium inner den privat-Ringmauem deß Klosters von 
Vicariats wegen zu inhibieren." 

In das gleiche für Beda kritische Jahr 1780 fallen Verhand- 
lungen über Bedas Leichenrede auf den Fürsten Johann Alois von 
Oettingen. Sie finden sich beiden S. 203 Anm. 5 sub b und c erwähnten 
Akten. Darunter ist die für Beda günstige Reflexio theologico- 
juridicades Geh. Rates Bezel von toleranzgeschichtlichem Interesse. 



Festgabe Knöpfler 14 



Zur Geschichte der Predigt. 

Von 

Exz. Dr. Paul Wilhelm von Keppler, Bischof von Rottenburg. 

Wer im Beruf eines akademischen Lehi'ers und Gelehrten die 
schon ziemlich einsame Höhe der Siebziger erreicht hat ohne a. D., 
ohne daß ihm der Atem ausgeht und Kopf und Fuß den Dienst ver- 
sagen, mit einem Kräftemaß, das noch zum Weiterwandern und 
Höhersteigen ausreicht und einladet, der hat ^^•ohl ein Recht, auf 
dieser Höhe zu rasten und mit Befriedigung und mit Dank gegen 
Gott hinabzublicken auf den zurückgelegten Weg. Er mag ihn im 
Geist noch einmal durchwandern. Halt machen bei den literarischen 
Denksteinen, die er durch seine Werke sich selbst gesetzt, und mit 
noch reinerer Freude die lebendigen Zeugen seiner Lelirtätigkeit 
an sich vorüberziehen lassen, die Generationen von Schülern, von 
denen nicht wenige inzwischen selbst Meister und Lehrer gewor- 
den sind. 

Hochmütig und übermütig wird ihn diese Rückschau und Heer- 
schau nicht machen, falls er bis dahin sich freizuhalten wußte von 
der Standespsychose, dem Dünkel. Er wird auf der Stufe der 
Siebziger noch klarer erkennen als zuvor, daß weit melir ist, was 
er nicht weiß, als was er weiß, mehr, was er nicht zustande brachte, 
als was ihm gelang. Er wird an seinem Lebensweg nicht bloß den 
Denksteinen seiner Werke und Wirksamkeit begegnen, sondern auch 
vielen Leichensteinen von Plänen und Entwürfen, die einstmals mit 
Eifer und Liebe gehegt wurden, aber nie zur Lebensfähigkeit ge- 
diehen sind. 

An ein solches Grab möchte ich den Siebziger führen, für den 
dieses Buch eine Ehrengabe sein soll. Wir haben beide Grund, mit 
Wehmut darauf hinzublicken, demi es war unser gemeinsamer Plan, 
der hier begraben liegt. Da wir noch jung waren, beschäftigte uns 
viel der Gedanke, unsere gemeinsame Arbeit namentlich auch der 
Geschichte der Predigt zuzuwenden. Ich hatte auf meinem ersten 



Zur Geschichte der Predigt 211 

definitiven Seelsorgsposten in Cannstatt einen ersten Versuch ge- 
wagt mit einem Beitrag zur Passionspredigt des Mittelalters, der 
1882, S. 283 ff., und 1883, S. 161 ff. im Historischen Jahrbuch der 
Görresgesellschaft erschien. Eben hatten wir uns verabredet, den 
Passauer Prediger Paul Wann in Behandlung zu nehmen, da traten 
an mich durch Übernahme der neutestamentlichen Professur in 
Tübingen andere Aufgaben heran, die auf Jahre die homiletischen 
Pläne zurückdrängten, wälirend der Freund durch die Übersiedlung 
von Passau nach München und durch wichtigere Arbeiten (die neue 
Auflage der Hefeleschen Konziliengeschichte und die Herausgabe 
eines eigenen Lehrbuchs der Kirchengeschichte) jenem Gebiet fern- 
gehalten wurde. Ich selbst konnte nur mehr in der Theologischen 
Quartalschrift Beiträge liefern zur Entwicklungsgeschichte der 
Predigtanlage (1892) und für das Kirchenlexikon (1889 mid 1897) 
die Artikel Homiletik und Predigt mit gedrängtem geschichtlichen 
Überblick, während der Freund sich darauf beschränken mußte, 
in einer Neubearbeitung des 23. Bandes von Rohrbachers Universal- 
kirchengeschichte und in seinem eigenen Handbuch die Geschichte 
der Predigt zu berücksichtigen und durch die kritische Ausgabe 
der Libri tres de institutione clericorum von Rabanus Maurus (1900) 
auch der Geschichte der Homiletik einen Dienst zu erweisen. 

Wir beide bedauern, daß es uns nicht möglich war, auf diesem 
Gebiet mehr zu leisten. Wir sind noch heute der Überzeugung, 
daß es in seiner Bedeutung unterschätzt \Adrd. Es ist ein ergiebiges 
Land, das in seinen Tiefen Erz-, Silber- und Goldadern birgt. So- 
bald es von genügenden Arbeitskräften in richtiger Weise an- und 
abgebaut würde, kömite es nicht nur die Homiletik, sondern auch 
die Kirchengeschichte, die Kulturgeschichte, die Literaturgeschichte 
bereichern. Man hat es bisher kaum genügend beachtet, daß denn 
doch die Predigt ein gewichtiges Wort mitzusprechen hat bei Be- 
urteilung des rehgiös-sittlichen Standes einer Periode, wenn auch 
freilich ihr Zeugnis diskret verwertet sein will. Die Literatur- 
geschichte tut sehr unrecht daran, die Predigt im allgemeinen als 
minderwertigen Ausschuß zu behandehi; Baumgartner verwertet 
sie in seiner Geschichte der Weltliteratur. Wie\iel kostbares 
Material für die Kulturgeschichte liegt in den alten Predigtmanu- 
skripten, in der ganzen homiletischen Literatur noch verborgen! 
Janssen und Michael sind eigentlich die ersten, die aus dieser Quelle 
zu schöpfen verstanden. Für uns Katholiken kommt noch ein 
weiteres Literesse hinzu — das apologetische. Gründliche For- 

14* 



212 Paul Wilhelm von Keppler 

schungen auf diesem Gebiet würden zur Revision mancher weg- 
werfenden Urteile über katholisches Predigtwesen, auch über das 
kirchliche und religiöse Leben gewisser Perioden zwingen. 

Nun fehlt es ja allerdings nicht an Bearbeitungen der Ge- 
schichte der Predigt. Wir haben Gesamtdarstellungen (Linsen- 
mayer, Nebe, Rothe, Cruel, Marbach, Albert, Zezschwitz, Hering) 
und gedrängte Übersichten in Handbüchern der Homiletik (Achelis, 
Ki-ieg) und in den theologischen Enzyklopädien (Kirchenlexikon ^ 
imd Protestantische Realenzyklopädie ^, Artikel Predigt). Den 
Überblick hätten wir und Übersichten genug ; eine bessere Einsicht 
und ein tieferer Einblick fehlt noch. Die bisherige Forschung be- 
darf nicht bloß der Ergänzung, sondern auch sorgfältigster Nach- 
prüfung der Urteile und Resultate. Die zusammenfassenden Dar- 
stellungen waren eigentlich alle verfrüht, weil die Einzelforschung 
noch zu wenig vorgearbeitet hatte. 

Am besten sind wir wohl verhältnismäßig orientiert über die 
Predigt der Väter und der Väterzeit, dank namentlich auch 
der eifrigen Mitarbeit der Patrologie. Hier ist auch die Zahl der 
homiletischen Monographien erfreulich groß. Origenes (Redepenning, 
Bassermann), die drei Kappadozier (Probst), Gregor von Nyssa 
(Donders), Chiysostomus (Riviere, Ackermann, Albert), Ambrosiue 
(Förster), Augustinus (Bindemann, Brömel, Donders) haben als 
Prediger eingehende Darstellung und Würdigung gefimden. Doch 
wäre auch über diese noch manches zu sagen, und noch manche 
andere Predigergestalten jener Jahi-hunderte würden es verdienen, 
ins volle Licht gerückt zu werden. 

Für die Geschichte der mittelalterlichen Predigt war 
Cruel balinbrechend. Man staunte über die Fülle von homiletischem 
Material, das sein Sammelfleiß zutage förderte, selbst aus Jahr- 
hunderten, in welchen man bisher kaum eme Predigttätigkeit ver- 
mutet hatte. Auch sein Bestreben, im ganzen der Pi'edigt des 
Mittelalters gerecht zu werden, verdient Anerkennung. Aber seine 
Arbeit hat im Grund doch nur den Wert emer Vorarbeit. Sein 
handsclu'iftliches und gedrucktes Material bedarf noch sehr nicht 
bloß der Ergänzung, sondern auch erneuter gründUcher Durch- 
arbeitung. Seine Werturteile sind unzuverlässig; seine allgemeinen 
Urteile mitunter bloß unberechtigte \>rallgemeinerungen. 

Das trifft nicht bloß ilm, sondern alle älmliche Versuche zu- 
sammenfassender Darstellung (meine Übersicht im Kirchenlexikon 
selbstverständlich nicht ausgenommen). Die richtige Gescliichte 



Zur Geschichte der Predigt 213 

der mittelalterlichen Predigt kann erst geschrieben werden, wenn 
einmal der ganze noch vorhandene Bestand möglichst vollständig 
inventarisiert und gründlich verarbeitet ist, namenthch in Mono- 
graphien über die bedeutenderen Meister und über einzelne Perioden. 
Von besonderer, namentlich apologetischer Bedeutung wäre eine 
genaue Untersuchung des Standes der Predigt unmittelbar vor der 
Reformation. Hier ist noch eine Fülle von Material gar nicht 
registriert und berücksichtigt. Die protestantische Forschung aber 
konnte der Versuchung nicht widerstehen, gerade hier den Tief- 
punkt der Predigt anzusetzen aus durchsichtigen Gründen. Muster- 
gültige Vorarbeiten sind: Landmann, Das Predigt wesen in West- 
falen in den letzten Zeiten des Mittelalters (1900); Sie bert, Bei- 
träge zur vorreformatorischen Heiligen- und R eh quien Verehrung 
(Erläuterungen imd Ergänzungen zu Janssens Gesch. des deutschen 
Volkes VI 1, 1907). 

Während wir über die Predigt des Mittelalters immerhin viel 
wissen und uns im allgemeinen ein Urteil bilden können, liegt die 
katholische Predigt des 16. — 19. Jahrhunderts fast vöUig im 
Dunkel. So war es der protestantischen Forschung ein leichtes, 
die Predigt dieser Zeiten als minderwertig abzutun und die großen 
französischen Meister, denen man die Achtung nicht versagen konnte, 
wie einsame Höhen erscheinen zu lassen, die ganz unvermittelt 
aus sumpfigen Niederungen aufragen. Tiefere Forschung wird den 
Nachweis erbringen, daß diese Predigt nicht so dürftig war wie 
deren Kenntnis bei den heutigen Gelehrten. Eine objektive Dar- 
stellung würde in vielen Punkten zur Ehrenrettung. Gerade hier 
wäre auch die kulturgeschichtliche Ausbeute nicht gering; aus den 
Predigtbüchern könnte in die dunklen Zeiten des Dreißigjährigen 
Krieges, des Hexen wahns, der Aufklärerei etc. mancher aufhellende 
Strahl geleitet werden. Die Quellen fließen hier überreich, die 
Literatur ist fast unübersehbar. Schwierig ist nicht das Suchen, 
nur das Sichten, und der Meister müßte sich zeigen in der Be- 
schränkimg, im Finden und Hervorheben des wirklich Bemerkens- 
werten und Bedeutenden. Und dessen ist mehr, als manche meinen. 
Nur fast völlige Unkenntnis kann ein Urteil über die kathoUsche 
Predigt des 19. Jahrhunderts wagen, wie es in der neuesten Auflage 
der Protestantischen Realenzj'klopädie XV 747 zu lesen ist. — 

Von allen diesen noch ungelösten Aufgaben hofften wir beide, 
der, von dem, und der, für den dieses geschi-ieben wurde, viribus 
unitis einiges wegarbeiten zu können. Aber es war ims bisher nicht 



214 Paul Wilhelm von Keppler 

möglich und — müssen wir im Hinblick auf die Zahl 70, die der 
eine erreicht hat, der andere bald oder nicht erreichen A\ird, seufzend 
hinzufügen — es ist uns nicht mehr möglich. Wir müssen den 
Jugendplan endgültig begraben. Ich hätte aber den Freund bei 
diesem festlichen Anlaß nicht an dieses Grab geführt, wenn nicht auch 
hier Hoffnung wäre auf ein Auferstehen, wenn nicht gerade dieser 
Anlaß günstig wäre, um junge Kräfte zu werben für die Arbeit, 
die unsem Händen entsinkt. 

So klingt diese Betrachtung aus in einen Aufruf zweier Alten 
an die jüngere Generation, im Aufruf zur Arbeit auf dem noch 
allzuwenig bebauten Gebiet der Geschichte der Predigt. 
Die geborenen und berufenen Forscher sind hier die Geistlichen; 
namenthch auch die Geistlichen auf dem Land könnten da mit- 
arbeiten, weil dieses Studium keinen großen gelehi-ten Apparat er- 
fordert und weil es immer zugleich der eigenen Predigtpraxis zugute 
kommt. Der Aufruf wird aber vielleicht mehr Gehör finden, wenn 
wir einige methodische Weisungen folgen lassen, Richtlinien, 
die sich uns nach und nach ergaben in manchen Unterredungen 
und aus eigenen Erfahrungen, und die zeitraubendes Suchen und 
Experimentieren ersparen und eine einheitUche Methode dieser 
Forschung anbahnen kömien. 

1 , Von Gesamtdarstellungen und allgemeinen Übersichten sollte 
für geraume Zeit ganz abgesehen werden. Man kommt mit ihnen 
nicht wesentlich weiter. Viel verdienstlicher ist vorerst die Einzel- 
forschung und Kleinarbeit. Als Grundlage für Weiterforschung 
wäre vor allem erwünscht eine recht genaue, zmiächst rein biblio- 
graphische Inventarisierung des vorhandenen Materials. Auch diese 
Arbeit ist teilbar mid zerlegbar nach Perioden und könnte von 
mehreren gleichzeitig in Angriff genommen werden. Man beginne 
mit dem nachpatristischen, frühmittelalterlichen homiletischen 
Handscliriftenmaterial. 

2. Erwünscht wären ganze Reihen von Monographien über 
Prediger von Namen und Einfluß aus allen Jalu-hunderten. Vor- 
bilder: die oben zitierten Sclu'iften über einzehie Kirchenväter; 
femer: Franz, Drei Minoritenprediger ; Jostes, Johamies Veghe, 
ein deutscher Prediger des 15. Jahrhunderts; Brandt, Johannes 
Ecks Predigttätigkeit u. a. Sodann Einzelstudien über alte homi- 
letische Theorien mid Lehrbücher; manche handschriftliche süid 
noch gar nicht verwertet. Auch ge^visse sachlich und zeitlich ab- 
gegrenzte Kategorien von Predigten kömiten für sich behiuidelt 



Zur Geschichte der Predigt 215 

werden; z. B. die mittelalterliche Passions- und Heiligenpredigt; die 
Türken-, Kriegs-, Kreuzzugs-, Hexen- und Pest predigten. Aus solchen 
Studien könnten organisch herauswachsen Bearbeitungen einzehier 
Zeiträume; vgl. die oben zitierte Schrift von Land mann; ferner 
Pfleger, Zur Geschichte des Predigtwesens in Straßburg vor Geiler 
von Kaysersberg; He feie. Der hl. Bemhardin von Siena und die 
franziskanische Wanderpredigt in Italien u. a. 

3. Eine gerechte Beurteilung eines Predigers oder der Predigt 
einer Periode ist nicht möglich ohne Bekanntschaft mit der derzeitigen 
homiletischen Theorie und Praxis überhaupt, ohne eine gewisse 
Kenntnis der damaligen religiösen, sittlichen, sozialen Zustände. 
Zu manchen Eigenheiten der mittelalterlichen Predigt liegt der 
Schlüssel in den homiletischen Traktaten. 

4. Bei Predigten der früheren Jahrhunderte, namentlich auch 
den mittelalterlichen, ist zunächst zu untersuchen, welches die Art 
und Form ihrer Wiedergabe ist. Ganz wörtliche Wiedergaben 
der Predigten, wie sie gehalten wurden, sind in jenen Zeiten selten, 
schon weil auch deutsch gehaltene Predigten regelmäßig lateinisch 
konzipiert und niedergeschrieben wurden. So konnte sich der un- 
sinnige Aberglaube bilden, der kaum mehr auszurotten war, man 
habe im Mittelalter auch dem Volk lateinisch gepredigt, also in 
einer Sprache, die es nicht verstand. 

5. Manche Niederschriften und Publikationen von Predigten 
gingen nicht von den Predigern aus, sondern von den Zuhörern, 
auQh von Laien, denen mitunter das volle Verständnis und die hierzu 
erforderliche Bildung fehlte. Es gab aber auch Prediger, die ihre 
Predigten herausgaben nicht so, wie sie gehalten worden waren, 
sondern schulmäßig umredigiert, mit allerlei Illustrations- und 
Amplifikationsstoff bereichert und erweitert zu homiletischen Hilfs- 
büchern und Muster- und Materiensammlungen für die 
Prediger und den Predigt Unterricht. Auch das wurde viel zu wenig 
beachtet. Man verstand daher diese oft unförmlich langen, stoff- 
übersättigten homiletischen Traktate gar nicht und wunderte sich, 
wie dem Volk solches geboten werden konnte ; daher die oft wieder- 
holten Prädikate für einzelne Prediger oder die mittelalterliche 
Predigt überhaupt: abstrakt, scholastisch, trocken, unfruchtbar, 
schwerfällig, umständlich breit etc. Die ganze Monographie 
Plitts über Gabriel Biel ist verfehlt schon im Ausgangspunkt, weil 
er meint, Biel habe seine Predigten so gehalten, wie er sie heraus- 
gab, und doch läßt seine Predigtsammlimg darüber gar keinen 



216 Paul Wilhelm von Keppler 

Zweifel, daß sie zum Studium und Gebrauch für die Prediger an- 
gelegt und herausgegeben worden. 

6. Bei Beurteilung von Predigten, namentlich der früheren 
Jahrhunderte, ist wohl darauf zu achten, vor welchem Audito- 
rium sie gehalten wurden. Man hat im Urteil über die mittel- 
alterliche Predigt oft fehlgegriffen, weil man nicht unterschied 
zwischen Ansprachen an Kleriker und Klosterleute und eigenthchen 
Volkspredigten, zwischen Predigten für das Landvolk und für ein 
städtisches Publikum, untermischt mit zahlreichen scolares und 
clerici etc. 

7. Welches ist der Maßstab für Wertung eines katholischen 
Predigers und kathohscher Predigten? Zweifellos das Dogma, die 
Lehre der Kirche, die Beziehung zur Heiligen Schrift, der Kontakt 
mit der Liturgie, mit dem Kirchenjahr und mit dem kirchlichen 
Leben wie mit den Bedürfnissen der Zeit und des Auditoriums; 
in formeller Hinsicht die Gesetze der Rhetorik und Homiletik. Da« 
ist der objektive Maßstab; der Kritiker darf ihn nicht unter der 
Hand vertauschen mit dem subjektiven seiner eigenen Weltanschau- 
ung und seiner eigenen homiletischen Art, Das führt zu ungerechten 
Urteilen. 

8. Die vorreformatorische Predigt wird auch in Zukunft wie 
bisher gemeinsames Arbeitsgebiet für protestantische und katho- 
hsche Forschung sein. Die protestantischen Forscher waren bisher 
zahlreicher und haben melir geleistet. Doch wurde die nötige 
Objektivität nicht immer gewahrt. Mitunter wurde geradezu der 
protestantische Maßstab an die katholische Predigt angelegt, was 
sinnlos ist. Wenn wir ausnahmsweise die protestantische Predigt 
zu beurteilen haben — wir werden es ohne besonderen Grund nicht 
tun — , so würden wir an sie nicht den spezifisch katholischen Maß- 
stab anlegen, sondern den allgemein christlichen mid bibhschen; 
wir wünschten ein gleiches vice versa. Am besten würde aus den 
protestantischen Handbüchern und Übersichten von der Reformation 
an die katholische Predigt ganz ausgeschaltet. Urteile wie das 
oben zitierte in der Protestantischen Realenzyklopädie gereichen der 
vielgerühmten Gründlichkeit und Objektivität der heutigen wissen- 
schaftlichen Forschung nicht zur Ehre. 

9. Das Recht, über einen Prediger imd ein Predigtwerk zu ur- 
teilen und gar abzuurteilen, muß in jedem einzelnen Fall erst er- 
worben imd verdient werden durch gewissenhafte Prüfung 
und gründliche Losung. Dagegen ist eben viel gesiüidigt 



Zur Geschichte der Predigt 217 

worden. Die Mehi'zahl der Werturteile der bisherigen homiletischen 
Geschichtschreibung beruht auf Stichproben, auf flüchtigen Ein- 
blicken und Eindrücken oder auf nicht immer gerechtfertigtem 
Vertrauen auf das Urteil der Vorgänger oder Vorarbeiter. Der Fall 
wird selten so liegen, daß man schon nach kurzer Lektüre sich völlig 
klar ist über Wert oder Unwert ; für die Regel muß ein eigentliches 
Sicheinlesen verlangt werden. Wichtigere Werke wird man mehi-mals 
lesen müssen ; denn es ist kaum möglich, alle in Betracht kommen- 
den Gesichtspunkte (Inhalt, Anlage, dogmatischer und morali- 
scher Gehalt, rednerische Form, kulturgeschichtliche Momente etc.) 
gleichzeitig im Auge zu behalten. Diese Lesearbeit ist gewiß keine 
kleine Geduldprobe, aber wer dieser nicht gewachsen ist, bleibe 
solchen Studien fern; wer sie besteht und seine Pflicht tut, kann 
dann mit gutem Gewissen sein Urteil abgeben, er wird sich auch 
meist in irgendeiner Weise belohnt finden und fühlen. Es geht 
hier wohl mitunter, wie St. Augustin einmal sagt : Schaut man aus 
der Ferne auf die Tenne, so sieht man nichts als Stroh; wenn man 
nicht genauer zusieht, mit der Hand zugreift, mit dem Hauch des 
Mundes scheidet, so kommt man nicht auf die wertvollen Getreide- 
körner (Enarr. II in ps. XXV, nr. 5). Man wird auch hier manches 
gute Korn finden, wo man es nicht erwartete; findet man aber 
wirklich nichts als Stroh, dann hat man ein volles Recht, es Stroh 
zu nennen. 



Das Recht der Militärseelsorge 
iii der Karolingerzeit. 

Von 

Hochschulprofeseor Dr. Albert Michael Koeniger in Bamberg. 

Es war eine religiöse Tat von der größten politischen Trag- 
weite, als der heidnische Fürst und Fühi'er der Franken Chlodo- 
wech, wahrscheinlich am Weihnachtstag des Jahres 496, die 
christhche Taufe nahm. Dieser folgenreiche Schritt vereitelte 
nicht nur die pangermanische Pohtik des Ostgotenkönigs Theoderich 
mit dem Ziele der Arianisiermig des Frankenreichs und der Ver- 
bindung sämthcher germanischer Staaten gegen Byzanz, vielmehr 
verhinderte er auch für immer den religiösen Z%^'iespalt zwischen der 
einheimischen katholischen Bevölkerung Galliens und den frän- 
kischen Eroberem. Ja mehr noch: da alle namhaften Herrscher 
des Abendlandes damals entweder heidnisch oder arianisch waren, 
so ist Chlodowech zugleich zur ragenden Säule der Orthodoxie 
und zum Schirmherm des Katholizismus dortselbst geworden, und 
dieselbe Stellung ist seit jenen Tagen seinen Nachfolgern, den 
Merowingem, hernach den Karolingern, wie weit sich auch ihre 
Herrschaft allmählich ausdehnte, auf lange Jahrhunderte hinaus 
gebheben ^ Dabei war das Verhältnis zwischen den kirchlichen 
Organen und den weltlichen Regenten ein durchaus ungleichartiges, 
nicht etwa wie das einer Verbrüderung. Die päpstliche Autorität 
kannte und anerkannte man nur als ideeUe Macht und Obergewalt. 
Von den Bischöfen und Geistlichen des Landes forderten die Könige 
all die Pflichten, wie solche auch die übrigen Großen und Getreuen 
des Reichs zu leisten hatten, weil die Kirchen von ihnen mit zahl- 
reichen Gütern und Rechten ausgestattet Miirden. In allen kirch- 
lichen Fragen sprachen die Herrscher, nicht die Bischöfe das letzte 

^ Vgl. Näheres bei A. Hauck, Kirchengeschichte Deutschlands I * (Leipzig 
1904) 114 ff. ; hier über Chlodowechs Taufe insbesondere 595 — 599; G, Pfeilschifter, 
Theoderich d. Gr. (Mainz 1910) 56 f. 



Das Recht der Militärseelsorge in der Karolingerzeit 219 

Wort. Kurz, der christliche Organismus im Frankem'eich war 
Landeskirche im räumHchen, Staatskirche im rechthchen Sinn ^. 

Indes mit der Begünstigung der Kirche hielt die Christianisie- 
rung der heidnischen Massen nicht gleichen Schritt, was leicht ver- 
ständlich ist, da die Annahme des Christentums von oben herab 
sich durchzusetzen hatte. Auch haben sich die weltlichen Großen 
selbst oft wenig genug um die tatsächliche Beachtung der christ- 
lichen Sitten Vorschriften gekümmert. So konnte man zwar die 
katholische Religion als die herrschende des Landes bezeichnen; 
aber trotz mannigfacher Zeugnisse wahi-er Frömmigkeit und trotz 
aller der 30 auf Besserung bedachten Synoden im 6. und bis zu 
Beginn des 7. Jahrhunderts muß man doch im allgemeinen von 
einer sittlichen Verwilderung sprechen. ,,Vor allem eignet die 
leidenschaftliche Gewalttätigkeit der Zeit den Geistlichen ebenso 
wie den Laien", und ein großer Teil des Klerus ,, erhob sich in nichts 
über das sittliche Niveau der Zeit" ^. Am ehesten konnte man 
noch über die Klöster des 6. Jahrhunderts RühmHches sagen, zumal 
da seit dessen Ende durch die iro-schottische Einwanderung ein auf- 
frischendes Element hereinkam. Ganz zum Schlimmen wandten 
sich hingegen die Dinge, als nach Dagoberts Tod (639) bei der Be- 
deutungslosigkeit der folgenden Merowingerkönige die Großen um 
den Alleinbesitz der Macht im Reiche zu streiten begannen. Der 
Sieg Pippins des Mittleren bei Tertri (unfern Peronne) 687 be- 
endigte die Regierungskämpfe und begründete die Herrschaft der 
Karolinger zunächst noch neben der Scheinherrschaft der Mero- 
winger. Allein die allgemeine Sittlichkeit hat davon, wie begreiflich 
nach so schweren Zeiten, vorläufig nichts gewonnen; selbst in die 
Klöster zog die Verderbnis ein, und den regierenden Hausmeier be- 
drückten bei aller persönlichen Frömmigkeit und Schenkungs- 
freude andere Sorgen als solche für die Kirche ^. Deren inneren 
Nöten zu steuern war auch Pippins Sohn und Nachfolger Karl 



1 Vgl. Hauck, Kirchengeschichte I* 131-167; II* 32-54 206-285; H. v. 
Schubert, Staat und Kirche von Konstantin bis Karl d. Gr. (Ak. Festrede, Kiel 
1906) 13 — 18; derselbe, Staat und Kirche in den arianischen Königreichen und 
im Reiche Chlodwigs (München 1912) 132—156; A. Werminghoff, Verfassungs- 
geschichte der deutschen Kirche im Mittelalter (Leipzig 1913) 12; J. B. Sägmüller, 
Kirchenrecht I' (Freiburg 1914) 52 f.; Stutz, Kirchenrecht ^ (1914) 298 f. 

- Hauck, Kirchengeschichte I 213, 216; hier überhaupt 168—239. 

^ E. Mühlbacher, Deutsche Geschichte unter den Karolingern (Stuttgart 
1896) 31-34; Hauck I 400-407. 



220 Albert Michael Koeniger 

Mar teil (f 741) nicht gewachsen, trotzdem er öfter und nach- 
haltiger mit den kirchlichen Verhältnissen sich beschäftigte als 
sein Vater. Retter des Reichs und der christlich-germanischen 
Kultur gegenüber dem Islam, ist er Retter kirchlichen Wohlstands 
und christlicher Sitte nicht geworden; im Gegenteil, er hat beim 
Mangel weiteren Kronguts zu politischen Zwecken die Güter der 
Kirche im großen Stil entzogen und sich dadurch die nötige Zahl 
verlässiger Anhänger aus der weltlichen Aristokratie geschaffen, 
jedoch der Frömmigkeit hierdurch mitnichten gedient. Gerade 
seiner ,, Säkularisationen" wegen hat er bei der Geistlichkeit kein 
gesegnetes Andenken hinterlassen ^. Ein Frömmerer mußte kommen, 
der gewillt war, die Frage nach der Rückgabe der Kirchengüter 
und mehr noch die nach den Mitteln zur Hebung der allgemeinen 
Sittlichkeit ernstlich zu beantworten, und mächtig genug, die ge- 
wollten Reformen auch durchzuführen. Diese Aufgabe fiel für 
seinen Reichsteil, das überwiegend von germanischer Bevölkerung 
bewohnte Austrasien, dem älteren der Söhne Karl Martells, Karl- 
mann, zu. Und der geeignetste Mann, den er dazu fand und der 
schon unter seinem Vater den Boden hierfür bereitet hatte, war der 
große Angelsachse, Missionär und Erzbischof Bonifatius. 

Zu Anfang des Jahres 742 sandte dieser dem neuen Papste 
Zacharias ein Glückwunschschi-eiben und knüpfte daran eine 
Reihe von Mitteilungen und Anfragen. Darin ward unter anderem 
der Vorwurf erhoben, daß es in Germanien Bischöfe gebe, die ge- 
wappnet mit dem Aufgebot der Kriegsleute zu Felde ziehen mid 
mit eigener Hand Menschenblut, von Heiden wie von Christen, 
vergießen ^. Der Vorwurf war nicht unberechtigt. Demi von allem 
andern abgesehen, hatte die Kirche längst allgemein mid wieder- 
holt Bestimmung getroffen, daß die Geistlichen dem Militärdienst 
fernbleiben, also auch keine Waffen tragen sollten^ ; und auf gaUisch- 
fränkischem Boden war demselben Gedanken durch mehrere 



1 Vgl. Hauck I 407-415; Mühlbacher 34-45. 

^ Die Briefe des hl. Bonifatius, hrsg. von M. Tangl (Epist. sei. in usum schol. I) 
(Berlin 1916) 83; übersetzt von demselben (Geschichtschr. d. d. Vorzeit 92) (Leip- 
zig 1912) 71. 

3 C. Chalcod. 451 c. 7; vgl. Can. Apost. c. 83; Conc. Arel. 314 c. 3 (dazu 
C. Hefele, Conciliengeschichte I^ (Freiburg 1873) 206 f.; Künstle im Katholik 
80 (1900 II) 98; Hefele-Leclercq, Histoire des concUes I, 1 (1907), 282 f.); Conc. 
Illyr. 375; Conc. Rom. 386 c. 3; 402 c. 4; nur für höhere Weilien C. Tolet. 400 c. 8. 
— M. Hofmann S. J., Zur Militarfreiheit der katholischen Geistlichen (Z. k. Th. 40 
[1916] 452-454). 



Das Recht der Militärseelsorge in der Karolingerzeit 221 

Synoden Ausdruck verliehen worden ^. Ja auf dem Konzil von 
Chalons 579 hatte man sogar zwei fränkische Bischöfe „wegen ihrer 
kriegerischen Liebhabereien" abgesetzt; indes die heillosen Zeiten 
schon des 6. und noch mehr des ausgehenden 7. Jahrhunderts 
veranlaßten trotz aller Verbote den Klerus immer wieder, mit den 
Waffen in der Hand sich in Streit und Kampf zu mischen und am 
Blute des Gegners seinen Mut zu kühlen 2. Dazu kam, daß zwar die 
Geistlichen als solche staatlicherseits vom MiUtärdienst außer bei 
feindlichen Einfällen befreit waren; allein je mehr besonders die 
bedeutenderen Stadt- und Bischofskirchen sowie die Klöster 
Grundbesitz erhielten, desto eher zählten Bischöfe und Äbte zur 
geisthchen Aristokratie des Reichs. Als solche aber waren sie zu- 
mal seit Ausbildung des Seniorats über laikale Hintersassen und 
Vasallen mit Ende des 7. Jalirhunderts verpflichtet, nach Staats- 
recht ihre Dienstmannen und Lehensleute jeweils ins Feld zu führen. 
Was lag da näher, als daß sie, die zwar nicht mitkämpfen sollten, 
trotzdem sich selbst in die kriegerische Kleidung warfen und im 
Wettstreit mit den weltlichen Großen oder von Kampfesmut und 
selbst auch von unedleren Beweggründen getrieben, sich nicht 
scheuten dem Gegner Wmiden und Tod zu bereiten? Pippin der 
Mittlere wenigstens sah derlei Mithelfer im Streite nicht ungern, 
und unter Karl Martell bildeten sie keine Ausnahme mehr *. 

So traf der hl, Bonifatius die Verhältnisse; aus ihnen heraus 
ist auch sein Brief an den Papst geschrieben, und auf ilmen beruht 
seine Anklage gegen den hohen und niederen Klerus Germaniens. 
Zacharias antwortet ihm , wie er selbst sagt , Punkt für Punkt 
und gibt ihm insbesondere die folgende Anweisung: ,,Wenn du 
Bischöfe, Priester und Diakonen findest, die . . . Blut von Christen 
und Heiden vergossen, . . . denen soll deine Heihgkeit ki'aft aposto- 
lischer Vollmacht um keinen Preis gestatten, das Priesteramt weiter- 
zubekleiden, weil solche, die . . . ihre Hände nicht rein von Menschen- 



i Conc. Andegav. 453 c. 7; C. Türen. 461 c. 5; C. Burdig. 663/75 c. 1; C. 
Latun. 673/5 c. 2; C. Matisc. 583 c. 5. Vgl. auch E. Löning, Gesch. d. d. Kirchen- 
rechts II (Straßburg 1878) 311 f. - Für Spanien: C. Herd. 524/46 c. 1. 

2 Hinschius, Kirchenrecht I (1869) 26; vgl. dort auch 124 und 137 und F. W. 
Rettberg, Kirchengeschichte Deutschlands II (Göttingen 1848) 636; Hauck I 403. 

^ Rettberg II 636; Hinschius I 26 f.; G. Waitz, Deutsche Verfassungs- 
geschichte II 2 3 (1882) 63 f.; A. Prenzel, Beiträge z. Gesch. der Kriegsverfassung 
unter den Karolingern (I.-D.) (Leipzig 1887) 77; H. Bruiuier, Deutsche Rechts- 
geschichte II (Leipzig 1892) 212 ff.; Mühlbacher 312; Hauck I 392, 406 A. 1, 
408-411; Hofmann, Militärfreiheit 460—463. 



222 Albert Michael Koeniger 

blut bewahren, schlechter sind als Laien ... So kann es geschehen, 
daß die, denen sie zur Vergebung ihrer Sünden das Bad der Wieder- 
geburt bereiten und die Sakramente spenden, damit sie nicht auf 
ewig zugrunde gehen, von ihrer eigenen ruchlosen Hand getötet 
werden . . . Wir geben also, wie gesagt, die Malmimg, daß solche 
weder im Priesteramt geduldet noch zur Berührung der götthchen 
Geheimnisse zugelassen werden." ^ Des Papstes Auftrag lautete 
ebenso bestimmt als nachdrucksvoll. Indes ehe noch seine ver- 
zögerte Antwort eintraf, war der hl. Bonifatius schon zum Handeln 
veranlaßt worden. Karlmann, für seines Reichsteils Wohlfahrt 
gerade auch in religiöser Hinsicht besorgt, hatte an ihn das An- 
sinnen gestellt, für den Teil des Frankenreichs, der seiner Gewalt 
unterstand, eine Synode zu versammeln 2. Ungesäumt folgte der 
Missionär und Erzbischof dem Willen des Herrschers, und so fand 
am 21. April 742 — unbekannt wo — jenes hochwichtige germa- 
nische Nationalkonzil statt, das, wie man nicht mit Unrecht 
sich ausdrückte, die ,, Wiedergeburt der fränkischen Kirche" be- 
deutete ^. Bonifatius nahm daran teil ,,als von Karlmaim be- 
stellter austrasischer Erzbischof" ^, und sein Eifer und Einfluß 
bestimmte unverkennbar die Beschlüsse. Ist man berechtigt aus der 
Reihenfolge derselben positive Schlüsse zu ziehen, so darf man 
jedenfalls sagen, daß ihn gleich nach den organisatorischen und 
vermögensrechtlichen Fragen der austrasischen Kirche keine näher 
berührte als die Avegen Waffentragens und Kriegsdienstes der 
Geistlichen. Beschäftigt sich nämlich das erste Kapitel mit jenen, 
so gleich danach das zweite mit dieser. ,,Den Geistlichen verbieten 
wir durchaus Waffen zu tragen und in denKiieg zu ziehen", so be- 
ginnt Kap. 2 und es schließt mit den Worten: ,, Überdies verbieten 



1 Epist. 8. Bonif. ed. Tangl 87—89; Übersetzung 77 f. 

- So berichtet Bonif. selbst in seinem Brief (Nr. 50) an den Papst; an der 
Initiative Karlmanns zur Synode hat man später Anstoß genommen ; vgl. zur Sache 
Hauck, Kirchengeschichte I 519 A. 1; bestimmter Tangl, Briefe G9 A. 3 (,,Die 
ausdrückliche Versiclierung des Bonifatius, daß die Anregung von Karlmann aus- 
gegangen sei, in Zweifel zu ziehen, sehe ich keinen ausreichenden Grund") 76 A. 2 
und 81 A. 1, dazu dessen lat. Textausgabe der Briefe S. 82 d, 87f und 91p. 
Vgl. auch Hefele-Leclercq, Hist. des conciles IIH (1910) 815 A. 3. 

^ Über die Datierung 742 vgl. jetzt: Hauck, Kirchengeschichte I 520 A. 3; 
Werminghoff im Neuen Archiv 28 (1903) 37-59; 32 (1907) 221-236 und in seiner 
Konzilienausgabe MG. Conc. II 1 (1900) 1 A. 3; Hefele-Leclercq III 2. 815 A. 1; 
Tangl, Briefe des hl. Bonif., übera. 87 A. 2, Textausgabe 98 A. 3. 

« Hauck, KG. I 525. 



Das Reoht der Militärseelsorge in der Karolingerzeit 223 

wir allen Dienern Gottes die Jagd und das Umherschweifen in 
den Wäldern mit Hunden, auch dürfen sie keine Habichte und 
Falken haben." Die Verbote entsprachen den Klagen in dem 
Briefe des hl. Bonifatius an den Papst, sind also zweifellos auch 
seiner unmittelbaren Anregimg auf der Synode entsprungen. Allein 
mit negativen Bestimmungen wollte er in dieser Hinsicht sich 
keineswegs zufrieden geben; er ließ ein positives Gebot dazwischen 
reihen, das den Fall berücksichtigt, in dem es doch erlaubt sein 
sollte, daß Geistliche in den Krieg ziehen, freihch zu anderem 
Zwecke als dem külmen Kampfes. ,,Mit Ausnahme jener", so fährt 
nämlich Kapitel 2 nach dem ersten Verbot weiter, ,, welche des 
Gottesdienstes halber, das ist wegen Feier des Meßopfers und der 
Mitführung der Reliquien hierzu erkoren sind : der Fürst soll einen 
oder zwei Bischöfe samt den Pfalzpriesteni bei sich haben mid jeder 
Kommandierende (Graf) einen Priester, welche über solche, die 
ihre Sünden beichten, das Urteil sprechen imd ihnen Buße auf- 
legen können." ^ 

Was das Konzil hier beschloß, das ist hernach von Karlmann 
als Herrscher Austrasiens durch Königsgesetz wiederholt und 
bestätigt worden ^. Damit war nun erstmals für die Karolingerzeit 
dank den Bemühungen und der fürsorglichen Tätigkeit des hl. Boni- 
fatius, eine geregelte Militärseelsorge rechtlich und förm- 
lich ins Leben gerufen und organisiert, wemi auch noch in 
jenen lockeren und einfacheren Formen, wie sie eben dem Kirchen- 
uncj Heerwesen damaliger Tage entsprachen. Noch erschöpfte sich 



^ . . . nisi Uli tantummodo, qui propter divinum ministerium, missarum 
scilicet solemnia adinplenda, et sanctorum patrocinia portanda ad hoo electi 
sunt, id est unum vel duos episcopos cum capellanis presbiteris princepa 
secum habeat et unusquisque praefectus unum presbiterum, qui hominibus 
peccata confitentibus iudicare et indicare paenitentiam possint (MG. Conc. II 1, 3). 
— Unter dem princeps ist der Majordomus Karlmann verstanden, der auch im 
Protokoll der Synode dux et princeps heißt (MG. Conc. II, 2; vgl. über den Titel 
näher bei Waitz, Deutsche Verfassmigsgeschichte II 2 ^, 399 f. ; Brunner, Rechta- 
geschichte II 107). Den Ausdruck praefectus übersetzt Tangl (1912, 89) mit 
Heerführer, Hefele (CG. III ^ 499) mit General, Preisen, Militärkirchenrecht, mit 
Kriegsoberster; Näheres zu dem Ausdruck, der hier den sonst geläufigeren comes er- 
setzt, vgl. bei Waitz, Verf.-Gcschichte II 2, 26 A. 2; III 2 * (1883) 383; Brmmer, 
Rechtsgeschichte II 164; dazu ferner R. Schröder, Deutsche Rechtsgeschichte' 
(Leipzig 1907) 518 und A.Meister, Burggrafenamt (Hist. Jahrb. 27 [1906] 255 ff); 
Tangl, Briefe 91 A. 3. 

^ MG. Cap. I (1883) 25 (zu beachten ist hier die Lesart in dem Cod. Salisb.); 
Epist. s. Bonif. ed. Tangl 99; Übers. 89. 



224 Albert Michael Koeaiger 

also die seelsorgerliche Tätigkeit der Militärgeistlichen, von denen 
der Beschluß spricht, im großen und ganzen im Mitführen der heiligen 
Reliquien, in der Abnahme der Soldatenbeichten und Auflage der 
Bußen, in der Feier der heiligen Messe und, so darf man als selbst- 
verständlich ergänzen, in der Spendung der heiligen Kommunion. 
Mehr nennt wenigstens der Wortlaut des Gesetzes nicht, und man 
könnte eine Reihe anderer geistlicher Funktionen mangeln; aber 
sichtlich legt es den sonstigen Bestrebungen jener Zeit gemäß ^ 
ein besonderes Gewicht auf Beicht und Buße der Soldaten, ohne 
anderes, wie Ansprachen und Andachten, auszuschließen. Und noch 
waren die Militärgeistlichen nur für den Kriegsfall bestimmt und 
auserkoren, genau gesprochen also waren sie Feldgeistliche, und 
ihr Beruf bildete dann die Feldseelsorge, weil es eben damals 
stehende Heere nicht gab, sondern ein Aufgebot zu dem auf dem 
Prinzip der Wehrpflicht aller Freien beruhenden, durch Vasalhtät 
und Lehenswesen hernach modifizierten Kriegsdienst zur Heerfahrt 
nur für die Zeit und den Ort erfolgte, wann und wo ein Feldzug 
gegen den Feind es erheischte ^. Und soweit man für jene Zeit von 
Pfarrverbänden reden darf ^, erfreuten sich die Militärgeisthchen, wo 
immer sie jeweils mit den Mannen standen mid ein abgegrenzter 
Pfarrbezirk vorhanden war, selbstverständlich auch einer ge%v-issen 
Selbständigkeit oder, um mit dem späteren kirchenrechtUchen 
Ausdruck zu sprechen, einer Art Exemtion, ohne daß dieselbe 
freiHch damals schon genauer umschrieben und abgegrenzt woirde ■*. 



1 Vgl. Hauck, KG. I 275 und 507. 

^ Waitz, Verfassungsgeschichte II 2, 216 ff.; Prenzel, Kriegsverfassung 29 f. 

' Vgl. Stutz, Kirchenrecht 305: „Zu Ende des 7. Jahrh. ist in Gallien 
und Spanien, ja selbst im bistumsreichen Italien der Grund zu einer umfassenden 
ländlichen Seelsorgeorganisation gelegt." Sägmüller, Kirchenrecht I 474 f.; 
St. Zorell, Die Entwicklung des Parochialsystems bis zum Ende der Karolinger- 
zeit (I.-D.) (Maüiz 1901) 36-39. 

* Vgl. die knappe Erwähnung bzw. Würdigimg des o. 2 C. Germ. 742 bei Suevua 
(Nägele), Ein Feklpropst 1906, 364, wo mit Recht gegenüber Künstle (Kath. 80) 
und A. Koch in dessen Besprechmig von Künstle (Tüb. Quartalschr. 83 [1901] 317) 
gefragt wird: „Ob nicht seiner (Künstle), auch von anderen (Koch) akzeptierten 
Hypothese, die mittelalterliche Kirche habe ebenso wie die alte keine (besondere?) 
Militärseelsorge gekamit, nicht schon ein . . . Dekret des berühmten Con- 
cilium Germanicum v. J. 742 widerspricht?" Dann vgl. derselbe, Abt Benedikt 
Rauli 205; Langhäuser, Militärkirchenwesen 2; Freisen, Feldpropst ei 433; 
derselbe, Militärkircheurecht 3 f. ; Hof mann , Militärfreiheit 455 bzw. 464. — 
v. Scherer, Kirchenrecht I 655 sagt: „Da es sich beim Heerbaim durchweg um den 
Kriegsfall handelte, war eine Abgrenzung der kirchlichen Jurisdiktion nicht not- 



Das Recht der Militärseelaorge in der Karolingerzeit 225 

Ihre Auswahl dachte sich Bonifatius wohl durch den zuständigen 
Bischof bzw. Metropoliten. 

Auffallend mag erscheinen, daß im westlichen Teil des fränki- 
schen Reichs, wo gleichfalls ,,mit dem Tode Karl Martells eine 
Epoche einschneidender kirchHcher Reformen" begann ^ und zu 
diesem Behufe eine große Synode zu Soissons 744 abgehalten 
wurde ^, diese eine gleiche oder ähnliche Verfügung wegen der seel- 
sorglichen Behandlung der Krieger nicht erließ. Sie begnügte sich 
vielmehr gegenüber dem KJerus im allgemeinen mit dem Verbot 
weltlicher Kleidimg, welches allerdings auch das des Waffentragens 
einschloßt, und mit dem Verbot, daß Äbte in den Krieg ziehen, 
womit das für Bischöfe eingeschlossen war. Aber gerade dieses 
Fehlen einer Bestimmung über die Feldseelsorge läßt die Obsorge 
des hl. Bonifatius, der bei dieser Kirchenversammlung selbst nicht 
gegenwärtig war^, im hellsten Licht erscheinen. ,,Pippin hatte keinen 
kirchlichen Mann neben sich, der nur entfernt die Bedeutmig und 
das Ansehen des Bonifatius besessen hätte." ^ So blieben hier die 
Verhältnisse die alten. Daß sie eine regehechte jMilitärseelsorge 
aber nicht inbegriffen, ist sicher, und es gibt auch vor 742 kein 
Gesetz für das fränkische Reich, das eine solche angeordnet hätte. 
Man weiß nur, daß es im Laufe des 7. Jahi'hunderts bei den mero- 
wingischen Herrschern und Hausmeiem üblich geworden, den regel- 
mäßig in der Pfalz- oder Hofkapelle aufbewahrten Mantel (cappa) 
des lil. Martin v. Tours wie auch wohl schon längst andere Heiligen- 
rehquien mit ins Feld zu nehmen als ,, Unterstützung für den Sieg", 
wie Walahfrid Strabo sich ausdrückt, oder ,,zum eigenen Schutz 
und zur L^nt erdrückung der Feinde", wde Notker der Stammler 
den Zweck umschi-eibt ^. Sie waren in die Obhut der Geistlichen 



wendig"; man kann daraufhin die Frage stellen: ■warum nicht? Daß sie nicht 
vorgenommen oder berührt wurde, zeugt lediglich für die weichen Formen, in 
denen sich kirchenrechtlich die Pfarrseelsorgeverhältnisse noch befanden. 

1 Hauck, KG. I 541. 

^ Zur Datierung vgl. jetzt Br. Krusch, Das Datum des C. v. Soissons (Neues 
Archiv 30 [1905] 708 f.); Hefele-Leclercq, Hist. des concUes III 2 (1910) 855. 

=» c. 3: abitu laicorum non portent (MG. Conc. II 34). 

* Hauck, KG. I 545 drückt sich in diesem Punkte zurückhaltender aus: 
„wird nicht anwesend gewesen sein". Gerade aus solch wesentlichen Unterschieden 
wie der berührte zwischen den Beschlüssen von 742 und 744, welch letztere sich 
im allgemeinen an erstere anschlössen, muß man auf seine Abwesenheit schließen. 

* Hauck, KG. I 542. 

« Walahfrid, De exord. c. 32 (ed. A. Knöpfler [1901] 100 f.); Monachi Sang. 

Festgabe Knöpf ler 15 



226 Albert Michael Koeniger 

gegeben, die gerade von der cappa des hl. Martin den Namen 
capellani erhielten und die den Hofklerus darstellten ^. Es dürfte 
keinem Zweifel unterliegen, daß die Hofkapläne, sobald sie als 
Feldgeistliche mit den Reliquien auszogen, doch auch irgendwelcher 
seelsorgerlicher Funktionen sich unterzogen und somit wohl frei- 
willig oder ohne jedesmaligen besonderen Auftrag jenes Amt aus- 
übten, das ihnen hernach 742 für Austrien in aller Form ein für 
allemal übertragen und bestätigt wurde. Denn die ,, Pfalzpriest er" ^ 
des deutschen Nationalkonzils sind keine anderen als eben jene Mit- 
glieder des Hofklerus, für den sich allgemach ein oberster Kaplan 
(sacri palatii summus capellanus) als Vorstand und einflußreiche 
Persönlichkeit herausgebildet hatte und der bei den ,, einen oder 
zwei Bischöfen", die gemäß der SjTiode von 742 der Fürst im Felde 
bei sich haben soll, mitverstanden ist. Nur hatte sich freilich unter- 
dessen seit Karl Martell ,,das auschließliche Ansehen Martins als 
Patron des Reiches" ^ verloren, und andere Heilige, namentlich 
Dionysius, waren an seine Stelle getreten, weshalb auch das neue 
Gesetz ganz allgemein von den Reliquien (patrocinia) sprach. Im 
wesenthchen hat es also in dieser Hinsicht nur normiert, was im 
Laufe der Zeit sich von selber entwickelte. 

Sodann aber sprach der Synodalbeschluß von einer zweiten 
Kategorie einfacher ,, Priester", die jeder Kommandant ins Feld 
mitbringen sollte. Hierdurch wurde ausgeschlossen, was eben all- 
mählich in der Merowingerzeit als Brauch oder vielmehr Älißbrauch 
sich herausgebildet hatte, daß Bischöfe und Geistliche überhaupt 
nach eigener Willkür die Heerfalirt mitmachten. Trieb vielleicht 
dazu anfänglich den einen oder anderen aufrichtiger Eifer für das 
Heil der im Kriege gefähideten Seelen, so hat später die Willkür, 
in den Tagen allgemeinen Niedergangs, der Ver^vir^ung und Ver- 
wilderung nur immer neue Nahrung gegeben; Kampf und Streit, 
Rache und Blutvergießen auch von selten der Gottesdiener war 
Hauptsache, die Seelsorge Nebensache geworden. Dem Regellosen 
imd Unnatürlichen also ward durch Bonifaz gesteuert, nicht etwa 



Notkeri Balb.), Gesta Caroli M. I 4 (MG. SS. II 732, 21). Vgl. auch Du Gange, 
Glossarium med. et inf. latin. II ^ (Niort 1883) 119 Sp. 1. 

^ Darüber vgl. W. Lüders, Capella (Archiv f. Urkuudenforschung 2 [1909] 
1 — 100, im besonderen für hier 12 f.; 17 — 19, dann 3-4; H. Lichius, Die Verfassung 
des Marienstiftes zu Aachen (Zeitschr. des Aach. Gesch.-Ver. 37 [1915] 1 — 3). 

^ So übersetzt richtig imd genau Tangl (89) das capellani presbiteri. 

^ Lüders 23. 



Das Recht der Militärseelsorge in der Karolingerzeit 227 

gänzlich Neues und Niedagewesenes geschaffen ; miteinander sollten 
künftig Hofkapläne und eigens bestimmte Priester die Feldseelsorge 
versehen: das ergibt der ganze Tenor und Wortlaut des Synodal- 
beschlusses und Königsgesetzes von 742 i. 

Man darf fragen, ob Bonifatius rein aus natürlichem, prakti- 
schem Empfinden heraus eine solche Regelung veranlaßte oder ob 
er etwa dabei irgendwelche Vorbilder vor Augen gehabt. Seine 
Heimat gab ihm jedenfalls kein Muster an die Hand, und die angel- 
sächsischen Klöster, in denen er erzogen worden und gelebt, hatten 
ihm derlei Gedanken nicht nahelegen können. Eher aber könnte 
man an Verhältnisse in Italien denken, die er auf seinen wieder- 
holten Romreisen kennenzulernen Gelegenheit gehabt. Zwar ist 
nicht bekannt, daß dort bereits Kaiser Konstantin eine regelrechte 
Mihtärseelsorge eingerichtet und ein eigenes Gesetz hierfür er- 
lassen hätte ^ ; indes weiß man doch wenigstens aus der Nachbarstadt 
Roms, aus Civitavecchia, daß daselbst eine solche in aller Form 
bestand, und zwar für die kaiserlich byzantinische Besatzung, die 
seit der endgültigen Eroberung der Stadt durch Narses 553 dort- 
hin gelegt wurde. Ein Schreiben des Papstes Pelagius I. (556 bis 
561) an den Bischof von Civitavecchia gibt davon Kunde und 



^ Es spricht zwar nur bei den Pfalzpriestem von der Feier des Meßopfers 
und Obhut für die Reliquien, bei den einfachen Priestern von Beicht- und Buß- 
auflage; allein in die allgemeinen priesterlichen Funktionen hatten sich wohl alle 
Priester zu teilen (possmt; andere Lesart possit); das Tragen der Reliquien kam 
aber jedenfalls nur ersteren zu. 

^ Das wird zwar behauptet, aber nicht bewiesen, von v, Ketteier, Gefahren 1869, 
434; Langhäuser, Militärkirchenwesen 2: „Bald nach Erhebung des Christentums 
zur Staatsreligion (!) organisierte Konstantin d. Gr. die Militärseelsorge in der Weise, 
daß jede Legion ihren Feldpriester und tragbaren Feldaltar erhielt; oft wurden 
auch Bischöfe mit einem Stab von Priestern zur Feier des Feldgottesdienstes im 
Heerlager herangezogen." Dafür zitiert er lediglich: Sozomenos (!), Vita Con- 
stantini. — Diese ganze Stelle entnahm imgeprüft Freisen, Müitärkirchenrecht 3. 
— Allein m den Gesetzen Konstantins f mdet sich Derartiges nicht, soweit ich wenig- 
stens sehe, und statt Sozomenos muß es natürlich Eusebius heißen. In dessen 
Vita Constantini IV 56 kommt allerdings Ähnliches vor: Gegen Ende seüaes Lebens 
nimmt Konstantin Bischöfe auf den Feldzug gegen die Perser mit und läßt ein 
Zelt nach dem Muster einer Kirche bauen, in welchem er mit den Bischöfen um 
den Sieg seiner Waffen betete (Eusebii opp. ed. J. A. Heikel I [Leipzig 1902] 140 f.). 
Das war ein Fall, und von ihm aus mag man später verallgemeinert haben. — 
Auch die Vita Constantini I 32 (S. 22), wonach Konstantin überall Bischöfe mit 
sich führte, damit durch ihr Gebet der Christengott ihm hilfreich zur Seite stehe, 
bietet nach Harnack, Militia 87 kein Recht, sicher auf Priester im Heere zu schließen 
(Nägele, Rauh 204). 

IG» 



228 Albert Michael Koeniger 

benennt einen Priester samt einem Diakon und Subdiakon als 
Militärseelsorger für dort, nachdem die Soldaten selbst vom Kaiser 
solche erbeten hatten^. Was damals für sie geschah, das wird auch 
für andere durch die Byzantiner zur Festigung und Walu-ung ihrer 
Herrschaft in Italien angelegte Kastelle (castra) und deren Be- 
satzung eingeführt worden sein, namentlich wohl für die vom Papste 
eigens verlangten und etwa 595 gewährten Mihtärtruppen in Rom 
selbst ^. Bei der Fortdauer solcher byzantinischer Einrichtungen bis 
in die zweite Hälfte des 8. Jahrhunderts hinein scheint es nicht aas- 
geschlossen, daß Bonifatius, nachdem er bis 742 doch schon dreimal 
in Rom geweilt, dortselbst auch das Institut der Militärseelsorge 
kennengelernt hat und hernach, zur Erneuerung der fränkischen 
Kirche berufen, den dort heimischen Brauch der Hoffeldkapläne 
und den byzantinisch-römischen eines Feldpriesters für einzelne 
Kontingente weise verband; nur daß freilich in Neustrien keine 
stabilen Truppen in Frage kamen. Das läge ganz auf der Linie 
der sonstigen Denk- und Handlungsweise des Erzbischofs, mögen 
gleich naturgemäß auch rein rehgiöser Eifer und praktische Er- 
wägungen miteinge^irkt haben. 

Auf dem Grunde, den Bonifatius und Karlmann gelegt, baute 
die nachfolgende Zeit weiter. Es bedurfte einer ,, nachdrücklichen, 
rastlosen Tätigkeit, um die Spuren des kirclilichen Verfalls zu 
tilgen, der in dem letzten Jahrhundert der Merowingerherrschaft 
eingerissen war. Soweit das fränkische Reich sich ausdehnte, 
wurde jetzt die von Bonifatius geplante und begomiene Reform 
zur Tat, und der sie vollzog, das war der große Karl. ,,Daß der 
König das zur Vollendung führte, was der Bischof angefangen 
hatte, entsprach dem geistlichen Charakter, den das fränkische 
Königtum trug, der Herrschaft über die Kirche, welche es seit 
Chlodowech geübt hatte" ^. Gewiß nicht mizutreffeud oder ge- 
schmacklos ist er vom Mönch von St, Gallen, Notker dem Stammler, 
als ,, Bischof der Bischöfe" bezeicluiet worden *. Melu* noch als 
Karlmaim war er auf die religiösen Bedürfnisse seüies Reichs mid 
insbesondere auch seines Heeres bedacht. In letzterer HÜLsicht 



^ Sägmüller, Ein Aktenstück (Tüb. Qu. 96 [1914]) 594-599. 

" Vgl. L. M. Hart mann, Untersuchmigen zur Geschichte der byzantinischen 
Verwaltung in Italien (540—750) (Leipzig 1889) 54 und 65 f. 

•' Hauck, KG. II 294. Vgl. näher bei J. A. Ketterer, Karl d. Gr. und die 
Kirche (München 1898) 117 ff. 

* Gesta Car. M. I 25 (MG. SS. II 742, 32). 



Das Recht der Militärsoelsorge in der Karoliiigcrzeit 229 

glaubte er nichts Besseres tun zu können, als daß er einfach jene 
ältere Bestimmung von 742 wiederholte und damit aufs neue ein- 
schärfte. Das geschah in seinem ersten kirchlichen Kapitulare 
von 769. Wie es sich in mehreren seiner Verfügungen an jenes 
von 742 anschloß und dasselbe ergänzte, freilich auch zum Teil 
darüber hinausging, so brachte es nach der Eingangsformel gleich 
an erster Stelle das Karlmannsche Königsgesetz oder den Boni- 
fatianischen Synodalbeschluß von 742 über die Militärseelsorge ^, 
ja in solch wörtlicher Treue, daß sogar der doch nicht mehr 
gültige Titel ,, Fürst" beibehalten wurde, trotzdem es seit 751 nur 
mehr einen ,, König" der Franken gab. Damit übernahm Karl ^ 
das Erbe früherer Tage, und man ist berechtigt, auch unter ihm die 
Fortdauer und Art der durch Bonifatius angeregten Feldseel- 
sorge anzunehmen, mögen gleich genaue Berichte darüber fehlen; 
nur müssen zugleich die betreffenden Verhältnisse sich im Rahmen 
der älteren Vorschrift verfestigt haben. 

Irgendeine weitere hierauf bezügliche Verfügung aus Karls 
des Großen Regierungszeit ist nicht vorhanden ^. Indessen das, 
was er wie auch bereits der Apostel Deutschlands durch den all- 
gemeinen Satz, die Diener Gottes sollten keine Waffen tragen, 
nicht an Kämpfen teilnehmen und nicht in den Krieg ziehen, ver- 
hüten wollte, muß doch bald wieder in Übung gekommen sein, 

^ Caroli M. Capit. prim. 769 vel paulo post c. 1 (MG. Capit. I 44 f.). 

2 Hofmann 463 f. glaubt, Karl hätte erst auf Belehrung und IMahnung 
lediglich des Papstes (!) hin seine Meinung über die Teilnahme der Bischöfe und 
Geistlichen am Krieg geändert. Diese offenbar dem Protokoll des Kapitulare 
entnommene Ansicht ist wohl nicht ganz richtig. Wenn es dort heißt ,,apostolicae 
sedis hortatu omniumque fidelium nostrorum et maxime episcoporum ac reli- 
quorum sacerdotum", so weist dies eben darauf hin, daß man Karl gleich zu 
Beginn seiner Herrschaft Punkte xinterbreitete, in denen man von vornherein 
seiner Autorität sicher sein und gewissermaßen ein kirchliches Regierungsprogramm 
von ihm haben wollte, wobei man sich auch hinter des Papstes Ehifluß verschanzte. 

^ Daß die Reformsynode von Mainz 813 Karls bzw. des Bonifatius Vorschrift 
wiederholt hätte, behauptet Nägele in seinem Artikel im Mark. Kirchenblatt 1906, 
364 und nochmal in seinem Buch über Abt Rauh 1911, 205, hier sogar auf ein 
beistimmendes Urteil von Prof. Grauert sich berufend. Welchen Kanon er eigent- 
lich memt, sagt er gar nicht; es dürfte c. 17 sein, der jedoch das Waffentragen 
vom kirchlichen Standpmikt aus verbietet und zu der Behauptung Nägeles keinen 
Anlaß geben kann. — Hofmann, Militärfreiheit 464 spricht von einem „Kapitulare 
von 803", das dieselben Verfügungen wiederhole. Er zitiert lediglicli Baluze, 
Capitularia VII 141 (S. 1052). Allein er ist hier in die Irre gegangen; es handelt 
sich um eine Fälschung Benedikt Levitas, wovon später zu reden ist (siehe S. 233 
A. 5). 



230 Albert Michael Koeniger 

wenn auch nicht bei Mönchen und bei Priestern im allgemeinen, 
so doch bei der höheren Geistlichkeit, bei Bischöfen und Äbten. 
Es traten teilweise die alten Zustände wieder ein, nur daß jetzt 
daneben die geordnete und gebotene Feldseelsorge bestehen 
blieb. Schon das allgemeine fränkische Konzil von 747, ebenso die 
Synode von Verberie 756 und in deren Gefolge entgegen der wahren 
Gesinnung Pippins das Kapitulare des gleichen Jahres hatten das 
Verbot des Waffentragens aufs neue einschärfen müssen ^ ; dann hat 
Karl der Große 769 durch Annahme der Bestimmung von 742 zu- 
gleich auch dieses Verbot in seiner Allgemeinheit erneuert. Hernach 
hat es allerdings eine Zeitlang desselben nicht mehr bedurft, ja 
von Karl weiß man, daß er Bischöfen und Äbten wiederholt aus- 
drückhch das Privileg gewährte, trotz ihres nach germanischen 
Rechtsbegriffen bestehenden Vasallitätsverhältnisses zum König nicht 
mit ihren Mannen in den Krieg ziehen zu müssen ^. Allein seit 
der zweiten Hälfte seiner Regierungszeit änderten sich wieder all- 
gemach die Dinge. Man sieht das klar aus einem Brief des Bischofs 
Paulinus von Aquileja an den HeiTscher. ,,Ich bitte Dich in- 
ständig", so schreibt er mit bewundernswerter Aufrichtigkeit, ,,daß 
Du, um der Liebe Christi \\illen für uns gegen die sichtbaren Feinde 
kämpfest, und wir werden für Dich gegen die imsichtbaren Wider- 
sacher mit geistigen Waffen streiten, indem wir die Macht des Herrn 
anflehen; möge es erlaubt sein, daß die Priester des Herrn dem 
Evangelium sowie den apostolischen und kanonischen Anordnungen 
gemäß in Einfalt dem Herrn dienen und nur in seinem Heerlager 
Kriegsdienste tun, da nach desselben Herrn Worten niemand zwei 
Gebietern dienen kann." ' Und selbst Papst Hadrian I. fand sich 
auf Betreiben eines Schwärmers aus den fränkischen Landen be- 
wogen, mahnend den König darum anzugehen, er möge keinesfalls 
gestatten, daß Bischöfe am Kriegsdienst sich beteiHgen. Bei dieser 
Gelegenheit kommt der Papst auch auf die Feldseelsorge zu 
sprechen und setzt seiner allgememen Regel die Worte bei: ,,Wo 
immer jedoch der König Bischöfe oder Priester bei sich zu haben 
wünscht, da mögen diese mit der Waffenrüstung des wahren Glaubens 
und dem Helm des Heiles angetan fleißig beten, auf daß dem ge- 

1 747 c.6(MG. Conc. II 47); vgl. dazu Hauck, KG. 1371 f.; Hefele-Leclercq, 
Hist. des conc. III 2, 896. Die Beschlüsse kennt man nur aus den Briefen des 
Bonifatius (s. bei Tangl [lat.] 164 und [übers.] 157); 756 c. 16. 

^ Rlühlbacher, Deutsche Geschichte unter den Karolingern 312. 

•■' Epist. 18a 776/802 (MG. Epist. IV 525). Vgl. auch Epist. 18b (1. c. 526). 



Das Recht der Militärseelsorge in der Karolingerzeit 231 

samten Volke das, was ihm zum Heile und zum ewigen Leben 
frommt, zuteil werde; sie mögen predigen, die Beichte entgegen- 
nehmen und untadelig das priesterliche Amt versehen; die übrigen 
Bischöfe und Priester aber sollen bei ihren Kjrchen verbleiben 
und unter festestem königlichem Schutz das ihnen von Gott an- 
vertraute Volk leiten." ^ 

Karl gab in seines Reiches Interesse dem Drängen nur insoweit 
nach, als er nicht gegen Bischöfe und Äbte, sondern nur gegen die 
niedere Geistlichkeit, gegen Presbyter, Diakonen und die übrigen 
Kleriker aufs neue ein Verbot des Waffentragens und Kriegsdienstes 
richtete ^. Auch sein Sohn und Nachfolger Ludwi g d. Fr. hat sich 
mit der durch ihn bestätigten Aachener Regel von 816, die für die 
kanonische Lebensart des Weltklerus geschaffen ward, auf denselben 
Standpunkt gestellt ^. Dagegen halfen alle Synodalbeschlüsse und 
Bischofsvorschriften nichts *, nichts die eindringlichen Mahnungen 
in denselben, die Geistlichen seien Soldaten eines höheren Königs 
und leisteten Kriegsdienste im Heerlager des Herrn ^, sie sollten auf 
ihn allein, nicht auf irdische Waffen vertrauen *, die beste Waffen- 



1 Epist. 88 (91) des Codex Carolinus 784/91 (MG. Epist. III 625): . . . sed 
quos secum in quolibet deferri cupit loco, tarn episcopos quam presbiteros, 
hortodoxae fidei galeamque salutis induti arma orationibus vacare gnaviter studeant, 
ut cuncto populo ea, quae pro salute animae sunt seu aetemam vitam adipisci 
praeiicantes eorumque confessionem suscipientes inreprehensibiliter sacer- 
dotalem gerant officium; ceteri vero episcopi atque presbiteri in eorum degentes 
ecclesüs, canonice unusquisque per vestrum regale robustiasimum presidium suum 
valeant regere populum a deo sibi commissum. 

2 Admon. gener. 789 c. 70 (MG. Capit. I 59); Capit. miss. spec. 802 (?) c. 37 
(ebenda 103). 

' 0. 125 (MG. Conc. II 405). — Nur soweit versteht sich auch die Bemerkung 
des übertreibenden (s. W. Wattenbach, Geschichtsquellen V [1904] 230) sog. 
Astronomen in seiner Vita Ludov. c. 28 (MG. SS. II 622), Bischöfe und Geist- 
liche hätten damals Wehr und Waffen abgelegt (vgl. Waitz, Verf.- Gesch. IV * 
594 A. 2). 

« C. Forojulü (Cividale) 796/7 c. 5; C. Rispac. 798 c. 7; Acta Rispac. 799/800 

0. 3; C. Mogunt. 813 c. 17; C. Meld. 845 c. 37; C. Pap. 876 c. 9; C. Mett. 888 c. 6; 
C. Trib. 895 c. 10 extra vag. (nach V. Krause, MG. Cap. II 248; vgl. dazu E. Seckel 
im Neuen Archiv 20 [1895] 301 f.). Femer Regino, Libri duo de syn. causis ca. 906 
1. 1 c. 176 und 177 (= Adm. gen. 789 c. 70 bzw. C. Meld. 845 c. 37); Capitula Frising. 
saec. VIII ex. c. 19 (ed. Seckel im Neuen Arch. 29 [1904] 291); Cap. Ghaerbaldi 
802/10 c. 3; Cap. Radulf i 845/66 c. 19; Cap. Herardi 858 c. 113; Cap. Isaac 858/80 

1. XI c. 10; Cap. Walteri 871 c. 1. 

« C. Forojul. 796/7 c. 5. 
« C. Risp. 798 c. 7. 



232 Albert Michael Koeniger 

rüstung für den siegreichen Kampf gegen den Teufel sei da« Gebet ^ ; 
nichts half auch die Drohung mit der Rückversetzung in den Laien- 
stand 2 und der Verweigerung des kirchlichen Begräbnisses *. Es 
besteht die Tatsache, daß seit Ende des 8. Jahrhunderts die Prä- 
laten, trotzdem sie gelegentlich gegen ihre Bewertung lediglich als 
Vasallen des Königs sich wandten *, immer regelmäßiger bei Kriegs- 
zügen und auf den Schlachtfeldern zu finden waren ^ und daß sie 
nicht einmal selten sogar den Heldentod starben ^. Sie baten nur 
noch, wenigstens ihren hauptsächlichsten kirchlichen Verpfhch- 
tungen nachkommen zu dürfen ', und es erschien als besondere Ver- 
günstigung, wenn der König einen Stellvertreter für sie zuließ *. 

Aber noch wachte eine Partei in der fränkischen Kirche, welche 
sich durch kein Königsgesetz irremachen und sich durch keinerlei 
Praxis den Blick für kirchliche Forderungen trüben ließ. Um ihr 
Ziel zu erreichen, schreckte sie vor Unterstellungen und Fälschungen 
nicht zurück und verbreitete um die Mitte des 9. Jahrhunderts 
ganze Sammlungen von eigens ausgewählten und zurechtge- 
machten Konzilsbeschlüssen, Papstbriefen und Gesetzen. In ihrer 
Gesamtheit sollten sie ein Bild wahren kirchhchen Lebens geben ; sie 
sollten mahnen an das, was ehedem war oder was man nunmehr 
in den Kreisen der Eiferer wünschte und für kanonisches Recht 
angesehen wissen woUte. So stellten die Verfasser jedem, der in 
ihrem Sinne sehen wollte, Ideal und Wirkliclikeit einander deutlich 
gegenüber. Zum Stimmführer für die unterschiedslose Befreimig 
der Geistlichkeit vom Kjiegsdienst machte sich der Mainzer Diakon 
Benedikt. 



^ Cap. Ghaerb. 802/10 c. 3. 

» Cap. Herardi 858 c. 113; Cap. Isaac 858/80 I. XI c. 10. 

' C. Trib. 895 c. 10 extrav. (spricht allerdings nur von den clerici). 

* Epist. Syn. Carisiac. 858 c. 15 (MG. Cap. II 438 f.). 

^ Vgl. die zahlreichen Belege bei J. C. L. Gieseler, Kirchengeschiehte II 1 * 
(Bonn 1846) 247; Rettberg, KG. II (1848) 636 f.; Hinschius, KR. I (1869) 26 A. 10; 
A. Baldamus, Das Heerwesen unter den späteren Karolingern (Breslau 1879) 25 
Waitz, Verf.-Gesch. IV (1885) 592 f.; Gerdes, Gesclüchte II (1898) 184; A. Koeniger, 
Burchard von Worms (München 1905) 28 f. ; Grupp, Kulturgeschichte II (1908) 184; 
A. Pöschl, Bischofsgut III 1 (Bonn 1912) 196 f.; Hauck, KG. II (1912) 730 f. 

* In den Jahren 886—908 sind allehi 10 Bischöfe gefallen (Hauck 731). 
' C. Meld. 845 c. 28. 

8 Deutlich C. Vem. 844 c. 8 (I^IG. Cap. II 385); vgl. Waitz. Verf.-Gesch. 
IV 595; Prenzel, Kriegsverfassung 84—86. 



Das Recht der Militärseelsorge in der Karolingerzeit 233 

Wie es sein Ziel im allgemeinen war, der Verweltlichung des 
hohen und niederen Klerus zu steuern ^, so betrachtete er es ins- 
besondere auch als seine Aufgabe, den Kriegsdienst der Prälaten 
hintanzuhalten. Gleich zu Beginn des ersten Buches seiner Kapi- 
tulariensammlung ^ bringt er mit Wiederholung der gesamten 
Konzilsbeschlüsse von 742 auch das Verbot des Waffentragens 
durch die Geistlichen und die Normierung der Feldseelsorge 
(c. 2); beides allein stellt er auf Grund des Kapitulare Karls d. Gr. 
von 769 im dritten Buche noch einmal eigens (c, 123) vor Augen ^. 
Schon hieraus ist seine Tendenz in etwa zu erkennen. Aber noch 
mehr: durch Herübernahme älterer Konzilsbestimmungen erinnert 
er an die strengen kanonischen Strafen der Alt vorderen, welche Ab- 
setzung und lebenslängliche Klosterbuße über kriegführende Geist- 
liche jeder Gattung aussprachen. Wenn er dabei aus eigener 
Machtvollkommenheit den Wortlaut noch verschärfte, so kenn- 
zeichnet auch das genugsam seine Absicht ^. Am deutlichsten 
aber verrät er seine Tendenz durch eine kecke Fälschmig , die 
längst als solche erkannt ist ; es sind vier schon durch ihi-e Länge, 
dann durch ihre Eigenart auffallende Kapitel des zweiten und 
dritten Buches ^. 

Darin läßt Benedikt eine Bittschi'ift des ganzen Volkes an 
Karl d. Gr. richten mit dem Grundthema: Geistliche sollen nicht 
in den Ki'ieg ziehen. Alle Bischöfe, so besagt dieselbe, sollen ferner- 
hin während eines Krieges in ihi-en Diözesen verbleiben und für den 



^ So richtig Pöschl, Bischofsgut III 1, 195. 

* Über deren ungefähre Datierung noch vor den Dekretalen Pseudoisidors 
(ca. 842), welch letztere sie benutzt haben, vgl. nun E. Seckel im Neuen Archiv 
40 (1915) 27 A. 3. Als Druck dient bis zur Neuausgabe durch Seckel die Edition 
durch Knust in den MG. LL. II 2 (1837) 17-1Ö8. 

^ Vgl. über die Quellen Verhältnisse E. Seckel, Studien zu Benedictus Levita VI 
(Neues Archiv 31 [1906] 63 f.) und VIII (ebenda 39 [1914] 355). 

* II 61 (- Conc. Sard. 344 c. 19 = Isaac XI 10), 321 und III 217 (- C. Tolet. 
633 c. 45); Add. III 17 (= II 321). Vgl. Seckel, Studien VII (NA. 34 [1909] 331; 
35 [1910] 457; 39 [1914] 414). 

* Bei Hartzheim, Conc. Genn. I 372—375 sind sie zusammengezogen und 
als vermeintliches Konzil oder Kapitulare von 803 noch mit eigenen Überscliriften 
V^ersehen. Hefele, Conc.-Gesch. Ill^ 626 teilt sie einer Reichstagss}^lode von 781 
zu. Hofmaim, Militärseelsorge (1916) 464 ff . nimmt nach Baluze, Capitularia 
(1077) 1052 (auch Mansi, Ampi. coli. conc. 17 B [1902]) die Stücke noch als echt 
hin. — Vgl. eingehend über die Quellenverhältnisse bei Seckel, Studien VII (NA. 
35, 480-487) und VIII (NA. 39, 359-369). 



234 Albert Michael Koeniger 

König sowie das gesamte Heer mit den ihnen anvertrauten Gläubigen 
beten, Messen singen, Prozessionen abhalten und Almosen reichen; 
das sei dem Volke und dem Regenten besser dienlich als ihre An- 
wesenheit im Krieg. Wie Moses durch sein Gebet den Israeliten 
zum Sieg verhalf, so soll auch den Christen in gleicher Weise der- 
selbe zuteil werden. Danach kommt die fingierte Bittschrift auf 
die Feldseelsorge zu sprechen: zwei oder drei der Bischöfe, wohl- 
unterrichtet und von ihren Mitbischöfen auserwählt, mögen zur 
Erteilung des Segens und der Rekonziliation mitziehen. Dasselbe 
soll von den einfachen Priestern gelten; auch aus ihnen sollen et- 
welche, die wohlunterrichtet, tadellos in der Lebensführung und 
von ihren eigenen Bischöfen auserwählt und beurlaubt sind, ins 
Feld mit ausrücken. Ihnen allen aber, die mitkommen, soll weder 
etwas an ihrem Vermögen noch ihre Kirche genommen werden 
(II 370). Karl gewährt zunächst allgemein die Bitte, bis eine 
Reichs Versammlung weiterhin geurteilt und entschieden hätte (II 37 1 ) . 
Diese beschließt nun, entsprechend der Bitte des Volkes und der 
Gewährung des Königs : kein Geistlicher solle ins Feld ziehen dürfen 
außer zwei oder drei Bischöfen, die den Segen erteilen, predigen und 
die Büßer rekonziliieren, ebenso nur Priester, die verstehen Buße 
aufzugeben, Messe zu zelebrieren, den Kranken beizustehen, die 
heilige Ölung zu erteilen und das Viatikum zu spenden. Sie alle 
sollen weder Waffen tragen noch am Kampfe unmittelbar sich be- 
teiligen, sondern lediglich der heiligen ReUquien und Geräte warten, 
auch beten um göttlichen Beistand und Sieg. Die zurückbleibenden 
Geisthchen sollen ihre Mannen wohlgerüstet zum Heere stoßen 
lassen; sie sollen daheim Messen feiern, Prozessionen abhalten, 
Opfergaben darbringen, Almosen geben, beten um Wohlstand und 
Sieg des Heeres. Denn Völker und Könige, welche Priester mit sich 
in den Kampf ziehen ließen, richteten weder im Kriege etwas aus 
noch gingen sie als Sieger hervor, weil bei ihnen kein Unterschied 
zwischen Laien und Geistlichen, welch letztere nicht die Waffen 
führen dürfen, gemacht würde. Denn wie soll da der Sieg von Gott 
gewährt werden, wenn zu gleicher Zeit die Priester die heihgen Ge- 
heimnisse verwalten und den Leib des Herrn austeilen und hin- 
wieder Christen und Heiden, denen sie die Sakramente spenden 
bzw. das Evangelium predigen sollen, mit denselben Händen sakri- 
legisch töten? Hab und Gut und kirchhcher Besitz soU den als 
Feldseelsorgem mitziehenden Geistlichen in keiner Weise gemindert 
oder geraubt, den zu Hause bleibenden ihre Ehre nicht geschmälert 



Das Recht der Militäreeelsorge in der Karolingerzeit 235 

werden (III 141, 142), Das ist in Kürze der Inhalt der vier langen 
Pseudobeschlüsse 1. 



^ Flexis omnes precanaur poplitibus maiestatem vestram, ut episcopi 
deinceps sicut hactenus non vexentur hostibus; sed quando vos nosque in 
hostem pergimus, ipsi propriis resideant in parochiis deoque fideliter famulari 
studeant et eorum sacrosancta misteria canonice et deo placide peragere satagent 
atque pro vobis et cuncto exercitu vestro una cum omnibus sibi commissis orare 
viriliter missasque decantare et letanias atque elimosinas agere decertent . . . 
Nam sine dubio potius vobis nobisque proficere possunt, si remanserint quam 
si in hostem vel ad pugnam perrexerint, quia tunc eorum precibus adiuvamur 
et modo eorum pressuris gravamur. Quando vero Äloyses expansis ad coelum 
manibus orabat, vincebat Israel. . . . Nullatenus volumus adsentire, ut nobiscum 
ad talia pergant nisi duo aut tres bene docti, electione videlicet caeterorum, 
ad benedictionem dandam et ad periclitantium reconciliationem faciendam, 
ne vos et nos simul cum pluribus pereamus, sed eorum precibus . . . fulciamur. 
Quamformam et de sacerdotibus tenere optamus i. e. ut nee illi in hostem nisi 
bene docti et ipsi electione atque permissione propriorum episcoporum; qui tarnen 
tales sint, de quorum scientia et vita et conversatione omnes securi esse possimus . . . 
Eorum res aut aliquid ex eorum pecuniis, nisi ipsis aliquid sponte nobis dare pla- 
cuerit, aut eorum ecclesias viduare (non) cupiamus, sed magis eis, si dominus 
posse dederit, augere desideramus (II 370; MG. LL. II 2, 91 f.). 

Ista sicut petistis concedimus et quando vita comite deo auxiliante ad generale 
placitum venerimus, consultu omnium fidelium nostrorum scriptis firmare . . . 
cupimus (II 371, 92). 

Volumus, ut nuUus sacerdos in hostem pergat nisi duo vel tres tantum 
episcopi electione ceterorum propter benedictionem et praedicationem 
populique reconciliationem et cum Ulis electi sacerdotes, qui bene sciant 
populis poenitentias dare, missas celebrare, de infirmis curam habere 
Bacratique olei cum sacris precibus unctionem impendere et hoc maxime prae- 
videre, ne sine viatico quis de saeculo recedat. Hi vero nee arma ferant nee 
ad pugnam pergant nee effusores sanguinum vel agitatores fiant, sed tantum 
eanctorum pigiiora et sacra ministeria ferant et orationibus pro \aribus insistant, 
ut populus, qui pugnare debet, auxiliante domino victor existat et non sit sacerdos 
Bleut populus. Reliqui vero, qui ad ecclesias suas remanent, suos homines 
bene armatos nobiscum aut cum quibus iusserimus dirigant, et ipsi pro nobis et 
cimcto exercitu nostro missas, letanias, oblationes, elimosinas faciant, orantes 
deum coeli, ut proficiamus in itinere quo pergimus victoresque deo amminiculante 
existamus. Gentes enira et reges earum, qui sacerdotes secum pugnare permiservmt, 
nee praevalebant in hello nee victores extitenmt, quia non erat differentia inter 
laicos et sacerdotes, quibus pugnare non est licitum. . . . Qualis enim victoria 
datur, ubi sacerdotes una hora dominica partractant mysteria et christianis do- 
minicum porrigunt corpus pro suarum animarum redemptione et post christianos, 
quibus hoc ministrare, aut paganos, quibus Christum praedicare debuerant, propriis 
sacrilegisque manibus necant (III 141, HO). 

Honores sacerdotum et res ecclesiarum auferre vel minorare eis . . . nullatenus 
facere vel facere volentibus consentire omnes soire cupimus" (III 142, 111). 



286 Albert Michael Koeniger 

Man sieht auf den ersten Blick, daß es sich hier im Grunde 
um nichts anderes handelt als um den betreffenden Beschluß des 
Konzils und Kapitulare von 742 bzw. 769; sein Gerippe ist deutlich 
erkennbar, nur sind von Benedikt Levita einige sachliche Ände- 
rungen und mehrere Erweiterungen angebracht sowie ausführliche, 
gewiß nicht unpassende Begründungen beigegeben worden. Er 
macht vor allem das Zugeständnis, daß es bisher, in seinen Tagen 
wenigstens, anders gewesen als es, am Maßstabe kirchlicher Forde- 
rungen gemessen, hätte sein sollen. Er hat sodann die Grundzahl 
der zulässigen Feldbischöfe ein wenig vermehrt (2 — 3 statt 1 — 2), 
und von den Pfalzpriestem schweigt er ganz, entsprechend der 
Reaktion, die unter Ludwig d. Fr. gegen sie und ihren überstarken 
Einfluß zutage trat ^. Auch von den Grafen als Kommandierenden, 
deren jeder nach der älteren Bestimmung je einen Priester bei sich 
haben sollte, ist nicht mehr die Rede, weil nach den Zeiten Karls 
d. Gr. dieselben als unmittelbar königliche Beamte nicht mehr vor- 
kamen, hingegen die Stammesherzöge in ihrer früheren Selbst- 
ständigkeit immer mehr in den Vordergrund traten ^ und die Zahl 
der gewöhnlichen Feldpriester nicht mehr bloß nach ihnen sich 
richten, sondern nur nach kirchlichen Ermessensfragen jeweils fest- 
gelegt werden konnte ^. Über die Auswahl der Bischöfe bzw. Priester 
verfügte man 742 gar nichts; Benedikt schiebt sie seinen aus- 
schließlich kirchlichen Tendenzen gemäß völlig den kirchlichen 
Organen, d. h. den Mitbischöfen bzw. Diözesanbischöfen zu. Er 
unterstreicht femer die friedliche religiöse Tätigkeit der zu Hause 
verbleibenden Geistlichen zugunsten des Heeres und Reiches und 
erwälmt nur, dem öffentlichen Rechte Reclmung tragend, daß die- 
selben als Senioren, d. h. als Bischöfe und Äbte, ausgestattet mit 
Krön- und Reichsgütern, ihre Mannen alter Sitte gemäß zum Kriegs- 
heere heranzuführen hätten. Er normiert auch für die Feldgeist- 
lichen bestimmte Eigenschaften und umschreibt ziemlich genau ihre 
Pflichten: Außer dem Tragen der Reliquien, Messe lesen, Abnehmen 
der Beichte, Auflegen der Bußen, wie das schon im Gesetz von 742 
stand, auch noch die Erteilung des Segens und der RekonziUation, 
sowie Ausübung des Predigtamts hinsichtlich der Bischöfe, für die 
gewöhnlichen Priester noch Sorge für die Kranken und, so darf man 
beifügen, Verwundeten, Erteilung der Sterbsakramente in Gestalt 

1 Vgl. Lüders, Capella 60 ff. 

* Vgl. Schröder, Rechtsgeschichte 137 und 401. 

^ In III 142 spricht er von perpauci sacerdotes. 



Das Recht der Militärseelaorge in der Karolingerzeit 237 

der hl. Ölung und des Viatikums. Ganz besonders aber wird von 
ihm in langen Worten, weil offenbar die Praxis sehr damit im 
Widerspruch stand, hervorgehoben, daß weder die Eigengüter noch 
das Ansehen noch auch die kirchliche Stelle der Feldgeistlichen 
während ihrer Abwesenlieit irgendwie geschädigt werden dürften. 
Kurz, er schildert die Feldseelsorge in einer Weise, wie sie ebensowohl 
den alten Erfahi-ungen als den neuen Bedürfnissen und Forderungen 
entsprach. So gewinnt man bei ihm im großen ganzen ein klares 
Bild wohl auch der wirklichen Verhältnisse und die Überzeugung, 
daß die Bestimmung von 742 bzw. 769 für die Praxis nicht ver- 
geblich gewesen. 

Indes was der kluge und tiefgebildete Benedikt Levita mit 
diesen seinen Pseudobeschlüssen eigentlich wollte und erstrebte, 
die Verdrängung der in den Krieg ziehenden Prälaten, das ist ihm 
trotz seiner verführerischen Fälschung doch nicht gelungen, weil 
seine Sammlung , wie überhaupt die damaligen kanonistischen 
Fälscherprodukte, zunächst mehr das literarische als das prak- 
tische Leben beeinflußten. Es dauerten die alten Verhältnisse, wie 
früher gesagt , in Deutschland fort und zogen sich infolge der 
Lehensverfassung in fast unverminderter Stärke durch das ganze 
Mittelalter hindurch. 

Nicht ohne Interesse ist es auch, die Stellung des Papsttums 
gegenüber dem Kriegsdienst der Geistlichen und der Feldseelsorge 
in der Karolingerzeit keimenzulenien. Oben schon ist darauf hin- 
gewiesen worden, daß Hadrian I. Karl den Großen anging, er möge 
Bischöfe nicht zum Kriegsdienst zulassen; liingegen hat er die 
Feldseelsorge ganz im Sinne und Rahmen des Besclilusses von 742 
befürwortet ^. Und ebenso hat der große Papst Nikolaus I. etwa 
ein halbes Jahrhundert später wiederholt gegen einen Waffen 
führenden Klerus sich ausgesprochen. Geistliche seien Soldaten 
der Kirche; es gezieme sich nicht, daß Streiter der Kirche für die 
Welt kämpfen, wobei sie notwendigerweise Blut vergießen müßten. 
Wie es schimpflich und verderblich sei, wemi ein Laie Messe liest 
oder die sakramentale Wandlung vollzieht, so sei es lächerhch und un- 
schicklich, wenn Geistliche Waffen tragen und in den ELrieg ziehen. 
Und harten Tadel muß Karl d. Kahle über sich ergehen lassen, 
weil er seine Bischöfe zum Kampfe gegen die Normannen aufgeboten 
hatte. Seien jene doch Soldaten Christi, die ledigUch mit den Waffen 

^ S. oben S. 230. 



238 Albert Michael Koeniger 

des Gebetes zu kämpfen hätten ^. Von der MilitärseeLsorge spricht 
er unmittelbar nicht; aber in seinen bekamiten „Antworten an die 
Bulgaren" von 866 gibt er eine Reihe von Mahnungen und Hin- 
weisen, die derselben vorarbeiten und dienen sollten. Statt des bei 
ihnen gebräuchlichen Pferdeschweifes, so schreibt er an sie, mögen 
sie das Zeichen des hl. Kreuzes mit in den Kampf tragen ; an Sonn- 
und Feiertagen und in der Fastenzeit sollen sie nur im Falle äußerster 
Not kämpfen; das begonnene Gebet soll womöghch selbst bei 
Meldung feindlichen Angriffes vollendet werden, weil der Sieg 
schließlich doch mehr auf dem Gebet als auf den Waffen beruhe, 
wie denn überhaupt geistige Rüstung und Frömmigkeit das beste 
Mittel im Kampf darstelle 2. Offenbar auf die Feldgeistlichen 
geht die Mahnung, daß, weim sie glauben im Lager ihr Gebet nicht 
vollkommen und geziemend verrichten zu können, sie trotzdem 
davon nicht abstehen sollen, wie ja auch Moses betete und Josua 
kämpfte; aber mehr gelang der Sieg, weil jener betete, als weil 
dieser kämpfte ^. Von hoher pastoraler Klugheit und praktischem 
Eifer zeugen des Papstes Worte über die seelische Vorbereitung vor 
dem Auszug ins Feld. Da sollen, so mahnt er, die Soldaten zuvor 
zur Kirche gehen, sollen beten, ihren Beleidigem verzeihen, dem 
Meßopfer anwohnen, Oblationen darbringen, dem Priester ihre 
Sünden bekennen, die Rekonziliation (Erlaß) und die Kommunion 
empfangen. Gefangene und in Unfreiheit Schmachtende erlösen, 
Almosen austeilen *. Endlich aber antwortet er noch auf die Frage, 
ob es angängig sei, daß man einen im Feld Gefallenen auf Wunsch 
von dessen Eltern oder Freunden in die Heimat überführe, im be- 
jahenden Sinn, damit diese im Anbhck des Grabes sich unmittel- 
bar seiner erinnern und für ilin beten ^ — waliihaftig eme ebenso 
humanen Sinn als tiefe christliche Gesumung verratende An 
Weisung ! 

Man hat keinen Grund daran zu zweifehi, ob solcherlei Rat- 
schläge mid Gebote von höchster kirchlicher Stelle aus auch Be- 



1 Epist. 104 ca. 861 (MG. Epist. VI [1912] 613); Epist. 38 (1. c. 309 f.) Vgl. 
A. Gremacher, Die Anschauungen des Papstes Nikolaus I. über das Verhältnis 
von Staat und Kirche (Berlin und Leipzig 1909) 38. 

2 Nicol. I resp. ad Bulg. dir. c. 33 (MG. Epist. VI 680); 36 und 46 (581 585); 
34 (581); 40 (582). 

3 Ebd. c. 38 (582). 
* Ebd. c. 35 (581). 

^ Ebd. c. 100 (598). 



Das Recht der Rlilitärseelsorge in der Karolingerzeit 239 

obachtung gefunden haben. Und was der Papst für fremde Lande 
riet, das wird wohl, so darf man annehmen, im großen ganzen im 
eigenen Lande befolgt worden sein. Eine solche Annahme recht- 
fertigt sich aber auch von selbst für alle die Vorschriften und Ge- 
setze hinsichtlich der Feldseelsorge der Karolingerzeit, wie sie im 
bisherigen vorgeführt wurden. Die genauen Belege für deren tat- 
sächliche Ausübung mangeln. Immerhin berichten jedoch die 
erzählenden Quellen wenigstens mittelbar da und dort von ihr, 
so daß sich aus ihnen im Zusammenhalt mit den rechtlichen 
Bestimmungen und den allgemeinen seelsorgerlichen Vorschriften 
ein abgerundetes Gesamtbild gewinnen läßt ^. 



^ Die Fortsetzung dieser Studie über die Praxis der Militärseelsorge in 
der Karolingerzeit kann aus Mangel an Raum hier nicht mehr gebracht werden; 
sie wird anderweitig erscheinen. 



Praedestinatus, 

eine ungenannte Quelle Kardinal Humberts 
im Kampfe gegen Kerullarios (1053/1054). 

Von 

Präfekt A. Michel am Aufseesianum in Bamberg. 

Eine der zahlreichen alten Schriften, von denen aus Humbert ^ 
operiert, ist das anonym überheferte Werk aus der ersten Hälfte 
des 5. Jahrhunderts, das unter dem Titel Praedestinatus einen 
,, schwindelhaften , aber wohldurchdachten mid großangelegten 
Vorstoß gegen die Lehre Augustinus" darstellt. 

Praedestinatus sive praedestinatorum haeresis et hbri 
S. Augustino temere adscripti refutatio (Ml. LIII 587 — 672) ist 
ein Werk semipelagianischer Richtung, das wohl zu Unrecht Arno- 
bius dem Jüngeren zugeschrieben wird (Galland bei Ml. LIII 479 sq. 
Otto Bardenhewer, Patrologie^ [Freiburg 1910] 426). Benützt wird 
von Humbert nur das 1. Buch, eine Haereseologie, die über 90 
Häresien von Simon Magus an bis auf die Prädestinatianer mit 
einer Fülle von frechen Erfindimgen berichtet. Nicht verwertet sind 
das 2. und 3. Buch. Da Prädestinatus selbst vielfach auf Augustinus, 
de haeresibus, Ml. XLII 21 — 50 zurückgeht, wird mittelbar auch 
Augustinus verwendet. Humbert kemit und verwendet aber auch 

1 Vgl. Knöpfler AI., Art. Humbert, Kirchenlex. VI 2 (Freiburg 1889) 411-414; 
und ebenda den Art. Nicetas d airj&aTÖg IX 26G 207. 

Ml. = Migne, Patrologia lat., Lutetiae Parisiorum XLII (1886), LIII (1865). 
Mg. = Migne, Patrol. graeca, Lut. Par. XLI (1863). 
Ms. V. = Manuscriptum Vindobonense 247 nach L\nibecciu3 Petr.-Kollariua 

Ad. Franc, Commentariorum de Augustissima bibliotheca Caesarea Vindo- 

bonensi libri VIII (Vindobonae 1766) Bd. V, col. 265 266, n. 23, fol. 67-80 

(Vätersanimhmg des Kenülarios). 
W. = Will Com., Acta et scripta, quae de controversiis ecclesiae graecae et latinae 

saeculo XI. coniposita extant (Lipsiae et Marpurgi 1861). 
Daß sämtliche hier zitierten lateinischen Werke der Jahre 1053/54 au3 Hum- 
berts Feder geflossen sind, wird anderen Ortes gezeigt werden. 



Praedestinatus 241 

diese Schrift des Kirchenlehrers unmittelbar, wie an anderer Stelle 
gezeigt wird. Im folgenden sollen nmi mehrere Parallelen als Er- 
weis wiederholter Benützung des Praedestinatus durch den Kardinal 
zusammengestellt werden. Dabei werden identische Worte gesperrt, 
sachlich verwandte kursiv gedruckt. Die Reihenfolge der parallelen 
Stellen bestimmt sich durch die Kapitelfolge bei Praedestinatus. 

1. Schon die Einleitungsworte des Gallandschen Kodex scheint 
Humbert gekannt zu haben: 

Ml. LIII 587 : hi (haereseo- | Leo IX. (eigentlich Humbert), 



logi) diversis temporibus di- 
versas haereses pertexuerunt. 



ep. 1 ad Cerularium c. 8 W. 68. 
b. 45: haereses . . . diverse 
tempore ex diverso errore. 

2. Die ,,90" Häresien des Praedestinatus werden ins Feld ge- 
führt gegen die Angriffe des Michael KeruUarios und Leos von 
Achrida, welche die Lateiner als Häretiker brandmarkten (Ms. V. fol. 
71, Zeile 11 von unten), ja ihnen den Chi'istencharakter überhaupt 
abzusprechen wagten (W. 59 a. 15 36). 

Ml. LIII 587 588 620: nona- | Leo IX. (eigentlich Humbert), 
gesima haeresis. — Epi- ep. 1 ad Cerularium c. 8 W. 68. 



phanius (Mg. XLI. XLIL) hat 
gegen 80, Augustm (Ml. XLII) 
87 Häresien. 



b. 45: praeterimus nominatim 
replicare nonaginta et eo am- 
plius haereses ab Orientis parti- 
bus vel ab ipsis Graecis . . . emer- 
gentes. 

3. Die 1. Häresie c. 1. a Simone wird von Humbert breit be- 
handelt in den Libri tres ad versus Simon iacos (Monumenta 
Germaniae historica, Libelli de lite I [Hannoverae 1891] 100 — 253; 
Ml. CXLIII 1006—1212). In der Bannbulle (W. 153. b. 3) er- 
scheinen sie zwar kurz gezeichnet mit: sicut Simoniaci (Graeci) 
donum Dei vendunt , aber doch (wie bei Praedestinatus) an der 
Spitze der ,,decem haereses". Diese , sämtlich aus Praedestinatus 
erflossen, sind aber sonst nicht zeitlich geordnet. 

4. Entsprechend der Versicherung des Praedestinatus (Ml. LIII 
c. 37 [598], c. 50 [605]), daß er Epiphanius (Mg. XLI 173—1200, 
hier haer. 5 [320]) benütze, erwälmt der Kardinal schlechtweg in 
der Responsio adv. Nicetae Pectorati libellum (c. 25 W. 147. a. 15): 
Nicolaum: de quo Epiphanius vester sie scripsit. Hierauf 
kämpft er wörtlich überemstimmend mit Praedestinatus, aber nicht 

Festgabe Knöpfler 16 



242 A. Michel 

mit Epiphanius gegen die griechische Klerogamie an, welche der 
Mönch Niketas Stethatos gegenüber den Lateinern vertritt (vgl. 
Demetrakopulos, Ekklesiastike Bibliotheke I [Leipzig 1866] 32, 
Zeile 7 sq.; W. 133. b. c. 15). Die entlehnte Stelle lautet: 

c. 4M1. LIII589 = c. 25 W. 147. a. 17: quarta Nicolaitarum 
a Nicoiao haeresis est adinventa, qui unus (Ml. unoW.) ex septem 
diaconibus ab apostolis ordinatus est (Ml. ordinatis W.). Lite 
cum de zelo pulcherrimae coniugis culparetur, docere coepit 
indifferenter debere uti coniugibus, non solum laicis (Ml. laicos W.), 
sed etiam his, qui sacerdotii fungerentur officio. Hos damnavit 
sanctus (evangelista et apostolus W.) Joannes apostolus et evan- 
gelista (Ml.) et iussit, ut quicunque cum eis vel sermonem col- 
loquii miscuissent, ex hoc ipso communione privarentur: docens 
rationabiliter a mundi origine Deo castitatem plurimum placuisse. 
Nunc autem (Ml. Tunc W.) etiam in seipso Christum Dei FiHum 
castitatis gloriam dedicasse, cum virginem possidens matrem, virgo 
mansurus, nullum discipulorum suorum commixtionem (AD. com- 
mistione W.) etiam legitimi (Ml. legitima W.) coniugii uti permisit 
dicens: Si quis vult (post me W.) venire post me (Ml.), abneget 
seipsum (Ml. semetipsum W.) sibi et tollat crucem suam et sequatur 
me (Mt. 16, 24). 

Die starke Kongruenz des beiderseitigen Textes, der bei der 
ausschließlichen Benützung einer einzigen griechischen Urquelle 
(Epiphanius) doch zahllose Varianten zeigen müßte, bürgt allein 
schon für die Kopie des Praedestinatus durch Humbert. Diese 
Sicherheit wird noch erhöht durch den Umstand, daß die Häresie 
der Nikolaiten bei Epiphanius und Augustinus als quinta, nicht 
quarta erscheint. Letzterer zeigt übrigens c. 5 (Ml. XLII 26) einen 
wesentlich verschiedenen Text. Nur die Anfügimg von Apoc. 2, 6: 
Hoc habes, quia odisti facta Nicolaitarum, quae et ego odi 
(c. 26 W. 147 a. 38), eine Stelle, die sich auch bei Epiphanius findet 
(haeres. 5 Mg. col. 323, n. 77 Ende), scheint füi- die Nebenbenützung 
des Epiphanius zu sprechen. Aber so gut der Kardinal Apoc. 2, 
14 15 (tenentes doctrinam Nicolaitarum) aus eigenem anfügt, so 
gut konnte er auch Apoc. 2, 6 von sich aus angliedern. Zudem ist 
die dabei vorkommende Verbindung mit unde und hinc (cf. W. 93 
a. 3) ihm selir geläufig. 

6. Die jüdische Observanz der Na za rener ist in der Bami- 
bulle verwertet. Doil wird den Griechen vorgeworfen, daß sie 



Praedestinatua 



243 



selbst (nicht die Lateiner) judaisierten, da sie entsprechend jüdischen 
Reinigkeitsgesetzen Kinder, die vor dem 8. Tage sterben, nicht 
taufen ließen und Frauen, die in der Geburt Gefahr liefen, von der 
Kommunion ausschlössen (vgl. Dialog, c. 66 W. 126 a. 25): 



c. 9 Ml. LIII: Nona haeresis 
Nazarenorum. Filium quidem 
Dei confitentur, omnem autem 
ritum veteris Testamenti lu- 
daico more conservant. Fast 
ebenso Aug. de haer. c. 9 Ml. 
XLII 27, anders Epiphanius 
haer. 29 Mg. XLI 388. 

6. Gegen die zu schroffen Angriffe Leos von Achrida auf das Alte 
Testament (W. 58. b. 10) — die Lateiner lasen noch dazu xatagr^i^Evia 
= maledicta statt naqyr^i^evTa = abolita (W. 58 A. 26) — wird wieder 
Praedestinatus aufgeboten. Der Ansturm der Griechen hatte zu- 
nächst der ,, Sabbatfeier" (Sabbatfasten!) der Lateiner gegolten. 



Excommunicatio. W. 113. b. 
19: sicut Nazareni carnalem 
ludaeorum munditiam adeo 
servant, ut . . . vgl. Dialog c. 6 
W. 97 a. 22: Nazarenorum, 
qui sie recipiunt Christianismum, 
ut non dimittant ludaismum. 



Dialog c. 41. W. 113. b. 11: 
quanta instantia Euphration 
(n wurde = tl gelesen) Rhodio- 
rum episcopus^egfem veterem 
contra Severianos haereticos 
defenderit, ex subiectis verbis 
ipsius liquet: ubi dixit: 



c. 24 Ml. LIII 595. Vicesima 
quarta est haeresis Severia- 
norum. Carnis resurrectionem 
cum veteri respuunt testamento 
(ebenso Augustinus c. 24 Ml. 
XLII 30). Hos damnavit san- 
ctus Euphranon episcopus 
Rhodius .... (dicens): 
([Euphranon] apices Testamenti veteris sicut fundamenta domus 
praeclare docuit dicens. ML). Fundamenta domus (praeclarae W.) 
circa squalida loca sunt posita, ut ea, quae sunt superius, nullam 
(Ml. nullas W.) contumeliam (Ml. contumehas W.) stercorum 
patiantur. Superiora ergo domus laquearibus auratis, parietibus 
(Ml. parietibusque W.) pictis et vario marmorum metaUo sunt 
edita. Inferiora vero, humori terreno vicina digesta (Ml. degesta 
W.) etiam superiorum uni versa suscipiunt. Quid ergo nunc facie- 
mus? Si auferimus inferiora, superiora corruunt. Tamen, si 
destruenda erant inferiora, non hoc alius poterat nisi Dei Filius 
facere. Videamus ergo, utrumnam (Ml. utrum W.) ipse destruxerit 
(Ml. destruxitW.)hoc, quod nos dicimus permanere: Putatis, inquit, 
quia veni legem destruere (Ml. solvere W.) aut prophetas? Non 
veni legem solvere, sed adimplere (Mt. 5, 17). 

16* 



244 



A. Miohel 



sq. Ml. : Haec et his similia 
dicens s. Euphranon episcopuß 
multos convertit. 



Bq. in errore vero perseverantes 
perpetua sanctione a communione 
privavit. 



sq. W. : Et vos ergo saltem hiß 
et aliis proprii doctoris vestri 
vocibus revocati ab iniuriis sacra- 
tissimae legis cessate, 

sq. ne ab eodem et ab omnibus 
catholiciß anathema cum Severia- 
nis sitis. Vgl, die Bannbulle 
W. 153. b. 14. 

Daß hier Praedestinatus benützt wurde, ergibt sich mit Sicher- 
heit daraus, daß weder Epiphanius haer. 45 (Mg. XLI 831) noch 
Augustin c. 24 (Ml. XLII 30) irgend etwas von Euphranon oder der 
zitierten Stelle wissen. Zu letzterem vgl. Le Quien, Oriens christ. 
I 923. 

7. Hart ist die Zusammenstellung der Griechen mit den Vale- 
siern wegen des allerdings überwoichemden Eunuchentums. Auch 
dieser scharfe Pfeil stammt aus Praedestinatus, nicht direkt aus 
Epiphanius haeres. 58 (Mg. XLI 1013 1015), wie W. (153 A. 2) 
annimmt. 



c. 37 Ml. LIII 593: In trice- 
simam et septimam haeresim 
Valesii incurrunt, qui infelices 
et se ipsos castrant et hospi- 
tes suos. Ebenso Augustinus 
0. 37 Ml. XLII 32. 



Excommunicatio W. 153. b. 5: 
Sicut Valesii hospites, suos 
castrant et ... ad episcopatum 
promovent. Vgl. Leo ep. 1 ad 
Cerul. c. 23 W. 78 a. 18. 



8. Auch die Manichäer des Praedestinatus sind bei Humbert 
Vorbilder für die Häresie der Griechen, welche nur dem gesäuerten 
Brote wegen ,,der diesem innewohnenden Seele" (Niketas Stethatos 
1. c. 19 W. 127. b. c. 2, Fragmentum W. 257. b. 11) Lebenskraft und 
Konsekiationsf ähigkeit zusprechen . 



c. 46 Ml. LIII 601 D. : haeresis 
Manichaeorum .... eis quippe 
alitneiitis sicut universo mundo 
Dei substantiam esse commix- 
tam, quam purgari putant. Eben- 
so Aug. c. 46 Ml. XLII 35. 

9. Weil die Byzantiner die Azymen schmähen als Kot und 
Schmutz (Ms. V. fol. 71, Zeile 5 von unten. W. 57. a. 9), glaubt 
Humbert die Bestandteile des gesäuerten Brotes beißend (Dialog 



Excommunicatio W. 153. b. 
17: sicut Manichaei inter alia 
quodlibet fermentatiun fatentur 
animatum esse. Cf. Dialog c. 12 
W. 99 a. 29. 



Praedestinatus 



245 



c. 28. W. 106. b. 10, Leo ep. 1 ad Cer. c. 41. W. 85 a. 6) mit den 
manichäischen Grundelementen vergleichen zu sollen. 



l.c.Ml. LIII 602A: quinque 
elementa, quae genuerant prin- 
cipes proprios, genti tribuimt 
tenebrarum: fumum, tenebras, 
ignem, aquam, ventum, in 
fumo nata animalia bipedia etc. 
His quinque elementis malis . . . 
Ebenso Augustinus c. 46 Ml. 
XLII 35. 



Dialog c. 32 W. 108. b. 10: 
fermentatus (panis) quinque 
svbstantiarum particeps i. e. fer- 
menti, farinae, salis, aquae et 
ignis: ne perversitas Mani- 
chaeorum asserat has quin- 
que svbstaniias assumi propter 
quinque antra tenebrarum, 



I quae fingunt mentiendo sibi. 

10. Auch die da und dort vorgekommene Wiedertaufe der 
Lateiner durch die Griechen (Ms. V. fol. 80, Anathem 9, Cerul. ep. 
spec. ad Petrum Antiochenum c. 13, W. 182 a. 10, Petrus ad Cer. 
c. 12 W. 197 a. 20, Lateranense IV c. 4) erweckte die Erinnerung 
an die Angaben des Praedestinatus. 



c. 49 Ml. LIII 605: Arianos. 
nostros i. e. catholicos ad se 
venientes rebaptizant: utrum 
hoc etiam aliis i. e. non catho- 
licis faciant , nusquam legitur. 
Ebenso Aug. c. 49 Ml. XLII 39. 

11. c. 52 Ml. LIII 606: 
Pneumatomachos. 



Bannbulle W. 153. b. 7: sicut 
Ariani rebaptizant in nomine 
Trinitatis baptizatos et maxime 
Latinos. Vgl. Dialog c. 65 W. 
126 a. 1: rebaptizatis Latinos 
catholice baptizatos. 



Excomm. W. 153. 
Pneumatomachi. 



15: 



12. Nach einer dreifachen Hinsicht gleichen die Griechen bei 
Humbert den Donatisten des Praedestinatus. Die einen wie die 
anderen behaupten, daß außerhalb ihrer Partei 1. die Kirche auf 
der ganzen Welt zugrunde gegangen wäre, wie auch 2. das Blut 
(Opfer) Cliristi und 3. ebenso die Taufe bei den Gegnern vergebens 
sei. Vgl. Text Nr. 2, 8 u. 10. Dialog c. 66 W. 126. a. 5, Domi- 
nicus Grad, ad Petr. Ant. c. 3 W. 207. a. 8. 

Excommunicatio W. 153. b. 8: 
1. sicut Donatistae affirmant 
excepta Graecorum ecclesia ec- 
clesiam Christi et 2. verum 
sacrificium atque 3.baptismuni 
ex toto mundo periisse. Vgl. 
Nr. 10. 



c. 69 Ml. LIII 610: 1. statum 
suum (aiunt Donatistae) de 
toto orbe terrarum ecclesia 
amittere potuisset propter unius 
hominis culpam et in parte Afri- 
cana solits Donatus potuerit 
statum ecclesiae conservare, 



246 A. Michol 

2. de toto autem orhe terrarum 
sit deletus sanctorum apostolo- 
rum labor et passio mart3n:um, 
imo ipse Salvatoris nostri crvxyr 
et 3. ideo ausi sunt rebaptizare 
catholicos. 

Kardinal Humbert hängt also stark von Praedestinatus ab. Diese 
Quelle bot dem an sich schon heftigen Temperament des Kardinals 
neue Nahrung. Da er nämlich bei den animosen Griechen manche 
Gepflogenheiten findet, welche Praedestinatus seiner Ansicht nach 
längst als häretisch gebrandmarkt hatte, ist der Kardinal von 
Anfang an stark gegen ge^visse griechische Gebräuche (Nr. 3, 4, 5, 7) 
eingenommen und glaubt sie mit aller Strenge rügen zu müssen. 
So wird es erklärlich, daß er sich nicht scheut, einfacher, allerdings 
sehr anrüchiger Gewohnheiten willen gegen sein eigenes Prinzip 
vom Glauben (Ep. 1 ad Cer. c. 29 W. 81 A. 15) das Anathem zu 
schleudern (Nr. 3, 4, 5, 7, W. 154, b. 15: sint anathema cum Simo- 
niacis, Valesiis etc.). Praedestinatus ermächtigte ihn ja dazu. 
Dabei läßt der Kardinal absichtlich oder unabsichtlich außer acht, 
daß das eigenthche formelle Element, die häretische Tendenz, die 
im häretischen Lehrsystem wurzelt, bei den Griechen fehlte. So 
z. B. verboten die Valesier die Ehe als Gnostiker, während das 
Eunuchentum der Griechen die Ehe einzehier geradezu schützen 
sollte. 

Immerhin beweist die Benützung der prädestinatianischen 
Häretikerliste schon von Beginn der Streitigkeiten an (Nr. 1, 2) 
die ursprüngliche Schärfe der Humbertschen Dialektik. Schon 
auf italischem Boden schlägt der Kardinal bei Abfassung des ersten 
Papstbriefes (Nr. 1. 2) den Häretikerkatalog des Praedestinatus 
auf, schon schwebt ihm (Dialog c. 41. Nr. 6) der Ausdruck: häretische 
Severianer auf den Lippen , bis er endlich in leidenschaftlicher, 
aber begreiflicher Erbitterung bei Praedestinatus förmlich sucht, 
um die Feinde Altroms mit den schärfsten Spitzen als Häretiker 
zu stigmatisieren. (Nr. 3. 5. 6. b. 7. 8. 10. 11. 12.) 

Die Art der Benützung der semipelagianischen Schrift offen- 
bart eine gewisse Pietät. Humbert kennt die bunt scliillernde 
Menge der bjzantinischen Häresie nach 460 (Leo ep. 1 ad Cer. 
c. 8 W. 68 69), wagt aber nicht, die anscheinend fixe Zahl der 
,,90" L*rlehren (Nr. 2) zu ändern. Die Weise der Verwertimg 



Praedestinatus 247 

zeigt auch die vernünftige, mehrfach versuchte Taktik, die Griechen 
,,mit den Worten ihrer eigenen Lehrer zurückzurufen" (Nr. 6 b; 
vgl. Dialog c. 48 W. 118, b. 38): Basilius Romanam ecclesiam 
vocans dominam (ep. 1 ad Cer. c. 8 W. 69 a. 19) teste vestro 
historiographo Socrate (eigentlich Cassiodor). Aus diesem Grunde 
zitiert auch Humbert Epiphanius direkt, obwohl die Stelle aus 
Praedestinatus entnommen ist (Nr. 4) , und zwar mit einem ge- 
wissen Rechte , insofern Augustinus und auch der hiervon ab- 
hängige Praedestinatus wiederholt Epiphanius als Quelle angeben 
(Ml. XLII c. 57 22 37 41 49 50; oben Nr. 4). Ob freihch das direkte 
Zitat aus Euphranon (Nr. 6) bei den Byzantinern nicht neuen 
Streit hervorrief, ist eine andere Frage. Der Vorwurf der Fälschung 
war den Byzantinern geläufig (vgl. Fragment bei W. 254: libros 
eorum sc. patrum falsatos asseritis). 



Oxyrhynchos. 

Seine Kirchen und Klöster. 

Auf Grund der Papyrusfunde. 



Von 



Univ. -Prof. Dr. Georg Pfeilschifter in Freiburg i. Br. 

In einer kostbaren Sammlung von Lebensgeschichten ägyp- 
tischer Mönche aus der Zeit um 400 ist in einem eigenen Kapitel 
auch unserer Stadt OxjThynchos gedacht. Diese Sammlung ist 
in einer lateinischen und in einer griechischen Fassung erhalten. 
Da noch bis jetzt die Frage unentschieden ist, ob Rufins Historia 
monachorum ^ oder die anonym überlieferte 'jff xav Alyvnxov 
tüjv i-iovaxojv totoQia ^ das Original ist, gebe ich beide Fassungen 
der Schilderung von Oxyrhynchos, wobei ich die größeren Ab- 
weichungen durch Sperrdruck kenntlich mache. 



Bufin, Historia monachorum e.V. 
(Migne, P. 1. 21, 408 f.) 



Venimus autem et ad civita- 
tem quamdamThebaidis, nomine 
Oxyrynchum , in qua tanta 
religionis deprehendimus 



*H xax' Avyvnxov tcöv fiova^töv 
loxoQia e. y. 

(E. Preuschen, Palladius und 
Rufinus S. 29 f.) 

IlaQayevöiiiei^a öe xal eig 'OBv- 
Qvyxov nöliv xivä rfjg QT;ßaiöog, 
■^g o{)X eoxiv nnsiv xar' d^iav xä 
d^avf-iaxa. 



1 Wie Erwin Preuschen, Palladius und Rufinus. Ein Beitrag zur Quellen- 
kunde des ältesten Mönchtums (Gießen, Ricker 1897) und neuerdings Richard 
Reitzenstein, Historia Monachorum vuid Historia Lausiaca. Eine Studie zur 
Geschichte des Mönchtums und der frülichristlichen Begriffe Gnostiker mid Pneu- 
matiker (Göttingen, Vandenhoeck 1916) [= Forschungen zur Religion luid Ldte- 
ratur des Alten und Neuen Testamentes. N. F. VII. Heft] amiehmen. 

2 Wie Cuthbert Butler, The Lausiac History of Palladius (Cambridge 1898 
bis 1904) [= Robinsons Texts and Studios Vol. VI] imd nach ihm Otto Barden- 
hcwer, Geschiclite der altkirclilichen Literatur III (Freiburg, Herder 1012) 555 
glauben. 



Oxyrhynchos 



249 



bona, ut ea nemo digne valeat 
enar rare. 

Repletam namque eam mo- 
nachis intrinsecusvidimus, etex- 
trinsecus omni ex parte circum- 
datam. Aedes publicae (si qua 
in ea fuerant)et templasuper- 
stitionis antiquae habitationes 
nunc erant monachorum ; et per 
totam civitatem multo plura 
monasteria quam domus 
videbantur. 

Sunt autem in ipsa urbe, quia 
est ampla valde et populosa, 
duodecim ecclesiae, in quibus 
publicus agitur populi conventus, 
exceptis monasteriis, in quibus 
per singula orationum domus 
sunt. Sed nee portae ipsae, nee 
turres civitatis, aut uUus om- 
nino angulus ejus monachorum 
habitationibus vacat, quique per 
omnem partem civitatis, die ac 
nocte hymnos ac laudes Deo refe- 
rentes, urbem totam quasi unam 
Dei ecclesiam faciant. 



NuUus enim ibi invenitur aut 
haereticus aut paganus, sed om- 
nes cives Christiani, omnes 
Catholici, ut nihil omnino dif- 
ferat, si episcopus in platea ora- 
tionem aut in ecclesia faciat. 

Ipsi quoque magistratus et 
principales civitatis et reHqui 
cives studiose per singulas portas 
statuunt, qui observent, ut si- 
cubi apparuerit peregrinus aut 
pauper, certatim ad cum qui 



Fe^H yccQ e'vdo&8v oijTwg fAova- 
atr]Qiiov, d)g tä iHyrrj hn ai)TU)v 
i^ojdeloi^ai xoiv /novaxoifv, nsQi- 
exso^aL de e^iod^sv ereQoig f.iova- 
OTT]Qioig, ö)g ällrjv slvai naqä 
TavTJ]v Ti]v e^io nöhv. ^'Eysfxov 
dk tflg Tiökswg ol vaol xai rä xa- 
TieTOjXca T(x)v ^covaxojv aal naxä 
näv i-iEQog rrjg nöXsiog <^how oi 
fxovaxol. 

^enadvo de slolv iv avTfj ettxXi]- 
oiaLy /iisyioTrjg oijorig xflg nökecog, 
iv alg ol öxloi ovväyovtai' rä yaQ 
rü)v fiovaxcüv svxT'^QLa aaS^ exa- 
OTOv fiv fxovaoTTjQiov xal ox^dov 
nXsiovg ^oav oi /novaxol iriEQ 
Tovg xoo[XiXovg noXix ag xatä 
ndoag tag sioöSovg f^g nöXscog 
xal iv Tolg nvgyoig T(bv nvläjv 
xarafuevovieg. üevTaxiaxl^ioi 
yuQ fiovaxol iliyovro sivai 
svdod^sVy TOOOVTOi xal ol 
s^wi^sv airijv nsQiixovrsg. 
xal ovx fiv &Qa fji^isQivrj ovöe wx- 
xeqivri^ iv fi xäg XarQsiag ovx 
ineTelow t0 ^eco. 

^AlXä yaq ovds slg fjv oixrjTiOQ 
alQSTtxbg Ovöe id-vixbg ev tf} noXei^ 
dllä ndvTsg öfxov oi nollxai niOTol 
xal xatrjxov (.levoi^ &g övva- 
ad^ai dovvai töv inlaxonov iv rij 
nXaveiif elQtjvr^v T(p Aoq). 

Oi de OTQaiT^yol ai/zcjv xal ä^ 
XovTeg, oi xäg (piXoii^iiag tolg d^- 
/iioig naqexovxeg^ xaiä tag nvXag 
xal rag eiaööovg oxonovg eotr^oav 
TiQÖg T(5, ei ^ivog tig nevöfxsvog 
(paveif], dxiffjvai ngög avxovg h]if.i6- 



260 



Georg Keilschifter 



praeoccupaverit adductus, quae 
sunt necesßaria consequatur. 

J)e his autem, qui erga nos ab 
ipsis populis gesta sunt, videnti- 
bus transire nos per civitatem 
suam et velut angelis occurrenti- 
bus atque honorem deferentibus, 
quomodo enarrem ? 

Aut de ipsis monachis et vir- 
ginibus, quorum innumerae mul- 
titudines (ut supra diximus) in 
illa urbe habentur ? Requirentes 
enim a sancto episcopo loci illius, 
viginti millia virginum et decem 
millia monachorum inibi haberi 
comperimus. 

Quorum omnium affectum er- 
ga nos et honorem, quem exhibe- 
bant, vobis exponere nee sermo 
sufficit nee verecundia permittit, 
quomodo paUiola nostra scinde- 
rentur, unoquoque nos sibi ra- 
piente et ad se adducere cupiente. 

Vidimus quoque ibi plurimos 
sanctorum patrum diversas Dei 
gratias habentes, aHos in verbo 
Dei, aHos in abstinentia, ahos 
in signis et virtutibus mini- 
strantes. 



^evov TiQÖg naQafxvdiav ävaXd)- 
iuara. 

Kai ri äv tig sinoi t^v evXdßeiav 
xCbv öri^iov b()6}VTo}v '^uäg tovg ^i- 
vovg diä Tfjg äyogäg naQLÖvxag xal 
&on8Q dyyiXoig fifuv tcqooiövhdv ; 

TL de TÖ nXfj&og i^sinoi xig töv 

Tov övTog; Illijv öoov naQCt tov 
exel äyiov enioxönov fjxQißevod- 
(t<£^a, eSrjkcjoafisv , /uvgiovg fxkv 
fxovaxovg tn a'öröv, dlg (.ivqiag 
dk noQd-ivovg i'xovjog. 



Trjv de cpiXo^eviav aixibv xal 
xT]v dydTiTjv, o%av nuQelxov, e/ue oix 
oiöv xe e^einelv. öieonäxo yuQ 
flfxäv xä ndlXia exaxeqtod^ev fi^äg 
nqbg eavxovg dvd^elxövxiov. 



Kai eiöoi^ev ixel Tio?,kovg xal 
{.leydlovg naxigag öidcfoqa x(^iO- 
(xaxa exoviag., xovg /uev iv löyqt, 
xovg de ev noXixeicf, xovg de ev 
dvvd/xeoL xal or^/ueioig. 



Man sieht, daß die beiden Fassungen, wenn sie auch formell 
namentlich im ersten Teile verschiedentlich voneinander abweichen, 
doch inhaltlich und dem Sinne nach über das religiös-kirchliche 
und mönchische Leben in Oxyrhjuchos in der Hauptsache ganz 
gleichlautend berichten. OxjThjTichos ist eine große und volk- 
reiche Stadt. Sie besitzt zwölf Kirchen. Außerdem hat jedes 
Kloster sein eigenes Gotteshaus. Und Klöster gibt es sehr viele; 
ebenso viele in der Stadt wie außerhalb der Stadtmauern. Nach 
der Angabe des Bischofs von Ox^tIi^ticIios beträgt die Zahl der 
Mönche 10 000. Darunter gibt es sehr viele besonders Begnadigte. 



Oxyrhynchos 251 

Die Zahl der Nonnen ist doppelt so groß : 20 000. Es sind fast 
mehr Klosterleute als Weltleute. Es gibt keinen Heiden mehr 
in der Stadt; und auch keinen Häretiker. Die städtischen Be- 
hörden wie die Bürger üben in ganz besonderer Weise die christ- 
liche Caritas gegen Arme und fremde Pilger. 

Mag Rufin der Autor gewesen sein oder irgendein griechischer, 
vielleicht alexandrinischer Kleriker, jedenfalls beruht diese Schilde- 
rung von Oxyrhynchos auf eigenen Erinnerungen; sie gibt ein 
Spiegelbild von den Zuständen, wie sie etwa um 380 dort herrschend 
gewesen sind. 

Das sind zwei Generationen nach den großen Umwälzungen 
unter Konstantin d. Gr. ! Auch wenn die Zahlen von 10 000 Mönchen 
und 20 000 Nonnen reichHch übertrieben sein werden, die Zahl 
zwölf bei Nennung der Weltkirchen (ich nenne sie so im Unter- 
schiede von den nicht aufgezählten Klosterkirchen) tritt mit einer 
solchen Bestimmtheit auf, daß man an der Richtigkeit derselben 
nicht zweifeln kann. Man muß annehmen, daß das Christentum 
in dieser ägyptischen Gauhauptstadt, die etwa 200 km südHch 
von Kairo und 15 km westUch vom Nil am Bahr Jüsuf, dem alten 
Josephskanal, am Rande der Wüste lag, auf breitem Boden 
Wurzel geschlagen und sich innerhalb dieser zwei Generationen 
sehr schnell ausgebreitet hat. Oder hatte es schon Fuß gefaßt 
in vorkonstantinischer Zeit ? Und geht die eine oder andere dieser 
Kirchen in die Zeit der Christenverfolgungen zurück? Gibt es 
keipen EinbUck in die Entstehung einer solchen christHchen Stadt- 
gemeinde ? 

Das sind Fragen, welche nicht nur für OxyrhjTichos von Be- 
deutung sind. Denn Oxyrhjuchos ist typisch für ähnhche Städte 
zum mindesten in Ägypten, vielleicht aber über Ägypten hinaus 
für alle Gebiete, wo ähnUche Voraussetzungen gegeben sind, nament- 
lich im sjrrisch-palästinensischen Orient. Bis vor kurzem hat man 
solche Fragen wohl auf werfen, aber nicht beantworten können. 
Auch hier eröffnen die ägyptischen PapjTusfunde der kirchen- 
geschichtlichen Wissenschaft ein neues Arbeitsfeld. Bisher hat fast 
ausschließlich die altchristhche Literaturgeschichte aus der PapjTus- 
kunde Gewinn gezogen. Die Kirchengeschichte hat Versäumnisse 
einzuholen. Ein erster Versuch nach dieser Richtung sei dem 
verehrten Lehrer zum 70. Geburtstage dargebracht als ein Beweis 
für die Lebenskraft der von ihm ausgestreuten Samenkörner. 

Für einen solchen Versuch empfiehlt sich Ox3Th}Tichos am 



262 Georg Pfeilschifter 

allerbesten. Denn an keinem anderen einzelnen Platze sind 
80 viele Papyri ausgegraben worden wie aus den Schutthügeln 
dieser Stadt. Was bis jetzt davon veröffentlicht ist, füDt 15 Bände 
in Großoktav ^. 

Schon im Winter 1909, als ich vor der Freiburger Akademischen 
Gesellschaft, um den Gedanken des Ankaufs von Papyri für unsere 
Universität zu propagieren, über ,,Die ägyptischen PapjTusfunde 
und ihre Bedeutung für die Geschichte des ältesten Christentums" 
sprechen durfte, habe ich darauf hingewiesen, daß es eine der 
reizvollsten Arbeiten wäre, die unvergleichlich reichen Pap}Tus- 
funde, die man auf dem Boden von Oxyrhjnichos gemacht , auf 
die Materialien für die Geschichte des Christentums und für sein 
Verhältnis zur antiken heidnischen Religion und Kultur durch- 
zuarbeiten, und das Ergebnis mit dem eben vorgeführten Bilde 
zu konfrontieren , das uns die Mönchsgeschichte von 400 gibt. 
Haben wir doch hier eine der nicht gerade häufigen Möglich- 
keiten vor uns, einen wichtigen, anscheinend zu Übertreibungen 
neigenden Bericht durch eine seltene Fülle von Überresten kon- 
trolHeren und ergänzen zu können nach Seiten, die von unseren 
berichtenden literarischen Quellen fast nie berührt werden. Dieser 
Anreiz hat mich nie verlassen; er erhielt eine imwiderstehliche 
Steigerung, als ich den im Jahre 1915 ausgegebenen XI. Oxy- 
rhynchosband des Egypt Exploration Fund zu Gesicht bekam 
und hier auf einen neuen, großen, schönen Querschnitt durch 
das kirchliche Leben in Oxyrhynchos aus den Jahren 535 — 536 stieß. 

Es handelt sich um eines der interessantesten Dokumente 
über die alte ägyptische Kirche, die je entdeckt worden sind. Es 
ist, um es kurz zu sagen, ein Kirchenkalender. Aber ein Kirchen- 



^ Gegraben hat in Behnesa, wie der moderne Ort. über dem alten Oxyrhynchos 
heißt, von 1896 bis 1907 der Egypt Exploration Fund, Greco-Roman Branch. Die 
zutage geförderten Massen von Papyri sind bis jetzt in 12 (der 12. ist erschienen, 
aber in Freiburg noch nicht eingetroffen) Bänden herausgegeben von B. P. Grenfell 
und A. S. Hunt. Die einzelnen Stücke sind fortlaufend numeriert; wenn im 
folgenden eine bloße Nummer angegeben ist ohne jeden weiteren Zusatz, darm 
ist der betreffende Papyrus dieser großen englischen Ausgabe gemeint. Im Anschluß 
an die Engländer hat dann die Societä Italiana per la ricerca dei Papiri greci e 
latini in Egitto seit Herbst 1910 und bis zum Frülijahr 1914 die Grabungen fort- 
geführt. Ihre Ergebnisse sind in bisher 3 Bänden publiziert unter der Leitung von 
P. Vitelli. Diese Stücke smd mit P. S. I. und der laufenden Nummer zitiert. Ich 
bemerke, daß sich auch noch in verschiedenen anderen Publikationen vereinzelte 
Oxyrhynchos-Papyri finden. 



Oxyrhjmohos 253 

kalender besonderer Art; kein vollständiges Verzeichnis aller der 
Tage, an denen Gottesdienste stattfanden , sondern eine Liste von 
den offiziellen Bischofs-Gottesdiensten, die an bestimmten Sonn- 
tagen und Festtagen (anscheinend auch an anderen Tagen) in ganz 
bestimmten, für diese Tage besonders geeigneten Kirchen in Oxy- 
rhynchos abgehalten zu werden pflegten. F. E. Brightman und 
W. E. Crum haben die Herausgeber bei der volle 14 Seiten und 
eine Reihe von Anmerkungen umfassenden Erklärung dieses 
wichtigen Stückes mit ihrer reichen theologischen und besonders 
liturgiegeschichtlichen Sachkenntnis unterstützt. Der Pap^Tus, 
der die Nummer 1357 trägt, umfaßt in 2 Columnen leider nur 
eine Periode von etwas über 5 Monaten des Kirchenjahres; es ist 
die Zeit vom 21. Oktober d. J. 535 bis zum 22. März d. J. 536. 
Und auch dieser Teil ist nicht lückenlos erhalten; in der ersten 
Columne fehlen 6 Zeilen in der Mitte (die zweite Hälfte des No- 
vember) ; die zweite Columne ist in der Mitte vertikal abgebrochen, 
so daß die rechte Hälfte derselben mit den Notizen über die Tage 
der HeiHgen vom 28. Dezember an verloren ist. Dieser kostbare 
Überrest überHefert uns also ein nahezu ein halbes Jahr umfassendes 
verstümmeltes Verzeichnis von avvd^sig oder gottesdienstlichen 
Versammlungen, die — ähnUch wie die römisch-lateinischen Sta- 
tiones — jährhch zu bestimmten Zeiten in bestimmten Kirchen, 
womöghch der Kirche des HeiHgen, dessen Tag war, wohl in An- 
wesenheit des Bischofs gefeiert wurden. Die Liste ist nach der 
wahrscheinhchen Deutung eines Eingangsvermerkes geschrieben 
worden, als ein monoph^-sitischer Patriarch i, der auf einer Visi- 
tationsreise auch Oxyrhj^nchos berührte, eben von dort nach 
Alexandrien abgereist war. 

Ich verwerte, ohne auf die UturgiegeschichtUche Seite ein- 
zugehen, dieses kostbare Stück hier lediglich, um die Anzalil der 
Kirchengebäude in Oxyrhynchos festzustellen. Von 19 Kirchen 



^ Entweder Timotheus IV. oder der nach Ägypten verbannte Patriarch 
Severus von Antiochien. Seit 1914 kennen wir aus einem Papyrusfragment auch 
den Namen des damaligen Bischofs von Oxyrhynchos. Es ist ein Dokument vom 
17. Februar 534, von dem nur die sechs ersten Zeilen ganz erhalten sind. Hier 
heißt es nach der Datierung: 

Tfj dy/p ro[i)] d'eov nüd'oÄiMf/ in^nÄrjaia tf; vnb i6v ayiwiatov 

Kai d^eotpiÄiataiov nar^ga fjftöJv äßßä IHtqov inlanonov 

TaiJTfjg Tfjg ÄafiTiQag 'O^VQvyy^iiöJv nöÄeiog 6iä aov lov 

eiAußsaiäiov 0lß TiQsaßviiQov Kai Ka&oXiKov oIkovö^ov (P. S. 1. 216) 



254 Georg Pfeilschifter 

können wir die Namen mit Sicherheit lesen; ich zähle sie in der 
Reihenfolge auf, wie sie in der Liste aufeinanderfolgen. 

1. eig Tr]v Qotßd/ii^cDvog ^ mit achtmaligem Gottesdienst. 

2. eig xbv äyi{ov) ^ ^sgfjvov mit viermaligem Gottesdienst. 

3. eig Tr]v /iiaQtvQ{o)v) mit einmaligem Gottesdienst. 

4. eig xbv ei)ayyeXiOT{i]v) (= Apostel Johannes) mit drei- 
maligem Gottesdienst. 

5. «4" TÖv äyi{ov) MixaTjXä mit dreimahgem Gottesdienst 

6. eig %bv äyi{ov) ^Iovotov mit zweimaligem Gottesdienst. 

7. eig xbv äyi{ov) Mt]väv mit zweimaligem Gottesdienst. 

8. eig xbv äyi{ov) Bikxoqu mit einmaligem Gottesdienst. 

9. eig xijv ^Avviavfig mit zweimahgem Gottesdienst. 

10. eig xbv äyiov Koo/nä mit einmaligem Gottesdienst. 

11. eig xbv äyi{ov) 0dö^ev[o]v mit wenigstens siebenmahgem 
Gottesdienst. 

12. eig xrjv äyi(av) Maqiav mit wenigstens viermahgem Gottes- 
dienst 3. 

13. eig xbv äyi(ov) UexQiov mit einmaligem Gottesdienst *. 

14. eig xi]v voxivi][v exHlr^oiav mit dreimaligem Gottesdienst. 

15. eig xijv äyi(av) Ev(p[r^f.dav mit zweimahgem Gottesdienst. 

16. [eig xbv ßa]7ixio[x'ijv {= Johannes der Täufer) mit einmahgem 
Gottesdienst. 

17. eig xbv äyi{ov) ZaxloQlav mit einmaligem Gottesdienst. 

18. eig xbv äyi(ov) raßQ[irjk mit zweimaligem Gottesdienst. 

19. eig xbv äyi{ov) äna Novti mit einmahgem Gottesdienst. 
Dann sind noch 7 weitere Kirchen verzeichnet, deren Namen 

aber wegen der Zerstörung der zweiten Columne nicht melir mit 
Sicherheit festzustellen waren. Die Ergänzungen der Heraus- 
geber, die mit liturgiegeschichtlichen Erwägungen arbeiteten, er- 
reichen einen zum Teil sein- hohen Grad der Wahrscheinhchkeit. 

20. eig xbv äyi{ov) [TlavXov mit einmahgem Gottesdienst. 

21. eig xijv äf.ia \^Hqaidog mit einmahgem Gottesdienst. 

22. {eig xbv äy]i{ov) 'le[Qrjf.iiav mit einmaligem Gottesdienst. 

23. \_eig xbv äyi{ov)] 'Iovl[tavbv mit einmahgem Gottesdienst. 

' Das Wort ixKÄijala nach tijv ist immer zu ergänzen. 

- Die durch runde Khimmem eingeschlossenen Buchstaben sind Auflösung 
von Abkürzungen, während eckige Klammem eine von den Herausgebern aus- 
gefüllte Lücke andeuten. 

^ Hier ist die avvaiis am 25., 26. und 27. Dezember. 

•• Hier beginnt die zweite Columne, von der die rechte Hälfte weggebroc hen ist. 



Oxyrhynchos 255 

24. [slg] tö ßloQQLvdv (.laQtvQiovi^) mit einmaL'gem Gottesdienst. 

25. elg töv äyi{ov) Qsöiöozov mit einmaligem Gottesdienst. 

26. elg töv äyi{ov) QeiüdwQOv mit einmaligem Gottesdienst. 
Wahrscheinlich sind aber noch 2 von den vorausgehenden zu 

unterscheidende Kirchen in der Liste genannt, deren fehlende 
Namen die Herausgeber nicht ergänzen konnten. 

27. [Big töv dyi]{ov) dßß[ä 

28. eig töv cc[yi{ov) 

Wir können also aus dieser Liste mit Sicherheit die Existenz 
von wenigstens 26 Kirchen positiv feststellen. Auf diese 26 (viel- 
leicht 28) Kirchen verteilen sich in nicht ganz einem halben Jahre 
66 Stationsgottesdienste an ungefähr 62 verschiedenen Tagen. Im 
ganzen Jahre wird die Gesamtzahl der Stationsgottesdienste 
nach einer Vermutung der Herausgeber die Zahl 130 überschritten 
haben; und sie wird auf etwa 40 Kirchen verteilt gewesen sein. 
Oxyrhynchos wird also wohl um etwa ein Dutzend Kirchen mehr 
gehabt haben, als in dieser Halbjahrliste wirkhch verzeichnet sind. 
Ihre Zahl mag ums Jahr 535 etwa 40 betragen haben. 

Daß eine Reihe der Heiligen, deren Kirchen wir hier kennen- 
lernen, in Ox}Thynchos das ganz besondere Vertrauen der Gläubigen 
genoß, ist aus einem christlichen Amulett des 5. Jahrhunderts 
(Nr. 1151) gegen Fieber zu ersehen, von dem die betreffenden 
Zeilen hier angefügt seien: 

38 s^x^o- 45 s{)ayysXiotov x(al) &so- 

^ai nQSoßiatg tfjg köyov ^Icodvvov x{al) tov 

40 dsonoivfjg fjf.iü)v Tt)g äyiov ^eQtjvov x(at) tov 

■d-EOTÖHov aal T&v äyiov 0iXo^evov x(at) tov 

ivdö^wv aQXf^yy^- äyiov ßrjXTiOQog x(al) tov 

Xo)v x(al) tov äyiov xal iv- 50 äyiov ^lovozov x{ai) ndvTiov 

dö^ov dnooTÖlov n{al) [T(b]v äyicov. 

Schade, daß in unserer Gottesdienstliste nicht gesagt ist, 
welche von den in dieser Liste genannten Kirchen Klosterkirchen 
sind. Es scheint mir indes fraglich, ob wir überhaupt Kloster- 
kirchen in dieser Gottesdienstliste annehmen dürfen. Denn für 
diese wohl vom Bischof abgehaltenen öffentlichen Stationsgottes- 
dienste der Gesamtgemeinde werden Klosterkirchen in der da- 
maligen Zeit kaum benützt worden sein; es müßte denn sein, daß 
sie einem gefeierten Heiligen geweiht gewesen wären. Überdies 
werden diese Klosterkirchen für das Zusammenströmen einer 



256 Georg Pfeilschifter 

größeren Schar von Gläubigen an solchen Festtagen zu klein ge- 
wesen sein; svxTtjQia = orationum domus nennt sie die Mönchs- 
geschichte um 400. Wenn diese Vermutung zutreffen würde, 
hätten wir es bei unserer Liste nur mit Weltkirchen zu tun. Ihre 
Zahl müßte also in der Zeit von etwa 380 bis zirka 530, also in 
150 Jahren von 12 auf rund 40 gewachsen sein. An diesem Zahlen- 
verhältnis ändert sich nichts Wesentliches, auch wenn in der Liste 
einige Klosterkirchen mitgenannt sein sollten ^. 

Diese Tatsache bezeugt eine ganz außerordentliche Steigerung 
der kirchhchen Bedürfnisse und des rehgiösen Lebens in Oxy- 
rhynchos. Denn wir dürfen doch von vornherein, ohne die PapjTi 
weiter gehört zu haben, zweierlei, wie ich glaube, mit großer Wahr- 
scheinlichkeit annehmen. Einmal daß OxyrhjTichos um 380 in 
der Hauptsache eine christhche Stadt war. Wemi es in der Stadt 
damals noch Heiden gegeben hat ^, dann muß ihre Anzahl eine 
verhältnismäßig verschwindend geringe gewesen sein. Und zweitens 
wird die Stadt Ox}Th}Tichos sich im 5. und 6. Jalirhundert nicht 
in demselben Maße vergrößert haben ^, in welchem die xAazahl 

^ Vgl. etwa die Nummern 19 und 27 der Liste. 

* Die Interpretation der „nayaviKul crvvTeÄeiai," als heidnische Konventikel 
in Oxyrhynchos durch U. Wücken und sein Festhalten an derselben (vgl. Grund - 
züge und Chrestomathie der Papyruskunde von L. Mitteis und U. Wücken I 2 
[1912] 150 f.) ist mir ebenso bekannt wie die Ablehnung derselben durch A. v. 
Hamack, Die Mission und Ausbreitvmg des Christentums in den ersten drei Jahr- 
hunderten IP (1915) 173 A. 2. Die Urkunde, in welcher diese Ttayavixal avvtiÄeiai 
erwähnt werden, ist veröffentlicht in B. G. U. (= Ägyptische Urkimden aus den 
Kgl. Museen zu Berlin, herausg. von der Generalverwaltimg. Griechische Ur- 
kunden) 936 und stammt aus dem Jahre 426, ist also etwa ein gutes Menschenalter 
später als die Beobachtungen und Eindrücke des Autors der eingangs erwähnten 
Mönchsgeschichte. Sie ist eine Gestellungsbürgschaft für einen Mann, der zum 
städtischen Ratsherrn vorgeschlagen ist und sich vor dem Druck dieser Verpflichtung 
dadurch schützen will, daß er seine Zuflucht eben zu den nayavtnal avviiXeiai 
nimmt. An der Unmöglichkeit — imd sie besteht selbst für einen so unvergleich- 
lichen Kenner wie Wilcken — , es wenigstens einigermaßen plausibel zu machen, 
inwiefern denn heidnische Kultvereine einen Menschen gegen diese Inanspruch- 
nahme für den öffentlichen Dienst in einer Stadt mit durchaus christlichen Be- 
hörden (!) hätte schützen köimen, und das noch im Jahre 426, muß die Erklärimg 
Wilckens scheitern. Daß in dieser Zeit das Heidentum 100 km weiter südlich 
in Hermopolis und Antinoopolis und wieder 150 km weiter südlich in der Gegend 
von Achmim-Panopolis mid der großen Klosterstiftung des Schenute von Atripe 
noch Bestand hatte, ist mir nicht unbekaimt. Vgl. J. Leipoldt, Schenute von 
Atripe und die Entstehung des national ägyptischen Christentums (Leipzig 1903) 
[= Texte und Untersuchungen. N. F. X 1] 25 f. 27 175ff. 178 ff. 

^ Der Flächenraum der alten Stadt ist nach dem Ausgrabungsberichte Grenfells 



Oxyrhynchos 257 

ihrer Kirchen zugenommen hat. Die wirtschaftHchen und poli- 
tischen Verhältnisse dieser Zeit waren einem solchen Wachstum 
nicht günstig. Dazu kommt noch ein Drittes: das Mönchtum 
wird wohl von der zahlenmäßigen Höhe am Ausgang des 4. und 
Anfang des 5. Jahrhunderts eher auf ein geringeres Niveau herab- 
gesunken sein, als daß es sich noch weiter stark vermehrt hätte. 
Aus diesen Erwägungen kann das starke Ansteigen der Zahl der 
Kirchen in Oxyrhynchos wohl nur auf die größere Intensität des 
kirchhchen Lebens in der Stadt zurückgeführt werden^. Oxy- 
rhynchos muß eine Stätte außerordentlich blühenden kirchhchen 
imd mönchischen Lebens gewesen sein! Deshalb ja auch die 
rühmende Erwähnung in unserer Mönchsgeschichte von 400. 
OxjThynchos war auch als kirchliche Metropole, unter der fast 
ein Dutzend Bistümer standen, ein wichtiges Zentrum kirchlichen 
Lebens in Mittelägypten. 

Was ist nun von diesem religiösen und kirchlichen Leben der 
Christen von Oxp'hynchos an Überresten in den massenhaft aus- 
gegrabenen Papyri noch erhalten? Und was werden uns diese 
unmittelbaren Üben'este einer me es schien unAviderbringhch ver- 
schütteten Vergangenheit noch alles zu erzählen haben von Kirchen 
und Klöstern, von Weltgeistlichen, Mönchen und Laien, von den 
heihgen Schriften, theologischen Werken und erbauhchen Büchern 
in ihren Händen, von chi'isthchem Beten und cliristhcher Sitte 
in allen Lagen des täghchen Lebens? L^nd was werden war aus 
ihnen erfahren über das Fortleben antiker heidnischer Bildung 
und Bildungsmittel, heidnischer rehgiöser Vorstellungen und Ein- 
richtungen, heidnischer Tempel und Priester, heidnischer Art und 
heidnischen Aberglaubens in der Werdezeit und Blüteperiode 
christhchen und mönchischen Lebens in dieser ägyptischen Gau- 
hauptstadt ? Darüber zu berichten auf Grund meiner Verzettelung 
der Papyrusmassen, behalte ich mir in einer Fortsetzung dieser 
kleinen Studie vor. Auf dem hier zur Verfügung stehenden Raum 
möchte ich nur das weitere Material über die Kirchen und Klöster 
der Stadt vorlegen. 

vom Jahre 1897 (Archaeological Report 189r>— 1897. Edited by F. L. GrifJth, 
London, S. 2) V/^ Meilen, das sind etwa 2 km, lang imd in den meisten Stellen 
^/j Meile, das sind etwa. 800 m, breit. 

^ Die Neigung, Kirchen zu bauen, muß zeitweise recht groß gewesen sein. 
So hat Schenute mit stärkster Erregimg die Christen bekämpft, „die überall 
Märtyrergebeine entdecken und Märtyrerkapellen bauen". Vgl. J. Leipoldt 
a. a. 0. S. 183, 

Festgabe Kuöpfler 17 



258 Georg Pfeilschifter 

In unserer Gottesdienstliste ist in den Zeilen 37 und 61 genannt 
eine votivr] exxXr]oia, eine südliche Kirche (vgl. oben Nr, 14). Sie 
stammt aus der Urzeit des Christentums in Oxyrhynchos. Denn wir 
begegnen ihr schon in einem städtischen Wächterverzeichnis der 
Diokletianischen Zeit. Es ist Papjrrus Nr. 43 verso ; das Verzeichnis 
kann nicht viel später geschrieben sein als die auf das Jahr 295 
datierte Recto-Seite, stammt also etwa aus der Zeit von 295 bis 305. 
Auf diesem Papyrusstück steht eine Liste der Wachen oder Nacht- 
posten, welche über die Hauptstraßen und öffenthchen Gebäude 
von OxyrhjTichos verteilt waren. Die Liste ist zwar vollständig, 
soweit sie reicht, aber sie ist unbeendigt geblieben. Unter den 
öffentlichen Gebäuden, die hier erscheinen, nenne ich die Tempel 
des Sarapis (^aganlov), für den 6 Wächter bestimmt sind, der 
Isis ('/atov) mit 1 Wächter, der Thoeris (Qot^qlov), der 7 Wächter 
braucht, und das Caesareum (KaioaQtov) ^ . Ferner sei er- 
wähnt ein Theater, dem 3 Wächter gebühren, das Gymnasium, 
das deren 2 erhält, ein Kapitol ^, mehrere Bäder usw. Dann werden 
noch erwähnt zwei ,,eK}tli]oiai", eine nördhche und eine südliche, 
wonach die Straßen benannt sind. Es heißt in dem Verzeichnis 
auf Col. III Zeile 19—21: 

xal Q{vnYi) Tfj voTivfj £}inXr]oi(jc, 

^Afiöig flaQd^jxiüvog, KaTa/nEvtov 

dvtiyQvg oixlag 'ETiif.idxov aT]Qiof4aTix{ov). 
Wie hier eine südliche Kirchenstraße mit dem ihr zugeteilten 
Wächter aufgeführt ist, so steht 2 Zeilen vorher (17 f.) eine süd- 
liche Torstraße: 

xai Q{v^rf) Tfj vorivfj wöXri, 

IlavXog 'OvvüJcpQiog. 
Und wie es eine südliche Kirchenstraße gab, gab es auch eine 
nördliche Kirchenstraße 3. Sie ist genannt Col. I Zeile 10 — 12: 

^ „Wie die Tempel des Augustus in Alexandrien und Philae allmählich zu 
Kultstätten der Augusti wurden, so werden wir auch in den übrigen Sebasteen 
ursprüngliche Augustustempel sehen dürfen." F. Blumenthal, Der ägyptische 
Kaiserkult, im Archiv für Papyrusforschung V (1913) 322. 

2 Col. IV Zeile 3: KannoÄetov. Es war dem Kult des römischen Jupiter 
Capitolinus geweiht, der wohl nach Oxyrhynchos gekommen ist, als durch die con- 
stitutio Antoniniana das römische Bürgerrecht auch hierher kam (U. Wilcken 
im Archiv für Papyrusforschung V [1913] 428 f.). Vgl. die Ha^enL^ia der iwv 
fiovaxiöv laioQia oben S. 249, Spalte b. 

' Eine „ßoQQtvrj nvAri", welche repariert wird, ist in einer Urkunde Nr. 892 
vom Jahre 338 genannt. 



Oxyrhynchos 269 

Qi^ffirj) tfi ßoQiv[fi\ ixxirjoiif, 
'ATKfovg Oi(üvog, 

olxcüv Bf t(^ OTcißXij) Ttis Aicöviag. 
Damit ist eine voiivrj ixxlrjaia und eine ßoQQivi] ixxXfjoia in Oxy- 
rhynchos bezeugt. Ich habe exxXr-oia mit „Kirche" übersetzt 
und verstehe darunter ein für den christUchen Gottesdienst be- 
stimmtes Kultgebäude. 

U. V. Wilamowitz-Moellendorff hat bei der Anzeige des I. Oxy- 
rhynchosbandes ^, in dem dieser Pap3Tus steht, diese exxlr;oiat anders 
interpretiert: „Die Stadt hat ein Nord-, West- und Südtor; an 
dem Nord- und Südtor hegt je eine ixxkfjaia, schwerhch eine Kirche; 
das Verzeichnis ist aus Diokletianischer Zeit, und das Christentum 
macht sich erst viel später fühlbar. Es sind vielmehr freie Plätze, 
wo das Volk versammelt werden konnte: es würden sonst alle 
Plätze fehlen, und eine solche Versammlung kommt XLI vor." 
Man kaiui dieses Bedenken gegen das so frühe Fühlbarwerden des 
Christentums in OxjThjaichos wohl verstehen. Auch die Heraus- 
geber selbst hatten ja zu den erklärenden Worten ,,There are two 
churches" im Jahre 1898 noch ein Fragezeichen gesetzt. Aber 
wie unbegründet die Bedenken in Wirklichkeit gewesen sind, lehrt 
jetzt, worauf natürhch auch die Herausgeber dann im Jahre 1915 
hingewiesen haben, das Grottesdienstverzeichnis von 535 — 536, in 
welchem die vozivf] exxXr]oia wieder erscheint. Sie war schon 
250 Jahre früher, was sie 535 gewesen ist, nämhch ein Kirchen- 
gebäude. Es hat sich über die Zeit der Diokletianischen Christen- 
verfolgung hinübergerettet. Das gleiche ist der Fall mit der ßoQQivrj 
ixxkrjoia des Wächter Verzeichnisses. Auch sie tritt uns in der 
Gottesdiensthste des 6. Jahrhunderts wieder entgegen. Leider 
ist dort die Stelle stark verstümmelt. Aber es kann infolge des 
Zusammenhangs mit der vozivi] exxlrfiia wohl kein vernünftiger 
Zweifel bestehen , daß die in Col. II Zeile 50 erhaltenen Buch- 
staben . . . .] TÖ /S[. . . . so zu ergänzen sind, wie es die Heraus- 
gebergetan haben: [ ö/.ioi{a)g) x{al) sig] rö ß[oQQivöv /.laQTVQiov (?). 
Dabei wird /huqtvqiov als synonym mit ixxlr^oia aufgefaßt, wofür 
Belege genannt sind. Andere mögliche Ergänzungen der 3 Buch- 
staben 2 sind von den Herausgebern mit Recht als sehr wenig 
wahrscheinhch abgelehnt worden. 

* In den Göttingischen gelehrten Anzeigen 160 II (1898) 676. 
^ {eis rdv äyi{ov)\ Toß[lav oder xb B[aaiXlov oder lö B[aQaavftov oder 
'AQia]Toß[ovÄov. 

17* 



260 Georg Pfeilschiiter 

Es darf demnach als feststehende Tatsache verzeichnet werden, 
daß Oxyrhynchos schon in der Zeit vor dem Ausbruch der Dio- 
kletianischen Christenverfolgung zwei christHche Kirchengebäude 
besessen hat. Da nach ihnen ums Jahr 300 die anliegenden Straßen 
benannt sind, und zwar in einem offiziellen Dokument, einem 
amthchen Verzeichnis ^, so ist man gezwungen, aus diesem Um- 
stände auf eine schon längere Existenz und eine gewisse Größe 
dieser christhchen gottesdienstlichen Gebäude zu schheßen sowie 
auf ein nicht geringes Maß von Öffenthchkeit der christlichen Re- 
ligion und Kirche. Der Kenner weiß, wie sehr sich das den sonst 
bekannten Verhältnissen etwa in Alexandrien einfügt. Und die Über- 
reste, welche gerade in Oxyrhynchos von den heihgen Schriften 
der Christen und von christhcher theologischer Literatur gefunden 
worden sind, erhärten diesen Tatbestand in jeder wünschenswerten 
Weise. 

Das übrige aus den Papyri fUeßende Material bereichert unsere 
Kenntnis über die Kirchen von Oxyrh}Tichos nur um zwei weitere 
neue Namen: um eine Johanneskirche und um eine Hierakion- 
kirche. In Nr. 141 vom Jahre 503 gibt ein ^lojawr^g KÖfisg seinem 
Kellermeister ^oißdi.if.i[{iovi) oi]voxeiQ{iotfi) den Auftrag , gewisse 
Bezahlungen von Wein an verschiedene Personen zu leisten; 
unter anderen auch tc^ &vqovq{(^) tov äylov ^Itodwov. Und 
Nr. 1053 etwa um 600 wird in einer Rechnung Zeile 23 verzeiclmet eine 
Anweisung auch eig ttjv exjtMrjoiav) dßßä '^IsQaxicovog. Möglicher- 
weise ist diese Johanneskirche identisch mit der Evangehsten- oder 
Täuferkirche unter Nr. 4 bzw. 16 unserer obigen Gottesdiensthste, und 
die Hierakionkirche dieselbe wie die unter Nr. 27 der gleichen Liste 
aufgeführte I^irche [slg tbv äyL\[ov) äßß[ä. Jedenfalls sind aber 
andere Kirchen dieser Liste sicher bezeugt in den PapjTi Nr. 941 
mit 1311, in Nr. 993 und in Nr. 1038. In Nr. 1311 (aus der Zeit 
von 400 bis 500) kommt vor ein ^Aviavbg 7iQ{soßvT£Qog?) /^oq- 
tvQ{iov) ^'Ana ^Iovotov. Wir haben hier wieder eine Bestätigung 
der Gleichung von ixxlf^oia und /naQTVQiov, von der oben S. 259 
die Rede war. Dieselbe Justuskirche erscheint in PapjTus Nr. 941 
(aus der Zeit von 500 bis 600), wo genamit ist ein vlög tov 



^ Diese zahlreichen Wächter waren lokale Polizeiorgane und standen unt<?r 
dem Kommando des städtischen vvKToaTgdnjyog (vgl. U. Wilcken in Gnind- 
züge I 1, 414 f.). Zwei wKioaigdtriyoi suchen bei der Verantwortung und Ge- 
fahr ihrer Amtspflicht um Gestellung von Hilfskräften nach in Nr. 1033 vom 
Jahre 392. 



Oxyrhynchos 261 

olxovö/iiov tov äyiov ^Iovotov und wo ein rönog ö?Jyog bezeichnet 
wird als gelegen dvrig tov (.laqTvQiov. Die Herausgeber meinen 
ohne Angabe von Gründen, daß es sich hier um ein Kloster des 
hl. Justus handle. Möglich; jedenfalls aber auch um eine Kirche 
desselben. Ferner wird in Nr. 1038 vom Jahre 568 Zeile 22 f. erwähnt 
ein d^q)odov tfjg äyiag Ei)(frj(j.iag, ein kleiner Stadtbezirk, der benannt 
ist nach der Kirche der hl. Euphemia. Das ist dieselbe Kirche, 
die in der etwa 30 Jalire jüngeren Gottesdiensthste unter Nr. 15 steht. 
Und schHeßhch gibt in Nr. 993 aus der Zeit von 500 bis 600 'H ayia 
ix<xy?.(rjGia) Zahlungsauftrag einem ^vovd^ln) öiianövi^?) olniovö/Mp?) 
Tov äyiov raßQiTjk. Das ist die Gabrielskirche unter Nr. 18 der Liste. 
— Kirchen aus OxjThjTichos ohne Namen, welche ich nicht iden- 
tifizieren kann, begegnen uns noch in einigen Nummern. Nr. 1138 
aus der Zeit um 500 ist eine Quittung für eine Zahlimg eni töv 
eKxUf^oiag) löy{ov) n(aQä) 'Ancpovä nQisoßvTSQov). In B. G. ü. 369 
ist der Name einer äyicoTÜTTj exxlrjoia nicht erhalten ; ebensowenig in 
P. S. I. 75 (aus der Zeit von 500 bis 600), wo eine äyla ixxlrjoia, re- 
präsentiert dia] '^TKfOv ^Av-d-fllov?] öiaxövov tov iv avTfj otxov6f.ioVy 
genannt ist, aus deren Besitz ein nach seiner Lage genau be- 
zeichnetes Haus vermietet wird. Und ohne Zweifel ist in Nr. 141 
auch noch die Kirche eines Mart}T:"ers genannt, wenn es heißt, daß 
eine Bezahlung von Wein auch geleistet werden soll lolg xf-f^Qi'Aoig) 

TOV ^(XQTVQiog). 

Aus den zahlreichen Klöstern der Stadt lernen wir mit Namen 
nur ein einziges kennen, ein Kloster des hl. Andreas. Es tritt uns 
in 3 Urkunden aus den Jahren 555 und 556 näher. In Nr. 146 
(vom Jahre 555) wird eine Rechnung bezahlt di{ä) Tdv f.ioval^{övTO)v) 
IxovaotfiQiiov) dßßä ^Avöqhov an einen Stallknecht für die Beförde- 
rung von Heu und Streu nach dem Klosterstall. Auch in Nr. 147 
liegt eine Rechnung vor, die bezahlt ^\'ird di{ä) twv ^lovat^iovxiov) tov 
äyi(ov) dßßä ^Avöqeov für Anschaffungen, die notwendig waren, 
um im Garten T^g äyi{ag) Magiag Wasser zu gewimien ug Triv 
&yi{av) xokvfAßrii^qav (Brunnen oder Bad). Und in Nr. 148 haben 
wir ebenfalls eine Rechnung, die bezahlt wird di{ä) Melavog 
nQoeoTiwTog) tov xolvoviov dßßä ^Avöqeov. Wieder ein Kloster be- 
gegnet uns in P. S. I. 176 (aus der Zeit von 400 bis 500). Hier 
wird ein (.lovaoTrjQiov genannt in einem verstümmelten Vertrag 
über eine Erbpacht (Emphyteuse). Der Name des Klosters ist 
verlorengegangen; kv t(^ uQT^/nivi^ fioviooTtjoia) dnoiäxTi^ heißt es ge- 
legentlich in der Urkunde. — Auch einzelne Mönche werden in 



262 Georg Pfeilschifter 

verschiedenen Rechnungen genannt, aber ohne Bezeichnung des 
Klosters: Nr. 994 vom Jahre 499 bietet 'IovoT(p fuovd^iovTi) ; Xr. 1311 
(vgl. oben S. 260) aus der Zeit von 400 bis 500 : Eig tö ilaiov rov 
dnoTaxTtjQios), wobei der Name des Mönches fehlt; Nr. 1338 aus 
der Zeit von 400 bis 500: naQÜo^ov Koaqfjg (hes KqoQfj) (j.ovdC,ov<.xi^. 
Zum Schlüsse wäre auch der von C. Wessely, Studien zur 
Paläographie und Papyruskunde X (1910) S. 21 Nr. 35 heraas- 
gegebene Papyrus — eine Liste von Lebensmitteln, die an ver- 
schiedene Kirchen und Klöster geliefert werden, aus dem 6. oder 
7. Jahrhundert — zu nennen, der viel wahrscheinHcher aus Oyx- 
rhjuchos als aus HerakleopoHs ^ stammt, weil eine Reihe der in 
demselben genamiten Kirchen uns auch in unserer Gottesdienst - 
liste des 6. Jahrhunderts wieder begegnet. Ich gebe den Text 
mit Hinweglassung des verstümmelten Eingangs (Zeile 1 — 3) und 
des gleichfalls verstümmelten Schlusses (Zeile 16 — 20). 

4 eis TÖ (xovaoTTiQiiov) twv [. . . 

5 slg TÖv äyiov 0oißäfj/n[cova . . . 
eiff TTjv ayiav Evq)r^^ii[av . . . 
dg Tfjv äyiav ä(.ia '/f(»[atv . . . 

dg TÖv dQxdyys?,ov [Mixarjl (raßQirjl?) 

dg tbv äyiov dßßä .[.. . 
10 dg tö f.iovaoiil]Q(iov) dß[ßä 'Avögiov? 

eig TOP äyiov 0iXö^evo[v . . . 

eig lö f^ovaoTfjQiiov) twv [. . . 

t(x)v TiaQd^evsvovowv [. . . 

dßßd MaQxekko[v . . . 
15 ^AßQaa/uiov[. . . 

Von den hier genannten Kirchen kommen in unserer Gottes- 
dienstliste sicher vor die Kirche des Phoibammon, der Euphemia, 
des Erzengels und des Philoxenus; wahrscheinlich auch die der 
Ama Herais und die des heihgen ungenannten dßßä. Dagegen 
sind die drei ungenannten Klöster neu. Und von den zuletzt 
genannten Markellos und Abraamios ist nicht klar, ob das Namen 
von Küchen oder Klöstern oder Privatpersonen sind; sie kommen 
in Nr. 1357 nicht vor 2. So wäre der positive Gewinn, voraus- 



^ Wie Wessely vor dem Funde der Gottesdienstliste von 535/6 annahm. 
Ich gebe den Text in einer etwas verbesserten Form nach dem XI. Oxyrhynchos- 
band S. 24. 

^ Vgl. die Einführvmg des Herausgebers zu Nr. 1357 (XI 23 f.). 



Oxyrhynchos 263 

gesetzt daß wir es hier wirklich mit Oxyrhynchos zu tun haben, 
ein verschwindend geringer. 

Wenn man diese 15 (bzw. 16) Urkunden übersieht, ist man 
fürs erste doch etwas überrascht wegen der geringen Zahl von 
Urkunden über kirchliche Rechtsgeschäfte bei dem zweifellos 
großen Besitz der zahlreichen Kirchen und Klöster in Oxyrhynchos. 
,,In christlicher Zeit", schreibt Preisigke mit seiner umfassenden 
Sachkenntnis ^, „gingen die Tempelbezirke mit ihren Häusern imd 
Wohnungen in den Besitz der Kirchen und Klöster über. Jetzt 
finden wir die Krankenbehandlung in den Klosterspitälem wieder. 
Die Einkünfte dieser Spitäler ^ waren für die Krankenbehandlung 
bestimmt und daher wohl in der Regel abgabenfrei. . . . Mit dem 
heidnischen Tempelbesitze an Äckern, Wiesen, Weingärten u. dgl. 
gingen auch die Gewerbe an die christlichen Kirchen und Klöster 
über. . . . Daß Mietshäuser, wie in heidnischer Zeit, im Besitze 
der Kirchen und Klöster sind, wird mehrfach in den Papyri er- 
wähnt ; auch besitzen wir eine Reihe von Papyri mit Mietszins- 
quittungen, ausgestellt von Beamten der Kirchen oder Klöster." 
So repräsentieren auch die 40 Kirchen und die zahlreichen Klöster 
in Oxyrhynchos jedenfalls einen reichen und mannigfaltigen Besitz 
von Grund und Boden wie von Rechten und Geschäften. Wenn 
man erwägt, daß mit alledem zweifellos ein sehr starker Urkunden- 
verkehr naturgemäß gegeben war ^, so könnte es auffallend er- 
scheinen, daß uns so wenig derartiges Urkundenmaterial in den 
zahlreichen Papyri erhalten ist. Aber man muß folgendes in 
Betracht ziehen. Von den in Oxyrhynchos gefundenen Papyri 
sind bis jetzt in den Pubhkationen des Egypt Exploration Fund 



^ F. Preisigke, Antikes Leben nach den ägyptischen Papyri (Leipzig, Teubner, 
1916) [= Aus Natur und Geisteswelt 565] 108. Vgl. W. Otto, Priester und Tempel 
im hellenistischen Ägypten I (1905) 261 ff. 291 ff. 

^ Vgl. das in einer christlichen Grebetsfrage (N. 1150 aus dem 6. Jahrhundert) 
erwähnte vdooko/a^iov 

-\- '0 S^eog Tov nQoaidtov fifiCiv 
Tov äyiov 0iÄo§ivov, iäv 
KeÄEiüeig elaeveyneiv 
elg TÖ voaoKOfuöv aov 'Avovn; 
dei^ov TTjv 6vvafi[iv aov 
nal iidÄd'}] zd 7rtrr[d]x[iov. 
' Um alles hierher gehörige Material vorzulegen, habe ich oben auch die 
ohne Namen auftretenden Kirchen, die namenlosen Klöster und Mönche ungenannter 
Klöster vorgeführt. 



264 Georg Pfeilschifter, Oxyrhynchos 

(den XII. Oxyrhynchosband habe ich noch nicht gesehen), der 
Societä Itahana per la ricerca dei Papiri und den deutschen PapjTus- 
pubhkationen veröffenthcht etwa 1700 Stücke. Von diesen 1700 
Papyri sind rund 250 Stücke Urkunden^ aus der Zeit nach 300 
(ältere kommen für christHche Verhältnisse nur recht selten in Be- 
tracht) ; das sind rund 15°/o. Und von diesen 250 oxjThjTichitischen 
Urkunden und Geschäftspapieren aus der Zeit nach 300 beziehen sich 
auf kirchliche Geschäfte, wie wir gesehen haben, 15; das sind 
etwa 6"/o. Die kirchlichen Urkunden und Geschäftspapiere betragen 
also etwa 6°/q aller Urkunden aus OxjThjnchos, die später sind 
als 300. Ob dieser Prozentsatz als gering zu bezeichnen ist, vermag 
ich nicht zu sagen, da mir jeder Maßstab für eine Vergleichung 
etwa mit entsprechenden Verhältnissen unserer Gegenwart fehlt. 
Wie aber auch immer diese 6"/o zu werten sein mögen, eines 
scheint mir sicher zu sein. Hätten wir nur diese 15 Urkunden 
vor uns, so müßten wir versucht sein, auf eine verschwindend kleine 
Anzahl von Kirchen und Klöstern in OxjTh\Tichos zu schheßen. 
Von hier aus erhellt erst voll die ganze Bedeutung des an die Spitze 
gestellten literarischen Berichtes der Mönchsgeschichte über Oxy- 
rhynchos ! Er gibt eine nicht zu übersehende Weisung zu größter 
Zurückhaltung in den Schlußfolgerungen bei ähnhchen Unter- 
suchungen über die kirchlichen Verhältnisse anderer ägyptischer 
Städte, die ich in die Wege leiten möchte 2. 

^ Ich bemerke ausdrücklich , daß es sich bei dieser Zusammenstellung nur 
um urkundliches Material handelt. Die zahlreichen älteren literarischen Papyri 
scheiden hier ganz aus. 

2 Das Manuskript war schon in der Druckerei, als ich den XII. Oxy- 
rhynchosband, dessen Vorrede vom August 1916 datiert ist, erhielt. Er bringt 
188 neue Stücke. Damit erhöht sich die Zahl der veröffentlichten Oxyrhynchos- 
Papyri auf rund 1900. Die neuen Papyri Nr. 1405 — 1593 sind ausschließüch 
Urkunden. Etwa 25 derselben gehören der Zeit nach 300 an, und 10 derselben 
betreffen die christliche Religion; keine einzige Urkmide aber bezieht sich auf 
kirchliche Rechtsgeschäfte. An dem oben dargelegten prozentualen Verhältnisse 
ändert sich also durch den neuen Band nichts Wesentliches. — Der Heraus 
geber kann bereits einen XIII. Band ankündigen. 



Die 
Wiedereinsetzung Kaiser Ludwigs des Frommen 

zu St. Denis (1. ]\Iärz 834) 

und ihre Wiederholung zu Metz (28. Februar 835). 

Von 

Stiftsbibliothekar P. Ludger Rid O. S. B. in München. 

Es gehört zu den betrübendsten Erscheinungen in der Ge- 
schichte, daß der Nachfolger des großen Karl, Ludwig der Fromme, 
gerade jene Herrschertugenden entbehrte, durch die das gewaltige 
Werk geschaffen worden war, der Entschlossenheit im Handeln und 
des Weitblickes in der Wahl der führenden Persönhchkeiten im 
Reiche. Eben dieser Mangel wurde dem Erben Karls des Großen zum 
Anlaß zahlreicher Demütigungen, dem Reiche zur Ursache zahl- 
reicher Zwist igkeiten und der ZerspUtterung der kurz vorher be- 
gründeten Einheit. 

Kaiser Ludwig der Fromme hatte auf dem Reichstag zu Aachen 
im Jahre 817 eine Erbfolgeordnung errichtet zur Sicherung des 
Reiches ^; aber schon sechs Jahre später wurde dieselbe umgestoßen, 
als ihm Karl der Kahle geboren war. Als der älteste Sohn Lothar 
zugunsten des Jüngstgeborenen auf emen Teil seines Länderbesitzes 
verzichten mußte, entbrannte der Zwist in der kaiserlichen Familie. 
Wohl war die Empörung Lothars durch dessen L^nterwerfung zu 
Nimwegen (830) beigelegt, aber eine neue Länderteilung zugunsten 
Karls auf Kosten des Besitzes Pippins weckte aufs neue die Un- 
zufriedenheit der älteren Sölmc und ihrer Anhänger und führte 
schheßlich zum offenen Aufstand gegen den alten Kaiser, um mit 
Waffengewalt die alten Erbansprüche zu sichern. 

Die Heere des Vaters und der Söhne trafen sich auf dem Rot- 
felde bei Kolmar (Juni 833), wo der größte Teil des kaiserhchen 
Heerbannes zu den Söhnen überging. Schheßhch blieb dem Kaiser 

^ Vgl. Simson, Jahrbücher des Fränkischen Reiches unter Ludwig dem 
Frommen I (Leipzig 1874) 100 ff. und II 1 ff. 



266 Ludger Rid 

nichts anderes übrig, als sich auf Gnade und Ungnade den Söhnen 
zu ergeben ; so war der Zweck der gemeinsamen Erhebung erreicht ; 
ohne Kampf und Blutvergießen ging das Steuer des Staates aus 
den Händen des Kaisers in die Lothars über. Dieser zeigte sich 
zum erstenmal im Glänze seiner kaiserUchen Würde auf dem Reichs- 
tag zu Compiegne (am 1. Oktober 833 eröffnet). Um einer sich 
jetzt schon offenbarenden Unzufriedenheit mit der neuen Herrschaft 
zu steuern, schien es Lothars Anhängern geraten, sogleich zur förm- 
hchen Absetzung des alten Kaisers zu schreiten. Im Hinbhck auf 
den Satz des kanonischen Rechtes, es solle, wer die öffenthche 
Kirchenbuße übernommen hatte, nie mehr Waffen tragen dürfen ^, 
wollte man Ludwig zur Kirchenbuße veranlassen und so seine 
Regierung für alle Zukunft verhindern. Im Auftrage der Reichs- 
versammlung suchte zuerst eine Gesandtschaft von Bischöfen, 
sodann die Gesamtheit der anwesenden Bischöfe den alten Kaiser 
in Anbetracht alles dessen, wodurch er Gott beleidigt, der Kirche 
Ärgernis gegeben, Ruhe und Frieden des seiner Leitung anvertrauten 
Volkes untergraben habe , zur Buße zu bewegen , die er schheßhch 
übernahm. Er leistete sie in der Kirche des Klosters St. Medard 
zu Soissons und verlor damit das Recht, Waffen zu tragen — Lothar 
war allein Kaiser. 

Die Erniedrigung des Vaters erfüllte nun doch die Herzen 
der beiden jüngeren Söhne mit Reue und Scham; das selbständige 
Handeln Lothars heß die beiden Brüder den Verlust ihrer neu- 
gewonnenen Besitzungen fürchten, und so trat in kurzem ein L'm- 
schwung ein. Ludwig (der Deutsche) suchte auf gütlichem Wege eine 
mildere Behandlung des Vaters zu erwirken ; als dies nicht gelang, 
forderte er Pippin auf, an der gewaltsamen Befreiung des Gefangenen 
mitzuwirken. Während Pippin mit den Aquitaniern und Neustriern 
heranrückte, scharten sich um Ludwdg die deutschen Stämme. 
Beide Brüder zogen in Eilmärschen gegen Aachen, wo sich Lothar 
unter diesen Umständen nicht mehr sicher fühlte. Er eilte gegen 
Paris, wohin er seine Getreuen entboten hatte, und übergab in 
St. Denis seinem Vertrauten , dem Abte Hilduin , den Vater zur 
Bewachung. Eine Malmung zur friedlichen Auslieferung des 
Kaisers wies er mit Spott zurück. Als aber kurz darauf Lud\*'ig 
mit großer Macht heranrückte , fürchtete er , eingeschlossen zu 
werden und zog am 28. Februar nach Burgund ab. 



' Vgl. Simson a. a. O. II 73 A. 4. 



Wiedereinsetzung Kaiser Ludwigs des Frommen 267 

I. 

Nun war der alte Kaiser befreit, und alsbald forderte ihn seine 
Umgebung auf, die Abzeichen seiner kaiserlichen Würde wieder 
anzulegen ^ Doch der Kaiser hatte Bedenken gegen eine so eilige 
Wiedereinsetzung in seine Würde, er wollte zuvor wieder in die 
Gemeinschaft der Kirche aufgenommen werden 2. Dies geschah 
am Tag nach Lothars Flucht — es war ein Sonntag — , wie die 
Vita Hludovici berichtet ^ ; da aber die Annales Bertiniani die 
Flucht Lothars auf den 28. Februar ansetzen ^, fand die Feierlichkeit 
am Sonntag Reminiscere (L März) statt. Da alle Quellen ^ von 
der sogleich vollzogenen Wiedereinsetzung berichten, ist die Nach- 
richt der Fuldaer Annalen unrichtig, die sie erst in den nächsten 
Sommer verlegt ^. 

Vor dem bei der Confessio des hl. Dionysius aufgestellten 
Altar'' in der Abteikirche von St. Denis ^ erfolgte die Rekonzihation 
des Kaisers. Mehi"ere Quellen berichten die Anw^esenheit von 
Bischöfen ^. Angesichts der raschen Aufeinanderfolge der Tatsachen 



^ Vita Hludovici c. 51 in den M. G. SS. II 638: ,.At vero hii, qui cum impera- 
tore remanserant, eum ad recipiendas imperatorias ortabantur infulas". 

^ V. Hludov. c. 51 a. a. 0. 638: ,,Sed imperator, quamquam modo quo prae- 
dictum est ecciesiae eliminatus communione, nequaquam tamen praeproperae 
voluit acquiescere sententiae"; Simson (a. a. O. II 90 A. 2) gibt zu dieser Stelle die 
Bemerkimg: ,, statt quamquam würde man hier eigentlich eine andere Konjmiktion 
erwarten"; indes scheint mir gerade diese Ausdrucksart darauf hinzudeuten, daß 
man damals die Absetzung des Kaisers durch die erzwungene Kirchenbuße als 
imgerecht erkannte, wie es später Ebo von Reims öffentlich erklärt. 

^ A. a. 0. 638: ,,sed dominica, quae in crastinum advenit". 

* „Hlotliarius . . . primo Calendarum Martiarum die cum suis aufugit". An- 
nales Bertiniani. Recens. G. Waitz in den SS. rer. Germ, in usum scholarum (1883) 8. 

* Nithardi Historiarum libri quattuor ed. G. H. Pertz I 4 in den SS. rer. 
Germ, in usum scholarum ^ (1870) 6. Ann. Bert. a. a. 0. 8. 

8 Fuld. Ann. Scr. I 3G0. 

" Kundgebung Ludwigs an Hilduin M. G. Ep. VI 326 Nr. 19: „ante se- 
pulchrum domni Dionysii". 

^ Ann. Bert. a. a. 0. 8: ,,et in ecclesia sancti Dionisii doninum imperatorem 
reconcili a verun t ' ' . 

^ Nithard a. a. 0. 8: ,,. . . venerunt episcopi, qui praesentes erant et in 
ecclesia sancti Dionisii domnum imperatorem reconciliavorimt." Coron. Caroli C. 
(M. G. Capitularia II 340): ,,unauimitate episcoporum et fidelis populi . . ec- 
ciesiae sanctae est redditus." Ep. Carol. C. ad Nicolaum Papam, bei Bouquet, 
Rerum Gallicarum SS. VII 557: ,,Quem (pium imperatorem) in monasterio bea- 
tissimorum martyrum Dionysii, Rustini et Eleutherii a custodia reducentes archi- 
episcopi et episcopi, ut dignum erat." Conc. Tric. Ep. (Mansi XV 792): ,, . . . qui 



268 Ludger Rid 

können nur als sicher anwesend angenommen werden der Bischof 
von Paris, der wegen der geringen Entfernung rasch herbeigeeilt sein 
konnte, sodann der Bischof von Soissons, dem der Kaiser bald 
darauf einen wichtigen Auftrag erteilt ^. Nach der Wiederaufnahme 
in die Kirche empfing der Kaiser aus den Händen der Bischöfe 
die Waffenrüstung ^ und die königlichen Gewänder ^, Nithard 
allein berichtet, daß Ludwig auch die Krone empfing ■*. 

So war der Büßer durch die Aussöhnung mit der Kirche AAieder 
in seine alte Würde eingesetzt; er machte von seinen Rechten 
vollen Gebrauch ^. 

Um so mehr muß es uns daher verwundern, daß fast gerade 
ein Jahr darauf, am 28. Februar 835, die Rekonziliation und 
Krönimg Ludwigs wiederholt wird. 

Nachdem der Kaiser das Weihnachtsfest 834 m Metz bei seinem 
Halbbruder Drogo gefeiert hatte , berief er auf Maria Reinigung 
(2. Febr. 835) einen Reichstag nach Diedenhofen ^. Nach der Be- 
ratung über kirchliche Mißstände wurde die Wiedereinsetzung des 
Kaisers durch einstimmigen Beschluß feierhch anerkannt und dar- 
über, \\de früher über die Absetzung, ein doppeltes Protokoll abgefaßt. 
Jeder Bischof bestätigte einzeln durch Unterschrift die Ungerechtig- 
keit und Ungültigkeit der früheren Absetzung; die Gesamtheit 
der Bischöfe unterzeiclmete em Dokument, in dem die ganzen 
Verhandlungen zu Diedenhofen ausführhch beschrieben waren '. 

Nach dieser staatsrechtlichen Anerkennung von selten des 
Gesamtepiskopates, dessen größter Teil im Jalire 833 seine Ab- 
setzung gefordert hatte, begab sich der Kaiser mit den Bischöfen, 
vielem Volk und zahlreichen Großen am nächstfolgenden Somitag 
nach Metz ^ (28. Febr.). Der Biograph Lud\Wgs berichtet^, daß 



affuerunt episcopi, impcratoreni in ecclesia Sancti Dionisii reconciliaverunt et 
ecclesiasticae communioiii restituerunt." 

1 Siehe unten S. 270 f. 

^ V. Hludov. a. a. O. 638: „et per manus episcoporum armis conseusit 
accmgi". Kundgeb. Ludw. an Hüduin a. a. O. : ,,cingulumque militare judicio 
atque auctoritate Episcopali resumpsimus", Annal. Bert. a. a. 0. 8: ,,armisque 
induerunt". 

^ Ann. Bert. a. a. O. : ,,regalibus vestibus . . . induerunt". 

■• Nithardi Histor. 4 libri a. a. O. 6: ,,coronani et aima regi suo imponunt". 

^ Vgl. Böhmer-Mühlbacher, Regesta imperii I " Nr. 926 v 927 928 929 
930 930 b etc. 

« Böhmer-Mühlbacher I« 938a. ' Simson a. a. 0. II 126-128. 

8 Vgl. Böhmer-Mühlbacher V 938 b. » V. Hludov. c. 54 a. a. O. 640. 



Wiedereinsetzung Kaiser Ludwigs des Frommen 269 

während der heiligen Messe in der Kathedrale des hl. Stephanus ^ 
sieben Erzbischöfe die sieben Orationen der Rekonziliation ^ über 
den Kaiser gesungen haben ; hierauf, so erzählt der Annalist ^, 
setzten sie Ludwig die Krone eigenhändig aufs Haupt. Das Volk 
dankte Gott für die vollständige Wiedereinsetzung des 
Kaisers *. 

Um nun die Lösung der Frage klar darzulegen, weshalb die 
Wiederaufnahme Ludwigs in die Kirche und damit seine 
Wiedereinsetzung in die Hen-scherwürde, die am 1. März 834 
zu St. Denis gescliehen war, am 28. Februar 835 in Metz wieder- 
holt wurde, müssen wir die beiden Tatsachen — Rekonziliation 
und Restitution — getrennt prüfen. 

II. 

Die zunächstliegende Lösung der Frage nach dem Grund 
der doppelten Rekonziliation dürfte in der Erklärung hegen, daß 
die erste nicht als gültig befunden wurde etwa deshalb, weil sie 
nicht von den rechtlich befugten Persönlichkeiten vorgenommen 
wurde. Nach Buchner ^ war gerade bei diesem Anlaß jene Fälschung 
entstanden, nach welcher Papst Stephan IL im Jahre 754 in der 
Kirche von St. Denis das päpstliche Pallium und die Schlüssel 
zurückgelassen haben soll ^. Abt Hilduin, der das größte Interesse 
hatte, wieder die Gunst des Kaisers zu gewinnen, habe sich als 
befugt ausgegeben, auf Grund der dem Kloster St. Denis angebhch 
verliehenen päpstlichen Gewalt den Rekonziliationsakt vor- 
zunehmen. Seine Ansicht begründet Buchner unter anderem 



^ Ann. Bert. a. a. 0. 10: „in basilica beati Stephani". 

* Vgl. Morinus, Commentarius historicus de disciplina in administratione 
sacramenti poenitentiae. App. 67 ff . (Parisiis 1651). 

^ A. a. 0. 10: ,,missarumque celebratione peracta coronam, insigne imperii, 
a sacrosancto altario sublevatam sacri ac venerandi antistites eius capiti cum 
maximo omnium gaudio propriis manibus restituerimt." Vgl. dazu Böhmer- 
Mühlbacher 12 938 b. 

* V. Hludov. a. a. O. 640: ,,atquo omnes populi hoc viso pro plenaria resti- 
tutione imperatoris multas Deo gratias reddidenmt." 

^ Buchner, Grundlagen der Beziehungen zwischen Landeskirche und Thron- 
folge im Mittelalter, in der „Festschrift Georg von Herlling zum 70. Geburtstag 
dargebracht von der Görresgesellschaft" (Kempten-München 1913) 238. Ich 
danke dem Verfasser auch an dieser Stelle herzlich für die Anregxmg zu dieser 
Untersuchung. 

* M. G. SS. XV 3. Eine größere Arbeit darüber gedenkt Buchner demnächst 
zu veröffentlichen. 



270 Ludger Rid 

durch chronologische Gesichtspunkte: am 28. Februar war Lothar 
geflohen, am 1 . März schon wurde Ludwig wieder in die Herrschaft 
eingesetzt. Angesichts dieser überhasteten Wiedereinsetzung Lud- 
wigs konnte allerdings nur ein geringer Teil des fränkischen Epi- 
skopates bei derselben anwesend sein ; und doch war nach Buchner 
an sich nur der Gesamtepiskopat befugt, die Wiedereinsetzung 
Ludwigs zu vollziehen, da er im Jahre vorher die Kirchenbuße 
über Ludwig verhängt hatte ^. 

Sei dem wie immer: jedenfalls scheint die erste Rekonziliation 
zu St. Denis in ihrer Gültigkeit nicht beanstandet worden zu sein. 
Denn einmal war nach dem Berichte aller Quellen ein — zwar 
kleiner — Teil von Bischöfen zugegen ^. Sodann war zur Wieder- 
versöhnung Ludwigs mit der Kirche keineswegs die Anwesenheit 
des Gesamtepiskopates notwendig, da die Buße nicht von einer 
Synode oder einem Konzil formell auferlegt war ^. Um der Ex- 
kommunikation zu entgehen, hatte der Kaiser die öffentliche 
Kirchenbuße übernommen *, und deshalb galt hier die Bestimmung, 
daß derjenige Bischof einem öffentlichen Büßer die Lossprechung 
geben konnte, zu dessen Diözese der Büßer gehörte und in welcher 
er die Kirchenbuße übernommen oder vollendet hatte ^. Zur 
Zeit der Lösung der Kirchenbuße befand sich der Kaiser in der 
Diözese des Bischofs von Paris, der bei der geringen Entfernung 
der Abtei von Paris leicht zum Gottesdienste des folgenden Tages 
herbeieilen konnte. Wemi wir ferner lesen, daß der Kaiser den 
Bischof von Soissons (zugleich mit dem Bischof von Paris) nach 



1 Buchner a. a. 0. 239. 

2 Vgl. oben S. 267 A. 9. 

^ Die Tätigkeit der Bischöfe bestand lediglich darin, den Kaiser zu bewegen, 
nachdem er seiner Herrschaftsrechte entsetzt war, für sein Seelenheil zu sorgen; 
von einer formellen Verhängmig der Kirchenbuße ist nirgends die Rede. Episco- 
porum de poenitentia quam Hludovicus impcrator professus est, relatio com- 
pendicnsis (M. G. Capitul. II 51 ff. Nr. 197): ,,nos . . . dignum duximus ut . . . 
legationem . . . mitteremus, quae cum de suis reatibus admoneat, quatenus certum 
consilium suae salutis caperet . . ."; vgl. auch Agobardi cartula de poenitentia 
ab imperatore acta (M. G. Capit. II 56 f. Nr. 198): „conventus deliberavit, ut 
per legatos et missos ammoneretur domnus Hludovicus de suis erratibus et ex- 
hortaretur" . . . ,,Pro qua re accessermit ad eum denuo omnes, qui in praedicto 
conventu aderant, episcopi . . . exhortantes, atque exoptantes et postulantes. . . ." 

* Über die „Zwangsbuße", die von\ Pöuitenten übeniommen wurde, um der 
ExkommunikativHl zm entgehen, vgl. Hinschius, Kirclienrecht V (1895) 85—100. 

^ Frank, Fr., Die Bußdisziplin der Kirche von den Apostelzeiteu bis zum 
7. Jahrhundert (Mainz 1867) 755. 



Wiedereinsetzung Kaiser Ludwigs des Frommen 271 

seiner Rekonziliation beauftragte, Ebo, den Erzbischof von Reims, 
aus seinem Versteck, in das er nach der Befreiung Ludwigs geflohen 
war, zu holen ^, so dürfen wir wohl seine Anwesenheit am denk- 
würdigen 1. März in St. Denis annehmen, und gerade in seiner 
Diözese in St. Medard hatte Ludwig die Kirchenbuße übernommen. 
Daß die Rekonziliation von 834 mit weniger großer Feierlichkeit voll- 
zogen wurde als die zw^eite im Jahre 835, können wir bei der kleinen 
Anzahl der anwesenden Bischöfe wohl annehmen, aber die recht- 
liche Wirkung war dadurch nicht beeinträchtigt. 

Daß ferner auch der Kaiser selbst, der bei seiner von Jugend 
auf tief religiös veranlagten Natur ^ die kirchlichen Vorschriften 
gewissenhaft beobachtet wdssen wollte, keinen Zweifel an der 
Gültigkeit seiner Rekonziliation hegte, dafür sind uns die Re- 
gierungsakte Lud-wags aus den Jahren 834/35 Beweis genug: er 
begeht mit gewohnter Andacht das Osterfest ^ — der Besuch des 
Gottesdienstes und Sakramentenempfang war ihm aber erst nach 
der Wiederaussöhnung möglich ^ — ; er errichtet ein Bistum zu 
Hamburg ^, beruft im August eine Heeres- und im November eine 
Reichsversammlung ^ ; alles Regierungsakte, zu deren Vollzug 
ihn erst wieder die Rekonziliation und der damit erlangte Voll- 
besitz seiner Herrscherrechte bevollmächtigt hat. 

Endlich haben aber auch der Episkopat und die übrigen 
Großen die Wiederaufnahme in die Kirche anerkannt — das be- 
zeugt die Entgegennahme seiner Schenkungen und die Folgeleistung 
seines Rufes zu den allgemeinen Reichsversammlungen. 

'Aus diesen dargelegten Gründen können wir also nicht an der 

rechtlichen Gültigkeit der ersten Rekonziliation im Jahre 834 

zweifeln. 

III. 

Unmittelbar auf die Versöhnung mit der Kirche zu St. Denis 

folgte die Wiedereinsetzung des Kaisers in seine weltliche Würde 

oder die Restitution. Die Quellen berichten uns übereinstimmend 

von der Umgürtung mit den Waffen ' und von der Bekleidung mit 

den königlichen Gewändern ®. Erstere Zeremonie deutete die 

^ Ep. Conc. Tric. (Mansi XV 792): „per Rothadura coepiscopum et per 
Escanraum, in cujus ecclesia latitabat . . . eum (Ebonem) ad sc imperator eub 
custodia deduci praecepit." ^ Simson a. a. 0. I 37 f. 

3 Böhmer-Mühlbacher 12 926 u und V. Hlud. a. a. O. 652. 

* Hinschiusa. a. O. V96 und Kober, Der Kirchenbann (Tübingen 1857) 288. 
Morinus a. a. 0. lib. X c. XI n. 6. * Böhmer-Mühlbacher I 2 928. 

« Ibid. 930b; 930g. ' Vgl. S. 268 A. 2. » Vgl. S. 268 A. 3. 



272 Ludger Rid 

Übertragung der königlichen Gewalt an i, letztere die Wieder- 
aufnahme in die Gemeinde aus der Klasse der Büßenden. 

War damit nun die volle Wiedereinsetzung des Kaisers m 
seine Rechte geschehen ? Wir dürfen angesichts der Quellenberichte 
auch diese Frage bejahen; denn gerade die Umgürtung mit dem 
Schwerte, das besonders ein Wahrzeichen der königlichen Gewalt 
gewesen ist, heben Ludwigs Chronisten besonders hervor, ebenso 
die Bekleidung mit den königlichen Gewändern. Daß nur eine 
Quelle ^ von einer Bekrönung berichtet, darf uns nicht wunder- 
nehmen; denn die Krone war ursprünglich aLs Symbol königlicher 
Würde unbekannt^; die Krönung \\drkte nie kreierend, sondern 
war die Erklärung, daß der Gewählte König sein soll *. Diese 
Erklärung war aber auch mit der Befähigung zum Wiedereintritt 
in die öffentlichen Ämter im Augenblick der Schwertumgürtimg 
gegeben. Selbst wenn daher auf Grund der nicht ausdrücklichen 
Erwähnung einer Krönung in den übrigen Quellen eine solche 
nicht angenommen werden dürfte, könnte die Rechtsgültigkeit der 
Restitution im Jahre 834 nicht bezweifelt werden. 

Wenn wir nun von einer feierlichen Krönung mit der Kaiser- 
krone im Jahi'e 835 lesen ^, drängt sich leicht die Vermutung auf, 
daß Ludwig hier wieder in seine Kaiserwürde eingesetzt wurde, 
während sich die Restitution im Jahre 834 nur auf das königliche 
Amt erstreckte. Indes spricht gegen diese Annahme sowohl die 
Tatsache, daß Ludwig sich selbst seit dem 1. März 834 wieder mit 
imperator bezeichnet ^, als auch der Umstand , daß das Kaiser- 
tum als Annex oder wenn man wdll als Potenzierung des fränkischen 
Königtums galt, und daß die kaiserliche Gewalt nicht als eine von 
der königlichen verschiedene gedacht wurde : ,,Die königlichen Rechte 
waren Kaiserrechte geworden" '. 



^ Schreuer, Die rechtlichen Grundgedanken der französischen Königs- 
krönung (Weimar 1911) 115 ff. ^ Nithard a. a. O. 6. 

^ Waitz, Deutsche Verfassungsgeschichte II 2 (3. Aufl.), 174 f. 

* Schreuer a. a. O. 68. » Vgl. S. 269. 

« Böhmer-Mühlbacher a. a. O. Nr. 927. 

' Brunner, Deutsche Rechtsgeschichte II (Leipzig 1892) 94. Vgl. Waitz 
a. a. O. III 2 (Kiel 1883) 249 f.: „Es ist aber nicht ganz deutlich, seit wann man 
sich der Krone in dieser Weise bedient (Krone als Insignie der Herrschaft) und 
ob die Kaiserkrönung vielleicht hierauf einen besonderen Einfluß geübt hat. Später 
wird kein bestimmter Unterschied zwischen der königlichen und kaiserlichen 
Krone gemacht." Bezugnelimend auf die Krönimg vom Jahre 835 erklärt Waitz, 
„daß kein Gegensatz zu einer Königskrönung gemeint ist" (S. 250 A. 2). 



Wiedereinsetzung Kaiser Ludwigs des Frommen 273 

Wenn wir somit die Restitution des Kaisers in seine volle 
Gewalt, ebenso wie die Rekonziliation als rechtlich schon im Jahre 
834 geschehen annehmen, so kann der Grund ihrer Wiederholung 
nur in der Forderung des Kaisers selbst gelegen sein. 
Durch die Übernahme der öffentlichen Kirchenbuße, bewogen 
— um nicht zu sagen gezwungen ^ — durch die wiederholten Vor- 
stellungen des Gesamtepiskopates, hatte er sich vor den Großen 
des Reiches imd dem Volke gedemütigt. In der richtigen Er- 
kenntnis, daß seine aufrührerischen Sölme nicht bis zum Äußersten 
gekommen wären, wenn sie nicht gerade die führenden Persönlich- 
keiten im Episkopat auf ihrer Seite gewußt hätten, wollte der 
Kaiser nach der Bestrafung Lothars die Genugtuung für die in 
seinen Augen schwere Schädigung des kaiserlichen Ansehens auch 
in der Demütigung jener Kirchenfürsten verlangen, die damals seine 
Absetzung auf dem Lügenfelde (833) durch die Kirchenbuße zu 
St. Medard besiegelt hatten. Deutlich genug hat diese seine Ge- 
sinnung der Kaiser ausgedrückt in der ungewohnten, eiligen Schärfe, 
mit der er vom Augenblick seiner Rekonziliation an gegen Ebo 
von Reims, seinen hauptsächlichsten Gegner ^, vorgegangen ist ^. 
Sobald er von der Flucht Ebos hört und von seinem Versteck 
Kunde erhält, läßt er ilm gefangennehmen und im Kloster Fulda 
im Gewahrsam halten. Und da Ebo die gereizte Stimmung des 
Kaisers gegen ihn kannte, wollte er den Zorn des Herrschers be- 
sänftigen und seine Gnade wiedergewinnen, indem er nochmals 
öffentlich in mündlicher Erklärung wiederholte, was er schon 
schriftlich niedergelegt hatte: es sei das ganze Verfahren gegen 
den Kaiser wider Gerechtigkeit und Billigkeit geschehen *. Aber 
selbst dieses demütigende Bekenntnis genügte dem Kaiser nicht; 
da Ebo seinerzeit die Kirchenbuße zu St. Medard geleitet hatte, 
sollte er diesen Tag mit seiner Amtsentsetzung büßen; der Kaiser 
ruhte nicht, bis Ebo am 4. März freiwillig auf sein Bistum ver- 
zichtete. 



^ Vgl. L. Halphen, La p^nitence de Louis le Pieux ä St Medard de Soissons, 
in der Bibliothdque de la facult6 des lettrcs (de l'universitö de Paris) XVIII (1904) 
172 ff. 

^ Simsen a. a. O. 75. 

3 Ebenda 131 ff. 

* Ann. Bert. a. a. 0. 12: . . . „Sed et Ebo Reraorum pridem archiepiscopus 
. . . coram omnibus libera voce professus est, eundem augustum iniuste depositum, 
et omnia quae adversus eum patrata fuerant inique et contra totius tramitem 
aequitatis fuissc machtnata. . . ." 

Festgabe Knöpf lor 18 



274 Ludger Rid 

Die allgemeine Reichsversammlung in Diedenhofen zu Beginn 
des Monats Februar 835, die von fast allen Bischöfen besucht war ^, 
benutzte Ludwig vor allem dazu, um gerade durch eine Erklärung 
der Fürsten — vor allem der Kirchenfürsten — sein Ansehen unter 
dem Volke wieder zu heben. Gegenstand der Erörterungen war 
neben Einrichtungen der kirchlichen Disziplin ^ die Erörterung der 
Ereignisse der letzten Jahre: die Vorgänge, durch die ,,der fromme 
Kaiser durch die Treulosigkeit der Böswilligen und der Feinde 
Gottes ungerechterweise des väterUchen und ererbten Reiches und 
Thrones, sowie des königlichen Namens beraubt worden war" ^. 
Und klar erkennen wir aus der Art und Weise, wie der aus diesen 
Erörterungen hervorgegangene Beschluß notifiziert wurde, daß es 
sich um eine Zurechtweisung der im Jahre 833 beteiligten Bischöfe 
handelt. ,, Nachdem durch Gottes Hilfe die Umtriebe jener zu 
Schanden geworden, und der Kaiser in die väterhchen Ehren wieder 
eingesetzt und nach Recht und Gerechtigkeit mit der königlichen 
Würde bekleidet worden ist, haben alle fortan in treuestem und 
unbedingtestem Gehorsam und Untertänigkeit denselben als ihren 
Kaiser und Herrn zu ehren." "* Dieser Beschluß mußte — genau 
wie seinerzeit der Vorgang zu Soissons — doppelt zu Protokoll 
genommen werden. Jeder einzelne Teilnehmer an der Reichs- 
versammlung mußte die obige Erklärung in eigenhändiger Schrift 
abgeben ^, zugleich aber wurde noch eine vollständigere und aus- 
führlichere Schrift von der Versammlung gemeinsam ausgefertigt ^, 
in welcher der ganze Verlauf der Angelegenheit auseinandergesetzt 

^ Hincmar, De praedestinatione c. 36 (Migne 125, 390). 

^ Ann. Bert. a. a. O. 11: ,,inter cetera ecclesiasticae instituta disciplinae". 

^ ,,. . . ventilatum est, quod annis prioribus idem religiosissimus Imperator 
malivolorum Deoque adversantium tergiversatione immerito depositus patemo 
hereditarioque regno et honore et regio nomine fuerat." 

* Ann. Bert. a. a. O. 10: ,,inventum atque firmatum est, ut, iUomm factionibus 
divino auxilio cassatis, ipse avito restitutus honori decorique regio merito reformatus, 
deinceps fidelissima f irmissimaque oboedientia et subiectione imperator et dominus 
ab Omnibus haberetur". 

' Ann. Bert. a. a. O. 10: ,,Quam inventionis suaeque confirmationis seriem 
et unusquisque proprio scripto comprehendit propriaeque manus scriptione robo- 
ravit." 

• Ibidem: „Et plenius atque copiosius communi cunctorum descriptione in 
unum corpus in modum libelli comprehensa totius rei patratio, qualiter acta, 
ventilata, inventa et omnium subscriptione denuo digneque fuerit roboratA, de- 
votissima sincerissimaquo benivolentia et tantis patribus auctoritate dignissima 
cunctorum notitiae manifestissimxun facere non distulerunt." 



Wiedereinsetzung Kaiser Ludwigs des Frommen 276 

war, wie sie verhandelt, untersucht, befunden und scUießhch durch 
aller Erklärung und Unterschrift die Entscheidung aufs feier^ 
lichste beki'äftigt worden. 

War der Kaiser nun vor seinen Großen durch diese Erklärung 
gerechtfertigt, so gibt uns der Annahst auch an, was des Kaisers 
nächste Absicht war: ,,Sie (die Unterzeichner des Protokolls) 
zögerten nicht, diese ihre aufrichtigsten und ergebensten Ge- 
sinnungen, die ihrer hohen Stellung und ihres Ansehens würdigen 
Beschlüsse allem Volk zur Kenntnis zu bringen." ^ — Lud^\■ig wollte 
eben nunmehr auch in aller Form vor dem ganzen Volk in seine 
kirchlichen und königlichen Rechte von jenen Avieder eingesetzt 
werden, die 833 zu Soissons seine Buße und damit den Verlust 
der Herrscherrechte veranlaßt hatten vor allem Volke; denn 
einen tiefen Eindruck mußte es auf dasselbe machen, wenn die 
Bischöfe, nachdem sie den Kaiser unter Entfaltung des feierhchsten 
kirchlichen Zeremoniells rekonzilüert hatten, unter Anwesenheit 
sämthcher Großen des Reiches nunmehr die Krönung vollzogen. 
Das Volk mußte darin die Anerkennung der kaiserhchen Würde 
durch den Episkopat deuthch erkennen. Aber da alles, was zu 
Metz vor sich ging, ledigUch auf Wunsch des Kaisers zum Zwecke 
der öffentHchen Genugtuung für den Tag von St. Medard geschehen 
ist, konnte sein Biogi'aph von einer ,,plenaria restitutio" ^ berichten: 
die Rekonziliation und die Krönung zu Metz sind nur der formelle 
öffentliche Ausdruck dessen, was materiell bereits in St. Denis 
in Qegenwart eines kleinen Kreises geschehen war — der Re- 
konziliation und Restitution Lud^^^gs des Frommen: erst von 
diesem Augenblick an stand der Kaiser wieder im alten Glanz 
seiner Würde vor dem ganzen Volk, das ob dieses Ereignisses in 
hellen Jubel ausbrach ^ mid Gott dankte *. 



1 Vgl. S. 274 A. 6 Ende. 

•^ V. Hludovici a. a. 0. 640. 

' Ann. Bert. a. a. 0. 10: maximo omnium gaudio. 

* „omnes populi . . . multas Deo gratias reddiderunt". 



18* 



Liturgische Neuerungen 
der Päpste Alexaiider I. (c. 110) und Sixtus I. (c. 120) 
in der röniischen Messe nach dem liber pontiflcalis. 

Von 

Univ.-Prof. Dr. Theodor Schermann in München. 

Unter den Nachrichten des hber pontificahs über die Amts- 
tätigkeit der Päpste der ersten Jahrhunderte finden sich auch 
einige Angaben Hturgischer Natur, welche ernsthcher Prüfung be- 
dürfen. Schreibt schon der kritische Forscher dem ersten Teile 
des Papstbuches ^ überhaupt nur wenig geschichtlichen Wert zu, 
so hat der Liturgiker um so mehr Veranlassung ^, in der Verwertung 
der Notizen über die einzigen Neuerungen an der römischen Messe 
während der ersten drei Jahrhunderte, wie sie von Päpsten wie 
von Alexander I. ^ und von seinem Nachfolger Sixtus I. ausgegangen 
sein sollen, vorsichtig und auf der Hut zu sein. Wir düi'fen aber 
auch nicht ohne weiteres diese Sätze als reine Erfindungen be- 



^ Bis 354, d. h. zu der Zeit, wo der liberianische Papstkatalog, der Chrono- 
graph, nur die Nanxcn der Päpste aufzählt, wiirden die Notizen des Papst buches 
lange Zeit als willkürliche Naclirichten des KompUators betrachtet. Heute legt 
man auch vielen dieser Mitteilungen geschichtlichen Wert bei. Vgl. E. Stolz, 
Kirchliches Handlexikon, herausgeg. von M. Buchberger II (München 1907) 649 f. 
s. V. liber pontiflcalis. A. Brackmann, Prot. Realen cyklopädie XI ^ 440, 50: Der 
liber pontiflcalis ist sicherlich nicht die älteste Aufzeichnung über die Chrono- 
logie und Geschichte der Päpste. P. Lejay, Le liber pontiflcalis et la messe Romaine, 
Revue d'histoire et de lltt6rature rellgleuses II (1897) 182 f. 184 f. 

- Vgl. Adrian Fortescue, The mass. A study of the Roman llturgy (London 
1912) 135 f. setzt Zweifel in den Wert dieser Nachrichten. K. Jos. Merk, Der 
Konsekrationstext der römischen Messe (Rottenburg 1915) hat diese Mitteilungen 
des liber pontlficalis über Alexander I. gar nicht berück.siehtigt. 

^ Sebic Amtszeit wird zwischen 103 (Eusebius)— 114, oder zwischen 109—118 
angesetzt, vgl. Alb. Hauck, Prot. Kealencyklopädle P 338 Z. 44—49. L. Duchesne, 
Lo liber pontiflcalis I (Paris 1886) XCI über Alexander I., seine passio und die 
Nachrichten des Martyrologium Hicronymianum. 



Liturgische Neuerungen 277 

zeichnen; denn es läßt sich nicht einsehen, warum ein späterer 
Fälscher oder Kompilator gerade einen Papst mit einer höchst 
eingreifenden liturgischen Neuerung bedenkt, welcher sonst gar 
nicht hervortritt, ja fast ganz unbekannt ist, wie Alexander I.; 
es wird ihm im Papstbuch, nach dem ersten Zusehen zu urteilen, 
nichts weniger als die Einverleibung des Einsetzungsberichtes in 
der Messe zugeschrieben, also des hauptsächlichsten Teiles des 
römischen Kanons. Das scheint unmöglich angesichts der Tat- 
sache, daß zur Zeit der Abfassung des ältesten Teiles des Papst- 
buches in kirchlichen Kreisen die Meinung vertreten war, die 
römische Messe stamme in der Form, wie sie im 5. Jahrhundert 
gefeiert wurde, von Petrus ^. Wir müssen daher eine andere Er- 
klärung suchen, wobei vor allem die Bedeutung einzelner Worte 
der einschlägigen Nachrichten des Papst buches in Betracht kommt. 

Nach den besten Handschriften lautet die Nachiicht also: 
Hie (Alexander) passionem domini miscuit in praedicatione 
sacerdotum, quando missae celebrantur 2. 

Bißher lagen zwei bis drei Auslegungsversuche zu dieser Stelle 
vor. Die einen sahen darin ^ die Einfügung des Berichtes von 
der Einsetzung des Abendmahles in den Kanon der Messe an- 
gedeutet, Meil ei mit ,,qui pridie quam pateretur" beginnt. Es 
müßten demnach die Apostel und ihre Nachfolger bis Alexander I. 
durch ein anderes Gebet den Leib imd das Blut des Herrn gegen- 



^ Papst Innocenz I. an Bischof Deceutius von Eugubium (19. März 416). 
Vgl. Ferd. Probst, Liturgie der drei ersten christlichen Jahrhimderte (Tübingen 
1870) 242. Das Konzil von Trient sess. 22 c. 4 besagt, der Kanon der römischen 
Messe bestehe teils aus Worten des Herrn selbst, teils aus Überlieferungen der 
Apostel und aus frommen Zusätzen heiliger Päpste. 

^ Ausgabe von Theodor Mommsen , Monumenta Germaniae historica. 
Gestorimi pontificum Romanorura vol. I. Libri pontificalis pars prior (Berol. 
1898) 10. L. Duchesne, Le über pontificalis I (Paris 1886) 127. Vgl. R. vonXostitz- 
Rieneck, Zu den Brevierlektionen der Päpste Evaristos (26. Okt.) mid Alexander I. 
(3. Mai, röm. Proprium 11. Mai), Zeitschrift für katholische Theologie 29 (1905) 
159—165. Adr. Fortescue, The mass a. a. 0. 136 A. 1 übernimmt die Lesart. ,,in 
praedictions sacerdotum", welche keiner der Textzeugen bietet. Sowohl nach 
Duchesne wie Mommsen lesen einige Hss. pracdicationcm, einige precationem ; 
daneben findet sich vereinzelt „missas" und „cebrantur". 

3 Vgl. L. Duchesne, Le liber pontificalis a. a. 0. 127. R. Buchwald, Die 
Epiklese in der römischen Messe, Weidenauer Studien I (Weidenau 19Ü6) 34 35 A. 1 
nach Fortescue a. a. O. 136. Buchwald hält nicht an dem Namen Alexander I. 
fest, den das Papstbuch angibt, sondern schreibt diese Neuerung ehiem der Päpste 
des 2. Jahrhimderts zu. 



278 Theodor Schermann 

wärt ig gesetzt haben ^. In der Tat ^ hat Gregor I. in seinem Brief 
an Johann von Syrakus ^ bereits bemerkt, die Apostel hätten 
das Vaterunser als Konsekrationsgebet angesehen und gebraucht. 
Hier liegt wohl der erste Einfluß der Nachricht des Papstbuches 
auf die Erforschung der Liturgie der Messe vor ■*, welcher dann 
zu unheilvollen Erweiterungen führte ^. Insbesondere das römische 
Brevier erweitert den Satz zu der ausdrücklichen Erklärung, daß 
die Einfügung des Leidens des Herrn in der Messe darin bestanden 
habe, daß der Papst die Worte beifügte: ,,qui pridie quam pateretur 
. . . hoc est corpus meum." ^ Diese Auslegung findet sich mit 
geringen Abweichungen bei Pseudo-Isidor, Walafrid Strabo und 
noch in neuester Zeit '. 



1 



^ Scheinbar kommen dieser These zu Hilfe die Gebete in Didache c. 9 und 10, 
wo kein Einsetzmigsbericht steht. Wir haben aber hier keine regelrechte „Messe" 
vor uns, sondern die Aufeinanderfolge von Agape und Genuß (vorher) geheiligter 
Elemente. Vgl. Th. Schennann, Frühchristliche Liturgien (Die allgemeine Kirchen- 
ordnung IL TeU) (Paderborn 1915) 414 419 f. 

^ K. J. Merk, Der Konsekrationstext der römischen Messe (Rottenburg 1915) 
48 ff. Gregor I. hatte zu der alleinigen Üb\mg seiner Zeit, durch den Kanon be- 
ziehungsweise den Einsetzungsbericht die Gestalten zu verwandeln, noch das 
Vaterimser als mitkonsekrierend betrachtet. Offenbar hatte ihn die für ihn sonst 
unverständliche Stelle des Papstbuches dazu verleitet. 

3 Migne, P. lat. 77, 956. Der Papst verlegte die Rezitation des Vaterunsers 
von der Stellung nach der Kommunion zu Beginn des Kommunionteiles, hinter 
den Kanon, weil dies der Bedeutung des Gebetes in frühester Zeit, wo es von den 
Aposteln als konsekrierend gebraucht worden sei, mehr entspräche. Er ahmte 
aber dabei nur östliche Liturgien nach (mystagogische Katechesen Cyrills bzw. 
des Johannes von Jerusalem). Vgl. H. Grisar, Sul rito della messa, Civiltä cattolica 
anno 56(1905) vol. IV 708—718: Una lettera liturgica di S. Gregorio Magno a. 598. 

* Vgl. Ad. Franz, Theologische Revue 1916, 181: Im Mittelalter war daher 
auch die Ansicht verbreitet, die Apostel hätten nur mit dem Gebete des Herrn 
und den Einsetzimgsworten die Messe gefeiert (Durandus, Rationale divinorum 
officiorum 1. IV c. 1). 

^ R. von Nostitz-Rieneck, Zu den Brevierlektionen der Päpste Evaristos 
(26. Okt.) und Alexander I. (3. Mai, römisches Proprium 11. Mai), Zeitschrift für 
katholische Theologie 29 (1905) 159 ff. 

^ S. R. von Nostitz a. a. O. 159: ,,in memoriam passionis Christi prhnus in 
sacrificio missae addidit: qui pridie" usf. Ferner wird demselben Papste im Pro- 
prium Romanum wie im Brevier eine Verordnmig zugeschrieben, wonach nur die 
Darbringung von Brot und Wein bei der Messe erlaubt sei; daß aber der Wem 
mit Wasser gemischt werden müsse, weil aus der Seitenwmide des Herrn Blut 
und Wasser hervorflossen. 

' R. von Nostitz a. a. O. 161 f. Der Canon Alexandri ..in sacramentis" in 
mittelalt erliciien Rechtsbüchem. 



Liturgische Neuerungen 279 

Vereinzelte Gelehrte glaubten, das Wort praedicatio von der 
Predigt verstehen zu sollen, andere behalfen sich mit textlicher 
Verbesserung des ,, praedicatio" in ,,precatio", so daß manche 
frühere Ausgaben die Lesart ,,precatione sacerdotum" ^ vorzogen. 

Die Lösung der Frage hängt von der Bedeutung von ,, praedi- 
catio" ab. Das Wort heißt nämlich nicht allein ,, Predigt", sondern 
jedes,, laut Vorgetragene". Ebenso wie das Zeitwort praedicare 
den Begriff des Bekanntmachens ^ oder ^ auf kirchlichem Gebiete 
des Predigens ^ erhielt, hat auch praedicatio ^ zunächst die Be- 
deutung des vernehmbaren Vortrages behalten, der nicht allein 
in der Mitteilung von religiösen Wahrheiten, sondern auch in anderen 
liturgischen Verrichtungen vorkommen kann. 

Li einem bestimmten Falle, unter Beziehung zu Gebeten der 
Messe, welche ausschließhch der Priester laut und zur vornehm- 
hchsten Handlung spricht, kommt praedicatio bereits in dem 
10. Kanon des Konzils von Ikonium in der ersten Hälfte des dritten 
Jahrhunderts ^ vor. Es ist darin von Vornahme Hturgischer Ver- 

^ R. von Nostitz a. a. O. 160f. A. 5: „Nur späte und minderwertige Hss. lesen 
precatio. In der Editionsgeschichte dagegen herrschte precatio" (von der Köbier 
Ausgabe von Crabbe 1551 bis Mansi), ,,von den älteren Gelehrten wird der Satz 
denn auch so zitiert" (Baronius, Suarez, Coustant). Mommsen und Duchesne 
setzten die Lesart „praedicatio" wieder in ihr Recht ein. 

2 Praedicare evangelium (z. B. Mt. 9, 35) = KTjQ^aaeiv eiayyiXiov, vgl. 
J. Chapman, Bamabas and the westem text of Acts. Revue benedictine 30 (1913) 
219 ff. (Bamab. 5, 8 9). 

^ Vgl. Aeg. Forcellini, Totius Latinitatis lexicon IV (Prati 1868), s. v. prae- 
dicatio = actus praedicandi et palam faciendi (Cicero, Apuleius u. a.), bei den 
Kirchenschrif tsteUem : enuntiatio evangelii vel doctrinae sacrae, Vulgata (1 Kor. 
15, 1 2. Galat. 2, 2); Ambros. in ps. 118, serm. 13 n. 23 u. a. Beispiele. Im über 
Pontificalis kommt praedicatio = Predigt 2 mal vor, s. ed. Mommsen a. a. O. 3, 6; 
161, 10; vgl. dazu R. von Nostitz a. a. O. 160 164 f. Femer praedicatio (ecclesia- 
stica, apostolica) = n^Qvyfia (änoaTOÄiKÖv) in der Rufinischen Übersetzimg der 
Schrift desOrigeneS7re()4 ägxüiv, s. Th. Schermann, Die kirchliche Überlief erung des 
2. Jahrh. (Die allgemeüie Kirchenordnung III. Teil) (Paderborn 1916) 716 723 f. 
(s. Register s. v. praedicatio). 

* Vgl. noch das Schreiben Johannes' VIII. (879) an den Slavenapostel Me- 
thodius über die Einführung der slavischen Sprache zur Liturgie: „praedicare 
vero tibi licet", Aug. Nagle, Kirchengeschichte Böhmens I, 1 (Wien 1915) nach 
W. Posselt, Theol.-prakt. Quartalschrift 69 (Linz 1916) 161. 

* Du Gange, Glossarium mediae et inf imae latmitatis auctum cura P.Carpenterii, 
digessit HenschelVI (Niort 1886) 456 praedicatio = contio ad populmn (mit Beispielen). 

^ Baronius datierte sie in das Jahr 258, K. J. Hefele dagegen miter Alexander 
Severus (222—235), s. C. J. Hefele-H. Leclercq , Histoiro des conciles I 1 (Paris 
1907) 159 f. 161. 



280 Theodor Schermann 

richtungen durch eine Frau die Rede, welche sich priepterhche 
Rechte anmaßte, sogar die Verwandlung vornahm und das Opfer 
Gott ohne die gewohnten hl. Worte, an die man gebunden ist, 
darbrachte. Das sacramentum solitae praedicationis machte 
offenbar das Wesentliche der Herstellung und des Opferaktes der 
Eucharistie aus ^, so daß wir den Ausdruck mit eucharistischem 
Hochgebet oder mit Kanon gleichstellen dürfen. Diese Bedeutung 
ist auch sonst anzutreffen, wie eine Bemerkung des Hber ponti- 
ficalis über Gregor I. ^ beweist. Es muß die Bemerkung des über 
pontificalis zu Alexander I. in demselben Sinne von einem be- 
sonderen Gebet, das der Bischof laut betete^, verstanden werden; 
denn daß in die Predigt der Priester eine Erwähnung des Leidens 
des Herrn eingeflochten werden müsse, dafür ist kein Grund ein- 
zusehen. Im Texte liegt nämlich der Nachdruck ebensosehr auf 
,,sacerdotum" wäe auf ,,praedicatio", so daß nicht an eine besondere 
Predigtart der Priester (oder der Bischöfe) ^ im Gegensatz zu dem 
Inhalt der Predigt, welche etwa die Diakonen halten^, zudenken ist. 
Der Text fügt daher zu den Worten ,,in praedicatione sacerdotum" 



^ Ferd. Cabrol et Henr. Leclercq, Monumenta ecclesiae liturgica, volum. 
prius. Reliquiae liturgicae vetustissimae, Sectio prima: Ab aevo apostolico ad 
pacem ecclesiae (Paris 1902) 218 n. 2359: atque illa mulier quae prius per praestigias 
et faUacias daemonis multa ad deceptionem fideliura moliebatur, inter cetera 
quibus plurimos ceperat, etiam hoc frequenter ausa est, ut et invocatione non con- 
temptibili sanctificare se panem et eucharistiam faccre simularet et sacrificium 
Domino sine sacramento solitae praedicationis offerret, baptizaret quoque etc. 

2 ed. Mommsen 161, 12: hie augmentavit in praedicatione m canonis 
,,diesque nostros in tua pace dispone". 

^ Als Kanon der Messe faßt dies Wort hier P. Lejay, La messe latine, Revue 
d'histoire et de litt6rature religieuses II (1897) 288. 

* ,,Sacerdos" begreift sowohl den episcopus wie den presbyter in sich. Vgl. 
die lateinische Version der allgemeinen Kirchenordnung und die Benennimg der 
Liturgen (ed. Tii. Schermann, Die allgemeine Kirchenordnmig des 2. Jahrh. I. Teil 
(Paderborn 1914) 39, 4; 46, 1; 59, 2; 90, 7, wo der Bischof princeps sacerdotum 
genannt wird). Dieser Sprachgebrauch von sacerdos lebte fort, s. Max Bonnet, 
Le Latin de Gr^goire de Tours (Paris 1890) 237. 

^ Die apostolische Kirchenordnmig (K. 20, 3), Ausgabe Th. Seh., Die all- 
gemeine Kirchenordnung 1 29, 5. Über den Diakon Valens und dessen Aus- 
legung der hl. Schriften8.Euseb.de martyr. palaestin. 11. Die Bemerkmig „praed. 
sacerdotum" kann nicht wohl auf den Fall anspielen, daß mancherorts an Sonn- 
tagen gerade der Bischof oder ein Presbyter predigte, wie Athanasius aus Alex- 
andria berichtet, so daß an diesem Tage ein besonderer Pnxligt Inhalt vorgeschrieben 
gewesen wäre. Vgl. Th. Schermann. Die ägAptischen Abendmahlsliturgien des 
1. Jahrtausends (Paderborn 1912) 147 A. 1 2. 



Liturgische Neuerungen 281 

bei: ,,quando misBae celebrantur". Auch hier gilt der Grundsatz: 
Die schwierige Lesart muß beibehahen ^ und erklärt werden. 

Hat der Kompilator des Papstbuches nicht eine völlig sinn- 
lose Nachricht erfunden, sondern eine seinerzeitige Neuerung nur 
in ältere Zeit versetzt, so muß davon in dem jetzigen Kanon der 
römischen Messe, welcher nach aller Annahme ^ zwischen 400 und 
450 spätestens seine jetzige Gestalt erhielt, noch eine Spur gefunden 
werden. Wir müssen daher im wesentlichsten Teile, im Einsetzungs- 
berichte und dessen Umgebung, nach Worten Umschau halten, 
welche sich mit der Nachricht des Papstbuches decken, nachdem 
in den Fürbittgebeten des Kanons keine Ähnlichkeit vorhanden ist. 

Manche erinnerten deshalb an die Anamnese ^ der römischen 
Messe, welche nach Art von 1 Kor. 11, 25 aufgebaut ist'*, so daß 
hierin die eigenartige Einfügung des Leidens des Herrn zu erkennen 



^ Nur wenige Zeugen lassen die Worte ,,quando ntiissae celebrantur" aus. 
Mommsen wie Duchesne bieten sie als Originaltext. Der letztere dagegen meint, 
die Worte „semblent etre une glose du second editeur". Die beiden epitomierten 
Texte (F und K) bieten aber allein die Worte nicht, nämlich die Epitome Feliciana 
(= F), die mit Felix IV. (530) endigt, und die Epitome Cononiana (K), die mit 
Conon (t 687) schließt, Mommsen p. LXIX und LXXI. Nach diesen zwei Zeugen 
versucht Duchesne eine Wiederherstellung der ersten Ausgabe des Papst buches, 
wo die Worte qu. m. celebr. fehlen. Duchesne S. 54. Vgl. R. von Nostitz a. a. O. 
160. Aber da, wo Duchesne S. 127 den Text nach allen Zeugen gibt, hat er die 
Worte als ursprüngliche Lesart aufgenommen. 

2 Über die Thesen von P. Drews, A. Baumstark, F, X. Funk und anderer 
s. K; J. IMerk, Der Konsekrationstext der römischen Messe (Rottenburg 1915) 
und Adr. Fortescue, The mass (London 1912). G. Morin, Die consultationes 
Zacchaei et ApoUonii, Historisches Jahrbuch 37 (1916) 265. 

^ So A. Fortescue a. a. O. 136 (346), der zugleich die Ansicht vertritt, es 
möchte wie in dem Einsetzungsberichte der pseudo ambrosianischen Schrift de 
sacramentis IV 5, 22 der Zusatz „pridie quam pateretur" (Fortescue 130) auch zu den 
Worten über den Kelch ursprünglich beigefügt worden sein. Dies ist aber nur durch 
den symmetrischen Aufbau der beiderseitigen Segensworte über Brot und Wein ver- 
anlaßt. Die Einsetzungsworte der römischen Messe haben nichts davon erhalten. 

* Im Kanon der römischen Messe lautet der Satz: haec quotiescumque 
feceritis, in mei memoriam facietis. Unde et memores Domine . . . eiusdem Christi 
filii tui Domini nostri tam beatae passionis .lecnon et ab infcris resurrectionis etc. 
lustin apol. I 66, 1; dial. c. Tryph. 41, 70, 117; die Stellen ausführlich bei Th. Seh., 
Frühchristliche Liturgien a. a. O. (1915) 430 f. Im liturgischen Papyrus von Der 
Balyzeh (Th. Schermann, Texte und Unters. XXXVI Ib [Leipzig 1910] 20 f.) fehlt 
l Kor. 11, 25b: tovto noieXxs öauKig iav nlvrjte elg zijv ifirjv dvdftvrjaiv , da- 
gegen ist 1 Kor. 11, 26 zur Anamnese ausgestaltet. In der allgemeinen Kirchen- 
ordnung (K I 31, 9 10; Th. Seh. T [1914] 44, 6 f.): quando hoc facitis, meam com- 
memorationem facitis. Memores igitur mortis et resurrectionis. . . . 



282 Theodor Schermann 

wäre ^. Doch eine solche Erwähnung gehört nicht erst der Zeit 
des beginnenden 5. Jahrhunderts an, sondern zum Urbestande 
der römischen Messe, wie auch der Einsetzungsbericht. Aber auch 
dieser zeigt keine solche Neuerung. Die praedicatio sacerdotum, 
das damals noch laut gesprochene Hochgebet 2 der Priester, birgt 
in sich die Einsetzungsworte, und zwar in der Grundform, wie sie 
vor dem 2. Jahrhundert in apostohscher Einfachheit als die bloßen 
Herrnworte zur Erneuerung und Vollbringung dessen, was der Herr 
getan, vorgetragen wurden ^. Gegenüber allen uns erhaltenen 
liturgischen Berichten ist derjenige der römischen Messe der ein- 
fachste ^, welcher fast gar keine Weiterentwicklungen zeigt. Und 
die paar, welche er besitzt, lassen sich leicht erkennen und auf 

^ Vgl. G. Morin, L'anamiiese de la messe romaine dans la premiere moiti6 
du Ve siecle. Revue B6n6dictine XXIV 404-407. 

^ Es scheint, daß auch in der römischen Messe der Kanon imd daher auch 
die Einsetzungsworte bis zum 8. Jahrh. laut gesprochen wurden: G. Celi, Di un 
graffito di senso liturgico nel cimitero di ComodUla saec. VII. Nuovo Bullettino 
di archeol. cristiana XII (1906) 239—253. Vgl. dazu den über pontificalis über 
Gregor I.: in praedicatione canonis. In den orientalischen Liturgien wird die 
Anaphora heute noch im Sington vorgetragen, s. das Zitat aus Johannes Moschos 
bei Th. Seh., FrühchristUche Liturgien (1915) 430. 

^ Der Einsetzungsbericht der römischen Messe: hoc est enim corpus meum 
. . . hie est enim calix sanguinis mei novi et aetemi testamenti (mysterium fidei), 
qui pro vobis et pro multis effundetur in remissionem peccatorum gleicht im einzel- 
nen dem nur in Stücken mitgeteilten der sog. apostoUschen Kirchenordnung, 
dem von Justin erwähnten imd jenem der „rituellen ÜberUefenmg" am meisten. 
Th. Seh., Die allgemeine Kirchenordnung I (Text) (Paderborn 1914): K 26, 1 
(S. 32, 5) TOVTÖ dari ib aöjf*d fiov Kai tö alfia K I 31, 9 (S. 44, 2 5): hoc est corpus 
meum, quod pro vobis confringetur . . . hie est sanguis mens qui pro vobis effunditur, 
Justin apol. I 66, 3: Tom^cnt tö aüiftd fiov . . . tovtö iait tb atfid ftov. Der Be- 
richt des liturgischen Papyrus von Der Balyzeh (des ApoUoklosters) hat bereits 
Erweiterungen: Th. Seh., Texte und Untersuchungen XXXVI Ib (Leipzig 1910) 
15, 5-11; 18ff. 

* Vgl. K. J. Merk a. a. 0. 1 ff. 26 ff. 44 ff, (verglichen mit jenem anderer 
Liturgien). Im Stowe-Bobbio-Missale hat der Text zum Kelche das Einschiebsel: 
calix (sancti) sanguinis mei. Zu der Beifügung novi (et aetemi) testamenti im 
Einsetzungsbericht der römischen Messe (c. 400) gegenüber den biblisch über- 
lieferten imd deren Auslegmig durch mittelalterliche imd neuere Schriftsteller 
8. K. J. Merk a. a. O. 5 ff. 14 f. 153. Den verehizelten Zusatz qui pridie quam 
(pro nostra omniumque salute) paterctur, (hoc est hodie) in der Gründonnerstags- 
messe des alten gallikanischen Missale und von da mit Unterlassimg der letzteren 
Worte (h. e. h.) im ambrosianischen Kanon, im Missale Gothicum (in der Weih- 
nachtsmcssc) will G. Morin (wohl zu Unrecht) auf eine Richtiuig gegen den Prä- 
destinatianismus zurückführen. Revue B6nWictinc 27 (1910) 513 f. Dagegen 
Merk 146 f. 



Liturgische Neuerungen 283 

ihren Ursprung zurückführen ; sie haben alle nichts mit einer vom 
Papstbuch erwähnten Reform gemeinsam. 

Nur bei einem dieser Zusätze scheinen wenigstens die Worte 
„praedicatio sacerdotum" eine Rolle gespielt zu haben, nämlich 
bei der Einfügung von ,,mysterium fidei". Denn die einfachste 
Erklärung ist mit dem lauten Vortrag des Einsetzungsberichtes 
durch den Priester gegeben, bevor die Erhebung der Gestalten ^ 
aufkam. Von einem diakonalen Zwischenrufe ,,mysterium fidei" 
während der Wandlungsworte ^ über den Kelch ist in den Quellen 
nichts bekannt. Auch dürfte nicht eine etwaige Umhüllung des 
Altares durch Vorhänge ^ und deren Enthüllung bei diesem Akte 
an der Einverleibung schuld gewesen sein, sondern einzig der 
Grund, die Gläubigen und besonders eine Kategorie derselben, 
die Neugetauften, auf die vollzogene Wandlung aufmerksam 
zu machen. Sprachlich sind die Worte aus der liturgischen Auf- 
fassung der Sakramente im 4. Jahrhundert zu erklären, wobei * 

^ Nicht, wie man annahm, als eine Bekämpf img der Abendmahlslehre Berengars, 
siehe T. W. Drury, Elevation in the Eucharist. (Cambridge 1907) lOOff. und Thurston 
bei Adr. Fortescue, The mass a. a. 0. 338 f. Im römischen Ritus seit 1215, in 
Gallien seit Ende des 11. Jahrh. übUch. Die Erhebung des Kelches war zunächst 
nicht so allgemein. Die kleine Erhebimg der Hostie vor der Konsekration bei 
den Worten ,,qui pridie" beziehungsweise des Kelches bei „simili modo" seit dem 
11. Jahrh. (Micrologus) ist auf die Nachahmung der Handlimgen des Herrn zurück- 
zuführen, Drury 73 ff. 

^ Diese Theorie Ant. de Waals machte in neuester Zeit am meisten Schule. 
K. J. Merk a. a. O. 19 f. Dazu Fr. Witte, Von der altchristUchen Pyxis zur Mon- 
stranz, Bericht über den XXIII. intemation. eucharist. Kongreß (Wien 1913) 531 
erklärt die Einschiebung des Wortes also: „In alten Zeiten schlug nach vollzogener 
Konsekration der Subdiakon die den Altar verhüllenden Behänge auseinander, 
der Diakon trat vor und zeigte dem Volke die heilige Hostie über dem Kelche. 
Er tat das mit den Worten: ecce mysterium fidei". Ein solcher Ritus ist aber nicht 
überliefert. Vgl. F. Ritzner, Zur Geschichte des Konsekrationstextes, Theol.- 
prakt. Monatsschrift (Passau) 1916, 618—623. 

^ Vgl. hierzu St. Beissel, Bilder aus der Geschichte der altchristlichen Kunst 
und Liturgie in Italien (Freiburg 1899). K. Holl, Archiv für Religionswissenschaft 
IX (1906) 365 ff. über das Aufkommen der Bilderwand im Oriente, besonders in 
Konstantinopel. Gr. Marucchi, Handbuch der christlichen Archäologie. Deutsch 
bearbeitet von Fr. SegmüUer (Einsiedeln 1912) 416 f. (über Ikonostase). 

* Z. B. Ambrosius de mysteriis 1, 34 (Migne P. L. 16, 390 A): apertionis 
. . . mysterium (bei der Taufe), . . . hoc mysterium celebravit Christus (Marc. 7, 34); 
3, 9 (Migne 391 C) vetus mysterium; 6, 33 (Migne 398 C) humilitatis . . . mysterium. 
Auf andere lateinische und orientalische Parallelen macht K. J. Merk a. a. O. 
52 55 148 ff. aufmerksam, ebenda die mittelalterlichen Erklärungen der Worte. 
Der Meinung, als ob in den Worten eine Spitze gegen eine Epikleseauffassung 



284 Theodor Schermann 

eine Parallele aus Syrien, wie sie die apostolischen Konstitutionen ^ 
bieten, Fingerzeig für die Möglichkeit einer solchen Einverleibung 
bieten kann. 

Wir müssen also zwar hier die ,,praedicatio sacerdotum" in 
Betracht ziehen; allein damit ist volle Deckung der Nachricht 
des Papstbuches nicht gegeben. In dem jetzigen Kanon halten 
wir umsonst Umschau; das Papstbuch kann nicht jüngere Ver- 
hältnisse im Auge gehabt haben, sondern muß auf Neuerungen 
vor der römischen Kanonreform, also aus den ersten drei Jahr- 
hunderten Bezug nehmen. Wir sind da in der glückhchen Lage, 
auf zwei Meßformulare aus frühchristlicher Zeit zurückgehen zu 
können. 

Gerade in den letzten Jahren ^ wurde die Aufmerksamkeit 
auf ein Meßformular gelenkt, welches in nachapostohsche, wenn 
nicht apostolische Zeit gehört. Es ist das in der Ecclesiarum 
Traditio, der Urquelle der uns erhaltenen Kirchenordnungen, 
überlieferte Meßformular. Der Kanon dieser Messe enthält ak 
Überleitung zum eigenthchen Einsetzungsberichte eine hymnen- 
artige Lobpreisung des Leidens des Herrn ^ neben der Betonimg 
der Menschwerdung Chi-isti. Dieser Teil w^urde schon bisher in 
die Zeit um 100 oder in die Tage des Ignatius von Antiochia ver- 

liegen würde, kann ich nicht beipflichten. Es scheint, daß die Worte mysterium 
fidei zuerst bei der Taufmesse gesprochen wurden, um den Neugetauften 
auf die für ihn völlig neue Handlimg aufmerksam zu machen. Von dieser Ge- 
legenheit aus komiten sich die Worte rasch bei allen Messen einbürgern. Ambrosius 
de mysteriis 8, 47 ff. ; 9, 54 55 scheint dies anzudeuten. Von der Taufmesse sind 
so manche Eigentümlichkeiten in den allgemeinen Gebrauch übergegangen. 

^ AK. VIII 12, 36 (F. X. Fimk, Didascalia et Constitutiones apostolorum I 
[Paderborn 1906] 508, 21): tovto tb fivoTrJQiov r^g naivflg dta&rjKtjg' Äußere i^ 
aitov y.al (päyexe- tovtö iati to aw/nd ftov. 

" P. Cagin, L'oucharistie. Canon primitif de la niesse ou formulaire essentiel 
et promier de toutes les liturgies (Rome 1912). Gleichzeitig Th. Seh., Ägyptische 
Abendmahlsliturgien des 1. Jahrtausends (Paderborn 1912) 17 ff. Derselbe, Ein 
Weiherituale der römischen Kirche am Schlüsse des 1. Jahrhunderts (München 
1913) 39 ff. Derselbe, Die allgemeine Kirchenordnimg, frühchristliche Liturgien 
und kirchliche Überliefermig I (Text) (Paderborn 1914) 42-43 (K I 31, 9 f.), 
II (frühchristliche Liturgien) (Paderborn 1915) 422 f. (mit weiterer Literatur) 
429 f. 469. H. Bruders, Werke über die Erklärungen des Meßritus, Zeitschrift 
für kathol. Theologie 37 (1913) 324 ff . 

^ K I 31, 9 (ed. Th. Seh., Die allgemehie Kirchenordnimg I [Paderboni 1914] 
43 Z. 4 ff.). Der Satz über die Menschwerdimg des Herrn zeigt antidoketische 
Tendenz und ist ein Dank imd Lobpreis an Gott Vater gerichtet. Es ist nicht 
unmöglich, daß nach dieser Abteilung, welche mit den Worten: et filius tibi (patri) 



Liturgische Neuerungen 286 

legt 1. Sollte er Alexander I. seine Entstehung verdanken ? Und 
sollte in dem liber pontificalis eine solche Erinnerung an diese 
Neubildung durch Alexander I. nachklingen? Wir möchten es 
vermuten, da die Bemerkung desselben Papst buches zu Sixtus I. 
(ca. 119 — 128) ebenfalls darauf hinzudeuten scheint. 

Dieselbe besagt ^ nämlich m'cht, daß das Trisagion vom Volke 
gesungen werde, wie man allgemein annimmt ^, sondern daß der 
Priester zu Beginn der eigentlichen Handlung es dem Volke nach- 
singe. Denn nur die Text Verderbnis, welche statt ,,populo" populus 
liest ^ und nirgends Anhaltspunkte hat, läßt dem grammatikalischen 
Aufbau mit ,,sacerdos incipiens" nicht Recht widerfahren. Der 
Priester nimmt also dem Volke das Trisagion ab, um damit den 



ostensus est ex spiritu sancto et virgine natus schließt, ursprünglich das Trisagion 
anschloß. Statt dessen wtirde an den Gedanken filius . . . natus angegliedert: 

Qui voluntatem tuam complens 

et populum sanctum tibi adquirens 

extendit manus cum pateretur 

ut a passione liberaret eos qui in te credideruiit. 

Qui cumque traderetur voluntariae passioni 

ut mortem solvat et vincula diaboli dirumpat 

et infemum calcet et iustos inluminet 

et terminum figat et resurrectionem manifestet. 

Accipiens panem gratias tibi agens dixit etc. 

Die griechische Rückübersetzung von Cagin siehe bei H. Bruders, Zeitschrift für 
kathoHsche Theologie 37 (1913) 330 f. 

^ Th. Seh., Frühchristliche Liturgien (Die allgemeine Kirchenordnmig II) 
(Paderborn 1915) 469. Derselbe, Kirchliche Überlieferung (Die allgemeine Kirchen- 
ordnmig III) (Paderborn 1916) 684 f. Auch die Kreuzigung des Herrn wurde von 
den Doketen verworfen (S. 685 A. 1; 701 A. 3; 702); also lag auch in diesen Sätzen 
eine antihäretische Tendenz. 

- ed. Mommsen p. 11, 11: hie constituit, ut intra actionem sacerdos incipiens 
populo hymnum decantaret: „sanctus, sanctus, sanctus Dominus Deus Sabaoth" 
et cetera. Die Textzeugen weichen wenig ab, nur einmal findet sich die Variante 
populum (Feliciana epitome); Duchesne 128 hat das Dekret nur in Kleindruck 
aufgenommen in der Form: hie constituit, ut i. act. s. i. populo hjMnnum decan- 
tare (t), da die sogenannte 2. Ausgabe dies Dekret vergessen habe. Aber kein 
Zeuge liest: populus, wie öfters angegeben wird. 

^ Vgl. A. Fortescue a. a. 0. 136, 322. Auch L. Duchesne, Le liber ponti- 
ficalis a. a. 0. 128 meint, daß der Verfasser des über pontificalis diesen Gebrauch 
des Trisagions in der Liturgie nicht vordatiert habe, sondern zu spät ange-setzt. 
Duchesne hatte offenbar den Sinn des Satzes nicht richtig erfaßt. 

* Dieser antiphonare Gesang, wohl aus dem kirchlichen Leben Kleinasiens 
entnommen, ist bereits in der Apokalj'pse zu erkennen. Vgl. Th. Seh., Früh- 



286 Theodor Schermami 

Kanon einzuleiten. Es war eine Vorschrift für den Liturgen, welcher 
offenbar in dem Dankgebet das Trisagion nicht sang ^, während 
das Volk es an einer Stelle, wo er eine Pause eintreten ließ ^, oder 
während der Präfation selbst, rezitierte. Denn schon der erste 
Klemensbrief erwähnt das Dreimalheilig ^ als liturgischen Volks- 
gesang ^. 

Die Verordnung Sixtus' I. hebt also jene Alexanders I. nicht 
auf, sondern ergänzt sie, indem sie bestimmt, daß der Priester 
das Trisagion trotz der Weisung seines Vorgängers über den neuen 
Präfationstext nicht imterlassen, sondern als Beginn des Kanons 
dem Volke nachsingen müsse. Damit waren aber noch verschiedene 
Möglichkeiten^ offengelassen; jene, gemäß welcher der HjTnnus 



christliche Liturgien a. a. 0. (Paderborn 1915) 460 f. 468. Derselbe Gebrauch mit 
christologischem Thema ist wohl bei Plinius ep. 96, 7 gemeint (Th. Seh., a. a. O. 
461 A. 5; 468 A. 4): carmen Christo quasi Deo dicere secum invicem. Anders 
H. Lietzmann, Carmen = Taufsymbol, Rheinisches Museum 71 (1916) 281 f. 
(nach späteren Zeugnissen). 

^ Wie in der Messe der allgemeinen Kirchenordnung (s. Th. Seh. , Die 
allgemeine Kirchenordnung I [1914] 42— 44), wo die Vorschrift Alexanders I. das 
Trisagion verdrängte. 

2 Auch jetzt noch singt in den orientalischen Liturgien der Chor das Trisagion, 
wie in der römischen gesungenen Messe, während der Priester schon den eigent- 
lichen Kanon betet. In dem Text der K I 31 mag die Pause zum Gesänge des 
Volkes nach den Worten: filius — natus eingetreten sein (Th. Seh., Die allgemeine 
Kirchenordnung I 43, 4). Nach dem liturgischen Papyrus scheint das Volk das 
Dreimalheilig während der Präfation des Priesters oder bei der Stelle ndvia 5h 
ndvzozi ae äyid^ei gesmigen zu haben; denn der Liturge fährt fort: äÄJ.ä fieiä 
7idvT(ov xöjv ae ayia^övTojv öe^ai nal tov fifiiieQov äyiaafiöv (Th. Seh., Texte 
u. Unters. XXXVI, Heft Ib, 12, Z. 12—14). In der Markusliturgie ist daher 
ein doppeltes Trisagion überliefert, s. Th. Seh., Der Aufbau der ägj'pt. Abend- 
mahlsliturgien vom 6. Jahrh. an, Katholik 1912 I 350. 

^ I Klem. 34, 5 6. Vgl. die Anaphora des liturgischen Papyrus des Apollos- 
klosters; s. Th. Seh., Der liturgische Papyrus von Der Balyzeh (Texte imd Unter- 
suchungen XXXVI, Heft Ib) (Leipzig 1910) 12 Z. 14 f.; 13 (mit weiterer Literatur). 
Derselbe, Frühchristliche Liturgien a. a. 0. (1915) 468 f. A. Fortescue a. a. O. 
136 322, 

* I Klem. 34, 7: nal fjfiETg ovv iv dfiovoia inl xö aiib avvax&ivtes a>5 i^ 
ivbg aiö/^arog ßoi^acofiev n^ög aitbv inTsvatg. Vgl. Fr. Leitner, Der gottesdienst- 
liche Volksgesang im jüdischen und christlichen Altertum (Freiburg 1906) 83 152. 
Über Melodie beim Gesang ebenda S. 83. 

^ Über die Verzweigung und Verwendung dieser Anaphora in den ver- 
schiedensten orientalischen Liturgien s. P. Cagin, L'eucharistie. Canon primitif etc. 
a. a. O. und Th. Schermami, Der Auf bau der ägj'ptischen Abend mahlsliturgien 
vom 6. Jahrh. an, Katholik 1912 I 341 f. H. Bruders a. a. 0. 328 ££. 



Liturgische Neuerungen 287 

des Leidens des Herrn vor das Trisagion des Priesters ^, also in die 
Präfation verlegt wurde, und jene, nach welcher der Priester sie 
für den eigentlichen Kanon, d. h. zur Überleitung zum Einsetzungs- 
berichte verwenden konnte. Ersterer Fall scheint bei der alt- 
römischen Liturgie vorgelegen zu haben, wenigstens zu einer Zeit, 
wo die Neuredaktion des Kanons vor sich ging. Unter dem Ge- 
sichtspunkte, daß der DreimaUieiliggesang des Priesters den eigent- 
lichen Kanon einleitete , welcher laut mit dem Kanon weiter- 
fuhr, ist auch die Verbindung mit ,,Te igitur, clementissime Pater" 
nach dem ,,Sanctus . . ., Dominus Deus Sabaoth" etwas Selbst- 
verständliches 2. 

Wenn nicht alle Anzeichen täuschen, haben wir in den beiden 
behandelten Verordnungen, welche das Papstbuch als einzige für 
den Inhalt der Messe aus den ersten drei Jahrhunderten überliefert, 
wirkliche Bestimmungen vor uns, deren Erfindung weder für das 
5. (bzw. 6.) Jahrhundert noch für gerade diese zwei Päpste unerklär- 
lich ist, zumal Alexander I. in der angebhchen Quelle des Papst- 
buches, in der depositio episcoporum ^, nicht einmal zwischen 
Evaristus und Sixtus eingereiht ist. Wir sind vielmehr der Meinung, 
daß der Verfasser des Papstbuches Nachrichten * vorfand, welche er 
selbst zwar nicht mehr verstand, die er aber dennoch ohne Änderung 
weiterbehielt. Auch hier muß jede Bemerkung auf ihre geschicht- 
liche Grundlage hin untersucht werden , welche sogar durch Ent- 
stellungen und spätere Zusätze stark überwuchert sein kann. In 
unserem FaUe decken sich aber die scheinbar ganz unwahrschein- 



^ So in den Präfationen Oberitaliens, welche die Arianer zitieren, s. Giov. 
Mercati, Antiche reliquie liturgiche Ambrosiane e Romane con un excursus sui 
frammenti dogmatici ariani del Mai (Studi e Testi 7. Roma 1902) 52 f., wo aller- 
dings ein anderer Wortlaut in der Erwähnung des Leidens und Todes des Herrn 
als in K II gegeben ist. 



^ Vgl. K. J. Merk, Der Konsekrationstext der römischen Messe (Rottenburg 
1915) 54, der auf das Alter des Te igitur- Gebetes hinweist; siehe F. X. Funk, 
Über den Kanon der römischen Messe, Kirchengeschichtliche Abhandlungen III 
(Paderborn 1907) 95. 

^ Mommsen a. a. 0. LXIII LXIV LXVI f. Alexander steht für sich bei 
der Bemerkung in miliario VI via Nomentana. 

* Vgl. A. Brackmaim, PRE, XI ^ 442 Z. 9: Die erste Ausgabe mag unter 
Anastasius I. (ca. 6. Jahrh.) erfolgt sein; der Verfasser hatte aber für die ersten 
drei Jahrhunderte mindestens zwei Quellen und ältere Aufzeichnimgen benützt 
(S. 440, 50 f.; 441, 6 ff.). 



288 Theodor Schermann 

liehen Nachrichten ^ mit gegebenen Größen, so daß an der Wahr- 
heit auch der ersteren kaum gezweifelt werden kann. 

Aber auch in der Zuteilung anderer liturgischer Neuerungen ^ 
an Päpste der ersten drei Jahrhunderte ist öfters ein geschicht- 
licher Kern zu erkennen; z. B. in einer Verordnung, welche dem 
Nachfolger des hl. Petrus Linus ^ beigeschrieben wird, daß keine 
Frau die Kirche ohne Schleier betreten dürfe, ferner in einer Weisung 
Alexanders I. * über die Beimischung von Salz zum Weihwasser 
zur Besprengung der Häuser, ferner in einer Anordnung des Papstes 
Telesphorus (125) ^ über die Abhaltimg der W^eilmachtsmesse 
um Mitternacht und über die Stunde der gewölmlichen Messe, 
über die Aufnahme des Gloria in excelsis Deo in die Weihnachts- 
messe zu Beginn des Opfers, oder in einer Verordnung des Euty- 
chianus^ (275 — 283) über die Segnung von Früchten, Bohnen 
und Trauben, oder in einer weiteren des Papstes Felix I. (269 — 274) 
über die Darbringung des Opfers an den Gräbern der Märtyrer. 



^ Dieselben fallen über das bei jedem Papste mit geringen Abweichungen 
Vorkommende mid Schematische hinaus, das auf Erfindimg oder literarischen 
Stil zurückgehen mag. Vgl. E. Stolz, Kirchliches Handlexikon II 649 f. 

- Wir glauben, daß das Urteil: „Im 1. Teile desL.P. gehen dieXotizen über 
Disziplin und Liturgie seltener auf gute Quellen zurück" (E. Stolz), nach weiteren 
Forschungen berichtigt werden muß. Auch P. Lejay, Le über pontificalis etc., 
Revue d'histoire et de litt6rature religieuses II (1897) 184 f. meint, daß nur die 
liturgischen Notizen über Symmachus (498—514), Gregor d. Gr. (590—604) und 
Sergius (687—701) wertvoll seien. 

^ ed. Mommsen p. 5: hie ex praecepto beati Petri constituit, ut mulier in 
ecclesia velato capitc introiret: eine Wiederholmig der apostolischen Vorschrift 
über die Kopfbedeckung der Frauen in der Kirche; vgl. 1 Kor. 11, 3—7 10; K I 
27, 1; II 43, 5, s. Th. Seh., Frühchristliche Liturgien a. a. O. (1915) 487. 

* Mommsen p. 10, 5: hie constituit aquam sparsionis cum sale benedici „in 
habitaculis hominum". Duchesne 127 bringt dazu aus dem Sacramentarium 
Gelasianum eine ähnliche Weiheformcl und aus AK. VIII 29 eine Parallele bei. 
Der Über pontificalis ist das ältsete Zeugnis für diesen Gebrauch. Über Weih- 
wasser im Altertum s. Th. Seh., Frühchristliche Liturgien a. a. 0. 293 A. 6; 295 
A. 1. Über Salzverwendung beim Taufakte s. ebenda 287 A. 3 4. 

^ Mommsen p. 12: hie fecit, ut natalem domiui nostri lesu Christi noctu 
missae celebrarcntur: nam omni tempore ante horae tertiae cursum nullus prae- 
sumeret missas celebrare, qua hora dominus noster ascendit crucem; et in ingressu 
sacrificii hymnus diccretur angelicus; hoc est gloria in excelsis Deo et cetera, tantum 
noctu natalc domiui. 

" Mommsen p. 38. Vgl. Allgemoine Kirchenordnung (K II 53 54), die Aus- 
gabe von Th. Seh. a. a. O. I (1914) 87, 8 ff.; 88, 7. 



Liturgische Neuerungen 289 

Nicht ohne Grund glaubten manche Forscher wirkHche Reste 
hturgischer Nachrichten darm erbhcken zu dürfen, wozu F. Probst ^ 
besonders die Einführung des Gloria in excelsis Deo unter Teles- 
phorus reclinete. Abgesehen von der nicht leicht zu erklärenden 
Tatsache, warum gerade diese Päpste mit Nachrichten bedacht 
wurden, sind keine völlig unmöglichen Notizen darunter, wenn 
man eine etwaige Umgestaltung im 6. Jahrhundert in Betracht zieht. 
Wir müssen annehmen, daß der Verfasser des liber pontificalis 
eine ältere Quelle benützte, die er teilweise nicht mehr recht ver- 
stand und manchmal zu verbessern suchte, daß aber der Kern 
der Nachrichten alt ist und römischen urkundlichen Aufzeichnungen 
entstammt. Hierzu rechnen wir vor allem die iVIitteilungen über 
die beiden Erlasse der Päpste Alexander I. und Sixtus I. 



^ Liturgie der drei ersten Jahrh. 241 ff. Vgl. F. X. Leitner, Der gottes- 
dienstliche Volksgesang a. a. O. 158 f. 191 f. 



Feat^ahe Knöpf 1er 19 



Der vermittelnde Charakter der thomistischen 

Staatslehre. 

Von 

Univ.-Prof. Dr. Otto Schilling in Tübingen. 

Die thomistische Staatslehre trägt ausgesprochen vermittelnden 
Charakter; stets bemüht sich Thomas von Aquin, den goldenen 
Mittelweg zu wandeln, indem er die schroff entgegengesetzten An- 
sichten sorgfältig prüft und, was sie an Wahrheit enthalten, in seiner 
Theorie zu verbinden sucht. So weiß er insbesondere die beiden 
Extreme des Individualismus und Soziahsmus glückhch zu ver- 
meiden und in echt christlichem Siime zwischen diesen Richtungen 
zu vermittehi. Auf die Erörterung der eben angedeuteten Ver- 
mittlung wird die folgende Untersuchung beschränkt, mewohl es 
nicht allzu schwer fiele, auch in anderer Hinsicht denselben Charak- 
ter zu erweisen. Da Thomas im wesentlichen die augustinische imd 
aristotelische Staatslehre kombiniert, so ist zunächst hierauf ein 
Blick zu werfen. 

1. Gierke ^ bezeichnet das Staatsideal des Aristoteles als ,, ent- 
schieden sozialistisch". Wer sich indessen eingehender mit dem 
aristotelischen Gedankenlo-eise befaßt, wh-d verschiedene Grmid- 
züge der Darstellmig entdecken, die zu dieser Bem-teihmg nicht 
stimmen woUen. So widerstreitet ihr zweifellos die Begründung 
des Privateigentums durch den Plülosophen. Sehen wir auch ganz 
ab von der naturrechtlich verstandenen mid zu verstehenden Art 
der Begründung, die sich schwerlich mit emer ,,entsclüeden soziali- 
stischen" Denkweise in Einklang wird bringen lassen, ein Moment 
der Rechtfertigung des Privateigentums widerstreitet jener Be- 
urteilung direkt, weil es eher ,, entschieden mdividualistisch" ist; 
,,es läßt sich", so erklärt nämlich Aristoteles ^, „mit Worten nicht 



* Das deutsche Genossenschaftsrecht III (Berlin 1881) 18. 
^ Pol. 2, ö. 12()3h. 



Der vermittelnde Charakter der thomistischen Staatslehre 291 

beschreiben, welche eigenartige Befriedigung es bereitet, wenn man 
etwas sein eigen nennen kann; gewiß hat ein jeder nicht umsonst 
die Liebe zu sich selbst, vielmehr ist sie uns von Natur eingepflanzt." 
Nimmt man hinzu, daß Aristoteles die Berechtigung des indivi- 
duellen Glückseligkeitstriebes schlechthin voraussetzt und an- 
erkennt und deshalb den höchsten Zweck des Staates geradezu im 
Lebensglück der Bürger erblickt und die entgegengesetzte Meinung 
energisch bekämpft ^, dann wird kaum mehr ein Zweifel daran 
möglich sein, daß jene Beurteilung sich als unzutreffend erweist. 
In Wahrheit hält Aristoteles zwar daran fest — und man wird darin 
eine Spitze gegen individualistische Zeitströmungen nicht ver- 
kennen dürfen — , daß der Staat ,,der Natur nach früher ist als Familie 
und einzelner, weil das Ganze fi'üher sein muß als der Teil" 2; aber 
er hält auch mit derselben Entschiedenheit daran fest, daß das 
Staatsganze, wie Zeller '^ richtig betont, ,, durch Befriedigung aller 
berechtigten Einzelinteressen sich aufbaue". Um diese Pole be- 
wegen sich seine Gedanken; des Aristoteles Staatslehre erscheint so 
als ein großangelegter Versuch, zmschen den gegensätzlich klingen- 
den Bestimmungen der angedeuteten Antinomie zu vermitteln; 
prinzipiell gelingt es ihm durch die Annahme, daß der Zweck des 
Ganzen und des einzehien in Harmonie stehen mid stehen müssen "*, 
weil ja der einzehie ein auf die staatliche Gemeinschaft angelegtes 
Wesen ist ^ und sich die natürlichen Grundtriebe nicht wider- 
sprechen können. Ebenso gelingt ihm auch die Vermittlung im 
einzelnen, wenigstens für die Regel; in wenigen Ausnahmefällen 
verfehlt er allerdings die richtige Mitte, so, wenn er unter dem Ein- 
fluß des althellenischen Staatsideals, aber doch auch wieder geleitet 
von dem Bestreben, das Wohl des einzelnen Bürgers sicherzustellen, 
nimmer zu rechtfertigende Eingriffe in das Leben der Familie 
empfiehlt ®. Augenscheinlich hängen diese Mißgriffe und hängt 
diese Unsicherheit mit einem wesentlichen Mangel seiner Natur- 
rechtslelu'e zusammen; Aristoteles bringt in seiner Politik, trotz 
der Annahme eines Naturrechts, nirgends die Idee der unantast- 
baren menschhchen Persönlichkeit, die Idee unverletzlicher per- 



1 Pol. 2, 5. 1264 b. 

^ Pol. 1, 2. 1253 a. Dies ist nach der Erklärung des hl. Thomas gemeint 
ordine naturae et perfectionis, non generationis. 

3 Die Philosophie der Griechen in ihrer geschichtlichen Entwicklung II, 2 ^ 
(Leipzig 1879) 699. * Vgl. Pol. 7, 2. 1324a. ^ Poi, 3^ g. 1278b. 

8 Ebd. 7, 16. 1335b. 

lÖ* 



292 Otto Schilling 

BÖnlicher Rechte des einzelnen Bürgers und Menschen auch dem 
Staate gegenüber bestimmt zum Ausdruck oder zur Geltung. 

2. Wenden wir unsere Aufmerksamkeit dem genialen Bischof 
von Hippo zu. Die Staatslehre des hl. Augustinus stimmt in 
wesentlichen Stücken mit der aristotelischen auffallend überein. 
Es ist hier nicht zu untersuchen, ob Augustinus dank seiner Geniah- 
tät zu ähnlichen Erkenntnissen gelangte wie der ihm nicht näher 
bekannte Aristoteles, oder ob er nicht vielmehi- durch Vermittlung 
der ciceronianischen Schriften mit ihrem reichen, von allen Seiten 
zusammengetragenen Wahrheitsgehalt mancherlei aristotelisches 
Gut direkt oder indirekt übernommen hat. In einer Hinsicht über- 
ragt seine Auffassung die des griechischen Philosophen, nämlich 
insofern, als Augustinus das Auge höher, nicht, ^\^e Aristoteles in 
seiner Staatslehre, nur auf die diesseitige Bestimmung des Menschen 
richtet. Der große Bischof hat erstmals den planmäßigen und um- 
fassenden Versuch unternommen, ,,die Welt- und Kulturwerte als 
relative Güter in das christhche Heil einzugliedern"^; geleitet von 
seinem Schöpfungs- und Vorsehungsbegriff und beeinflußt von 
neuplatonischen Vorstellungen, gelangt er zur Erkermtnis ,, rela- 
tiver Stufenwerte in der objektiven Welt" 2. Von dem so erstie- 
genen Höhepunkt aus bestimmt er auch den Sinn der staatlichen 
Gemeinschaft und ihren gottgewollten Zweck. Über der staat- 
lichen erhebt sich eine höhere Ordnung, deren Inhalt die Lex aetema 
bildet. Was nicht daraus abgeleitet ist, was ihr widerspricht, hat 
keinen Anspruch auf den Namen eines Gesetzes; ein ungerechtes 
Gesetz ist kein Gesetz ^. Der einzelne erhält so das Recht, dem 
staatlichen Willen entgegenzuhandeln, sobald derselbe der Lex 
aeterna oder, was in diesem Zusammenhang dasselbe ist, dem 
natürlichen Sittengesetz oder Naturrecht widerstreitet. Damit 
kommt eine große Idee zum Vorschein, die freilich ihrem Wesen nach 
längst im Chi'istentum feststand und deren absolute Geltung der 
Welt durch den Heroismus der Märtyrer zum Bewußtsein gebracht 
worden war, die Idee, daß der einzelne in gewissen Fällen die Be- 
fugnis besitzt, staatlichem Machtwillen und ,, Recht" entgegen- 
zuhandeln. Hier haben wir einen deutlichen Ansatz zu subjektiven 
Rechten, eine Vorstellung, die Aristoteles nicht geläufig war, ob- 
wohl auch ihm der Staat keineswegs der Inbegriff des Höchsten ist, 



* E. Troeltsch, Augustin (München und Berlin 191ö) 50. 
2 Ebd. 92. ■•' De Hb. arb. 1, 5, 11. 



Der vermittelnde Charakter der thomistischen Staatslehre 293 

was er sich auf Erden an Gutem und Erstrebenswertem zu denken 
vermag. Deckt sich auch der Sinn, in dem hier der Begriff des 
subjektiven Rechtes gebraucht wurde, nicht mit dem modernen 
,, subjektiven Recht", so wird doch kaum zweifelhaft sein können, 
daß jenes subjektive Recht, das Augustinus zwar nicht erstmals 
statuiert, aber tiefer und umfassender begründet hat, den denkbar 
höchsten moralischen Schutz der Persönlichkeit und ihrer erhaben- 
sten Güter bedeutet. Durch die prinzipiell klarere und schärfere 
Heraus arbeitung dieser Gedanken hat Augustinus der thomisti- 
schen Theorie die Wege bereitet. 

3. Thomas von Aquin kombiniert den Standpunkt des Ari- 
stoteles und Augustinus und baut auf dieser Grundlage eine Theorie 
auf, welche die beiderseitigen Vorzüge zu vereinigen versteht, die 
Fehler des Aristoteles vermeidet und den Gedanken der unan- 
tastbaren subjektiven Rechte weiter entwickelt. 

Thomas von Aquin stimmt mit Aristoteles und Augustinus 
überein, weim er den Zweck des Staates im Bene vivere (i. e. secvmdum 
virtutem) oder im Glück der einzelnen, wie es hienieden erreichbar 
ist 1, oder in der Herstellung der notwendigen (materiellen, geistigen, 
ethischen) Grundlagen und Voraussetzungen erblickt, die zur Er- 
reichung des höchsten individuellen Zieles erforderlich sind 2. Man 
könnte fragen: wiid nicht durch diese Bestimmung der staat- 
lichen Aufgabe, trotz der Betonmig des individuellen Elements, 
die Gefahr nahegerückt, daß das Einzelwohl ungebühi-lich beein- 
trächtigt wird, wenn es dem Staate zustehen soll, für das Bene 
vivere zu sorgen ? Liegt in solcher Aufgabe nicht die Kompetenz 
beschlossen, sich ins geistige und sittliche Leben ^\^Ukürhch ein- 
zumischen ? Ganz abgesehen von der Schranke, die das Dasein 
und die Überordnung der Kirche als Vertreterin des christlichen 
Sittengesetzes bedeutet, worauf hier nicht weiter einzugehen ist, 
müssen diese Fragen verneint werden. Denn einmal hat nach der 
Ansicht des hl. Thomas das staatliche Eingreifen stets zur Voraus- 
setzung, daß das Gemeinwohl dies erheischt ^. Eine weitere Be- 
grenzung der staatlichen Ingerenz hegt in der Bestimmung des 
Staates als einer die Tätigkeit des einzelnen ergänzenden, nicht etwa 
ersetzenden Institution*; ferner in der Konstatierung, daß der 



^ De regim. princ. 1, 14. 

" Vgl. Comm. in Eth. 10, 7; lectio IIa. De regim. princ. 1, 14. 

3 I II 90, 2; 100, II ad 3; II II 140, 1; 147, 3 usw. 

* De regim. princ. 1, 14; vgl. I II 104 f.; II II 47, 11. 



294 Otto SchiUing 

Zweck des Gesetzes nur auf das äußere, im Interesse des 
Gemeinwohles notwendige Verhalten gehe ^ ; vor allem aber in der 
ausdrücklichen, mit dem Naturrecht begründeten Statuierung von 
unverletzlichen individuellen Befugnissen. So schreibt Thomas 
selbst dem Sklaven das Recht der freien Selbstbestimmung zu in 
Dingen, die zur Natur des Körpers gehören (also z. B. das Recht 
der Eheschließung) 2. Dieses Naturrecht und die dadurch gegebenen 
Rechte hat auch die Kirche zu respektieren; sie verbietet daher in 
der Tat, daß beispielsweise Kinder von Juden bis zu einem gewissen 
Alter gegen den Willen der Eltern getauft werden; die Juden sind 
zwar Sklaven der Fürsten nach bürgerlichem Rechte, dieses schließt 
aber die Ordnung des natürlichen und göttlichen Rechtes nicht aus ^, 
d. h. durch das natürliche Recht werden dem bürgerlichen Schranken 
gezogen, die für dasselbe unübersteiglich sind, eine Regel, die 
Thomas in seiner Lehre vom Gesetze konsequent durchfülirt. Nicht 
als ob Thomas diese Idee und die damit zusammenhängende Vor- 
stellung gewisser natürlicher und daher unverletzlicher Menschen- 
rechte erstmals zum Ausdruck gebracht hätte ; das kanonische Recht, 
oder sagen wir, die Kirche hatte sie bereits festgelegt und sanktio- 
niert; aber der Fürst der Scholastik nimmt diese großen Gedanken 
in sein scharf abgegrenztes und allseitig durchdachtes System auf, 
wodurch sie teils infolge eben dieser systematischen Eingliederimg 
und klaren Entwicklimg, teils infolge der ^vissenschaftlichen Vor- 
herrschaft, die das System errang, zu gesteigerter Geltimg ge- 
langten. Deutlich tritt dabei zugleich ein weiterer wichtiger, mit 
dem Christentum unlösbar verbundener Gedanke hervor, nämhch 
die Hochschätzung der menschlichen Persönlichkeit. Diese Hoch- 
schätzung kommt immer wieder auch in der thomistischen Staats- 
lehre zu bestimmtem Ausdruck, so wenn die Forderung gestellt 
wird, der König habe die einzelnen zu achten sicut propria mem- 
bra *, so insbesondere bei der ganzen Beurteilung der TjTamiis ^. 
Demgemäß ist Thomas von Aquin weit davon entfernt, den 
einzehien und seine Persönlichkeit dem Ganzen und der Gemein- 
schaft zum Opfer zu bringen ; aber er opfert auch das Gemeinschafts- 
interesse nicht den mancherlei Einzelinteressen. Mit Aristoteles 
betont nämlich Thomas energisch, und er führt diesen Grundsatz 
gleichfalls konsequent in seiner Staats- und Gesetzeslelire durch, 



1 I II 96, 3; 100, 9. * II II 104, 5. '' II IT 10. 12 und ad 3. 

* De regim. priiic. 1, 12. * Ebd. 1, 3 ff . 



Der vermittelnde Charakter der thomistischen Staatslehre 295 

daß das Gemeinwohl „göttlicher" sei als das Wohl des einzelnen *; 
göttlicher ist jenes, weil es, wie Thomas diesen aristotelischen Aus- 
druck in augustinischer Weise deutet 2, ,,mehr zur Ähnlichkeit 
Gottes gehört" (dem göttlichen Gute näher kommt) als das Wohl 
oder Gut des einzelnen ; denn Gott ist die Quelle aller Güter. Daraus 
erhellt zur Genüge, wie wenig Thomas geneigt ist, das Interesse 
des Ganzen ungebührlich zu schmälern. 

Aber wird damit nicht schließHch doch das Individuum dem 
Staatsinteresse einfachhin geopfert ? Dies ist keineswegs der Fall. 
Denn der Staat hat ja die Aufgabe, die Voraussetzungen zu schaffen, 
auf daß die einzelnen ihr höchstes individuelles Interesse verfolgen, 
ihr Heil wirken können. Gerade, damit der Staat diese seine Auf- 
gabe zu erfüllen vermag, muß der einzelne bereit sein, die irdischen 
Güter einschließlich des Lebens, nur nicht eben die höchsten, 
seeUschen Güter, Tugend und Ewigkeitsberuf, zum Opfer zu bringen, 
wenn es das Gemeinwohl erheischt. Gemeinwohl und Einzelwohl 
sind so unauflöslich verknüpft: ersteres bildet die Voraussetzung 
des andern, nur auf Grund und mit Hilfe des Gemeinwohles ist 
die Erreichung des individuellen Wohles und der letzten Einzel- 
bestimmung denkbar; und gerade in deren Sicherung hat das 
Gemeinwohl und die ganze staatliche Gemeinschaft das vornehmste 
Ziel 3. 

Wir dürfen so mit vollem Rechte die Staatslehre des hl. Thomas 
als einen groß angelegten, glücklichen Versuch bezeichnen, zwischen 
den beiden Extremen des Individualismus und Soziahsmus in 
christlichem Sinne zu vermitteln. Es ist in der Tat so, wie Thomas 
annimmt: der Staat und der einzelne haben insofern denselben 
Zweck, als der Staat dem einzelnen die Erreichung seiner letzten 
Bestimmung ermöglichen soll ; daß diese vorausbestimmte Harmonie 
besteht, zeigt sich darin, daß der einzelne, je melir er sich persön- 
lich vervollkommnet und so seinem individuellen Ziele sich nähert, 
zugleich ein um so brauchbareres Glied der Gremeinschaft mrd; 
aber auch umgekehrt: der einzelne wird zur vollen und wahren 
Persönlichkeit nur, wenn er sich dem Ganzen, wofür er seiner natür- 
lichen imd ethischen Beschaffenheit nach bestimmt ist, einghedert 
imd unterordnet. 



^ Comm. in Eth. 1, 1; lectio 2g. 

2 Ebd. 

3 Vgl. II II 47, 10 ad 2; 51, 2 ad 2. 



296 Otto Schilling, Der vermittelnde Charakter der thomistischen Staatslehre 

Die Lösung des hl. Thomas von Aquin, die alle Gesichtspunkte 
berücksichtigt und das Wahre der extremen Ansichten vereinigt, 
ist ein klassisches Beispiel, wie Antinomien in einer höheren Einheit 
auszugleichen sind. ,,Es ist der Fortschritt von der rein verstandes- 
mäßigen Betrachtung des einzelnen zu der vernünftigen Erforschung 
der Gründe und Zusammenhänge der Weltordnung als eines Ganzen, 
daß wir die Antinomien in den Gedankenreihen nicht für aus- 
schließende Widersprüche ansehen. Das Denken auf der niedrigen 
Stufe erkennt die Folgerichtigkeit darin, daß es das eine Glied der 
Antinomie schlechthin ausscheidet und nur das andere in den 
Kalkül hereinzieht. . . . Systeme, in schroffer Konsequenz verfolgt, 
sind leicht zu vernichten, aber um Besseres an ihre Stelle zu setzen, 
dazu ist eine höhere spekulative Kraft erforderlich, als sie dem 
bloßen verstandesmäßigen Denken eigen ist." ^ Gerade m der 
souveränen Beherrschung dieser spekulativen Kraft zeigt sich der 
fürstliche Geist des Scholastikers in seiner ganzen bewunderns- 
werten Größe. 



^ F. X. Linsenmann, Lehrbuch der Moraltheologie (Freiburg 1878) 6 f , 



Ulricli Burcliardi. 

Ein Gedenkblatt zur Reformation in der Diözese Bamberg. 

Von 

Dr. P. Ulrich Schmidt O. F. M. in München. 

Am 31. Oktober 1917 begehen die Protestanten die 400jährige 
Gedächtnisfeier jener kühnen Luthertat, die die Losreißung eines 
großen Teiles unseres deutschen Vaterlandes von der katholischen 
Mutterkirche einleitete. Einen bescheidenen Beitrag zur Ge- 
schichte der beginnenden Reformation, soweit es sich um die Diözese 
Bamberg handelt, soll vorliegender Ai'tikel liefern. 

Große soziale und religiöse Schäden hatten den revolutionären 
Bestrebungen Luthers auf religiösem Gebiete schon lange vorher 
mächtig Vorschub geleistet; kein Wimder, wenn der Wittenberger 
Reformator fast in jeder deutschen Diözese wenigstens einige be- 
geisterte Anhänger und eifrige Verfechter seiner Lehre gefunden 
hatte. Auch in der Diözese Bamberg war dm'ch den großen Sitten- 
verfall aller Stände für Luthers Neuerung ein überaus günstiger 
Nährboden geschaffen worden. Wohl hatten ja mehrere Bischöfe 
dieser allgemeinen Sittenverderbnis eifrig entgegenzuarbeiten ge- 
sucht, aber das Beispiel anderer verschwenderischer und welthch 
gesinnter Oberhirten, ihre Anhänglichkeit an Gegenpäpste, imiere 
Empörungen und äußere Kriege machten all diese löbhchen Be- 
mühungen wirkungslos, während die benachbarten weltlichen 
Fürsten das Ihre taten, das Ansehen der katholischen Kirche all- 
mählich zu untergraben mid die Macht des Papsttums zu erschüttern, 
worin sie durch die zunehmenden Mißbräuche am römischen Hofe 
nicht wenig L"''nterstützung fanden. So gewami die lutherische Be- 
wegung in der Diözese unter dem damaligen Fürstbischof Georg III. 
Schenck von Limpurg (1505 — 1522) leicht Eingang und vieKache 
Verbreitung ^. Daß das Umsichgreifen der neuen Lehre, sogar in 

^ J. H. Jäck, Geschichte Bambergs von der Entstehung des Bistums im 
Jahre 1006 bis auf unsere Zeiten II (Bamberg 1809) 110 ff. 73. 



298 Ulrich Schmidt 

der Hauptstadt der Diözese, Rom nicht lange verhehlt blieb, zeigt 
die Tatsache, daß der edle Papst Hadrian VI. an den Magistrat 
der Stadt Bamberg ein Breve vom 30. Novbr. 1522 sandte, in dem 
der Papst nachdrücklich vor der Verführung durch die Irrlehre 
warnte und den Druck und Verkauf giftiger Bücher verbot ^. Doch 
das Schreiben hatte nicht den gewünschten Erfolg. Schon 1523 
wird in der fürstbischöflichen Stadt Bamberg öffentlich auf der 
Kanzel Luthers Lehre unter gi'oßem Zulauf des Volkes gepredigt. 
Das Einschreiten des Magistrates gegen die Neuerung half nichts, 
zumal sie durch die Wirren und Schrecken des Bauernkrieges nur 
noch gefördert wurde ^. 

Als Hauptförderer der Reformation in der Diözese erscheinen 
Johann Schwanhäuser, Kustos bei St. Gangolf, der Karmeht 
Euchar, der Domherr Jakob von Fluchs imd der damalige Hof- 
kaplan des Fürstbischofs, Ulrich Burchardi^. Mit welchem 
Rechte auch letzterer zu den eifrigsten Anhängern Luthers in der 
Diözese gezählt wird, das sollen die folgenden L^tersuchungen über 
den Werdegang dieses Mannes in etwas ausweisen. 

Über die Persönliclikeit von Ulrich Burchardi^ fheßen die 
historischen Quellen ziemlich spärlich. Schon das Geburtsjahr ist 
uns unbekannt. Doch läßt sich aus der Tatsache, daß er im Winter- 
semester 1500 an der Universität Leipzig von dem damaligen 
Rektor, Nikolaus Fabri von Grünberg, als Scholar immatrikuliert 
wurde ^, mit ziemlicher Sicherheit schheßen, daß er im zweitletzten 
Dezennium des 15. Jahrh. geboren sein muß, und zwar, wie der gleiche 
Matrikeleintrag besagt, in Waischenfeld ^ einem im Fränkischen 
Jura gelegenen Städtchen, das ehemals zum Kaiserlichen Hochstift 
Bamberg gehörte. Burchardis Eltern mögen wohl dem gut- 
situierten Mittelstande angehörte haben ; wenigstens legt diese Ver- 
mutung der Umstand nahe, daß der Sohn in der Lage war, die 

1 Fränkische Pro vinzial- Blätter 1802 (Baireuth) II Nr. 38, 795 ff . 

" J. H. Jäck a. a. 0. 152. 

3 Kirchcnlexikon I ^ {Freiburg i. Br. 1886) Sp. 1921. 

* In der ältesten Quelle, der „Matrikel der Universität Leipzig", heißt er 
Udalricus Borckhart de Weyßenfeldt. Aus den übrigen acht Variationen seines 
Schreibnamens habe ich die: Burchardi gewählt, weil er sich selbst in den drei 
von ihm herausgegebenen Schriften so unterzeichnet. 

^ G. Erler, Die Matrikel der Universität Leipzig I (Leipzig 1895) 437, im 
Codex diplomaticus Saxoniae regiae, 2. Hauptteil, Bd. XVI. 

" Auch für den Namen seines Geburtsortes fhiden sich in den Quellen neun 
verschiedene Schreibarten. 



Ulrich Burchardi 299 

Kosten des langen Universitätsbesuches, die Immatrikulations- 
und verschiedenen Promotionsgebühren zu bestreiten. Als er im 
Jahre 1511 mit 9 anderen Kandidaten die Magisterwürde erlangte, 
heißt es im Matrikelbuch ^ sogar ausdrücklich: ,, Keiner von ihnen 
war arm, sondern ein jeder konnte zahlen, was er für das Examen 
und Diplom schuldete." 

Von 1500 bis 1507 haben wir Ulrich Burchardi als Hörer an der 
Universität Leipzig zu suchen; denn 1507 begegnet ims sein Name 
zum zweiten Male in der Matrikel, und zwar als Bewerber um das 
Bakkalaureat bei der Artistenfakultät. Die Forderungen, welche 
man dabei an die wdssenschaft liehen Kenntnisse des Kandidaten 
stellte, waren sehr bescheiden. Nach einem Universitätsstatut ^ 
vom Jahre 1417 sollten des Bakkalaureats für würdig erachtet 
werden alle die, welche ,,pulcre intelligunt in grammatica, in parvis 
loycalibus et veteri arte, et competenter in aliis libris", Anforderungen, 
die nach unseren jetzigen Verhältnissen auch dann noch sehr mäßig 
bheben, als 1476 durch ein eigenes Statut ^ die Prüfungsordnung für 
die Bakkalaureanden etwas verschärft wurde, weil durch die bis- 
herige große Milde in den Examina die philosophische Fakultät 
etwas in Verruf gekommen war. In der Pfingstwoche 1507 wm'de 
Burchardi nach Ablegung des vorgeschriebenen Examens der 
erste philosophische Grad, das Bakkalaureat, durch seinen Pro- 
motor, den Magister Leonard Mertz, erteilt ■*. Schon bei der Be- 
werbung um diese Würde hatte Burchardi den herkömmlichen^ 
Eid abgelegt, nach Erlangung dieses Grades noch zwei Jahre in 
Leipzig zu bleiben, während dieser Zeit zu lesen, zu disputieren oder 
wenigstens eines Magisters Vorlesungen oder Übungen zu besuchen, 
ein Gelöbnis, das er um so gewdssenhafter zu erfüllen hatte, falls 
er sich um einen höheren Grad in der Fakultät bewerben wollte. 
In dieser mssenschaftlichen Tätigkeit verlebte der Bakkalaureus 
Burchardi weitere vier Jahre in Leipzig, bis er dann am 29. Dezbr. 
1511 unter dem Vizekanzler Magister Gregorius Breytkoph von 
Konitz aus der Hand seines promovierenden Magisters Georg von 



1 G. Erler, Die Matrikel der Universität Leipzig II (Leipzig 1897) 468, im 
Codex diplomaticus Saxoniae regiae, 2. Hauptteil, Bd. XVII. 

2 Fr. Zamcke, Die Statutenbücher der Universität Leipzig aus den ersten 
150 Jahren ihres Bestehens (Leipzig 1861) 314 Nr. 23. 

3 Fr. Zamcke, ebd. 416 ff. 

* G. Erler, Die Matrikel der Universität Leipzig II (Leipzig 1897) 429. 

* Fr. Zamcke, Statutenbücher 307 Nr. 10. 



300 Ulrich Schmidt 

Meiningen die Insignien eines Magisters erhielt ^. Damit hatte er 
den höchsten wissenschafthchen Grad erreicht, den die philo- 
sophische Fakultät zu verleihen hatte. Als Magister artium oder 
philosophiae hatte Burchardi statutengemäß 2 von jetzt ab zwei 
Jahre lang wenigstens drei Monate in jedem Semester einige zum 
Bakkalaureat oder Magisterium vorbereitende Vorlesungen zu 
halten. Schon nach Ablauf dieses Bienniums begegnet uns Bur- 
chardi in der Universitätsmatrikel im W. S. 1513 als Promotor 
zur Magisterwürde einem geistlichen Landsmann gegenüber und 
dann als Promotor von 4 Bakkalaureanden ^, ein Recht, das ein 
Magister der Philosophie erst ausüben durfte, wenn ihm bereits 
eine bestimmte Vorlesung (Ordinarium) übertragen und er somit 
actu regens geworden war ■*. Um das Jahr 1515 muß er dann 
auch noch Aufnahme in das Konsilium oder den Senat der philo- 
sophischen Fakultät erlangt haben; denn um diese Zeit unter- 
zeiclmet er mit 14 Kollegen eine Bittschrift an den Herzog Georg 
von Sachsen, in der dieser ersucht wird, einem Richard Crocus, 
damals Professor der griechischen Sprache an der Universität Leip- 
zig, ein Stipendium von 100 Goldgulden zu gewähren, damit dieser 
tüchtige Mann, der bereits einen Ruf nach Böhmen erhalten habe, 
der Leipziger Alma Mater nicht verlorengehe und auch die christ- 
liche Religion selbst, bei der Bedeutung der griechischen Literatur 
für das Neue Testament, keine Einbuße erleide ^. 

ImS. S. 1514 erscheint Burchardi unter den von den Magistern 
der Theologie und Philosophie aufgestellten Lectores deputati, 
eine Institution, welche die Universität Leipzig erst seit dem Jahre 
1502 kannte. In diesem Jahre reformierte nämhch Herzog Georg 
die tief gesunkene Hochschule und traf für die Artistenfakultät 
unter anderem auch die Bestimmung, daß die ordentlichen Vor- 
lesungen fortan unentgelthch gehalten werden sollten, daß aber 
den mit diesen Vorlesungen beauftragten Magistern (Lectores 
deputati) ein nach dem Umfang der Vorlesung sich richtendes 
Honorar ausgeworfen werden sollte ^, das in der Höhe zwischen 

^ G. Erler, Die Matrikel der Universität Leipzig (Leipzig 1897) 468. 
2 Fr. Zamcke, Statutenbücher 313 Nr. 8. 
» G. Erler a. a. O. 488 ff. 

* Fr. Zamcke, Statutenbücher 310 Nr. 8. 

"* Br. Stübel, Urkundenbuch der Universität Leipzig von 1409 bis 1555 
(Leipzig 1879) 406 f., im Codex diplomaticus Saxoniae regiae. 2. Hauptteil, Bd. XI. 

* Br. Stübel, Urkundenbuch der Universität Leipzig von 1409 bis 1555 
(Leipzig 1879) 265. 



Ulrich Burchardi 301 

5 und 40 fl. für den einzelnen Lector deputatus sich bewegend ^, zu- 
erst vollständig (207 fl.) von der philosophischen Fakultät und seit 
1504 teilweise aus den Zinsen einer bischöflichen Stiftung be- 
stritten wurde ^. Als solcher Lector deputatus nun hielt Burchardi 
von 1514 bis 1517 an der Universität die ihm zugewiesenen Vor- 
lesungen, und zwar im S. S. und W. S. 1514 über Petrus Hispa- 
nus ^, S. S. 1515 über die vetus ars ^ W. S. 1515 über peri- 
hermenias et topicorum^, S. S. und W. S. 1516 über nova 
logica ^, S. S. 1517 beschließt er einstweilen seine Lehrtätigkeit an 
der Leipziger Universität mit seiner Vorlesung über Petrus Hispa- 
nus '. 2 Magistri und 17 Bakkalaurei hatten zudem in den Jahren 
1514 bis 1516 von Burchardi als Promotor die Lisignien ilirer 
neuen Würde aus seiner Hand erhalten ^. 

Wohl schon als Scholar, sicher aber als Bakkalaureus der 
Philosophie, hatte Burchardi an der Universität Leipzig auch 
theologische Vorlesungen gehört in der Absicht, sich einmal dem 
geistlichen Stande zu widmen. Die ,,Signatura promotorum in 
theologia" ^ berichtet uns nämlich unter dem 17. April 1515, daß 
der ,,venerabilis dns mgr. Udalricus Borckardi de W esschen jeJdt 
assurnftus est ad legendum cursum in theologia". Aus diesem Ein- 
trag ersehen wir, daß der Genannte wälirend seines Leipziger 

^ G. Erler, Die Matrikel der Universität Leipzig II (Leipzig 1897) 389. 

2 G. Erler, ebd. S. LXXIII. 

3 G. Erler, Die Matrikel der Universität Leipzig II (Leipzig 1897) 493 498. — 
Petrus Hispanus ist der Schriftstellemame für Papst Johann XXI. (1276—77), 
der mehrere philosophische Werke verfaßt hat, unter denen die Summulae 
logicales besonders wichtig sind, da sie lange in den Schulen gebraucht und oft 
kommentiert wurden. KL. VI ^ Sp. 1583 f. 

* G. Erler, ebd. 501: Die vetus ars oder nach dem gebräuchlicheren Aus- 
druck die logica vetus ist die Logik, wie sie auf Grund der Isagoge Porphyrs, 
der aristotelischen Schriften: De interpretatione und De categoriis und der 
logischen Traktate des Boethius bis kurz vor der Mitte des zwölften Jahrhunderts 
doziert wurde. Die zweite Entwicklungsphase der mittelalterlichen Logik bildet 
die logica nova, welche auch die Kemitnis der beiden Analytika, der Topik und 
der Sophistici elenchi des Aristoteles, sowie des Traktates De sex principiis 
des Gilbertus Porretanus umfaßt. (Dr. Matthias Baumgartner, Friedrich Über- 
wegs Grundriß der Geschichte der Philosophie der patristischen und scholastischen 
Zeit 10 [Berlin 1915] 527 201 f.) 

^ G. Erler, ebd. 506. — Der Liber periermenias (ne^l iQfAtjvetas) in der 
Übersetzung des Boethius und der Liber topicorum in der Übertragung des Jakob 
von Venedig. Zwei Schriften des Stagh'iten. Baumgartner a. a. O. 201. 

« G. Erler, ebd. 513 516. ' G. Erler, ebd. 520. 

8 G. Erler, ebd. 495 f. 499 f. 507 f. 512 f. » G. Erler, ebd. 22. 



302 Ulrich Schmidt 

Aufenthaltes die Priesterweihe empfangen hatte, da er 1515 den 
geistlichen Ehrentitel venerabilis (,,erwirdig") führte, und daß 
er femer im Besitze der genügenden theologischen Kenntnisse von 
seinem Landsmann Hieronymus Dungersheim von Ochsenfurt zum 
Bakkalaureus der Theologie promoviert wurde. Als Cursor oder 
Biblicus, wie der Inhaber des theologischen Bakkalaureats auch 
genannt wurde, hatte Burchardi zwei Jahre je 80 Kapitel und 
ebenso viele Lektiones in den ihm von der Fakultät zugewiesenen 
Büchern der Hl. Schrift cursorie zu lesen ^ und abgesehen von 
anderen Verpflichtungen namentlich die Vorlesungen der Magister 
seiner Fakultät fleißig zu hören ^. 

So entfaltete Burchardi in den letzten zwei Jahren seines 
Leipziger Aufenthaltes eine rege wissenschaftliche Tätigkeit sowohl 
als Lelirer der Theologie wie Philosophie. Doch nicht nur mit dem 
Worte, auch mit der Feder diente er der Wissenschaft. Bereits im 
Jahre 1514 veröffentlichte er ein kleines, nur 13 Blätter umfassendes 
Schriftchen über die Musik unter dem Titel: ,,Hortulus Musices 
Practice omnibus divino Gregoriani concentus modulo se oblectaturis 
tam iucundus quam proficuus. Lipsi in edibus Melchiaris Lottheri." 
Das Titelblatt bringt ein für den Verfasser sehr schmeichelhaftes 
Dekastichon aus der Feder eines gewissen Joamies Langius, 
zweifellos identisch mit dem Leipziger Magister der Philosophie 
Joannes Langius Lembergius oder Lembergensis, der laut 
Matrikelbuch im Jahre 1513 zum Magister promoviert ^^'urde ^ und 
im Sommer- und Wintersemester 1517 Vorlesimgen über Poetik 
hielt. Geschrieben ist diese musikahsche Abhandlung ausschÜeßhch 
für die akademische Jugend in Leipzig, wie aus dem Dedikations- 
schreiben hervorgeht. Die Universitäten des 16. Jahrhunderts 
hatten im Anschluß an den mittelalterlichen Betrieb der sieben 
freien Künste auch die Musik als Lehrfach aufgenommen, wie z. B. 
Ingolstadt ^ und Wittenberg ^. Auch in Leipzig war dies nach dem 
Wortlaut des Widmungssclureibens der Fall. An dieser Hoclischule 
nun hatte Burchardi als ,,magister liberalium disciplinarum ac 



^ Fr. Zamcke, Statutenbücher 549 Nr. 4. 

2 Fr. Zamcke, ebd. 550 Nr. 6. 

3 G. Erler a. a. O. II 488 520 524. 

* Dr. Adolf Sandbergcr, Beiträge zur Geschichte der bayerischen Hofkapelle 
unter Orlando di Lasso I (Leipzig 1894) 6. 

" Dr. B. A. Wallner, Musikalische Denkmäler der Steinätzkimst des IG. und 
17. Jahrh. etc. (Mimchen 1912) 23 222. 



Ulrich Burchardi 303 

philosophiae", wie er sich selbst in der Einleitung seiner Schrift 
vorstellt, die schmerzliche Wahrnehmung machen müssen, daß die 
,,Lipsica iuventus florentissima" trotz mühevollen Zeitaufwandes 
gerade in der Musikdisziplin wenig Erfolg zu verzeichnen habe, und 
als Hauptgrund dieses Mißerfolges führt er ,,die verschiedenartigen, 
zeitraubenden und wenig geordneten Anleitungen" zu dieser Dis- 
ziplin an. Seine Stellung als Lehrer und nicht zuletzt sein großes 
Wohlwollen gegen die ,,Lipsicä pubes amantissima" veranlaßt ihn, 
mit diesem Schriftchen an Stelle der weitschweifigen und unge- 
ordneten Musikkommentare ein in gedrungener Kürze abgefaßtes 
Musikkompendium der studierenden Jugend in die Hand zu geben, 
wie er selbst sagt, allerdings nur ein Auszug aus größeren Werken 
über diese Kunst. Die Versprechungen, die der Verfasser dem 
fleißigen Besucher ,, dieses Musikgärtleins" am Schlüsse seines 
Widmungsschreibens macht, sind sehr verlockend und zuversichtUch 
(Ajj). Um seine Schüler und Leser für die Musik noch mehr zu be- 
geistern, weist er dann in einem eigenen ,, Vorwort zur Empfehlung 
der Musik" hin auf die mythischen und historischen Berichte des 
Altertums über die Musik, auf ihre Bedeutung im menschhchen 
Leben und für die Religion (Ajj b — Ajjj), alles Gedanken, wie sie 
sich häufig in den Vorworten zur praktischen Musik durch das 
ganze 16. Jahrhundert finden. 

Burchardis Schrift ist nicht nur Chorallehre im eigentlichen 
Sinn des Wortes, wde man speziell aus dem Titel des Büchleins 
scljließen möchte, sondern sie umfaßt auch die allgemeine Musik- 
lehre ihrer Zeit, welche jedoch auf dem homophonen Gregorianischen 
Choral beruhte. Die Entwicklung der Mehrstimmigkeit und der 
modernen Tonalität und Harmonik führte im Laufe des 16. Jahr- 
hunderts zu Widersprüchen und um die Wende desselben zu einer 
vollständigen Umgestaltung der Musikpraxis, die theoretisch aber 
erst später fixiert wurde. Inhaltlich behandelt vorliegendes Schiüft- 
chen in seinen Grundzügen den Begriff und die Einteilung der 
Musik (Ajjj), dlc Noten und ilire je nach den Sclüüsseln verscliiedene 
Bedeutung (Ajjj b — c), die Töne und ihre Eigentümlichkeiten 
(Ajjj c — c), die Kirchentonarten (Ajjj f — h), die regelmäßige Sol- 
misation (Ajjj h — Bjjj b), Vermeidung des Tritonus; Einsetzung der 
Akzidentien und die Musica ficta (Bjjjb — c). Im ganz modernen 
Sinne ist dann in einem weiteren Abschnitt die Lehre von den 
Intervallen behandelt (Bjjj c — d). Den Schluß bilden Intonationen 
nach den verschiedenen Kirclientonarten, wo Verfasser als Beispiele 



304 Ulrich Schmidt 

besonders das Magnifikat und Benediktus anführt, die in Hufnagel- 
noten, der gothischen Choralnotenschrift, gedruckt sind (Bjjj e — k). 
Wegen ihres kurzen, klaren und praktischen Inhalts scheint diese 
Musikabhandlung ziemlich Anklang gefunden zu haben; denn bis 
zum Jahre 1518 hatte sie schon 3 Auflagen erlebt, die alle in Leipzig 
selbst erschienen waren ^. 

Als Magister der Philosophie und Bakkalaureus der Theologie 
war Burchardi seit dem Jahre 1515 nach unserem Empfinden 
voll und ganz in Anspruch genommen ; um so mehr ist es zu ver- 
wundern, wenn er zu dieser vielseitigen Tätigkeit noch ein weiteres 
Amt übernehmen komite, nämhch das eines Ablaßkommissärs. 
Am 15. März 1515 ereilte die alte, königliche Stadt Brüx in Böhmen 
ein furchtbares Brandunglück, in dem die Stadt zum großen Teil 
eingeäschert wurde, eine Heimsuchung, die wegen ilires Umfanges 
die Aufmerksamkeit der Zeitgenossen weit über des Landes Grenzen 
auf sich zog. Der großen Not der durch den Brand obdachlos ge- 
wordenen Brüxer Bewohner suchten der damahge König Wladis- 
laus und sein Nachfolger, König Ludwig von Böhmen und 
Ungarn, auf jede Weise abzuhelfen^. Bei der gewaltigen Feuers- 
brunst war auch die alte, schon 1273 urkundUch nachweisbare 
Stadtpfarrkirche derart beschädigt worden, daß ein vollständiger 
Neubau notwendig war. Da aber die verarmte Bürgerschaft von 
Brüx die Baukosten nicht aufbringen konnte, so blieb nichts anderes 
übrig, als nach der Sitte jener Zeit an die allgemeine Mildtätigkeit 
zu appellieren. TatsächUch genehmigte auch schon am 25. Mai 
1515 der am königl. Hof zu Preßburg gerade sich aufhaltende 
Kardinallegat Thomas eine allgemeine Sammlimg für den Neubau 
der Brüxer Pfarrkirche. Noch wichtiger für das Gelingen des ge- 
planten Werkes war, daß Papst Leo X. selbst am 25. Jan. 1516 



^ Vgl. Robert Eitner, Biographisch-Bibliographisches Quellen-Lexikon der 
Musiker und Musikgelehrten II (Leipzig 1900) 237, wo unsere Ausgabe zitiert ist. 
— R. Eitner, ebd. VI (Leipzig 1902) 225 nennt eine weitere Ausgabe: Lipsiae 
1517. 4". Ebenso Emil Bolui, Bibliographie der Musikdruckwerke bis 1700, welche 
... zu Breslau aufbewahrt werden (Berlin 1883) 3. — J. Nik. Forkel, Allgemeine 
Literatur der Musik (Leipzig 1792) 8 298 kennt eine Ausgabe von 1518, desgleichen: 
Miscellanea Musicae Biobibligraphica. 3. Jahrg. Heft 3/4 (Leipzig 1916) 52: Lipsiae, 
M. Lottherus, 1518. — Die musikwissenschaftlichen Aufschlüsse über das be- 
sprochene Schriftchen erhielt ich als Niclitfachmami von Frl. Dr. Bertha Antonie 
Walhier, der dafür an dieser Stelle der gebührende Dank ausgesprochen sein soll. 

' Mitteilungen des Vereüies für Geschichte der Deutschen in Böhmen. 
28. Jahrg. 1. Heft 17-20. 20. Jahrg. 3. Heft 223 f. 226. 



Ulrich Burchardi 305 

von Florenz aus einen Gnadenbrief für das Jahr 1517 erließ, dem 
zufolge in Böhmen, Mähren, Schlesien und in der Lausitz ein Jubi- 
läumsablaß verkündet wurde. Der Pfarrer von Brüx und seine 
Delegierten hatten vom Papste die Erlaubnis erhalten, in den 
einzelnen Kirchen des Ablaßgebietes Sammelbüchsen aufzustellen, 
und zwar so, daß über das Ergebnis der Sammlung strengste Kon- 
trolle geführt wurde ^. Bereits am 23. Dezbr. 1515 hatten in einem 
eigenen Schreiben der Bürgermeister, der Bat und die Ältesten der 
Stadt auf Grundlage der in Aussicht gestellten Ablaßbulle des 
Papstes ,,den achtparn und erwirdigen magistrum Nikolaum Bußher 
ihrer pfarkirchen redor als commissarien ader befehlhaber deßelbigen 
jvbil jars und den achparn und erwirdigen herrn Udalricum Burck- 
hardi der freyhen Künsten magistrum und der heyligen schrifft bac- 
calaureum alß seynen in solichen geschejft volmechtigen nach inhalt 
hebstlicher hriff vicecommissarium und befelhabern allen und itzlichen 
christglaubigen Beemischer reychs und landen Meren, Schleßien und 
Lusacien aynwonern" empfohlen, damit die Bewohner des Ablaß- 
gebietes den Kommissär oder Vizekommissär gütig und freundhch 
aufnähmen und ihn auf jede Weise in der Förderung ihres ,,guttigs 
christlichs werks'' unterstützten ^. Wie aus diesem Empfehlungs- 
schreiben deutlich hervorgeht, hatten die Kommissäre alle größeren 
Ortschaften des ihnen zugewissenen Sammlungsgebietes zu bereisen, 
daselbst den päpstlichen Ablaß zu verkünden und die Opferkästen 
aufzustellen oder wie die gewöhnliche Bezeichnung dafür lautete, 
,, die Gnaden aufzurichten". Denjenigen, welche der Segnungen des 
Ablasses nach Erfüllung der vorgeschriebenen Bedingimgen teil- 
haft werden wollten, händigten nun die Kommissäre die Ablaß- 
briefe ein, welche gerade damals soviel Äi'gernis erregten. Der 
Kommissär und Vizekommissär hatten während ihres Aufenthaltes 
in Brüx freie Zehrung. Als Lohn des Vizekommissärs war für einen 
Monat die Summe von 6^2» 7 bis 10 fl. bestimmt, wähi'end der 
Kommissär eine bedeutend höhere Entschädigung erhielt ^. Das 
Gesamtergebnis der Sammlung, die erst am Mittwoch nach Maria 
Himmelfahrt 1519 abgeschlossen wurde, betrug nach Ausweis der 
noch vorhandenen Rechnungsbelege 14 673 fl. 34 kr., von denen 

^ Mitteilungen des Vereines für Geschichte der Deutschen in Böhmen. 
36. Jahrg. 3. Heft 361. 28. Jahrg. 1. Heft 21. Das Original des ungemein langen 
Gnadenbrieies des Papstes befindet sich im Stadtbuch von Brüx Xr. 453. 

2 Mitteilungen etc. 20. Jahrg. 3. Heft 22-t f. 

3 Mitteilmigen 28. Jahrg. 1. Heft 22 f. 36. Jahrg. 3. Heft 362. 
Festgabe Knöpfler 20 



306 Ulrich Schmidt 

die sog. pars tertia an die päpstliche Kurie abgeliefert werden 
mußte, wobei die Übermittlung des Betrages nach Rom das Ge- 
schäftshaus der Fugger in Augsburg besorgte, während mit der 
übrigen Summe die neue Pfarrkirche in Brüx gebaut wurde (1517 
bis 1532) 1, die jetzt noch zu den Hauptsehenswürdigkeiten der 
Stadt Brüx gerechnet werden darf. 

Wie lange Burchardi das Amt eines Vizekommissärs bei der 
Brüxer Sammlung innehatte, ist nicht bekannt. Vielleicht bheb 
er bis April 1518 auf diesem Posten; denn seit dieser Zeit wird 
auch ein ,,neuerCommissarius", aber ohne Namen, erwähnt, und als 
spätere Vizekommissäre kamen die Magister Egidius (Seuwitz), 
Erhardus, Johannes und Otto von Freyberg in Verwendung 2. Noch 
wahrscheinhcher aber ist, daß Burchardi mit seinem Abschied 
von der Universität Leipzig, Oktbr. 1517, auch seine Tätigkeit als 
Vizekommissär aufgab. Daß er um diese Zeit Leipzig verlassen 
hat, erfahren wir einmal daraus, daß wenigstens in dem nächsten 
Jahrzehnt sein Name in der Universitätsmatrikel nicht mehr ver- 
zeichnet ist, dann aber auch direkt durch eine Aufzeichnung im 
Liber papireus, der zufolge die philosophische Fakultät zu Beginn 
des Wintersemesters 1517 eigens zusammenberufen wurde, um hier 
,,vacante lectione Petri Hyspani per abicionem prioris lectoris" für 
das erledigte Ordinarium einen neuen lector deputatus aus der 
Reihe der Magister aufzustellen ^. Da Burchardi noch im Sommer- 
semester 1517 Vorlesungen über Petrus Hispanus gehalten hat *, 
so kann an der Identität dieses hier erwähnten prior lector mit 
unserem Burchardi kein Zweifel bestehen. 

Von Leipzig begab sich Burchardi in seine Heimatdiözese 
Bamberg und trat hier wohl Ende 1517, sicher aber anfangs des 
Jahres 1518 in den Dienst des damaligen Fürstbischofs Georg III. 
Schenck von Limpurg, der von 1505 bis 1522 den Stuhl des lil. Otto 
innehatte. Dieser machte ihn wohl in Anbetracht semer gelehrten 
Bildung zu seinem Hofkaplan und räumte ihm auch in semem 
Domkapitel den Platz eines Domvikars ein ^ gewiß in der Ab- 
sicht, ihm einen angemessenen Lebensunterhalt zu bieten. Hof- 

' IMitteilungen 28. Jahrg. 1. Heft 24. 
2 Mitteilungen 28. Jahrg. 1. Heft 22 f. 

^ G. Erler, Die Matrikel der Universität Leipzig II (Leipzig 1897) 526. 
* G. Erler, ebd. 520. 

^ Fr. Wächter, General-Personal- Schematismus der Erzdiözese Bamberg 
1007 1907 (Bamberg 1908) 68 Nr. 1277. 



Ulrich Burchardi 307 

prediger ist Burchardi nicht gewesen, wie Jöcher ^ und Pan- 
zer ^ behaupten; er selbst nennt sich ja im Vorwort zu seiner be- 
kanntesten Schrift ^ nur Hofkaplan. Als Hofkaplan oblagen ihm 
in erster Linie die gottesdienstlichen Funktionen in der fürstbischöf- 
lichen Hauskapelle, eventuell auch die Dienste eines Zeremoniars 
und Sekretärs, desgleichen hatte er seinen Herrn auf seinen Reisen 
zu begleiten und ihm auch sonst zu seinen persönlichen Diensten 
zu sein, was leicht die Tatsache erklärt, daß gerade zur Zeit des 
bischöflichen Reichsfürstentums die Hofkapläne bisweilen zu großer 
kirchlicher und politischer Bedeutung gelangten *. Von Bure hardis 
Tätigkeit als Hofkaplan erfahren wir nur Weniges und ziemlich 
Belangloses, so z. B. den Einkauf von Büchern für die fürst bischöf- 
liche Bibliothek oder von kirchlichen Geräten in die Hofkapelle ^. 
Im Jahre 1521 begleitete er seinen fürstbischöfUchen Herrn auf 
einer Reise, die Georg III. mit einem großen Gefolge, bestehend 
aus 28 Personen, vom 5. Aug. bis 28. Novbr. nach Kärnten machte, 
um sich hier in eigener Person von dem Zustande seiner Herrschaften 
in Kärnten und deren Bewohner zu überzeugen ^. Burchardi 
muß sich in diesem zahkeichen und ziemlich bunten Reisegefolge 
als guten Gesellschafter hervorgetan haben; denn aus einem Brief 
von Veit Werler, den dieser an seinen Freund Friedrich Nausea, 
Burchardis berühmtesten Landsmann, aus Villach schrieb, ent- 
nehmen wir, daß der Hofkaplan des Fürstbischofs ein sehr witziger 
Kopf gewesen und durch seinen schlagenden Witz und trefflichen 
Humor dem Schreiber des Briefes und wohl auch der übrigen Ge- 
sellschaft viel Stoff zum Lachen gegeben habe '. Das ist übrigens 
die einzige Quellennotiz, die ein Streiflicht auf den Charakter 
dieses Mannes fallen läßt. 



^ Ch. G. Jöcher, Allgemeines Gelehrten-Lexikon I (Leipzig 1750) Sp. 490. 

2 Panzer, Annales typogr. 7, 682. 

3 Dialogisraus de Fide Christiana etc. (s. 1. et a) 1 Bl. b: V. Burchardi Eeveren- 
dissimi a sacris. — In den Miscell. Epist. ad Fr. Nauseam libri X (Basileae 1550) 11 
wird er als sacrificulus bezeichnet. 

* M. Buchberger, Kirchliches Handlexikon I (München 1907) Sp. 1994. 

^ Fürstbischof liehe Kammerrechnung im Kgl. Kreisarchiv Bamberg. Vgl. 
K. Schottenloher, Die Büchertätigkeit Georg Erlingers in Bamberg von 1522 
bis 1541 (Leipzig 1907) 35 f. A. 3. 

^ Cr. von Jaksch, Die Reise des Bischofes Georg III. von Bamberg nach Kärnten 
1521 Augusts bis November 28 (Carinthial Heft 2-6 [1905] 95. Jahrg. Nr. 2, 52). 

' Epistolarum Misccllancarum ad Fridericum Nauseam Blancicampianum 
Episc. Viennensem etc. libri X (Basileae 1550) 11. 

20* 



308 Ulrich Schmidt 

Nur noch eine kurze Lebensfrist war dem Fürstbischof nach 
seiner Rückkehr in seine Diözese vergönnt; denn schon am 31. Mai 
1522starberauf der Altenburg, erst 52 Jahre alt, ohne die Bischofs- 
weihe empfangen zu haben ^, Wieviel auf sein Schuldkonto zu 
setzen ist, daß unter seiner Regierung die Reformation Eingang 
gefunden und sich hier auch ziemlich ausgebreitet hat, das ist wohl 
schwer zu bestimmen. Sicher fehlte es ihm und noch mehr seinem 
Kapitel von Anfang an der Neuerung gegenüber an der nötigen 
Klarheit und Entschiedenheit 2, und Erhard^ urteilt wohl nicht 
zu scharf, wenn er sagt, daß die weltlichen Interessen des Fürst- 
bischofs ihn zu einem schlechten Wächter seiner Diözese machten. 
Anderseits mag aber auch sein lässiges Verhalten gegen die neue 
Lehre darin eine Entschuldigung finden, daß der geistreiche Fürst- 
bischof mit vielen anderen seiner Zeitgenossen die nicht zu leug- 
nenden, zahlreichen Gebrechen der Kirche mißbilhgte \md daher 
auch Luthers Kritik an den kirclihchen Übelständen in manchen 
Punkten beigestimmt haben mag. Außerdem hatte sich zu seinen 
Zeiten die Scheidung der Geister noch nicht vollzogen, so daß immer 
noch die Hoffnung bestand, jene mederum zurückzuführen, die 
sich eben erst von der alten Kirche getrennt hatten '*. L'nter diesen 
Umständen ist es nicht zu verwundern, wenn die neue Lehre in 
der nächsten Umgebung des Bischofs, im Domkapitel, in der Stadt 
wie auf dem Lande Eingang und Verbreitung fand. Als offener 
Anhänger Luthers aus der nächsten Umgebung des Fürstbischofs 
kommt in erster Linie sein eigener Hofkaplan in Betracht. Was 
und wer Burchardi für den Wittenberger Reformator gewonnen 
hat, läßt sich nicht sagen. Sicher dürfte nur sein, daß er sehr früh 
zu der neuen Lelu-e liinneigte; denn eine QueUe berichtet ims, daß 
der Hofkaplan Burchardi mit dem Stiftskaplan Christoph von 
Sand, dem Vikar Konrad Zertlein, dem Stiftsherrn Dr. Lorenz 
Behaim bereits Ende 1518 Ulrich von Hütten „öffentUch ihre 
Vorliebe für die neue Lehre bewiesen" ^. Diese Vorliebe für die 
Neuerung mag bei Burchardi noch genähi't worden sein dm'cli den 



^ Johann Looshom, Die Geschichte des Bistums Bamberg IV (Bamberg 
1900) 541 f. 2 J. Looshom a. a. 0. 552. 

^ Otto Erhard, Die Reformation der Kirche in Bamberg unter Bischof 
Weigand 1522-1556 (Erlangen 1898) 8. 

* Anton Chroust, Chroniken der Stadt Bamberg, 2. Hälfte (Leipzig 1910) 
S. XXVI. 

^ H. J. Jäck, Bambergische Jahrbücher vom Jahre 741 — 1829 (1829) 229. 



Ulrich Burchardi 309 

etändigen Umgang mit Gleichgesinnten am fürstbischöflichen Hofe 
selbst, sowie durch die Lektüre von lutherischen Schriften, die sich 
in der Bibliothek seines Herrn befanden; denn laut Eintrag in die 
Kammerrechnung ^ vom Jahre 1522 kaufte der Hofkaplan auf 
,, Befehl seines gnädigen Herrn (Georgs III.) Opera Lutheri vnnd 
Erasmi Rotherodam vnnd andere Trektetlein". 

Burchardis offene Anhängerschaft an Luther war trotzdem 
für den Hofkaplan kein Hindernis, auch unter dem Nachfolger 
Georgs III., dem Bischof Weigand von Redwitz (1522 — 1556), 
seine bisherige Stellung beibehalten zu können, der beste Beweis 
dafür, daß auch der neue Fürstbischof gerade wie sein Vorgänger 
absolut kein Eiferer gegen die neue Lehre und ihre Anhänger war. 
Denn sonst wäre es nicht möghch gewesen', daß ein Fürstbischof noch 
jahrelang Männer in seiner nächsten Umgebung behalten konnte, 
die aus ihrer lutherischen Gesinnung absolut kein Hehl machten, 
wie neben dem Hofkaplan sein Rat und Kanzleramtsverweser 
Hieronymus Cammermeister, oder daß er den Bamberger Buch- 
drucker Georg Erlinger, selbst einen begeisterten Anhänger Luthers, 
der die agitatorischen Predigten von Johannes Schwanhäuser 
und andere reformatorische Schriften druckte, nach wie vor mit 
seinen reichen Aufträgen erfreute ^. Erst im Jahre 1527 schritt 
der Fürstbischof gegen seinen Hofkaplan ein, und zwar nur auf 
Antreiben des Domkapitels. Den letzten Ausschlag zu diesem so 
lang verzögerten Vorgehen des Fürstbischofs oder richtiger seines 
Domkapitels gegen den Hofkaplan gab wohl eine Schrift Burchar- 
dis, die 1527 bereits zum dritten Male in deutscher Übersetzung 
erschienen war und wegen ihres verfänghchen Inhaltes das Auge der 
wachsamen geistlichen Obrigkeit auf sich gezogen zu haben scheint, 
so daß das Domkapitel endlich einen Strafantrag gegen den Ver- 
fasser stellte. Im Kapitelbuch heißt es nämlich unter dem 1. März 
1527: ,,Das mein gnediger Herr (Bischof Weigand) Maister Vkich 
seiner Gnaden Cappelann, wo er von seinem Furnemen nit wollt 
absteen, gefengklichen lasse annemen, ist seinem fürstlichen Gnaden 
heimgesteUt." ^ Daß aber der Grund dieses Einsclireitens gegen 
den Hofkaplan gerade das offene Sympathisieren mit Luthers 

^ Vgl. K. Schottenloher a. a. O. 35 f. A. 3. 

2 A. Chroust, Chroniken der Stadt Bamberg, 2. Hälfte (Leipzig 1910) S. XXVII 
XXXV. K. Schottenloher a. a. O. 36 f. 

^ Rezeßbuch deß Bamberger Domkapitels im Kgl. Kreisarchiv Bamberg III 
Bl. 413 b. 



310 Ulrich Schmidt 

Lehre war, geht auch deuthch aus den Verhandlungsgegenständen 
dieser Kapitelsitzung hervor, wo das Domkapitel an den Fürst- 
bischof mit der Bitte herantrat, daß er ,,der Priester halben im 
Stiefft, die lutterisch wemt", auch Einsehen hätte, ,, damit der 
Prediger halbenn auch nit Mangell werde" ^. 

Die lateinische Originalausgabe von Burchardis obener- 
wähnter Schrift, die zweifellos einen Hauptanklagegrund gegen den 
Hofkaplan abgab, erschien zum ersten Male im Jahre 1523 unter 
dem Titel: ,, Dialogismus defide christiana, in quo illud propheticum 
et apostolicum, sola scilicet fide constare iustificationem per- 
spicitur, qualiter quoque fides eadem acquiratur, ac demum fidem 
habens a non habente discernatur (4°6B1.)". Wie aus dem De- 
dikationsschreiben, datiert vom 13. April 1523, zu ersehen, hat der 
Verfasser seine kleine Schrift dem Bischof Weigand von Bamberg 
gewidmet, dessen fürstliches Wappen auch unter dem der Diözese 
auf dem Titelblatt angebracht ist. Das allgemeine Schwanken 
der Geister um die Unentschiedenheit, auf welche Seite sie sich in 
diesem Wirrwarr der religiösen Ideen stellen sollten, veranlaßt den 
Verfasser in seinem Widmungsschreiben, sich an die autoritative 
Stelle in der Diözese zu wenden, damit diese als die berufenste 
Instanz festlege, was der lebendige und richtig verstandene Glaube 
wäre, der den Gläubigen verkündet werden solle und dürfe und den 
ein jeder Christ zur Erlangimg seines ewigen Heiles bekennen müsse. 
Um sozusagen auch den Bischof in dieser Aufgabe etwas zu unter- 
stützen, hat der Autor selbst aus der Hl. Schrift alles zusammen- 
getragen, was vom Glauben geschrieben stehe, damit so ein jeder 
leicht in der Lage wäre zu erkennen, was er vom Glauben halten 
oder lassen solle (Ajj). Nach seiner Anschauung ist aber die Haupt- 
ursache dieser allgemeinen L^nsicherheit in Glaubenssachen, die 
sich nicht nur bei den Laien, sondern auch bei den führenden Geistern 
vorfinde, daß ein jeder die Hl. Sclirift nach seinem Belieben aus- 
lege (A b). Diese Widmung an den Füi'stbischof muß uns jedoch 
etwas eigentümlich berühren, wenn es walir ist, was Wächter ^ 
auf Grund von alten, urkundlichen Notizen über Burchardi be- 
richtet, daß nämlich dieses Sclu-iftchen ,,olme Wissen mid Willen 
des Fürstbischofes", also auch unter Mißbrauch seines Wappens 
veröffentlicht worden sei. In einem fesselnd geschriebenen Dialog 



' Rezeßbuch a. a. O. Vgl. K. Schottenloher n. a. O. 35. 
^ Fr. Wachtor, Genoral-Porsonal-Schematismxis 68. 



Ulrich Burchardi 311 

zwischen dem Credulus und Didymus legt nun der Verfasser seine 
Anschauungen über das Wesen und den Inhalt des rechten Glaubens 
dar, um dann noch am Schlüsse ausfühi-lich die Beziehung der 
guten Werke zum Glauben und zur Rechtfertigung zu erörtern. 
Bei der Definition des Glaubens, vne er ihn auffaßt, geht et vom 
Gegenteil aus, indem er jenen den Glauben überhaupt abspricht, 
welche sich rühmen, im Besitz des wahi'en Glaubens zu sein, ohne 
sich an Gottes Gebote zu halten und die Sünde zu meiden (Ajjj 
bis Ajjj b). Dcr Glaube ist nach ihm vielmehr einerseits die Erkennt- 
nis des liistorischen Christus, anderseits aber das Vertrauen auf die 
göttliche, in Christus verheißene Barmherzigkeit (Ajjj b). Die unzer- 
trennlichen Begleiter dieses Glaubens aber müssen sein die Hoff- 
nung und die. wirkende Liebe (Ajjjj). Wer einen solchen Glauben 
sein eigen neimt, kann nicht sündigen (Ajjjj). Das nun, worm der 
Gläubige sich vom Nichtgläubigen unterscheidet, sind die Früchte 
des Evangeliums, wie sie 2 Petrus 1, 5 — 8 angeführt sind (Ajjjj b — c). 
So stellt sich der wahi'e und lebendige Glaube dar als jenes wirksame 
und glühende Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes, das nicht 
müßig sein kann, sondern immer gute Früchte (Werke) hervor- 
bringt (Ajjjj d). Dcr Grund dafür, daß man dem Glauben allein, 
nicht aber der Liebe die Rechtfertigimg zuschreibe, sei der, w^eil wir 
allein durch Gottes Barmherzigkeit gerechtfertigt würden, und 
gerade m der Erkemitnis dieser göttlichen Erbarmung bestehe das 
Wesen des wahren Glaubens (Ajjjj c — d). Wenn so viele Stellen 
der Hl. Schrift gegen die Rechtfertigmig allem durch den Glauben 
zu sprechen Schemen und auch den guten Werken mid Verdiensten 
des Menschen eine Rechtfertigung zusclu'eiben, ,,so muß das vom 
ganzen Werke aufgefaßt werden, das ist von der inneren Gesinnimg 
und von der äußeren Frucht dieser Gesinnung", so daß also aus 
einer guten Gesinnung ohne weiteres auch das W^erk gut ist und um- 
gekehrt. Solche aus guter Gesiimmig und lebendigem Glauben 
hervorgehenden Werke aber machen einen jeden gerecht (Ajjjj e). 
Das sind im kurzen die Grundgedanken, die in dieser kleinen 
Schrift unter Zuliilfenahme zahlreicher Schriftstellen behandelt 
werden. Ein mehr oder minder starker .\jiklang an die Solafides- 
lehre und den Fiduzialglauben läßt sich darin auch bei mildester 
Beurteilung nicht ganz in Abrede stellen. Zugegeben muß aller- 
dings werden, daß der Verfasser die Notwendigkeit der guten Werke 
betont, aber nur als die unentbehrlichsten, sich von selbst not- 
wendig ergebenden Früchte der Rechtfertigung. Doch als solche. 



312 Ulrich Schmidt 

welche die Rechtfertigung des Menschen vorbereiten oder gar den 
Himmel verdienen, kennt Burchardi in seinen Ausführungen die 
guten Werke nicht. Bei der großen Bedeutung, welche gerade diese 
jPYage zu Beginn der Reformation spielte, wäre ein klares und ent- 
schiedenes Eintreten für die katholische Lehre doppelt seine Pflicht 
gewesen, während er durch seine Unentschiedenheit, seine Unklarheit 
und bedenkliche Zweideutigkeit dem Gegner in die Hände arbeitete. 
Schon von diesem Standpunkte aus, abgesehen von dem ständigen 
Verwechseln des lebendigen und toten resp. wahren Glaubens, 
muß diese Schrift wenigstens für die damalige Zeit als bedenklich 
und gefährlich bezeichnet werden, so daß es leicht erklärlich ist, 
wenn sie — allerdings erst 4 Jahre nach ihrem Erscheinen — von 
der Universität Ingolstadt verworfen wurde ^. Bischof Weigand 
von Bamberg Heß sich nämhch von der theologischen Fakultät 
dieser Hochschule ein Gutachten über dieses Buch geben, das am 
6. März 1517 erstattet wurde und auch Burchardi tatsächlich 
eine Reihe von Irrtümern vorwarft. Daß die Schrift lutherisch 
gedeutet werden konnte, zeigt außerdem am besten noch die Tat- 
sache, daß die Lutheraner sich angelegentlich um dieses Schi'ift- 
chen annahmen und für eine mehrfache Übersetzung und Ver- 
breitung derselben Sorge trugen. Stark übertrieben scheint mir 
jedoch in dieser Beziehung Hellers^ Urteil, wenn er von diesem 
seltenen Büchlein sagt, daß es ,,ganz mit neuen Grundsätzen ange- 
füllt wäre". 

Die erste Übersetzung von Burchardis Dialogismus stammt 
aus dem Jahre 1525 imd führt den Titel: ,,Ain schöner lustiger 
Dialogus, von dem rechten waren glauben, in wölchem das e\\ig 
wort Gottes klärlich erkandt vnd gehandelt vnrt on alle ergemuß/ 
yetlichen Christ glaubigen nützlich zu leesen. Durch Mrich Burck- 
hart des Bischoffs zu Bamberg Capellan newlich beschiibcn. MDXXV 
(4°8B1.)". Der Übersetzer nennt sich Johannes Kreß Neophites. 
Da aus seinem Vorwort hervorgeht, daß er selbst im Dienste des 
Bischofs von Bamberg stand, so dürfte dieser mit Johann Crusius 



1 Wächter a. a. O. 68. 

^ Diese und einige andere wertvolle Mitteilungen ließ mir noch in letzter 
Stunde vor Absendung dieses Artikels Herr Universitätsprofessor Dr. Greving 
auf Grund der von ihm aufgefundenen Prozeßakten Burchardis in gütigster imd 
dankoTiswerter Weise zukommen. 

^ J. Heller, Rofomiationsgeschichte des ehemaligen Bisthums Bamberg, 
Heft 1-3 (Bamberg 1825) 95. 



Ulrich Burchardi 313 

identisch sein, welcher später als Anhänger der neuen Lehre durch 
den Bischof Weigand des Landes verwiesen wurde ^. Der Heraus- 
geber erklärt in seinem Vorwort, daß er dieses ,,Margarithlein auß 
dem mist der latejni inn der Christen gemajTi sprach tranßferiert 
habe von nutz wegen vnd bessers glaubens" (Ab). Zur praktischeren 
Benützung ist diese deutsche Ausgabe im Gegensatz zum Original 
in 9 Abschnitte mit kurzer Inhaltsangabe als Überschrift abgeteilt. 
Daß es zudem dem Übersetzer darum zu tun war, mit dieser Schrift 
Propaganda für die neue Lehre zu machen, ergibt sich aus dem 
deuthchen Bestreben, in dem deutschen Text die lutherische Lehre 
klarer zum Ausdruck zu bringen, so z. B. an einigen Stellen, wo 
vom Glauben die Rede ist, durch eigenmächtiges Hinzufügen des 
Wörtchens ,,allain" (Ajjj c ; Bjjj ; Bjj b als Überschrift). Im gleichen 
Jahre erschien noch eine zweite Übersetzung des Dialogismus. Es 
läßt sich nicht feststellen, wer diese Übertragung ^ besorgt hat, 
doch spricht der ganze Tenor der ziemUch wortgetreuen Über- 
setzung, abgesehen von kleinen Einschiebseln und dem beigefügten 
Schlußsatz, ohne Zweifel dafür, daß auch diese Ausgabe von einem 
Anhänger Luthers stammt. Ein Vorwort fehlt; dafür aber führt 
diese Übersetzung den in der Darstellung inhalthch gleichen, in 
der Stihsierung aber etwas steiferen Holzschnitt, wie die dritte 
deutsche Ausgabe, die im Jahre 1527 von Georg Erlinger in Bam- 
berg gedruckt wurde. Sie hat für uns eine größere Bedeutung als 
die beiden vorausgehenden Übertragungen, weil sie dem Wortlaut 
des Titels ^ zufolge ,, durch Magistrum Vlrichum Burchardi in latein 
zusamen getragen vnnd zu nutz aUen gemej-nenn Christ glaubigen 
newlich verteiitscht" wairde. Der Titelholzschnitt stellt den ,, glau- 
biger" und ,,zweyfler" nebst einen diese beiden aufmerksam be- 
trachtenden Schreiber vor. Unter der bildHchen Darstellung stehen 
die Worte: ,,Ließ zuvor darnach \Ti:eyll." Dieses Exemplar dürfte 
das einzige noch vorhandene sein, da eine Umfrage des Auskimft- 
bureaus der deutschen Bibliotheken wenigstens kein weiteres zutage 



1 Fränkische Provinzialblätter II 1802 (Baireuth) Nr. 38, 799 f. 

' Der Titel dieser Ausgabe ist die genaue deutsche Übersetzung des latei- 
nischen Originals: Ain Dialogus oder Gesprech von dem Christlichen Glauben usw. 

^ Der ganze Titel lautet: „Ein schöner Dialogus vnd lustig Gesprech von dem 
Christlichen Glauben / in welchem die Prophetisch vnnd Apostolisch innhaltimg des 
Glaubens verstanden wirt / Nemlich / wie der Glaub rechtfertigt / vn wie ein solcher 
glaub erlangt / Auch wie der so glauben hat / von dem der sein nit hat / erkannt 
soll werden / durch Magistrum etc." 



314 Ulrich Schmidt 

gefördert hat. Dadurch wird die Vermutung gerechtfertigt, daß diese 
Schrift bald nach der Drucklegung eingezogen ^vurdel. Unter Weg- 
lassung des Dedikationsschreibens an den Fürstbischof erklärt der Ver- 
fasser im Vorwort, das mit M. V. B. unterzeichnet ist, imter anderem, 
daß er ,, durch bittlich ersuchung irer vilen" seinen lateinischen Dialog 
verteutscht habe aus Liebe zu seinem Nächsten und zu Nutz für 
einen jeden, der ,, rechte erkentnus des Glaubens begert zu wissen, 
nicht von wegen newr mehre (so ytz fast gewonlieit ist)". Nach dem 
Vorbild der deutschen Ausgabe von 1525 hat der Herausgeber 
seine Abhandlung zum besseren Verständnis in 7 Abschnitte ge- 
teilt und in Form von Überschriften mit Inhaltsangaben versehen, 
die abgesehen von den drei ersten mit denen der ersten deutschen 
Ausgabe genau übereinstimmen. Ein Vergleich mit dem lateinischen 
Original zeigt eine ziemlich wortgetreue Wiedergabe nur mit dem 
Unterschiede, daß die verfänglichen Stellen in der Übersetzung 
sogar eine gewisse Abschwächung erfahren haben, namentlich durch 
Weglassung des Wörtchens ,, allein", wo der Urtext immer von der 
Rechtfertigung durch die sola fides spricht, oder diesen Gedanken 
im ganzen Zusammenhang nahelegt, so Ajjj, Bjj, Bjj b etc. Trotz- 
dem glaubte die kirchliche Obrigkeit, gestützt auf das bereits er- 
wähnte, verurteilende Gutachten der Ingolstädter Universität, in 
der M^eiteren Verbreitung dieser verfänglichen Schrift auch unter 
dem gewöhnlichen Volke eine Handhabe gefunden zu haben, um 
endhch gegen Burchardi einzusclireiten. 

Daß tatsächlich nach all dem Gesagten der Fürstbischof ge- 
nügend Grund hatte, dem Drängen seines Domkapitels \äelleicht 
auch mit schwerem Herzen nachzugeben und gegen seinen eigenen 
Hofkaplan wegen der offenen oder doch versteckten Anhängerschaft 
Luthers vorzugehen, darüber dürfte wohl kein Zweifel bestehen. 
So ereilte schließlich auch Burchardi das Los, das schon andere 
Geistliche der Bamberger Diözese vor ihm getroffen hatte, die 
wegen ihres Übertritts zu Luther und wegen der eifrigen Verteidigmig 
und Verbreitung seiner Lehre das Land verlassen mußten -. Die 
erste Strafe, die über Burchardi verhängt wiu-de, bestand natür- 
lich in der Entfernung von seinem bisherigen Posten als Hofkaplan. 
Sein Nachfolger wurde der damalige Bamberger Domvikar Nikolaus 
Gabler, der aber schon 1528 als L^nterpfaiTer nach Kulmbach be- 



1 K. Schottonloher a. a. O. 118. 

- Friiukischo Provinzial- Blätter a. a. O. 709 — 803. 



Ulrich Burchardi 315 

rufen wurde, jedoch hier keine Zulassung fand ^. Sogar zu einer 
zweijährigen Kerkerhaft wurde Burchardi verurteilt ^. Es scheint 
aber fast, daß er sich der Abbüßung dieser schweren Strafe durch 
Flucht aus der Diözese einstweilen entzogen hat ; denn schon unter 
dem 13. März 1527 findet sich Burchardis Name wiederum in 
der Matrikel der Universität Leipzig, und zwar wird hier, was uns 
in Anbetracht der ganzen Sachlage etwas eigenartig und rätselhaft 
anmutet, berichtet, daß der lutherisch gesinnte, von seinem Bischof 
verurteilte ,, vener obilis dominus magister Udalricus Burcardi ex 
Weischen feit assmnptus est ad legendas sententias" ^, und das an einer 
damals noch kathoHschen Universität. Als Sententiarius, wie sein 
offizieller Titel nun lautete, hatte Burchardi mit seiner neuen 
Würde in der Theologie die eidliche Verpflichtung übernommen, in 
den nächsten zwei Jahren die 4 Bücher der Sentenzen des Petrus 
Lombardus, des wichtigsten dogmatischen Lehrbuches im Mittel- 
alter, bei seinen Vorlesungen zu behandeln, ferner zu disputieren, 
zu predigen und die Lektionen der Magister weiter zu hören *. 

Burchardis Lehrtätigkeit fand jedoch allzubald eine tragische 
Unterbrechung ; denn wahrscheinlich noch im gleichen Jahre, sicher 
aber zu Beginn des Jahres 1528 mußte er die über ihn verhängte 
Kerkerhaft antreten. Wir erfahren diese Tatsache von Burchardi 
selbst, da er am 6. März 1529 schreibt, er sei bereits ,, ultra aimum" 
im Gefängnis. Um sich Befreiung aus seinem Kerker zu erwirken, 
reichte nun Burchardi eine Revocatio an seine kirchlichen Vor- 
gesetzten ein, die aber nicht als genügend befimden wurde. Darauf- 
hin bat er die theologische Fakultät der Universität Ingolstadt, 
sie möge ihm eine Formel für den Widerruf vorlegen. Eck tat das 
auch im Namen der Fakultät am 6. April 1529 ^. Noch lange mag 
der innere Kampf Burchardis gewährt haben, bis er sich zu dem 
von ihm verlangten Widerruf entschließen konnte; denn erst am 
12. Febr. 1530 schwur Burchardi seinem kirchlichen Obern in 
Bamberg Urfehde und versprach damit ,, fort an als frommer 
Priester nach den Gesetzen der heiligen Kirche zu leben und olme 
eigene Approbation durch den Ordinarius nirgends zu predigen 
oder die divina zu administrieren" ^. Durch diesen mämiHchen 

1 H. J. Jäck, Bambergische Jahrbücher vom Jahre 749-1821 (1829) 244. 
Fr. Wächter a. a. O. 143 Nr. 2882. ^ Yt. Wächter, ebd. 68. 

3 G. Erler, Die Matrikel der Universität Leipzig II (Leipzig 1897) 27 f. 
* Zamcke, Statutenbücher 551 Nr. 9. 

^ So nach den mir von Prof. Greving zugegangenen Mitteilimgen. 
« Fr. Wächter a. a. 0. ü8. 



316 Ulrich Schmidt, Ulrich Burchardi 

Schritt hatte er, vielleicht erst nach schweren inneren Kämpfen, 
nun wieder vollen Anschluß an seine Kirche gefunden, der er durch 
sein Eintreten für die neue Lehre jahrelang untreu geworden war. 
Was er aber einst durch Wort und Schrift gegen sie gefehlt haben 
mochte, das konnte er nun wieder gutmachen in seiner Eigenschaft 
als öffentlicher Lehrer der Theologie an der Universität Leipzig. 
Ein Jahr nach seiner Aussöhnung mit der Kirche bewarb sich der 
Sententiarius Burchardi auch um den zweiten Grad in der Theo- 
logie, die Licentia, auf den er sich besonders durch das eifrige Studium 
der Doctores Ecclesiae, den Besuch der Vorlesungen und Disputa- 
tionen der Magister vorzubereiten hatte ^. Am 10. Oktbr. 1531 
wurde er von seinem Landsmann Dr. Ochsenfahrt zum Lizenziaten 
promoviert 2, indem dieser seinem Kandidaten feierlich die Lizenz 
erteilte, wie es genauer hieß: ,,licentiam incijnendi in theologia et 
magisterium in ea capiendi et demum actus in theologia pertinentes 
faciendi''^. Mit der Licentia hatte also Burchardi die Erlaubnis 
erhalten, sich gegen Erfüllimg bestimmter Verpflichtungen die 
Würde und das Recht eines Magisters oder Doktors der Theologie 
verleihen zu lassen^. Ob Burchardi sich diese höchste Würde 
der Theologie hat erteilen lassen, darüber finden sich keine Belege 
mehr, wie denn mit dem 10. Oktbr. 1531 überhaupt alle historischen 
Quellen über Burchardi schweigen, so daß wir über die weiteren 
Schicksale dieses Mannes nicht mehr unterrichtet sind. 

Ob Burchardi für die Einführung der Reformation in der 
ehemaligen Diözese Bamberg die Bedeutvmg zukommt, die man 
ihm auf katholischer wie akatholischer Seite bisher zugewiesen 
hat, dürfte mehr als zweifelhaft sein. Es ist zu erwarten, daß uns 
eine Dissertationsschrift, die bereits über diesen Mann unter Bei- 
ziehung der von Prof. Greving aufgefundenen Prozeßakten in 
Sachen Burchardis in Aussicht gestellt ist, auch in dieser Frage 
noch größere Klarheit verschafft. Gleichwohl wird aber auch 
hierin für die Diözese Bamberg gelten, was überall als Regel fest- 
gehalten werden muß, daß eben die Hauptursache für die sclmelle 
und weite Ausbreitung der Reformation in den sozialen und reli- 
giösen Verhältnissen der damaligen Zeit, in Bamberg allerdings 
nicht in letzter Linie auch in dem Leben und Beispiel seiner Fürst- 
bischöfe und ihres Domkapitels zu suchen ist. 

1 Zamcke, Statutenbücher 553 Nr. 14. - G. Erier a. a. 0. II 28. 

' Zamcke, Statutenbücher 553 Nr. 16. * Zamcke, ebd. Nr. 17 u. 18. 



Kircheiigeschiclite und neiitestamentliche 

Exegese. 

Von 

Univ.-Prof. Dr. Joseph Sickenberger in Breslau. 

1. Die Grenzen der einzelnen theologischen Disziplinen sind 
nicht immer haarscharf zu ziehen. Es gibt Materien, die zwei 
Fächern angehören, so daß die Kreise der betreffenden Wissens- 
gebiete sich hier schneiden. Das gilt besonders von der Geschichte 
des ersten christlichen Jahrhunderts. Jeder Kirchenhistoriker wird 
die entscheidenden Ereignisse dieser Periode darzustellen haben. 
Ihre Erforschung muß sich aber fast ausschließlich auf das Material 
stützen, das die m dieser Zeit entstandenen Schriften des Neuen 
Testamentes liefern, mit anderen Worten: der Kirchenhistoriker 
muß dann Exeget werden. Umgekelirt darf der Exeget des Neuen 
Testaments sich nicht mit der rein literarischen Aufgabe begnügen, 
den Siim der einzelnen Schriftstellen festzustellen — obwohl der 
Name Exegese das nahe legt — , sondern er muß auch Zusammen- 
hänge herstellen und Zusammenfassungen bieten, er wird also auch 
zum Historiker des Urchi'istentums, der das apostolische Zeitalter 
in seiner äußeren und inneren Entwicklung erforscht und darstellt. 
Der Kirchenhistoriker wird das auch nicht als Eingriff betrachten 
können, da es ihm ja praktisch ohnehin kaum mehr- möglich ist, 
das große Forschungsgebiet des neutestamentlichen Schrifttums mit 
der fast unabsehbaren Literatur darüber in wirklich fachmämiischer 
Weise zu beherrschen. Dringen ja auch imierhalb der Kirchen- 
geschichte berufene Fachleute darauf , daß von ihnen nichtmehr 
Aufgaben übernommen werden müssen, die die Ki-aft eines emzehien 
übersteigen. So erklärt Heinrich Schrörs : ,,Die Kirchengescliichte 
in dem dargelegten umfassenden Sinne ist über die geistige Spann- 
weite eines einzigen Dozenten hinausgewachsen. In jeder anderen 
theologischen Disziplin kaim es emer, wie jetzt die Verteilung ist, 
im Laufe der Zeit zur Beherrschmig bringen, in der historischen 



318 Joseph Sickenberger 

Theologie auch bei allem Fleiße nicht. Das Feld hat sich ausgedehnt 
und vertieft in unheimlicher Progression .... Eine Teilung des 
Faches wird sich nicht mehr lange umgehen lassen, wie denn auch 
an der Pariser Fakultät wenigstens für Urgeschichte der 
Kirche 1 ein besonderer Lehrstuhl errichtet worden ist. Was der 
Bibelwissenschaft recht gewesen ist, eine Teilung, wird der histo- 
lischen billig sein müssen. Die profane Geschichte, obschon sie 
vielleicht nicht so vielseitig ist wie die kirchliche, hat längst diesen 
Schritt getan." ^ Angesichts solcher Äußerungen, die auch schon 
vereinzelt weitere praktische Folgen gezeitigt haben — so die 
Trennung der Kirchengeschichte des christlichen Altertums von 
der der folgenden Perioden — , erklärt es sich auch, daß nie ein ernst- 
licher Grenzstreit zwischen Kirchenhistorikem und Neutest ament- 
lem entstanden ist. Bei allem Interesse, das die Kirchenhistoriker 
vielfach den neutestamentlichen Problemen entgegengebracht haben, 
mußten sich die Darstellungen der Kirchengeschichte doch damit 
begnügen, die allerwichtigsten Resultate der neutestamentÜchen 
Forschung herauszugreifen (z. B. das Leben Jesu, Pauli u. a. zu 
skizzieren), um hier den Faden der Geschichtserzählung anzu- 
knüpfen und einen Ausgangspunkt zu gewinnen. Aber die Auf- 
richtung dieser Marksteine wurde neidlos den Neutest amentlem 
überlassen. Eine Ausnahme bildete in letzterer Zeit nur der ver- 
storbene Bonner Pastoraltheologe K. A. Heinrich Kellner, der 
in seinen Werken: ,, Jesus von Nazareth luid seine Apostel im 
Rahmen der Zeitgeschichte" (Regensburg 1908) imd: ,, Tradition, 
geschichtliche Bearbeitung und Legende in der Behandlung der 
Chronologie des apostolischen Zeitalters" (Bomi 1909) prmzipiell im 
Namen der Kirchenliistoriker gegen die Exegeten zu Felde zog. 
Aber gerade seine recht kuriosen Thesen beweisen, daß \\issenschaft- 
liche Verdienste in der Erforschung späterer Jalu-hmiderte noch 
nicht befähigen, die schwierigen neutestamentlichen Probleme zu 
lösen. Nur wer sich das Zeugnis ausstellen darf, alle Fäden in der 
Hand zu haben, kann ihre Entwirrung versuchen. Sonst muß sein 
Beginnen im Dilettantismus ersticken. Genaue Kemitnis aller 
einschlägigen Aussagen des Neuen Testaments \md ihrer wichtigsten 
Erklärungsversuche, ein Vertrautsein mit dem Geiste und der 
Eigenart des neutestamentlichen Schrifttums mid die Fähigkeit, 

^ Von mir gesperrt. 

* Gedanken über zeitgemäße Erziehmig imd Bildimg der Geistlichen ■ 
(Paderborn 1910) 24C f . 



Kirchengeschichte und neutestamentliche Exegese 319 

sich recht lebendig in die Zeit des werdenden Christentums zurück- 
zuversetzen, sind unerläßliche Voraussetzungen für erfolgreiche 
Forschung auf diesem Gebiete. 

2. Gewiß sind das nicht methodische Forderungen, die nur für 
die neutestamentliche Periode Geltung haben. Methodisch arbeitet 
ja der Neutestamentier, wie ich schon vor zehn Jahren in der 
„Festgabe" für Alois Ivnöpfler (Veröffentlichungen aus dem Kirchen- 
histor. Seminar München III, 1, München 1907, 275) hervorgehoben 
habe, genau so wie der Kirchenhistoriker. Wenn Joseph Seh mid- 
iin (Theologische Revue VII 246 f.) zu der damals gegebenen Be- 
gründung bemerkte: Es wäre zu tadeln, daß ich der Kirchen- 
gesclüchte ,, größere Dogmenfreiheit" zuschreibe, so muß das auf 
einem Mißverständnis beruhen. Ich wollte damals nur kurz an- 
zeigen, wo die Wege des Kirchenhistorikers imd des Neutestament- 
lers methodisch auseinandergehen. Während sie in der Erforschung 
eines Sachverhaltes genau gleich verfahren, kann die Wertung einer 
Aussage diametral verschieden lauten. Ein neutestamentliches 
Wort wird vom katholischen Theologen als göttliche Offenbarung 
anerkannt und als wahr hingenommen, das Wort eines Kirchen- 
vaters oder eines Kirchenschi'iftstellers erfreut sich dieser be- 
sonderen Inspiration nicht, kann also unter Umständen auch einen 
Irrtum enthalten. Ich wählte damals als Beispiel den Hinweis 
auf subordinatianische Äußerungen vomizänischer Schriftsteller, 
wie Justinus und Origenes, die der kathohschen Kirchen-, näher- 
hin der Dogmenhistoriker als Irrtum werten wird. Tatsächlich 
kemit Justin die Gottgleichheit des Sohnes Gottes nicht ' , mid nach 
Origenes steht der Sohn tief unter dem Vater ^. Beide sind also 
in Widerspruch mit dem katholischen Dogma. Die Anerkennung 
dieses Sachverhaltes bedeutet noch keine ,, größere Dogmenfreiheit 
der Kirchengeschichte". Daß auch für diese eine prinzipielle Ge- 
bundenheit besteht, in dem auch sie mit übernatürlichen Faktoren 
rechnen und dogmatische Lehräußerungen der Kirche als Walirheit an- 
erkennen muß, daß also insofern der Kirchenhistoriker Schulter an 
Schulter neben dem Exegeten steht, habe ich in dem Aufsatz , , Ka- 
tholische Bibelforschmig und Wissenschaft"^ darzulegen versucht. 
Auch auf die prinzipielle Möglichkeit, daß das rein kirchliche (nicht 

^ Vgl. O. Bardenhewer, Geschichte der altkirchlichen Literatur I * 254. 
2 Ebd. II 2 185. 

^ Monatsblätter für den katholischen Religionsunterricht XVI (1915) 129 
bis 138, bes. 135 ff. 



320 Joseph Sickenberger 

unfehlbare) Lehramt Fragen der Kirchengeschichte zum Gegenstand 
von Entscheidungen macht, so wie die PäpstUche Bibelkommission 
auch über rein literarische Fragen der neutestamentlichen Wissen- 
schaft sich ausgesprochen hat, habe ich dort hingewiesen. All diese 
Tatsachen stellen Kirchengeschichte und neutestamentliche Exegese 
prinzipiell in eine Linie. Die göttliche Inspiration, die beim Zu- 
standekommen des neutestamentlichen Schrifttums eine Rolle 
spielte und dieses zum Worte Gottes machte, bedeutet keine Ex- 
emtion , die es historisch - kritischer Betrachtmigsweise unfähig 
machen würde. Die logischen Gesetze der philologisch-historischen 
Methode müssen auch dazu dienen, den Sinn der neutestamentlichen 
Aussagen festzustellen. Daß daneben in rebus fidei et morum das 
vom Heiligen Geiste geleitete Lehramt ebenfalls der Literpret 
einer Schriftstelle werden kann, wird derjenige nicht als Dissonanz 
empfinden, der die prinzipielle Möglichkeit eines Widerspruchs 
zwischen göttlich geoffenbarter Walirheit und auf natürhchem 
Wege einwandsfrei erworbenen Forschungsresultaten nicht zugibt. 
Die Erklärung des Neuen Testaments bleibt trotzdem wie die Kir- 
chengeschichte ein Zweig am Baume der historischen Theologie, 
die die zeitliche Entwicklung der in Israel und in der Kirche Christi 
verwirklichten Heils Veranstaltungen Gottes verfolgt. 

3. Überraschenderweise ist ganz neuerdings hinsichtlich eines 
Zweiges der neutestamentlichen Schriftforschung, nämUch der 
Einleitungswissenschaf t, ihr historischer, näherhin literar- 
historischer Charakter wieder bestritten worden. Meine Definition 
der Einleitmig ins Neue Testament als ,, einer Geschichte des ganzen 
Neuen Testaments und seiner einzelnen Teile" ^ hat die Mißbilligimg 
von Pet er Dausch gefunden, der erklärt 2; ,, Das klingt recht 
wissenschaftlich, scheint aber doch die Erwartungen, die von der 
Apologetik und von den anderen theologischen Disziplinen an 
unsere Einleitung gestellt werden, nicht zu erfüllen. Im Rahmen 
der Gesamttheologie soll doch die Einleitung die Glaubwürdigkeit, 
d. i. die Echtheit, die Unverfälschtheit und historische Walu-heit der 
neutestamentlichen Offenbarimgsquellen, grmidlegen. Selbst Schäfer- 
Meinertz (2. Auflage) .... weist auf die dogmatische Voraussetzung 
unserer Disziplin hin , die ihren Rahmen zmiächst der Lelu-e der 
Kirche über Zahl mid Umfang mid auch über den Charakter 



Kurzgefaßte Einleitimg in das Neue Testament {Freiburg i. Br. 1916) 2. 
Theologische Revue XV -kiO. 



Kirchengeschichte und neutestamentliche Exegese 321 

der neutestamentlichen Bücher entnimmt" (22 f.). Schade, daß 
Dausch nicht auch noch den nächsten Satz Schäfers mit aufge- 
nommen hat: „Dabei fußen wir allerdings auf einer Voraussetzung, 
doch einer solchen, die ihrer wissenschaftlichen Begründimg in der 
Fundamentaltheologie nicht entbehrt" (23). Dann hätte sich 
deuthch ergeben, daß die Lehre der Kirche über Kanon und Inspira- 
tion dort nicht zur neutestamentlichen Einleitung, sondern zur 
systematischen Theologie gezählt wird. Gerade diese klare Tren- 
nung stützt den historischen Charakter der Einleitungswissenschaf t. 
Und wemi Dausch selbst von letzterer verlangt, daß sie die Echt- 
heit, Unverfälschtheit und historische Wahrheit der Offenbarungs- 
quellen grimdlegen soll, so nennt er selbst drei Gebiete, auf denen 
eine Beweisführung nur rein historisch gemacht werden kami. Um 
die Echtheit einer Schi'ift zu beweisen, muß sie auf innere und 
äußere Kriterien hin untersucht werden; für den Nachweis der 
Unverfälschtheit stehen nur die Mittel der Textkritik zu Gebote, 
und auch die historische Wahrheit (eigentlich nur ein anderes Wort 
für Glaubwürdigkeit, so daß die Ausdrucksweise Dauschs an der 
zitierten Stelle nicht ganz logisch durchdacht ist) wird nur dann 
überzeugend dargetan werden können, wenn die Sätze des histo- 
rischen Schemas: der Verfasser konnte die Wahrheit sagen, wollte 
sie sagen usw., irgendwie Anwendung finden können: also lauter 
Gebiete, die voll und ganz von gescliichtlicher Betrachtungsweise 
beherrscht sind. Man braucht auch nur die beiden kathoHschen 
Einleitungswerke, die eine geschichtliche Auffassung dieser Disziplin 
direkt bekämpfen, die von Franz Kaulen ^ und F. S, Gutjahr ^ 
inhaltlich zu prüfen, um den Widerspruch zwischen Etikette und 
Inhalt sofort zu erkennen. Schon Rudolf Cornely S. J. ^ hat 
Kaulens Definition der Einleitung als ,, der Rechtfertigung der kirch- 
lichen Lehre von dem inspirierten und kanonischen Charakter der 
Heihgen Schrift" und die daraus gezogene Folgerung, daß sie ,, nicht 
ein Zweig der historischen", sondern ,,ein Teil der dogmatischen 
Theologie" sei, mit dem Hinweis darauf widerlegt, daß die Ein- 
leitungswissenschaf t sehr viele Materien behandle, die mit der 
Inspiration gar nichts zu tun haben. Er nennt als Beispiele die 
Ausführungen ,,de linguarum sacrarum indole, de scribendi arte et 
literarum formis, de codicum indole et historia". Noch schärfer wirkt 

^ 4.-5. Aufl. (Freiburg i. Br. 1897-1911). 
2 3. Aufl. (Graz und Wien 1912). 

' Introductio in u. T. libros sacroe I ' (Paris 1894) 13 f. 
Festgabe Kuöpüer 21 



322 Joseph Sickenberger 

der Widerspruch in Gutjahrs Einleitung. Auch er bekämpft die 
Definition der Einleitung als „Geschichte des Ursprungs, der Er- 
haltung und Verbreitung der heiligen Bücher", weil ,,bei solcher Auf- 
fassung gerade die Hauptsache allzusehr in den Hintergrund tritt" 
(31), gliedert aber seinen Stoff 2 Seiten später als ,, Geschichte 
des Kanons, Geschichte des Urtextes und der Versionen und 
Geschichte des Ursprungs der einzelnen heiligen Bücher in Ver- 
bindung mit der Darlegimg ihres Inhaltes" (33 f. — die Sperrungen 
von mir), betont also den geschichtlichen Charakter sogar in den 
Überschriften. Tatsächlich stimmen alle Einleitungs werke, wie 
immer ihre Richtung sein mag , darin überein , daß sie im einzel- 
nen in geschichtlicher Beweisführung die Entstehungsverhältnisse 
der neutestamentlichen Schriften dai legen und allgemein eben- 
so die Kanon- und Text gesch ich te erzählen. Keinem einzigen 
Herausgeber fällt es ein, etwa dogmatische Beweisgänge vorzulegen, 
z. B. nach dem Schema: Es ist kirchliche Lehre, daß die Apostel- 
geschichte glaubwürdig ist, also berichtet sie die Wahrheit ; sondern 
alle arbeiten sie mit den Mitteln der historisch-kritischen Methode, 
wie sie für Erforschung literarischer Werke der Vergangenheit sich 
herausgebildet hat. Wenn deshalb Kaulen und Gut jähr ihre Dar- 
legungen nicht als primär geschichthch aufgefaßt wissen wollen, 
so segeln sie entweder unter fremder Flagge oder sie haben von 
geschichtlicher Forschung einen Begriff, der nach den obigen Dar- 
legungen über die Berührungspunkte zwischen neutestamenthcher 
Exegese und Kirchengeschichte nicht zutrifft. Geschichthch be- 
trachten heißt nicht voraussetzungslos betrachten. Eine ,, dogma- 
tische Voraussetzung" raubt der neutestamentlichen Einleitungs- 
wissenschaft ebensowenig ihren geschichthchen Charakter, wie der 
Glaube an Wunder, Weissagungen mid das Wirken des Heihgen 
Geistes die Kirchengeschichte nicht zu einer dogmatischen Wissen- 
schaft macht. 

Darum geben außer den beiden genannten Herausgebern 
katholischer Einleitungswerke alle den historischen Charakter dieser 
Wissenschaft zu. M. von Aberle^ erklärte direkt: ,,Eine histo- 
rische Disziplin muß die neutestamentliche Einleitung immerhin 

* Herausgeg. von Paul Schanz (Freiburg i. Br. 1877). Was Schanz als § 1 
publiziert, „fand sich auf einem Zettelchen im Nachlasse des Verfassers und war 
wohl für den Vortrag bestimmt". Es ist anzuaiehmcn, daß Aberle, wenn er 
selbst die Veröffentlichung hätte redigieren können, seine Aussagen mehr aus- 
geglichen hätte. 



Kircbengeschichte und neutestamentliche Exegese 323 

bleiben." Am entschiedensten geht hier der Franzose E. Jac- 
quier vor, der den von Theodor Zahn ^ „inhaltlos und im wissen- 
schaftlich" genannten Namen „Einleitung" ganz aufgibt und seine 
4 Bände spezieller Einleitung mit „Histoire des livres du Nouveau 
Testament", und die 2 Bände, welche die Kanon- und Textgeschichte 
enthalten, mit ,,Le Nouveau Testament dans l'Eglise chretienne" be- 
titelt. Gleichwohl betonen die meisten katholischen Forscher mehr 
oder minder stark den apologetischen Charakter der Einleitungs- 
wissenschaft. Aberle, der die historische Auffassung für ,, nicht 
geradezu unrichtig, aber ungenügend" erklärte, meint anderseits, 
es müsse sich ,,mit der wissenschaftlichen Darstellung der Ent- 
stehung des Neuen Testaments auch ein apologetisches Element 
verbinden", weil die neutestamentlichen Bücher ,, Gegenstand von 
Angriffen geworden sind" (1). Auch nach Rudolf Cornely S. J. ist 
es ein Zweck der Einleitmigswissenschaft, die Autorität der Heiligen 
Schrift ,,ab obiectionibus incredulorum vindicare" (11). Aber 
letzterer erklärt diese defensio ausdrücklich als einen ,,finis non 
nisi secundarius et partiaUs", der dem ,,finis primarius et totalis", 
nämlich der praeparatio ad Scripturarum Studium, völlig unter- 
zuordnen sei (12). In der Tat können apologetische Rücksichten 
nur als Nebentendenzen in Frage kommen, die nicht imstande sind, 
den historischen Charakter der Einleitmigswissenschaft irgendwie 
zu beeinträchtigen. Die einfache Erwägung, daß es auch eine 
Einleitmigswissenschaft gäbe , wenn keine obiectiones incredu- 
lorum aufgetaucht wären, müßte daran hindern, dem apologeti- 
schen Faktor eine so große Bedeutung zuzuschreiben. Auch 
hier ist wieder der Vergleich mit der verwandten Disziplin, der 
Kirchengeschichte, sehr lehrreich, da auch sie mit zahlreichen 
obiectiones sich auseinanderzusetzen hat. Man definiert die Kirchen - 
geschichte auch nicht als die Rechtfertigung der Lehre, daß Christus 
der Stifter und Lenker seiner Kirche ist, sondern wie z. B. Alois 
Knöpf 1er und mit ihm viele andere ähnlich es tun, als ,,die %\issen- 
schaftliche Darstellung des ganzen zeitlichen Verlaufes der von 
Christus gestifteten Gemeinschaft". Von der Einleitungswissen- 
schaf t gilt ebenso wie von der Kirchengeschichte, daß die beste 
Apologetik die möglichst wahrheitsgetreue Darstellung und Be- 
gründung des historischen Sachverhaltes ist. Hier ^vie dort werden 
die erhobenen gegnerischen Einwände dazu dienen köimen, die 



^ Realenzyklopädie für prot. Theol. u. Kirche V ^ 274. 

21« 



324 Joseph Sickenberger, Kirchengeschichte und neutestamentliche Exegese 

Probleme allseitiger und tiefer zu erfassen, das Ziel der Erforschung 
wird aber immer bleiben müssen, zu erkennen, wie es wirklich ge- 
wesen ist. Aus diesem Grunde halte ich die Anschauung Johannes 
Belsers vollständig für richtig, der in seiner ,, Einleitung" ^ ,,das 
apologetische Element nicht als wesenthches und notwendiges 
Moment der neutestamentlichen Einleitung" ansieht (2). Mit 
Franz Hilber^ bin auch ich der Meinung: ,,Der apologetische 
Charakter gehört nicht zum Wesen der Einleitungswissenschaft und 
ist nur sekimdärer Natur" (3) ^. Weim Dausch diese x\uffa«sung 
zu dem schweren Vorwurf des Mangels ,,an leitenden Ideen" zu 
verstärken beliebt, so muß ich mich damit trösten, daß ich mich in 
guter Gesellschaft weiß und daß er konsequenterweise den gleichen 
Tadel gegen manche Kompendien angesehener Kirchenhistoriker 
richten müßte. 



1 2. Aufl. (Freiburg i. Br. 1905). 

' Einleitung (Brixen 1913). 

^ Auch die positiv gesinnten protestantischen Forscher sind dieser Meinung. 
So erklärt z. B. Fritz Barth in seiner „Einleitung" (3. Aufl., Gütersloh 1914, 
11 f.): „Die Einleitungswissenschaft erfüllt ihre Aufgabe um so besser, je mehr 
sie sich von den Gesichtspunkten der systematischen Theologie unabhängig 
erhält imd ihre Aufgabe rein historisch auffaßt. . . . Ihre Aufgabe ist keine 
apologetische." 



Die liturgische Fußwaschung am Gründonnerstag 
in der abendländischen Kirche. 

Von 

Religionslehrer Dr. Dionys Stiefenhofer in Dinkelsbühl. 

I. 

In Kathedral- und manchen Pfarrkirchen, sowie in Klöstern 
findet am Gründomierstag in Nachahmung des Herrenbeispieles ^ 
die Fußwaschung, das Mandatum 2, statt. 

Diese, ein großer Demuts- und Liebesakt, ist eine uralte, orien- 
talische Sitte '. Ihr Entstehungsgrund liegt im Gebrauch der San- 
dalen. Sie galt stets als Liebeszeichen gegen Fremde und Gäste *. 
Wer im Morgenland zur Zeit Christi ein gasthch Haus betrat, zog 
die Fußbekleidung aus und ließ sie in der Hausflur zurück. Der 
Hausvater küßte den Gast auf die Wange mit dem Gruß: ,,Der 
Herr sei mit dir." Darauf bat er ihn, Platz zu nehmen. Sofort 
erschienen Diener und wuschen ihm die Füße ^. 

Auf Grund des Beispieles und der Malmimg des Herrn ^ haben 
die Christen jedenfalls von Anfang an Fremden und Brüdern in 
demütiger Liebe die Füße gewaschen. Paulus gewähi't die Auf- 
nahme ins Gemeindeamt der Witwe oder Diakonissin nur sechzig- 
jährigen, einmal verheirateten Witwen, „die das Zeugnis guter Werke 
haben, wenn sie Kinder auferzogen, Gastfreundschaft geübt, den 
Heiligen (Christen) die Füße gewaschen" ''. Später haben 
die Klöster zur Übung der Demut und Liebe die Fußwaschmig be- 



1 Jo. 13, 4 ff. 

^ Dieser Name ist seit dem 9/10. Jahrh. allgemein gebräuchlich wegen des 
Herrenwortes Jo. 13, 34, das ehedem wie heute meist die Anfangsantiphon bildete: 
,,Ein neues Gebot (mandatum) gebe ich euch." 

3 Kirchl. Handlex. von Buchberger I (München 1907) 1568 ff. Art. Fuß- 
waschung (von Buchberger). 

« Gen. 18, 4; 19, 2; 1 Kön. 25, 41; Luk. 7, 44. 

* Müller, Das Kirchenjahr (Freiburg i. Br. 1911) 274 ff . 

« Jo. 13, 10 f. ' 1 Tim. 5, 10. 



326 Dionys Stiefenhofer 

obachtet. Nach der Regel des hl. Benedikt wuschen jeden Samstag 
die, die den Wochendienst in der Küche beschlossen, und die, die 
ihn begannen, allen Brüdern ^, ,,Abt und Gemeinde" den ange- 
kommenen Gästen ^ die Füße. In der Benediktinerabtei St. Blasien, 
wo die Fußwaschung der Brüder an allen Samstagen bis ins 16. Jahr- 
hundert üblich war ^, wusch man von Beginn der Fastenzeit bis 
Simon und Juda (28. Okt.) täghch unter Gesang und Gebet 
Armen die Füße *. Nach dem von Bernhard von Porto wohl vor 
1145 verfaßten Ordo Lateranensis pflegte die Kongregation der 
lateranensischen Chorherren in Rom jeden Samstag des Jahres ^, 
von Beginn der Fastenzeit bis Gründonnerstag täglich mit Aus- 
nahme der Soimtage ^ Armen die Füße zu waschen. Unterbheb 
einmal aus irgendeinem entschuldbaren und vernünftigen Grunde 
die Fuß Waschung, so kam doch das Almosen keineswegs in Wegfall '. 
Den Brüdern wurden von Gründonnerstag bis zur Pfingstoktav die 
Füße nicht gewaschen ®. 

In vielen Kirchen, so in der mailändischen, gallischen, auch zu 
Ravenna war es Sitte, daß die Bischöfe den Neugetauften in der 
Osternacht vor oder nach Anziehen des weißen Taufkleides meist 
unter einer bestimmten Formel die Füße wuschen ^. Diesen zuerst 
in den Kirchen des mittleren Galliens oder Oberitaliens auftauchen- 
den Lokalbrauch beobachtete die römische Kirche nicht. Als 
Grund vermutet Ambrosius ^^, der diese Sitte in seiner Kirche ver- 
teidigt, die große Zahl der Täuflinge. Nach dem Ordo Ambrosianus 



1 S. P. Benedicti Regula c. 35. * 1. c. c. 53. 

^ Gerbert, Monum. vet. lit. alem. T. II. P. altera. Accedit pars III Ritualie, 
pars IV Hermeneutica (Typis San Blasianis 1779) p. 84 A. 2 col. 1. 

* 1. c. col. 2. 

* Fischer, Bemhardi Cardinalis et lateran. eccl. Prioris Ordo officiorum 
ecclesiae lateranensis (München mid Freising 1916) p. 53, 20. 

* 1. c. p. 31, 16 s. p. 31 und 32 ist der Ritus dieser Fußwaschimg mitgeteilt. 
' 1. c. p. 53, 20 es. ^ 1. c. p. 53, 18 ss. 

" Duchesne, Origines du culte chr^tien (Paris 1889) 314. Kirchl. Handlex. 
a. a. ü. 1568. Nach dem Missale Gothicum (Muratori, Liturgia Romana vetus II 
[Venetiis 1748] 592) lautete die Formel bei der Fußwaschmig der Neophyten: 
Ego tibi lavo pedes sicut dominus noster lesus Christus fecit discipulis suis: tu 
facias hospitibus et peregrinis, ut habeas vitam aetemam. Das Missale Gallicanum 
vetus (Muratori 1. c. II 742) imd das Sacrameutarium Gallicanum (Muratori 1. c. 
II 852) haben eine ähnliche, etwas erweiterte Formel. Das Miss. Goth. hat die 
Fuß Waschung vor, das Sacram. Gallic. nach dem Anziehen des weißen Kleides. 
Das Miss. Gallic. erwähnt das Anlegen des Taufkleides nicht. 

^° De eacram. 3, 1. Migne, P. 1. 16, 452. De Myster. c. 6. 



Die liturgische Fußwaschung am Gründonnerstag 327 

des Beroldus aus der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts wusch in 
Mailand der Erzbischof den drei Knaben, die er am Karsamstag 
feierlich getauft und Petrus, Paulus und Johannes genannt hatte, 
nach der kreuzweisen Salbung mit Chrisam auf der Stirne die Füße, 
trocknete sie mit einem Leinentuch ab und küßte sie und legte 
dreimal eines jeden Ferse auf sein Haupt ^. In der spanischen 
Kirche verbot die Synode von Elvira (um 300) den Priestern oder 
Klerikern, die Füße der Neugetauften zu waschen ^. Den Grund 
hierfür gibt sie nicht an. 

Die Fußwaschung am Gründonnerstag bezeugt der hl. Au- 
gustinus. Er schreibt: ,,Da der Herr die Fußwaschung, wie er 
selbst sogleich nach ihr erklärte, deshalb anbefohlen hat, um uns 
durch sie jene Demut voi Augen zu stellen, die zu lehren er ge- 
kommen war, so hat man die Frage aufgeworfen, zu welcher Zeit 
eine so wichtige Sache am geeignetsten durch praktische Übung 
selbst gelehrt werden könne, und da bot sich jene Zeit dar, die mit 
der Erteilung des Auftrags am innigsten zusammenhing. Doch 
wollten viele diesen Brauch nicht aufkommen lassen, damit man 
nicht glaube, er habe eine Beziehung zum Sakrament der Taufe. 
Ja einige trugen sogar kein Bedenken, den schon bestehenden 
Brauch abzuschaffen. Einige aber wählten dafür, um sowohl eine 
geheiligte Zeit hierfür zu bestimmen als auch um den Unterschied 
von der Taufe hervorzuheben, entweder den dritten Tag in der 
Oktav, da auch die Dreizahl bei vielen Geschehnissen eine hervor- 
ragende Stellung einnimmt, oder den Tag der Oktav selbst." * Aus 
dieser Darlegimg erhellt, daß zu Augustins Zeit die Fußwaschmig 
am Gründonnerstag ziemlich allgemein war. Denn nur dieser Tag 
kann imter der Zeit, ,,die mit der Erteilung des Auftrags am innig- 

^ Magistretti, Beroldus sive ecclesiae Ambrosianae Mediolanensis Kalen- 
darium et Ordines Saec. XII (Mediolani 1894) 112. Den gleichen Ritus hat auch 
ein Kodex im Archiv des Metropolitankapitels in Mailand aus dem 13. Jahrh. 
(Magistretti 1. c. p. XXI— XLIV) und ein Kodex der Ambrosianischen Bibliothek 
in Mailand aus dem 14. Jahrh. (Magistretti 1. c. p. XLIV— XLIX). Über diese 
mailändische Zeremonie handelt nach Magistretti p. 218 (238) eingehend Joseph 
Vicecomes, De antiqu. baptismi rit. et caerem. 1. II c. XVII— XX. 

2 0. 48. 

' Aug., Ep. 55 c. 18 (um das Jahr 400). Migne, P. 1. 33, 220. Deutsche 
Übersetzung von A. Hoffmann, Des heiligen Kirchenvaters Aurelius Augustinus, 
ausgewählte Briefe, aus dem Lateinischen mit Benutzung der Übersetzung von 
Kranzfelder übersetzt I (Kcmpten-München 1917) 248 f. (Bibliothek der Kirchen- 
väter, Des heiligen Kirchenvaters Aurelius Augustinus ausgewählte Schriften 
aus dem Lateinischen übersetzt IX). 



328 Dionys Stiefenhofer 

sten zusammenhängt", gemeint sein. An ihm pflegten die Täuf- 
linge ein Bad zu nehmen, da die Augen etwas UnziemUches darin 
gesehen hätten, wenn man mit dem durch die Beobachtmig „der 
Fasten schmutzig gewordenen Leibe bei der Taufquelle erschienen 
wäre" ^. Man befürchtete nun vielfach, es könnte auch die Fuß- 
waschimg, falls sie am Gründonnerstag an den Täuflingen vor- 
genommen würde, in Beziehung zum Taufsakrament gebracht 
werden. Darum führten viele dieselbe nicht ein, ja einige schafften 
sie ohne Bedenken ab, wieder andere hielten sie am Osterdienstag 
oder am Weißen Sonntag ab. 

Eligius, Bischof von Noyon (640 — 659), kennt die ,,brüderUche 
Fuß Waschung" ^ am Tage des Abendmahles. Isidor von Sevilla 
(t 636) ^ erwähnt an Coena Domiju wohl die Weihe des Chrisma, 
die Abwaschung der Altäre, der Wände und des Pflasters der Kirche 
sowie die Reinigung der hl. Gefäße, nicht aber die Fußwaschung. 
Die 17. Synode von Toledo (694) jedoch schreibt in c. 3 die Fuß- 
waschung an Coena Domini, die an manchen Orten außer Übung 
gekommen, für alle Kirchen von Spanien und GaUien strenge vor. 
Jeder Bischof und Priester solle an diesem Tage nach dem hoch- 
heiligen Vorbild des Herrn die Füße seiner Untergebenen waschen. 
Jeder zuwiderhandelnde Priester soUe zwei Monate lang von der 
Kommunion ausgeschlossen sein. Amalarius von Metz führt in 
seinem nicht vor 819 * gescliriebenen Werk De ecclesiast. off. I 12 
die Fußwaschung an Coena Domini als hturgischen Akt auf. Im 
Anschluß an den evangelischen Fußwaschmigsbericht schreibt er: 
,,Wir waschen an diesem Tage nicht nur die Füße der Brüder, 
sondern auch die Pflaster der Kirche." Dagegen berülirt Hrabaiius 
Maurus in seiner Schrift De instit. cleric, die er als Leiter der 
Klosterschule in Fulda nicht nach 819^ gesclirieben hat, die Fuß- 
waschung nicht, obwohl er sie hätte nach dem Zusammenhang an- 
führen müssen, wenn sie in seinem Kloster bestanden hätte. Er 
betont, daß der Herr am Domierstag vor seinem Leiden seinen 
Jüngern die Füße wusch, um ilmen die Demut, zu der er sie in 
Worten ermuntert, auch durch die Tat zu leliren. Dann fährt er 



1 Aug., Ep. ö4 c. 10 (um das Jahr 400). Migne, P. 1. 33, 204. Hoffmann 

0. 216 f. 

- fratema pedum ablutio. Elig., Hom. 8 in die coenae. Migne, P. 1. 87, 623 A. 

3 De ecclesiat. off. I 29 n. 2. Migne, P. 1. 83, 764. 

* Kirchl. Handlex. a. a. 0. I 170. Art. Amalarius (von Hilgenreiner). 

^ Ebd. I 2026. Art. Hrabanus (von Manser). 



Die liturgische Fußwaschung am Gründonnerstag 329 

fort: „Daher kommt es, daß an dem gleichen Tage die Altäre der 
Kirche, die Wände und Pflaster gewaschen und die gottgeweihten 
Gefäße gereinigt werden/* ^ Die Übung der Fußwaschung, die 
erste und nächstUegende Folgerung aus dem Beispiel des Herrn 
erwähnt er nicht, offenbar deshalb, weil sie zu seiner Zeit in der 
Benedikt inerabtei Fulda noch kein Bestandteil der Liturgie war. 
In den offiziellen liturgischen Büchern erscheint der Ritus der 
Fußwaschung nicht vor dem 9,/10. Jahrhundert. Die gallikanischen 
Sakramentare, welche die bis ins 7. und 8. Jahrhundert mehr oder 
minder in Gallien herrschende Liturgie enthalten, das Missale Gothi- 
cum 2, das Missale Gallicanum vetus ®, das Sacramentarium Galli- 
canum * haben für Coena Domini nur Meßgebete. Desgleichen 
vermissen wir die Fußwaschung auch in den römischen Sakra- 
mentarien und Ordines des Frühmittelalters. Das Sacramentarium 
Gelasianum ^, das allerdings in seiner ältesten, um 700 für St. Denis 
verfaßten Handschrift starke gallikanische Beeinflussung zeigt, der 
erste ^ der von dem Mauriner Mabillon veröffentlichten 15 römischen 
Ordines, der in seinem zweiten, die Karwochenliturgie enthaltenden 
Teil dem Ende des 8. Jahrhunderts "^ angehört, ebenso der diesem 
Ordo beigefügte jüngere Appendix ^, ferner der von Duchesne 
herausgegebene römische, jedoch gallikanisch gefärbte Ordo von 
St. Amand ^, dessen Redaktion um 800 oder etwas später anzusetzen 
ist, endlich das Sacramentarium Gregorianum sowohl in der Aus- 
gabe von Muratori ^^, der die älteste, dem 9. Jahrhundert angehörige 
und aus Paris stammende Handschrift, der Codex Ottobonianus 313, 
zugrunde liegt, als auch in der Ausgabe von Menard ^^, die auf einer 
im Petruskloster zu Corbie entdeckten, wohl erst nach 835 ge- 
schriebenen Handschrift fußt — sie alle haben in ihrer Liturgie 
des Triduum sacrum den Ritus der Fußwaschung noch nicht. 



1 II 36. 

2 Muratori 1. c. II 577 ss. Die Präfation (immolatio) bietet eine symbolische 
Auslegung der Fußwaschimg (p. 578 s.). 

3 Muratori 1. c. II 722 ss. 727. * Muratori 1. c. II 837 s. 

* Wilson, The Gelasian Sacramentary. Liber sacrameutorum Romanae 
ecclesiae n. XXXVIII-XL (Oxford 1894) 63-74. 

« Ordo Rom. I Fer. V. Coenae Domini V 29—32. Mabillon, Museum Ita- 
licum I (Lutet. Paris. 1724) 19-22; Migne, P. 1. 78, 951 s. 

' Thalhof er-Eisenhof er, Handbuch der katholischen Liturgik I " (Freiburg 
i. Br. 1912) 78. « III 6 s. Mabillon 1. c. p. 33 s.; Migne, P. 1. 78, 962. 

9 Duchesne a. a. 0. 449 ff. ^° Muratori 1. c. II 54-57, 210. 

^^ Liber Sacrameutorum S. Gregorii ed. Menard. Migne, P. 1. 78, 82—85. 



330 Dionys Stiefenhofer 

Nach einer römischen Gründonnerstagsordnimg jedoch, die Mar- 
tene dem Pontifikale des Erzbischofs Egbert von York (735 — 766) 
und dem Pontifikale des Erzbischofs Turpin von Reims (753 — 800) 
entnommen, und die vielleicht dem 9./ 10. Jahrhundert angehört, 
wusch der Papst seinen vertrauten Dienern (cubicularii), die seit 
Gregor I. Geistliche und Mönche waren, die Füße, jeder Kleriker 
seinen Hausgenossen^. Den Ritus der Fußwaschimg bringt zu- 
erst der Ordo Romanus vulgatus ^, der, eine Sammlung verschie- 
dener Riten, frühestens aus dem Anfang des 9., spätestens aus der 
zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts ^ stammt. Er war von be- 
stimmendem Einfluß für die Folgezeit. So bunt und mannigfach 
auch die Züge sind, die der Ritus im einzelnen in den verschiedenen 
Kirchen und Klöstern aufweist, so ist doch ein gemeinsamer Grund- 
stock nicht zu verkennen. Es hat sich eme doppelte Fußwauschung 
am Gründonnerstag herausgebildet: die der Kleriker und ,, Brüder" 
(Mönche) und die der Armen. 

II. 

Bischöfe und Dignitäre, auch der Papst pflegten im IVIittel- 
alter allgemein Kanonikern und Klerikern, in Klöstern der Abt oder 
der Prior oder dessen Stellvertreter den Brüdern an Coena Domini 
die Füße zu waschen. Dabei wurde keineswegs immer auf die 
Zwölf zahl Gewicht gelegt. 

Der Ordo Rom. vulg. *, seit Mitte des 10. Jahrhunderts weit 
verbreitet, beschreibt den Ritus folgendermaßen: Nach der Ent- 
blößung der Altäre, die zwei Akolythen in schwarzen Kasehi während 
der Vesper vornehmen, geht der Bischof in aller Fröhliclikeit mit 
dem Klerus vor oder nach dem Mahle an den Ort der Fußwaschung. 
Dort stehen bereit zwei Akolythen mit zwei Leuchtern, ein dritter 
mit dem Weihrauchfaß, ein vierter mit dem Weihrauchgefäß und 
der Subdiakon, der das Evangelienbuch trägt. Der Diakon liest 
das Evangelium der Messe, Jo. 13, 1 — 15, vor. Darauf betet der 
Bischof die Oration der Vesper, legt seine Gewänder ab, umgürtet 
sich mit einem Leinentuch imd sclückt. sich an, seinen ,, Jüngern" 
(den Klerikern) die Füße zu waschen. Sobald der Bischof damit be- 
gonnen, waschen sie sich gegenseitig^ die Füße und trocknen 



1 Martine, De ant. eccl. rit. t. III 1. IV (Venet. 1788) 101. 

' Hittorp, De diviiiis cath. ecclesiae officiis ac mmistcriis (Colon. 1568) 62—63. 

•' Kirchl. Handies. II (München 1912) 1233. Art. Ordo (von Vykoukal). 

* Hittorp 1. c. 6 Vgl. Jo. 13, 14. 



Die liturgische Fußwaschung am Gründonnerstag 331 

sie ab unter Antiphonen- und Psalmengesang. Von den 22 Anti- 
phonen sind 11 aus Jo. 13, besonders aus den Versen 1 — 15 ge- 
nommen, 2 Antiphonen: Luk. 7, 37 ff. und Jo. 12, 3, reden von Maria 
Magdalena, 2 weitere bilden Rom. 8, 18 und 1 Kor. 6, 20, eine ist 
die Stelle 1 Jo. 4, 7. Die übrigen 6 sind keine Schriftworte, sie er- 
muntern zu gegenseitiger Liebe, preisen die Bruderliebe, bitten für die 
in Christus Versammelten um den Hl. Geist, mahnen zum Streben 
nach dem wahren Reichtum und Ruhm, der im himmlischen Vater- 
lande in der Versammlung der Engel winkt. Der Redaktor des 
Ordo bemerkt, daß noch andere, der Feier entsprechende Anti- 
phonen gesungen werden. In Verbindung mit ihnen erwähnt er die 
Psalmen 118, 47, 66, 83, 50, 132, 150. Diese Antiphonen und 
Psalmen hat er aus verschiedenen Ordines zusammengestellt. Dies 
lehrt schon die Beobachtung, daß er dreimal ein und denselben 
Psalm (Ps. 47, 66, 132) doppelt anführt. 

Nach den Antiphonen liest der Diakon im Lektionston Jo. 13, 
16 bis c. 18. Danach kommen die noch heute übhchen drei Ver- 
sikel und Responsorien : 1. Ps. 47, 10; 2. Ps. 118, 4; 3. V. Tu lavasti 
pedes discipulorum. R. Ps. 137, 8 c. Es folgen drei Orationes 
post mandatum. Die erste Adesto Domine, in wenig veränderter 
Form noch heute gebräuchlich, fleht um innere Reinigung, die durch 
die Fußwaschung äußerHch angedeutet wird. Die beiden anderen 
Orationen bitten unter Hinweis auf das Gebot des Herrn an die 
Jünger, einander die Füße zu waschen und Liebe zu erweisen, Gott 
um Kraft zur Haltung seiner Gebote und um Gewinnung der Sehg- 
keit. Zum Schluß fleht eine Oration Respice für die, die das Manda- 
tum vorgenommen haben, um Gottes Hilfe zur Übung des Guten, 
zur Besiegung des Feindes und zur Erlangung des ewigen Lohnes. 

Dieser Ritus des Ordo Rom. vulg. begegnet uns in seinen 
wesentlichen Zügen in der Folgezeit in allen Ordines, die das Man- 
datum haben. Etwas gekürzt, teilweise wörtlich treffen wir ihn 
z. B. in einem Wiener Kodex des 10. oder 11. Jahrhunderts ^. Er 
schreibt die 11 aus Jo. 13 genommenen Antiphonen des Ordo vulg. 
vor und die Psalmen 50, 66, 83, 101, 118 und 132. Unmittelbar 
auf die Fußwaschung läßt er die ,, Brotbrechung", die Feier des 
Abendmahles, folgen. Darauf betet der Bischof oder Presbj'ter die 
gleichen Versikel, Responsorien und Orationen, wie sie im Ordo 
vulg. stehen, mit Ausnahme der Oration Respice. 



1 Gerbert 1. c. 79 col. 1 u. 2. 



332 Dionys Stiefenhofer 

Nach einem Wiener Kodex des 10. Jahrhunderts ^ sang man zur 
Fuß Waschung den aus 18 Verszeilen bestehenden und mit Noten ver- 
sehenen Hymnus Victori mors (mortis), der die Überschrift trägt: 
Versus Flavii ad mandatum. Nach einer Auf f orderung zum LoVjpreis 
des Todesbesiegers ladet er Erde und Himmel ein, zu jubeln (TeUus ac 
aethera iubilent) ,,beim Abendmahl des großen Fürsten", der ,,in 
gewaltigem Geheinmis'* sein Fleisch und Blut der Seele gibt. Dann 
preist er die Demut ,,des Herrn der Engel", der sich mit Wasser 
und Leinentuch zum Geschöpfe niederbeugt, die Sanftmut des 
Lammes, das sich vom Wolfe (Judas) küssen, das seine , .könig- 
lichen Glieder" geißeln läßt, das die Gefesselten aus dem Kerker 
des Fleisches und Herzens befreit. Die ersten zwei Verse ^ wurden 
nach je zwei Versen immer wiederholt. 

Interessant ist der Fußwaschungsritus eines alten MLssale der 
Martinskirche von Tours ^ : Nach Enthüllung der Kruzifixe geht 
der Seneschall ■* mit seinen Begleitern zu den Wohnungen der 
Prioren. Vor jeder Türe schlägt er mit einem Hammer auf ein 
Brettchen. Nun kommen die Prioren und Kapitularen zur Kirche. 
Bei verschlossenen Türen wird sogleich Jo. 13, 1 ff. vorgelesen. 
Es folgt die Predigt, falls eine solche stattfindet ^. Danach bringt 
der Seneschall im Chorrock einen bemalten, bildergeschmückten 
Stab und ein vergoldetes Cymbal ^. Der CeUerai ' läßt das Cymbal 
ein wenig ertönen. Der Seneschall und sein Gefolge bringen Wasser 



1 Gerbert 1. c. 85 col. 1, 

2 Victori mors inclita pangamus laude gloriam Cum Patre et sancto Spiritu, 
qui nos redemit obitu. '' Marlene 1. c. 100 col. 1. 

* Seneschall (= Altknecht von senex und vom althochd. scalc = Knecht) 
oder Truchseß, eines der vaer germanischen Hauscämter im Frankenreich, der oberste 
Hofbeamte und Vorgesetzte des Dienstgefolgcs (truht), woraus das Amt des Haus- 
meiers (major domus) entstand. Daneben begegnet uns seit Ende des 7. Jahrb. 
ein Truchseß (dapifer) oder Seneschall als Küchenmeister, erster Diener bei der 
königlichen Tafel, Vorstand des Hof haltes und Venvalt er der Krongüter. Vgl. etwa 
H. Brunner, Deutsche Rechtsgeschichte I * (1906) 373. 

^ Auch ein altes Ordinarium von Senlis (Marlene 1. c. 100) schreibt nach 
der Lesung Jo. 13, 1 ff. eine Predigt vor. Nach einem mittelalterUchen Ordinarium 
von Langres (Martöne 1. c. 100) mußte ein lateinischer Sermo vorgetragen werden. 

' Das Cymbal (cymbalum) war bei den Griechen mid Römern ein becken- 
ähnliches Schlaginstrument aus Erz. Es bestand aus zwei hohlen, schüsselartigen 
Teilen, die aneinander geschlagen wurden. Im Mittelalter ist das Cymbal eine 
Art Glockenspiel. 

■^ Der Kellermeister, der nach der Benediktinerregol c. 31 die Aufsicht und 
Verwaltung des Klosterbesitzes hat. 



Die liturgische Fußwaschung am Gründonnerstag 333 

und Tücher zur Fußwaschung der Presbyter und Kleriker, Während 
derselben werden Antiphonen gesungen; nach derselben Pater 
noster, Kapitel und Orationen. Nun bringen der Seneschall und 
seine Begleiter vor den Dekan und die „Majestät des Kapitels" 
in Bechern Wein und singen laut: Benedicite. Nach der Segnung 
trinken die Kanoniker der Reihe nach. Dann reichen sie vom Altare 
aus den Klerikern W^ein. Hierauf treten sie vor ,,die Majestät des 
Kapitels" und singen die Antiphon : Hymnum dicite ^. Nun 
trinken der Seneschall und sein Gefolge. Darauf reichen sie noch 
einmal den Klerikern Wein, singend: Benedicite. Daran schließt 
sich die Komplet. Das Rituale fügt noch bei, es sollen zum Ab- 
trocknen der Füße 8 Ellen grobgewebtes Tuch gekauft werden, wo- 
von die eine Hälfte dem Seneschall, die andere nebst dem bemalten 
Stab dem Cellerar gehört. 

Mit der Fußwaschung verband man gewöhnlich die Feier des 
Abendmahles. Bischof Uhüch von Augsburg (j 973) wusch nach dem 
Mahle unter passenden Antiphonen, Versikeln und Lesungen seinen 
„Jüngern" aufs würdigste die Füße. Dann reichte er ihnen in 
gi'oßer Liebe und Demut genug von seinen besten Kellerweinen. 
Nach der Komplet übergab er seine im Dienste Gottes ermüdeten 
Gheder der Ruhe des Bettes ^. Nach einem Pontifikale von 
Besan9on aus dem 12. Jahrhundert ^ , mit dessen Mandatum 
sich fast ganz unser römisches deckt, ging man nach der Fuß- 
waschung zur Mahlzeit. Die Chorknaben sangen den HjTnnus 
Tellus ac aethera iubilent, dessen erste Verse die Anwesenden 
immer wiederholten. Inzwischen trug man Wein und ungesäuerte 
Brote herbei. Der Bischof oder der Dekan sprach über die Brote 
das Segnungsgebet: ,, Segne, Herr, dieses Geschöpf des Brotes, 
wie du die fünf Brote in der Wüste gesegnet, auf daß alle, die davon 
essen, Gesimdheit des Leibes und der Seele erlangen." Der Bischof 
oder der Dekan teilte die gesegneten Brote aus mit den Worten: 
,, Nehmet und esset zum Andenken an das Abendmahl des Herrn." 
Und nachdem alle mäßig gegessen und getrunken, sprach der Bischof 
die Schlußoration Adesto. Nach einem Missale des Martinsklosters 
zu Lyon bestand das Mahl aus Brot, Wein und grünen Kräutern *. 



1 Vgl. Matth. 26, 30. 

2 Gerhard! Vita Oudalrici episcopi c. 4 ed. G. Waitz. Monum. Germ, 
bist. Script. IV (Hannov. 18-41) 392, 26 es. 

^ Martene 1. c. 110. 
< Martine 1. c. 125. 



334 Dionys Stiefenhofer 

Der Ordo Lateranensis des Bernhard von Porto beschreibt die 
Fußwaschung der Brüder (Mandatum fratrum) so: Alle Brüder 
versammeln sich im Kapitelsaal, der Prior oder sein Stellvertreter 
wäscht ihnen die Füße. Wie jenes Weib (Magdalena) ^ trocknet 
er sie mit seinen Haaren ab und küßt sie. Er betet Pater noster 
und Oration olme Kyrie imd Preces und ohne Dominus vobiscum ^. 
Nun betritt ein Subdiakon in Tunizella mit dem Weihrauchfaß und 
ein Diakon in der Dalmatik mit dem Evangelium, die gegen Ende 
der Fußwaschung zur Kirche gegangen sind, den Kapitelsaal. Alle 
stehen auf. Der Diakon, von zwei Leuchterträgern und dem 
Thuriferar umgeben, beginnt im Lektionston Jo. 13. Bei Jo. 13, 
12 setzen sich die Brüder, nur die Minister stehen. Bei Jo. 14, 31 
gehen sie unter Vorantritt der Leuchterträger in den Speisesaal 
auf ihre Plätze. Zwei Brüder halten Gefäße mit Wein in den 
Händen. Auf ein Zeichen des Priors hört der Vorleser auf, \md ersterer 
spricht : ,,Den Trank der Liebe segne die Rechte Gottes des Vaters." 
Nach einem Amen trinken alle mäßig. Unterdessen liest der Diakon 
weiter bis Jo. 17, 26. Darauf gehen alle in die Kirche, werfen sich 
nieder zum Sündenbekemitnis und beten die Komplet. Inz%\'ischen 
kommen der Diakon und die Minister nach Ablegimg der hl. Ge- 
wänder zum Trinken ^. 

In St. Blasien wusch nach einem Kodex des 14. Jahrhunderts * 
der Abt dem Prior und allen Brüdern die Füße und Hände, trocknete 
sie ab und küßte sie. Nach der Lesung Jo. 13 ff. setzte sich der 
Diakon zur Rechten des Abtes, während die beiden Leuchterträger und 
der Thuriferar sich zu dessen Linken setzten. Nun erhob sich der Abt 
und sprach : Adiutorium nostrum ^. Darauf gingen alle zur Komplet. 

Ein Ordinarium der Marienkirche zu Noyon ^ schreibt vor, es 
solle der Bischof nach der Fußwaschung mit den Dignitären des 
Kapitels Brüder, die m offenkundiger Zwietracht leben, durch den 
Friedenskuß wieder zur Eintracht bewegen, auf daß sie in Frieden 
auseinandergehen, nachdem sie vom Bischof den Segen empfangen. 

Nach einem mozarabischen Missale '', das die alten Gebräuche 
der Kirche von Toledo enthält, nahm der Bischof die Fußwaschung 



1 Luk. 7, 38; Jo. 12, 3. 

"^ Ein Pontifikale von Arles aus dena 14. Jahrh. (Martine 1. c. 117) dagegen 
schreibt nach der Fußwaschung dreimaliges Kyrie, Pater noster, Versikel und 
Oration vor. ^ Fischer a. a. O. 53 a. 

* Gcrbert, Monum. vet. lit. alem. II 33 col. 2. 

' Fb. 123, 8. • Martine 1. c. 100. ' Martine 1. c. 123 col. 1. 



Die liturgische Fußwaschung am Gründonnerstag 335 

im Atrium der Kirche vor, wo Sedilien hergerichtet waren. Alle 
Laien mußten die Kirche verlassen. Sämtliche Türen wurden 
geschlossen. Mit der Albe bekleidet und mit einem Leinentuch 
umgürtet wusch der Bischof unter Antiphonen- und Psalmengesang 
seinen Klerikern die Füße und küßte sie. Darauf warfen sich mit 
ihm alle zur Erde nieder und weinten. Nachdem sie sich erhoben, 
versammelten sie sich zur Mahlzeit. Der Bischof reichte mit eigener 
Hand den Presbytern und Diakonen Wein. 

Die Fuß Waschung in der mailändischen Kirche teilt der 
Ordo Ambrosianus des Beroldus ^ mit : Nach dem Mahle wäscht 
der Erzbischof den Presbytern, Diakonen, dem Vorstand der Sänger- 
schule und dem Primizerius der 1 6 Lektoren mit großer Ehrerbietig- 
keit die Füße, während diese die bereits im Ordo vulg. erwälmte 
Antiphon singen: ,, Nachdem der Herr vom Malile aufgestanden" 
usw. Nach der Oration Adesto trinkt er zum Zeichen der Liebe 
mit denen, welchen er die Füße gewaschen, und gibt jedem 12 
Denare. 

In Rom wusch der Papst nach Ordo Rom. X^ (11. /12. Jalu-- 
hundert ^) am Schlüsse der feierlichen Messe 12 Subdiakonen in 
der Basihka des hl. Laurentius die Füße, während die Kantoren 
vor ihm der Sitte gemäß die Vesper sangen. Nach dem 11. römi- 
schen Ordo ^ (zwischen 1140 und 1143 0) zog er sich bis zur Dal- 
matik aus, legte die Almutia ^ um imd setzte sich. Außerhalb der 
St. Laurentiuskirche standen 12 Subdiakonen. Zwei Ostiarier 
nahmen den ersten in ihre Arme und geleiteten ihn zum Papst. 
Dieser wusch ihm mit warmem Wasser die Füße, trocknete sie mit 
dem Leinentuch ab, küßte sie und gab ihm 5 Solidi. Das wieder- 
holte sich bei jedem folgenden. Unterdessen sang man die Vesper, 
nach ihr die schon im Ordo vulg. aufgeführte Antiphon : „Nachdem 
der Herr Jesus gespeist" usw. Ordo Rom. XII' (z\\dschen 1192 
und 1198^) fügt bei, es soUen die 12 Subdiakonen ohne Fußbe- 



^ Magistretti 1. c. 105. 

2 n. 12. MabiUon 1. c. 101; Migne, P. 1. 78, 1013. 

3 Thalhofer-Eisenhofer a. a. 0. I 80. 

* n. 41. Mabillon 1. c. 137; Migiie, P. 1. 78, 1040 8. 
6 Thalhofer-Eisenhofer a. a. O. I 80. 

' Sie war ein Schulterkragen aus Pelz, der nach vom geöffnet war, bis zu 
den Ellenbogen herabfiel und mit einer den Kopf bedeckenden Kapuze versehen war. 
' XI 25. Mabillon 1. c. 180; Migne, P. 1. 78, 1074. 
« Thalhofer-Eisenhofer a. a. O. I 80. 



336 Dionys Stiefenhofer 

kleidung vor der Kirche warten. Nach dem 14, römischen Ordo ^ 
(vielleicht um 1311 ^ verfaßt) küßte der Papst den rechten Fuß 
des mit Rochett bekleideten Subdiakons. Der erste bekam 2 SoUdi, 
jeder folgende 12 Denare. 

m. 

Außer der Fußwaschung der Kleriker und Mönche fand früher 
am Gründonnerstag allgemein auch die der Armen (Mandatum 
pauperum) statt, die ja in den Klöstern auch an anderen Tagen, 
besonders in der Fastenzeit, bestand. Bischof Uhich ^ von Augs- 
burg wusch an jedem Tage der Fasten im Armenhaus 12 Armen 
die Füße und gab jedem für einen Denar Aceolum ^. Von da ging 
er an Coena Domini in die Kirche und verteilte vor der Sakristei 
an 12 Arme neue Kleider, anderen gab er eine Menge Aceolum, 
keinen ließ er leer ausgehen ^. Nach dem 12. römischen Ordo ^ 
wusch der Papst nach der Mahlzeit 13 Armen die Füße, trocknete 



1 LXXXrV. MabUlon 1. c. 357 s.; Migne, P. 1. 78, 1207. 

2 Thalhof er-Eisenhof er a. a. 0. I 81. 

3 Gerhard, Vita s. Oudalrici c. 4 1. c. 391, 15 ss. 

* Ein dimkies Wort, dessen Bedeutung nicht feststeht. Waitz (Gerh., Vita 
Oudal. 1. c. 391 A. 20) fragt, ob nicht an äxvÄos = eßbare Eichel zu denken sei. 
Grandaur (Das Leben Oudalrichs, Bischofs von Augsburg [Leipzig 1891] 28 A. 2) 
denkt an eine Art Kleiderstoff. 

6 Gerhard 1. c. 392, 22 ss. 

« XII 27. Mabillon 1. c. 181; Migne, P. I. 78, 1074 s. Catalani (Caeremoniale 
episcoporum [Romae 1744] T. I 1. II c. XXIV § II n. IV u. V, p. 267 col. 1) scheint 
diese Quelle übersehen zu haben. Es steht ihm sicher fest, daß dieser Brauch 
unter Sixtus IV. (1471 — 1484) in Rom noch nicht geherrscht hat. Zeuge hierfür 
ist ihm der Sekretär dieses Papstes Jakob Volterra, der in seinem Diarium Romanimi 
ad a. 1481 (bei Muratori, Rer. Italic. Script. T. XXIII col. 129) von Sixtus IV. 
berichtet, daß er am Gründonnerstag 12 Armen, die er zuvor mit weißen Kleidern 
und neuen Schuhen ausgestattet, die Füße wusch mid sie, wie er ad a. 1482 erzählt, 
mit Gold- und SUbermünzen beschenkte. Vielleicht, meint Catalani, hat der 
Nachfolger von Sixtus, Innozenz VIII. (1484—1492) den Brauch, 13 Armen die 
Füße zu waschen, eingeführt oder wenigstens erlaubt. Denn Augustinus Patriciua 
spricht in seinem Innozenz VIII. gewidmeten Werk De sacris Caeremoniis Pouti- 
ficiae capcUac I. II sect. I c. 4G von 13 Armen, die, mit den neuen weißen, ihnen 
vom Papst geschenkten Kleidern angetan, auf hohen, schöngeschmückten Sitzen 
Platz nehmen. Auch Thalliofer-Eisenhofcr (a. a. 0. I 629) läßt diese Sitte erst 
im 15. Jahrh. entstanden sein. Es kann sein, daß sie eine Zeitlang außer Übimg 
gekommen, später aber wieder eingefülirt worden ist. Tatsache ist, daß bereits 
der 12. römische Ordo sie erwähnt. — Das Caerem. episc. 1. II c. 24 § 2 sagt, daß 
die Bischöfe bald 13 Kanonikern, bald 13 Armen die Füße waschen. Das hänge 



Die liturgische Fußwaschung am Gründonnerstag 337 

sie ab und küßte sie. Jedem reichte er Geld und Wein. Diesen noch 
heute in Rom üblichen Brauch soll eine sinnige Legende erklären ^ : 
Papst Gregor d. Gr. pflegte täglich 12 Arme zu speisen und ihnen 
die Füße zu waschen. Eines Tages schloß sich ihnen ein Drei- 
zehnter an. Niemand wußte über seine Herkunft Bescheid. Später 
stellte es sich heraus, daß der Gast ein Engel war, den Gott sandte, 
um sein Wohlgefallen über Gregors demütiges Liebeswirken aus- 
zudrücken. Andere Erklärungen verzeichnet Catalani^: 1. In den 
13 Armen werde außer den Aposteln auch Christus repräsentiert. 

2. Sie sollen an 13 Apostel erinnern, insofern Paulus als der 13. gelte. 

3. Der 13. Arme versinnbilde den Hausvater, der vielleicht beim 
Abendmahle mit Christus zu Tische gesessen sei und ihm die Füße 
gewaschen habe, 4. Ein Zeremoniar habe, nachdem die üblichen 
12 Armen bereits bestimmt waren, noch einen anderen Armen, dem 
er besonders gewogen war, hinzugenommen. Catalani verwirft diese 
letzte, ,,neue" Erklärung als ,,eine ganz leichtsinnige Vermutung", 
ebenso die 3. wegen Mark. 14, 17 f. Im übrigen überläßt er das Ur- 
teil der Einsicht des Lesers. 

In den Klöstern wuschen die Brüder den Armen die Füße. 
Die Consuetudines des Paulusklosters in Rom ^ (11. Jahrhundert) 
ordnen an: Die Brüder waschen vor der Vesper den Armen die 
Füße, trocknen sie ab und küssen sie. Auf einen Schlag des Priors 
an die Tabula bringen die Kellermeister Wein. Diesen sowie 2 oder 
3 Geldstücke reichen die Brüder unter Händekuß den Armen. Da- 
nach sagt der Abt, wenn er da ist, den V. Ps. 84, 8, Kyr. el., Christe 
el., K}T. el., Pater noster, dieV. Ps. 47, 10; 118, 4 und: ,,Du hast 
deinen Jüngern die Füße gewaschen." Es folgt die Oration Adesto, 
stille Rezitation des Ps. 50 imd die Vesper. 

Die lateranensischen Chorherren in Rom pflegten nach der 
Prim 100 Armen die Füße zu waschen. Mit der Ant. Jo. 13, 34 
begannen die Laienbrüder, die im Portikus den Armen gegenüber 
saßen, die Fußwaschung in der Weise, daß je einer 2 oder 3 Armen 
die Füße wusch. Darauf wuschen die Klerikerbrüder zu zweien 



von der Gewohnheit der betreffenden Kirche oder vom Gutdünken des Bischofs 
ab. Das Caerem. bevorzugt allerdings die Fußwaschimg der 13 Armen, da hierzu 
ein größeres Maß von Demut und Liebe erforderlich sei. 

^ Gavantus, Thesaurus sacrorum rituum P. IV tit. VIII. Thalhofer-Eisen- 
hofer a. a. 0. 629. 

2 Catal., Caerem. episc. T. I 1. II c. XXIV § II n. VI u. VII p. 267 col. 2. 

■' Martene 1. c. 125. 
Festgabe Knöpfler 22 



338 Dionys Stiefenhofer 

je 3 oder 4 Armen die Füße, trockneten sie mit dem Leinentuch ab 
und küßten sie und gaben jedem unter Händekuß je einen Denar. 
Zuletzt wusch der Prior den Armen die Füße und beschloß das 
Officium lavandi mit Pater noster und Oration. Jeder Arme er- 
hielt noch Brot, eine Schüssel Bohnen, zwei Aale und einen Solidus 
Lucensis '. 

Ein Pontifikale von Arles ^ aus dem 13. Jahrhundert schreibt: 
Während der Sext führt man die Armen ins Kloster. Sie ziehen ihre 
Schuhe aus. Bei der Ant. Jo. 13, 34 beginnen die Laienbrüder, 
die Füße entblößt, mit Leinentüchern umgürtet, den Armen die 
Füße zu waschen. Sie trocknen sie mit dem Tuche ab und auch 
mit den Haaren wie jenes sündige Weib. Darauf reichen sie den 
Armen einige Denare, ilmen die Hände küssend. Nun werfen sich 
die Kanoniker, nachdem jeder seine Schüssel Bohnen beliebig aus- 
geteilt, vor den Armen auf die Erde nieder. Nach dreimahgem 
Kyr. el., Pater noster, V. Ps. 118, 4 und Oration Adesto werden 
13 Arme in den Speisesaal geführt und dort regaliert. 

In St. Blasien war es nach einem Ordo des 14. Jahrhunderts 
Sitte, am Gründonnerstag zweimal, nach der Terz imd nach der 
Sext, den Armen die Füße zu waschen ^. 

Nach dem heutigen römischen Missale * vollzieht sich die Fuß- 
waschung folgendermaßen: Der Offiziator in Albe, Stola und 
Pluviale von violetter Farbe legt miter Assistenz des Diakons imd 
Subdiakons in weißen Paramenten Inzens ein. Darauf erbittet der 
Diakon, das Evangehenbuch mit beiden Händen vor der Brust 
haltend, vom Offiziator den Segen. Er singt das Evangehum Jo. 13, 
1 — 15, nachdem er dreimal das Evangelienbuch inzensiert, das der 
Subdiakon, von zwei Leuchterträgern umgeben, hält. Am Sclüusse 
läßt der Subdiakon den Offiziator den Anfang des Evangehums 
küssen, und der Diakon inzensiert ihn. Nachdem der Offiziator 
das Pluviale abgelegt, ward er von den beiden Leviten mit einem 
Leinentuch umgürtet. Knieend wäscht er jedem der zum Mandatum 
Zugelassenen den rechten Fuß, den der Subdiakon hält, trocknet 
ihn mit dem Tuche ab, das ihm der Diakon reicht, und küßt ihn. 
Währenddessen werden 9 Antiphonen gesungen in der Weise, daß 



' Fischer 1. c. 46 s. 
2 Martine 1. c. 116 col. 2. 

^ Gerbert, Monura. vet. lit. alem. T. II. Pars altera. Accedit pars III Ritualis 
etc. 1. c. 84 A. 2 col. 2. 85 A. col. 1 u. 2; Monum. vet. lit. alem. T. II (1779) 233 col. 1. 
'' Cf. Caeremoiiiale episcop. 1. II c. 24 § III — IX. 



Die liturgische Fußwaschung am Gründonnerstag 339 

die 4. und 9. zweimal, jede andere einmal wiederholt wird. Von 
den Ps. 118, 47, 84, 48, 83 singt man nur den ersten Vers. Nach 
dem Mandatum wäscht der Offiziator die Hände und trocknet sie 
ab. Er zieht das Pluviale wieder an und singt Pater noster , die 
übUchen Versikel und Responsorien und die Schlußoration Adesto. 
Fast sämtliche Bestandteile dieses Ritus finden sich schon im 
Ordo Rom. vulg. Die Ant. Ubi Caritas et amor, deus ibi est und 
die folgenden Verse sind dem Hymnus des 9. Jahrhunderts Congre- 
gavit nos in unum Christi amor, einem VerheiTlichungslied der 
brüderlichen Liebe und Eintracht, entnommen ^. 



^ Thalhofer-Eisenhofer a. a. O. I 629. Der Text des Hymnus bei Dreves, 
Analecta hymnica XII 24. 



22* 



Das alte Franziskanerkloster in München 

in seinen Beziehungen zum bayerischen Fürstenhause 

bis zum Reformjahre 1480. 

Von 

Dr. P. Dagobert Stöckerl 0. F. M. in München. 

Über die Geschichte des alten Franziskanerkonventes in 
München bis zu dessen zweiter Reform im Jahre 1620 ist nur wenig 
urkundliches Material vorhanden. Ja gerade aus der für die baye- 
rischen Klöster so bedeutsamen Periode unter Ludwig IV. sowie 
aus der Reformationszeit, in der sich gerade der Orden des hl. Fran- 
ziskus in den von katholischen Wittelsbachem beherrschten Ge- 
bieten die größten Verdienste erworben hat, besitzen wir so gut 
wie keine unmittelbaren archivalischen Berichte. Fast alle unsere 
Kenntnisse darüber verdanken wir den theologisch-apologetischen 
Schriften gelehrter Ordens mit glieder aus jenen Tagen nebst mehreren 
außerfranziskanischen Quellen. Die Ordenschi'onisten des 17. und 
18. Jahrhunderts fühlen auch diesen Mangel und erklären ilm mit 
den beiden Reformen, die das Kloster 1480 und 1620 durchmachte 
und wobei unstreitig viele Urkunden zugrunde gingen, sowie mit 
wiederholten Feuersbrünsten, denen die archivalischen Bestände 
zum Opfer fielen. So sind wir fast nur auf spätere Berichte an- 
gewiesen ^, die sich jedoch nach ihrem eigenen Zeugnisse — und 
sie sind zum gi-oßen Teil von berufenen Ordensarcliivaren verfaßt — 
auf alte Quellen stützen und die eine sein gute Ergänzung und 
Beglaubigung, manchmal auch eine Korrektur finden an einem für 
die Geschichte der Münclmer Geschlechter und des Klosters wert- 
vollen Anniversar und Nekrolog aus dem 15. Jahrhundert. Es ist 
das ein Pergamentkodex, gesclnieben von P. Hermami Sack, der 
in der ersten Hälfte des 15. Jahrhmiderts lebte (f 1440), lange 

• Enthalten im Kgl. Allgemeinen Reichsarchiv in München (zitiert: RA) 
und im Provinzarchiv der bayerischen Franziskanerprovinz in München (zitiert: 
PA). 



Das alte Franziskanerkloster in München 341 

Jahre Guardian des Konventes in München war und dem besonders 
die Erhaltung und Sammlung von gehaltreichen theologisch- 
aszetischen Abhandlungen früherer Minoriten am Herzen lag. Der 
Kodex reicht in die älteste Zeit des Klosters zurück, wurde aber 
auch nach dem Tode des Verfassers noch fortgesetzt und enthält 
selbst Eintragungen aus dem 16. Jahrhundert i. Er bildet auch 
für die vorliegende Arbeit, für die Geschichte der Beziehungen 
zwischen den Franziskanern und dem Fürstenhofe, eine Haupt- 
quelle. 

Und diese Beziehungen waren bis herauf in unsere Tage stets 
sehr rege und segensreiche. In die wichtigsten Ereignisse der 
Klostergeschichte greifen wittelsbachische Herzoge ein. So schuf 
— um im voraus einen kurzen Überblick zu geben — Ludwig der 
Strenge den Brüdern eine Niederlassung in seiner unmittelbaren 
Nähe neben der Alten Burg und begründete damit das alte Kloster, 
das unter wechseheichen Schicksalsschlägen bestehen sollte bis 
zum Säkularisations jähre 1802. Die beiden Reformen des Kon- 
ventes 1480 und 1620 gingen von bayerischen Herzogen aus, die 
erste von Albrecht III. (IV.), die zweite von Maximilian I. Ihrem 
großen Gönner Lud\\ig IV. standen die bayerischen Ordensmit- 
glieder in dessen schlimmsten Tagen treu und opfermutig zur 
Seite. In den Wirren der Reformation waren die Franziskaner 
die eifrigsten Bundesgenossen der Witteisbacher im Kampfe gegen 
die neue Lehre und in der Erhaltung des Bayemlandes im katho- 
lischen Glauben ^. Einen herrlichen Ausdruck fand diese enge 
Verbindung zwischen Kloster und Hof in der vierhundertjährigen 
Jubiläumsfeier des Konventes im Jahre 1684, wo in oft geradezu 
reizenden Sinnbildern die Verdienste dargestellt wurden, die sich 
das Witteisbacher Geschlecht um die Familie des hl. Franziskus 
erworben hatte ^. So nimmt es denn nicht wunder, wenn schon 
Hermann Sack seinen Nekrolog mit einer Gebetsverpflichtmig der 
Brüder für das Fürstenhaus beginnt. Er schreibt N 1 b : ,Notandum, 

1 Er wird demnächst veröffentlicht in den Monumenta Germaniae Fran- 
ciscana (Münster i. W., Aschendorff). — Zitiert: X. 

^ Holzapfel, Handbuch der Geschichte des Franziskanerordens (Freiburg i. Br. 
1909) 475 ff. 

3 Vier Hundert Jähriger Welt-Lauff deß Seraphischen Franciscaner Ordens 
Von der ersten, zweyten und dritten Rcgl, Wie er ordentlich vom Jahr 1284 Biß 
auffs Jahr 1684 . . . außgebreitet imd geziehret worden (München 1684). — Der 
gleiche Bericht ist im nämlichen Jahre auch in einer lateinischen Übersetzung 
erschienen. — Femer PA 335 I d. 



342 Dagobert Stöckerl 

quod conventus Monacensis obligavit se omni quinta feria nocte 
cantare vigilias trium leccionum et feria sexta mane missam de- 
functorum. Et ante incepcionem misse facere recommendacionem 
animarum omnium ducum et ducissarum de domo bavarie, videlicet 
Ludwici imperatoris, Ludwici marchionis, antiqui ducis Stephani, 
ducis Fridrici, ducis lohannis, Domine Katherine ducisse, Domine 
Thatee ducisse et domine Anne de nifen ; pro quo recepit conventus 
annuatim XVI libras denariorum de theolonio, omni quatuor 
temporum IUI libras denariorum.' Diese vom Verfasser des 
Nekrologes selbst stammende Eintragung besagt somit, daß im 
Beginn des 15. Jahrhunderts und sicher auch in den nächsten 
Jahrzehnten — in N II, einer nach 1480 gefertigten Abschrift 
des ursprünglichen Nekrologes, war anfangs die gleiche Verpflichtung 
enthalten, ist dann aber später getilgt w^orden — in der Kloster- 
kirche an jedem Freitage ein Seelengottesdienst mit ,, Gedenken" 
gefeiert wurde für die verstorbenen Mitglieder des herzoglichen 
Hauses, insbesondere für die eigens erwähnten Fürsten und 
Fürstinnen. Dabei erhält Kaiser Ludwig den ihm zukommenden 
Titel , Imperator', den ihm viele kirchliche Kreise nach dem Vor- 
gange der päpstlichen Kanzlei unter Johann XXII. versagten ^. 
Unter , Ludwici marchionis' ist wohl Ludwig V. der Branden- 
burger zu verstehen, der Sohn Ludwigs des Bayern aus dessen 
erster Ehe mit Beatrix ^. Die drei Herzoge Stephan, Friedrich 
und Johannes sind die Söhne Stephans IL, die bis zum Jahre 1392 
gemeinsam regierten und dann das gesamte Land in drei Gebiete 
teilten, in Bayern-Ingolstadt, Bayem-Landshut und Bayern- 
München ^. All dieser soll im frommen Gebete eigens gedacht 



^ Vgl. dazu Pflugk-Harttung, Die Bezeichnung Ludwigs des Bayern in der 
Kanzlei Johanns XXII. (Historisches Jahrbuch der Görresgesellschaft XXII [1901] 
325 ff.). 

^ Gegen Ludwig VI. den Römer, den Sohn des Kaisers Ludwig aus dessen 
zweiter Ehe, der in Brandenburg regierte, 1365 in Berlin starb und dort in der 
Franziskanerkirche zum grauen Kloster begraben wurde, spricht die Bezeichnung 
,marchio' sowie die Regentschaft Ludwigs V. in Oberbayem und damit seine Be- 
ziehungen zum Münchner Kloster. 

^ Die Bezeichnung , antiqui ducis Stephani' könnte verleiten an Stephan II. 
zu denken. Dagegen läßt sich anführen, daß auch sonst in Urkunden die drei 
Brüder gemeinsam auftreten wie im Jahre 1392 bei der Eingabe an Papst Bonifaz IX. 
um Bewilligung eines Ablasses wegen der Auffhidung der Reliquien in Andechs 
durch P. Jacob Dachauer (PA 335 Id und in anderen Urkmiden); ferner daß im 
frommen „Gedenken" auch die Gemahlmnen der drei Brüder erwähnt werden. 



Das alte Franziskanerkloster in München 343 

werden sowie auch der Herzoginnen Katharina, der GemaHin 
Johanns II., Thatea, der Gemahlin Stephans III., und ,Anna de 
nifen', der Tochter Bertholds VII. von Neyffen, Grafen von Grais- 
bach und Marstetten, der Gemahhn des Herzogs Friedrich. 

Nach dieser kurzen Zusammenstellung sollen nun im einzelnen 
in chronologischer Folge die Beziehungen zwischen der bayerischen 
Krone und dem Franziskanerkloster nach den freilich spärlich 
vorhandenen Urkunden näher dargelegt werden. Dabei läßt es sich 
nicht vermeiden, in Kürze auch die Geschichte des Klosters selbst 
zu besprechen, da wir trotz seiner Bedeutung für das religiöse 
Leben noch keine Monographie darüber besitzen. 

Die ersten Anfänge des Münchner Klosters sind in Dunkel 
gehüllt. Nach alter Tradition, die mit großer Bestimmtheit auf- 
tritt, ist es bereits im Jahre 1221 von Castinus (oder Castmus), 
einem Reisebegleiter des Caesar von Speier, gegriuidet worden. 
Die Chronik des Bruders Jordan ^ erzählt nämlich, wie Caesar 
bald nach seiner Ankunft in Augsburg 1221 den Orden durch 
Aufnahme von Novizen verstärkte und dann seine Brüder nach 
der Weisung des hl. Franziskus in die verschiedensten Gegenden 
Deutschlands als Bußprediger sandte. Ein Teil von ilmen zog 
den Rhein entlang und faßte Fuß in den Rheingegenden, in den 
Städten Speier, Worms, Mainz imd Köln. Ein anderer Teil wandte 
sich nach Salzburg und eine dritte Gruppe nach Regensburg. Von 
München sowie von einem Bruder Castinus erzählt Jordan nichts. 
Hier tritt nun die Tradition ergänzend ein, die sich zwar geschicht- 
lich nicht genügend beweisen, noch weniger aber widerlegen läßt. 
Es war ja gewiß nahehegend, daß mehrere Brüder von Augsburg 
aus das benachbarte München aufsuchten, wo sie durch ihr demütiges 
Auftreten, durch ihren Seeleneifer mid iln-e Predigttätigkeit die 
Herzen der Münchner gewannen imd sich dann auch zum Bleiben 
entschlossen. Man übergab den neuen Ordensleuten ,,die Kapelle 
St. Jakob, welche damals außer der Stadt München auf einem 
schönen, großen Anger stand, samt einem schlechten, einfachen, 
schlichten, dabeistehenden Hause, .... welches alsdami in Besitz 
genommen und aus miterschiedlichem von den Clnistgläubigen 
zusammengetragenen Almosen in kurzer Zeit zu einem bequem- 
lichen Klösterlein . . . erbaut und eingeweiht worden." ^ Somit 

^ Analecta Franciscana (Ad Claras Aquas, 1885) I, Nr. 23—24. 

^ So PA 335 I d, nach einer alten Chronik verfaßt. Äluilich RA 1 und RA 1 a. 
RA 313 sucht eingehend die These zu begriuiden, daß Castinus 1221 das Kloster 
auf dem Anger gegründet habe. Näheres über die Entstehung des Münchner 



344 Dagobert Stöckerl 

ist daj Münchner Kloster aus den gleichen ärmlichen Anfängen 
herausgewachsen wie die ersten Franziskanemiederlassungen in 
den anderen Städten. 

Die Jakobskapelle, die sicher auf eine frühere Zeit zurückgeht 
und die man sich wohl als eine alte Feldkapelle vorzustellen hat, 
genügte bald nicht mehr den Bedürfnissen der Brüder. Bereits 
nach wenigen Jahrzehnten mußte man an die Erweiterung des 
Klosters und der Kirche denken, und so entstand neben der kleinen 
Kapelle die Jakobskirche, die von Alexander IV. durch Erlaß 
vom 15. Januar und vom 12. April 1257 mit Ablässen begnadigt 
wurde ^, An die Kirche schloß sich ein geräumiges Kloster an; 
aus der alten, ärmlichen Niederlassung ist ein Konvent geworden. 

Wie die alten Chroniken ausweisen, ist Bruder Castinus hoch- 
betagt im Jahre 1271 gestorben ^. Sack schreibt über ihn ohne 
nähere Zeitangabe (N 49a vom 14. Dezember) : ,Obiit frater Kastinus 
fundator domus.' Vielleicht lösen sich die unstreitig bestehenden 
Schwierigkeiten über die lange Regierungsdauer des Castinus, die 
im Rahmen vorliegender Arbeit nicht näher erörtert werden sollen, 
am besten mit der Annahme, miter domus sei nicht die erste Nieder- 
lassung am Anger zu verstehen, die nach der Tradition bis auf 
das Jahr 1221 zurückreicht, sondern der neue Konvent, der vor 
1257 erbaut wurde, mid zwar nach Ausweis der Quellen — die 
beiden päpstlichen Ablaß Verleihungen von 1257 sind an den Guardian 
Bruder Castinus und die übrigen Fratres IVIinores zu München ge- 
richtet — unter dem Guardianate und durch die opferwiUige Tätig- 
keit des Castinus, des ,fundator domus'. 

Das gute Beispiel, das die Brüder gaben, gewann ihnen in 
steigendem Maße die Sympathien weiter Volkskreise und auch des 

Klosters bietet mit Angabe der Literatur P. Parthenius Minges, Geschichte der 
Franziskaner in Bayern (München 1896) 7 ff. 

^ Minges a. a. 0. 8. Die Originale beider Bullen waren im alten Provinz- 
archive aufbewahrt. Potthast (Regesta Pontificum Romanorum II) kennt diese 
Erlasse nicht, wohl aber ein päpstliches Edikt vom 13. Januar 1257 (S. 1366 
Nr. 16 671), wonach jeder, der am Feste des hl. Franziskus und des hl. Antonius oder 
während beider Oktaven die Kirche der Franziskaner in München besuche, einen 
Ablaß von 40 Tagen gewinnen köiuie. — Diese Kirche, „deren Chor noch heute 
als die eigentliche Klosterkirche der Armen Schulschwesteni am Anger erhalten 
ist", ,, stellt zugleich den ältesten frühgotischen Bau Oberbayems dar" mit romani- 
schen Bestandteilen (Dr. Joseph Sturm, Die St. Anna - Pfarrkirche in München 
[München 1915} 6). 

* Freilich wird noch 1276 ein Bruder Castinus erwähnt. Siehe Mmges a. a. O. 



Das alte Franziakanerkloster in München 346 

Hofes. Schon bei Otto II. (f 1253) sollen sie als Beichtväter ge- 
wirkt haben. Noch einflußreicher wurde ihre Stellung unter dessen 
Sohne Ludwig II. dem Strengen (1255 — 1294), einem dei be- 
deutendsten Fürsten aus dem wittelsbachischen Hause. Er war 
den schlichten Mönchen des neuen Ordens mit besonderer Liebe 
zugetan und wollte sie deshalb in seiner unmittelbaren Nähe haben. 
Unter Mitwirkung des Geschlechtes der Sentlinger fand denn auch 
wirklich eine Verlegung des Klosters statt. Der Herzog räumte 
den Brüdern neben seiner Residenz, dem „Alten Hofe", einen 
geräumigen Bauplatz ein — heute steht dort etwa der westliche 
Teil des Hoftheaters — , und im Jahre 1282 konnte mit der Er- 
richtung des Klosters begonnen werden. Gegen eine Abfindungs- 
summe von 800 Gulden, welche die Herren von Sentling den Fran- 
ziskanern zum Baue der neuen Räumlichkeiten und der Kirche 
leisteten ^, überließen diese das Angerkloster den ,, armen Frauen" 
vom Orden der hl. Klara. 1284 stand das Kloster fertig da und 
konnte von den Brüdern bezogen werden ^. In das verlassene 
Angerkloster übersiedelten die Klarissen, und zwar zimächst vier 
Schwestern aus dem Kloster Söfflingen bei Ulm. 

So hatte die Gunst und Fürsorge des bayerischen Herzogs 
den Söhnen des hl. Franz ein Heim geschaffen, von dem aus sie 
jahrhmidertelang "v^ärken sollten im Dienste der Kirche, des Münchner 
Volkes und nicht zum wenigsten für das bayerische Fürstenhaus, 
in welchem sie alle Stürme der kommenden Zeit überstanden, 
bis sie 1802 die Säkularisation mit rauher Hand daraus vertrieb. 

Im Jahre 1284 führte Ludwig der Strenge in den Schwabinger 
Vorstädten den dritten Orden des hl. Franziskus ein, ein neuer 
Beweis, wie sehr der erlauchte Witteisbacher der Gründung des 
seraphischen Heiligen von Assisi zugetan war. 

Den Franziskanern in München fehlte zur Ausübung ihrer 
Wirksamkeit immer noch eine größere, ihren Verhältnissen an- 
gepaßte Ordenskirche. Wohl hatte man ihnen die Kapelle der 
hl. Agnes überwiesen, die Begräbnisstätte für das Geschlecht der 
Haslanger; aber diese genügte natürhch bei weitem nicht. Darum 
folgte auf die Errichtung des Klosters unmittelbar der Bau der 
Klosterkirche, die auch bereits 1294 fertig stand und im gleichen 
Jahre vom Bischof Enicho (oder Einicho) von Freising eingeweiht 

^ Nach mehreren Berichten in PA 335 und in RA. 

2 Manche Berichte stellen die Ereignisse in etwas veränderter chronologischer 
Form dar; doch lassen sich damit die Tatsachen nicht in Einklang bringen. 



346 Dagobert Stöckerl 

wurde ^. Der Feierlichkeit wohnten als Vertreter des Hofes bei 
die zwei Söhne Ludwigs II. (f 1294) Rudolf I. und Ludwig, der 
spätere Kaiser Ludwig IV. ^ So stand also schon jetzt Ludwig 
im Verkelir mit dem der Herzogsburg benachbarten Franziskaner- 
kloster, das später in seiner Regierungszeit ein so treuer Bundes- 
genosse sein sollte, von dem gar manche Verteidigungsschriften 
für das deutsche Imperium ausgingen. — Die alte Agneskapelle 
war mit der neuen Kirche vereinigt worden und blieb auch für die 
Folgezeit die Begräbnisstätte Münchner Geschlechter *. 

1295 stiftete der ,Patritius Monacensis' Heinrich Ridler für 
die Schwestern vom dritten Orden eine Niederlassung, die aber 
so klein und beschränkt war, daß sie nur für 12 Jimgfrauen hin- 
reichte. Um den damit verbundenen Mißständen abzulielfen, 
gründete 100 Jahre später wiederum ein Sprosse der Ridlerfamilie, 
Gabriel Ridler, einer der größten Wohltäter auch des Franziskaner- 
klosters, in dessen Nähe ein größeres RegeUiaus, das gewöhnlich 
von etwa 40 Schwestern bewohnt war. Sinnig äußert sich über die 
Lage beider Klöster der Chronist in RA la (p. 45): ,Cingitur multa 
ex parte Magnificentissimum Serenissimi Electoris Bavariae Pala- 
tmm immediate contiguis duabus Famihis ReHgiosis, scilicet Patrum 
nostrorum Ref ormatorum ^ et Sororum Ridlerianarum, ut id, quod 
subinde Aulae licentia relaxat, consecratae deo animae per rigorem 
Monasticum restringant ac intra sanctitatis canceUos retineant.' 

Das edle Werk Ludwigs II., die Errichtung des Klosters und 
der Kirche für die Sölme des hl. Franz, sollte bald schweren Schaden 
leiden. Anfangs des 14. Jahrhmiderts brach ein Brand aus, der, 
wie es scheint, die Klostergebäulichkeiten stark mitnahm. 

Näheres über die Entstehung und die Größe des Laiglückes 
besagen die L^rkunden nicht. Sie berichten nur, daß der Münchner 
Guardian Friedrich Choburg (oder Choburch) vor dem Jahre 1311 
die arg in Mitleidenschaft gezogene Kirche \^^eder herstellte ^. 

1 N 30b und N 52a. 

- N 52a: ,In presencia illustrium et inclitorum prmcipum Rudolfi et Ludwici 
comitum palatini reni et dixcum bawarie.' 

' Verschiedene Berichte, so P. Franciscus Gonzaga, de Origine Seraphicae 
Religionis Franciscanae (Romae 1587), forner RA 308 im Einklang mit anderen 
Darstellungen geben, freilich ohne nähere Beweisführimg, 1289 als Grimdiuigsjahr 
des Klosters an. Vielleicht liegt da eine Verwechslmig mit dem Bau der Kirche 
vor. Die alte Tradition, die sich am bestimmtesten in der Jubelfeier 1684 zeigt 
und die sich auf alte Quellen stützt, spricht dagegen. 

' Hofoiiniert seit 1G20. » N 12a; RA 309; RA 313. 



Das alte Franziskanerkloster in München 347 

Bald sollte es noch schlimmer kommen. 1327 war ein bitteres 
Unglücksjahr für das Kloster wie für die Stadt München. Hören 
wir N 52 b — und im Einklänge damit stehen spätere Akten wie 
RA 313, PA 335 an verschiedenen Stellen — : ,Anno domini 1327 
in gallicantu vigilie sancti Valentini martiris factum est incendium 
civitatis monacensis, incipiens iuxta dominas sancte Cläre, destruens 
chorum et ecclesiam sancti Petri et hospitale ^ et totam vallem 
et partem castri et vere terciam partem civitatis. Et ultra 30 
persone per ignem interierunt. Unde ver[e] mille ter centum 
viginti Septem nocte Valencini: Tercia monaci pars corruit igne 
voraci, Hospitahs domus exusta, pars magna monaci conbusta.' 
Den Franziskanern, deren Heim ein Raub der Flammen geworden 
war, blieb nichts anderes übrig als in anderen deutschen Klöstern 
gastliche Aufnahme zu suchen. Nach dem Berichte späterer 
Ordenschronisten war die Feuersbrunst 1327 auch für die Kloster- 
geschichte verhängnisvoll; sie führen darauf den Verlust des alten 
Archivbestandes zurück sowie die merkwürdige Tatsache, daß wir 
für die Zeit Ludwigs des Bayern fast keine franziskanischen Ur- 
kunden besitzen. Freilich ganz haben die Brüder die Stätte ihrer 
früheren Wirksamkeit nicht verlassen; einzehie Schriften, die vom 
,Conventus Monacensis' ausgingen imd die das franziskanische 
Ideal der Armut und die Rechte des deutschen Kaisers gegen 
Joharm XXII. vertraten, setzen ein wenn auch vielleicht ärmliches 
Klösterlein auf den Trümmern der früheien Niederlassung voraus. 
Ebenso mochte man die vom Feuer verschonten Teile imd Kapellen 
der zerstörten Kirche zu einer Art Notkirche ausgebaut haben. 
Erst Jahrzehnte später sollten durch die beiden Brüder Gabriel 
und Vinzenz Ridler Kloster und Kirche in neuem Glänze erstehen. 

Bitter schwere und stiu'mische Tage kamen für den Franzis- 
kanerorden unter dem Pontifikate Johanns XXII. Mit dem theo- 
logischen Problem von der Armut Christi imd der Apostel, das mehr 
eine innere Ordensangelegenheit war, verbanden sich eben damals 
auch die pohtischen Wirren, die der in das Leben des deutschen 
Volkes ungemein tief eingreifende und nicht selten gehässig geführte 
Kampf zwischen impeiium und sacerdotium erregte, und so ent- 
stand schließlich in den deutschen und namentlich in den baye- 
rischen Klöstern allmählich eine Unsicherheit mid Aufregmig, in 
der das patriotische Fühlen, die Treue gegen das Fürstenhaus 



^ Das Heilig- Geist- Spital. 



348 Dagobert Stöckerl 

in harten Konflikt geraten mußte mit den bestimmten Forderungen 
des Heiligen Stuhles. 

Ein näheres Eingehen auf jene Ereignisse, auf die gewaltige 
Erregung, die damals die Stiftung des Heihgen von Assisi durch- 
bebte und die jahrelang nachzitterte, ist im Rahmen vorhegender 
Arbeit nicht möglich i. Für uns kommt nur die Haltung des 
Münchner Konventes in Betracht, die freilich bloß verständlich 
ist im Zusammenhange mit der Geschichte der übrigen deutschen 
und bayerischen Klöster. 

Besonders erschwert wurde die Lage der Franziskaner in 
Bayern durch den Ordensgeneral Michael von Cesena, der sich 
1328 nach seiner Flucht aus Avignon am Hofe des deutschen Kaisers 
niedergelassen hatte und der sich, gestützt auf die Sympathien, 
die er ob seines Festhaltens am franziskanischen Armutsideale 
bei vielen seiner Mitbrüder genoß, und im Vertrauen auf die mächtige 
Hilfe Ludwigs IV., den päpstlichen Zensuren nicht fügte. Man 
kann sich leicht eine Vorstellung machen von den schweren Ge- 
wissenskämpfen und seelischen Stürmen, die ein solches Beispiel 
des höchsten Ordensoberen bei seinen Untergebenen im Gefolge 
haben mußte. Treffend ist das Urteil, das der Ordenschronist 
Wadding über diese aufgeregte Zeit gibt ^ : ,Miseris his tumultibus 
et tribulationibus vehementer laborabat paupercula Rehgio, et 
multi innocenter passi sunt, qui . . . ahquando huc et ahquando 
illuc fluctibus vel inscitiae vel timoris ferebantur. . . . Erat etiam 
admiratione et compassione dignum videre homines ahas doctos 
adeoque rehgiosae vitae, ut nihil turpe aut \ale etiam ab ipso Joanne 
eis obiici potuerit, imo maxime commendentur a pietate et virtute 
toto illo tempore, quo in Bavaria vixerunt, i i hasce abiise miserias : 
Non abierunt post suas concupiscentias, nee mundi aut camis 
agitabantur illecebris, sed nimio zelo sui Instituti et insipienti 
affectu paupertatis, quam profitebantur.' Das erkaimte auch 
Papst Johaim XXII. in gerechter Würdigung der Sachlage an. 
In einem Schreiben an die Kö'iigm Johanna von Franki'eich er- 
klärte er, sein Vertrauen zum Franziskanerorden sei mcht ge- 
schwunden, sondern im Gegenteile infolge der Haltung des Ge- 
samtordens gestiegen ^. 

^ Über den Verlauf des Streites siehe Holzapfel. Handbuch der Geschichte 
des Franziskanorordens 66 ff. 

- Wadding, Annales Minorum VII (Romae 1733) 85 — 86. 
3 Wadding a. a. 0. 94-95. 



Das alte Franziskanerkloster in München 349 

Tatsächlich haben sich die Franziskaner auf religiösem Ge- 
biete in verhältnismäßig kurzer Zeit dem Oberhaupte der Kirche 
entschieden unterworfen; bereits das Generalkapitel von Paris 
1329 brachte offiziell die Einigang. Im politischen Kampfe da- 
gegen gab es noch argen Zwiespalt. Es werden hier die Verhält- 
nisse wohl älmliche gewesen sein wie bei den deutschen Bischöfen 
und Reichsstädten, unter denen sowohl Papst wie Kaiser ihre ent- 
schlossensten Bundesgenossen fanden ^. Dazu kam bei den 
deutschen und speziell bei den bayerischen und Münchner Mendi- 
kanten noch das Gefühl der Dankbarkeit gegen den wittelsbachi- 
schen Fürsten wegen seiner Verteidigung der minoritischen Armut 
und seiner opferwilligen Fürsorge für die Klöster: Kein Wunder, 
wenn viele von ihnen von ihrem Kaiser nicht lassen wollten. So 
wurde die Frage, ob das päpstliche Interdikt, das aus politischen 
Gründen verhängt war, gehalten werden müsse, von einem großen 
Teil der deutschen Religiösen entschiedea mit ,,Nein" beantwortet. 
Das wai mit wenigen Ausnahmen der Fall im ganzen Bistum 
Konstanz, in Straßburg, in Frankfurt und noch in mehreren 
deutschen Städten ^. Die Worte, die der Prokurator König Fried- 
richs von Sizilien, Michael Stephani, am 20. September 1324 von 
Avignon aus an König Jayme II. von Aragonien schi'ieb, gelten 
sicher in gleicher Weise für die späteren Jahre : ,Religiosi communiter 
adherent regi Alamannie, maxime fratres Minores, et quam plures 
principes et populäres.' ^ — 

Wie stand es nun mit dem Münchner Kloster, das Ludwigs 
Vater seine Niederlassung neben der Herzogsburg verdankte und 

^ Riezler, Vatikanische Akten zur deutschen Geschichte in der Zeit Kaiser 
Ludwigs des Bayern (Innsbruck 1891). — Sauerland, Urkunden und Regesten 
zur Geschichte der Rheinlande aus dem vatikanischen Archiv (Bonn 1902—1903). 
— Schütte, Zur Stellung der Städte und Fürsten am Rhein zu Ludwig dem Bayern. 
Ein vatikanisches Aktenstück aus dem Jahre 1327 (Rom 1908). — Müller, Der 
Kampf Ludwig des Baiem mit der römischen Kurie (Tübingen 1879—1880). — 
Preger in den Abhandlimgen der historischen Classe der kgl. bay. Akademie der 
Wissenschaften XIV Abt. 1 (1878) Iff.; XVI Abt. 2 (1882) 113 ff.; XVII Abt. 1 
(1883) 103 ff.; Abt. 3 (1886) 499 ff . 

2 Preger a. a. 0. XIV Abt. 1 (1878) 38-40. 

* Schwalm in Monumenta Germaniae historica. Legiun Sectio IV. Con- 
stitutiones et acta publica impcratorum et regum. tom. V Xr. 990 S. 827. — Siehe 
auch Nr. 991 S. 827 und Nr. 992 S. 827 f. — Ein interessantes Bild, das wohl typisch 
sein dürfte für die Haltung vieler Franziskanerklöster, zeichnet Johann von Winter- 
thur vom Konvente in Lindau (Meyer von Knonau in Sybels Historischer Zeit- 
schrift 15. Jahrg., 2. Heft (München 1873) 241 ff. 



360 Dagobert Stöckerl 

das gerade damals im Mittelpimkte der ganzen Bewegung war? 
Die Antwort kann nach der bisherigen Darstellimg nicht zweifel- 
haft sein, wenn wir auch keine absolut gesicherten Beweise be^ 
sitzen. Wohl darf man die „MichaeHten" am bayerischen Hofe, 
deren Tätigkeit über den Rahmen unserer Arbeit hinausgeht, 
nicht mit den Münchner Fransziskanem verwechseln; ein Gegen- 
satz bestand gewiß zwischen ihnen nicht. So erließ Cesena am 
26. März 1330 gegen die Bulle ,Quia vir reprobus' eine proto- 
kollarisch aufgenommene Appellation, in der er Johann XXII. 
mehrerer Irrtümer beschuldigt. Das Schriftstück ist abgefaßt 
im Refektorium des Münchner Klosters: ,pre6entibus testibus 
vocatis et rogatis venerabilibus viris dominis Henrico decano 
sancti Petri, . . . fratribus Hermanno gardiano conventus Monachi, 
Nycolao de Frisigna et ahis fratribus dicti conventus et pluribus 
ahis clericis et secularibus . . .' ^ Am 23. August 1338 erneuerte 
Cesena seine Appellation und beschuldigte Benedikt XII. der 
Häresie. Zum Schlüsse heißt es: ,Acta et facta fuerunt predicta 
in civitate Monacensi in domo fratrum Minorum . . . presentibus 
testibus, testibus vocatis et rogatis venerabihbus et reügiosis viris 
fratribus Henrico de Thalem, GuiUermo de Ocham in sacra theologia 
magistris, Bonagracia de Pergamo iuris utriusque perito, Frederico 
de Vilperg gardiano prefati conventus et Henrico Brimone quondam 
gardiano dicti conventus ordinis Minorum.' ^ Wohl werden Fried- 
rich von Vilperg und Heinrich Brimone nicht unter denen auf- 
geführt, die dem libellus des Cesena offiziell zustimmten im Gegen- 
satze zu Heinrich von Thalheim und Willielm Occam; aber schon 
ihre Zeugenschaft bekundet klar ihre Stellmignahme. 

Nach der Tradition hat das Kloster die Exkommimikation des 
Kaisers, weil aus pohtischen Gründen verhängt, nicht anerkannt 
und darum auch das Interdikt nicht gehalten. Mehrere im Provinz- 
archive vorhandene Berichte (so PA 335 I) versichern, Lud^ng 
habe sich stets unbemerkt, um das religiöse Fühlen des Volkes nicht 
zu verletzen, in die nahe gelegene Ordenskirche begeben und dort 
von einem Chorfenster aus, den Blicken der INIenge durch eme 
Heiligenstatue entzogen, dem Gottesdienste beigewolmt. Mag das 
auf Wahrheit beruhen oder nur erfunden sein, jedenfalls entspricht 

^ Müller, Einige Aktenstücke und Schriften zur Geschichte der Streitigkeiten 
unter den Minoriten in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts. I. Xicolaus Mmorita, 
De controversia paupertatis Christi (Brieger, Zeitschrift für Kirchengeschicht« VI 
[1883] 74 87.) ^ Müller a. a. O. 76-77 101-102. 



Das alte Franziakanerkloster in München 351 

es der traditionellen Auffassung von der Haltung des Klosters 
in jener kritischen Zeit. Wie schon früher erwähnt, hat die Jubi- 
läumsfeier 1684 die wichtigsten Tatsachen der Klostergeschichte 
in Sinnbildern dargestellt, und gleich das erste Bild zeichnet die 
Versuchung Christi durch die Pharisäer mit der Zinsmünze. Die 
Erklärung besagt: ,,Die Außdeutung zihlet auff den Kayser 
Ludwig IV. auß Bayrn, welchem in seinem langwirigen schweren 
WiderWertigkeiten die Ersten und damahl berühmbtiste Männer 
deß Franciscaner Ordens zu seiner Rechtfertigung gedient haben." ^ 
An diese Tradition knüpft im 19. Jahi-hundert König Ludwig I. 
von Bayern an, der die ausdrückliche Weisung gab, auf dem großen 
Freskogemälde am Isartore, das nach der Schlacht bei Ampfing 
1322 den Siegeseinzug Ludwigs IV. in München darstellt, ja auch 
der Franziskaner nicht zu vergessen, der treuen Bundesgenossen 
seines erlauchten Ahnherrn ^. 

Persönlich war Ludwig ein aufrichtig frommer Fürst, und der 
bedauerliche Kampf mit dem Oberhaupte der Kirche hat seine 
innerhch rehgiöse Gesinnung, seine Ehrfurcht vor dem Heihgen, 
vor Gotteshaus und Meßopfer, und seine Fürsorge für die Geist- 
lichkeit nicht gemindert. Dafür zeugen verschiedene Stiftungen 
und Privilegien, von denen viele in den Monumenta Boica zu- 
sammengestellt sind (besonders in Bd. XIX und XXI). Hinge- 
wiesen sei auch auf seine Tochter Agnes, die 1349 im Alter von 
vier Jahren zur Erziehung ins Angerkloster gebracht wurde und 
mit der noch 9 Hofdamen die Welt verließen, um bei den Klarissen 
einzutreten. Die Jubelfeier 1684 verherrlicht das edle Fürsten- 
kind Agnes samt der ihr später nachfolgenden Tochter Albrechts IL, 
Barbara, in einem reizenden Sinnbilde: ,,Der mit Bluemen ge- 
krönte Christus gebrauchet sein Creutz zum Bluemenbettlein 
graben und erfrewet sich zarte, schneeweisse Lilgenstammen zu- 
pflantzen," Mit Recht sagt Burgundus vom bayerischen Fürsten- 



^ Vier Hundert Jähriger Welt-Lauff deß Seraphischen Franciscaner Ordens . . . 
(München 1684) I. SinnbUd. 

^ Auf die drei Appellationen Ludwigs, über die eine sehr lunfangreiche Lite- 
ratur besteht, sei hier nicht weiter eingegangen. Sicher ist beim Sachsenhauser 
Proteste der minoritische Einfluß nicht zu verkennen und wird auch vom Könige 
offen zugestanden. Ob aber Mitglieder des Münchener Hauses in Betracht kommen, 
entzieht sich unserer Kenntnis. — Siehe über Ludwig IV. noch Scholz, Unbekannte 
kirchenpolitische Streitschriften aus der Zeit Ludwigs des Bayern (1327—1354) 
(Rom 1911). 



352 Dagobert Stöckerl 

hofe zur Zeit Ludwigs : ,Tanta pietas florebat in Regia, ut scholam 
esse crederes, in qua virgines ad monasteria alerentur.' ^ — 

Der alte Franziskanerkonvent hatte durch den verheerenden 
Stadtbrand 1327 schweren Schaden geHtten, und es sollte Jahr- 
zehnte dauern, bis Kirche und Kloster wiederhergestellt waren. 
Durch das opferwillige Eingreifen des edlen Geschlechtes der Ridler, 
dem das Kloster auch sonst sehr viel verdankt 2, besonders durch 
die beiden Brüder Gabriel und Vinzenz, die ,reformatores huius 
conventus', wurde endlich das Werk vollbracht. 1375 konnte die 
Weihe des Gotteshauses stattfinden, und zwar durch den Weih- 
bischof Albert von Freising, der selbst aus dem Franziskanerorden 
hervorgegangen war, und etwa 1380 waren Kirche und Kloster 
neu erbaut ^. So hatte endlich nach vielen Schicksalsschlägen der 
Orden in München eine Stätte gefunden, die er dauernd bewohnen 
sollte bis zur Säkularisation. 

Das Jahr 1405 brachte dem neuen Konvente eüie große Aus- 
zeichnung: Die Abhaltung des Generalkapitels für den gesamten 
Orden. Eine reiche Zahl von Gästen, von den Vorstehern der 
einzelnen Provinzen, versammelte sich innerhalb der Klostermauern, 
und Hof wie Bürgerschaft wetteiferten in der Sorge für deren 
Unterhalt. Aus Dankbarkeit gewährte ihnen der neuerwählte 
Generalminister Antonius Angelus Vinitti von Pireto Anteil an 
den Verdiensten und guten Werken der Minderen Brüder und der 
Klarissen in einer Art ,Filianzbrief'. Er trägt die Überschrift*: 
,Christo deo devotis illustrissimis principibus Domino Emesto et 
eius conthorali Dominae nostrae Elisabethae ducissae cum prole 
ac domino Wilhelmo ducibus Bavariae palatinis ^ ; Toto consilio 
omnique populo utriusque sexus oppidi Monacensis et omnibus, 
qui beneficia specialia capitulo nostro generali contulerunt : Frater 
Antonius ordinis fratrum minorum generalis et servus salutem 



^ Nicolai Burgundi, Historia Bavarica sive Ludovicus IV. imperator. Iterura 
edidit Böhmer (Helmestadi 1705) 163. 

2 Siehe die Stiftungen N 2b; 3a; 5a; 19b; 38a; 47a {II 45a); II 14b; II 21 b; 
II 23 a; PA 335 I 16. 

^ So die meisten Berichte aus RA und PA. Einzehie wie RA 313 lassen die 
Weihe der Kirche erst 1385 vollzogen werden. ■* PA 335 I e. 

^ Die beiden Brüder Ernst und Wilhelm III. regierten gemeinsam von 
1397 bis 1435. Wilhelm IIL starb 1435, Ernst 1438. Elisabeth, die Tochter des 
Herzogs Barnabas von Mailand, war seit 1396 mit Enist vermählt. Nach N 7b 
vom 3. Februar vennachte sie dem Kloster für Abhaltung eines Jahrtages 30 rheini- 
sche Gulden. — Unter .proles' ist Albrecht II. der Fromme gemeint. 



Das alte Franziskanerkloster in München 353 

et pacem in domino sempiternam.' — Gewiß ein schöner Beitrag 
zur Stellung des Klosters innerhalb der Münchner Stadtgemeinde. 

Der im Filianzbrief erwähnte Sohn des Herzogs Ernst, Al- 
brecht II., vermählte sich am 22. Januar 1437 mit Anna, der 
frommen Tochter des Herzogs Erich von Braunschweig- Gruben- 
hagen (1384—1427). Albrecht II. starb 1460, und nun stiftete 
Anna in der Franziskanerkirche einen ewigen Jahrtag für sich 
und ihre Angehörigen. N 11 (siehe auch N 47 b) sagt darüber i; 
,Notandum est, quod conventus Monacensis fratrum minorum 
obligavit se peragere duo perpetua anniversaria pro dominio domus 
Bavarie et primo pro illustrissimo principe duce Emesto et contoralis 
sue Elizabet necnon pro serenissima domina domina Anna de Prawn- 
schweick et eius marito illustrissimo duce domino Alberto de domo 
Bavarie et eciam pro illustrissimo principe Ernreich de Prawn- 
schweick una cum coniuge sua domina Elizabet; ob quam causam 
illustrissima domina domina Anna de Prawnschweick dedit con- 
ventui ducentos et triginta florenos renenses.' Die näheren Be- 
stimmimgen über die Verwendung und Verteilung des Geldes, wie 
sie im N zusammengestellt werden, seien hier übergangen. 

Von den Kindern Albrechts II. haben vor allem drei die 
traditionellen Beziehungen zur Stiftung des hl. Franziskus auf- 
recht erhalten, Sigmund, Albrecht III. und Barbara, 

Barbara wurde am 9. Juni 1454 zu München geboren und 
kam mit 6 Jahren zur Erziehung ins Angerkloster. Eine glänzende 
Zukunft schien ihr zu winken, als ihr König Ludwig XI. von 
Frankreich Hand und Thron anbot; aber die junge Fürstin hatte 
sich bereits ihrem Gott geweiht und blieb auch dem heiligen Ent- 
schlüsse treu. Nichts konnte sie bestimmen, die Klosterzelle mit 
dem französischen Königsthi'one zu vertauschen. 1470 nahm sie den 
Schleier, starb aber bereits 1472 im Rufe der Heihgkeit und ward 
neben der Prinzessin Agnes beigesetzt. Nach der Säkularisation des 
Klosters wurden die Gebeine der beiden Prmzessinnen im Jahi'e 1 809 
nach der Fürstengruft bei Unserer Lieben Frau transferiert. 

Gleich seiner heiligmäßigen Schwester Barbara war Herzog 
Sigmund dem Orden des Heiligen von Assisi mit besonderer Liebe 
und Zuneigimg ergeben. Wiederholt rühmen die Cliromsten in 
PA die rege Fürsorge des Fürsten für den Konvent, seine Frei- 
gebigkeit gegen die Kirche und seinen redlichen Willen nach Be- 



^ Am Rande ist das braunschweigische und das bayerische Wappen gezeichnet. 
Festgabe Knöpfler 23 



354 Dagobert Stöckerl 

förderung der Ordenszucht unter den Brüdern. Wohl war er 1480 
nicht mehr Mitregent Albrechts III. — schon seit 13 Jahren lebte 
er als Privatmann: Aber bei der Einführung der Observanz im 
Münchner Kloster treffen wir ihn an der Seite seines Bruders. 
N 6b vom 25. Januar^ und PA weisen besonders auf eine reiche, 
von Herzog Sigmund stammende Stiftung hin vom Jahre 1466, 
auf ein ,, ewiges Seelgeräth und Jahrtag zu viermalen im Jahre 
alle Quatember", imd zwar für ,, hundert Pfund Pfenning Münchner 
Währung und fünf Pfund Pfenning ewiges jährliches Geld" '^. Die 
Verpflichtungen des Klosters sind: Am vorhergehenden Sonntage 
wird der Jahrtag von der Kanzel aus verkündet imd das Volk zum 
Besuche aufgefordert. Am Vorabend findet die feierhche Vigil 
statt ,,imd darnach des Morgens mit ainem gesungen Seiamt und 
auch mit vier aufgesteckten prymienden waxkerzen aufgeparet mit 
tebich all einem erbem Jartag zugehört imd nach loblich gewonheit 
unsers gotzhauß, und von jeglichem bruder so vil unser dy selb 
zeit briester in dem closter sein darzu mit ain gesprochen Seimeß 
die wir auch also halten und lesen sollen." ^ 

Eine Ergänzung zum Jahrtag in der Franziskanerkirche bildet 
eine Stiftung vom Jahre 1478 für die Schwestern des Ridler- und 
Bittrichklosters. Gegen eine Entschädigung von 20 Pfund Pfennig 
für jedes der beiden Häuser mußten diese ,,zu jetzlichem Jartag 
besunder ein halb pfunt wachs kauffen imd gewuntne Liecht 
darauß machen" sowie beim Seelenamte Wein und Brot opfern. 
Die Franziskaner übernahmen die Kontrolle über die gewissen- 
hafte Einhaltung der auferlegten Verpflichtungen *. 

Der Konvent hat die reichen Wohltaten seines edlen Gönners 
Sigmund stets dankbarst anerkaimt. Bei der Jubelfeier war eine 
eigene Darstellung aus dem Leben Jesu dem hohen Fürsten ge- 
widmet: Der kleine Jesusknabe, der ,,die Scheitten und Holtz- 
stücklein" zusammensucht, wird in Parallele gestellt mit dem 
Herzog Sigmund, der aus allen Gegenden Baumaterial, Holz und 
Steine herbeiführen läßt zum Bau des Münchner Domes. Damit 
hat sich der wittelsbachische Fürst ein mivergängliches Denk- 
mal für alle Jahrhunderte errichtet. Am 9. Februar 1468, im 

^ Siehe femer N 21a vom 17. Mai; N 37a vom 13. September; N 49b vom 
17. Dezember. 

2 So der Stiftmigsbrief in PA 335 Je 17b-19a; 31b-32a. N 6b ist die 
frühere Angabe der Summe getilgt mid dafür ,quinquo florenos' gesetzt. 

» PA 335 le 32a. * PA 335 le 32a. 



Das alte Franziskanerkloster in München 355 

29. Jahre seines Lebens, wurde der Grundstein zum gewaltigen 
Werke gelegt und am 14. April 1494 konnte Bischof Konrad von 
Freising die feierliche Einweihung vornehmen. — Im Jahre 1501 
ist Herzog Sigmund in seinem Schlosse zu Menzing gestorben 
,in habitu Franciscanae familiae'; als Liebhaber der franziskanischen 
Familie im Leben wollte er auch im Tode durch das Ordenskleid 
seine innere Zugehörigkeit zu ihr kundtun ^. 

Ganz anders als Sigmund griff dessen Bruder Albrecht III. (IV.) 
in die Geschichte des Münchner lOosters ein. Es war damals die 
Zeit, wo die Observanz ihren Siegeslauf durch die franziskanische 
Welt hielt und den Konventualen ein Kloster nach dem anderen 
abnahm. Sie ging aus vom allgemeinen Sehnen nach einer Reform 
im Orden und wollte das Armutsideal des hl. Franziskus, das 
im Laufe der Zeit stark verblaßt war, soweit als möglich wieder 
zur Grundlage des Ordenslebens machen. Schon der alte David 
von Augsburg, einer der ersten deutschen Novizenmeister (f 1272), 
weist in seiner Regelerklärung auf die Schwierigkeiten hin, die 
hohen Forderungen des Heiligen von Assisi in ihrer vollen Be- 
stimmtheit zu aUen Zeiten zu verwirklichen. Er schreibt: Die 
strenge Auffassung des Armutsgelübdes erfuhr von selbst eine 
Milderimg ,tam ratione multitudinis ac debilium fratrum, qui 
rigorem primum facere non valent, quam ratione studii et diver- 
sorum attinentium et aedificiorum, quae plura requirunt con- 
quirenda.' ^ Nehmen wir dazu die regen Beziehungen zwischen 
den einflußreichen Klöstern in der Stadt und der vornehmen 
Bürgerschaft, die sicher auf das reguläre Leben abfärbten und 
abfärben mußten ; die reichen Stiftungen für Jahrtage und religiöse 
Andachten, die zusammen mit anderen Gaben ganz hübsche Ein- 
künfte erzielten; die kritischen Zeiten des Ordens imter Jo- 
hann XXII., die einzehie Brüder dem franziskanischen Ideale 
fast entfremdeten; die schrecklichen Wirren des Schismas in der 
Kirche; die zahheichen unglücklichen Ereignisse, Kriege usw.: 
All das hat die Ordenszucht in manchen Häusern schwer beein- 
trächtigt. Es entstand der sogenannte ,,Konventuahsmus" des 
14. und 15. Jahrhunderts, eine gewisse Weltförmigkeit, die aber 
auch eine mächtige und siegreiche Gegenströmung hervoiTief, die 
Observanz. Damit kam die erste große Reform im Orden, die im 
Jahre 1480 auch das Leben des Münchner Konventes umgestalten 

1 PA 335 Id 10 b; siehe auch PA 335 li 4. 

2 Stöckerl, Bruder David von Augsburg (München 1914) 76. 

23* 



356 Dagobert Stöckerl 

und bald darauf das Angerkloster und die beiden Bittrich- und 
Ridler-Häuser erfassen sollte. 

Der eigentliche Reformator der Franziskaner in München war 
nun Herzog Albrecht III. Der nicht gerade erbauliche Vorgang 
ist wiederholt eingehend dargestellt worden, so in mehreren Be- 
richten in RA, in PA 335 le 19b ff. i, in PA 335 le 22a ff. 2; 
auch Minges hat ihm in seiner Geschichte der Franziskaner in 
Bayern ^ eine genaue Schilderung gewidmet. Das Resultat der 
langen Verhandlungen, bei denen der Herzog selbst als Bevoll- 
mächtigter Sixtus IV. handelnd auftrat, war die Vertreibung der 
widerstrebenden Konventualen aus ihrem Kloster und die Ein- 
führung der Observanten, die bereits in Indersdorf weilten und nur 
auf den Ruf nach München warteten. 

Es war ja gewiß ein Gewaltakt gegen die Konventualen, von 
deren Heim ein reicher Segen ausgegangen war, wenn auch in den 
letzten Jahrzehnten das Ordensleben nicht melir vom früheren 
Geist der Armut getragen wurde ; ein Gewaltakt, den man als solchen 
bedauern Avird. Aber schließlich lag ein derartiges Vorgehen im 
Siime der damaligen Zeit, die zur Durchfülirmig ihres religiösen 
Zieles auch das brachium saeculare nicht scheute. Eine Heb\mg 
der Ordenszucht war sicher für den Konvent sehr wünschenswert. 
Weigerten sich aber die Brüder, die Reform anzunehmen, so blieb 
schließlich nichts anderes übrig, als sie durch bessere Ordensleute 
zu ersetzen. Rechtlichen Anspruch auf das Kloster hatten weder 
die Konventualen noch die Observanten; die christliche Wohl- 
tätigkeit hat einzig den Söhnen des hl. Franziskus ein Heim erbaut, 
in dem sie nach dem Geiste ihres Stifters leben und in gesegneter 
Tätigkeit auf die Mitwelt einwirken sollen, das sie aber kaum 
mehr zu Recht besitzen, wenn das franziskanische Ideal stark be- 
einträchtigt oder gar geschwunden ist. Von diesem Standpunkte 
aus wird man auch die Reform des Münclmer Ivlosters betrachten 
müssen. Unstreitig hat sich Albrecht III. große Verdienste um 
dasselbe erworben und trägt mit Recht den Titel: ,Reformator huius 
conventus et sincerissimus fautor observancie et familie nostre.' * 

Es ist gewiß eine eigenartige Fügung, daß der gleiche Fürst, 

^ Tnstruinentum Notarii conccrnens roforniationos conventus Monaceusis a 
Conventualibus ad Obscrvantos (9. Oktober 1480). 

^ Litterao refonnntoriae conventus Älonacensis per ducem Albertum seu 
Processus de refonnatione contra conventum (Anno 1480). 

=* S. 49f. * N II IIa vom 20. März. 



Das alte Franziskanerkloster in München 357 

der so viel für die Observanten getan hatte und der von den besten 
Absichten gegen die Söhne des hl. Franz geleitet war, bald nach 
dem Reform] ahre dm'ch Wegnahme von Klostergut selbst der 
kirchlichen Strafe verfallen sollte. Er hatte nämlich ,pro vallando 
et muniendo novum Castrum Monaci' i mit Zustimmung der Fran- 
ziskaner auch einen Teil ihres angrenzenden Klostergartens als 
Bauplatz benutzt und fürchtete nun sich durch den Eingriff in 
Klostergut die Exkommunikation zugezogen zuhaben. Der Herzog 
wandte sich um Lossprechung nach Rom, und Sixtus IV. gab auch 
den Äbten von Tegemsee und Andechs dazu die Vollmacht, ,ita 
tamen, ut prius satisfaceret recompensamque daret monachis'. — 

Das Verhältnis zwischen Hof und Kloster blieb auch in der 
Zeit nach der Reform ein inniges und gesegnetes; der bayerische 
Hof bewahrte stets der Gründimg des Heiligen von Assisi Ver- 
trauen und Zmieigimg. Es sei nm* hingewiesen auf die Gemahlin 
Herzog Albrechts III., Kunigunde, die sich nach dem Tode ihres 
Mannes 1508 unmittelbar vom Begräbnis weg in das Bittrich- 
Kloster begab und dort ein heiligmäßiges Leben führte (| 1520) ^; 
auf den großen Franziskanerfreund Herzog Wilhelm IV., der in 
den Wirren der Reformation den Orden als den treuesten Bundes- 
genossen schätzte in der Erhaltung und Verteidigung des katho- 
lischen Glaubens — ,conventuum nostrorum per Bavariam largus 
eleemosinarius' nennt ihn N II 9b vom 6. März. Es sei hingemesen 
auf den Sohn Albrechts IV., Herzog Ferdinand, den Begründer 
der Wartenbergischen Seitenlinie, von dem N II 5 a vom 30. Januar 
sagt: jVerus Patronus, verus ac devotissimus pater totius Ordinis 
nostri, qui post innumera nobis exhibita beneficia plus semel 
poUicitus fuit superioribus verbo, quod facto liberalissime praestitit, 
tamdiu Ordinem non sensurum defectum, quoad ipse poris ^ fuerit, 
si vel dimidium suorum elargiri cogatur bonorum. Dignior idcirco 
prae caeteris, qui iugiter fratrum precibus commendetur.' 

Somit war das Werk Ludwigs II., die Ansiedelung des Kon- 
ventes in der unmittelbaren Nachbarschaft der Residenz, gleichsam 
zum äußeren Symbol geworden für das schöne Band des treuen 
Zusammenarbeitens, das von den ersten Tagen des Klosters an 
das herzogliche Haus und die Söhne des hl. Franziskus umschloß. 

1 Absolutionsdekret vom 30. Oktober 1482 in PA 335 le 32 b. 

2 PA 335 Id 9b (10b). ^ Wohl von porisma = Gewinn, Vermögen. 



Die Bildungspflicht des Christen in der Gegen wart. 

Von 

Univ.-Prof. Dr. Franz Walter in München. 

Bildungsfragen aufzurollen, während ringsum der Weltkrieg 
tobt und eine alte Welt dem Zerfall entgegenzugehen scheint, 
könnte zum mindesten unzeitgemäß erscheinen, ,,Inter arma silent 
musae" ist ja auch heute ein vielgehörtes Wort. Trotzdem hat das 
deutsche Volk auch inmitten der unerhörten Anforderungen, die 
der Krieg an seine gesamte Kraft stellt, seine geistigen Interessen 
niemals ganz aus den Augen verloren. Es ist sich bewußt, was es 
an seinem Bildungswesen für einen unersetzlichen Schatz besitzt, 
und will ihn daher um jeden Preis über alle Ruinen des Weltbrandes 
hinwegretten. Das deutsche Geistesleben hat auch während des 
Weltkrieges nicht geschlummert, sondern viele Früchte, erfreuliche 
und weniger erfreuliche, zur Reife gebracht — trotz des Papier- 
mangels. Ein tiefer Idealismus, der den Deutschen auszeichnet, 
berechtigt uns, von einem wahren Bildungshunger unseres Volkes 
zu sprechen. Aber es sind noch einige besondere Gründe, die gerade 
jetzt die Besprechung der Bildungspflicht für den katholischen Teil 
des deutschen Volkes nahelegen. Die früher viel besprochene sog. 
Inferiorität der deutschen Katholiken kommt vor allem in einer ge- 
ringeren Teilnahme an der höheren Bildung zum Ausdruck ^. Es 
besteht die Gefahr, daß sich diese kultiu'ell wie religiös sehr be- 
dauerliche Erscheinung nachdem Krieg verschärft. Zudem läßt sich 
ja ohnehin die Befürchtimg nicht ganz von der Hand weisen, daß 
nach dem Krieg das allgemeine Bildimgsniveau sinkt. Bekamitlich 
treibt der Kj-ieg Auslese in dem Sinn, daß er gerade die Tüchtigsten 
und Lebenskräftigsten in ungemein hohem Verhältnis ausmerzt. 
Daher ist imter den vielen furchtbaren Erscheinungen dieses Völker- 



^ Vgl. V. H e r 1 1 i n g , Das Prinzip des Katholizismus und die Wissenschaft *. 
Froiburg 1899. Grauert, Der katholische Wettbewerb um die höhere 
Bildung und die moderne Gesellschaft. Freibiu-g 1904. 



Die Bildungspflicht des Christen in der Gegenwart 359 

ringens eine der bedrohlichsten für die Zukunft unserer Kultur die 
starke Dezimierung der gebildeten Stände. Die geistig begabtesten 
und sittlich Tüchtigsten werden in einer unverhältnismäßig hohen 
Zahl hingerafft. Aber treten eben dann nicht andere in die stark 
gelichteten Reihen? Das hätte sich in normalen Zeiten wohl ganz 
von selbst gemacht. Wir hatten einen schier unheimlichen Zu- 
drang zu den geistig-führenden Berufen, eine Überfülle von ge- 
bildeten Existenzen, die ein förmliches Bildungsproletariat heran- 
züchtete und uns oft eine Übervölkerung vortäuschte. Hierin wird 
jedenfalls eine tiefgehende Änderung sich vollziehen. Die wirt- 
schaftliche Grundlage der Familien, die gesichert genug war, um 
die Söhne einer höheren Ausbildung zuzuführen, ist stark bedroht 
durch die ungeheuere Verteuerung des Lebens und die gewaltige An- 
spannimg der Steuerkraft, die nach dem Krieg noch auf Jahre fort- 
dauern wird. Während die anderen Volkskreise durch höhere Arbeits- 
löhne oder Handelsgewinne sich in ihrer wirtschaftlichen Lage be- 
haupten können, müssen die Gebildeten, die kein bedeutendes Ver- 
mögen besitzen, dem wirtschaftlichen Druck fast erliegen. Dazu gehört 
vor allem der kleine und mittlere Beamtenstand. Ihre kleinen Ver- 
mögen, die durch Arbeit und Sparsamkeit gebildet waren, werden 
schnell aufgezehrt. Ihre Einkommen werden von der Steuerschraube 
mit unerbittlicher Sicherheit erfaßt. So werden gerade die für die 
Aufzucht eines gebildeten Nachwuchses vor allem maßgebenden 
Volkskreise am stärksten getroffen. Es besteht die Gefahr der 
sozialen Deklassierung, durch die die gebildeten Stände in 
die Reihen der Lohnarbeiter herabsinken. Diese Umschichtung 
wäre geradezu ein Verhängnis für Gesellschaft imd Kultur. Was 
es für Folgen haben muß, wenn die Stände, die bisher die wahre 
geistige Kraft des Volkes bedeuten, dem Untergang verfielen, muß 
jedem einigermaßen klar werden, der über den Bau der mensch- 
lichen Gesellschaft nachgedacht hat. Die Sprungfeder, deren 
Spannkraft das ganze Uhrwerk des Staates im Gang erhalten hat, 
wäre dann gebrochen ^. Es wäre aber von ganz unberechenbaren 
Folgen, wenn die Katholiken noch mehr vom Anteil am geistigen 
Leben verdrängt würden. 

Dazu kommt noch ein Weiteres. Bereits ist von maßgebender 
Seite das Wort gefallen: ,,Dem Tüchtigen freie Bahn!" Man darf 



^ Vgl. „Der Vatikan" (Märzheft der Süddeutschen Monatshefte [Leipzig 
und München 1917]). 



360 Franz Walter 

Überzeugt sein, daß nach dem Krieg noch mehr als bisher der Satz : 
„Wissen ist Macht" Geltung behalten wird. Das soziale Gewissen 
ist geschärft, ist empfindlicher geworden. Es wird verlangen, daß 
Ämter und Würden an den Befähigsten und Tüchtigsten vergeben 
werden, daß nicht Herkunft und Ansehen der Person darüber ent- 
scheiden. Haben bisher die deutschen Katholiken trotz ihrer 
weniger günstigen wii-tschaftlichen Lage sich eine beachtenswerte 
soziale und kulturelle Geltung erobert , besonders infolge der 
stillen aber zielbewußten Arbeit der Görresgesellschaft, so tritt 
an sie jetzt noch gebieterischer die Pflicht heran, ihre errungene 
Stellimg zu behaupten und weiter auszubauen. Auch an der 
Friedensarbeit wie am blutigen Opfer des Krieges sollen imd 
wollen sie beteiligt sein. Es ist in unseren Tagen viel von einer 
kommenden neuen deutschen Kultur die Rede^. Sicher ist, daß 
der Krieg einschneidende Änderungen unseres Kulturlebens zur 
Folge haben wird. Daß der Katholizismus an dieser Erneuerung 
und an seinen Früchten den ihm zukommenden Anteil erlange, 
dazu ist Geistesbildung der entsprechende Schlüssel. Ohne dieses 
Rüstzeug vermag er sich nicht durclizusetzen. Wir wollen den 
Gegnern den Wind aus den Segeln nehmen und ihnen die Ausrede 
unmöglich machen, die Katholiken hätten nicht gebildete Kräfte 
genug, um einen entsprechenden Anteil an der geistigen Führung 
unseres Volkes zu beanspruchen. Die Bildungspflicht tritt 
mit verstärktem Nachdruck an uns heran. Manche Vorkommnisse 
während des Krieges geben uns die Lehre, daß wir alle Kräfte 
einzusetzen haben, um uns nicht von dem Platz, den der Katholi- 
zismus beanspruchen darf, verdrängen zu lassen. 

1. 

Was ist Bildung? Wie die Pflanze aus der Luft und Erde 
die Bestandteile entnimmt, die sie zu ihrem Aufbau und ihrer Ent- 
faltung braucht, so nimmt der Mensch von außen Bildungsstoffe 
in sich auf, deren der Geist zu seiner Selbstentfaltung bedarf. Und 
wie die Pflanze die von außen entnommenen Stoffe in sich um- 
wandelt, so verarbeitet auch das Lebensprinzip des Menschen, die 
Seele, die Bildimgselemente in sich zu ilirem Wachstum. Oder an 
einem anderen Gleiclmis beleuchtet: Wie der rohe Marmorblock, 
unter der Hand des Künstlers Form gewinnt, Gestalt annimmt, 



^ Vgl. Walter, Naturgemäßes Leben und die deutsche Kultur, 1917. 



Die Bild ungspf licht des Christen in der Gegenwart 361 

zum vollendeten Bild wird, so ist auch die Bildung nichts anderes 
als ein Gestalten, Umformen des Geistes. ,, Bildung ist die zu 
vollendeter Entwicklung gelangte Gestalt des inneren Menschen. 
Sie erscheint in der durch Unterricht und Übung erworbenen 
Fähigkeit zur lebendigen Teilnahme an dem geistigen Leben eines 
Volkes, zuhöchst der Menschheit." ^ 

Dies ist Bildung im Sinne eines im ganzen bereits abgeschlos- 
senen ,, Bildungsprozesses", des erworbenen Bildungsschatzes, der 
vollendeten Bildung. Sie ist ein Zustand, ein Habitus des Geistes. 
Sie ist aber vor allem auch eine Tätigkeit, und insofern kommt sie 
hauptsächlich durch die Schule in Betracht. So verstanden ist sie 
die Aneignung von Bildungselementen, d. h. ihre Aufnahme und 
Verarbeitung dm'ch das geistige Wesen des Menschen. In diesem Sinn 
ist sie der Inbegriff einer Reihe von fortgesetzten Akten als Ent- 
faltung des Geistes imd seiner Kräfte durch Befreiung aus der 
Gewalt der physischen oder ethischen Mächte, welche 
ihn gebunden halten, oder ein Prozeß, bei dem sich iVufnahme 
und Assimilierung von Stoffen durch das innewohnende Form- 
prinzip vollzieht. Sie ist weit mehr als bloße Anhäufung von 
Wissensstoffen. 

Es verhält sich damit ähnlich wie mit der Nahrungsaufnahme 
durch den leiblichen Organismus. Ernährung ist nicht bloß Essen 
und Trinken — das ist nur die Vorbedingung der Ernährung — , 
sondern Umwandlung der toten Nahrungsmittel in eine lebendige 
Substanz, Bildung des Lebens aus dem Toten. Nur soviel von den 
toten Nahrungsstoffen in lebendige Substanz umgewandelt oder 
assimiliert -wird, nur soweit entspricht die Nahrung ilii-en Zwecken, 
ernährt sie, nicht mehr und nicht weniger. Was diesen Zweck nicht 
erfüllt, ist Luxusnahrung imd wird entweder nutzlos aus dem Körper 
ausgeschieden oder aber schädigt ihn — was die Regel sein wird — , 
indem sie ihm Arbeitsleistungen aufbiu-det, denen er, auf die Dauer 
wenigstens, nicht gewachsen ist. Sie ist Last, ohne ihm zu nutzen. 
Und was dem Körper nicht nützt, schadet ihm 2. 

Das Kapitel der Geistesbildimg im weitesten Sinn, also der 
Gemüts-, Willens- und Verstandesbildmig bedarf einer tieferen 
Grundlegung und breiteren Ausarbeitimg, als es ihm in den kasui- 
stischen Moralbüchern zuteil wird; denn wenn die Moraltheologie 

i Paulsen, System der Ethik II* 64. 

^ Franz Kleinschrod, „Bevölkeruiigspolitik und Lebensreform", in dem 
Sammelwerk: Faßbender, Des deutschen Volkes Wille zum Leben (1917) 186. 



362 Franz Walter 

den Verhältnissen und Bedürfnissen einer Zeit gerecht werden will, 
so kann sie an der Frage der Bildungspflicht unmöglich vorübergehen. 
Kein Zeitalter brüstet sich so sehr seiner Bildung wie das unsrige. 
Bildung ist der Losungsrul des Jahrhunderts. Ich suchte in den 
neuesten breitangelegten Moral werken vergebens nach einem Ab- 
schnitt über das Verhältnis der Moral zur Geistesbildung, gelegent- 
liche kurze Bemerkungen etwa, daß Tugend höher stehe als Wissen 
und einige Ausführungen über die intellektueUen Tugenden ab- 
gerechnet. 

Besonders in der pädagogischen Welt, insbesonders in den an 
der Volksschule unmittelbar interessierten Kreisen will die Er- 
örterung des Themas ,, Bildung" nicht mehr von der Tagesordnung 
verschwinden. Man nehme zum Beweise nur einen flüchtigen Ein- 
blick in die Verhandlungen des Zweiten deutschen Kongresses für 
Jugendbildung und Jugendkunde (München, Oktober 1912) i. 

Wir stehen heute mitten in der sogenannten Volksbildungs- 
bewegung ^. In der Gegenwart gibt sich ein gesteigertes Bestreben 
der besitzenden und gebildeten Klassen für Hebung des Bildungs- 
standes der unteren, wenig gebildeten Volksschichten kund, und 
andererseits geht durch die letzteren ein erhöhtes Bedürfnis nach 
Steigerung ihrer Bildung. Diese Bewegung steht im engsten Zu- 
sammenhang mit der sozialen Bewegung unserer Zeit und kann auch 
nur in diesem Zusammenhang richtig verstanden werden. Die Ur- 
sache dieses auf erhöhte Bildimg gerichteten Bedürfnisses liegt in 
der ungeheuren Verbreiterung der allgemeinen Kulturbasis über- 
haupt, in den Fortschritten auf allen Gebieten des Verkehrswesens, 
des Handels, der Industrie und Technik. Mit gesteigerter Literatur- 
und Kunstproduktion hat die Verbilligung ihrer Erzeugnisse gleichen 
Schritt gehalten. Unser ganzes gewerbliches und politisches Leben 
drängt von selbst dazu, dem Volk ein größeres Maß von Bildimg 
zugänglich zu machen. Die Volksschule genügt den Anforderungen 
des heutigen Lebens längst nicht mehr. Derartigen philanthro- 
pischen Bestrebungen, die zuletzt doch in der Anerkennung der 
vom Christentum zu Eliren gebrachten Menschenwürde \\"urzeln, 
kann man nur sympathisch gegenüberstehen. Der Ausschluß des 
,, Volkes" von den geistigen Gütern der Kultur und die Heran- 
züchtung einer exklusiven Geistesaristokratie, eines gebildeten 

* Vorbericht (Leipzig und München 1912). 

^ Hierüber Walter, „Volksbildung" im Staatslexikon der Görresgesellschaft 
y* 890 ff. 



Die Bildungspflicht des Christen in der Gegenwart 363 

„Herrenstandes" ist heidnisch. Freilich gibt es auch heute noch 
„Gruppen von Gebildeten, welche die Bildung als einen ganz ex- 
klusiven Besitz ansehen, als Privileg eines oft recht frivolen Lebens- 
genusses, einer oft wahren, aber auch dünkelhaften anempfundenen 
vornehmen Gesinnung. Dazu tritt törichte Furcht vor Macht- 
vermehrung einer Klasse." ^ 

Die Bedeutung des Bildungsproblems für die christliche Moral 
tritt in noch helleres Licht durch die Gegenüberstellung zur 
Leibespflege (Körperkultur). In dieser kann die Aufgabe des 
Menschen nicht aufgehen, sondern der Zweck des Lebens ist die 
Vollendimg seiner ganzen Persönlichkeit. Diese hat ja gewiß auch 
ein körperliches Substrat, dem Sorge und Pflege angedeihen muß; 
aber nach der vornehmsten Seite ist sie Geist, und hier ist Ent- 
faltung, Bildung möglich und notwendig. Denn auch die geistige 
Natur des Menschen tritt nicht mit einemmal fertig und abgeschlossen 
ins Dasein, sondern sie ist wie die leibliche an das große Gesetz 
gebunden, das die ganze geschaffene Welt beherrscht: 
das Gesetz der Entwicklung. Der geistige Bildungsprozeß 
erstreckt sich durch das ganze Leben und kommt erst mit dem 
letzten Atemzug zur Ruhe. 

Vom Standpimkt der christlichen Weltanschauung bezeich- 
net Bildung den Vorgang, durch welchen das natürliche 
Menschenkind in das Gotteskind umgewandelt wird. Da- 
her gehört zu ihr wesentlich und unerläßlich die Religion. Ja 
sie ist die Hauptmacht, um den rohen, ungefügen Block, das rohe 
naturhafte Wesen mit seinen elementaren Trieben zum wirklichen 
übernatürlichen Ebenbild Gottes umzuvvandeln. Bildung als 
Tätigkeit ist daher jene Arbeit der Erziehung (inbegriffen die 
Selbsterziehung), durch welche die geistigen, ästhetischen, sittlichen 
und religiösen Kräfte imd Anlagen, die in der gottebenbildlichen 
Menschennatur schlummern, geweckt, ans Licht und zur Blüte ge- 
bracht, aus der Potenz in Energie umgewandelt werden, um den 
Menschen in den Besitz der höchsten Güter, der Wahrheit, Sittlich- 
keit, Religion imd des ästhetischen Genusses zu setzen. Sie bringen 
im Menschen die Menschenwürde erst zur vollen Entfaltung. Bildung 
als Zustand ist daher der Anteil des einzelnen Menschen an dem 
Ideal edler harmonisch ausgestalteter Menschlichkeit -. 

^ Mannheimer, Die Bildungsfrage als soziales Problem (1901) 15. Vgl. auch: 
J., Gotthardt, Alte und moderne Bildungsideale (2 Bde. 1913). 

^ Ehrhard, Die Grundsätze der christlichen Volksbildung (Wien 1901) 12. 



864 Franz Walter 

Entsprechend den Grundkräften des Geistes ist sie von dop- 
pelter Art: eine intellektuelle und eine sittliche. Erstere erstrebt 
die Befreiung des geistigen Menschen aus der Gewalt der Un- 
wissenheit, der geistigen Enge ; diese die Befreiung von Sinnlichkeit 
und Selbstsucht. Die beiden Kanäle, durch die sich die Bildung ins 
Innere des Menschen ergießt, sind Unterricht und Erziehung, 
wobei jene mehr auf intellektuelle, diese mehr auf ethische Aus- 
bildung, auf Charakterentwicklung den Nachdruck legt. Das Thema 
von der Charakterbildung ist ja gerade in der Gegenwart mehr als 
jemals aktuell ^. 

Es ist zugleich klar, daß beide sich zu innerer Einheit verbinden 
müssen. Da von der sittlichen Ausbildung, ihren Prinzipien, Mitteln 
und Zielen die ganze Moral und soweit es die sittliche Durchbildung 
anderer betrifft, die Pädagogik handelt, so kommt hier hauptsäch- 
lich die intellektuelle Bildung in Frage, und zwar der Anteil, der 
dem einzelnen an seiner eigenen Bildung obliegt. Doch ist die 
grundsätzliche Frage von dem Rangverhältnis beider, der intel- 
lektuellen und ethisch-religiösen Bildung, kurz zu berühren. 

Da es für den ewigen Beruf des Menschen wichtiger ist, daß 
er gut handle, als daß er viel wisse, so muß auch das Christentum 
und die christliche Erziehung immer wieder betonen, daß die ethische 
Ausbildung das wichtigere und höhere Interesse darstellt. Daran 
muß gegenüber modernen Irrtümern immer meder erinnert werden. 
Bekannt ist das Wort des Ethikers Münsterberg : Wir wollen nicht 
tugendhaft, sondern tüchtig sein! 

Stärkung des Charakters und religiöse Durchbildimg sind vor 
allem in der Gegenwart ein hohes Gut, wo Indifferenz und Menschen- 
furcht herrschend geworden sind. Verstandesbildimg hat nur den 
wahren und vollen Wert, wenn sie mit der moralischen im Einklang 
imd im Bunde steht. Es kann eine hohe intellelctuelle Bildimg 
geben bei ungenügender sittlicher Bildung, und umgekehrt kann 
es eine hohe sittliche Bildimg — ,, Veredlung", weil die natürlichen 
Triebkräfte veredelt werden — geben, ohne besonderes Wissen. 
Auch die höchste Verstandesbildung vermag den Mangel der sitt- 
lichen Veredlimg, des Seelenadels niemals auszugleichen. Denn 
sie erfaßt nicht die ganze Persönliclikeit des Menschen, sondern 
bringt erst recht Disharmonie in sie hinein. Großer Scharfsinn, 



1 Vgl. außer den Werken F. W. Foersters: Fischer, Systematische Anleitung 
zur Willens- und Charakterbildung. Berlin 1910. 



Die Bildungspflicht des Christen in der Gegenwart 365 

hervorragende Leistungen auf geistigem Gebiete, eine bedeutende 
Summe von Kenntnissen aus allen Wissenszweigen läßt sich wohl 
denken olme sittliche Durchbildung. Aber all das vermag die 
Persönlichkeit noch nicht zu adeln und ist ohne sittliche Durch- 
bildung noch kein wahres inneres Gut. Es genügt nicht, nicht etwa 
um den Christen, sondern um nur den Menschen im Menschen aus- 
zubilden. Ja wo alle sittliche Bildung mangelt, da ist die regel- 
mäßige Erscheinung die, daß hochgesteigerte Verstandesbildung die 
moralischen Defekte eher mehrt als mindert. Zunehmendes 
Wissen allein verhärtet das Menschenwesen in Stolz und Starr- 
köpfigkeit. Der Gelehrtendünkel ist eine vielberufene Erscheinung 
und wohl mit ein maßgebender Grund, wemi über so manchen 
strittigen Punkt, wie man sagt, ,,die Gelehrten nicht einig" sind, 
weil jeder auf seine Meinung und auf sein System eingeschworen ist. 
Viele zahlen das Wissensgut mit dem des Herzens, die reichen 
Quellen des Gefülüslebens, die im Innern des Menschen fließen, 
versiegen nach imd nach, die schönste Seite seines Wesens, das Ge- 
müt, vertrocknet und verkümmert. 

Doch andererseits verhalten sich Geistes- und Herzensbildung 
so zueinander, daß auf unserer Kulturstufe wahi-e moralische Bil- 
dung sich nicht denken läßt ohne ein gewisses Mindestmaß von 
Verstandesbildung, weil innerhalb der mannigfachen Einflüsse und 
Eindrücke unseres hochgesteigerten Kulturlebens eine gcAvisse 
Summe von Urteilsfähigkeit und Wissen notwendig ist, um die Lüge 
von der Wahrheit, den Schein vom Wesen zu unterscheiden. Daß 
Bildung und sittliches Leben einigermaßen in Zusammenhang 
stehen, geht mit erschreckender Deutlichkeit daraus hervor, daß 
unter den Prostituierten die Ungebildeten weitaus den größten Teil 
ausmachen ^. Auch diejenigen, die die wilden Völker auf eine 
höhere Stufe der Gesittung heben wollen, vor allem die Missionäre, 
haben erkannt, daß das Bestreben, diese Völkerschaften zu sittigen mid 
zu christianisieren Hand in Hand gehen müsse mit dem Bestreben, 
sie auch intellektuell zu fördern. Ganz klar, der Mensch ist eben 
ein unteilbares Ganzes, und man kann ihn nicht m zwei Hälften 
scheiden, von denen die eine ausgebildet wird, die andere brach 
liegen bleibt. Es ist deswegen auch die Einteilung des Bildmigs- 
gebietes nicht zutreffend, wie sie Paulsen - vornimmt: ,,In dem 
geistigen Leben eines Volkes treten als die beiden wesentlichen 



^ Ribbing, Gesundes Geschlechtsleben 170. 
2 System der Ethik II * 64. 



366 Franz Walter 

Seiten hervor das Erkennen und die Phantasieschöpfung, 
Philosophie und Wissenschaft, Kunst und Dichtung. 
Bildung bedeutet demnach für den einzelnen die Entwicklung der 
geistigen Kräfte zur Fähigkeit, das Wahre zu erkennen und das 
Schöne aufzufassen und zu empfinden." Die Bildung von 
Fähigkeit des Willens, das Gute zu tun, bliebe danach vom 
Gebiet der Bildung ausgeschlossen. Der Gedanke einer ethischen 
Wirkung des Wissens gehört der Antike an, die sehr einseitig Bildung 
und Sittlichkeit für ein und dasselbe nahm. 

Es ist gar kein Zweifel, daß auch heutzutage der Wert des 
Wissens, der rein intellektuellen Bildung, vielfach überschätzt, 
hingegen der Wert der sittlichen Bildung unterschätzt wird, und 
zwar nicht nur auf den Hochschulen, sondern auch bei der elemen- 
taren Volkserziehung. Die Volksschule kann kein anderes Programm 
haben als das allgemein Notwendige zu lehren, sie muß der großen 
Masse der Bevölkerung die ihr mögliche und dienliche Bildung ver- 
mitteln. Die alte Trias: Lesen, Schreiben und Rechnen, eine ,, all- 
gemeine Orientierung in der natürlichen imd geschichthchen Um- 
gebung" ^ muß die Materie der intellektuellen Bildung, die Reli- 
gion aber muß die Seele der Volksschule bleiben. 

Unter der Herrschaft des Liberalismus wurde auf dem Gebiet 
der Volksschule eine neue Ära inauguriert, man ^^des ihr jetzt 
alles mögliche als Aufgabe zu, Realien, Mythologie u. dgl. mehr, 
obwohl alle Arten von höheren Schulen da sind, wo Besserbegabte 
sich zu höheren Berufen vorbereiten, imd obwohl Fachschulen ^ 
existieren zur Vorbildung für bestimmte Berufsarten. Die meisten 
Besucher der Volksschule können ein derartiges Wissen in ihrem 
Leben nie verwerten. 

2. 

Was nim die Bildungspflicht angeht, so arbeiten zunächst an 
der geistigen Entfaltung der menschlichen Persönliclikeit als die 
natürlichen Erzieher die Eltern, dann die Schule unter anfangs 
schwacher, jedoch immer stärkerer Beteiligung des eigenen Willens 
des Individuums. Sind jedoch die Schulen durchgemacht, die zur 

^ Paulsen, System der Ethik II* ü5. 

■^ „Die Gewerbefreiheit stellte erhöhte Anforderungen an die Fähigkeiten 
der gewerblichen Unternehmer imd Arbeiter. Diese Fähigkeiten auszubilden, 
ist der Zweck der gewerblichen Schulen, welche der jüngste Zweig des neueren 
Schulwesens sind." (Handwörterbuch der Staatswissenschaften - [Jena 1900], 
Art. ,, Gewerblicher Unterricht" IV 581.) 



Die Büdungspflicht des Christen in der Gegenwart 367 

Erfüllung eines bestimmten Berufes notwendig sind, so tritt der 
Zeitpunkt ein, wo die Sorge für weitere Ausbildung ganz auf den 
einzelnen fällt und Sache seiner persönlichen Verantwortung wird. 
Es besteht eine Pflicht der Selbstbildung, der geistigen Er- 
nährung und Entwicklung, und hierzu liegt im Menschen selbst, 
ähnlich wie der Trieb der körperUchen Erhaltimg, der Bildimgs- 
trieb, welcher wachzuerhalten imd ethisch zu regeln ist. Es ist 
eine sittliche Aufgabe, diesen Trieb im rechten Geleise, im rechten 
Tempo zu halten und auf die rechten Ziele hmzulenken. ,,Der 
Bildungstrieb ist" — natürlich vom Durchschnitt gesprochen — 
,,für sich allein nicht so stark, daß er nicht durch ein Überwuchern 
niedriger, somatischer Triebe zurückgedrängt werden könnte und 
also einer Anregung durch geistig-sittliche Motive bedürfte. Ebenso 
kann er auch durch falsche Impulse irregeführt werden." ^ 

Nun ist es freilich imgemein schwierig, den Kreis dieser Pflicht 
fest zu bestimmen. Es ist nicht im Sinn des Christentums und 
der Kirche, sie so tief als möglich herabzuschrauben und die Bildungs- 
pfhcht als ein ganz nebensächliches Ding zu behandeln; vielmehr 
sagt auch die chiistliche Moral, daß jeder Mensch eine gewisse 
Pflicht habe, an der Bildung seines geistigen Wesens sein ganzes 
Leben hindurch zu arbeiten. Ihre Grenze, die Ziele der Erziehung, 
des Unterrichts und der eigenen Selbstbildung können unmöglich 
ein für aUemal und für alle gleich fixiert werden. Nicht einmal der 
alles nivellierende Sozialismus wagt es mehr, allen die gleiche 
Bildung aufnötigen zu wollen ^, weil es im absoluten Widerspruch 
stünde mit der unendlichen Differenzierimg der geistigen Anlagen 
wie der wirklichen individuellen Bedürfnisse. Das Gothaer Pro- 
gramm (1875) verlangt freilich ausdrücklich ,, allgemeine und gleiche 
Volkserziehung durch den Staat". Doch soll damit wohl nm- die 
Forderung auf gleiche Erziehung der beiden Geschlechter gestellt 
sein, ohne das gleiche Bildungsniveau für alle. Begabte wie Un- 
begabte; imd das Erfurter Programm (1891) redet ausdrücklich 
von Schülern, ,,die kraft ihrer Fähigkeiten zm* weiteren Ausbildung 
geeignet erachtet werden" ^. 

Die Bildungspflicht muß sich demnach für die einzelnen Lidi- 
viduen ganz imgleich bestimmen. Aber auch nach Ständen und 

^ Linsenmann, Moraltheologie 278, 

2 In der staatlichen Erziehung aller Kinder, welche der Sozialismus projektiert, 
ist die Gleichheit der Bildung nicht notwendig gelegen. 

'■^ Vgl. Cathrein, Der Sozialismus i" (Freiburg 1910) 491. 



368 Franz Walter 

Klassen bleibt sie sich durchaas nicht immer gleich. Sie verändert 
sich mit dem allgemeinen Kulturzustand eines Volkes. 
Was auf jener Stufe der Kultur Pflicht des einzelnen war, ist es 
deshalb nicht auch auf einer andern. Eine höhere Pflicht obliegt uns 
im Vergleich gegen früher zweifellos in den heutigen Verhältnissen, 
wo die Wissenschaft im Streit mit dem christlichen Glauben liegt. 

Man muß nmi freilich diese Pflicht wenigstens in allgemeinen 
Umrissen umschreiben, aber es bleibt für das subjektive Ermessen 
des einzelnen ein weiter Spielraum. Für das erste Bildungsstadium 
ist sie in dem Gebot des Gehorsams gegen die Eltern enthalten, 
insofern damit auch die Pflicht verbunden ist, die Einflüsse der 
Schule, welcher das Kind von seinen Eltern übergeben wird, in 
sich aufzunehmen. Die Schwierigkeiten beginnen erst da, wo der 
einzelne selbst für seine weitere Ausbildimg zu sorgen hat. 

Dabei muß man sich vor einer naheliegenden Gefalir hüten. 
Man darf nämlich das Ziel nicht zu hoch hinaufrücken wollen und 
als ethische Pflicht hinstellen, daß möglichste Ausbildung aller 
Anlagen mid Kräfte des Geistes anzustreben sei, daß demnach jeder 
sich bemühen müsse, seinen Verstand zu schärfen, sein Gedächtnis 
zu üben, sein Wissen zu bereichern, die Phantasie auszub